Rednerin mit Herzblut

Angela Tonn arbeitet als freie Trauerrednerin

Nicht jeder findet die passenden Worte, um einen Verstorbenen zu betrauern. Die Trauerrednerin Angela Tonn hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede Abschiedsrede so zu halten, als hätte sie den Verstorbenen persönlich gekannt. Angela Tonn sieht das, was sie macht, nicht als Arbeit an, sondern als Berufung. „Ich habe schon oft gedacht, das hättest Du mal eher machen sollen”, erzählt sie. „Das, was ich mache, kommt aus tiefstem Herzen.” Kurz bevor sie 60 wurde, sattelte die Adendorferin um und entschied sich dazu, Trauerrednerin zu werden.

Um zu verstehen, wie es dazu kam, muss man Angela Tonn kennen. Die 64-Jährige sagt von sich, sie ziehe alles durch, was sie einmal anpacke. Das sei nicht nur Gerede. Auslöser für ihre Entscheidung war eine Beerdigung, der sie 2015 mit ihrem Mann beiwohnte. Ein guter Freund ihres Mannes war plötzlich verstorben. Er hatte mit seinem Motorrad besondere Touren unternommen, war im Motorradclub aktiv und hatte dort viele Freunde. „All das wurde bei der Trauerrede mit keinem Wort erwähnt”, erinnert sich Angela Tonn, „unseren Freund haben wir nicht erkannt.” Auf der Rückfahrt fasste sie einen Entschluss: „Ich sagte zu meinem Mann, ab morgen werde ich Trauerrednerin.” Zu Hause angekommen, erkundigte sie sich nach dem üblichen Werdegang hin zum Trauerredner und wurde von einem Bestatter an die Hamburger Rednergemeinschaft verwiesen. Die professionellen Trauerredner dieser Gemeinschaft halten bis zu vier Reden an einem Tag. Angela Tonn begleitete einen von ihnen eine Zeit lang. „Der Redner hat mir sehr viel mitgegeben. Er war studierter Theologe und Buchhändler. Ich hingegen stand mit null da. Ich war vorher im medizintechnischen Außendienst”, erklärt sie.

Monatelang Klinken putzen

Angela Tonn kommt ursprünglich aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn. 2012 zog sie zu ihrem zweiten Mann nach Adendorf. Um sich als neue Trauerrednerin in der Region einen Namen zu machen, habe sie anfangs monatelang „Klinken geputzt”, sagt sie. „Man kann den Redner für eine Trauerfeier oder Bestattung grundsätzlich frei wählen”, erklärt sie, der Auftrag komme entweder direkt von einem Bestatter oder von Privatpersonen, denen sie empfohlen wurde oder die sie schon einmal als Rednerin erlebt haben. „Es dauert, bis es läuft”, so Angela Tonn. Ihren ersten Job als Trauerrednerin erhielt sie unverhofft bei ebendiesem Klinkenputzen bei einem Bestatter in Bad Bevensen. Weil gerade, als sie vor Ort war, für eine Trauerfeier ein Redner gesucht wurde, gab man ihr kurzerhand den Auftrag. Vom ersten Entschluss, den Beruf zu wechseln bis zur ersten eigenen Trauerrede vergingen gerade einmal vier Monate. Inzwischen hat Angela Tonn nach eigener Schätzung rund 400 Trauerreden selbst verfasst und gehalten. Wenn sie im Monat vier Reden hat, ist sie zufrieden – ein Arbeitsaufkommen wie bei der Rednergemeinschaft Hamburg kann sie sich nicht vorstellen. „Bis zu zwei Reden an einem Tag gehen für mich höchstens”, meint die 64-Jährige. Angela Tonn weiß nie, wann der nächste Auftrag kommt. Ausgerechnet im November, dem Monat der Trauer und des Todes, herrschte für sie Saure-Gurken-Zeit. Nach einem Todesfall hat sie in der Regel zehn Tage Zeit für das Schreiben ihrer Rede – wenn es um eine Urnenbeisetzung geht. Bei einer Erdbestattung verkürzt sich der Zeitraum bis zur Beisetzung.

