Immer an der Grenze

Der Fotograf Jürgen Ritter hat die gesamte innerdeutsche Grenze abgelichtet

Seine Bilder sind ein wichtiges Zeugnis der deutschen Geschichte: Der Fotograf Jürgen Ritter hat in den achtziger Jahren die gesamte innerdeutsche Grenze in mehr als 40.000 Bildern festgehalten. Viele Jahre nach der deutschen Einheit machte er sich erneut auf, um die heutige Lage im ehemaligen Grenzgebiet zu fotografieren. Jürgen Ritters Familie ist eine wahre Ost-West-Verbindung. Kurz vor dem Mauerfall hatte seine Familie in der Ferienwohnung in ihrem Haus in Barum bei Uelzen eine Familie aus Chemnitz aufgenommen, die in den Westen ausgereist war. Ritters Sohn freundete sich mit der Tochter der Familie an, heiratete sie später und hat mit ihr zwei Kinder. Als Jürgen Ritter Pläne für sein deutsch-deutsches Fotoprojekt schmiedete, hatte er noch keinerlei Verbindungen in die DDR – dafür aber ein ausgeprägtes Verständnis von Freiheit. Seine Kindheit und Jugend verbrachte der heute 68-Jährige in Uelzen – nicht weit von der innerdeutschen Grenze. Ritters Familie besaß früh einen Schwarz-Weiß-Fernseher, und so versammelte sich die ganze Nachbarschaft davor, als der Bau der Berliner Mauer übertragen wurde. „Ich habe das schon früh nicht verstanden“, erinnert er sich. Die deutsch-deutsche Teilung war für ihn nicht hinnehmbar. „Ich dachte mir, die Menschen haben aus dem Krieg überhaupt nichts gelernt. Dass Deutsche überhaupt wieder Waffen in die Hand nahmen!“

Unfassbares Unrecht

Als 1973 an der Grenze bei Lübbow in Lüchow-Dannenberg der ostdeutsche Hans Franck beim Fluchtversuch durch eine Selbstschussanlage getötet wurde, löste das bei Jürgen Ritter starke Gefühle aus. „Das hat mich unheimlich beeindruckt und mir einfach keine Ruhe gelassen“, erzählt der Barumer. Das Unrecht an den Menschen, die einfach nur frei sein wollten, war für ihn unfassbar. Ritter, der als Fernmeldetechniker fast täglich beruflich nahe der Grenze zu tun hatte, begann in den siebziger Jahren mit dem Fotografieren, das er sich selbst beibrachte. „Irgendwann hatte ich immer eine Kamera dabei“, erklärt er. Angeregt durch Georg Pauker, der 1975 die knapp 1.400 Kilometer lange innerdeutsche Grenze zu Fuß abgelaufen war, fasste Ritter den Entschluss, dies auch mit seiner Kamera zu tun. Jürgen Ritter begann 1982 im niedersächsischen Schnackenburg mit seinen Grenzbildern. Bei den ersten Etappen begleitete ihn seine Frau, zumindest bis in die Nähe der Grenze. Sie saß ausgestattet mit Karten der Gegend und Walkie Talkie im Auto, damit ihr Mann sie im Notfall informieren konnte. „Ich stand mit meiner Frau per Funk im ständigen Kontakt“, erinnert er sich.

Schwer bewaffnete Zöllner

Der Fotograf weiß noch gut, wie er sich bei den ersten Begegnungen mit den Grenzsoldaten fühlte. „Da hatte ich schon ein bisschen Muffe. Die durften nicht grüßen, auch nicht wenn ich freundlich Guten Tag sagte. Das war schon ein komisches Gefühl, die waren ja auch schwer bewaffnet“, so Ritter. Wirklich Angst hatte er aber nicht. „Was ich heute weiß, wusste ich damals alles nicht. Ich würde es heute nie wieder tun.“ Als Jürgen Ritter in Uelzener Gebiet kam, bot das Zollkommissariat an, ihn auf seinen Fototouren zu begleiten. Bis zur Höhe von Göttingen begleiteten ihn in stetiger Ablösung westdeutsche Zöllner, mit denen er ergiebige Gespräche über ihre Arbeit an der Grenze führte. Auch für die Zöllner war die Begegnung mit dem schon überall bekannten Fotografen eine willkommene Abwechslung, und bald gaben sie ihm eine Mitfahrgelegenheit bis zur Grenze. Jürgen Ritter wartete nicht, bis die Sammlung der Grenzbilder komplett war – und er behielt sie auch nicht für sich. Er ging mit seinen Fotos recht schnell an die Öffentlichkeit, organisierte Ausstellungen in ganz Westdeutschland. Es war ihm ein stetes Anliegen, über die Abschottung der DDR gegen den Westen aufzuklären. Dass es an der innerdeutschen Grenze auch außerhalb Berlins Mauern gab, wusste kaum einer. Zusätzlich gründete Ritter 1982 den Verein „Grenzopfer“, um DDR-Flüchtlinge zu unterstützen. „Das waren doch auch Deutsche“, so seine Einstellung.

