„Mehr ist mehr“

Marco Wenzig  ist Maskenbildner am Theater Lüneburg

Marco Wenzig liebt es, anderen Menschen die Haare zu frisieren und ihnen Make-Up aufzutragen. Der 42-Jährige arbeitet seit zwölf Jahren als Maskenbildner am Theater Lüneburg. Mit Haaren kennt sich Marco Wenzig gut aus, schließlich machen sie einen Großteil seiner Arbeit aus. Als der gebürtige Einbecker beschloss, sich als Maskenbildner ausbilden zu lassen, war für die Bewerbung noch eine abgeschlossene Friseurlehre oder eine artverwandte Ausbildung Voraussetzung. Das änderte sich 2003, als Maskenbildner als Beruf mit dreijähriger dualer Ausbildung staatlich anerkannt wurde. Den Wunsch, Maskenbildner zu werden, hatte Marco Wenzig schon im Alter von 14 Jahren. „Ich habe viel gemalt und Porträts gezeichnet. Meine jüngere Schwester musste immer als Modell herhalten”, erinnert sich der 42-Jährige. Nach der dreijährigen Ausbildung zum Friseur und dem Zivildienst ging er 2001 für ein Jahrespraktikum an die Landesbühne Hannover, wo er im Anschluss seine dreijährige Ausbildung zum Maskenbildner aufnahm. Sein Vorteil: „Wenn man sich am Theater bewirbt, wird man mit Friseurausbildung bevorzugt.” Als die Landesbühne Hannover mit dem Stadttheater Hildesheim zum Theater für Niedersachsen fusionierte und die Spielstätte in Hannover schließen sollte, wollte Marco Wenzig nicht mit nach Hildesheim gehen. Er suchte sich freiberufliche Engagements, bevor er seine erste feste Anstellung am Opernhaus Kiel, einem spartenübergreifenden Theater, erhielt. Hier blieb er nur ein Jahr, bis er durch Kontakte an das Theater Lüneburg geholt wurde. Seit 2009 lebt und arbeitet der Maskenbildner nun mitten in Lüneburg, gerade hat für ihn die 13. Spielzeit in der Hansestadt begonnen. Am Theater Lüneburg sind neben Marco Wenzig vier weitere Maskenbildnerinnen angestellt, hinzu kommt ein Auszubildender. Zu seinen Tätigkeiten gehören Schminken und Make-Up, aber auch das Anfertigen, Fixieren und Schneiden von Perücken. „Der Beruf entstammt dem Beruf des Perückenmachers”, weiß der Lüneburger. Rund 40 Stunden, so schätzt der Maskenbildner, koste ihn die Anfertigung einer passgenau auf den Schauspieler zugeschnittenen Perücke. „Es gibt klassische Produktionen, wo alle Schauspieler eine Perücke tragen, die sind im Bereich großer Oper im 19. Jahrhundert angesiedelt”, so Wenzig, „aber der Trend geht zum Natürlichen.” Perücken können für andere Darsteller durchaus geändert werden, so dass sie mehrmals verwendet werden. „Das Theater hat einen großen Fundus an Perücken. Wir haben bestimmt 300 Stück auf Halde – das ist ‘ne Menge für so ein kleines Haus.” Nach der Aufführung wäscht Marco Wenzig die Perücken und bringt sie in Form. „Sie stehen so lange, wie das Stück läuft”, erklärt er. „Ansonsten werden sie in Schubladen und Schränken aufbewahrt.” 

