Wildblumen statt Kartoffen

Landwirt Johannes Hornbostel und seine Frau Hannah Jelka suchen Blühpaten

Der Rehlinger Landwirt Johannes Hornbostel baut gewöhnlich Kartoffeln, Zuckerrüben, Raps und Getreide an. Seit Jahren legt er außerdem kleine Blühflächen an, weil er von deren positiver Wirkung auf die Natur überzeugt ist. Bienen und weitere Insekten erhalten durch die Wildblumen Lebensraum zurück, ihre Bestände können sich erholen. Nun gehen der 34-Jährige und seine Frau Hannah Jelka einen ungewöhnlichen Weg: Mit einer Crowdfunding-Kampagne auf Startnext suchen sie Unterstützer für groß angelegte Blühflächen. „Stadtlandblüte” heißt das Projekt von Johannes und Hannah Jelka Hornbostel. „Wir wollen Leute aus der Stadt ansprechen, daher kommt der Name”, erklärt Johannes Hornbostel, studierter Agrarwissenschaftler. „Menschen, die sich um die Umwelt kümmern, aber selbst wenig Platz haben und deshalb nicht so viel bewegen können.” Grundsätzlich angesprochen wird jeder, der der Natur Raum zurückgeben und aktiv die Biodiversität fördern möchte. Blühstreifen legt der Landwirt bereits seit Jahren an und erhält dafür auch Fördermittel. „Im größeren Rahmen ist das aber effektiver”, so Hornbostel. Ohne starre Vorgaben könne er freier agieren und habe mehr Handlungsspielraum, könne unterschiedliche Zeiträume und Saatmischungen ausprobieren. „Die Vorgaben sind bürokratisch kontrolliert. Doch manchmal passen die vorgegebenen Zeiträume gar nicht, dann macht das ackerbaulich keinen Sinn.” Schon sein Vater Henning Hornbostel, dessen Hof in Rehlingen Johannes seit fünf Jahren in vierter Generation betreibt, fing vor 15 Jahren mit dem Anlegen von Blühstreifen an. „Aber die Förderung ist gedeckelt, und wir wollten gerne mehr machen”, erklärt der Landwirt. Dass sein Vater schon vor Jahren Blühstreifen anlegte, war keine Pionierarbeit. „Blühstreifen legen sehr viele Landwirte an, es ist aber zu wenig bekannt”, so Johannes Hornbostel. Einen Testballon starteten er und seine Frau 2019 in Betzendorf, wo sie den Anwohnern Blühflächen anboten und mit ihnen realisierten. „Das wurde sehr gut angenommen. Da sind wir auf die Idee gekommen, dass es auch mehr Leute ansprechen könnte”, so Hannah Jelka Hornbostel. Die 35-Jährige, die als Anwältin in Adendorf arbeitet, unterstützt ihren Mann bei seinem Vorhaben, weil sie von der guten Sache überzeugt ist.

Kampagne ist nur der Auftakt

Im Frühjahr und Sommer 2020 trafen die Hornbostels Vorbereitungen für ihr Projekt. „Wir haben ein Stück Land, das wir der Natur zurückgeben wollen”, erklärt Johannes Hornbostel. Insgesamt verfügt der Landwirt über 300 Hektar Land. Hier baut er hauptsächlich Kartoffeln an – was auch weiterhin passieren soll. Zur Ergänzung ihres Betriebs sind die Hornbostels immer offen für neue Ideen. „Im klassischen Ackerbau probieren wir Methoden aus, die auch aus dem Ökolandbau stammen”, so der Landwirt. Um großflächig Blühfächen anlegen zu können, suchen Johannes und Hannah Jelka nun Unterstützer, die so genannte „Blühpatenschaften” übernehmen. Ihr Versprechen: Für 50 Cent aus der Stadt legen sie einen Quadratmeter Wildblumenwiese auf dem Land an und schaffen so Lebensraum für Bienen, Insekten und weitere einheimische Arten. Johannes‘ Schwester Nike, die in Hamburg lebt, brachte ihren Bruder auf die Idee, das Projekt als Crowdfunding-Aktion im Internet zu starten, wo sie unter www.startnext.com/stadtlandbluete zu finden ist. Die Kampagne läuft noch bis zum 31. Dezember 2020, doch danach soll nicht Schluss sein. „Die Kampagne ist nur der Auftakt”, verspricht Johannes Hornbostel. Zurzeit werde eine Homepage erstellt, die Mitte, Ende Januar mit Online-Shop an den Start gehen solle. Unter www.stadtlandbluete.de soll dann ebenfalls die Übernahme von Blühpatenschaften möglich sein. Für ihr Projekt haben sie eine Fläche von insgesamt vier Hektar vorgesehen. Die Blühfläche soll auf einer geschlossenen Fläche entstehen. „Einzelne kleine Flicken bilden nicht einen so großen Lebensraum”, weiß der Landwirt, „für unterschiedliche Kolonien ist der ökologische Nutzen von einer großen Fläche größer.”

