Gemeinsame Sache

Die e-Ventschau-Organisatoren Susanne Prottengeyer und Steffen Thiele setzen sich seit Jahren gegen Atomkraft ein

Seit ihrer Jugend können sie Missstände nicht einfach hinnehmen, können nicht einfach wegsehen, wenn andere die Augen davor verschließen. Steffen Thiele und Susanne Prottengeyer gehörten jahrelang einer Anti-Castor-Gruppe an. Seit fünf Jahren organisieren sie das Benefiz-Open-Air-Festival e-Ventschau zugunsten der Kinder von Tschernobyl und Fukushima.

Seit sie denken kann, ist Susanne Prottengeyer ein kritischer Mensch. „Wenn Du eine interessierte Haltung hast sozialen Problemen gegenüber, dann wächst Du da rein. Du kannst gar nicht weggucken, und ich weiß auch gar nicht, wie das geht“, sagt die 55-Jährige. Die gelernte Erzieherin hatte einige Zeit im sozialen Bereich gearbeitet, als sie beschloss, etwas Neues zu machen und in die Gastronomie zu wechseln. 1990 übernahm sie die Lüneburger Kultdisco Contra, wo sie auch Steffen Thiele – damals DJ – und andere ihrer späteren Mitstreiter in Sachen Anti-Atom-Bewegung kennen lernte.

Politik im Contra

Das Contra war nicht nur Disco und Café, hier trafen sich auch politisch Aktive, Links-Alternative aus Lüneburg und Umgebung. Auch Susanne Prottengeyer war seit ihrer Ausbildung politisch aktiv, in den Achtzigern gegen Neonazis. Anfang der Neunziger, zeitgleich mit der Übernahme des Contra, entstand die Dahlenburger Anti-Castor-Gruppe, der sich Susanne und Steffen anschlossen. Bis zur Schließung des Contra im Jahr 1995 gab es hier regelmäßig politische Veranstaltungen, zum Beispiel für die Bäuerliche Notgemeinschaft, eine wendländische Anti-Atom-Bewegung.

Steffen Thiele, der im beschaulichen Dorf Ventschau aufwuchs, entstammt einem eher konservativen Elternhaus. Widerstand stand nicht auf der Tagesordnung. Doch als er als Teenager im Jahr 1979 von dem Reaktorunfall im amerikanischen Harrisburg erfuhr, ließ ihn das Thema nicht mehr los. „Seit Harrisburg bin ich überzeugter Atomkraftgegner“, erklärt der 50-Jährige, der einen Platten- und CD-Laden in Lüneburg besitzt.

Steffen und Susanne wurden ein Paar, und gemeinsam haben sie zwei Kinder. Obwohl sie sich inzwischen getrennt haben, stehen sie immer noch für die gleiche Sache ein, den Widerstand gegen die Atomlobby. „Wenn man Berichte von Tschernobyl oder Fukushima sieht, kann man nicht mehr weghören“, meint Susanne. Sie war immer der Meinung, wenn man einmal wisse, wie irrsinnig Atomenergie sei, müsse man automatisch etwas dagegen tun. Auch Steffen sah es schon immer als rücksichtslos an, sich für Kernenergie einzusetzen. „Atomkraft ist wahrscheinlich der größte Fluch, den die Menschheit hat. Die Supergaus in Tschernobyl und Fukushima zeigen, dass uns nichts davor schützt“, sagt er. Schließlich sei auch Japan ein technologisiertes Land, das die Katastrophe dennoch nicht verhindern konnte. „Jeder, der ein Verantwortungsgefühl hat, sollte eingreifen“, appelliert er.

Widerstand gegen Castor

Der Castor-Widerstand der Dahlenburger Gruppe erlebte seinen Höhepunkt zur Zeit der Castor-Transporte nach Gorleben, die von 1996 bis 2011 durchgeführt wurden. Die Atomkraftgegner fokussierten sich jedoch nicht nur auf die Transporte, sie trafen sich zum regelmäßigen Austausch und organisierten Veranstaltungen rund um das Thema Atomkraft. Manchmal waren auch Benefizveranstaltungen vonnöten, um für Prozesskosten Geld zu sammeln, für die einige Widerständler aus ihrem Kreis nach ihren Protesten bei den Castor-Transporten aufkommen sollten.

Die Dahlenburger Anti-Castor-Gruppe traf sich viele Jahre regelmäßig. Doch nach dem letzten Transport 2011 und dem beschlossenen Atomausstieg der Bundesregierung wurde es ruhiger um das Thema Atomkraft. „Es hatte sich alles beruhigt, aber es ist mehr Schein als Sein“, meint Susanne.

