Licht im Dunkeln

Volkskrankheit Depression: Kann man das miese Gefühl einfach wegklicken?

Depressive sehen alles wie durch eine schwarze Brille. Neue Apps sollen Betroffenen helfen. „Einatmen … langsam und ruhig … die Luft halten … und ganz langsam wieder ausatmen. Und nun stellen Sie sich folgenden Gedanken vor: Ich vergebe!“ Vergeben? Gar nicht so einfach, wenn man anderen, aber vor allem sich selbst gegenüber nur emotionale Kälte spürt. Aber angeblich soll das helfen gegen Depressionen und ist deswegen auch einer der Inhalte des (kostenpflichtigen) internetbasierten Programms Deprexis. Es funktioniert fast so wie ein Multiple-ChoiceTest. Antwortet man auf die Frage, ob man in seiner Kindheit oder Jugend schlecht behandelt wurde, mit „Ja“, wird die oben genannte Meditationsübung vorgeschlagen.

Alles Nonsens? Experten sagen was anderes. So wurden in einer Untersuchung 1.000 Depressive mit leichten und mittelschweren Symptomen von Ärzten und Psychologen über ein Jahr intensiv begleitet. Sie haben getan, was Depressive im Normalfall so tun: Sie haben sich in Psychotherapie begeben, waren auf einer Warteliste für eine Therapie, haben sich bekannte Medikamente verschreiben lassen oder auch gar nichts unternommen. 500 von ihnen hatten zusätzlich Zugang zu einem Internetprogramm wie Deprexis. Das Ergebnis: Diejenigen, die so ein Programm nutzen konnten, fühlten sich schneller wieder besser. Einige reagierten sogar geradezu euphorisch: „Die App hat mein Leben auf den Kopf gestellt“. Deprexis ist natürlich längst nicht die einzige App, die sich mit Depressionen beschäftigt. Fast monatlich kommt eine andere auf den internationalen Markt. Sie alle funktionieren ähnlich, motivieren, geben Tipps, wie man die lähmende Lethargie überwinden kann.

Nutzer der sogenannten Moodpath App zum Beispiel erhalten dreimal am Tag Fragen zur aktuellen Stimmung. Das Screening passt sich dabei stets an das Antwortverhalten des Nutzers an. Parallel zum Screening erhält der Nutzer im Bereich „Wissen“ jeden Tag spielerisch aufbereitet und einfach verständlich interessante Informationen, wie man eine Depression erkennt, wie sie ausgelöst und behandelt werden kann. Die Arya App wiederum ist in erster Linie ein mobiles Stimmungstagebuch, die App 7Mind fokussiert sich auf Meditationstraining, Selfapy ist als geleitete Online-Therapie beziehungsweise Online-Selbsthilfe entwickelt worden. Ein digitales Angebot der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist die App „GET.UP“: Da depressiv Erkrankte sich dauerhaft erschöpft fühlen, neigen sie dazu, früher ins Bett zu gehen und länger liegen zu bleiben; dies kann die Depression jedoch noch deutlich verstärken. Zur Überraschung vieler Betroffener führt die Reduktion der Bettzeit zu einer spürbaren Besserung. Kann man mit den digitalen Helfern das miese Gefühl einfach wegklicken? Es wäre schön, wenn das ginge. Leider ist das aber nicht möglich; Depressionen, Ängste, Sorgen und Unsicherheit lassen sich nicht so einfach beseitigen. Die internetbasierten Hilfen sind bestenfalls unterstützende Maßnahmen im Rahmen einer fachmedizinischen Behandlung, sagen Experten. Bisher erhält jedoch nur eine Minderheit der depressiv Erkrankten eine solche (notwendige) optimale Behandlung. Die Gründe sind vielfältig: „Die Depression wird oft unterschätzt oder den Betroffenen mangelt es krankheitsbedingt an Energie und Hoffnung, um sich Hilfe zu holen. Hinzu kommen bestehende Vorurteile gegenüber der Erkrankung. Dabei kann den meis-ten Menschen gut geholfen werden, wenn sie sich rechtzeitig Hilfe suchen“, so Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Allein in Deutschland leiden rund sieben Millionen Menschen pro Jahr an einer behandlungsbedürftigen Depression. Während eine leichte Befindlichkeitsstörung meist relativ zügig von selbst wieder verschwindet, frisst sich eine „echte“ Depression – untherapiert – tief in die Seele des Betroffenen. Den dadurch verursachten Schaden schätzt das Statistische Bundesamt auf über 15 Milliarden Euro. Viele Betroffene (90 Prozent!) finden nicht den Weg in die Psychotherapie. Gerade für diejenigen, die still unter ihrer Krankheit kaputtzugehen drohen, können die Apps eine Bereicherung sein und möglicherweise der erste Einstieg in eine professionelle (nachhaltige) Hilfe.

Mehr als „nur“ Traurigkeit

In einer (schweren) Depression verändert sich das ganze Leben

Manche Patienten mit extremen Krankheitsbefunden sagen, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Nicht nur die Stimmung ist getrübt, sondern es besteht eine tiefsitzende Unfähigkeit, irgendeine Freude zu empfinden. Farben, Musik, positive Ereignisse – das alles erreicht einen nicht mehr. Man hat ein beklemmendes Gefühl der Erschöpfung, man neigt zu Schuldgefühlen. Betroffene schlafen schlecht ein, können meistens nicht durchschlafen und liegen ab den frühen Morgenstunden grübelnd im Bett. Appetitstörungen sind ebenfalls verbreitet, oft verbunden mit Gewichtsverlust. Es schmeckt einfach nichts. Noch ein entscheidendes Merkmal ist die Hoffnungslosigkeit. Betroffene haben das Gefühl, sie stecken in einer Sackgasse, aus der sie nicht mehr rauskommen. Damit sind dann oft Suizidgedanken assoziiert: Auch darum ist eine Depression mehr als „nur“ Traurigkeit, die wieder vergeht, sondern eine schwere Erkrankung. (RT)

 

Akute Krise – wer hilft?

In akuten Krisen oder bei Selbst-mord-gedanken können beispiels-weise folgende Institutionen schnellen Beistand leisten:

  • Deutschlandweites Info-Telefon Depression:  0800 33 44 5 33
  • die Telefonseelsorge unter den gebührenfreien Telefonnummern 0800 1110111 oder 0800 1110222
  • eine psychiatrische Ambulanz
  • die Notaufnahme einer Klinik mit psychiatrischer Abteilung
  • der Notruf 112

Selbsttest, Wissen und Adressen rund um das Thema Depression auf

www.deutsche-depressionshilfe.de