Im Dienste der oberen Zehntausend

Stefan Kleinat war Jahrelang als Butler angestellt

Die Welt, in der Stefan Kleinat beruflich unterwegs ist, ist für viele ein Traum. Doch der Lüneburger lernte auch ihre Schattenseiten kennen. Der 47-Jährige arbeitet seit Jahren als Butler – jetzt braucht er erstmal eine Pause. Stefan Kleinat ist gelernter Restaurantfachmann und arbeitete jahrelang bei verschiedenen Gastronomiebetrieben auf der ganzen Welt sowie auf Kreuzfahrtschiffen. „Irgendwann hat man von den Jobs genug”, meint er rückblickend. „Auch wenn ich den Beruf immer gerne ausgeübt habe.” Eines Tages erhielt Kleinat von seiner Kreuzfahrt-agentur ein Jobangebot, das seine Laufbahn in eine andere Richtung lenken sollte: Ein russischer Multimilliardär suchte einen Head Steward für seine Privatyacht in Monte-Carlo. Neugierig auf diese ungewöhnliche Jobmöglichkeit nahm er das Angebot an. Mit einem Minimum an Informationen und einem Flugticket ging es nach Monte-Carlo, wo die 90 Meter lange Yacht auf Reede lag.

Leben auf der Privat-Yacht

Der russische Milliardär, der mit Öl- und Erdgasgeschäften zu tun hatte, beschäftigte auf seinem Schiff 50 Mitarbeiter, obwohl er es nur als Büro und Rückzugsort für sich und seine Familie nutzte. „Es war eine Grundvoraussetzung, dass ich kein Russisch kann, damit ich von den Geschäften nichts verstehe”, erinnert sich Kleinat, dessen Verantwortung beim Restaurantservice lag. Um den Besitzer wurde ein Geheimnis gemacht. „Aber wir Mitarbeiter haben natürlich ein bisschen recherchiert”, verrät Kleinat schmunzelnd. Zwei Jahre lebte der Lüneburger auf der Yacht, die nur für Ausflüge mit Freunden Monte-Carlo verließ. Als der Yachtmanager das Schiff verließ, übernahm Stefan Kleinat auch noch dessen Job, doch es gab nicht allzu viel zu tun. „Wir sind immer nur im Hafen rumgedümpelt. Offiziell war das Schiff eine Charter-Yacht – es hat sie aber keiner gechartert”, erklärt er. Kleinat kümmerte sich hauptsächlich um die Frau und die drei Kinder des Besitzers, die er als herzlich und freundlich empfand. „Wenn keiner da ist, machst Du eben Inventur und zählst Getränke. Ich hab dann auch Fenster und Reling geputzt”, so Kleinat. Auch die Zubereitung des Essens für die Familie war nicht anspruchsvoll. „Der Besitzer wollte ganz normales Essen, wie Gretschka, eine Buchweizengrütze, oder Pelmeni, weil er überall woanders immer edel gegessen hat”, erinnert er sich. Zu seinen Angestellten auf der Yacht pflegte der russische Milliardär ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis. „Das Aus kam überraschend für uns”, so Kleinat. Als das Schiff mit ein paar Freunden des Besitzers 2006 von einem zehntägigen Südamerika-Trip zurückkam, wurde es in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Panama unter Arrest genommen. „Es gab Gerüchte über Umweltverbrechen, die wir auf den Galapagos-Inseln begangen haben sollten”, erklärt Stefan Kleinat. Klar war ab dann, dass das Schiff abgewickelt und das gesamte Personal entlassen werden musste.

