„Ich will mein Leben nicht vergessen!“

Demenzkranke müssen nicht nur gegen ihre Angst sondern auch gegen Isolation kämpfen.

Rund 1,5 Millionen Demenzkranke leben in Deutschland. Bis 2030 könnte sich die Zahl verdoppeln, sagen Experten. Die Bundesregierung will jetzt besser über die Krankheit aufklären. Durch eine aktuelle Kampagne sollen Menschen mehr über die Bedürfnisse der Erkrankten und ihrer Familien erfahren, da das Thema immer noch mit vielen Vorurteilen behaftet ist. Doch reicht das aus, dass Demenzkranke in Zukunft auch besser – menschenwürdiger – leben können? Bei der 67-jährigen Rentnerin Erika H. ist die Krankheit vor zwei Jahren diagnostiziert worden, ist noch in einem frühen Stadium. „Ich habe panische Angst vor jedem neuen Tag, merke, wie mein Gedächtnis ganz langsam schwindet. Die Angst äußert sich in aller Regel in einer starken Unruhe. Ich kann nicht länger als zehn Minuten an einem Ort sein. Ich bin auch viel häufiger aggressiv zu anderen, obwohl ich das nicht will. Auch dahinter steckt Angst, sagt mein Arzt.“ Die Lüneburgerin hat sich eingehend mit ihrem Leiden beschäftigt, viele Nicht-Betroffene wissen dagegen nur wenig über die Krankheit oder sind Irrtümern aufgesessen. So sprechen viele zum Beispiel über Alzheimer und meinen gleichzeitig Demenz, ohne sich über einen Unterschied der beiden Begriffe bewusst zu sein. Dabei handelt es sich bei Alzheimer lediglich um eine – wenn auch die häufigste – Form von Demenz.

Nach heutigem Kenntnisstand der medizinischen Forschung sind primäre Demenzen, zu denen auch die Alzheimer-Krankheit zählt, irreversibel, d.h. sie können nicht rückgängig gemacht werden. Die Alzheimer-Krankheit wird durch schädliche Eiweißablagerungen im Gehirn verursacht, welche den Austausch zwischen den Nervenzellen be- oder verhindern. Mit gewissen Medikamenten kann das Fortschreiten der Krankheit hinausgezögert werden. Das massenhafte Absterben der Nervenzellen im Gehirn aber, welches für die Alzheimer-Krankheit charakteristisch ist, können sie nicht verhindern. Andere primäre Demenzformen sind sogenannte vaskuläre Demenzen. Diese werden durch Durchblutungsstörungen der kleinen Gefäße im Gehirn verursacht. Wie alle unsere Organe muss auch das Gehirn konstant mit sauerstoffreichem Blut versorgt werden, um richtig zu funktionieren. Ist die Blutversorgung jedoch unterbrochen, erhalten die Gehirnzellen zu wenig Sauerstoff und werden beschädigt oder sterben ab. Dies kann durch ein plötzliches Ereignis, wie zum Beispiel einen Schlaganfall passieren. Weit häufiger ist jedoch die schleichende Verschlechterung der Blutversorgung des Gehirns, z.B. durch einen über Jahre nicht behandelten Bluthochdruck. Das Risiko an Demenz zu erkranken nimmt mit dem Alter zu. So leidet zwischen 65 und 69 Jahren jeder 20. an einer Demenz, zwischen 80 und 90 sogar fast jeder 3. Anfangs ist meist nur das Kurzzeitgedächtnis betroffen: Gespräche, Fernsehsendungen, Zeitungslektüre – in kürzester Zeit ist alles aus der Erinnerung gelöscht. In einem fortschreitenden Prozess weiten sich die Ausfallerscheinungen auch auf das widerstandsfähigere Langzeitgedächtnis aus: Fast alle Kindheitserinnerungen gehen verloren, früher Erlerntes ist nicht mehr abrufbar. Der Kranke weiß nicht mehr, was er mit einem Haustürschlüssel in der Hand machen soll etc.

 

Anhaltende Vergesslichkeit und Zustände geistiger Verwirrtheit sind die am häufigsten auftretenden Symptome, die bei einer Demenzerkrankung in Erscheinung treten – aber lange nicht die einzigen. Bei einer vaskulären Demenz können vielfach schon frühzeitig körperliche Ausfallerscheinungen auftreten. Dazu gehört vor allem eine Koordinationsschwäche, ein sichtbar schwankender Gang ist keine Seltenheit. Bei Erika H. wurde in einem Untersuchungsmarathon eine Mischform von Alzheimer- und vaskulärer Demenz festgestellt, hervorgerufen oder mindestens befördert möglicherweise durch starkes Rauchen in der Vergangenheit und ungünstige Blutfettwerte. Sie erhält aktuell u.a. stark blutverdünnende Medikamente und sogenannte Cholinesterase-Hemmer. Die Mittel helfen, die Nebenwirkungen haben es allerdings in sich: „Mir ist oft übel, ich leide unter Erbrechen, Appetitlosigkeit und Schwindel“, klagt Erika H.

Seit gut zwei Monaten lebt die ehemalige Steuerfachangestellte jetzt in einer „betreuten Wohnanlage“ zwischen Uelzen und Lüneburg. Für ein Pflegeheim fühlt sie sich noch nicht bereit. Sie hat Angst in einem Heim unterzukommen mit viel zu wenig Personal und keinen gesonderten Angeboten für Demenzkranke: „Es gibt so viele alte Menschen mit ähnlichen Krankheitssymptomen wie den meinen, die vegetieren nur noch vor sich hin und starren den lieben langen Tag aus dem Fenster. Ich befürchte, dass ich auch so enden werde. Ich habe Sorge, dass ich meine Kinder und Enkel irgendwann nicht mehr erkenne. Aber ich will doch mein Leben nicht einfach vergessen!“ Auf der Woche der Demenz, die Ende September erstmals auch in Lüneburg stattfand (Motto: Jung und Alt bewegt Demenz), wurden auch Schicksale wie das von Erika H. diskutiert. Tenor: Es braucht ein sehr viel demenzfreundlicheres Umfeld in der Gesellschaft und mehr Aufklärung, um die zunehmende Isolation von Menschen mit Demenz zu reduzieren. Leider hinkt die Politik diesen Herausforderungen aber noch hinterher, kritisierten Experten der Aktion Demenz und des Alzheimer Verbandes. Auch das in Berlin jetzt vorgestellte Hilfs- und Informationsnetzwerk der Bundesregierung ist da nicht mehr als ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

Hilfe für Betroffene und Angehörige in Lüneburg

Alzheimer Gesellschaft Lüneburg e.V., Apfelallee 3 a, 21337 Lüneburg

Telefon:  04131 – 66656

Alzheimer-Telefon

030 – 259 379 514

01803 – 171017

(Ein Service der Deutschen Alzheimer Gesellschaft)

Tipps & Infos

US-Untersuchungen haben gezeigt, dass frische Äpfel besonders wirksam freie Radikale bekämpfen. Diese gelten als bedeutende Faktoren für Gehirnerkrankungen. Eine andere US-Studie zeigt, dass drei oder mehr Gläser Fruchtsaft pro Woche das Krankheitsrisiko um fast 75% senkt – besonders wirkungsvoll sollen selbst gepresste Obstsäfte sein.

Schon zehn Minuten Gedächtnistraining am Tag können reichen, um Gedächtnisverlust vorzubeugen. Das bloße Abfragen von Inhalten wie beim Kreuzworträtsel bringt allerdings nicht viel. Besser sind deshalb Gesellschaftsspiele wie Memory oder Scrabble. (RT)