Keine Angst vor dem Wolf

Ulrike Kressel ist Wolfsberaterin im Landkreis Lüneburg

Der Wolf hat wieder Einzug gehalten in Deutschland. Doch seine Rückkehr spaltet die Gesellschaft. Die Population wächst, die Zahl der Risse von Weide- und Nutztieren steigt. Aber Angst müsse man vor dem Wolf nicht haben, meint Ulrike Kressel. Als Wolfsberaterin beschäftigt sich die 50-Jährige seit Jahren mit dem Raubtier. Seit rund 20 Jahren ist der Wolf, einstmals ausgerottet, zurück in Deutschland. Vor fast 15 Jahren wurden in Niedersachsen wieder Wölfe in freier Wildbahn gesichtet. Ulrike Kressel verfolgt das Geschehen seit Jahren interessiert. Die freiberufliche Journalistin begleitete in ihrem Job über längere Zeit einen Wolfsberater bei der Arbeit, lernte das Ehrenamt aus nächster Nähe kennen. Schließlich empfahl ihr der Wolfsberater, sich ebenfalls dafür zu bewerben. Nach mehreren Schulungen hat Ulrike Kressel das Ehrenamt der Wolfsberaterin im Landkreis Lüneburg 2016 übernommen. „Ich stehe der Rückkehr der Wölfe sehr positiv gegenüber, sehe aber auch Probleme für die Nutztierhalter”, fasst die Bleckederin zusammen. Heute hätten beispielsweise Schafhalter mehr Aufwand, ihre Tiere zu schützen. Die Wolfsberaterin berät sie zum Herdenschutz, außerdem nimmt sie Spuren und Sichtungen auf und dokumentiert Nutztierrisse, wenn diese auf den Wolf zurückzuführen sind. Auch für die Bevölkerung ist sie Ansprechpartnerin.

Zwei Wolfsrudel im Landkreis

Es gibt Zeiten, da häufen sich Nutztierrisse, und Ulrike Kressel muss rausfahren und diese aufnehmen, wenn sie von Tierhaltern kontaktiert wird. „Im Herbst und Winter gibt es vermehrt Übergriffe”, erklärt sie, „dann sind die Welpen groß und der Aktionsradius der Eltern wird größer. Im Frühjahr und Sommer werden die Welpen aufgezogen und die Eltern konzentrieren sich auf das Umfeld der Wurfhöhle.”  Im Landkreis Lüneburg ist links und rechts der Elbe je ein Wolfsrudel bekannt. Das Monitoring, also das Zählen und Dokumentieren der Wölfe, übernimmt in Niedersachsen die Landesjägerschaft. Ein im Monitoringjahr 2017/18 zusammengefundenes Wolfspaar im Amt Neuhaus hat nachweislich 2018/19 zwei Welpen bekommen, im vergangenen Monitoringjahr dann drei Welpen. Ein Monitoringjahr geht immer vom 1. Mai eines Jahres bis zum 30. April des daurauffolgenden Jahres. Dieser Zeitabschnitt umfasst ein biologisches „Wolfsjahr” – von der Geburt der Welpen bis zum Ende ihres ersten Lebensjahres. Weniger Erfolg mit dem Nachwuchs lässt sich vom Wolfspaar links der Elbe vermelden, das seit 2016/17 bei Wendisch Evern verortet wird. „Bis jetzt konnten wir noch keine Reproduktion nachweisen”, so die Wolfsberaterin. Hinweise auf die Genetik der Wölfe geben Tierrisse, aber auch die Losung, der Kot der Wölfe. Wolfslosung spielt bei der Arbeit von Ulrike Kressel eine besondere Rolle, denn sie gibt viele Hinweise über die Lebensweise der Tiere. Wenn sie Wolfslosung findet, muss sie ihren Fund genau dokumentieren. Dazu gehört das Vermessen – eine Länge von mindestens 20 Zentimetern spricht deutlich für einen Wolf, und auch der Geruch ist sehr markant. Auch die Koordinaten des Fundortes werden notiert, zudem macht die Wolfsberaterin Übersichts- und Detailfotos mit Maßstab sowie Fotos von der Umgebung des Fundortes. Zur genetischen Bestimmung wird bei frischer Losung auch ein Teil in Alkohol gelegt. Losung eignet sich auch zur Nahrungsanalyse, denn anhand der Haare und Knochenreste lassen sich die Beutetiere bestimmen.