Butler im Edel-Hotel

Stefan Kleinat hing nach diesem Job eine Weile in der Luft. „Hinterher habe ich realisiert, dass ich auf der Yacht zum ersten Mal mit dem Private Service zu tun hatte. Ich habe mich um persönliche Belange der Familie gekümmert und zum Beispiel mit der Frau eingekauft oder die Kinder aus dem Bett geholt.” Wieder in Deutschland, besann er sich seiner Jobmöglichkeiten und beschloss, sich erneut in den Dienst anderer zu stellen. So bewarb er sich als Butler beim wiedereröffneten Carlton Hotel in St. Moritz. Im Dezember 2008 trat Stefan Kleinat den neuen Job in der Schweiz an, den er zwei Wintersaisons ausübte. Das Hotel hatte einen eigenen Butler-Service mit sechs bis acht Butlern eingerichtet, auf den jeder Gast zugreifen konnte. Als Butler in dem Fünfsternehotel übernahm der Lüneburger Aufgaben, die gewöhnlich auch Hotelmitarbeiter übernehmen. Das waren der Empfang der Gäste und das Zeigen der Suite, aber auch das Auspacken der Koffer, Schuhe Putzen oder Kleidung Aufbügeln. Außerdem übernahmen die Butler den Room Service und brachten Essen und Getränke auf die Suiten. Nicht jeder Bewohner einer der 60 Suiten hatte das Bedürfnis, einen eigenen Butler zu haben. Stellte ihn ein Hotelgast aber in seine Dienste, kam Kleinat ihm und seinem Privatleben häufig sehr nah und erhielt Einblick in eine Welt, die ihm sonst verschlossen war. Komische Situationen gab es immer wieder. Nackte Gäste gehören da noch zu den harmloseren Erlebnissen. „Für meinen Geschmack kamen sehr häufig Anfragen nach Drogen, vornehmlich Koks”, erzählt der 47-Jährige. Auch Frauen wollten sich Hotelgäste regelmäßig auf ihr Zimmer bestellen. Stefan Kleinat hatte dazu eine klare Einstellung: „Ich muss da meiner persönlichen Überzeugung folgen. Ich bin kein Zuhälter und kein Drogendealer und möchte mich nicht für die Gäste strafbar machen.” Während den Kontakt zu Frauen der Concierge des Hotels herstellen konnte, übernahm das Hotelpersonal nicht die Beschaffung von Drogen jeglicher Art. Ob Drogen oder Gäste mit nur einem Satz Unterwäsche: „Man ist automatisch verschwiegen”, meint Kleinat.

Neid ist fehl am Platz

Der Butler lernte in seinem Job: Jeder Gast ist gleich, und Neid ist fehl am Platz. „Viele meinen, diesen Lebensstil auch nachleben zu wollen”, weiß er. Doch obwohl der Job gewisse Annehmlichkeiten mit sich bringe, habe er seinen Aufraggebern nie nachgeeifert. „Man lernt natürlich einen gewissen Lebensstil zu schätzen. Ich gehe gern essen und trinken, aber eben in meinen Möglichkeiten.” Zu einigen Gästen baute der Butler auch ein persönliches Verhältnis auf. Ein Industriellenpaar engagierte ihn schließlich vom Fleck weg für zu Hause. Nach der zweiten Wintersaison in St. Moritz zog der Lüneburger im Mai 2010 auf den Gutshof des Paares am Rhein und trat seinen ersten Job als privater Butler an. „Das ist voll in die Hose gegangen”, sagt er rückblickend. Neben Hausdame, Gutsverwalter und Gärtner war er als Butler angestellt, hatte jedoch keine richtigen Aufgaben. Seine Arbeit bestand aus Hunde füttern, Betten machen, waschen, bügeln und sich um Weinkeller, Zigarren und Autos kümmern. Der Dame des Hauses wurde durch seine Anwesenheit langweilig, außerdem entpuppte sie sich als eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die ihr Mann erhielt. Nach einem halben Jahr beendete Kleinat den Job. In seiner nächsten Anstellung in Ahlen (Westfalen) lernte Stefan Kleinat einen raueren Ton kennen. Offiziell als Fuhrparkmanager bei einem Bruderpaar aus der Kosmetikbranche angestellt, übernahm er inoffiziell die Aufgaben als Assistent des Geschäftsführers. Er kümmerte sich um acht Fahrer, organisierte Partys und hatte mit ominösen Menschen zu tun. „Es war komplett unangenehm, da

zu arbeiten”, erinnert er sich. Der Umgangston sei hart gewesen, am Telefon sei nur geschrien worden. „Es herrschte ein Kasernenton, das war menschenverachtend”, meint er. „Ich musste aufpassen, dass ich nicht selber so werde.” Von den Machenschaften seiner Arbeitgeber bekam er viel mit, „es war wie im Film.” Kleinat lernte in dieser Situation viel über sich selbst, zum Beispiel, dass man mit einem gewissen Druck viel erreichen kann. „Ich war auf gewisse Weise fasziniert von der Position. Ich hatte Macht, musste aber auch viel aushalten.” Nach einem halben Jahr hielt er die Eskapaden seines psychisch kranken und gewalttätigen Arbeitgebers nicht mehr aus und zog die Reißleine. „Mitwissen ist nicht schön”, fügt er hinzu.

