Genug Platz zum Leben

Patrizia Mannig wohnt in einem Tiny House im Wendland

Für viele Menschen bedeutet Wohnen auf wenig Raum Einschränkung in allen Bereichen. Für Patrizia Mannig ist ihr neues Tiny House ein großer Luxus. Die 62-Jährige hat 15 Jahre in einem Bauwagen gelebt. Der Wohnraum von Patrizia Mannig beschränkt sich auf 8 mal 2,10 Meter, das reicht ihr. Im Januar bezog die Ruheständlerin ihr für sie angefertigtes Tiny House auf einem gemieteten Grundstück in der Nähe von Lüchow (Wendland). Ihre Tochter wohnt mit Mann und Kind gleich nebenan in einer Wohnung. Den Wunsch, aufs Land zu ziehen, hat die gebürtige Hamburgerin schon seit mehr als 20 Jahren. „Ich wollte einen richtigen Garten und weit gucken können”, erklärt sie. Als ihre Kinder groß waren, suchte Patrizia Mannig nach einem neuen Ort zum Leben, wollte der Großstadt Hamburg, wo sie in einer WG lebte, den Rücken kehren. Doch Grundstücke und Häuser waren auch auf dem Land teuer, und ihr Plan schien in weite Ferne zu rücken. „Über Freunde habe ich mir dann einen Bauwagen angesehen”, erinnert sie sich. Diese Wohnform überzeugte sie, und sie kaufte sich einen Bauwagen. Zunächst lebte sie ein paar Monate in Mölln, Mitte der neunziger Jahre zog Patrizia Mannig schließlich nach Lüneburg auf den Bauwagenplatz auf Gut Wienebüttel. Für ihr Leben im Bauwagen verkaufte Patrizia Mannig damals fast ihren ganzen Besitz. Ihre Schwester, die seit Jahren in Lüneburg lebt, verhalf ihr zu dem Platz in ihrer Stadt. „Mit über 40 Jahren war ich die Älteste, aber sie haben mich genommen”, erzählt Patrizia Mannig, die die Zeit auf Gut Wienebüttel genoss. Die Umstellung von der Wohnung war groß, schließlich hatte sie in ihrem Bauwagen kein fließendes Wasser und kein eigenes Badezimmer. Das Toilettenhaus auf dem Platz wurde gemeinsam genutzt, einmal die Woche durften die Bauwagenbewohner das Schwimmbad des benachbarten Pflegezentrums nutzen und dort auch Wasser holen.

Neue Orte für den Bauwagen

Für ihre Arbeit an einer Körperbehindertenschule pendelte die ausgebildete Pädagogin nach Hamburg. Dreieinhalb Jahre ging das so, doch dann brauchte sie eine Veränderung. „Gut Wienebüttel war keine Perspektive für mich”, erinnert sie sich. „Es war mir zu dunkel, und ich hatte keinen Garten. Ich bin ja ein Gartenfreak und deshalb auch rausgezogen aus Hamburg.” So machte sich Patrizia Mannig gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten auf die Suche nach einem neuen Ort für ihren Bauwagen. „Wir hätten auch ein Haus genommen. Aber als wir ein Grundstück mit einer 300 Quadratmeter großen Halle zum Kauf fanden, war das perfekt”, erzählt sie. Sie zogen in die Nähe von Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern, die Halle war eine ehemalige Schmiede aus DDR-Zeiten. Diese nutzte das Paar, um Sachen unterzustellen, später bauten sie sich hier ein Badezimmer und sogar eine kleine Wohnung ein. Als Patrizia Mannig erkrankte, zog sie zwischenzeitig in die Wohnung. In der Zeit in Mecklenburg – rund 20 Jahre – arbeitete Patrizia Mannig in einer freien Schule in Parchim, doch als ihre Erkrankung chronisch wurde, ging sie 2016 in den Ruhestand. Weil in der Umgebung nicht viel los war und ihr Bauwagen langsam in die Jahre kam, strebte sie danach, in eine andere Gegend zu ziehen. Schließlich fragte ihre ältere Tochter (41) sie, ob sie auf dem Land zusammenziehen wollen. Doch Patrizia Mannigs Partner zog nicht mit bei diesen Veränderungen, und so kam es zur Trennung. Die beiden verkauften ihr Grundstück, und die Mutter suchte mit ihrer Tochter und deren Kleinfamilie einen neuen Ort zum Leben.

Deckenhöhe macht mehr Licht

Für Patrizia Mannig war zu dieser Zeit klar: „In dem Zustand, in dem mein Bauwagen ist, möchte ich nicht mehr drin wohnen.” 30 Jahre hat er schon auf dem Buckel. Freunde ermutigten sie, sich einen neuen Bauwagen zu kaufen, doch die Ruheständlerin orientierte sich um. Die Idee, in einem Tiny House zu leben, begeisterte sie, und sie begann sich darüber schlau zu machen. Entscheidend beim Bewohnen eines Tiny Houses ist für die langjährige Bauwagenbewohnerin die Deckenhöhe und damit der Lichteinfall. „Die Decke ist in einem Tiny House viel höher, das macht einen großen Unterschied”, erklärt die 62-Jährige. Im Juni 2019 beschloss sie, sich ein Tiny House zu kaufen – eine Wohnform, die schwer im Trend ist. „Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich mir gerade jetzt ein Tiny House geholt habe, weil es jetzt so in ist”, sagt sie schmunzelnd. Für sie bedeutet der Umzug in ein Tiny House jedoch mehr Luxus als vorher. Patrizia Mannig reiste durch ganz Deutschland, um sich die Tiny Houses verschiedener Hersteller anzugucken. Eine deutsche Firma sollte ihr Häuschen bauen. „In Polen wäre es dreimal billiger gewesen, aber ich wollte jemanden, der ökologisch arbeitet”, erklärt sie. Ausschlaggebend war für sie auch der Stil, der klar sein sollte wie bei ihrem Bauwagen. „Ich wollte es zum Beispiel nicht so bayerisch haben.” Doch wie sollte ihr Tiny House aussehen? Es war ein langer Prozess, bis ihr individuelles Haus schließlich gebaut werden konnte. „Nichts ist Standard”, so Patrizia Mannig. Die Länge war für die Bauwagenbesitzerin schnell ausgesucht, doch sie musste über Höhe, Anzahl der Fenster, Außenverkleidung und Farben entscheiden, ebenso darüber, was sie innen einbauen lässt und was sie selbst macht. Außer der Dusche und der gesamten Elektrik nahm sie die Einbauten selbst vor. So möbelte sie beispielweise eine Küche aus einem alten Wohnmobil wieder auf. „Die meisten Tiny Houses sind mit Einbauküche, aber der Einbau von Tischlern ist sehr, sehr teuer, und mir haben Freunde geholfen”, sagt sie. Den Vinylboden, unter dem eine Infrarot-Fußbodenheizung verlegt wurde, lasierte sie ebenso wie die Holz-Innenwände weiß, um den Raum größer erscheinen zu lassen.

