Gegen die Ausgrenzung

José Mommertz ist HIV- und Gesundheitsberater im Checkpoint Queer

José Mommertz weiß, was es bedeutet, als Homosexueller in einer kleinen Stadt zu wohnen, in der jeder jeden kennt. Der gebürtige Kolumbianer kam als Kind nach Deutschland, wo er in einem Dorf aufwuchs. Nach der Schulzeit zog er zurück nach Kolumbien, wählte bewusst die Anonymität der Millionenstadt Bogotá. Inzwischen lebt der 35-Jährige in Hamburg und arbeitet in Lüneburg beim Checkpoint Queer als HIV- und Gesundheitsberater. José Mommertz denkt nicht gerne an seine Kindheit und Jugend im Taunus zurück. „Es war ein kleines Dorf, und ich habe einige homophobe Erfahrungen gemacht”, erzählt er, „was mir dort passierte, hat mich traumatisiert.” Mit etwa 13 Jahren wurde er sich dessen bewusst, dass er nicht auf Mädchen steht. „Das Outing war ein sehr langer Prozess”, erinnert er sich. Seine Mutter habe es zwar schon lange vermutet, José Mommertz suchte aber erst mit Anfang zwanzig mit ihr das klärende Gespräch. Seine Mitschüler erfuhren auf einer Klassenfahrt von seiner Homosexualität. Er hatte sich einem Freund anvertraut, der es weitererzählte. „Das war sehr unangenehm. Es wäre am besten gewesen, wenn meine Mitschüler mich danach in Ruhe gelassen hätten, aber einige wollten mir ständig helfen”, so Mommertz. Erst als er aus dem Dorf wegzog, verbesserte sich seine Situation. 2004 ging José Mommertz zurück in sein Heimatland Kolumbien, um dort Politikwissenschaften zu studieren. Kolumbien ist zwar ein eher konservatives Land, doch in der Großstadt Bogotá geht es etwas lockerer zu. „Bogotá ist riesengroß und anonym. Sehr viele queere Menschen sind nach Bogotá gezogen, denn oft werden sie noch verfolgt, vor allem auf dem Land”, erklärt der 35-Jährige. „Die Anonymität hat mir geholfen, aber ich war ein bisschen einsam und habe versucht, Anschluss zu finden. Ich brauchte Gleichgesinnte.” In einem Viertel ähnlich dem Hamburger Stadtteil St. Georg fand Mommertz schließlich durch seine Mitarbeit im queeren Referat der Universität ein queeres Zentrum mit Selbsthilfegruppe, für die er sich ehrenamtlich engagierte. In der großen queeren Community von Bogotá wurde José Mommertz mit offenen Armen empfangen. Hier organisierte er Kampagnen und Flashmobs sowie einmal im Semester eine queere Party an der Uni.

Viel Beratungsbedarf

Nach dem Bachelor-Abschluss in Kolumbien zog Mommertz schließlich 2012 zurück nach Deutschland. Er entschied sich für Hamburg, wo er zusätzlich Lateinamerikanische Studien studierte. „Hamburg ist eine sehr weltoffene Stadt, in der ich mich wohlfühle”, meint er. Das Gleiche kann er auch von Lüneburg sagen, wo er seit 2019 als Angestellter der „bunt gesund”-Abteilung im Checkpoint Queer arbeitet. „Für die Größe der Stadt gibt es hier eine große queere Community”, meint er. Was HIV und Aids angeht, gibt es nach seiner Erfahrung durchaus Beratungsbedarf. Um die HIV-Beratung in Lüneburg zu übernehmen, absolvierte José Mommertz eine Fortbildung der Aidshilfe für Beratende, gelegentlich bildet er sich weiter fort. Die Aidshilfe ist ein Kooperationspartner des Checkpoint Queer. Seine Zielgruppe in der Beratung sind junge queere Menschen. „Vieles dreht sich um den Schutz vor HIV und wie es übertragen wird”, erklärt er. „Es gibt noch viel Unwissen. Viele haben noch die alten Bilder aus den Achtzigern im Kopf, aber es hat sich viel geändert.” So wüsste ein Großteil der Ratsuchenden zum Beispiel nicht, dass HIV-Infizierte unter der Therapie andere nicht anstecken können. HIV-Infizierte suchen José Mommertz in Lüneburg selten auf. „Sie fahren für die Anonymität lieber nach Hamburg”, weiß der Gesundheitsberater, „das ist leider immer noch ein Tabuthema.” Menschen, die glauben, sich infiziert zu haben, kommen hingegen häufiger in den Checkpoint Queer. Einige stellen bei der Beratung dann fest, dass für sie keine Ansteckungsgefahr bestand. Auch einen Aidstest, einen Schnelltest, bei dem ein wenig Blut aus der Fingerkuppe entnommen wird, kann man im Checkpoint Queer gegen eine Spende machen. Ein HIV-Selbsttest ist auch in der Apotheke erhältlich (wichtig ist hierbei immer das CE-Zeichen). „Man hat das Ergebnis nach zehn Minuten”, so Mommertz. Diese Art von Schnelltest gibt es in Deutschland erst seit einigen Jahren, das Testangebot wird im Checkpoint Queer gut angenommen. „In der Pandemie ist die Nachfrage zurückgegangen. Vor der Pandemie haben sich bei uns 15 bis 20 Leute pro Jahr getestet – in Hamburg wäre das pro Woche.” Zeigt der Schnelltest zwei Striche, ist das Ergebnis also reaktiv, schickt José Mommertz die Person direkt zum Arzt zu einem Bestätigungstest.