Gefahr durch Verkehr

Auch wenn Ulrike Kressel bereits einige Male einen Wolf in freier Wildbahn gesehen hat, hat sie das Paar aus Wendisch Evern noch nie zu Gesicht bekommen. Das liegt auch daran, dass ein Wolfsrevier eine Größe von 250 bis 300 Quadratkilometern umfasst und die Wölfe viel unterwegs sind. Wölfe verteidigen ihr Revier, so dass eine Ansiedlung weiterer Wölfe hier nicht möglich ist. „Sie setzen mit Urin und Kot ihre Duftmarke, das ist unmissverständlich für den durchziehenden Wolf”, erklärt die Wolfsberaterin. Ein wichtiges Kriterium zur Ansiedlung von Wölfen, die sehr anpassungsfähig sind, ist die Wilddichte, aber auch das Vorhandensein von Rückzugsräumen. Niedersachsen und der Landkreis Lüneburg bieten so einen idealen Lebensraum für das Wildtier. Wölfe laufen tausende von Kilometern, um sich ein Revier zu suchen, und auch die Partnerwahl ist natürlich entscheidend. „Viele Faktoren müssen passen, und das glückt auch nicht immer”, so Ulrike Kressel. Nachdem das Paar aus der Nähe von Wendisch Evern seit Jahren zusammen ist und bisher augenscheinlich kinderlos geblieben ist, gehen die Wolfsberater des Landkreises von einer Zeugungsunfähigkeit aus. In freier Wildbahn werden Wölfe zehn bis zwölf Jahre alt, in Gefangenschaft können sie deutlich älter werden. Ulrike Kressel weiß: „Von einem Wurf, der acht bis neun Welpen umfasst, überleben im Schnitt nur ein bis zwei Tiere.” Zu ihrem frühen Tod trägt auch oft der Straßenverkehr bei. „Allein in diesem Jahr sind in Niedersachsen schon 21 Wölfe im Verkehr auf der Straße umgekommen”, so die Wolfsberaterin. „Im Jahr 2020 gab es insgesamt 24 tote Wölfe im Straßenverkehr, das ist jetzt schon fast erreicht.” Totgefahren werden vor allem junge, unvorsichtige Wölfe. Tot aufgefundene Wölfe werden am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) untersucht, ihre Merkmale in eine Datenbank aufgenommen.

Probleme beim Herdenschutz

Wölfe haben ein hochkomplexes Familienleben, von dem auch Ulrike Kressel fasziniert ist. So würden die Welpen nach der Geburt am Platz um die Wurfhöhle, dem so genannten Rendezvous-Platz, verbleiben. Bei der Aufzucht der Tiere helfen ein bis zwei Jährlinge, die dafür bei ihren Eltern geblieben sind. Der streng unter Schutz stehende Wolf ist es gewohnt, in unserer Kulturlandschaft zu leben. „Wenn sie durch ihr Revier laufen, stören Ansiedlungen sie nicht. Wir Menschen leben sozusagen im Wohnzimmer der Wölfe”, so Ulrike Kressel. Der Wolf nutze gerne unsere Infrastruktur wie Feld- und Waldwege, um Energie zu sparen. Autoverkehr setze ihn unter Stress, wie Videos gezeigt hätten. Die Wolfsberaterin erhält regelmäßig Anrufe und E-Mails von Bürgern. Einige wollen wissen, wie sie sich bei einer Begegnung verhalten sollen, andere informieren sie über entdeckte Trittsiegel oder Kot vom Wolf. Neben Ulrike Kressel gibt es im Landkreis Lüneburg noch eine weitere Wolfsberaterin und zwei Wolfsberater, alle stehen in engem Kontakt miteinander sowie mit dem Landkreis und der Unteren Naturschutzbehörde. Auch ohne Hinweise ist Ulrike Kressel viel mit ihrem Hund in der Natur unterwegs, beobachtet gerne Wildtiere. Auf der Suche nach Wolfsnachweisen müsse sie sich gelegentlich daran erinnern, den Blick nicht nur nach unten gerichtet zu halten, berichtet sie. Ein Höhepunkt ihrer Sichtungen war ein Wolf, der die Elbe durchschwamm und schließlich seelenruhig aus dem Wasser stieg. Der Wolf sei ein sehr guter Schwimmer, das wüssten selbst viele Tierhalter nicht, die Gräben oder angrenzende Flüsse nicht mit einzäunen würden, erzählt sie. Doch dies sei nicht das einzige Problem beim Herdenschutz. „Man sieht sehr viele unzureichend geschützte Tiere, die nicht wolfsabweisend eingezäunt sind”, so ihre Erfahrung. Die meisten Fälle von Tierrissen erlebt sie bei Tierhaltern, die hobbymäßig ein paar Schafe im Garten halten und diese nur unzureichend geschützt haben. Ulrike Kressel weiß, dass das Thema Wolf für viele sehr emotional besetzt ist. Doch ihre Rolle als Wolfsberaterin ist es nicht, über den Wolf zu diskutieren, sondern die Tierrisse aufzunehmen, damit der Tierhalter eine Entschädigung bekommt – dennoch ist sie nicht immer willkommen. „Ich wurde auch schon mit aufgestellter Forke empfangen”, erinnert sie sich.

