Modernes Klosterleben

Konventualin Charlotte Pattenden lebt im Kloster Lüne

Charlotte Pattenden führt ein Leben, von dem viele Menschen eine falsche Vorstellung haben. Die 60-Jährige lebt im Kloster Lüne. Doch mit Einkehr, Stille und Abgeschiedenheit hat ihr Alltag wenig zu tun. Seit August 2013 lebt Charlotte Pattenden in Lüneburg, im April 2014 wurde sie als Konventualin im Kloster Lüne eingeführt. In dem 1172 gegründeten Benediktinerinnen-Kloster leben zurzeit sechs Konventualinnen und eine Äbtissin. Ihr Umzug ins Kloster war eine bewusste Entscheidung, ein neues Leben in einer Gemeinschaft zu beginnen. Zuvor hatte die gebürtige Salzgitteranerin 30 Jahre in Wales gelebt, wo sie mit ihrem englischen Mann vier Kinder großgezogen hat. Als nach 28 Jahren die Ehe in die Brüche ging, stand Charlotte Pattenden vor der Entscheidung: Möchte ich als Deutsche in Großbritannien alt werden, oder gehe ich zurück in mein Heimatland? Wegen ihrer Mutter und ihrer großen Familie in Deutschland beschloss die damals 56-Jährige zurückzugehen. Wo wagt man einen Neuanfang, ohne sozial zu verarmen? Es war für Charlotte Pattenden keine Option, nach so vielen Jahren der Abwesenheit zurück nach Salzgitter zu ziehen. Durch eine Tante, die Äbtissin war, hatte sie eine Vorstellung vom Leben in einem Frauenkloster und begann, sich an verschiedenen Klöstern in Niedersachsen zu bewerben.

15 Frauenklöster und Damenstifte in Niedersachsen

Bis heute gibt es in Niedersachsen 15 Frauenklöster und Damenstifte im Bereich der Klosterkammer Hannover, von denen die meisten aus katholischen Ordensgründungen hervorgingen. Mit der Reformation wurden die Klöster und Stifte evangelisch und beherbergen bis heute Gemeinschaften von Frauen. Obwohl Charlotte Pattenden in Hamburg studiert hatte, kannte sie Lüneburg nicht wirklich. „Auf der Fahrt zu der Schwester meiner Mutter in Winsen erinnere ich mich, dass meine Mutter mir die Johanniskirche zeigte und meinte, der Turm sei der Zeigefinger Gottes“, erzählt sie. Eine Studienfreundin riet ihr schließlich, sich Lüneburg mal anzuschauen. Nach aufwühlenden Wochen und Monaten nach der Trennung war es für Charlotte Pattenden eine Wohltat, wie warm sie von Anfang an im Kloster Lüne empfangen wurde. Schon nach dem ersten Zusammentreffen konnte sie sich vorstellen, dem Konvent anzugehören. „Ich wurde so nett aufgenommen, dass das Bauchgefühl gleich stimmte“, erinnert sie sich. Wie im Kloster üblich, zog sie hier zunächst probeweise ein, brachte aber schon bald ihre Möbel aus Wales mit. Sogar ihr Familien-Schäferhund, den sie vor kurzem wieder nach Großbritannien zurückgebracht hat, durfte ausnahmsweise mit einziehen. Um dem Konvent angehören zu dürfen, gibt es wenige Voraussetzungen: Man sollte unter 65 Jahre alt, evangelisch und rechtlich alleinstehend sein. Mit ihren 56 Jahren war Charlotte Pattenden eine junge Bewerberin und ist heute noch altersmäßig die Jüngste im Konvent. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist Charlotte Pattenden weiterhin als freiberufliche Übersetzerin tätig – wie zuvor auch in Großbritannien.

Alle Türen öffneten sich

Die Entscheidung, ins Kloster zu ziehen, bedeutete für sie nicht, alle Türen hinter sich zu verschließen. „Ich gehöre hier zur Gemeinschaft, und ich sehe es als ein ungeheures Privileg, dass sich hier alle Türen für mich öffnen“, meint die Konventualin. Schnell merkte sie, dass das Kloster Lüne in der Stadt einen guten Ruf genießt und die Menschen ihr gegenüber offen und freundlich sind, wenn sie sich als Bewohnerin des Klosters vorstellt. „Es war die richtige Entscheidung, hierher zu ziehen“, resümiert sie. „Auch wenn ich mir in Großbritannien den Mund fusselig geredet habe, dass ich keine Nonne werde.“ In Deutschland künftig zu einer Gemeinschaft zu gehören, vereinfachte es Charlotte Pattenden, ihre alte Heimat und vor allem ihre Kinder in Großbritannien zurückzulassen. Ihre jüngsten Söhne waren bei ihrem Umzug 19 und 16, doch es kam für sie nicht in Frage, mit nach Deutschland zu gehen. Alle ihre Kinder hatten ein Internat in England besucht und waren auch zuvor nur in den Ferien zu Hause gewesen. Und so verloren sie zwar die Nähe zur Mutter und eine feste Basis in ihrem Heimatland, aber sie konnten die Schule in bekannter Umgebung abschließen und in Großbritannien ihre Ausbildung beginnen. Ihre drei Söhne leben weiterhin in Großbritannien, während es ihre Tochter vor einigen Jahren nach Italien verschlug, wo sie mit Mann und Tochter lebt. Im Kloster in Deutschland zu leben, bedeutet für Charlotte Pattenden keinesfalls, den Kontakt zur Familie zu verlieren. Regelmäßig besucht die 60-Jährige ihre Kinder oder empfängt sie umgekehrt im Kloster. Und ihre Kinder freuen sich, dass sie nach der Trennung ihr Leben wieder in die Hand genommen hat. Einer ihrer Söhne heiratete sogar in Lüneburg – die Feier fand natürlich im Kloster Lüne statt.