Im Gespräch mit Naturschützern

Während über Startnext eine Blühpatenschaft auf ein Jahr begrenzt ist, sollen grundsätzlich auch längere Zeiträume möglich sein. Bis Mitte Dezember konnten die Hornbostels mit ihrem Crowdfunding-Projekt gut hundert Unterstützer gewinnen, die Summe des gesammelten Geldes lag bei rund 5.600 Euro. Als Cofunding-Partner gibt Krombacher Naturstarter pro gesammeltem Euro 20 Cent dazu. „Das erste Fundingziel waren 5.000 Euro, wir freuen uns, dass wir das erreicht haben”, so Hannah Jelka Hornbostel. „Momentan reicht das Geld für einen Hektar Land, wir würden uns sehr über mehr Unterstützer freuen – je größer, desto besser.” Wäre das erste Ziel von 5.000 Euro über Startnext nicht erreicht worden, hätte es keine Ausschüttung des Geldes gegeben und die Unterstützer hätten nicht zahlen müssen. „Wir machen das zum ersten Mal, es war viel Nervenkitzel dabei”, meint sie. Unter den Unterstützern hat Johannes Hornbostel auch schon lokale Prominenz ausmachen können, wie zum Beispiel Felix Petersen, den Vorsitzenden des CDU-Kreisverbandes Lüneburg oder die grüne Bundestagsabgeordnete Dr. Julia Verlinden. Mit von der Partie sind auch Henry Schwier, Diakon des Kirchenkreises Lüneburg, Christine Horn vom NABU und Eckhard Winkelmann, Gründer der Genossenschaft Bürger-Windpark Amelinghausen. Nun erhofft sich Johannes Hornbostel konkrete Unterstützung von Initiativen und Vereinen, auch eine Partnerschaft wäre für ihn denkbar. So möchte er das Projekt gerne vom NABU begleiten lassen und ist in Gesprächen mit „klassischen” Naturschützern. „Es ist nicht immer leicht, Landwirtschaft und Naturschutz zu verbinden”, weiß der Rehlinger, „aber wir wollen den Dialog aufnehmen.” – „…weil wir glauben, dass sich alles verbinden lässt”, ergänzt seine Frau, die erfreut ist über das positive Feedback und den Zuspruch von allen Seiten. Wer nicht nur finanziell die Anlage der Blühflächen unterstützen will, kann bei Startnext für 150 Euro auch einen „Blütenspaziergang” buchen. Bisher haben drei Unterstützer diese Möglichkeit gewählt, mit Johannes und Hannah Jelka Hornbostel persönlich die Flächen zu besuchen und wichtige Informationen darüber zu erhalten. Massenbesichtigungen durch die Blühpaten sind hingegen nicht geplant. „Das ist ein zweischneidiges Schwert”, so Johannes Hornbostel, „die Horden sollen die Flächen natürlich nicht kaputt trampeln…Aber ich habe da keine Bedenken, jeder hat das Recht, sich das anzugucken.” Zusätzlich plant er, alle Fortschritte zu filmen und zu fotografieren und diese auf seiner neuen Homepage zu veröffentlichen.

Umweltschutz Hand in Hand

Für Hannah Jelka Hornbostel, die ihren Mann schon zur Schulzeit auf dem Lüneburger Johanneum kennenlernte, ist Stadtlandblüte ein Herzensprojekt. Im Lüneburger Stadtgebiet aufgewachsen, hatte sie kaum Berührungspunkte mit der Landwirtschaft. Nun, da sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf dem Land lebt, möchte sie etwas für die Umwelt tun. „Wir haben immer wieder überlegt, wie unser Weg ist”, erzählt die 35-Jährige. „Vielen brennt das Thema unter den Nägeln, sie haben aber nicht den Raum und die Zeit. Wir zeigen, wir sind hier, wir haben das Know-how und die Fläche. Umweltschutz können wir nur Hand in Hand machen.” Bevor das erste Geld aus Stadtlandblüte geflossen ist, hat Johannes Hornbostel bereits im Herbst das erste Saatgut ausgesät und hofft auf erste Blüten im März und April. Der Großteil soll dann von März bis Mai ausgesät werden. Das gesammelte Geld fließt in das Saatgut, Technik, Arbeitserledigung sowie die mediale Begleitung und die Homepage – und dient als Ausgleich für den Wertverlust der Fläche, die jahrelang nicht mehr klassisch beackert werden wird. „Die Fläche verliert an Wert, das muss mit eingerechnet werden. Es soll ja keine Eintagsbiene werden”, so der Landwirt. „Wir sind vom Nutzen für die Umwelt überzeugt”, fügt seine Frau hinzu. (JVE)