Im Bann der Märchen

Katja Breitling arbeitet als Märchenerzählerin und Märchentherapeutin

Über Märchen gibt es viele Klischees – zum Beispiel, dass sie nur etwas für Kinder sind. Dass dem nicht so ist, weiß die Lüneburger Märchentherapeutin und Märchenerzählerin Katja Breitling aus eigener Erfahrung: „Ich arbeite fast ausschließlich mit Erwachsenen.” Seit 13 Jahren gibt es Katja Breitlings „Märchenwirkstätte” – eine märchenhafte Zahl, die sie gerne dieses Jahr gefeiert hätte, doch Corona machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Seit 13 Jahren ist die gebürtige Kielerin in Lüneburg selbstständig – sie verdient sich mit Märchen ihr Geld. Hatte sie bis vor 17 Jahren noch überhaupt nichts mit Märchen am Hut, wurde sie dann regelrecht „zu ihnen geführt”, wie sie meint. Katja Breitling hat verschiedenste Wege beschritten in ihrem Leben. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Europasekretärin, war danach im Ausland. Sie ließ sich zur PR-Beraterin ausbilden, bevor sie nach Hamburg ging, um Ethnologie zu studieren. Beruflich ging sie in die PR-Branche, war viel im südostasiatischen Raum unterwegs, arbeitete unter anderem in Singapur. Doch Märchen hatten bis dahin keinen besonderen Platz in ihrem Leben.

Der inneren Stimme gefolgt

Anfang der 2000er lebte Katja Breitling im schleswig-holsteinischen Naturpark Aukrug. Auf der Suche nach kulturellen Angeboten in der Umgebung stieß sie auf den Märchenhof Rosenrot, ein privates Institut, das die Ausbildung zum Märchentherapeuten anbietet. „Ich hatte vorher nichts mit Märchen gehabt, ich kannte nur Grimms Märchen und einige Mythen aus dem Ethnologie-Studium”, erinnert sich die 58-Jährige. „Aber plötzlich war da in mir diese klare Stimme: Katja, das wolltest Du schon immer werden.” Diese innere Stimme überraschte sie damals selbst, doch sie folgte der Eingebung: Mit Anfang 40 ließ sie sich zur Märchenerzählerin, Märchenberaterin und Märchentherapeutin ausbilden. „Es ist absolut meine innere Berufung geworden”, so Katja Breitling. Die ungewöhnliche Ausbildung erstreckte sich auf Wochenenden über insgesamt drei Jahre, währenddessen arbeitete sie weiterhin in Hamburg als PR-Beraterin. Als ihr Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste, sah sie dies wieder als Wink des Schicksals und beschloss, sich als Märchentherapeutin selbstständig zu machen. Das Erzählen oder Zuhören von Märchen kennt jeder – doch was ist Märchentherapie? In der Märchentherapie wird davon ausgegangen, dass der Held in einem Märchen innere Prozesse genauso durchläuft, wie sie der Mensch in seinem Leben durchlebt. In der Märchen-Chakra-Therapie, die Katja Breitling gelernt hat, werden aus den sieben Chakren, den Ener-giezentren der hinduistischen Lehre sieben Stufen abgeleitet, die der Held in einem Märchen durchläuft. „Diese Stufen vom Mangel bis zur Fülle, zur Erfüllung, findet man in fast allen Märchen”, erklärt sie. „Wir haben gelernt, ein Märchen nach den sieben Stufen zu erarbeiten.” Die ganze Arbeit in der Märchentherapie läuft über das Gefühl. Wer ein Märchen hört, malt sich im Inneren ein Bild aus, mit dem er seine eigenen emotionalen Erfahrungen verbindet. Diese gilt es bewusst zu machen, zu deuten und in positive Bilder umzuwandeln. So hilft die Therapie, sich mit Hilfe des Märchens seiner selbst bewusster zu werden und neue positive emotionale Erfahrungen zu machen.

Ein Märchen zu jedem Thema

Vor 15 Jahren zog Katja Breitling nach Lüneburg, um sich selbstständig zu machen. „In Lüneburg gingen die Türen sofort auf”, erzählt sie rückblickend. Alsbald wurde ihr durch eine Bekannte ein Stand auf der Lebensfreude-Messe angeboten, wo sie einen Vortrag halten durfte, den sich nur sehr wenige anhörten. Unter den Zuhörern war jedoch jemand aus einer Guttempler-Gemeinschaft in Lüneburg, der sich für ihre Arbeit interessierte. „So bin ich in die Suchtarbeit gekommen”, erklärt die 58-Jährige, die auch bei der Sieb & Meyer Stiftung in Lüneburg Märchenabende und Meditation für Berufstätige anbietet. Inzwischen arbeitet die Märchentherapeutin, die seit zwei Jahren im Kloster Lüne lebt, bundesweit im Auftrag von zahlreichen Suchtverbänden. Hier geht sie zunächst in Selbsthilfegruppen. „Unter meinen Märchenseminaren kann sich natürlich keiner etwas vorstellen. Deshalb erzähle ich in den Gruppen zunächst ein, zwei Märchen und zeige, dass Märchen unsere Lebenswege beschreiben.” Auch wenn nicht jeder sofort Zugang zu Märchen und der Arbeit mit ihnen bekommt, sind die freiwillig angebotenen Märchenseminare bei den Teilnehmern aus den Selbsthilfegruppen sehr gefragt. Wer die Märchenarbeit mit der Therapeutin vertiefen möchte, kann bei ihr auch eine Einzeltherapie machen. Katja Breitling arbeitet viel mit Traumatisierten und Personen mit Suchtthematik oder Depression. In ihren Märchenseminaren wählt sie Märchen und Themen, die zu den Problematiken der Teilnehmer passen, zum Beispiel Loslassen, Urvertrauen, Geborgenheit oder auch Trauerarbeit und Vergebung. „Man kann jedes Thema nehmen – man findet dazu immer passende Märchen”, erklärt sie. Da viele Teilnehmer wiederholt ihre Seminare besuchen, hat sie den Anspruch an sich selbst, immer neue Märchen auszusuchen.

