In Omas Fußstapfen

Meike Bernoth ist Hausgeburtshebamme

Für Meike Bernoth ist die Geburt eines Kindes die natürlichste Sache der Welt. Deshalb spricht für sie auch nichts dagegen, ein Kind zu Hause zur Welt zu bringen. Die 47-jährige Adendorferin ist Hausgeburtshebamme.

Die gebürtige Rotenburgerin wuchs in dem Bewusstsein auf, dass Kinder in der Regel zu Hause geboren werden. Schon ihre Großmutter war Hebamme, die damals noch mit dem Fahrrad von Dorf zu Dorf fuhr. Auch ihre eigene Geburt wurde durch die Großmutter im Elternhaus begleitet. Jeder kannte ihre Oma „Tante Anni“, die ihren Beruf liebte. Und so wusste auch Meike Bernoth früh, dass auch sie Hebamme werden möchte.

Doch nach dem Abitur erhielt sie keinen Ausbildungsplatz als Hebamme und begann zunächst, auf Lehramt zu studieren. „Hebamme zu werden, war die ganze Zeit mein besonderer Wunsch“, erzählt sie. Mit 25 Jahren begann sie schließlich die dreijährige Hebammenausbildung in Tübingen. Trotz guter Ausbildung war diese – damals wie heute – hauptsächlich auf die Geburtshilfe in der Klinik ausgerichtet. Doch der jungen Frau war schon vor der Ausbildung klar: „Ich wollte immer schon Hausgeburten machen.“

Keine Geburt ohne Hebamme

Meike Bernoth kann nicht verstehen, warum die Selbstverständlichkeit von Hausgeburten so aus dem Kopf der Frauen verschwunden ist. „In den fünfziger Jahren war es das Normale, sein Kind zu Hause zu bekommen. In den sechziger und siebziger Jahren verschwand das ganz“, weiß die Hebamme. Die Geburtshilfe wurde zunehmend von Ärzten begleitet, hinzu kamen medizinische Fortschritte. Und obwohl Hebammen mehr Wissen mitbrachten, drohten Ärzte sie zu verdrängen. Heute weiß man, wie wichtig die Anwesenheit einer Hebamme für die Gebärende ist, und so darf in Deutschland kein Arzt eine Geburt ohne Hebamme machen. „Wir haben einfach einen anderen Umgang mit der Situation. Ärzte wollen was tun, wir Hebammen können gut warten“, erklärt die 47-Jährige.

Nach ihrer Ausbildung begann Meike Bernoth zunächst als Hebamme in einem baden-württembergischen Krankenhaus. „Ich wollte in einer Klinik Erfahrungen sammeln.“ Anderthalb Jahre war sie hier tätig – bis zur Geburt ihres ersten Kindes, einer Hausgeburt. Als die junge Familie wieder in den Norden ziehen wollte, erkundigte sich Meike Bernoth, in welchem Gebiet Hebammen gebraucht werden. Es hieß, im Herzogtum Lauenburg, doch auf der Durchreise verliebte sie sich in die Gegend um Lüneburg. Seit 16 Jahren lebt Familie Bernoth nun in Adendorf, seitdem sind drei weitere Kinder zur Welt gekommen – alle zu Hause.

Freiberuflich arbeitete Meike Bernoth all die Jahre als Hebamme, begleitet aber erst seit ein paar Jahren Geburten. Inzwischen gehört sie dem „Hausgeburtsteam Hand in Hand“ an, einem Zusammenschluss von fünf Hebammen aus dem Raum Lüneburg, Winsen und Uelzen. Auch wenn bundesweit nur ein bis zwei Prozent aller Geburten Hausgeburten sind, sei die Quote hierzulande höher, weiß Meike Bernoth. Ihr Team holt pro Jahr 60 bis 70 Kinder auf die Welt, hinzu kommen 40 bis 50 Geburten im Geburtshaus. Das Einzugsgebiet der Hebamme ist riesig, denn Hausgeburtshebammen gibt es nicht mehr viele. So betreut sie Frauen von Schwarzenbek bis Salzwedel und vom Wendland bis Handeloh. Knapp 30.000 Kilometer fährt sie im Jahr, nicht nur für Geburten, sondern auch für die Vor- und Nachsorge.

Arztbesuch ist nicht nötig

Viele Frauen denken, in der Schwangerschaft müsse man zum Arzt gehen. „Es gibt aber keine Verpflichtung“, erklärt Meike Bernoth. Hebammen machen zwar keine Ultraschalluntersuchungen, dafür begleiten sie die Schwangere und ihre Familie aber von Anfang an persönlich. „Die Frauen sind meist angetan von der ganzheitlichen Betrachtung“, meint die Hebamme. Schon ab der zehnten Schwangerschaftswoche lernt sie ihre Frauen kennen, die sie oft bis zum Ende der Stillzeit begleitet. „Ich bin wie ein Familienmitglied“, sagt sie.

Diese vertraute Beziehung wirke sich auch positiv auf die Geburt aus, ist sich die Hebamme sicher. Wenn sich die Frau wohlfühle, fühle sie sich auch sicher und könne in gewohnter Umgebung vollkommen entspannt ihr Kind zur Welt bringen, persönlich betreut von einer, unter der Geburt sogar von zwei Hausgeburtshebammen. Im Vergleich zur Klinikgeburt werde der Schwangeren im Grunde mehr Sicherheit gegeben. „Wir greifen weniger ein und machen weniger Druck. Dadurch verhindern wir, dass die Geburt ins Stocken gerät“, erklärt die Hausgeburtshebamme. Eine komplette Eins-zu-eins-Betreuung wie bei der Hausgeburt sei in der Klinik nicht gegeben. „Wir sind wirklich am Menschen, denn wir sitzen daneben.“ Dass Geburten im Krankenhaus oft nicht vorangehen, wundert die 47-Jährige nicht. „Das sind ja alles Fremde um einen herum. Wenn bei Stress Adrenalin ausgeschüttet wird, gibt es nicht mehr genug Wehenhormone. Und das versuchen wir zu Hause zu verhindern.“ Zu Verlegungen ins Krankenhaus kommt es nach ihrer Erfahrung am häufigsten, wenn eine Geburt nicht vorangeht – nur ein geringer Prozentsatz der Verlegungen sind wirkliche Notfälle.