Mensch ist keine Beute

Ob der Tierhalter eine Entschädigung erhält, hängt davon ab, ob er seine Tiere entsprechend geschützt hat. Die Wolfsberaterin kommt dann mit dem Zollstock und misst die Zaunhöhe oder überprüft die Stromstärke des Weidezauns. Über die Entschädigung entscheidet aber das Wolfsbüro in Hannover. „In den meisten Fällen wissen die Tierhalter, dass sie ihre Tiere nicht richtig gesichert haben und sind einsichtig”, so Kressel. Dennoch kennt sie ihre „Pappenheimer”, die regelmäßig wieder Tierrisse zu beklagen haben und dennoch nichts an ihren Schutzmaßnahmen ändern, obwohl diese durch das Land finanziert werden. Einen Wolf mit eigenen Augen zu sehen, findet Ulrike Kressel „großartig”, bedroht fühlt sie sich nicht. Sie weiß, dass Angst etwas Subjektives ist und ein Hinweis wie „Genießen Sie den Moment” ängstlichen Mitbürgern auch nicht hilft. Sie betrachtet den Wolf aber an den Fakten orientiert, weiß, dass der Mensch nicht zu seinem Beuteschema gehört. Anlocken sollte man ihn dennoch nicht. Sie rät Ratsuchenden, den Wolf bei einer Begegnung zu verscheuchen, indem man durch lautes Rufen auf sich aufmerksam macht. Wölfe, denen man begegnet, seien oft junge, unerfahrene Tiere, die zwar fast so groß wie erwachsene Tiere, aber im Verhalten unerfahren, neugierig und wagemutig seien – vergleichbar mit Hundewelpen. Ulrike Kressel rät, sich so zu verhalten wie bei einer Begegnung mit einem herrenlosen großen Hund. Ist man selbst mit einem Hund in einem Wolfsgebiet unterwegs, sollte der Hund angeleint sein: „Ein freilaufender Hund ist ein Eindringling für den Wolf. Der Wolf unterscheidet nicht zwischen Wolf und Hund, so kann es eine Gefahr für den Hund sein, dass er ihn tötet.” Ein Wolf birgt immer eine Gefahr, wenn er die Nähe zu Menschen sucht. „Seit der Rückkehr von Wölfen in Deutschland hat es keinen einzigen Übergriff auf Menschen gegeben”, beteuert die Wolfsberaterin. Dennoch gebe es immer wieder Diskussionen zum Thema Wolf, wann er eine zu große Gefahr darstellt. Wenn ein Wolf wiederholt gut geschützte Tiere reiße, dürfe er geschossen werden. „Ich kann das mittragen, dass dieser Wolf entnommen wird, wenn der empfohlene Schutz eingehalten wurde”, meint sie. Doch zurzeit würden in Niedersachsen Abschussgenehmigungen für besondere „Problemwölfe” laufen, hinter denen sie nicht immer stehe. So sei sie mit der Wolfspolitik des Landes Niedersachsen nicht immer einverstanden. „An der Problematik wird sich nichts ändern, wenn noch so viele abgeschossen werden”, so ihre Einschätzung, „der nächste Wolf steht schon in den Startlöchern.” Zudem zeige die Nahrungsanalyse bei Wölfen, dass der Hauptbestandteil ihrer Nahrung Schalenwild, Schwarzwild und Frischlinge seien – und weniger als ein Prozent Nutztiere. „Dann fragt man sich, über was reden wir hier eigentlich?” Die Wolfsberaterin ist der Meinung, viele Tierhalter müssten hingegen ihren Herdenschutz verbessern. „Herdenschutz ist machbar. Es gibt genug Schäfer, die es können. Wenn wir mit Wölfen zusammenleben wollen, müssen wir lernen, wie wir unsere Nutztiere schützen.” Ulrike Kressel ist in ihrem Ehrenamt sehr an der Aufklärung gelegen, um das Verhältnis zwischen Wolf und Mensch zu verbessern. „Der Wolf hat 150 Jahre nicht mehr unter uns gelebt. Wir sind ja noch am Anfang, Erfahrungen mit Wölfen zu sammeln, wir werden immer Lernende bleiben.” (JVE)