Plötzlich Grossfamilie

Artur und Barbara Bauer haben Drillinge

Eltern kennen die Herausforderungen, die das Großziehen eines Kindes mit sich bringt. Doch nicht viele Eltern können sich vorstellen, drei kleine Kinder im gleichen Alter zu haben. Artur und Barbara Bauer aus Scharnebeck sind Eltern der 16-jährigen Drillinge Sandro, Arian und Jona. „Es wird nie einfacher, es wird immer nur anders“, meint der 49-jährige Vater der Kinder.

Eigentlich wollte das Ehepaar Bauer es langsam angehen lassen. „Ich wollte erst mal nur ein Kind. Wir wussten ja gar nicht, ob wir als Eltern taugen“, erinnert sich Artur Bauer. Doch Barbara Bauer ist selber Zwilling und rechnete damit, auch Zwillinge zu bekommen. Ende des dritten Schwangerschaftsmonats erfuhr das junge Paar von der Drillings-Schwangerschaft. „Meine erste Reaktion war: Oh Gott, wir haben nur ein Haus mit zwei Kinderzimmern!“, erinnert sich Artur Bauer. Eine Drillings-Schwangerschaft ist mit Risiken verbunden, und das sagte man auch den Bauers. Das Paar versuchte, sich auf Komplikationen vorzubereiten und darauf, was es bedeuten würde, drei Kinder auf einen Schlag zu bekommen. „Ich hatte keine Angst, aber ich wusste, ich bin den ganzen Tag mit den Kindern alleine, wenn mein Mann arbeitet. Deshalb wollte ich wissen, was auf mich zukommt“, erzählt Barbara Bauer. Über Bekannte holte sich die werdende Mutter Tipps von anderen Drillingseltern und begann, einen Stammtisch für Mehrlingseltern in Lüneburg zu besuchen. Hier lernte das Ehepaar Gleichgesinnte aus der Umgebung kennen. Barbara Bauer besuchte die Familien und schaute sich den Alltag mit Drillingen an. „Es war schließlich ein riesengroßer Sprung“, sagt die 46-Jährige.

Dreimal Erstausstattung

Entgegen dem verbreiteten Irrglauben, Mehrlingseltern würden besondere Zuwendungen vom Staat bekommen, erhielten die Bauers lediglich Kindergeld für drei Kinder. Erstausstattung war jedoch oft in dreifacher Ausführung fällig. „Drillingskarren gab es damals in Deutschland nicht“, berichtet Artur Bauer, der einen Second-Hand-Import aus den USA organisierte. „Wir haben schon immer sehr viel second hand gekauft und tun es noch. Die Anschaffungen wären mit einem normalen Gehalt nicht möglich gewesen“, erklärt Barbara Bauer. Um Kleidung macht die Familie kein großes Aufsehen. Es gab immer einen großen Kleiderschrank für alle drei, die Klamotten wurden durchgetauscht. So halten es die Bauer-Drillinge auch heute noch. „Zwar haben sie einen unterschiedlichen Geschmack, aber sie teilen ihre Kleidung immer noch“, erzählt ihr Vater. Auf Markenkleidung legen die Jugendlichen keinen Wert. Es wurde ihnen in die Wiege gelegt, mit dem Geld zu haushalten, nicht nur für Kleidung. Sandro, Arian und Jona wurden im Oktober 2000 in der 32. Schwangerschaftswoche geboren. Weitere Tage im Bauch der zierlichen Mutter wären riskant gewesen. Der Start mit den Drillingen war für Familie Bauer alles andere als einfach. Der kleinste Drilling, Jona, war am aktivsten. Arian hingegen kam mit einem Pneumothorax zur Welt, einer krankhaften Luftansammlung im Brustkorb. Sandro fing sich im Alter von 14 Tagen ein Bakterium ein, das den Dünndarm so perforierte, dass er in Hamburg notoperiert werden musste. Zu dieser Zeit wohnte die Drillingsmutter noch mit ihren Kindern im Schwesternwohnheim auf dem Krankenhausgelände in Lüneburg, um die Jungs zu versorgen. Sie übernahm das Wickeln und Stillen und war dadurch voll beschäftigt.

Man lernt sich zu organisieren

Als Sandro operiert werden musste, wechselte sich das Ehepaar mit der Betreuung der drei Kinder in zwei Krankenhäusern ab. Vater Artur Bauer arbeitete während dieser Zeit als technischer Angestellter im Dreischichtbetrieb in Hamburg. „Man lernte schnell, sich zu organisieren“, erinnert sich der 49-Jährige. „Doch das mit der OP ging schon an die Substanz.“ Kurz vor Weihnachten, acht Wochen nach ihrer Geburt, konnte das Ehepaar Bauer die drei Babys mit nach Hause nehmen. Zwar genoss das Paar die neue Unabhängigkeit, doch nun ging der stressige Alltag erst los. „Man arbeitet alles ab wie ein Roboter“, meint die Drillingsmutter rückblickend. Oft habe ihr die Zeit gefehlt, das Mutterdasein richtig zu genießen. Hinzu kam ein immenser Schlafentzug. Half zunächst noch Artur Bauers Mutter bei der Versorgung der Kinder, wurde diese in den Folgejahren selbst zum Pflegefall. Zusätzlich zu ihren drei kleinen Kindern kümmerte sich Barbara Bauer um ihre Schwiegermutter, begleitete sie mit ihren Kindern zu Ärzten und pflegte sie bis zu ihrem Tod zu Hause. Die Kleinkinderjahre der Drillinge stellten die Eltern immer wieder vor neue Herausforderungen. „Wenn sie laufen können, zeigen sie einem, was man alles abschließen sollte“, erklärt Vater Artur schmunzelnd. Er erinnert sich noch gut an den Tag vor Heiligabend 2002, als die kleinen Drillinge ihre Gitterbetten so im Kinderzimmer herumschoben, dass sich die Tür nicht mehr öffnen ließ. Nach diesem Vorkommnis schraubte der Vater die Gitterbetten am Boden fest. Die Aktionen geschahen immer in Gemeinschaftsarbeit. Einige Situationen waren brenzlig: Als ein Sohn sich hinter einen Röhrenfernseher auf einem Bord quetschte, fiel dieser zu Boden – genau zwischen die beiden Brüder. „Wir standen oft kurz vorm Herzinfarkt“, so Artur Bauer. Brüche gehörten ebenso dazu wie ein genähter Hinterkopf und ein ausgerenkter Unterkiefer. „Unsere Kinder waren durchaus aktiv. Deshalb hat unser Kinderarzt gesagt, er ist auch nach Feierabend für uns da“, erzählt der Vater.