Meike Bernoth hat oft die Erfahrung gemacht, dass Frauen nach Hausgeburten gestärkt aus dem Erlebnis hervorgehen. „Die Hausgeburt ist in der Regel ein schönes Erlebnis für sie“, meint sie. „Und das sagen die wenigsten Frauen nach einer Klinikgeburt.“

Hausgeburten vor dem Aus?

Unklar ist aber, wie lange es noch Hausgeburten in Deutschland geben wird – und ob Schwangere in Zukunft eine Wahl haben werden. Meike Bernoth kennt einige Hebammen, die ihren Beruf wegen der jährlich steigenden Berufshaftpflichtversicherung an den Nagel gehängt haben. Gut 6.200 Euro zahlen Hebammen inzwischen im Jahr alleine für die Haftpflichtversicherung. Seit Meike Bernoth freiberuflich tätig ist, sind die Prämien um 20 Prozent pro Jahr gestiegen. „Das liegt nicht daran, dass es mehr Schadensfälle gibt, sondern die Schadensfälle sind teurer geworden“, erklärt die Hebamme.

Seit ein paar Wochen schlagen die freiberuflichen Hebammen nun noch mehr Alarm. Anlass ist die Entscheidung einer Schiedsstelle im Streit mit den Krankenkassen. Nach diesem Schiedsspruch wird ein sogenannter Sicherstellungszuschlag für die hohen Haftpflichtprämien festgelegt, gekoppelt an bestimmte Ausschlusskriterien für Hausgeburten. Der Sicherstellungszuschlag von gut 4.300 Euro im Jahr soll den Hebammen von den Krankenkassen ausgezahlt werden, die mindestens vier Geburten jährlich betreuen, allerdings werden Hausgeburten dadurch schlechter vergütet als zuvor.

Noch schlimmere Konsequenzen befürchten die freiberuflichen Hebammen aber durch neue Qualitätskriterien für Hausgeburten. Ist der errechnete Geburtstermin um drei Tage überschritten, soll künftig ein Arzt zu Rate gezogen werden, der seine Zustimmung zur Hausgeburt geben soll. „Es ist zu befürchten, dass das das Aus der Hausgeburten ist“, sagt Meike Bernoth zu diesem Schiedsspruch. Sie hält es für Unsinn, künftig einen Arzt entscheiden zu lassen, ob eine Hausgeburt unbedenklich sei. Schließlich würden auch die Hebammen Ausschlusskriterien für eine Hausgeburt festlegen. „Wir sind dafür ausgebildet, eine Pathologie zu erkennen, das geht gegen unseren Berufsstand“, beklagt sie. Kinder in Beckenendlage, Zwillinge oder Mütter mit Bluthochdruck würden schon jetzt gegen eine Hausgeburt sprechen, eine Übertragung hingegen sei häufig, aber unbedenklich.

Muss nun jede Frau, die eine Hausgeburt wünscht, fürchten, ihr Kind zu übertragen? „Das macht einen ganz grauenvollen Druck, den wir ja gerade verhindern wollen“, erklärt die Hebamme. Noch ist der Schiedsspruch nicht schriftlich festgelegt, aber die Hebammenverbände wollen dagegen klagen. Sie halten nicht nur das Recht auf Wahlfreiheit für die Frau für beschnitten, sondern auch das Berufsrecht der Hebammen.

Alles durchgeplant

Meike Bernoth glaubt, dass den meisten Menschen gar nicht klar ist, wie eine Hausgeburt wirklich abläuft. „Es ist alles zu sehr im Geheimen, keiner weiß, was wir machen.“ So wisse kein Außenstehender, dass auch eine Hausgeburt Wochen im Voraus durchgesprochen werde, dass jede Frau eine Tasche mit Material für die Geburt bekommt, dass alle Risiken in Erwägung gezogen werden. Zwar kommt die Hausgeburtshebamme mit Hörrohr und Gebärhocker, doch zum Equipment gehören auch große Taschen mit Sauerstoff, Infusionen und Notfallmedikamenten. Selbst ein kleines Gerät zum Messen der Herztöne des Kindes hat die Hebamme dabei. Hausgeburten laufen auch viel hygienischer, als man im Allgemeinen vermutet. Es gibt Einmal-Unterlagen, die nach der Entbindung entsorgt werden, „und es ist nicht so ein Gesaue, wie alle denken“, fügt die Hebamme hinzu.

Auch nach all den Jahren im Beruf ist Meike Bernoth bei jeder Hausgeburt überwältigt. „Die Kraft der Frauen ist beeindruckend.“ Nach der Geburt bleibt die Hebamme in der Regel noch drei bis vier Stunden und versorgt Mutter und Kind, bevor sie die Familien alleine lässt. Meike Bernoth ist Tag und Nacht für Hausgeburten im Einsatz, Urlaube und Ausflüge sind kaum möglich. Da kommt es dann schon mal vor, dass auch ihre Kinder nicht wissen, ob ihre Mutter nur einkaufen oder bei einer Geburt ist. „Die ist bei ’ner Geburt“ lautet die Standardantwort am Telefon. (JVE)