Wenn aus bösen schwere Jungs werden

Intensivtäter Maik (18) lebt seit kurzen in Lüneburg

Wegsperren oder Rundum-Betreuung? Was tun mit jungen Menschen, die immer wieder kriminell werden?

Knapp zwei Millionen Straftäter hat es 2018 in Deutschland gegeben – knapp 74.000 davon sind Intensivstraftäter. Das bedeutet, sie haben mindestens fünf schwere, aktenkundige Straf- oder Gewalttaten innerhalb nur eines Jahres verübt. Viele dieser Straftäter sind noch sehr jung, Kinder fast noch. Maik, 18, ist einer von ihnen. Er lebt seit wenigen Wochen in Lüneburg. Eigentlich stammt Maik aus einem kleinen Ort bei Göttingen. Doch dort wollte man ihn nicht mehr. Was verständlich ist, wenn man seine Geschichte kennt. Maik heißt natürlich nicht wirklich so, den richtigen Namen zu schreiben gefährde seine Persönlichkeitsrechte, wurde dem Autor dieses Textes von offizieller Seite mitgeteilt. Auf die Frage, ob er denn die Persönlichkeitsrechte anderer Menschen jemals akzeptiert hätte, gab es als Antwort lediglich ein Schulterzucken.

Dicke Strafakte

Tatsächlich darf man daran zweifeln. Maik hat schon mehrfach Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Seine Akte ist dicker als die vieler Berufsverbrecher. Von Beleidigung bis hin zu Einbruch und immer wieder Körperverletzungen ist so ziemlich alles vertreten. Dazu kommen immer wieder Drogendelikte. Mehr als 50 Straftaten werden ihm zugeschrieben – vor einem Richter stand er dafür bislang nicht, was allein schon ein Skandal ist. Sitzt man ihm gegenüber, wirkt er zunächst gar nicht bedrohlich, sondern eher etwas schüchtern. Das ändert sich jedoch bereits nach wenigen Minuten Gespräch. Er fuchtelt mit den Armen herum, seine Aussagen werden aggressiver: „Mich können alle mal. Ich leb’ nur für mich“, sagt er mit heiserer Stimme. Wie wohl seine Zukunft aussehen könnte? Maik lacht. „Zukunft ist mir doch egal …“ Angst vor dem Knast habe er jedenfalls nicht, behauptet er. „Ist doch schön da. Man hat seine Ruhe.“

Gesellschaftliches Problem seit Jahrzehnten

Mit seinen kruden Ansichten steht Maik für die meisten der so genannten Problemkids. Ihre Zahl wächst, das Phänomen an sich ist nicht neu. Denn die bösen Jungs, aus denen in der Folge leider sehr oft schwere Jungs werden, sind ein gesellschaftliches Problem seit Jahrzehnten. Das Versagen des Staates im Umgang mit ihnen ist genauso alt. Das typische Problemkid ist zwischen 11 und 19 Jahre alt, zu fast 90 Prozent männlich, vorrangig deutscher Nationalität (die Zahl der polizeilich auffälligen Flüchtlingskinder vor allem aus den nordafrikanischen Ländern nimmt allerdings zu). Früher waren es hauptsächlich Diebstähle, auch Autodiebstähle, mit denen die kriminellen Kids auffielen, heute sind es vor allem Raub und Körperverletzungen. Im Raum Lüneburg soll es mehrere Intensivtäter geben, wie viele Delikte auf ihr Konto gehen, kann jedoch keiner sagen. Eine solche Statistik existiert nur landesweit. Maik fehle es an Empathie, hat ein Psychologe schon vor fünf Jahren über ihn geurteilt. Er ist einer, der austeilt, aber auch früh einstecken musste, versucht er sich selbst zu erklären: Schon mit unter zehn Jahren Drogen konsumiert, die eigenen Unterarme geritzt, bei Pflegeeltern aufgewachsen.

Erlebnispädagogik gescheitert

In den 80er und 90er Jahren begann man damit, kriminelle Kids wie Maik auf Staatskosten um die ganze Welt zu schicken. Diese Segel- und Reiseprojekte der deutschen Kinder- und Jugendhilfe waren allerdings nie mehr als ein Hoffnungsstreif am Horizont – selbst große Verfechter von Erlebnispädagogik im Ausland sehen viele einst angepriesenen Maßnahmen und Projekte heute als weitgehend ineffizient an. In Niedersachsen versucht man mit einer engen Zusammenarbeit aus Jugendhilfe, Polizei und Schule, des wachsenden Kriminalitätsproblems von Heranwachsenden Herr zu werden. Je nachdem, wie weit sich die kriminelle Karriere bei den Kids bereits verfestigt hat, wird dabei auch mithilfe des Strafrechts versucht, mehr Druck aufzubauen. Nicht jeder jedoch lässt sich davon beeindrucken. Neu-Lüneburger Maik erzählt, wie er einmal Besuch von einem Sozialarbeiter bekam: „Der hat mich gefragt, ob ich denn immer so weiter machen wolle. Er hätte da so einen Kurs, ob ich den nicht mal besuchen will. Ich hab’ nur gesagt, er soll sich verpissen und ihn weggeschubst, weil er mir im Weg stand. Das war eine ganze arme Wurst, der hat dann gleich die Bullen gerufen …“ (RT)