Im Visier der Stasi

All diese Aktivitäten riefen das Ministerium für Staatssicherheit, die Stasi, auf den Plan. Seine Fotoausstellungen sah man als „Hetzveranstaltungen“, man unterstellte ihm Spionage und Absichten terroristischer Angriffe. 1984 warnte ihn ein Mitarbeiter des Innenministeriums, künftig besser nach Berlin zu fliegen statt die Transitstrecke mit dem Auto zu fahren. Zwar nahm er diesen Rat ernst, doch er beherbergte weiterhin DDR-Flüchtlinge bei sich in Barum – und fotografierte weiter. Erst Mitte der neunziger Jahre erfuhr der Fotograf, wie riskant seine Aktivitäten für ihn wirklich gewesen waren. „Als ich in Berlin in meine Stasiakte geschaut habe, habe ich alle Gefühle durchgemacht. Ich habe gelacht, aber auch den Kopf geschüttelt“, sagt der 68-Jährige. Trotz

geschwärzter Namen konnte er sich zusammenreimen, wer ihn bespitzelt und verraten hatte. „In meinem Fall waren das drei Westdeutsche, unter anderem ein Lübecker Journalist.“ Aus seinen Akten erfuhr er, dass von der Stasi seine Telefonate abgehört, Briefe abgefangen und Fotoausstellungen abfotografiert worden waren. „Da habe ich erst Schiss bekommen“, sagt er rückblickend. Dass seine Fotografien nicht mehr überall erwünscht waren, bekam Jürgen Ritter ab 1987 zu spüren. Immer öfter lehnten Städte seine Fotoausstellungen ab, für ein geplantes Buch über die Grenze fand er keinen Verlag. Man wollte die aufgekeimten Partnerschaftsbeziehungen zu Kommunen im Osten nicht gefährden und war der Meinung, Ritters anklagende Grenzdarstellungen würden nicht mehr der Zeit entsprechen. Denn viele westdeutsche Politiker glaubten nicht an eine deutsche Wiedervereinigung. Im April 1989 erschien wie zum Trotz ein Band mit Gedichten und Ritters Fotos zum geteilten Deutschland, der den prophetischen Titel „Nicht alle Grenzen bleiben“ trug.

Beim Mauerfall  durchgeheult

Als in Ungarn im September 1989 die Grenze für die DDR-Flüchtlinge geöffnet wurde, war Jürgen Ritter, der inzwischen als Fotojournalist um die Welt reis-te, ausgerechnet auf einem Schiff in Spitzbergen. Über ein kleines Transistorradio hörte er von den Ereignissen. „Ich dachte nur: Wir sind am falschen Ort“, erinnert sich der Fotograf. Als im November 1989 die Berliner Mauer fiel, entwickelte er gerade Grenzbilder in seiner Dunkelkammer im Keller. „An dem Abend hab ich bis nachts durchgeheult“, so Ritter. Die deutsche Einheit war für Ritter ein freudiges Ereignis. „Aber für mich war es nicht die friedliche Revolution. Es gab ganz schön Ärger, und zum Glück ist keiner erschossen worden“, meint er. Natürlich reiste auch er, wie hunderte andere Fotografen, am nächsten Tag nach Berlin, um Fotos zu machen. Sein schönster Moment waren die jubelnden Menschen auf der Mauer, während aus einer Musikanlage der Schlager „Marmor, Stein und Eisen bricht“ dröhnte. Nach der Wende fotografierte Jürgen Ritter weiter, konzentrierte sich aber auf Gegenden wie die Arktis und Antarktis, die Färöer Inseln oder Island. Erst 1997 veröffentlichte Ritter das Buch „Die Grenze“, zu dem der Politologe Peter Joachim Lapp die Hintergrundtexte lieferte. Ein Verkaufsschlager, der inzwischen in neunter Auflage erhältlich ist.

Kein Stoff für 45 Minuten

Ein weiteres Werk, für das Ritter mit Lapp zusammenarbeitete, ist „Deutschland grenzenlos“, das im März 2014 erstmals erschien. Es stellt eine Fortsetzung von Ritters Grenztouren dar, denn der Fotograf besuchte seit Beginn der 2000er Jahre erneut viele Orte an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze sowie in Berlin, um die Veränderungen zu zeigen. Das Buch stellt Bilder von damals und heute direkt einander gegenüber, die Bildpaare werden ständig erneuert. „Ich bin immer noch unterwegs.“ 2007 erhielt Jürgen Ritter für seine Bilder den „Einheitspreis“, einen Bürgerpreis zur Deutschen Einheit. Hunderte Vorträge hat Jürgen Ritter in den vergangenen 30 Jahren über die innerdeutsche Grenze gehalten, auch in Schulen. Doch was die Jugend angeht, ist er enttäuscht über das Desinteresse und die Unwissenheit dieses wichtigen Teils deutscher Geschichte. „Ich gehe gar nicht mehr in Schulen, die geben das zu sehr an mich ab“, erklärt er. „Das kann man nicht in 45 Minuten erzählen.“ Begeistern ließ er sich jedoch 2009 für die Idee, eine Schulklasse zusammen mit einem Journalisten zu begleiten, die den Deutsch-Deutschen Radweg auf der ehemaligen Grenze entlang radelte. Hieraus entstand eine Dokumentation, die besonders für die politische Bildung an Schulen geeignet ist. Fotoausstellungen mit seinen Grenzbildern macht Ritter nicht mehr, auch wenn 2018 ein Teil im Museum Lüneburg gezeigt werden soll. Er hat sich auf Natur- und Tieraufnahmen spezialisiert, obwohl die Einnahmen weiterhin durch die Grenzbücher, Grenzbilder und im Eigenverlag herausgebrachte Grenzbild-Kalender gesichert werden. Kraniche und Insekten haben es ihm jetzt angetan. Dennoch ist das Kapitel der deutschen Teilung für ihn niemals abgeschlossen „Das Wichtigste ist, dass wir unsere deutsche Geschichte kennen“, meint er. „Und was Freiheit bedeutet.“ (JVE)