In luftiger Höhe

Schornsteinfegerin Carina Köpping liebt Job auf dem Dach

Es gibt viele junge Frauen, die meinen, ein Bürojob wäre nichts für sie. Sich dann aber für den Beruf der Schornsteinfegerin zu entscheiden, ist eher ungewöhnlich. Die 21-jährige Carina Köpping ist eine von ihnen.
Dass sie in diesem luftigen Job gelandet ist, hat sie wohl ihrem Vater zu verdanken. Carina Köpping, die im Bad Bevenser Ortsteil Klein Hesebeck aufgewachsen ist, wo sie immer noch lebt, schnupperte während eines Praktikums zwar auch mal in den Beruf des Tischlers hinein, doch der packte sie nicht. Schon ihr Vater hatte eine Ausbildung zum Schornsteinfeger abgeschlossen, arbeitet aber nicht mehr in dem Beruf. Er war es, der seiner Tochter zu einem Praktikum bei einem Schorn- steinfeger riet. Zwar ging es für das junge Mädchen in ihrem Praktikum nicht gleich aufs Dach, aber sie fuhr mit zu Kunden und lernte die Vielseitigkeit des Berufs kennen. Und für sie war klar: Der Beruf ist etwas für sie. Nach ihrem Realschulabschluss begann die damals 16-Jährige sofort die Schornsteinfegerausbildung im Landkreis Uelzen. Zuvor gab es einen Eignungstest, in dem es um Allgemeinbildung und Kenntnisse in Mathe und Deutsch ging. Als sie das erste Mal in die Berufs- schule ging, war sie überrascht. „Ich dachte, ich wäre die einzige Frau. Aber von 60 bis 70 Schülern waren zwölf Frauen“, erinnert sich die 21-Jährige. Von Anfang an gefielen ihr der Zusammenhalt und die Kollegialität in der Ausbildung, und auch heute noch sieht sie ihre Erwartungen voll erfüllt.

Arbeit mit viel Technik

Einen schöneren Beruf als den der Schornsteinfege- rin kann sich Carina Köpping gar nicht vorstellen. Die Aufgaben sind abwechslungsreich: Sie reichen von der Überprüfung von Heizungs-, Abgas- und Lüftungsan- lagen über die Reinigung von Feuerungsanlagen bis
hin zur Energieberatung und Beratung zu den Themen Brandschutz und Klimaschutz. „Heute geht es viel um Technik“, erzählt sie. „Früher ist man noch in den Schornstein reingestiegen und durchgekrabbelt, das habe ich nicht mehr gelernt.“ Schmutzig macht sie sich trotzdem noch, denn der Ruß muss schließlich aus den Schornsteinen entfernt werden. Auf den Dächern der Kunden verbringt Carina die mei- ste Zeit des Arbeitstages – mit der Höhe hat sie keine Probleme. „Höhenangst wäre in meinem Beruf definitiv schlecht“, sagt sie. Auf den Dächern gibt es zwar Si- cherheitseinrichtungen, damit man dort Halt hat. Aber: „Gefallen bin ich auch schon, das waren zwei Meter runter von der Leiter bis zur Giebelluke.“ Blaue Flecken trug sie davon, doch sie macht sich lieber keine Ge- danken darüber, was ihr alles hätte passieren können. „Ich arbeite lieber gleich weiter“, erklärt sie, so baue sich keine Angst auf. Denn natürlich bestehe stets die Gefahr für Schornsteinfeger, richtig vom Dach herunter zu fallen.

Ruf der Glücksbringer

Nachdem sie ihre erste Arbeitsstelle nach der Ausbil- dung im 90 Kilometer von zu Hause entfernten Neu Wulmstorf hatte, arbeitet Carina Köpping nun seit einem Jahr bei Heiko Michaelis (44), dem bevollmächtigten Bezirksschornsteinfeger des Kehrbezirks Lüneburg XII, einem großen Kehrbezirk mit Sitz in Dahlenburg. Heiko Michaelis und Carina Köpping sind für 2.500 Haushalte zuständig, einer ländlichen Gegend, in der es viele Ka- mine gibt. Zunächst hieß es, erst einmal alle Kunden und ihre Belange kennen zu lernen. „Wenn man im Be- zirk einmal rum ist, weiß man, wer was hat“, erzählt die Schornsteinfegerin. Sie schätzt an ihrem Beruf be- sonders den Kundenkontakt, der in der Regel freundlich abläuft. Schließlich genießen Schornsteinfeger traditio- nell einen guten Ruf. Manche halten sie immer noch für Glücksbringer und fragen, ob sie sie mal anfassen dür- fen. Und wer eine Schornsteinfegerin vor der Tür stehen hat, reagiert auch eher positiv überrascht.
Obwohl es wesentlich mehr Männer als Frauen in dem Beruf gibt, hat Carina Köpping es noch nie erlebt, dass sie von männlichen Kollegen angefeindet oder nicht ernst genommen wurde. Und wenn doch mal ein Spruch kommt, nimmt sie es gelassen. Der jungen Frau kommt es zugute, dass der Schornsteinfegerberuf nicht mehr körperlich so anstrengend ist wie früher – besonders das Steigen durch den Schornstein galt als schwere Arbeit.

