Kunst für die Seele

Benjamin Albrecht baut historische Lüneburger Häuser aus Lego nach

Benjamin Albrecht ist ein „Adult Fan of Lego” – ein erwachsener Lego-Fan. Nachdem der Lüneburger in seiner Kindheit viel mit den kleinen Kult-Steinchen gebaut hatte, hat er im Erwachsenenalter wieder damit angefangen. Nun baut er historische Lüneburger Häuser nach. Benjamin Albrecht ist freiberuflicher Webdesigner und Musiker. Da seine Arbeit als Musiker seit Beginn der Corona-Pandemie praktisch brachliegt, hat er eine anregende Beschäftigung gefunden. Der 42-Jährige entwirft historische Lüneburger Bauwerke am Computer, bevor er sie aus Lego in einem Maßstab von ungefähr 1:43 nachbaut. Das erfordert nicht nur Geduld, sondern oft auch Kreativität, denn Lego ist nicht für den Bau historischer Gebäude gemacht. Sein neues Hobby hat er seinen Eltern zu verdanken. Vor etwa sieben Jahren wollten sie seine Lego-Bestände aus der Kindheit loswerden und gaben sie an ihren Sohn weiter. „Es waren ein paar Kisten bunt gemischte Steine vom Flohmarkt”, so Benjamin, der die Steine zunächst bei sich aufbewahrte. „Ich habe mich gefragt, was soll ich mit dem Kram?” erinnert er sich. Der Webdesigner, der alleine in der Lüneburger Altstadt lebt, hat in seiner Wohnung nicht viel Platz. Als er eines Tages am Stint am Alten Kran vorbeikam, kam ihm plötzlich die Idee, das historische Bauwerk aus Lego-Steinen nachzubauen.

Nicht drauflos bauen

Doch der Lego-Fan baute nicht einfach drauflos. Mit einem spezialisierten 3D-Programm entwarf er das Bauwerk zunächst am Rechner. „Die Denkweise des Programms ist mir als Webdesigner nicht fremd”, erklärt er. Dennoch handelt es sich nicht um eine Arbeit von Stunden, sondern von Wochen, bis der fertige Bauplan steht und das Gebäude aus Lego wirklich nachgebaut werden kann. Der Alte Kran und das historische Gebäude, in dem er lebt, waren Benjamins erste nachgebaute Bauwerke aus Lego. „Irgendwann nahm es von alleine Fahrt auf. Ich war sehr begeistert und nervte meine ganze Umgebung damit”, erinnert sich der 42-Jährige. Seitdem entwarf er zahlreiche Lüneburger Gebäude am Rechner und baute einige Modelle auch mit Lego nach. Zwar sieht er seinen Lego-Modellbau noch als Hobby, doch er spürt, dass das Interesse von außen groß ist. So hat er auch schon erste Aufträge zum Nachbau bestimmter Lüneburger Gebäude erhalten und könnte sich mehr Aufträge dieser Art vorstellen. Die erwünschte Selbstisolation während des Corona-Lockdowns stellt für Benjamin durch sein Hobby kein Problem dar. „Ich setze mich freiwillig hin und kann mich stundenlang darin vergessen”, sagt er. „Im Lockdown zu Hause zu sitzen stört mich nicht.” Ein paar Tausend Legosteine hat er zu Hause, doch die meisten Steine muss er in der ganzen Welt in kleinen Mengen zusammensuchen und bestellen – die Community erwachsener Legofans nutzt dafür ein Portal für Legosteine. „Ich kaufe steingenau ein”, so der Modellbauer, „zum Beispiel 728 weiße Einer und drei Schwimmflossen – dazu muss ich das genaue Modell haben.” Die Lego-Schwimmflossen funktioniert er genauso wie Rollschuhe, Schuhe, Hüte, Draculaflügel, Auto- oder Raumschiffteile um zu Gebäude- oder Dachteilen, denn nicht alles gibt es aus Lego – zum Beispiel Treppengiebel oder Ornamente. Auch die Preise der einzelnen Teile unterscheiden sich erheblich – so sind zum Beispiel dunkelrote Steine, die er für den Bau von Backsteingebäuden in großen Mengen benötigt, bis zu zehnmal teurer als die typischen knallroten Legosteine. Hinzu kommt, dass durch die Pandemie der Versand von Paketen und Päckchen länger dauert. „Ich bestelle aus aller Welt, das ist viel komplizierter geworden mit Corona”, so Benjamin. Der Einkauf für ein einzelnes Gebäude muss gut geplant werden. Während er ein Haus am Computer entwirft, erzeugt er praktisch eine Bauanleitung, die ihm vorgibt, wie viele Steine er von welcher Sorte braucht. „Der Einkauf dauert einen ganzen Arbeitstag”, erläutert er, „ich brauche ganz viele verschiedene Steinsorten, das sind mehrere Tausend Steine pro Haus.”