Ein Anbau musste her

Das Platzproblem löste Familie Bauer durch einen Anbau ans Eigenheim. Artur Bauer begann 2003 mit Bekannten, Freunden und Verwandten einen von Handwerkern aufgestellten Rohbau auszubauen – nach Feierabend und an den Wochenenden. Für die Drillingsmutter gestaltete es sich schwierig, nach der Geburt ihrer Kinder wieder beruflich Fuß zu fassen. Die gelernte Frisörin schrieb zahlreiche Bewerbungen, doch die Drillinge stellten sich als Hindernis heraus. „Die Kinder hatten Erkältungen im Staffellauf, und der Schnodder lief in einer Tour“, erinnert sich Vater Artur. Der längste Krankheitsausfall waren neun Wochen wegen dreimal Windpocken. Was Barbara Bauer blieb, waren Minijobs. Für das Ehepaar Bauer war in den vergangenen Jahren immer der Austausch mit anderen Drillingseltern wichtig. „Eltern mit einem Kind können vieles nicht

nachvollziehen, vor allem logistische Probleme“, meint Mutter Barbara. 23 Drillingseltern aus ganz Deutschland kennen die Bauers. Es gab viele Treffen mit regem Austausch, 2003 war Barbara Bauer auf Mehrlingskur. An werdende Drillingseltern geben die Bauers nicht nur Tipps, sondern auch Kleidung und andere Dinge weiter, die sie nicht mehr benötigen.

Drillingseltern sind Logistik-Profis

Durch ihre Drillinge wurden die Bauers zu wahren Logistik-Profis: So verabredete Artur Bauer mit dem Drogerie-Lieferanten in Scharnebeck, dass dieser bei seiner Anlieferung mit dem Lkw regelmäßig eine Palette Gläschen in ihre Garage stellte. Ein Verbrauch von 50 Gläschen pro Woche war für die Bauers normal. Der Windelverbrauch lag zeitweilig bei 600 Stück im Monat. Familie Bauer nutzte dafür einmal monatlich den Werksverkauf eines Windelherstellers auf den Sülzwiesen. Die ersten Jahre mit den Drillingen vergingen für das Ehepaar Bauer wie im Fluge. „Man hat vieles nicht so bewusst mitbekommen“, so der Vater. „Wir haben Füttern, Wickeln und Baden nur in Fließbandarbeit gemacht“, meint Mutter Barbara. „Wir hätten gerne noch mal ein Kind zum Genießen und Verwöhnen gehabt, denn man musste die Zeit ja immer auf drei aufteilen.“ Doch eine weitere Mehrlingsschwangerschaft wollte das Paar nicht riskieren. So anstrengend die ersten Jahre für die Eltern waren, umso mehr spielte sich das Dreiergespann untereinander ein. „Sie profitieren voneinander, helfen sich gegenseitig und spornen sich immer an“, erklärt der Vater. Die Gruppendynamik erwies sich oft als positiv: So waren alle drei Jungs im gleichen Alter trocken, und alle drei lernten am gleichen Wochenende laufen. „Niemand wollte der letzte sein“, sagt ihre Mutter.

Sie verstehen sich ohne Worte

Bei Streit mit den Eltern nahmen sich die Geschwister schon immer gegenseitig in Schutz. „Jeder weiß genau, wie der andere tickt, sie verstehen sich oft ohne Worte“, berichtet die Mutter. Nach einer Aufteilung auf verschiedene Kindergartengruppen durchliefen sie ihre Schullaufbahn alle gemeinsam. In diesem Jahr steht für Sandro, Arian und Jona der Realschulabschluss an. Danach haben sich alle drei bei der Landespolizei in Hamburg um einen Ausbildungsplatz beworben. Zwar teilten die Drillinge in der Vergangenheit Hobbys wie Handball, Jugendfeuerwehr oder als DLRG-Rettungsschwimmer, aber den Jugendlichen ist klar, dass sich nach dem Schulabschluss ihre Wege trennen könnten. Rebellenphasen oder Probleme mit Alkohol oder Drogen hatten die Eltern bei ihren Drillingen bisher nicht. Die Bauers hoffen, dass es so bleibt. Sie bauen auf offene Kommunikation untereinander und pflegen das Ritual, jeden Abend gemeinsam zu essen – so lange, bis der erste auszieht. (JVE)