„ICH WOLLTE MEINE KINDER NICHT MEHR SCHLAGEN“

Sekten in Deutschland – es gibt sie noch und sie sind weiter sehr gefährlich. Eine Lüneburgerin – Ex-Anhängerin der „Zwölf Stämme“ – packt aus …

 

Ein Samstag, kurz nach 10 Uhr. Es klingelt an
der Tür. Ein älteres Paar wünscht „Guten Morgen“
und hält den „Wachtturm“ in die Höhe.
Wenn sie nicht sofort abgewiesen werden, beginnen
sie von Gott zu erzählen. Sie missionieren,
gehen von Haus zu Haus: Die Zeugen Jehovas.
Fast jeder hat das so oder ähnlich schon
einmal erlebt.
Neben Scientology gehören die Zeugen Jehovas zu
den bekanntesten Sekten in Deutschland. Nur wenige
wissen, dass es noch jede Menge kleinere, aber teilweise
deutlich extremere „Glaubensgemeinschaften“
hierzulande gibt. Sie nennen sich „Weltdiener“, „Himmelsjünger“
oder auch „Zwölf Stämme“ und sie leben
nach fanatischen Regeln und Vorstellungen.
Fast alle Sekten vereint ein Grundprinzip, sagt der
Hamburger Sektenforscher Reinhard Postels: „Das
reportage: sekten
Leben wäre viel einfacher, wenn es nur Gut und Böse
gäbe in der Welt. Es gäbe dann immer ganz klare Antworten,
keine Zweifel, kein Hinterfragen.“
Die Mitglieder der umstrittenen Sekte „Zwölf Stämme“
leben in genauso einer Welt, streng nach den Regeln
des Alten Testaments.
Die männlichen Leiter sind die Hirten, die einfachen
Mitglieder sind die Herde. Männer bezeichnen sich als
Brüder, Frauen als Schwestern. Frauen sind Männern
grundsätzlich untergeordnet. Kinder dürfen auch gezüchtigt
werden.
2013 kam es zu einer größeren Polizeiaktion: In zwei
bayerischen Gemeinden wurde den Eltern von 42
Kindern, allesamt Anhänger der „Zwölf Stämme“,
das Sorgerecht entzogen – wegen des Verdachts auf
körperliche Misshandlung. Heimliche Filmaufnahmen
hatten gezeigt, wie Mütter ihre Kinder in einen dunklen
Raum führten und mit der Rute schlugen. Mehrere
Beteiligte wurden schon verurteilt, in anderen Fällen
wird weiter ermittelt.

Die Lüneburgerin Adjana K. (Name geändert) war
mehrere Jahre bei den „Zwölf Stämmen“, geriet nach
einer Lebenskrise in Süddeutschland in eine Art Kommune.
Sie sagt: „Ich habe lange Zeit daran geglaubt,
was mir dort permanent eingetrichtert wurde: Nur wir
sind die Guten, der Rest ist böse, steht unter dem Einfluss
des Satans.
Vor dieser teuflischen Außenwelt mussten wir natürlich
auch unsere Kinder schützen. In die so genannten
normalen Schulen haben wir sie nicht gelassen. Und
wenn sie nicht gehorcht haben, wurden sie geschlagen.
Irgendwann wollte ich meine Kinder aber nicht
mehr schlagen …“

