Ziegen sind gute Assistenten

Diplompädagoge Arnold Schütte arbeitet tiergestützt mit Kindern

Den Anfang machte Arnold Schütte mit Meggie Mae, Franca und Vroni. „Heute habe ich zwölf Frauen“, sagt der Mann aus Tosterglope. Die Damen sind allesamt Ziegen, die er auf mehreren Weiden in seinem Dorf hält. Schütte liebt Ziegen, und er macht sie sich für seine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zunutze: Der Diplompädagoge ist als Erziehungsbeistand tätig.  Arnold Schütte, der seit 20 Jahren in Tosterglope lebt, besitzt 16 Ziegen und fünf Lämmer, für die er 1,5 Hektar Land gepachtet hat. Bündner Strahlenziegen und Thüringer Wald Ziegen sind die beiden Rassen, auf die er sich festgelegt hat. Sie gelten einerseits als dem Menschen sehr zugewandt und sind andererseits sehr selten geworden. Seine Liebe zu Ziegen entdeckte er auf Reisen durch afrikanische Länder. 2008 holte er die ersten Ziegen aus Süddeutschland in die Samtgemeinde Dahlenburg. Für die artgerechte Haltung der Ziegen legte er einen Sachkundelehrgang der Landwirtschaftskammer ab. Auch beruflich interessierte sich Schütte zunehmend für die Arbeit mit Tieren: Berufsbegleitend nahm er an einer Fortbildung für tiergestützte Pädagogik teil. Nach einigen Jahren der Vorbereitung war er so weit im Thema, dass er sich 2014 damit selbstständig machte.

Einzelbetreuung mit Ziegen

Arnold Schütte war für das Jugendamt zu dieser Zeit kein unbeschriebenes Blatt mehr: Er verfügte über langjährige Erfahrung als Pädagoge, hatte bei verschiedenen Trägern in den Bereichen Flüchtlingsarbeit, Jugendberufshilfe, Kinder- und Jugendhilfe und Schulsozialarbeit gearbeitet. Er hatte sich einen Namen gemacht, was sich beim Jugendamt als Türöffner für seine neue Idee erwies, Pädagogik mit seinen Ziegen zu machen. Arnold Schütte übernimmt im Auftrag des Jugendamtes des Landkreises Lüneburg die Erziehungsbeistandschaft für Kinder und Jugendliche, die Probleme in ihrer Entwicklung haben. Der Erziehungsbeistand ist eine freiwillige Maßnahme, die von den Kindern und ihren Sorgeberechtigten gewünscht wird. Der Fokus liegt auf der intensiven sozialen Einzelbetreuung, in Schüttes Fall auf der Ziegenweide. In den Ferien bietet Schütte auch mit seinen Ziegen Freizeiten für Kinder- und Jugendgruppen an. Der Diplompädagoge, der die Kinder sein Alter lieber schätzen lässt, als es zu verraten, arbeitet häufig mit Kindern, die in der Schule auffällig wurden oder bereits suspendiert sind, mit Kindern, die ihre Grenzen nicht kennen, und mit ADHS-Kindern. Im Jugendlichen-Alter sind es eher jene, die Orientierung suchen. Schüttes Einsatz beginnt im Grundschulalter und endet mit dem 18. Lebensjahr. Einzige Voraussetzung: Die Kinder sollten gerne draußen sein und gern ein bisschen körperlich arbeiten.

Kinder auf anderer Ebene erreichen

Ziegen sind in vielerlei Hinsicht gut geeignet für die tiergestützte Pädagogik. „Sie sind neugierig, intelligent und probieren gerne Dinge aus. Und sie merken sich, wie sie behandelt werden“, charakterisiert Schütte seine Tiere. Für die Arbeit mit den Kindern erweisen sie sich als sehr hilfreich. „Die Kinder werden auf einer anderen Ebene erreicht“, erklärt Arnold Schütte, „nicht durch Reden oder den Kopf, sondern eher im emotionalen, mentalen Bereich.“ So könnten die Kinder andere, für sie neue Erfahrungen machen. Der Vorteil für die Kinder liegt auf der Hand: „Tiere gucken sich den Menschen so an, wie er ihnen gegenüber tritt – ohne Vorbehalte“, erklärt Schütte. Egal, welches Handicap ein Kind habe, in Gegenwart der Tiere könne es sich frei bewegen. Hinzu kommt ein anderer positiver Aspekt. Zur Arbeit mit den Ziegen gehört auch viel körperliche Ertüchtigung vom Melken über Fellpflege bis zum Füttern und Mähen – also das ganze Spektrum des tierischen und landwirtschaftlichen Lebens. „Von der Geburt bis zum Käse auf dem Tisch lernen die Kinder hier alles kennen“, so Schütte. Die Arbeit ist mit Bewegung verbunden, wird aber von den Kindern oft nicht als solche wahrgenommen. Gerade für Kinder, die unter Bewegungsmangel litten,