Viel zu tun im Klosteralltag

Freizeit hat Charlotte Pattenden wenig. Zur Touristensaison von April bis Oktober besteht eine Residenzpflicht, das heißt, die Konventualinnen sollten vor Ort sein. Die Klosterdamen sind – mit wichtiger Unterstützung von ehrenamtlichen „Stadtdamen“ – verantwortlich für die Führungen durch das Kloster. Jede Konventualin übernimmt in der Regel zwei halbe Tage pro Woche, an den Wochenenden wechseln sie sich ab. Hinzu kommen zahlreiche Veranstaltungen wie Konzerte im Kloster, die die Konventualinnen betreuen. „Dieses Jahr war als vorreformatorisches Jahr ganz intensiv und recht anstrengend. Wir hatten ein großes Programm, das den Titel „Kloster mahl anders“ trug“, berichtet die Konventualin. Am Reformationstag war die letzte Veranstaltung, und seitdem ist etwas Ruhe eingekehrt auf dem Klostergelände. Noch bis zum 15. Dezember sind im Textilmuseum des Klosters vorreformatorische Bibeln ausgestellt. Auch hier übernehmen die Konventualinnen die Führungen (Donnerstag und Samstag 15 Uhr). Einen typischen Klosteralltag gibt es nicht, aber der Tag hat viele Fixpunkte: Dreimal am Tag gibt es in der Saison Klosterführungen, außerdem läuten die Konventualinnen umschichtig dreimal täglich die benediktinische Betglocke. Mindestens einmal in der Woche gibt es ein gemeinsames Abendessen, außerdem halten sie eine gemeinsame Abendandacht ab. Feiertage sind – bis auf Karfreitag – im Konvent Arbeitstage. Heiligabend besteht Residenzpflicht. Die Konventualinnen sind für die Betreuung der Gottesdienste in der Klosterkirche zuständig, bevor sie gemeinsam essen und sich beschenken. Weihnachten dürfen auch Familienangehörige dazu kommen – so waren auch Charlotte Pattendens jüngste Söhne schon zu Weihnachten im Kloster.

Gemeinschaft,
Geschichte, Gemeinde

Es gibt viele Frauen, die sich im Kloster um eine Stelle als Konventualin bewerben. „Aber viele haben falsche Vorstellungen. Hier findet man nicht nur Ruhe und Abgeschiedenheit“, erklärt Charlotte Pattenden. Deshalb gebe es auch immer wieder Bewerberinnen, die sich dagegen entschieden. Zwar hat die 60-Jährige eine eigene, geräumige Wohnung im Krügerbau auf dem Klostergelände, in die sie sich jederzeit zurückziehen kann. Doch wenn sie nicht gerade fürs Kloster im Einsatz ist, muss sie ihre Übersetzungsaufträge abarbeiten. Hinzu kommen die regelmäßigen Besuche bei ihrer Mutter, die mit 103 Jahren in einem Pflegeheim in Lüneburg lebt. „Mein Leben ist nicht unterteilt in Arbeit und Freizeit. Ich versuche es ganzheitlich anzunehmen“, sagt sie. Für Charlotte Pattenden als studierte Germanistin und Historikerin ist das Leben im Kloster eine ideale Verbindung ihrer Interessen. Zum einen war sie auch in Großbritannien der Kirche sehr nah, zum anderen liegt ihr viel am Erhalt der Klosterkultur. „Ohne Achtung vor der Geschichte kann man hier nicht leben“, meint sie. Gemeinschaft, Geschichte, Gemeinde – mit diesen Schlagworten würde sie ihr Klosterleben beschreiben, das für sie eine wunderbare Mischung darstellt. „Es ist spannend, das im 21. Jahrhundert mitzumachen.“ Als Konventualin sieht sich Charlotte Pattenden als Repräsentantin des Klosters. Und so nimmt sie auch umgekehrt die Verantwortung wahr, die sie trägt. Für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, sich an die Klosterordnung zu halten. Dazu gehört zum Beispiel, sich angemessen zu kleiden – bei Führungen bedeutet das in Rock, Bluse und Blazer. Für den Besuch in der Kirche ziehen die Konventualinnen ihren Chormantel und eine Haube über. „Man sollte der Institution einfach Respekt zollen“, so ihre Einstellung. Sie ist stolz auf das belebte Kloster: „Dies ist ein Ort gelebter Geschichte und gelebten Glaubens mit einer ganz eigenen Atmosphäre.“ (JVE)