Man muss sich hineinversetzen

Entscheidend für die Arbeit der Trauerrednerin ist das Gespräch mit den Hinterbliebenen. Wenn sie direkt von einem Bestatter über einen Todesfall informiert wird, schickt dieser ihr Eckdaten über den Verstorbenen und Daten der Angehörigen, die sie kontaktieren soll. Für das Vorgespräch mit den Hinterbliebenen nimmt sich Angela Tonn Zeit. In der Regel besucht sie diese zu Hause, doch auch telefonisch ist es möglich. Da sie den Verstorbenen erst „kennenlernen” muss, stellt sie Fragen zu dessen persönlichen Vorlieben, Hobbys oder Eigenarten. Das Privatleben steht im Vordergrund, nicht der tabellarische Lebenslauf. „Die meisten erzählen gerne und viel. Manchmal kriegt man ein ganzes Buch und muss alles kürzen. Aber aus manchen ist nichts rauszukriegen”, so ihre Erfahrung. „Wenn die Leute mir nicht viel erzählen, dann bin ich nicht zufrieden.” Mindestens drei getippte Seiten ihrer Rede drehen sich für gewöhnlich um das Leben des Verstorbenen, wobei der Text nicht immer bierernst sein muss. „Die Leute mögen lachen”, sagt sie, „ich habe auch schon Witze erzählt.” Die Adendorferin ist immer auf der Suche nach schönen Redewendungen, schreibt sich aus dem Internet oder dem Fernsehen Geschichten und Anekdoten auf, die ihr gefallen. „Ich habe immer einen Schreiber und Zettel parat”, erklärt sie. Angela Tonn hält Trauerreden in der Regel für Familien, die keine kirchliche Zeremonie wünschen. Deshalb hält sie am Ende ihrer Ansprache eine Art „weltliches Vaterunser”. Doch auch mit Pastoren hat sie schon zusammengearbeitet, sie selbst ist auch gläubig. Sie erinnert sich noch gut an den katholischen Pastor, der nicht über den Alkoholismus des Verstorbenen sprechen wollte, weshalb sie für die Trauerrede engagiert worden war. „Hinterher hat mich der Pastor gefragt: Wo nehmen Sie das her? Meine Antwort war: Man muss sich nur hineinversetzen. Das bin ich schon oft gefragt worden.” Das schönste Kompliment ist für die Trauerrednerin, wenn sie hinterher ein Trauergast fragt, ob sie den Verstorbenen gekannt hat, da sich ihre Rede so anhörte.

Hat ein Verstorbener keine Hinterbliebenen oder sind diese nicht in der Lage, etwas zu dessen Leben zu erzählen, ist die Trauerrednerin gezwungen, ihre Rede sehr allgemein zu halten. Und ist die Runde bei der Trauerfeier sehr klein, stellt sie sich nicht an ihr Pult – oder im Freien an ihren mitgebrachten Notenständer – sondern stellt sich mit der Trauergemeinde in einen Kreis. Hauptsächlich hält die Adendorferin ihre Ansprachen in Kapellen, aber auch in Friedwäldern der Umgebung. „Ich habe auch schon auf einem Treckeranhänger meine Rede gehalten. Das war eine Gedenkfeier für einen jungen Mann auf einem Sportplatz, und der war voll”, erinnert sie sich. Sie arbeitet im Umkreis von hundert Kilometern, von Boizenburg bis Walsrode. Viel Auto zu fahren ist sie noch aus dem Außendienst gewohnt.