wirke sich diese Arbeit deshalb positiv aus. „Ich bekomme oft die Rückmeldung von Eltern, dass ihre Kinder ruhig und ausgeglichen sind, wenn sie von mir kommen“, berichtet der Pädagoge. Es geht bei der tiergestützten Pädagogik nicht nur darum, dass die Kinder den Umgang mit dem Tier erlernen. „Mit zunehmender Zeit erzählen die Kinder von ihren Problemen“, so Schütte. Oder es komme vor, dass er selbst beim Umgang mit den Tieren Probleme im Verhalten des Kindes erlebe. In solchen Momenten sei es leichter, die Probleme anzusprechen und an das Kind heranzukommen. So kann es passieren, dass die Arbeit in den Hintergrund gerät und ein Gespräch auf der Weide viel wichtiger ist.

Gemeinsam arbeiten ohne Zwang

Fünf Kinder im Alter von neun bis 17 Jahren betreut Arnold Schütte zurzeit einzeln. Sie kommen für zwei bis vier Stunden pro Woche zu ihm auf die Weide und übernehmen die verschiedensten Aufgaben mit den Ziegen. Ältere Kinder und Jugendliche lässt Schütte Trecker fahren oder landwirtschaftlich arbeiten, wenn die Ziegen nicht mehr interessant sind. Bei den älteren Jugendlichen gehören zu Schüttes Arbeit aber auch das Begleiten zu Ämtern und Ärzten sowie die Beratung. Arnold Schüttes Erziehungsbeistandschaft mit den Ziegen läuft pro Kind ein bis zwei Jahre. Am Anfang geht es vor allem um den Beziehungsaufbau von Kind zu Ziege sowie zum Pädagogen. Ist die Beziehung gefestigter, steht das gemeinsame Versorgen der Ziegen im Vordergrund. „Wir arbeiten zusammen und wollen, dass es den Ziegen gut geht“, erklärt Schütte. So entstehe eine Beziehung in entspannter Atmosphäre. Der Pädagoge arbeitet mehr mit Jungs als mit Mädchen, damit die Jungs ein männliches Gegenüber haben. Jungs gehen grundsätzlich anders auf seine Tiere zu als Mädchen, erzählt Arnold Schütte: „Jungs sind oft fasziniert von den Böcken. Mädchen wollen da nicht hin und haben Angst. Der Bock hat ein anderes Auftreten, ist selbstsicherer und wehrt sich. Da merken Jungs, dass sie mit ihnen nicht alles machen können.“ Während Mädchen sich empfänglicher für die Tiere und Feinheiten zeigen würden, interessierten Jungs sich eher für das Drumherum.

Die Sinne durch Beobachtung schulen

Weil die Ziege ein Herdentier ist, können die Kinder von ihrem Verhalten so einiges lernen. Jedes Tier hat in der Gruppe seine eigene Rolle. Wer sich nicht daran hält, bekommt Ärger von den anderen. Hält eine Ziege den gebotenen Abstand nicht ein, wird geschoben oder Reißaus genommen. Selbst ein Schlichtungsverhalten lässt sich unter den Ziegen bei Streit beobachten. Arnold Schütte hat durch die Beobachtung seiner Ziegen und durch die wenigen vorhandenen Bücher viel über die Tiere gelernt. Die Sinne bei der Beobachtung zu schulen ist auch ein wesentlicher Bestandteil für die Kinder in ihren Betreuungsstunden mit den Ziegen. „Vom Verhalten der Ziege kann der Mensch viel lernen“, meint Schütte. Dadurch, dass Ziegen so individuell seien, seien sie für den Einsatz mit Kindern gut geeignet. Viele Kinder würden sich eine Lieblingsziege aussuchen, und diese Wahl sei auch für ihn aufschlussreich. Geht die Zeit für ein Kind mit Schütte und seinen Ziegen vorbei, heißt es Abschied nehmen. Kontakt zu ehemals betreuten Kindern hat der Pädagoge nur sporadisch, meist beginnt für die Kinder ein neuer Lebensabschnitt. Um Beruf und Privatleben trennen zu können, übernimmt der Tostergloper keine Erziehungsbeistandschaft für Kinder aus seinem Dorf. Die kennen ihn und vor allem seine Ziegen gut, denn im Ort sind sie ein Ausflugsziel für Kindergartenkinder unter der Woche und Familien am Wochenende geworden. Im Dorf sind inzwischen alle von Schüttes Ziegen begeistert, doch der Tierhalter muss immer wieder aufpassen, dass sie keine falsche Nahrung erhalten. „Die Ziegen werden aus Unwissenheit falsch gefüttert“, meint Schütte. So würde Brot die Tiere, die am liebsten Rinde und Blätter, Heu und Stroh fressen, krank machen und hätte schon fast eine seiner Ziegen das Leben gekostet. Deshalb hat er seine Ziegen immer im Blick. Infos www.ziegen-und-ziele.de (JVE)