Vokabular an Steinen

In der Regel dauert es mehrere Wochen, bis alle Legosteine bei dem Modellbauer eintreffen. Das Entwerfen am Rechner ist die Hauptarbeit – auch wenn das Interesse des Umfeldes an den real gebauten Modellen höher ist. „Die digitale Planung ist für mich 85 Prozent der Arbeit.” Wenn es an den Aufbau geht, sortiert er die Steine in kleinen Schälchen, damit er nicht lange suchen muss. Beim Aufbau fängt er, so profan es klingt, von unten an. Gute Vorarbeit ist dabei wichtig: „Wenn man ordentlich geplant hat, geht das mit dem Aufbau.” Fertig aus Lego gebaut hat Benjamin Albrecht bisher dreieinhalb Lüneburger Gebäude, zum Beispiel ein Zigarrenladentrio An den Brodbänken. „Ein viertes Haus ist komplett in der Post”, fügt er hinzu. Für eine multimediale Ausstellung im Museum Lüneburg in der zweiten Jahreshälfte baut er fleißig weiter, denn etwa elf Lüneburger Lego-Modelle von ihm sollen dann Teil der Ausstellung sein. Dass das Museum ihn nach einer Beteiligung an der Ausstellung fragte, begeistert ihn – zumal für ihn zurzeit Jobs als Musiker und Theatermusiker wegfallen.

Benjamin Albrecht hat zahlreiche Entwürfe für weitere Lüneburg-Modelle auf seinem Computer. „Ich kann nicht verneinen, dass es mein Traum wäre, eine permanente Lüneburg-Ausstellung mit meinen Lego-Modellen zu machen”, stellt er fest. So wären Modelle der bedeutenden Plätze Am Sande, Marktplatz und Stint bereits am Wachsen. „Ich sitze fast jeden Tag am Rechner. Dabei will ich selbst die Herausforderung und suche schwere Häuser raus.” Was die verschiedenen existierenden Steine und Teile angeht, ist Benjamin inzwischen Experte. „Irgendwann hat man eine Art Vokabular an Steinen.” Und er lernt weiter dazu: Er beobachtet genau, was Lego an neuen Steinarten und Farben herausbringt, denn er könnte sie vielleicht gebrauchen.

