Versunken im eigenen Leben

Was ist das Messie-Syndrom und wie entsteht es?

Nach Schätzungen sind bis zu zwei Millionen Deutsche vom sogenannten Messie-Syndrom betroffen. Eine „Heilung“ gibt es nicht. Verschimmelte Wohnungen, Ungeziefer zwischen Müllbergen, völliges Chaos, Atemmasken, Zwangsräumung. Das verbinden viele mit Messies. Aber das sind Extremfälle – die wenigsten Menschen mit dieser Krankheit sind so. „Es ist das fast immer gleiche, aber im Grunde falsche Bild, das viele Medien gerne transportieren“, sagt Janice Pinnow aus Adendorf. Die gelernte Industriekauffrau muss es wissen. Sie leidet selbst unter dem Syndrom und gilt gleichzeitig als eine der führenden Messie-Experten in Deutschland. Nachdem sie bereits zuvor in der Beratung von Betroffenen sowie Angehörigen tätig war, gründete sie vor genau 15 Jahren den Landesverband der Messies im norddeutschen Raum (Melano). Alleine. Sie wollte den Blick auf Messies verändern – in Vorträgen vor Sozialpädagogen, Therapeuten und Sachbearbeitern. Ob sie es geschafft hat? „In Ansätzen“, sagt sie. „Aber es gibt noch jede Menge zu tun.“

Die landläufig genutzte Bezeichnung für das Syndrom – Messie bedeutet im Englischen „Unordnung, Durcheinander“ – greift nur einen extremen Teil der Auswirkungen einer komplexen Persönlichkeitsstörung auf. Den Begriff prägte die selbst betroffene US-amerikanische Sonderschulpädagogin Sandra Felton bereits in den 1980er-Jahren. Als eigenständige Störung gilt das Messie-Syndrom aber erst seit der Neufassung des amerikanischen Klassifikationssystems für psychische Erkrankungen (DSM-5) im Sommer 2013. Sofort anzusehen ist nur den wenigsten, dass sie unter der (Sammel-)Krankheit leiden: Ob junge Mutter oder alleinstehender Senior, Sachbearbeiter oder Manager, das Messie-Syndrom tritt quer durch alle Altersstufen und sozialen Schichten auf. Da ist die ehemalige leitende Versicherungsangestellte, die ihr Auto auch im Winter vorm Haus parkt, weil ihre Garage bereits total „zugemüllt“ ist. Oder der Hausarzt, der sich aufreibt mit seinen Patienten und jetzt eine zweite Wohnung anmieten musste, weil die erste bereits kaum noch begehbar ist.

Nach außen hin führen sie alle meist ein normales, unauffälliges Leben, wirken gepflegt und kleiden sich nicht selten sogar besonders elegant. Anderen Menschen erscheinen sie oft als besonders optimistisch und lebensbejahend, vielseitig interessiert und kreativ. Auch im Beruf sind viele Betroffene sehr erfolgreich und engagiert, mit einer Tendenz zum Perfektionismus bis hin zur Selbstüberforderung. Janice Pinnow: „Ich kenne selbst einige Akademiker, die betroffen sind.“

Der Psychoanalytiker und Arzt Dr. Rainer Rehberger widmet sich seit 2002 in seiner Praxis am Bodensee im Schwerpunkt Messies und er hat erkannt, dass sie vor allem eines auszeichnet: „Sie tun vieles nicht, obwohl sie es eigentlich wollen.“

Messies machen zum Beispiel unendlich viele Pläne, ohne zum eigentlichen Ziel zu kommen. Und sie leben in stetigen Widersprüchen – auch zu sich selbst. Manche hören einfach weg, obwohl sie zuhören wollen, andere sehnen sich nach Beziehungen, wehren es aber ab, wenn sich ihnen jemand nähern will. Wieder andere widersprechen Kollegen, dem Chef oder auch Mitarbeitern, auch wenn es gar keinen Sinn ergibt. Oder sie schaffen es eben nicht, ihre Wohnungen in Ordnung zu halten, obwohl sie es vielleicht doch unbedingt möchten. Die tatsächlichen Ursachen des Syndroms sind noch nicht wissenschaftlich geklärt. Es gibt noch viel zu wenig wissenschaftliche Studien, eine Abgrenzung zu anderen Krankheiten ist zudem schwierig. Heilung? Gibt es nicht. Janice Pinnow: „Ganz los wird man es nicht. Auch Behandlung ist eigentlich das falsche Wort, wenn man von Menschen mit Messie-Syndrom spricht. Man kann sie auf ihrem Weg eigentlich nur begleiten.“ Bindungsstörungen, die in den ersten Lebensjahren durch mangelnde Zuwendung der Eltern entstehen können, werden als eine mögliche Ursache genannt. Ihre Trennungs- und Verlustängste versuchen Messies dann damit zu kompensieren, dass sie beispielsweise emotionale Beziehungen zu ihren angesammelten Gegenständen aufbauen. „Die Sachen können ihnen nicht wehtun: Sie laufen nicht weg und können nicht enttäuschen, was Messies ein Gefühl von Sicherheit gibt“, sagt Expertin Pinnow. Was für andere nur alte Gegenstände sind, sind für Messies fast Familienangehörige. „Zwangsräumungen sind deshalb besonders tragisch und können sogar zur Selbsttötung führen. „Ich habe in meiner Arbeit schon vier Suizide unmittelbar miterleben müssen.“

