So smart und so gefährlich?

Neue Studie zur Generation Online – Ärzte warnen vor grenzenlosem Gebrauch von Handy und PC

Wer sich schon im Vorschulalter mit Smartphone, Tablet und Computer auskennt, hat es später leichter, heißt es oft. Viele Ärzte widersprechen dem energisch. Sie warnen vor teilweise erheblichen Gesundheitsschäden. Eine aktuelle Untersuchung belegt, welches Ausmaß die frühe Aktivität von Kleinkindern in der digitalen Welt hat.

Mehr als die Hälfte der Achtjährigen (55 Prozent) ist regelmäßig online. Von den Sechsjährigen geht fast ein Drittel ins Internet (28 Prozent) und bei den Dreijährigen ist es immerhin schon jedes zehnte Kind (11 Prozent). Viele, die noch nicht lesen oder schreiben können, sind über das Erkennen von Symbolen fähig, eigenständig Internetseiten aufzurufen. Die Ergebnisse der Studie „Kinder in der digitalen Welt“, die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) und dem Heidelberger Sinus-Institut vorgestellt hat, sind besorgniserregend. Denn immer mehr Mediziner betrachten den frühen Umgang mit digitaler Technik hinsichtlich frühkindlicher Entwicklung inzwischen äußerst skeptisch, sprechen von deutlichen gesundheitlichen und psychologischen Beeinträchtigungen. „Wir können diese täglich in unseren Praxen feststellen“, sagt Till Reckert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).

Vor allem der Anstieg an behandlungsbedürftigen Überforderungssymptomen bei Kindern und Jugendlichen – dazu gehören regelmäßige Kopfschmerzen sowie Stress, ADHS, verschiedenste psychische Erkrankungen (nach Schätzungen ein Zuwachs von 75 % in den letzten zehn Jahren!) – soll in einem direktem Zusammenhang mit der wachsenden Nutzung der digitalen Medien stehen. Auch Augenärzte sind besorgt. Die Zunahme der anatomischen Veränderungen an den Augen vieler Kinder sei im wahrsten Sinne „unübersehbar“. Hintergrund: Der Blick auf die Geräte-Displays setzt den jungen Augen mehr zu als gedruckte Buchseiten – aus mehreren Gründen: Auf den Smartphone-Bildschirmen ist alles kleiner als im Buch – darum halten die Kinder die Smartphones sehr nah vor die Augen. Anders als bei der Buchseite schauen sie dabei in eine Lichtquelle – was per se anstrengend ist. Schließlich enthält das Licht der Displays auch noch einen unnatürlich hohen kurzwelligen, aggressiven Blau-Anteil: der wird mitverantwortlich für Kurzsichtigkeit gemacht. Wenn Kinder und Jugendliche wieder mehr Zeit im Freien verbringen würden, könnte das Auge entspannen und auf ferne Dinge scharf stellen. Außerdem würde das Tageslicht den Ausstoß des Hormons Dopamin anregen, was das Wachstum des Augapfels ausbremst. Doch welche Kinder spielen noch gerne „Outdoor“, erst recht dann, wenn im heimischen Kinderzimmer Smartphone und Computer locken?

Die Unsicherheit vieler Mütter und Väter, wie sie sich richtig verhalten sollen, ist groß und forciert noch das Problem: Je weniger kompetent sie sich selbst hinsichtlich des Umgangs mit dem Netz fühlen, desto weniger trauen sie sich in Sachen Digitalisierung des Kinderzimmers zu, ihrer Rolle als Eltern gerecht zu werden. Also lassen sie die Kids machen. Vor den mobilen Multifunktionsapparaten jedoch zu kapitulieren und auf erzieherische Vorgaben zu verzichten, ist genauso ein Fehler wie den Umgang mit dem Smartphone ganz einzuschränken bzw. gänzlich zu verbieten, meinen Pädagogen wie Mediziner. Besser sei es, Grenzen zu setzen. Und damit möglichst früh zu beginnen. „Warum sollte jemand, der noch nicht in der Lage ist, richtig zu sprechen und zu laufen, schon Weltmeister im Tippen und Wischen sein?“, fragt der Hamburger Kinderpsychologe Reinhard Maier. Er empfiehlt Eltern: Öfter mal das Smartphone weg und die Kiste aus. Das sollten auch Mutter und Vater selbst beherzigen, den Kindern ein Vorbild sein. Die sogenannten Digital Natives bräuchten mehr Spielzeug, das die Motorik fördere, mit einem Smartphone oder einem Tablet werde ein Kind aber lediglich ruhiggestellt und könne die reale nicht von der irrealen Welt unterscheiden lernen. Die Folgen zeigen sich bei vielen Betroffenen spätestens in der Pubertät – in einer Art Suchtverhalten. Kinder können nicht mehr ohne Handy und PC – obwohl sie selbst spüren, dass ihnen der wachsende Online-Konsum eigentlich nicht gut tut. 48 Prozent der von Uni-Wissenschaftlern im Auftrag der Landesmedienanstalt NRW befragten Schüler (8 bis 14 Jahre) erklärten, durch das Handy abgelenkt zu werden, etwa von den Hausaufgaben. Jeder Vierte fühlte sich durch die permanente Kommunikation über Messenger-Dienste wie WhatsApp „sehr gestresst“. Jeder Siebte bemängelte, dass echte Kontakte zu Freunden zu kurz kommen. Davon ausgehend, dass viele Befragte dazu neigen, die Schattenseiten des geliebten Smartphones herunterzuspielen, sind die Zahlen sogar noch Mindestgrößen – eine hohe Dunkelziffer nach oben ist wahrscheinlich.

Fazit: Smartphones haben die Kinderzimmer im Sturm erobert. Doch die neuen digitalen Begleiter des Nachwuchses bergen offenbar einige Risiken und Nebenwirkungen. Eltern sind gefordert sich mit diesen Risiken zu beschäftigen, ohne in Pauschalkritik an der digitalen Welt zu verfallen. Das Bundesfamilienministerium unterstützt eine Vielzahl von Projekten und Initiativen, die die Medienerziehungskompetenz von Eltern und Fachkräften stärken und altersgerechte Medienangebote für Kinder und Jugendliche entwickeln, u.a. können Eltern die Computer und Smartphones ihrer Kinder mit dem KinderServer mit wenigen Klicks in einen sicheren Surf-Modus schalten. (RT)

NEWS & INFOS

Nach Daten der Krankenasse DAK sind angeblich mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche gefährdet, eine Internet- und Smartphone-Sucht zu entwickeln.

Über 80 Prozent aller Eltern von Jungen und Mädchen der Schulklassen 3 bis 5 wissen nicht, wie viel Zeit ihr Nachwuchs täglich mit Handy und PC im Internet verbringt. Die Eltern gingen von täglichen 45-60 Minuten aus, es sind aber durchschnittlich 190 (!) Minuten.

Bereits seit 2003 sensibilisiert die Initiative „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“ Eltern und Erziehende für die Risiken elektronischer Medien. Auf der Website der Initiative finden sich leicht verständliche Informationen und praktische Empfehlungen für einen altersgerechten Umgang mit Medien.