Nervosität in der Maske 

Während andere Maskenbildner eine Vorliebe für das Erstellen von Wunden und Narben haben, bevorzugt Wenzig das Frisieren und Make-Up der Darsteller. Bis zur Premiere eines Stückes werden am Theater Lüneburg gewöhnlich sechs Wochen Probenzeit eingeplant. Die drei Hauptproben, die Generalprobe eingeschlossen, finden schon komplett mit Kostüm und Maske statt. Zurzeit steht für Marco Wenzig die Oper „Così fan tutte” von Mozart auf dem Plan. Für das Stück kümmern sich zwei Maskenbildner um jeweils drei Darsteller. „Coronabedingt fällt der Chor weg. Aber normalerweise sind das 20 Leute, die zurecht gemacht werden müssen”, erklärt er. Je nach Produktion werden zwei Stunden Maskenzeit eingeplant. Es gibt einen Maskenplan, der streng eingehalten werden muss. „Die Darsteller müssen pünktlich sein, denn jeder hat seine Maskenzeit.” Ein Standard-Make-Up dauere nur etwa zehn Minuten, während zum Beispiel das Kleben einer Glatze mit Make-Up rund 40 Minuten in Anspruch nehme. „Einer braucht zehn Minuten, einer eine Stunde in der Maske”, so Wenzig. In der Maske herrscht oft eine angespannte Stimmung, denn jeder ist ein bisschen aufgeregt. Marco Wenzig bildet da keine Ausnahme: „Bei den Hauptproben bin ich auch aufgeregt, aber das setzt sich.” Bei der ersten Hauptprobe werden auch die Werbe- beziehungsweise Pressefotos für das Stück erstellt. Sollten danach noch Veränderungen an Kostüm oder Maske nötig sein, wird nachgebessert. „Wir achten bei der Hauptprobe auf das Zusammenspiel mit dem Licht – wirkt eine Person zum Beispiel zu grün?” Dies geschehe in Absprache mit den Kostümbildnern und der Regie. Grundsätzlich diene das Maskenbild dazu, den Charakter der gespielten Person zu unterstützen. „Dann fällt auch mal eine Perücke weg. Die Frisur oder ein Kostüm werden oft noch verändert.” Maskenbildner arbeiten nach Figurinen, Modellentwürfen für jede Person. Dazu gibt es Vorgespräche mit den Kostümbildnern. „Je ungenauer die Figurine ist, desto mehr Freiheiten haben wir. Es ist natürlich toll, eine detailgetreue Figurine zu haben, aber es ist auch toll, selbst kreativ zu werden”, so der Maskenbildner. Über die Inhalte der Stücke werden alle Beteiligten bei einem Konzeptionsgespräch inklusive Leseprobe informiert. „Meistens kennt man die Stücke”, fügt Wenzig hinzu. Mit den Kostümbildnern arbeiten die Maskenbildner eng zusammen, sie sind nicht immer aus dem Haus: „Der Spielplan ist sehr groß und vielfältig. Regisseure bringen gerne ihre Kostümbildner mit.”

Mehr Aufwand durch Auflagen

Die Corona-Pandemie brachte zwischenzeitlich auch den Betrieb am Theater Lüneburg zum Erliegen. Marco Wenzig ging, wie viele seiner Kollegen, für einige Monate in Kurzarbeit und konnte rund vier Monate überhaupt nicht arbeiten. Da der Auszubildende trotzdem seine Prüfung ablegen musste – coronabedingt an Gipsköpfen statt an Menschen –, durfte Marco Wenzig einmal die Woche ins Theater kommen, um ihn auf seine Prüfung vorzubereiten. Seit der Maskenbildner wieder unter Corona-Hygieneauflagen arbeiten darf, dauern seine Arbeitsschritte deutlich länger. Gearbeitet wird in der Maskenwerkstatt und der Abendmaske grundsätzlich mit FFP2-Maske und Handschuhen. Pinsel müssen desinfiziert werden, und jeder Maskenbildner hat für jeden Darsteller eigenes Material. Die Maskenbildner richten sich dabei nach den aktuellen Richtlinien für Friseure und Kosmetiker. „Es dauert durch Putzen und Desinfizieren alles viel länger, wenn man es gewissenhaft macht. Deshalb wurden die Maskenzeiten verlängert – nun gibt es für drei Leute anderthalb Stunden Maskenzeit”, so Wenzig. Coronabedingt werden am Theater Lüneburg einige Produktionen mit Doppelvorstellungen aufgeführt, auf viele Personen auf der Bühne wird verzichtet. Für jeden Raum wurde genau errechnet, wie viele Personen sich gleichzeitig dort aufhalten dürfen. „Die Maske ist nicht mehr so voll mit vielen Leuten”, meint Wenzig. „Normalerweise ist dort reger Betrieb, es geht zu wie im Taubenschlag.” In der Maske dürfen sich zurzeit maximal sechs Personen aufhalten, warten dürfen die Darsteller im Raum nicht. Der Theatersaal habe zudem eine vorbildliche Abzugsanlage mit Luftwechsler für die Bühne. „Die Bühne inklusive Zuschauerraum ist jetzt der sicherste Ort im Theater”, so seine Vermutung. Mit der Aufführung von „Così fan tutte”, das Mitte September Premiere feierte, geht die Saison am Theater Lüneburg richtig los. „Ich habe Così fan tutte schon mal gemacht, aber komplett anders – mit anderen Darstellern, anderem Bühnenbild und vom Optischen ganz anders”, erzählt der 42-Jährige. Das Maskenbild für die Oper macht ihm viel Spaß, weitere Highlights der Vergangenheit waren für ihn die Oper „Rigoletto”, der „Struwwelpeter” oder auch der Solo-Abend mit Philip Richert. Nach dem Motto „Mehr ist mehr” macht er gerne viel Make-Up. „Aber wenn es der Kunst dient, kann es auch weniger sein”, räumt er ein. Für ihn ist es wichtig, dass die Zuschauer auch in der letzten Reihe noch die Augen und Konturen der Darsteller erkennen können. „Im Zusammenspiel mit dem Licht werden die Augen größer gesetzt.” Die Pigmentierung der Theaterschminke sei höher als beispielsweise beim Fernsehen. „Im Fernsehen soll die Schminke aussehen wie nichts”, weiß er aus seiner Zeit als Freiberufler, als er auch für Fernsehproduktionen tätig war. „Ich habe mehr Spaß, wenn ich in die Vollen gehe.”

