Fremd und doch geliebt

Sie werden misshandelt und vernachlässigt. Immer mehr Kinder wachsen in Pflegefamilien auf.

Sie gibt ihre Mutterliebe für ein fremdes Kind… Katrin Westhöfer ist eine von Tausenden hochmotivierten Pflegemüttern in Niedersachsen. In den Armen hält sie Jessica (Name geändert), ihr gerade neun Monate altes Pflegekind. Als das Mädchen geboren wurde, war es ganz allein auf dieser Welt. Ihre leiblichen Eltern waren nicht in der Lage, sie zu versorgen – und durften es auch nicht mehr. Gewalt, Suchtprobleme. Ein Amtsvormund wurde eingesetzt.

Katrin Westhöfer: „Mein Mann und ich haben es gut. Wir leben in einem großen Reihenhaus, meine zwei Söhne sind gesund. Ich wollte etwas zurückzugeben, denn ich bin selbst nicht bei meinen Eltern aufgewachsen. Meine alleinerziehende Mutter war schwer krank und konnte sich nicht wirklich um mich kümmern. Deshalb wuchs ich bei sehr lieben Menschen auf, die mich behandelt haben wie ihre leibliche Tochter. Ich habe mit ihnen sehr viel Glück gehabt.“

Der Bedarf an geeigneten Pflegefamilien wie den Westhöfers ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Die Suche wird jedoch zusehends schwieriger. „Wir haben immer mehr als genügend Bewerber für den gesunden Säugling“, klagen die Leiter von Adoptions- und Pflegekinderdiensten in vielen Städten. Allerdings gebe es leider nur wenige Familien, die bereit und in der Lage sind, ein älteres Kind mit besonderer Beeinträchtigung aufzunehmen. Das hat gute Gründe: Wenn beide Partner berufstätig sind, gestaltet es sich eben schwierig, gleichzeitig ein traumatisiertes Kind zu betreuen.

2013 haben die niedersächsischen Jugendämter 3.738 Kinder in Obhut genommen, um sie zu schützen. Das waren fünf Prozent mehr als 2012 und 27,4 Prozent mehr als 2008, wie das Statistische Landesamt mitteilte. 2014 und 2015 stiegen die Zahlen noch einmal deutlich an.

Die erhöhte Sensibilität der Bevölkerung für den Kinderschutz sei ein Grund für den krassen Anstieg, erklärt ein Sprecher des Sozialministeriums. Auch wächst die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die selbst darum bitten, aus ihren Familien genommen zu werden. Zudem kommen immer mehr minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung nach Deutschland. Auch sie müssen untergebracht werden. Auch sie sehnen sich nach Geborgenheit in einer Familie.

Der Großteil der Flüchtlinge ist zwischen 14 und 17 Jahre alt, männlichen Geschlechts und stammt aus Eritrea, Syrien, Afghanistan oder dem Irak. Die meisten haben traumatische Erfahrungen gemacht. Probleme können u. a. die hohen Erwartungshaltungen mancher Jugendlichen darstellen. In ihren Heimatländern herrscht häufig die Vorstellung, Deutschland sei ein Schlaraffenland, in dem das Geld auf den Bäumen wachse. Wer sich vorstellen kann ein Flüchtlingskind aufzunehmen, sollte über „Offenheit und Kultursensibilität“ verfügen, raten Experten. Ansonsten sind die Voraussetzungen, ein Pflegekind aufnehmen zu dürfen nicht anders als bei den sogenannten heimischen Kindern:

  • Pflegeeltern müssen körperlich und psychisch belastbar sein und dürfen nicht vorbestraft sein
  • Wer ein Pflegekind aufnehmen möchte, muss nicht verheiratet sein. Auch Alleinstehende und unverheiratete oder gleichgeschlechtliche Paare können ein Pflegekind aufnehmen.
  • Bei einer dauerhaften Unterbringung der Pflegekinder, sollten Eltern und Kind einen Familien-entsprechenden Altersabstand haben. Aber auch mit 45 Jahren kann man noch Säuglinge und Kleinkinder bei sich aufnehmen.
  • Da Kinder zum Spielen und Lernen Platz brauchen, benötigen Sie genügend Wohnraum. Das bedeutet aber nicht, dass von Anfang an für jedes Kind ein eigenes Zimmer vorhanden sein muss.
  • Die Zeitspanne vom ersten Infoabend bis zur Aufnahme eines Pflegekindes beträgt ca. 9 Monate. Im Vergleich dazu vergehen zwischen 2 bis 7 Jahren bis Sie ein Adoptivkind aufnehmen können.
  • Sie sollten in gesicherten wirtschaftlichen Verhältnissen leben und mit Ihrem Einkommen unabhängig von den Leistungen sein, die Sie für das Pflegekind erhalten. Rund 1200 Euro bekommen Pflegeeltern pro Kind. Der finanzielle Anreiz besteht aber eigentlich nur auf dem Papier. Wer sich für eine Pflege nur deshalb entscheidet, um seinen eigenen Unterhalt zu finanzieren, wird scheitern.
  • Pflegekinder brauchen viel Zeit und Aufmerksamkeit – wenn es sich vereinbaren lässt, kann der vorwiegend betreuende Elternteil auch berufstätig sein.

