Wenn die Familie ein Flickenteppich ist

Vater, Mutter, Kind – ist das noch echt oder schon Patchwork? Die Zahl der zusammengeflickten Familie wächst

Verliebt, verlobt, verheiratet – und dann? Die ewige Liebe war früher. Nach geschieden kommt heute oft: Patchwork! 

Was so modern und zeitgeistmäßig klingt, gab es schon im alten Märchen. Bloß wirklich glücklich wurden Aschenputtel, Schneewittchen und Co. bei ihren Patchwork-Familien beziehungsweise. den Stiefmüttern nicht. Auch in der Realität ist nicht alles Gold, was glänzt, aber auch nicht immer nur Himmel oder Hölle. Bereits jede siebte Familie ist eine sogenannte alternative Lebensform. Und viele meistern die Situation sogar richtig gut! 

Der ganz normale Patchwork-Wahnsinn

Gute Nerven sind allerdings hilfreich, um den ganz normalen Patchwork-Wahnsinn vor allem vor einem Wochenende nicht ohne Schreianfall zu überstehen: Elternteile packen hastig Klamotten und Hygieneartikel für den Nachwuchs und diskutieren mit den Menschen, mit denen sie die Kinder gezeugt haben, aber nicht mehr zusammen sind, über richtige und falsche Ernährung, Ausgehzeiten, Fernsehkonsum. Und dabei immer ein wenig zwischen den Stühlen: die neuen Partnerinnen und Partner. Etwa 145.000 Ehen wurden in Deutschland 2020 geschieden. Rund die Hälfte dieser Paare hatte minderjährige Kinder. Viele Mütter und Väter finden nach einer Trennung wieder einen Partner: Eine Stieffamilie entsteht. In Patchwork-Familien gibt es viele Variationsmöglichkeiten: Stiefeltern, Stiefvaterfamilien, Stiefmutterfamilien, Familien mit gemeinsamen Kindern und Stiefkindern, solche, in denen die Kinder dauerhaft leben und solche, bei denen die Kinder nur zeitweise zu Besuch sind. 

Einfühlungsvermögen und Geduld gefragt

Zwei Männer, zwei Frauen, zwei Männer und eine Frau oder andersherum und dazu ein, zwei, drei oder mehr Kinder, die gemeinsam unter einem Dach leben: Alles ist heute möglich. Warum auch nicht? Doch was macht das mit den Kids? Klar ist: Kommt ein neuer Partner ins Spiel, reagieren Kinder getrennter Eltern oft mit Ablehnung. Damit die Patchwork-Familie zusammenwachsen kann, bedarf es da vor allem Einfühlungsvermögen und Geduld, sagt Felicitas von Lovenberg, Autorin des Patchwork-Bestsellers: „Und plötzlich war ich zu sechst“. Leseprobe: „Patchwork heißt Familie von Anfang an, hier gibt es keine Aufwärmphase als Paar ohne Verantwortung für Kinder. Insofern ist Patchwork etwas für Fortgeschrittene.“ Auch wenn die Eltern das Zusammenwürfeln gut hinbekommen, hat das in der Regel Auswirkungen auf ihre Kinder, heißt es in einer Studie des Bundesfamilienministeriums: Das Pendeln zwischen Mutter und Vater kann ein Gefühl des Hin- und Hergerissenseins erzeugen. Darum sind Kinder mit Patchworkhintergrund oft auch misstrauisch, was die Haltbarkeit von Beziehungen angeht. Das beeinflusst ihr eigenes Liebesverhalten als Erwachsene. Andererseits haben Familienforscher festgestellt, dass Kinder, die in alternativen Familienformen aufwachsen, eher in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen, sensibler auf gesellschaftliche Diskriminierungen reagieren und über flexiblere Rollenauffassungen von Mann und Frau verfügen.

Mal ganz toll, mal super-blöd 

Vielleicht ist Patchwork also weder Himmel noch Hölle – sondern einfach das Leben. In der Mitte also, wo sich alles vermischt und es mal toll und mal super-blöd ist. Das glaubt jedenfalls Caro aus Reppenstedt (18, Name geändert). Ihre Eltern trennten sich, als sie zölf war, danach zog die Mutter mit einer Frau zusammen, der Vater lebt seit Kurzem in einer WG in Kiel. „Ich war beim Papa nur einmal im Monat, aber es war ok. Er hatte sehr schnell eine jüngere Freundin, die mochte ich zunächst aber nicht so. Erst als sie schwanger wurde, haben wir uns besser verstanden. Jetzt ist sie fast wie wie eine große Schwester.“ Weihnachten, erinnert sich die Abiturientin, war es anfangs besonders schwierig: „Immerhin gab es mehr Geschenke, ich hatte ja plötzlich mehr als vier Großeltern.“ Wie Caro bleiben die meisten Kinder nach einer Trennung beziehungsweise Scheidung der Eltern bei der Mutter. Diese muss dann einerseits als Vermittlerin zwischen dem Kind und dem neuen Partner herhalten. Gleichzeitig hat sie auch Einfluss auf die Beziehung des Kindes zu seinem leiblichen, getrennt lebenden Vater. Der Prozess des Zusammenwachsens einer Stieffamilie zieht sich so durchschnittlich über etwa fünf Jahre hin. Eine lange Zeit, voller Konflikte, aber auch voller Chancen, so Felicitas von Lovenberg in ihrem Buch: „Patchwork macht glücklich, dankbar und demütig, aber manchmal ist man eben auch ratlos und frustriert. Darüber hinaus ist die Zeit ein Verbündeter dieser Familienform: Je länger sie währt, desto besser funktioniert sie.“ Das zumindest, kann man ja nicht unbedingt von jeder Ehe sagen … (RT)