Jeder stirbt seinen eigenen Tod

Wolfgang Endrikat arbeitet ehrenamtlich als Sterbebegleiter

Wolfgang Endrikat kann niemanden vor dem Sterben bewahren. Aber er kann Sterbenskranken zu einer würdigen und schönen letzten Lebensphase verhelfen. Der 71-Jährige ist für den Lüneburger Hospizverein Freundeskreis Hospiz ehrenamtlich als ambulanter Hospizhelfer tätig. Der Bienenbütteler, der Lehrer für Naturwissenschaften und Schulleiter an verschiedenen Schulen war, hat sich schon immer neben dem Beruf sozial engagiert. „Früher habe ich mich um Drogenabhängige, jugendliche Asylanten und Alkoholiker gekümmert“, erzählt er. Doch irgendwann sei die Zeit gekommen, sich mit Menschen in einer anderen Lebensphase zu beschäftigen. Ein Bekannter erzählte ihm von Hospizarbeit und nahm ihn mit. Schon nach den ersten Begleitungen entschied er sich, als Hospizhelfer in der Sterbebegleitung einzusteigen. Das ist inzwischen 18 Jahre her. Wolfgang Endrikat hatte zuvor nicht erwartet, dass ihn die ehrenamtliche Arbeit so erfüllen würde. „Die Arbeit gibt mir mehr, als ich geben kann“, erklärt er. An die 50 Sterbebegleitungen hat er schon übernommen. Oft musste er am Ende einen Freund gehen lassen.

Ehrenamtliche für die Seele

Wer heute Sterbebegleiter für den Hospizverein sein möchte, muss eine 100-stündige Ausbildung und ein Praktikum nachweisen. Zu Endrikats Zeiten reichte noch ein Wochenendseminar, doch inzwischen verfügt er über so viel Erfahrung, dass ihm die Ausbildung nachträglich anerkannt wurde. Jeder ambulante Sterbebegleiter entscheidet sich zu Beginn seiner Tätigkeit, ob er im Krankenhaus, Seniorenheim oder beim Patienten zu Hause eingesetzt werden möchte. „Ich habe mich auf das Ambulante festgelegt“, erklärt Endrikat. Alles andere sei für ihn nicht in Frage gekommen. Befindet ein Arzt, dass für einen Patienten keine Chance auf Heilung mehr besteht – er „austherapiert“ ist – und dieser zu Hause seine letzten Lebenswochen verbringen will, wird das so genannte SAPV-Netz (steht für Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung) um ihn gespannt, das aus Palliativmediziner, Pflegedienst und ehrenamtlichem Betreuer besteht. „Ich als Ehrenamtlicher kümmere mich um die Seele“, so Endrikat. Zwei Hauptamtliche und 80 aktive ehrenamtliche Mitarbeiter hat der Lüneburger Hospizverein, davon nur fünf Männer. „Männer haben offensichtlich mit dem Thema größere Probleme als Frauen“, glaubt der Bienenbütteler. Die ehrenamtlichen Koordinatoren des Vereins – Endrikat ist einer von ihnen – machen sich zunächst ein Bild von dem Patienten, bevor sie ihm einen bestimmten Hospizhelfer zuweisen. „Ich bin vor allem für die alleinstehenden, schwierigen Männer zuständig“, sagt Wolfgang Endrikat. Oft betreue er hochgebildete Männer, die jedoch keinen Kontakt mehr zu Angehörigen und ihre ganze Umgebung vergrault hätten. Warum er zu diesen Menschen so schnell einen Draht bekommt, kann er nicht wirklich erklären. „Es funktioniert einfach gut, die Chemie stimmt fast immer.“

Anwalt der Patienten

Wolfgang Endrikat übernimmt nicht die Rolle des gesetzlichen Betreuers, doch nach kurzer Zeit weiß er sehr genau, welche Vorstellungen der Patient von seinem Ableben hat. Seine Patienten wollen in der Regel zu Hause sterben, und so versucht er diesen Wunsch auch bei Angehörigen oder Ärzten durchzusetzen – was ihm nicht immer gelingt. „Ich bin auch eine Art Anwalt für die Patienten“, so Endrikat. Wie lange eine Sterbebegleitung dauert, kann niemand vorhersagen. Doch Wolfgang Endrikat hat die Erfahrung gemacht, dass die Patienten, die er zu Hause betreut, meist noch länger am Leben bleiben, als die Mediziner geschätzt haben. Das zeigt dem Ehrenamtlichen, dass es seinen Patienten in der gewohnten Umgebung und in entspannter Atmosphäre verhältnismäßig gut geht. Oft betreut Endrikat seine Patienten nur ein paar Wochen, die längste Begleitung dauerte dreieinhalb Jahre. Wegen des steigenden Zeitaufwands betreut er in der Regel nur eine Person zurzeit, momentan sind es ausnahmsweise zwei. Geht es dem Patienten schlechter, kann sich die Begleitung auf tägliche Besuche ausweiten, die mehrere Stunden dauern können. Der Lüneburger Hospizverein ist für Notfälle zusätzlich rund um die Uhr telefonisch erreichbar.

