Medizin, die Krank macht

Immer mehr Antibiotika werden unnötig verschrieben – mit fatalen Folgen

Antibiotika gelten als Wunderwaffe der Medizin. Doch sie wird stumpf – wegen zunehmender Resistenzen. Die Vereinten Nationen sprechen von der größten globalen Gefahr.  „Herr X hat Halsschmerzen. Er kauft sich Penicillin und nimmt ein paar Tabletten ein. Nicht genug, um die Streptokokken abzutöten, aber immerhin so viele, um den Bakterien beizubringen, dem Angriff des Antibiotikums zu widerstehen. Dann steckt er seine Frau an. Sie erkrankt an einer Lungenentzündung und bekommt ebenfalls Penicillin. Weil die Streptokokken nun aber resistent gegen das Medikament sind, versagt die Behandlung. Die Frau stirbt.“ Mit dieser Schilderung eines wahren Falls schloss der schottische Chemiker Alexander Fleming seine Rede, die er 1945 anlässlich der Entgegennahme des Medizin-Nobelpreises für die Entdeckung des Penicillins hielt. Seine Warnung vor dem übermäßigen Gebrauch von Antibiotika sollte ein hypothetisches Zukunfts- beziehungsweise Schreckensszenario beschreiben. Heute wissen wir, dass Flemings Warnung nicht ernst genommen wurde. Längst ist Realität geworden, dass die stetige Aufrüstung im Kampf gegen Infektionen zu einem Anwachsen der Zahl sogenannter multiresistenter Keime geführt hat und immer mehr Menschen tötet. Mehrere Untersuchungen zeigen: Viel zu oft verordnen Ärzte ein Antibiotikum – obwohl das gar nicht wirken kann. So erhielten laut Techniker Krankenkasse (TK) im vergangenen Jahr 27 Prozent der Beschäftigten, die wegen einer Erkältung krankgeschrieben wurden, Antibiotika verschrieben. Bei virenbedingten Erkältungskrankheiten bringt das jedoch gar nichts. Dennoch die Folge: Die Behandlungsmöglichkeiten bei schweren bakteriellen Infekten drohen laut Gesundheitsministerium wegen Resistenzen auf den Stand vor der Entdeckung des Penicillins 1928 abzusinken. Das sei eine dramatische Entwicklung. „Wenn Antibiotika nicht mehr wirken, bricht eine tragende Säule unserer Gesundheitsversorgung weg“, warnt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. Ärzte müssten für den Kampf gegen den unbedachtem Einsatz ebenso sensibilisiert werden wie die Patienten: Auch die Bevölkerung brauche ein stärkeres Bewusstsein dafür, „dass Antibiotika nicht bei jedem Husten oder einer tropfenden Nase helfen“. Multiresistente Keime sind vor allem in Krankenhäusern ein zunehmend großes Problem geworden. Deutschlandweit sterben pro Jahr rund 40.000 Menschen an solchen gefährlichen Bakterienstämmen. Das Lüneburger Klinikum fährt seit bereits sieben Jahren ein spezielles Programm im Kampf gegen die MRSA-Keime. Die wichtigste Maßnahme: Nach jedem Hautkontakt müssen sich Klinikmitarbeiter die Hände desinfizieren. Das wird sogar über einen Chip erfasst, der ein Signal empfängt, sobald ein Desinfektionsspender betätigt wird. Die Daten werden anonym erfasst. Das Hygieneverhalten einzelner Berufsgruppen könne so dokumentiert und bei Bedarf verbessert werden, so der Hygienechef des Klinikums, Frank Oppenheimer, zu NDR1 Niedersachsen. Darüber hinaus werden Risikopatienten gescreent.

Das sind unter anderem Patienten, die in den vergangenen zwölf Monaten in einer Klinik waren wie Brigitte P. Die Brustkrebspatientin steht vor ihrer zweiten OP – der Port muss entfernt werden, eine kleine Kammer mit einem Katheter, der in eine herznahe Vene mündet. Über diesen Port bekam Brigitte P. während ihrer Chemotherapie Medikamente zugeführt – die meisten Zytostatika lassen sich nicht als Tablette schlucken. Brigitte P: „Vor meiner neuen OP wurde ich penibel untersucht, es wurden Abstriche genommen, quasi jede Körperöffnung kontrolliert. Man sagte mir, das müsse so sein, wegen der Keime.“ Durch diese und andere Maßnahmen konnte die Zahl der Patienten, die sich in der Klinik MRSA-Keime eingefangen haben, drastisch reduziert werden – auf unter 0,1 Prozent aller Patienten. Nicht überall sieht die Bilanz allerdings so positiv aus wie im Lüneburger Klinikum. Auch der übermäßige Einsatz von Antibiotika in der Nutztierzucht (z.B. um die Mast zu beschleunigen oder die Sterblichkeit zu verringern) stellt ein Problem dar – allerdings kein so großes, wie aus manchen reißerischen Medienberichten hervorzugehen scheint. Das belegen Studien des Bundesinstituts für Risikobewertung. Danach haben weniger als fünf Prozent der Infektionen mit multiresistenten Erregern ihren Ursprung in der Tiermedizin. Zudem konnte nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die in der Tiermedizin abgegebene Menge an Antibiotika in den letzten Jahren mehr als halbiert werden. (RT)

Was jeder selbst tun kann

  • Behandeln Sie sich nie auf eigene Faust mit Antibiotika.
  • Nehmen Sie die Mittel nur dann ein, wenn Sie sie wegen einer bakteriellen Infektion verschrieben bekommen haben.
  • Nehmen Sie nie Antibiotika ein, die jemand anderem verordnet wurden.
  • Geben Sie auch nie Ihr Antibiotikum an jemand anderen weiter – selbst dann nicht, wenn derjenige scheinbar dieselben Beschwerden hat wie Sie.
  • Kaufen Sie Antibiotika nie ohne Rezept im Internet oder im Ausland ein.
  • Nehmen Sie ein verschriebenes Antibiotikum nur in der verordneten Wirkstoffmenge und auch genauso lange ein, wie es ein Arzt verordnet hat.