Stille Nacht, einsam wacht…

Die große Leere: Immer mehr Menschen fühlen sich einsam

Psychologen sprechen schon von einer neuen Volkskrankheit, Großbritannien gründete sogar ein eigenes Ministerium zu ihrer Bekämpfung: Einsamkeit. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit leiden Menschen besonders stark unter dem Gefühl, allein und isoliert zu sein. Es gibt eine Insel, die Einsamkeit heißt. Sie liegt im Nordpolarmeer, nur 20 Quadratkilometer groß, im Winter vom Packeis eingeschlossen, menschenleer. Ein trister Ort. Immer mehr Betroffenen kommt ihr Leben so vor, als würden sie genau auf einer solchen einsamen Insel leben. Sie fühlen sich abgeschnitten vom Leben, das sie früher vielleicht mal führten.  

Wenn Alleinsein weh tut, ist es Einsamkeit

Alleinsein kann angenehm sein, sogar bewusst gewählt werden. Doch wenn es weh tut und quält, wenn es den Brustkorb einschnürt, manchmal mitten unter Menschen – dann ist es Einsamkeit. Laut gerade veröffentlichten Zahlen der Bundesregierung ist die Quote der Menschen, die einsam sind, bei den 45- bis 84-Jährigen in den vergangenen sieben Jahren um rund 15 Prozent gestiegen. Und da es in Deutschland künftig immer mehr Ältere geben wird, dürfte Einsamkeit weiter an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls ein Diskussionspapier des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Körber-Stiftung. Aber nicht nur Ältere, auch immer mehr Jugendliche fühlen sich einsam und allein. Vor allem jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit spüren das viele besonders intensiv. Stille Nacht, einsam wacht… hat für sie eine besondere Bedeutung. Statt Vorfreude auf das Fest der Liebe ist bei ihnen Angst da, in sozialer Isolation gefangen zu bleiben. 

Massive Krankheitsbilder

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte bereits einen Regierungsbeauftragten für Einsamkeit, begründete seinen Vorschlag unter anderem mit massiven gesundheitlichen Auswirkungen. Von Einsamkeit ausgelöste Depressionen, Angststörungen oder Erkrankungen des Herzkreislaufsystems beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen, sondern führen auch zu hohen Kosten für das Gesundheitssystem. Laut Forschern der französischen Universität Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines entwickeln Alleinlebende 1,5- bis 2,5-mal häufiger eine der häufigsten psychischen Erkrankungen als andere Menschen. Allerdings zeigt die Untersuchung nicht, ob das Alleinleben wirklich die (singuläre) Ursache für die Erkrankungen ist. Einen statistischen Zusammenhang gibt es nur bei denjenigen, die sich tatsächlich einsam fühlen – und das ist natürlich nicht bei jedem der Fall, der allein lebt. Wer helfen will, steht vor einer Schwierigkeit. Wie Einsamkeit eigentlich erkennen? Die Einsamkeit wird, gerade im urbanen Raum, unsichtbar, und nur alten Menschen kann man sie vielleicht noch ansehen, der Seniorin zum Beispiel auf der Parkbank. Wer dagegen ein Smartphone in der Hand hat und darauf starrt, wirkt beschäftigt. Oder tut nur so. Dazu kommt: Die Einsamkeit anderer kann bei einem selbst Schuldgefühle verursachen. Man spürt den Impuls, etwas dagegen unternehmen zu wollen. Wenn man ganz ehrlich sich selbst gegenüber ist, passiert das aber meist aus purem Pflichtgefühl, weniger aus einem echten mitmenschlichen Impuls. Denn wer lädt sich schon gern fremde Probleme auf? Wenn wir den einsamen Nachbarn auf ein Getränk einladen, dann erwartet er das vielleicht in Zukunft regelmäßig …

Auch weil einsame Menschen dazu neigen, sich noch weiter sozial zu isolieren oder sogar feindselig auf andere zu reagieren, ist Hilfe von außen kompliziert. Anders gesagt: Wer einmal in Einsamkeitsgefühlen gefangen ist, kommt oft in eine Spirale, die ihn/sie immer weiter hineinzieht. Einsame werden misstrauisch und fassen selbst gutgemeinte Gesten falsch auf. Das Widerspiegeln der eigenen Abwehr von Zuwendung treibt die Betroffenen immer weiter in den Abgrund. So verstärkt sich schließlich der Kreislauf, in dem man immer isolierter und einsamer wird.

Welche Wege führen aus der Isolation?

Letztlich kann sich der Einsame nur selbst helfen. Je jünger und mobiler die Betroffenen sind, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten, das Gefühl der eigenen Einsamkeit zu bekämpfen. Aber auch ältere Menschen können etwas tun. Der US-Einsamkeitsforscher John Cacioppo hat dazu das Anti-Einsamkeitsprogramm „EASE“ entwickelt – zu Deutsch „Erleichterung“. Das erste „E“ steht dabei für „extent“ – den eigenen Aktionsradius erweitern, ein Ehrenamt (z.B. Tierheim, Kita, Sportverein, Kirchengemeinde) ist dafür ideal. Das „A“ steht für „action“ – nur eigene Aktivitäten führen aus der Einsamkeit. Das „S“ im EASE-Programm steht für „selective“. Einsame sollten sich genau überlegen, mit welchen Menschen sie Umgang haben möchten – und sich dann hartnäckig darum bemühen. Das letzte „E“ ist das wichtigste, es bedeutet „erwarte immer das Beste“ – ein Appell, Misstrauen und alte Feindschaften fallen zu lassen. Und anzufangen, sich selbst mehr zu mögen. Denn sich selbst ein Freund zu werden ist die erste Voraussetzung, auch anderen ein Freund zu sein …(RT)