Regelmäßig statten Jugendhilfe-Mitarbeiterinnen den Familien und ihren Schützlingen Besuche ab. Die Betreuer kommen mindestens alle sechs Monate. Da laufen sie dann durchs Haus, gucken alles an. Dabei passieren allerdings immer wieder schlimme Fehler und Nachlässigkeiten. Manchmal sind diese nur schwer nachvollziehbar, wie im Fall der kleinen Chantal aus Hamburg: Sechs Mitarbeiter von Jugendamt und freiem Träger waren mehrfach in der völlig verwahrlosten Wohnung. Keiner von ihnen merkte angeblich, dass Betten fehlten, Kampfhunde streunten, Räume ohne Licht waren – und … dass die Pflegeeltern drogensüchtig waren. Chantal könnte noch leben, hätte das Junkie-Paar kein Methadon ungesichert in der Wohnung herumliegen lassen.

Die aus solchen erschütternden Skandalen entstandenen Debatten über Pflegeeltern haben auch Katrin Westhöfer „ins Mark“ getroffen. „Es darf hier keine Verallgemeinerung geben, aber es geschieht meistens doch. Man wird schief angesehen, viele glauben man macht es des Geldes wegen, was Unsinn ist. Die allermeisten Pflegeeltern machen einen tollen Job. Sie hätten noch mehr Respekt verdient.“

Pflegestellen „maßgeschneidert“

So unterschiedlich die Lebenssituationen sind, aus denen Pflegekinder kommen, so unterschiedlich sind die möglichen Pflegeformen. Fast überall in der Bundesrepublik existiert ein differenziertes Pflegestellen-Angebot:

Kurzzeitpflege: Eltern sind kurzfristig nicht in der Lage, ihr Kind zu versorgen. Hier besteht kein Erziehungsnotstand, sondern ein Versorgungsnotstand, weil Mutter / Vater z. B. im Krankenhaus, Kur, etc. sind. Danach geht das Kind in die Familie zurück.

Bereitschaftspflege: Der Aufenthalt des Kindes ist auch hier zeitlich begrenzt. Die Perspektive ist jedoch nicht klar. Entweder geht das Kind zur Herkunftsfamilie zurück, oder es wird in einer Dauerpflegefamilie, manchmal auch in ein Heim vermittelt. Häufig sind die Kinder in Bereitschaftspflege „in Obhut“ genommen worden, weil es eine akute Krisensituation oder gar eine Kindeswohlgefährdung in der Herkunftsfamilie gab und nun erst einmal die ganze Situation abgeklärt werden muss.

Wochenpflege: Hier werden die Pflegekinder im Haushalt der Pflegefamilie während der Woche Tag und Nacht oder nur an bestimmten Tagen betreut. Die Gründe für die Wahl dieser Betreuungsform liegen meist in ungünstigen und unregelmäßigen Arbeits- und Ausbildungszeiten oder entfernten Arbeitsorten der Eltern bzw. eines Elternteiles des Kindes.

Dauerpflege in befristeter Unterbringung: Aufenthalt des Kindes in einer Pflegefamilie mit der klaren Perspektive der Rückkehr des Kindes in seine Herkunftsfamilie. Diese ist für eine gewisse Zeit nicht in der Lage, das Kind weiter selbst zu erziehen und zu versorgen, möchte dies aber in überschaubarer Zukunft wieder tun. Die Pflegeeltern müssen in dieser Pflegeform eng mit den Herkunftseltern zusammen arbeiten.

Dauerpflege in unbefristete Unterbringung: Diese Pflegeform ist eine dauerhafte (langjährige) Unterbringung des Kindes in einer Pflegefamilie. Das Kind lebt dort bis zur Verselbständigung. Die Pflegeeltern sind die Hauptbezugspersonen für das Kind.

Ansprechpartner für die Vermittlung und Beratung von Pflegekindern und Familien aus dem Landkreis Lüneburg:

Landkreis Lüneburg Jugendhilfe und Sport
Auf dem Michaeliskloster 4
Gebäude 2, Eingang H, II. Stock, Zimmer 203 und 204

Weitere Infos auch unter www.eltern-helfen-eltern.eu.
Der Verein aus Lüneburg bietet Gesprächskreise für Eltern von Adoptiv – und Pflegekindern an.