Individuell gebautes Tiny House

Patrizia Mannig entschied sich für ein relativ schlichtes Haus mit einer Verkleidung aus Lärchenholz und roten Fenstern. Da sich das Kiefernholz ihres alten Bauwagens als nicht so langlebig erwiesen hatte, wählte sie für ihr Tiny House ein hochwertigeres Holz. Vom Hersteller aus Hannover stand ihr während des Bauprozesses, den sie eng begleitete, eine Architektin zur Seite. „Ich war auch regelmäßig vor Ort.” Wie beim Bau eines festen Hauses ist die Produktion eines Tiny Houses komplett individuell, auch was zum Beispiel die Planung von Steckdosen und Lichtschaltern angeht. Diese zu haben, empfindet Patrizia Mannig im Vergleich zum Bauwagen als Luxus. Den finanziellen Rahmen immer im Blick, bezahlte sie für ihr Tiny House 50.000 Euro an den Produzenten. Im Januar 2020 war es nun soweit: Patrizia Mannigs Tiny House war fertiggestellt und bereit für den Transport ins Wendland. Ein Lastwagen brachte ihr Haus auf einem Tieflader in ihr Dorf, die letzten Meter musste ein Trecker es aufs Grundstück ziehen. Wegen des vielen Regens konnte es aber bisher noch nicht an die richtige Stelle auf einer Wiese des 6.000 Quadratmeter großen Grundstücks transportiert werden. Nun wartet Patrizia Mannig jeden Tag auf grünes Licht von dem Bekannten, der ihr mit dem Trecker aushilft. Solange ihr Tiny House noch am Haus ihrer Tochter unter einem Vordach steht, kann sie es auch nicht an den dafür vorgesehenen Wasseranschluss anschließen. Deshalb duscht sie zurzeit in der Wohnung ihrer Tochter. Für Patrizia Mannig ist ihr neues Tiny House wie ein Holzhaus auf Rädern. Sie hat, wie oft in Tiny Houses üblich, keine zweite Ebene einbauen lassen und hat so Wohn-, Ess- und Schlafbereich, also Sitzecke, Schrank und Bett, in einem großen Raum. Hinzu kommen Küche und Badezimmer mit Toilette, Waschbecken und Dusche.

Man ist viel draußen

Patrizia Mannig fühlt sich jetzt schon wohl in ihrem Tiny House. Und sie macht eine ähnliche Erfahrung wie in ihrem Bauwagen: „Man ist zu 80 Prozent draußen, und man geht viel schneller raus, als wenn man in einer Wohnung wohnt.” Um mehr Platz zu haben und ihre Vorräte vor allem im Sommer kühl halten zu können, plant sie, sich vor dem Haus eine Terrasse mit einer Art Wintergarten zu bauen. Doch dazu muss ihr Tiny House erst an der richtigen Stelle stehen. Für den Einzug in ihr kleines Häuschen musste sich Patrizia Mannig erneut von vielen Besitztümern trennen. „Ich musste zum Beispiel einen Sessel abgeben, an dem ich sehr hing – er passte einfach nicht rein”, erzählt sie. Dinge, die sie lange eingelagert hatte, verkaufte oder verschenkte sie. An Einrichtungsgegenständen brachte sie lediglich ihr Bett, Regale, einen Büroschrank und drei Lampen mit. Sitzgelegenheiten für wenig Raum musste sie neu kaufen. Auf Einbauschränke und viele Schubladen verzichtete Patrizia Mannig bei der Planung ihres Tiny Houses bewusst. „Ich hatte im Bauwagen 100.000 Schubladen, aber es war für mich klar, dass ich nicht so viele Einbauten will.” So könne sie auch ihre Möbel mal umstellen. „Durch meine Bauwagenzeit bin ich sowieso sehr ordentlich”, fügt sie hinzu.

Werkstatt fürs Hobby

Im Haus der Tochter hat Patrizia Mannig eine Werkstatt. Die braucht sie für ihr Upcycling, das Nähen von neuen Sachen aus alten, was sie seit langer Zeit hobbymäßig betreibt. Auch Gewürzmischungen, Wasch- und Putzmittel macht die 62-jährige selbst. Sie hat schon jetzt das Gefühl, im gut vernetzten Wendland den richtigen Wohnort gefunden zu haben. Zwar fehlen ihr die sozialen Kontakte aus Mecklenburg, doch sie ist zuversichtlich: „Das Wendland ist vernetzter als Mecklenburg.” (JVE)