Sexueller Missbrauch

Wenn Kinder die Täter sind…

In Deutschland werden jeden Tag durchschnittlich 43 Kinder Opfer von sexueller Gewalt. Erschreckend: Immer öfter sind Kinder auch Täter. Lügde, Bergisch Gladbach, Münster: monströse Fälle von massenhaftem Kindesmissbrauch, über die jetzt in den Medien rauf und runter berichtet wird. Hier sind die Täter bekannt, es sind Erwachsene, die, nachdem man sie überführt hat, hart bestraft gehören. Die Politik denkt – getrieben von einer fassungslosen Öffentlichkeit – bereits über Gesetzesverschärfungen nach. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul, in dessen Bundesland die schrecklichen Taten geschehen konnten: „Kindesmissbrauch kann nicht bestraft werden wie Ladendiebstahl, es ist Mord. Nicht körperlich, aber seelisch.“

Grenze des Erträglichen

Doch was im Zuge der aktuellen Ermittlungen, die selbst erfahrene Kriminalbeamte an die Grenzen des menschlich Erträglichen bringen, dabei oft untergeht: Der sexuelle Missbrauch an Kindern in seiner grausamsten Form ist – glücklicherweise – immer noch die Ausnahme. Alltäglich dagegen ist der sexuelle Missbrauch „im Kleinen“. Und der hat eine Besonderheit: Immer häufiger sind die Täter minderjährig. In einer Umfrage erklärten über 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahren, bereits Opfer von sexuellen Übergriffen von Gleichaltrigen geworden zu sein. Diese sexuellen Übergriffe sind laut „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ sehr unterschiedlich in ihrer Intensität, reichen von einmaligen oder weniger intensiven Übergriffen, wie dem Herunterziehen der Turnhose im Sportunterricht, bis hin zu intensiven Übergriffen, wenn beispielsweise ein Mädchen oder Junge gezwungen wird, den Penis eines Jungen zu lecken. Manche sexuellen Übergriffe erinnern in ihrer strategischen Ausführung sehr an Taten von erwachsenen Tätern beziehungsweise Täterinnen. Den Tausch von kinderpornografischen Videos über Messenger-Dienste wie Whatsapp unter Jugendlichen bezeichnete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) kürzlich bereits als ein „Massenphänomen“. Am 12. Mai berichtete die FAZ von einem 14-jährigen Jungen, der auf Instagram ein kinderpornografisches Video hochlud. Bei der Durchsuchung der Polizei erklärte er: „Das machen doch alle“. Weitere Fälle aus den vergangenen Wochen ließen aufhorchen: In München sollen drei 12- bis 13-jährige Jungs auf einem Schulhof ein gerade elf Jahre altes Mädchen dazu gezwungen haben, ihnen ihr Geschlechtsteil zu zeigen. In Berlin forderte eine Bande von Minderjährigen zwei 14-jährige Mädchen zu gegenseitigen Zungenküssen auf und filmte das. Man könnte noch viele Beispiele nennen, es ist ein bundesweites Phänomen. Keine Region ist frei davon.

Täter und Täterinnen

Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat die sexuelle Gewalt gegen Kinder 2019 um neun Prozent auf 15.936 (2018: 14.606) Fälle zugenommen. Außerdem ermittelte die Polizei im vergangenen Jahr in 12.262 Fällen (2018: 7449) wegen kinderpornografischer Delikte. Das entspricht einem Anstieg um fast 65 Prozent. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren stetig angestiegen, im Vergleich zu 2016 haben sie sich mehr als verdoppelt. Immerhin zirka ein Fünftel der registrierten Tatverdächtigen sind dabei Jugendliche. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Auffällig: Taten von Kindern und Jugendliche gegen andere Kinder werden noch weniger angezeigt als die Taten, die von Erwachsenen begangen werden.

Erhebliches Risiko

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig warnte nach Veröffentlichung der letzten Kriminalstatistik im Januar, es bestehe „ein erhebliches Risiko“ für sexuelle Übergriffe durch andere Kinder und Jugendliche. So genanntes sexuell übergriffiges Verhalten von Jugendlichen kann verschiedene Ursachen haben – eigene Gewalterfahrungen als Kind oder Jugendlicher können eine Rolle spielen. Der Wunsch, Macht auszuüben sowie Defizite bei der Einhaltung von Grenzen können dem Verhalten zugrunde liegen. Manche Kinder und Jugendliche wurden unangemessen mit erwachsener Sexualität in der Familie oder durch pornografisches Material konfrontiert. Einige der übergriffigen Mädchen und vor allem Jungen versuchen, eigene Gefühle von Ohnmacht oder Hilflosigkeit zu kompensieren.

Mögliche Kindeswohlgefährdung

Bei sehr jungen Kindern ist manchmal noch die fehlende Kontrolle von Impulsen ursächlich.Massive sexuelle Übergriffe von Jugendlichen und Kindern, die wiederholt stattfinden und die sich nicht durch pädagogische Maßnahmen allein stoppen lassen, können ein Indiz auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung des übergriffigen Kindes oder Jugendlichen sein. Pädagogische Fachkräfte sind in diesen Fällen verpflichtet, sich entsprechend Paragraph 8a Sozialgesetzbuch (SGB) VIII fachliche Unterstützung zu holen, auch andere Berufsgruppen, die in beruflichem Kontakt mit Kindern und Jugendlichen stehen, haben einen Anspruch auf diese Unterstützung. Das Problem: Jugendämter sind oft so lausig besetzt, dass ein Sozialarbeiter in den schlimmsten Fällen mehr als 100 Familien betreuen muss. Das kann nicht funktionieren. Welche Spuren sexuelle Gewalt bei Kindern hinterlässt, hängt von vielen Faktoren ab, heißt es vom Kinderschutzbund Lüneburg. Die Folgen sind dabei umso schwerer, je intensiver die Tat war, je häufiger sie geschehen ist, je länger das Opfer mit der Erfahrung allein bleibt, ohne Hilfe zu finden, je mehr an seiner Glaubwürdigkeit gezweifelt wird und je weniger Trost und Zuwendung es erhält. Umgekehrt bedeutet das, dass frühe Hilfe und zugewandte, einfühlsame Reaktionen der Familie und des sozialen Umfelds (auch der Schule) erhebliche Auswirkungen darauf haben, wie gut ein betroffenes Kind diese Erfahrung verarbeiten kann. (RT)

Hier gibt’s Hilfe und Beratung

Pro Familia Lüneburg, Glockenstraße 1, 21335 Lüneburg Tel. (0 41 31) 3 42 60

Kinder- und Jugendtelefon Tel. 116 111
montags bis samstags 14 bis 20 Uhr sowie neu: montags, mittwochs und donnerstags zusätzlich 10 bis 12 Uhr

Deutscher Kinderschutzbund Orts- und Kreisverband Lüneburg e.V. ,  Soltauer Str. 5a, 21335  Lüneburg, Tel. (0 41 31) 8 28 82

www.trau-dich.de
Diese Website klärt Kinder zwischen 8 und 12 Jahren über ihre Rechte, körperliche Selbstbestimmung und sexuellen Kindesmissbrauch auf.