Einmal, so erinnert sich Adjana K., hatte ein Kind aus
der Gruppe einen Apfel gestohlen, man wusste aber
nicht genau, wer es war. Also wurden einfach alle
Kinder bestraft. „Das ging reihum. Man ging aus dem
Haus mit seinem Kind oder wie in meinem Fall mit
meinen beiden Söhnen und die mussten dann auf jeden
Fall weinend zurückkommen. Es wurde von den
Erwachsenen einfach erwartet, dass sie weinen, denn
sonst wäre es ja keine Strafe gewesen.“ Der Aussteiger
Robert Pleyer schildert in seinem Buch „Der Satan
schläft nie“ (Knaur) eindringlich das „Restraint“, eine
besonders brutale Erziehungsmetode, um den Willen
schon der Kleinkinder zu brechen: „Die kleinen Hände
sind Gefangene in seinen – des Vaters – Fäusten …
Er tut ihr weh. Er hält sie fest. Sie zappelt. Sie versucht,
die Hände aus dem Griff zu lösen. Er hält sie fester. Sie
schreit. Sie biegt sich nach hinten. Er drückt mit der
flachen Hand den Kopf auf ihre Brust. Sie schwitzt.
Äderchen platzen in ihrem Gesicht. Anderthalb Stunden
dauert der Kampf. Erschöpft lässt sie ihren Kopf
in seine Hand sinken. Sie gibt auf. Sie ist erst acht
Monate alt.“
An anderer Stelle des im Oktober 2014 erschienenen
Buches heißt es: „Die Macht, die eine Ideologie über
einen Menschen haben kann, eine Glaubenslehre, die
mit dem Teufel droht, mit ewiger Verdammnis, ist unermesslich.
Frühmorgens, in der Lehrstunde, werden
die Eltern schon von den Ältesten bearbeitet, dass
Züchtigung den Kindern gut tut.“

Fast zwei Jahrzehnte verbrachte Robert Pleyer in der Sekte,
bis er sich endlich aus der 1972 von dem US-amerikanischen
Pädagogen Elbert Eugene Spriggs geründeten
Gemeinschaft befreien konnte. Adjana K. hielt es nur 30
Monate aus. Dann wollte auch sie nur noch weg.
Doch so einfach war das nicht: „Als man bemerkte, dass
ich bestimmte Maßregelungen anzweifelte, wurde ich
beobachtet.“ Achte auf Dich, dass Du nicht zum Feind
Gottes wirst, wurde sie von anderen gewarnt. Als Feinde
Gottes gelten alle Abtrünnigen der Stammesgläubigen.

Mehr und mehr fühlte sie sich als Außenseiterin und
auch ihre Kinder litten darunter. Adjana K. wurde gezwungen,
ihre Söhne immer häufiger zu schlagen. „Es
begann morgens nach dem Aufstehen und endete
beim Schlafengehen. Irgendwann konnte und wollte
ich nicht mehr. Ich entschloss mich zu fliehen.“
Wie ihr das genau gelang, will sie nicht erzählen. Sie
deutet an, dass ein männliches Mitglied der Gemeinschaft
ihr geholfen habe. „Ich würde aber niemals seinen
Namen preisgeben!“
Über Umwege kam sie in den Landkreis Lüneburg, wo
sie heute wohnt und auf einem Biohof arbeitet. „Meine
Mutter stammt von hier, sie hat mir auch eine kleine
Wohnung und den Job besorgt.“
Die Söhne von Adjana K. gehen inzwischen sogar
auf eine öffentliche Schule. Sie haben eine Menge
nachzuholen, sich aber prächtig eingelebt. Inzwischen
haben sie auch viele Freunde gewonnen.
Was Adjana K. umtreibt, ist einerseits die Sorge, dass
ihre Kinder sie eines Tages doch dafür hassen könnten,
was sie ihnen angetan hat („Ich weiß, dass ich irgendwann
mit ihnen über diese Zeit und die Erinnerungen,
die sie daran haben, sprechen muss, noch sind sie
mit ihren acht und neun Jahren aber zu jung“) und
die Angst, sie könnten von der Sekte entführt werden:
„Das sind vermutlich mehr Albträume von mir, als reale
Ängste. Die begannen vor einiger Zeit mit einem
Brief, da stand drin, dass die Apokalypse uns kurz
bevorstünde.
Meine Seele sei zwar schon verloren, aber ich sollte
doch endlich meine Kinder ausliefern, damit diese gerettet
werden könnten …“ (RT)