Lebensgeschichten und Bilanzen

Wolfgang Endrikat ist es wichtig, eine gute Vertrauensbasis mit dem Patienten zu schaffen. Damit auch schwierige Menschen sich öffnen, erzählt er zunächst von sich. Ablehnung musste er hier noch nie erfahren. Sollte es dazu kommen, ist es aber möglich, den Betreuer zu wechseln. Was er seinen Patienten schenkt, ist Zeit. „Ich bin einfach nur da“, sagt er. Während der Begleitung lernt er seine Patienten oft auf besondere Weise kennen. Viele Menschen erzählen ihm ihre Lebensgeschichte und ziehen Bilanz, mit anderen führt er philosophische Gespräche. Über den Tod oder das Sterben wollen nur einige mit ihm sprechen. Einziger Wermutstropfen: Die Patienten sind oft gesundheitlich in so einem schlechten Zustand, dass man viel abkönnen muss, wie Endrikat anmerkt: „Auch Grausamkeiten der Krankheiten gehören dazu.“ Meist betreut er Krebskranke. Während der Sterbebegleitung entsteht häufig eine Freundschaft zwischen ihm und seinem Patienten. „Was die Patienten meistens möchten, ist die Nähe“, meint er. „Einige wollen auch nur eine Berührung oder einen Händedruck.“ Die Nähe, die der Patient seinen Angehörigen in den letzten Lebenswochen verwehrt, gewährt er dann seinem Sterbebegleiter. „Das ist die Chance zu einer Nähe wie zu keiner anderen Lebenszeit. Die Patienten können offen bilanzieren, ich bin ja der Fremde.“ Auch wenn der Tod in Sichtweite ist, ist es für Wolfgang Endrikat hin und wieder schmerzvoll, einen neu gewonnenen Freund zu verlieren. Manchmal hat der Hospizhelfer den Eindruck, er sei der erste richtige Freund des Patienten gewesen. Und so wurde er auch schon von Angehörigen gebeten, für einen Patienten die Trauerrede zu halten – schließlich habe er den Verstorbenen am besten gekannt. Schon oft war Wolfgang Endrikat während des Sterbeprozesses bei seinem Patienten. Jedes Mal verlief es anders. „Jeder stirbt seinen eigenen Tod“, meint der Hospizhelfer. „Oft ist es ein ganz friedlicher letzter Atemzug.“ Einige würden auch warten, bis sie alleine sind. „Friedlich zu gehen ist ein schöner Moment“, meint er. „Ich öffne dann das Fenster, und es kann richtig schön sein.“ Angst vor dem Tod hat der Ehrenamtliche nicht, und er ist überzeugt, dass man auch vor dem Sterben keine Angst haben muss. Diese Angst kann er auch seinen Patienten nehmen, und bei Schmerzen werden die Mediziner eingeschaltet.

Zufriedene lassen schneller los

Endrikats Erfahrung zeigt, dass Menschen leichter loslassen können, wenn sie mit sich im Reinen sind, alles erledigt haben. Steht noch eine Versöhnung mit einem Angehörigen aus, ist der Patient nicht bereit zu sterben. Endrikat trommelte schon Nachkommen für eine Aussprache am Sterbebett ihres Vaters zusammen – erst dann konnte der Patient friedlich einschlafen. Auch ein religiöser Glaube könne zum Seelenfrieden verhelfen, während die Zweifler länger hadern, so Endrikats Erfahrung. Es kann auch vorkommen, dass seine Patienten der letzte Lebenswille verlässt. Dann fragen sie ihn, ob er nicht beim Sterben nachhelfen könne. Doch Endrikat hat genug Erfahrung, um im Gespräch zu hinterfragen, was zu diesem Wunsch geführt hat. Mal sind es falsch dosierte Schmerzmittel, die zu Wahnvorstellungen führen, oder aber die Angst vor zu großen Schmerzen. Dem Ehrenamtlichen ist es jedoch bisher immer gelungen, den Patienten von seinen Suizidgedanken abzubringen. Ist ein Patient gestorben, endet die Tätigkeit von Wolfgang Endrikat. Für die Betreuung der Angehörigen sind die Trauerbegleiter zuständig, die auch zum Hospizverein Lüneburg gehören. „Wir differenzieren zwischen Sterbebegleitung und Trauerarbeit“, sagt er.

In ständiger Fortbildung

Der ambulante Hospizhelfer ist inzwischen in seinem Ehrenamt so erfahren, dass er selbst Vorträge in Schulen und für Erwachsene hält. Trotzdem befindet auch er sich in ständiger Fortbildung, besucht ein bis zwei Wochenendseminare pro Jahr und besucht die monatlich vom Hospizverein durchgeführten Gruppenabende. Wolfgang Endrikat ist emotional gefestigt, und doch nimmt er einige Emotionen von seiner Tätigkeit mit nach Hause. Der Austausch mit seiner Frau ist ihm wichtig, aber auch der Austausch im Hospizverein, der auch einmal monatlich Supervision anbietet. „Es gibt schon Momente, wo man Hilfe braucht“, sagt der 71-Jährige. „Ich werde manchmal bestimmte Bilder nicht los.“ Auch wenn die ehrenamtliche Tätigkeit Wolfgang Endrikat ausfüllt, denkt er in den nächsten Jahren langsam ans Aufhören. Der Bienenbütteler, der zwei Töchter und acht Enkel hat, wünscht sich mehr Zeit für die Familie, und seiner Frau ist der Zeitaufwand für sein Ehrenamt manchmal zu viel. Doch Sterbebegleitung geht nur ganz oder gar nicht. Sein Selbstverständnis geht so weit, dass er auch schon Freunde bis in den Tod begleitete. „Das ist für mich emotional sehr viel schwieriger.“ (JVE)