Schlechtwetter gibt es nicht

Carina Köppings Arbeitstag beginnt um 7 Uhr. Dafür muss sie schon um 6 Uhr morgens ihr Elternhaus in Klein Hesebeck verlassen, fährt zunächst zu ihrem Chef nach Barskamp, um sich umzuziehen und den Arbeits- tag zu besprechen. Dann geht es los zu den Kunden. Meist muss sie aufs Dach zum Fegen und Ruß Entfer- nen – und das bei jeder Witterung. „Schlechtwetter gibt es nicht“, erklärt Carina. Allerdings würde kein Schorn- steinfeger sein Leben riskieren, wenn es Sturm oder Eis auf dem Dach gebe. Dann verlege man auch schon mal einen Termin oder gehe in Häuser, in denen die Arbei- ten sowieso von innen zu erledigen seien, erklärt die Schornsteinfegerin. Auch der Hochsommer bringt nicht immer Freude, denn die Arbeitskleidung ist dick und im- mer schwarz – und Dachböden heizen sich im Sommer ordentlich auf. Heizverhalten der Kunden wissen will, muss sie nur in ihren Schornstein gucken. Schon an der Art des Rußes sieht ihr geschultes Auge, ob jemand zu feuchtes Holz verbrennt oder ohne Luft heizt. „Dann bildet sich Glanz- und Teerruß“, erklärt sie. Am besten sei feiner Ruß im Gegensatz zu großem, klumpigen Ruß. In solchen Fällen berät der Meister, also Heiko Michaelis, seine Kunden zum richtigen Heizen. Er übernimmt die hoheitlichen Aufgaben wie Feuerstätten überprüfen und abnehmen. Für diese Aufgaben ist weiterhin der Bezirksschorn- steinfeger zuständig, während seit 2013 jeder die freie Wahl des Schornsteinfegers hat, was das Kehren der Schornsteine sowie das Messen der Heizung angeht. Ob Fegen oder Messen: Carina Köpping kann jeder ihrer Aufgaben etwas abgewinnen. In der Regel kennen sich die vielen Kaminbesitzer in ihrem Kehrbezirk mit dem Heizen gut aus, erzählt sie. Doch es gebe auch Kunden, die seien beratungsresistent. „Dabei kann man doch über alles reden“, meint sie. Wenn sie etwas über das

TÜV für die Heizung

Doch der Meister und seine Gesellin können nicht sa- gen, dass ihnen irgendwann die Arbeit ausgeht. „Wir haben das ganze Jahr zu tun“, sagt die Schornsteinfe- gerin. Je nach Alter der Heizung muss diese alle ein bis drei Jahre überprüft werden. „Wir sind wie der TÜV für die Heizung“, so Carina. Seit der endgültigen Einführung der Rauchmelderpflicht in Niedersachsen am 1. Januar 2016 müssen auch diese regelmäßig überprüft werden. Wie oft ein Schornstein gekehrt werden muss, hängt vom Heizverhalten des Kunden ab. „Wenn Kunden viel heizen, fegen wir auch mal fünfmal im Jahr, aber einmal im Jahr mindestens“, so Carina. Es gibt auch Kunden, die einen nicht reinlassen – oder die das häufige Kehren überflüssig finden. Aber die Schornsteinfegerin meint: „Man sollte lieber seinen Schornstein für 20 bis 30 Euro kehren lassen, als dass einem die Bude abbrennt. Das ist wirklich nicht teuer, um das Leben zu schützen.“

Grosse Verantwortung

Wie in vielen anderen Berufen auch ist die Bürokratie auch bei den Schornsteinfegern wesentlich mehr ge- worden. Alle Tätigkeiten müssen dokumentiert werden, auch um sich abzusichern. „Man trägt eine große Ver- antwortung. Falls was passieren sollte, kann man sich auf die Dokumente berufen“, sagt die 21-Jährige, die zu ihrem Glück außer Abrechnungen kaum Papierkram erledigen muss – das macht der Chef. Carina Köpping hat Spaß an ihrem Beruf, von dem sie sich vorstellen kann, ihn bis zum Rentenalter auszu- üben. „Die Arbeit hält mich ja auch fit“, meint sie. Wer den Meister mache, müsste eigentlich nicht mehr die körperlich anstrengenden Arbeiten übernehmen, weiß sie, doch auch ihr Meister Heiko Michaelis geht wei- terhin regelmäßig aufs Dach. Sie selbst mag über die Meisterschule noch nicht nachdenken. Um einen ei- genen Kehrbezirk zu übernehmen, bräuchte sie zwar den Meisterbrief. „Aber ich bin nicht so ein Prüfungs- mensch“, erzählt die Gesellin. (JVE)