Dann ist da noch die Scham. „Ein ‚Normal-Chaot‘ hat keine Probleme, Besuch zu empfangen“, sagt Pinnow. Ein Messie schämt sich dagegen für die Unordnung in seinem Heim und weicht solchen Terminen regelmäßig aus. Oft lehnen sie auch Einladungen in die Wohnung von anderen ab. Weil häufig selbst enge Bezugspersonen nur geringes Verständnis für das häusliche Chaos aufbringen, ziehen sich Messies sozial immer weiter zurück – um Anschuldigungen zu entgehen und sich nicht ständig rechtfertigen zu müssen. Das fördert noch die Vereinsamung und das kann den Schweregrad der Erkrankung beeinflussen. Die Notfallrufnummer auf der Internetseite von „Melano“ – das ist die Nummer von Janice Pinnow selbst. Täglich rufen Angehörige oder Betroffene bei ihr an. Die Gespräche dauern nicht selten eine Stunde. Mit ruhiger Stimme erklärt die Adendorferin den Anrufern dann das Krankheitsbild. Wichtig ist ihr zu vermitteln, dass Menschen mit Messie-Syndrom Angst davor haben, Dinge wegzuschmeißen. Und das man diese Angst doch respektieren müsse. Schließlich hat doch alles eine Seele … (RT)

Folgende Merkmale sind typisch für Messies

  • Sie lassen niemanden in ihre Wohnung.
  • Sie horten zum Beispiel Zeitungen und Zeitschriften.
  • Sie können sich fast von nichts trennen.
  • Sie suchen ständig verlegte Sachen, zum Beispiel Schlüssel, Rechnungen, Kreditkarten, und so weiter
  • Sie laufen ständig Ihren Terminen hinterher.
  • Sie haben oft Schwierigkeiten, eine Arbeit zu beenden.
  • Sie versuchen ständig, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.
  • Sie fühlen sich über einen langen Zeitraum blockiert und gelähmt.
  • Sie bleiben vorgefassten Ideen verhaftet.
  • Sie sind in einmal gelernten Gedanken und Reaktionen festgefahren.
  • Sie kennen keinen Anfang und kein Ende.
  • Dieser Zustand treibt sie zur Verzweiflung und/oder in die Isolation.

Denkhaltungen eines Messies:

  • Ich muss perfekt sein.
  • Ich kann mich nicht durchsetzen.
  • Ich bin nicht in Ordnung, kann nichts, bin nichts wert.
  • Ich kann mich gegen Konflikte nicht wehren.
  • Ich bin sensibel und übernehme darum die Verantwortung für Probleme anderer.
  • Ich kann die Gefühle anderer (Partner, Kinder) durch mein Verhalten steuern.
  • Es ist schrecklich, wenn Andere erkennen, wie ich wirklich bin.

(Quelle: melano.de)

NEWS & INFOS

Landesverbandes der Messies im norddeutschen Raum:

Melano, Rathausweg 4, 21365 Adendorf (Lüneburg) Tel. (0 41 31) 720 73 65

Notfallrufnummer:

Janice Pinnow, Tel. 01 71 / 698 19 94
Bitte benutzen Sie diese Nummer  wirklich nur in dringenden Notfällen!

Für akute seelische Notfälle besteht auch die Möglichkeit, sich kostenfrei an die Telefonseelsorge zu wenden, Tel. 0800 / 1110111 oder 0800 / 1110222.

Buchtipps

Dr. Rainer Rehberger „Messies – Sucht und Zwang“, Psychodynamik und Behandlung bei Messie-Syndrom und Zwangsstörung, Klett-Cotta,  ISBN 3-608-89049-5

Laurence Heller und Aline Lapierre: „Entwicklungstrauma heilen“, erschienen im Verlag Kösel, ISBN 978-3-466-30922-1