Offen reden

José Mommertz berät in Lüneburg auch zu anderen sexuell übertragbaren Krankheiten (abgekürzt STI), zum Beispiel zu Hepatitis B., wogegen es eine Impfung gibt. „Für Risikogruppen, also zum Beispiel Schwule, ist die Hepatitis-B-Impfung kostenlos – das wissen viele Ärzte nicht”, erläutert er. Auch die Übertragung von Papilloma-Viren lässt sich durch die HPV-Impfung verhindern, während Krankheiten wie Syphilis, Chlamydien und Gonnorrhoe (Tripper) gut behandelbar sind. „Syphilis muss entdeckt werden, sonst gibt es einen längerfristigen Schaden an der Haut und Organen”, so Mommertz. Die Gesundheitsberatung, die er montags von 15 bis 19 Uhr ohne Anmeldung anbietet, läuft ähnlich wie eine Sprechstunde beim Arzt ab, jedoch ohne Untersuchung des Körpers. Oft leitet er die Ratsuchenden dafür zum Arzt weiter – meist zum Hausarzt, aber auch zum Frauenarzt oder zur Lüneburger HIV-Schwerpunktpraxis. Einmal die Woche hilft José Mommertz auch queeren Geflüchteten im „Safe Space”, zum Beispiel mit Anträgen. „Unter queeren Geflüchteten herrschen viele Traumata”, weiß er, hier gehe es um seelische Gesundheit. Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeitet er viel im Homeoffice, im begrenzten Rahmen findet die Beratung weiterhin persönlich statt. „Telefonisch berate ich nicht, es ist wichtig, dass die Leute da sind”, meint er, „außerdem gebe ich auch Infomaterial weiter.” Normalerweise gehören zu seinen Aufgaben auch das Vorbereiten von Aufklärungsveranstaltungen, Workshops sowie das Organisieren von Spieleabenden im Checkpoint Queer. Offen über all diese vermeintlichen Tabuthemen zu reden, musste José Mommertz auch erst lernen. „Ich musste mich selbst daran gewöhnen, aber nun ist es für mich kein Thema mehr. Ich wünsche mir, dass offener darüber geredet wird”, sagt er. Durch das queere Zentrum Checkpoint Queer seien die Leute offener geworden: „Es ist ein sehr beruhigender Ort, die Leute sind entspannt.” Der Checkpoint Queer kooperiert auch mit der Initiative „Schlau”, die Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt anbietet. In diesem Rahmen besuchen sie Schulen und geben Workshops. Mommertz selbst hätte sich diese Form von Aufklärung in seiner Jugend auch gewünscht. „Ich habe das Gefühl, der Sexualkunde-Unterricht ist sehr auf Hetero-Menschen ausgerichtet”, meint er.

HIV-Schutz durch Medikament

Die häufigsten Fragen in Mommertz‘ Sprechstunde sind: Wie kann man sich vor HIV schützen? Wie infiziert man sich? „Es herrscht da nur rudimentäres Wissen”, so seine Erfahrung. Ein zentrales Thema ist auch die PrEP, die so genannte Präexpositionsprophylaxe – ein noch recht neues Medikament, mit dem sich HIV-Negative fast so effektiv wie mit einem Kondom vor der Infektion schützen können. „Seit 2019 wird die PrEP von den Krankenkassen übernommen”, erläutert der 35-Jährige. Ein Rezept dafür ist in den Schwerpunktpraxen erhältlich. Dass die PrEP auch in Lüneburg erhältlich ist, findet José Mommertz fortschrittlich. Durch Kontakte mit anderen Beratern weiß er, dass das Präparat oft nur in Großstädten zu bekommen ist. „Ich würde mir von der Politik wünschen, dass ländliche Gegenden mehr bedacht werden”, meint er. José Mommertz‘ Erfahrung zeigt, dass Heterosexuelle mehr Angst vor einer HIV-Infektion haben als Homosexuelle. Junge schwule Männer von 18, 19 Jahren würden oft blauäugig und mit vielen Wissenslücken an das Thema herangehen, während die knapp 30-Jährigen gut Bescheid wüssten. „Häufig sind die Menschen sehr übervorsichtig. Viele Situationen stellen gar kein Risiko der Ansteckung dar.” Eins haben die Ratsuchenden bei der Sorge vor einer HIV-Infektion gemeinsam: „Sie haben keine Angst zu sterben, sondern Angst vor Ausgrenzung”, so der Gesundheitsberater. (JVE)