Märchenüben im Klostergarten

Die Vorbereitung für die Märchenseminare ist sehr aufwendig. Zunächst gilt es, aus der schier unendlichen Fülle von Märchen aus aller Welt ein Passendes auszusuchen. Denn sie weiß: Mit Grimms Märchen, die fast jeder kennt, kann sie in ihren Seminaren niemanden hinterm Ofen hervorlocken. „Bei spannenden unbekannten Märchen sind die Leute eher dabei”, so ihre Erfahrung. Während ihrer Auseinandersetzung mit den Märchen lernt sie, diese frei zu erzählen, denn sie liest nicht einfach nur vor. Um ein 15-minütiges Märchen erzählen zu können, hat sie früher einen Monat gelernt, inzwischen braucht sie einige Tage. „Am Anfang habe ich unglaublich viele Märchen gelernt, heute sind es vielleicht noch zehn im Jahr”, sagt sie. „Ich lerne inwendig, nicht auswendig. Ich erarbeite mir das von innen.” Sie hat genau Buch geführt: Rund 170 Märchen hat sie in den vergangenen 13 Jahren gelernt. „Ich könnte adhoc um die 40 Märchen erzählen, einige müsste ich vielleicht kurz auffrischen.” Um die Geschichten zu lernen, geht sie gerne raus, spaziert durch den Klostergarten oder das nahe gelegene Wäldchen, erzählt sich das Märchen immer wieder selbst laut. Während man sie auf dem Klostergelände und in Lüneburg kennt, wird sie dabei in anderer Umgebung schon mal komisch angesehen. Auch wenn Katja Breitling von ihrer Arbeit als Märchen-Seminarleiterin lebt, ist sie den Lüneburgern eher als Märchenerzählerin bekannt. Auf dem Weg zur Märchentherapeutin gehört die Ausbildung als Märchenerzählerin auch dazu. Dabei wollte sie das zunächst gar nicht werden: „Ich wollte nicht Märchenerzählerin werden, sondern Therapeutin. Aber ich habe dann gemerkt, dass mir das sehr viel Spaß macht.” Auf dem Klostergelände bietet sie seit Jahren Märchenführungen an, außerdem gibt sie regelmäßig Friedhofsmärchenführungen in Lüneburg und führt mit den Märchenerzählerinnen Karin Ulex und Edith Eckholt die Lüneburger Märchentagungen durch. Zweimal im Jahr besucht sie außerdem seit Jahren die Grundschule Scharnebeck, um den Kindern Märchen zu erzählen. Auch im Ostpreußischen Landesmuseum bietet sie Veranstaltungen an, erstmalig nun auch einen Märchen-Kinderclub, bei dem die Kinder Märchen selbst erfinden können. Das Erfinden von Märchen überlässt Katja Breitling ansonsten anderen – sie hat sich bisher nur ein einziges für ihre Nichte ausgedacht. Sie bedient sich lieber aus einem reichen Schatz der Weltliteratur, von dem sie einiges zu Hause hat. Die Märchenerzählerin liebt vor allem asiatische und italienische Märchen. Es gibt Märchen, die sie von Anfang an begeisterten, dazu gehören das nordische „König Lindwurm”, „Salz und Zucker” aus Griechenland oder „Der dankbare Baum” aus Japan. Zurzeit beschäftigt sie sich mit dem italienischen Märchen „Der Halbierte”. Privat liest Katja Breitling andere Bücher, viel Fantasy und magische Geschichten, aber auch über spirituelle Themen.

Virtuelles Märchenabenteuer

In Lüneburg sei sie von Anfang an warm aufgenommen worden, meint Katja Breitling. „Lüneburg hat so eine Offenheit. Es war, als ob man offene Türen eingerannt hat.“ Sie merkt, dass sich ihre eigene Begeisterung auf andere überträgt und die Menschen bewegt. Leicht ist das nicht immer: Das Erzählen von Märchen erfordert ein hohes Maß an Konzentration. „Wenn ich ein Märchen erzähle, bin ich im Hier und Jetzt, ich muss absolut in der Präsenz sein und darf nicht an etwas Anderes wie zum Beispiel Bügeln denken.”, so Katja Breitling. Nur wenn sie selbst in den Bildern des Märchens sei und das vermitteln könne, könne sie andere emotional mit auf die Reise nehmen. Die Coronazeit hat auch die Märchenerzählerin und -therapeutin komplett ausgebremst. Monatelang ist die Gruppenarbeit der Suchtverbände ausgefallen, gab es kaum Veranstaltungen in der Stadt. Katja Breitling nutzte die Zeit und zauberte binnen kürzester Zeit ein virtuelles Märchenabenteuer aus dem Hut, das sich über mehrere Wochen erstreckte. Über ihren E-Mailverteiler lud sie zur kostenlosen Teilnahme im Internet ein, stolze 150 Personen aus ganz Deutschland nahmen schließlich teil. Allerdings erforderte das Spiel regelmäßige Rückmeldungen von ihr, was viel Arbeit machte. Die Idee stieß auf so viel Begeisterung, dass bereits Anfragen von Familienbildungsstätten nach weiteren Abenteuern kamen – für den Fall eines erneuten Lockdowns. (JVE)