Liebe ohne Maß, Hassen ohne Grund

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung führen ein Leben wie eine unkontrollierbare Achterbahnfahrt

Borderliner“ leiden unter häufigen, -extremen Stimmungsschwankun-gen, ihr Verhalten scheint häufig irrational und unüberlegt, vielfach verletzen sie sich auch selbst. Doch Betroffenen kann geholfen werden – die Behandlung sollte möglichst früh beginnen. „Ich schneide mein Leben in Stücke. Dies ist mein letzter Ausweg…“. Der Gedanke, sich freiwillig Schmerz zuzufügen, schreckt viele Menschen ab und erzeugt oftmals Unverständnis. Es scheint ein Paradoxon, dass durch die Hilfe selbst zugefügter körperlicher Schmerzen der seelische Schmerz gelindert wird. Doch genauso ist es für viele Betroffene. Sie spüren sich erst, wenn sie sich selbst weh tun. In Film, Musik und Literatur wird die Thematik „Selbstverletzendes Verhalten“ und Borderline (aus dem Englischen: „Grenzlinie“) immer wieder aufgegriffen. Das obige Zitat aus dem Song „Last Resort“ der US-amerikanischen Band Papa Roach steht nur stellvertretend für eine Vielzahl künstlerischer Darstellungen. Warum dieses Thema so präsent ist in der Kunst, mag auch daran liegen, dass viele Künstler selbst unter der Borderline-Krankheit leiden oder gelitten haben sollen. Prof. Dr. Borwin Bandelow, Psychologe und Angstforscher an der Uni Göttingen, befasste sich unter anderem genau mit dieser Frage. Er untersuchte die Persönlichkeitsmuster von Stars, die zum berühmt-berüchtigten „Club 27“ gehören, also mit 27 Jahren starben. „Sie weisen viele Gemeinsamkeiten auf, verletzten sich selbst, waren teilweise sehr aggressiv, hatten Essstörungen, nahmen viele Drogen auf einmal, hatten zahlreiche On-Off-Beziehungen und einen Mangel an Selbstkritik.“

Phänomen der Neuzeit

Borderline-Störungen werden heutzutage vor allem bei jungen Erwachsenen inzwischen so häufig diagnostiziert, dass die Diagnose eine Modediagnose und die Störung selbst ein Phänomen der Neuzeit zu sein scheint. Dem ist aber nicht so: Die Borderline-Störung ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung und erste Beschreibungen des Krankheitsbildes traten bereits Ende des 17. Jahrhundert auf. Diese gehen auf den englischen Arzt Thomas Sydenham zurück, der über seine Patienten schrieb: „Sie lieben diejenigen ohne Maß, die sie ohne Grund hassen werden.“ Innerhalb der Gesamtbevölkerung Deutschlands leiden nach jüngsten Erhebungen zirka zwei bis fünf Prozent an einer Borderline-Störung. Darüber hinaus sind etwa zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung von Borderline-Symptomen betroffen. Was sie mehr oder weniger eint, ist, dass ihre Identität nicht abgeschlossen ist und sie Probleme haben, ihr Selbst wahrzunehmen. Ihr Verhalten und ihr Erscheinungsbild sind von Erwartungen beziehungsweise sozialen Kontakten in ihrer Umgebung abhängig. Dies äußert sich in oftmals dramatischen Umschwüngen ihres Fühlens, Denkens und Empfindens. Gleichzeitig benötigen „Borderliner“ eigentlich von Kindesbeinen an überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit – inklusive ambulanter und stationärer Maßnahmen in Spezialkliniken.

Neue Jugendlichen-station in Lüneburg öffnet im Januar

Im Januar 2021 eröffnet die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) eine neue Jugendlichenstation mit DBT-A-Schwerpunkt. Das Angebot richtet sich an Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren mit Emotionsregulationsstörungen, bei denen ambulante Maßnahmen nicht mehr ausreichen. Die Störung der Emotionsregulation – Verhaltens weisen, Strategien und Fähigkeiten, die dazu dienen, mit Gefühlen adäquat umzugehen und sich nicht davon überwältigen zu lassen – gilt unter anderem auch als Kernproblem der Borderline-Persönlichkeitsstörung. „Unser neues Behandlungsangebot orientiert sich am sogenannten DBT-A-Konzept auf Grundlage der Dialektisch-Behavioralen Therapie für Jugendliche nach Marsha M. Linehan“, erklärt Oberärztin Dr. med. Juliane Klein. „Diese Therapieform wurde in den USA für Jugendliche mit beispielsweise selbstverletzendem Verhalten, Depression und einer erhöhten Risikobereitschaft sowie Beziehungsproblemen entwickelt.“

Lebensqualität zurückgewinnen

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche mit Problemen der Gefühlsregulation setzt dort an, wo diese Verhaltensweisen für die weitere Persönlichkeitsentwicklung gefährlich werden und beim jungen Menschen oder seinem Umfeld Leid entsteht. Ziel der Behandlung ist es, den Patienten und seinen Bezugspersonen „Skills“ beziehungsweise Fähigkeiten beizubringen, um mit heftigen Gefühlen und Situationen besser umgehen zu können. Das in der Regel zwölfwöchige Programm in der neuen Lüneburger Klinik soll den jungen Patienten helfen, Lebensqualität zurückzugewinnen und ihren Alltag besser bewältigen zu können. „Die Therapie hat sich bewährt, zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass sie wirksam ist“, so Dr. Klein. Die Therapie kann von Jugendlichen aus dem gesamten Einzugsgebiet der KJPP in Anspruch genommen werden, das sind die Landkreise Lüneburg, Harburg, Stade, Soltau, Uelzen und Lüchow-Dannenberg. Tipp: Ab Januar 2021 besteht – sobald es die Pandemie-Beschränkungen zulassen – an jedem dritten Donnerstag eines Monats die Möglichkeit, die Station zu besichtigen. Weitere Informationen auch unter www.pk.lueneburg.de.

Das Wesen der Störung

Indizien für eine mögliche Borderline-Störung, deren Wesen impulsives und damit verbunden oftmals selbstschädigendes Verhalten ist, gibt es viele. Beispiele sind wiederholt unüberlegte Vertragsabschlüsse oder Geldausgaben, welche zur Verschuldung führen und somit die weitere Lebensplanung beeinflussen. Einige Betroffene nehmen illegale, stoffgebundene Drogen oder greifen immer wieder zu Alkohol, um eine gefühlte unerträgliche innere Leere zu füllen. Andere „kämpfen“ mit Fressanfällen, Hungern oder benutzen regelmäßig Abführmittel. Dann gibt es Personen, die versuchen, durch risikoreiches Fahrverhalten ihre innere Anspannung zu lösen. Überdies kann sexuelles Verhalten zur Selbstschädigung führen, durch einen häufigen Wechsel der Sexualpartner oder rücksichtslose Sexualpraktiken. (RT)