Auch op Platt und auf Englisch

Nicht jede Rede fällt Angela Tonn leicht zu schreiben. „Herausforderungen sind jüngere Menschen, Unfalltote oder Selbstmörder”, erklärt sie. „Das steckt man auch nicht so einfach weg.” Rund drei Stunden braucht sie für das Schreiben einer persönlichen Trauerrede, bei außergewöhnlichen Todesfällen kann es auch doppelt so lange dauern. Ihre Trauerreden gibt es nicht nur auf Hochdeutsch – auch auf Englisch oder Plattdeutsch hat sie schon Reden geschrieben und vorgetragen – für sie keine Hürde. Auch Vorsorgetrauerreden für Personen, die den Inhalt ihrer Trauerfeier schon vor ihrem Ableben regeln wollen, verfasst die Trauerrednerin. „Ob ich sie dann wirklich halte, spielt keine Rolle, jeder kann sie vorlesen. Sie wird dann zu den Unterlagen gelegt”, erklärt sie. Das Vorsorgegespräch für die Rede laufe natürlich anders ab als mit den Hinterbliebenen. Bei besonderen Todesfällen – zum Beispiel dem Unfalltod eines jungen Menschen – ist Angela Tonn oft mehr als nur die „Redenschreiberin”. Es liegt ihr am Herzen, den Hinterbliebenen zu vermitteln, dass sie für sie da ist, ihnen Trost spenden kann – und dass sie es nicht eilig hat. „Ich gehe auf die Menschen zu”, sagt sie. Ein Vorgespräch kann bis zu anderthalb Stunden dauern, in besonderen Fällen aber auch drei Stunden. Manchmal muss sie die Angehörigen auch überzeugen, Dinge auszusprechen, manchmal muss man erst miteinander warm werden. Durch ihre Arbeit im Außendienst, die sie fast 20 Jahre lang ausübte, beherrscht sie – auch durch psychologische Seminare – den Umgang mit Menschen, was ihr auch im neuen Job zugute kommt. Auch dass sie einige Zeit als Hauswirtschafterin in reichen Haushalten arbeitete, war für sie eine gute Schule. „Ich lass mir nicht die Butter vom Brot nehmen”, betont sie. Ihre Reden baut Angela Tonn nach einem wiederkehrenden Prinzip auf: „Ich konfrontiere die Menschen zunächst mit dem Tod. Dann spreche ich über das Leben, am Ende spreche ich Trost aus.” Ist die Trauerfeier noch so bewegend und der Todesfall noch so tragisch: Vor den Trauergästen zu weinen kommt für Angela Tonn nicht in Frage. „Ich habe höchstens einen Kloß im Hals und muss tief durchatmen. Man hat sich zusammenzureißen.” Bei Trauerfeiern und Beerdigungen ist Angela Tonn die Zeremonienmeisterin, die den Ablauf in der Hand hat. Sie kennt die Abläufe, weiß, wann die Musik gespielt wird und wann der Bestatter ins Spiel kommt. Lampenfieber hat sie vor jeder Trauerfeier, „wenn ich’s nicht mehr habe, sollte ich besser aufhören.”

Zufriedenheit der Familie zählt

Bei ihrer Arbeit als Trauerrednerin ist Angela Tonn eine Perfektionistin und sehr selbstkritisch. Es ist ihr wichtig, dass die Angehörigen zufrieden sind. „Die Menschen stehen im Vordergrund. Die Familien sollen sich in besten Händen fühlen. Als Außenstehende gehöre ich bis zur Trauerfeier zur Familie.” Ihren Dank erhält sie in Form von lobenden Erwähnungen in Zeitungsanzeigen, Blumen, Dankeskarten oder Trinkgeld. Einige rufen auch an und bedanken sich. Kritik gab es in den vier Jahren als Trauerrednerin noch von keinem Angehörigen, und auch Weiterempfehlungen sprechen für sich. Sie ist der Meinung, von keinem Pastor bisher so persönliche Trauerreden gehört zu haben, wie sie sie schreibt und vorträgt. Deshalb würde sie auch keine Minute zögern, für ihr nahestehende Personen nach deren Tod die Rede zu halten. Als Angela Tonn als freiberufliche Trauerrednerin anfing, dachte sie nur an einen Nebenjob, doch es wurde ihr Hauptjob, wenn auch nicht in Vollzeit. Weil sie ein Unternehmen gründete, wurde sie vom Arbeitsamt gefördert und wird nun beim Finanzamt als Künstlerin geführt. „Ich muss ja auch Fantasie haben und eine gute Schauspielerin sein”, ergänzt sie schmunzelnd. Auch wenn Angela Tonn bald das Rentenalter erreicht, denkt die 64-Jährige noch lange nicht ans Aufhören. „Ich mache das weiter, solange ich geistig fit bin, der Kopf mitmacht und ich Auto fahren kann. Ich habe den Schritt mit knapp 60 gewagt und kann jetzt nicht einfach aufhören.” (JVE)