Höhepunkt am Wörthersee

Es folgten mehrere mehrmonatige Jobs in St. Moritz und Umgebung, bevor Stefan Kleinat ab Ostern 2013 eine längere Arbeitspause einlegte. „Das ist der einzig echte Vorteil an dem Beruf, dass man länger davon leben und auch mal Pause machen kann”, erklärt er. Von seinem letzten Job, den er 2015 und 2016 für ein gutes Jahr inne hatte, regeneriert er sich immer noch. In dieser Zeit war er bei einer Industriellengattin am Wörthersee in Österreich als Hausmanager und Butler angestellt. Ihm wurde die Verantwortung für das Personal übertragen, zusätzlich gehörte der persönliche Service zu seiner Arbeit. Seine Arbeitgeberin, eine Multimilliardärin, die auf zweieinhalbtausend Quadratmetern Wohnfläche lebte, galt als schwierig, weshalb ihr Personal häufig wechselte. „Ich habe ganz normal mit ihr agiert, was keiner mehr gemacht hat. Viele hatten Angst, aber ein Rausschmiss ist für mich nichts Schlimmes”, so Kleinat. Der Butler versuchte, die ständigen Personalwechsel zu minimieren und mit seiner Chefin diplomatisch und in ihrem Sinne zu diskutieren. Doch ihr Family Office, ein Zusammenschluss ihrer wichtigsten Berater, sah es nicht gern, dass Stefan Kleinat Dinge mit seiner Chefin direkt besprach oder auf dem kurzen Dienstweg erledigte, weshalb er immer wieder Probleme bekam. Seinen Job am Wörthersee sieht Stefan Kleinat rückblickend als den Höhepunkt seiner Karriere an. Die Arbeit war ein ständiger Eiertanz – nie wusste man, über was sich die Chefin als nächstes aufregen würde, alles war für sie ein Desaster. Außer dem Butler wollte sie ihr Personal nicht sehen. „Die Mädchen lösten sich auf und mussten immer aufpassen, das ist schon surreal”, meint Kleinat, der selbst von seiner Chefin immer gefordert war. Ständig wollte sie Antworten auf ihre Problemchen, ohne ihr Personal wäre sie kaum überlebensfähig gewesen. „Man muss immer auf Zack sein und zu allem eine Meinung haben – ihre”, sagt er schmunzelnd.

Das grenzt an Selbstaufgabe

Was Stefan Kleinat am Wörthersee erlebte, ging weit über das Geforderte seiner vorherigen Jobs hinaus. „Das grenzt an Selbstaufgabe und ist schon Sklaverei. Eigentlich kann man das mit Geld nicht bezahlen”, so seine Meinung. Tagtäglich musste er sich mit dem unzufriedenen Personal herumschlagen und dazu die Launen seiner Chefin ertragen, 14 Arbeitsstunden am Tag waren normal. „Du lebst in einer anderen Welt.” Als er einmal zu viele Widerworte gab, entschied der Family Office seiner Chefin, dass Stefan Kleinat in dieser Position nicht länger tragbar ist. „Eigentlich braucht sie aber so jemanden, der ihr nicht nach dem Mund redet”, meint er. Der 47-Jährige weiß, dass die Stelle seit seinem Weggang 2016 immer noch unbesetzt ist. Seit Stefan Kleinat zurück in Lüneburg ist, wo er immer seinen Lebensmittelpunkt hatte, führt er ein beschauliches Leben. „Ich bin nicht erlebnishungrig”, erklärt er. „Ich habe den Drang, ins einfachere Leben zu flüchten und habe die romantische Vorstellung vom Selbstversorger.” Noch kann er von dem Geld leben, was er als Butler verdient hat. Ob und wann er sich wieder als Butler anstellen lässt, steht noch in den Sternen, vielleicht geht es auch in Richtung kochen. „Ich bin jetzt im optimalen Reifegrad, um als Butler zu arbeiten. Und eine Möglichkeit, in den Job zurückzugehen, gibt es immer.” (JVE)