Erwachsene Fanszene

In seiner Heimatstadt Lüneburg ist Benjamin immer auf der Suche nach interessanten Bauwerken. Bei Spaziergängen durch die Straßen macht er Fotos und vermisst die Gebäude mit einem Lasermessgerät, um relativ genaue Maßstäbe zu haben. Es gab schon Gelegenheiten, wo er in Anwesenheit anderer Menschen so tat, als würde er in der Stadt Pokemons jagen – mit Lasermessgerät aufzufallen, ist ihm unangenehm. Auch in die Community der „Adult Fans of Lego”, kurz AFOL, ist er inzwischen eingetaucht, obwohl pandemiebedingt noch keine persönlichen Treffen möglich waren. Hatte er zunächst Vorbehalte, in eine Welt voller „Nerds” einzutreten, ist er positiv überrascht von der Gemeinschaft. „Es ist eine sehr friedliche Szene – Leute, die wie ich beruflich etwas Anderes machen, zum Beispiel Produktdesign-Studenten. Die Szene ist weder eitel, noch gibt es Ellenbogen, man ist sehr höflich – das ist eine Wohltat. Man kann viel voneinander lernen”, meint Benjamin. Erwachsene Fans, die Gebäude bauen, gibt es weltweit zahlreich, doch nicht alle sind so detailverliebt wie er. „Bei mir soll es nicht so aussehen wie bei Minecraft, so pixelig”, betont er. Er hat durch die Community den Unterschied zwischen „legal” und „illegal bauen” gelernt: Das Gebaute muss am Ende von selbst halten, es muss frei stehen, und kleben ist ein No-Go. Benjamin nennt seine Lego-Modelle „Kunstruktionen”. Für ihn ist das Hobby eine Mischung aus Konstruktion und Kunst, Ästhetik und Physik. Seine Fähigkeiten in einer der angesagten TV-Shows unter Beweis zu stellen, ist hingegen nichts für ihn. Eine Anfrage nach der Teilnahme bei den Lego Masters in den USA sagte er ab. Die Vermutung, dass die Öffentlichkeit ihn bestimmt für einen Nerd halte, lässt der 42-jährige Legobauer hin und wieder fallen. Dabei hat er in seinem direkten Umfeld bisher andere Erfahrungen gemacht. „Meine Freunde wundern sich nicht mehr, ich hatte immer unnormale Jobs”, erzählt er. „Ich habe bei Struwwelpeter im Theater Musik gemacht, habe Straßenmusik mit Felix Meyer gemacht und bei Santiano Keyboard gespielt.” Auch seine Eltern, die immer still auf seine neuesten Ideen reagiert hätten, seien begeistert von seinem Lego-Modellbau. Zudem ist seine Wohnung nicht auffallend mit Lego überfrachtet – ins Auge sticht nur eine Sammlung alter Legomännchen.

Detailtreue zählt

Bisher baut Benjamin ausschließlich Unikate. „Auch bei ganz teuren Teilen habe ich keine Scheu, sie zu bestellen”, sagt er, denn er achte nicht auf den Preis, sondern auf Ästhetik. Seine Modelle für die Massen herzustellen, wäre viel zu teuer. Für sich selbst probierte er bereits, ein Modell in eine erschwingliche Variante umzuplanen. „Aber dann hebt es sich nicht mehr ab”, so seine Erkenntnis. Benjamin weiß, dass es eine Stadtbaureihe von Lego gibt, doch die Modelle sind kleiner und weniger aufwendig. Seine Modelle sind an die „Körpergröße” der Legomännchen angepasst, so dass die Figuren in den Häusern wohnen könnten. Dieser Maßstab stellt ihn bei Bauwerken wie dem Lüneburger Wasserturm oder einer der Kirchen vor große Herausforderungen. Die für ihn nahe gelegene St. Michaeliskirche, die bereits Interesse signalisierte, hätte im Lego-Modell eine Größe von etwa 1,80 Meter. Mit dem Bau des Turmhelms hat er bereits begonnen – wegen der besonderen Form. Theoretisch könnte er jedes Gebäude nachbauen, „auch eine Neubaufassade ist cool”, meint er. Diese sei jedoch auch nicht zu unterschätzen: „Der simpelste Neubau hat auch ganz viele Schnörkel.” Was für ihn zählt, ist die Detailtreue, er möchte ein Gebäude auf Anhieb erkennen können. „Ich beiße mich so lange fest, bis ich zufrieden bin.” Inzwischen hat Benjamin Albrecht die Not zur Tugend gemacht und investiert viel Zeit in seinen Modellbau – unter Zeitdruck steht er nicht. „Es ist nicht mehr nur eine Sonntagsabends-Beschäftigung”, erklärt er, „ich nenne es Kunst für die Seele. Das Schöne an dieser Kunst ist, dass sie ein wenig obskurer ist.” Auch ein Kalender mit seinen 3D-Modellen sowie Poster können unter www.albrick.de bestellt werden. (JVE)