Endlich wieder  Applaus

Wenn Darsteller mehrere Figuren spielen, gehören zu den Stücken auch Umzüge, die nicht nur einen Kostümwechsel, sondern auch das Umschminken in Windeseile an der Seitenbühne erfordern. „Das ist immer wieder aufregend, aber das wird geprobt.” Vom Stück selbst bekommt der Maskenbildner während der Aufführung nicht viel mit. Während der Proben setzt er sich jedoch mal in den Zuschauerraum. Sobald ein Stück Premiere hatte, sollte an der Maske nichts mehr verändert werden. Auch bei Wiederaufnahmen wird alles wie zuvor auf die Bühne gebracht, es sei denn, es gab einen Schauspielerwechsel. Ursprünglich wollte Marco Wenzig nur zwei bis drei Jahre am Theater Lüneburg bleiben – er wollte noch andere Theater kennenlernen. Doch mit dem Intendantenwechsel kam ein festes Schauspielensemble. „Das hat das ganze Haus verändert”, meint er. „Das hat es für mich interessanter gemacht. Man ist sich sehr nah, fast freundschaftlich. Wir haben Glück, dass wir uns alle gut verstehen.” Die Kollegen wegen der Pandemie über Monate nicht sehen zu können, habe in der Belegschaft die Stimmung gedrückt: „Jeder ist froh, wieder arbeiten zu dürfen. Die Stimmung ist gut und alle sind voller Tatendrang. Als bei der Gala zum Theaterfest zum ersten Mal wieder das Klatschen des Publikums zu hören war, war das sehr schön. Da weiß man, warum man das macht.” Bei seinem Arbeitspensum hat der Maskenbildner kaum Zeit für ein Privatleben. Zu seinem Glück arbeitet sein Lebenspartner ebenfalls am Lüneburger Theater. In der Regel fängt seine Arbeitszeit um 9 Uhr an und geht bis zum Probenschluss um 14 Uhr, abends geht der Dienst dann weiter. „Man muss schon auf Familienfeiern verzichten, und der Urlaub muss immer in der sechswöchigen Spielzeitpause genommen werden”, erklärt Wenzig. Auch Weihnachten und Silvester müsse gearbeitet werden, „aber das weiß man ja vorher.” Als Weihnachten 2020 das Theater geschlossen war, konnte Marco Wenzig das erste Mal seit Jahren drei volle Weihnachtstage mit der Familie verbringen. „Das war dann die positive Seite der Pandemie”, meint er. Der Maskenbildner empfindet den Stress, den sein Beruf mit sich bringt, nicht als negativ: „Ich habe einen sehr interessanten und vielfältigen Beruf. Es bereicherte mein ganzes Wesen, mit vielen offenen und kreativen Menschen zu tun zu haben. ” (JVE)