“Ich träume von einem Stumpf”

Bizarre Störung: Wenn Gesunde sich um jeden Preis
eine Amputation wünschen

Sie lassen ihre Gliedmaßen absichtlich erfrieren oder sägen sie aus Verzweiflung selbst ab: Weltweit leiden Tausende Menschen unter BIID – einer der wohl seltsamsten Krankheiten der Welt. Die rechte Hand des jungen Mannes war normal und gesund. Aber er wollte sie weghaben. Also ging er in einen Baumarkt und kaufte sich eine Kettensäge …

Der Mann, der da von sich selbst erzählt – nennen wir ihn Stefan, seinen richtigen Namen möchte er nicht öffentlich machen – weiß genau, dass das völlig irre klingt. Aber er weiß auch, dass er nicht verrückt ist. Er ist krank. Er hat BIID. Unter Body Integrity Identity Disorder (deutsch: Körperintegritätsidentitätsstörung), Kurzform BIID, das tiefe Empfinden einer Person, dass sich bestimmte Körperteile oder Körperfunktionen fremd anfühlen oder nicht zur eigenen Person gehören. Es kommt zu einer Deckungsungleichheit zwischen innerem gefühlten Körperbild und äußerem tatsächlichen Körperbild. Das äußert sich in einem extrem hohen Leidensdruck und teilweise starken Depressionen. Wie viele Betroffene es in Deutschland gibt, ist unklar. Jedenfalls wesentlich mehr, als sich öffentlich „geoutet“ haben. Das sind nur einige wenige. Experten gehen davon aus, dass es mehrere Tausend Betroffene weltweit gibt, vor allem Männer. In mehr als 80 Prozent der Fälle wünschen sie eine Beinamputation, links häufiger als rechts. Nur wenige Betroffene, vor allem Frauen, wünschen Amputationen auf beiden Körperhälften. Weil in westlichen Ländern die Amputation von intakten Gliedmaßen verboten ist, lassen sich die Betroffenen teilweise in Asien operieren oder provozieren einen entsprechenden „Unfall“.

Stefan, Anfang 30, Student der Kulturwissenschaften, hat seine linke Hand so verletzt, dass er nun zwei Finger nicht mehr bewegen kann. Er wäre dabei beinahe gestorben, weil er trotz starker Blutung lange Zeit keine Hilfe geholt hatte. Stolz ist er auf seine Aktion nicht: „Ich werde dennoch weitermachen, ich muss meinen Weg zu Ende gehen“, sagt er. Man darf das ruhig als Ankündigung verstehen und nicht als Drohung. Seine Freunde nahmen ihm sein Märchen von dem tragischen Unglücksfall bei der Gartenarbeit ab. „Ich glaube nicht, dass sie die Wahrheit akzeptieren würden“, sagt er. „Das kann kaum einer.“ Er erzählt, dass er den Wunsch, sich zu verstümmeln schon seit seiner Kindheit hat. Und manchmal „so tut als ob“. BIID-Betroffene nennen das „Pretending“. Dann schnürt er sich den Arm ab, bis dieser völlig gefühllos ist, und bindet ihn ganz eng an seinen Körper. Einmal hat ihn seine Schwester dabei überrascht. Er beichtete ihr, was ihn umtreibt, sie reagierte geschockt. BIID kann man eben nicht verstehen, wenn man BIID nicht hat, sagt Stefan.

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Beschrieben wird es bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In einer medizinhistorischen Anekdotensammlung schildert ein französischer Chirurg, wie er von einem Mann unter vorgehaltener Pis-tole gezwungen wurde, dessen gesundes Bein zu amputieren. Vor rund einem Jahr nahm Stefan an der TU Braunschweig mit einigen anderen Betroffenen an einer Studie teil. Ziel: die Entstehung von BIID verstehen zu lernen sowie Behandlungsangebote auf ihre Wirksamkeit hin überprüfen. Gehört hat er seitdem nichts mehr: „BIID ist eben immer noch ein Rätsel für die Medizin …“ Auch Peter Brugger von der Züricher Klinik für Neurologie, der als einer der wichtigsten weltweiten Experten auf dem Gebiet von Körperintegritätsidentitätsstörung gilt, musste erst lernen, das merkwürdige Phänomen nicht als bizarre Macke abzutun: „Erst persönliche Kontakte mit Betroffenen haben mich überzeugt, dass ein ernst zu nehmender Leidensdruck dahinter steht“, sagt der Professor für Verhaltensneurologie und Neuropsychiatrie.

Inzwischen gibt es einige Forscher, die sich wie Brugger mit BIID beschäftigen. Sie streiten vor allem um die Frage: Woher kommt BIID? Die Psychologen gehen davon aus, die Ursachen liegen im Kopf. Schwere Kindheit. Wunsch nach Anerkennung. Narzissmus. Die Neurologen sagen, die Ursachen liegen im Gehirn.Doch daraus ergibt sich gleich die nächste Frage: Haben Menschen BIID, weil ihr Gehirn anders ist? Oder ist ihr Gehirn anders, weil sie BIID haben? Viele BIID-Betroffene argumentieren mit Selbstbestimmung und fordern das „Recht auf Amputation“. Doch Gesetze und Mediziner stemmen sich aus ethischen Gründen gegen die Amputation eines gesunden Körperteils. Solchen, die es doch tun, drohen Konsequenzen. 1997 nahm der schottische Arzt Robert Smith einem Engländer den gesunden linken Unterschenkel ab; zwei Jahre später entfernte Smith einem Deutschen ein Bein. Smith hätte beinahe seine Approbation verloren. Mehr Informationen zum Thema unter www.biid-dach.org; www.vfsk.eu. (RT)