Atomausstieg reicht nicht

Wer sich mit dem Thema Atomkraft auseinandersetzt, weiß, dass es mit dem Atomausstieg allein nicht getan ist. „Es gibt nach wie vor keine Lösung für die Endlagerung“, mahnt Steffen. „Außerdem bringen bestehende Reaktoren auch abgeschaltet Probleme.“ Dem Lüneburger liegt es am Herzen, nicht nur gegen Atomenergie zu sein, sondern auch Wege zu zeigen, wie man die Richtung wechselt. „Jeder hat es selber in der Hand, etwas zu verändern“, meint er. Der erste, einfache Schritt sei ein Stromanbieterwechsel. Außerdem müssten Informationen in die breite Masse weitergetragen werden, um langfristig auf politischer Ebene etwas zu erreichen.

Als die Anti-Castor-Gruppe langsam wegbröckelte, fassten Susanne und Steffen einen Entschluss. „Es war uns wichtig, dauerhaft zu informieren. Es sollte nicht alles in Vergessenheit geraten“, erzählt Susanne. Um das Thema wieder mehr an die Öffentlichkeit zu bringen, kam ihnen die Idee, ein Fest zu organisieren – gegen das Vergessen und für mehr Information und Aufklärung rund um das Thema Atomkraft. „Wir wollten auch mal etwas Schönes zusammen machen und nicht immer nur auf Ereignisse reagieren“, erinnert sich Steffen.

2012 trugen Steffen und Susanne ihre Idee in die Anti-Castor-Gruppe – und sie fiel auf fruchtbaren Boden. Aus der alten Gruppe aus rund 20 Personen, die sich langsam auflöste, entstand ein zehnköpfiges Team, das sich fortan um die Organisation des Anti-Atomkraft-Festes kümmern sollte. Der Name der Veranstaltung: e-Ventschau. Um das Fest durch Musik als Publikumsmagnet zu bereichern, konnten Susanne und Steffen ihre alten Kontakte nutzen, die sie zu Contra-Zeiten geknüpft hatten.

Masse ist gegen Atomkraft

So konnte ein Jahr nach der ersten Planung schon im Jahr 2013 das erste e-Ventschau Festival gefeiert werden, zu dem rund 1.100 Besucher kamen. Das Festival bietet neben viel Musik Filme, Vorträge und Informationen. Eintritt kostet das Festival nicht, Spenden gehen an Organisationen, die sich für die Kinder von Tschernobyl und Fukushima einsetzen. Die Organisatoren verdienen an dem Festival nichts. Als Location dient der Hof Thiele in Ventschau, wo Steffen aufwuchs und heute ein altes Bauernhaus steht, in dem während des Festivals Ausstellungen gezeigt werden. Auf dem Gelände können die Festivalbesucher auch zelten.

Steffen und Susanne wissen, dass der Zeitpunkt günstig ist, um die Menschen in Sachen Atomausstieg zu erreichen. „Es hat einen Imagewandel gegeben. Es ist inzwischen eine konsensfähige Massenmeinung, dass man gegen Atomkraft ist“, meint Steffen. Nun gelte es, weiter aufzuklären, denn viele seien schlecht informiert.

Verein als Basis

Das Festival, das schon bis zu 1.300 Besucher angezogen hat und in diesem Jahr am 29. und 30. Juli stattfindet, wird von Menschen aller Altersgruppen besucht, auch von solchen, die sich mit Atomkraft noch nicht auseinandergesetzt haben. Die Organisatoren ernten viel positives Feedback zur friedlichen Stimmung und schönen Atmosphäre. Doch der wachsende Zuspruch birgt weitere Herausforderungen. „Wir müssen das Fest professionalisieren, sonst würde es nicht funktionieren“, meint Steffen Thiele. Was nicht bedeute, es zu kommerzialisieren. Um die Kosten zu decken, müssen die Organisatoren aus eigener Tasche Geld vorstrecken. Es gibt zwar schon einige Sponsoren aus der Region, doch nur mit Spendengeldern zu hantieren, ist nicht einfach. Bekanntere Bands wollen nicht immer auf die komplette Gage verzichten, so dass auch hierfür eine finanzielle Grundlage sinnvoll wäre. Es bleibt fraglich, wie lange der Eintritt zum Festival also noch kostenlos sein wird.

Ein nächster Schritt in Richtung Professionalisierung war die Gründung eines Vereins – für Susanne, Steffen und ihre Mitstreiter ganz neues Terrain. Der Verein e-Ventschau wurde 2015 gegründet und hat bisher knapp 20 Mitglieder. Erklärtes Ziel des gemeinnützigen Vereins ist, über die Gefahren der Atomkraft zu informieren. Vorsitzender ist Stefan Baumgart (48), ein langjähriger Freund von Susanne und Steffen, der auch schon im Contra auflegte und mit Steffen einen Laden hatte. Zweite Vorsitzende ist Susanne, Steffen ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die Atomkraftgegner hoffen, als Verein künftig noch mehr erreichen zu können im Kampf gegen die Atomenergie. (JVE)