„F…Dich, DFB!“

Was die Fussball-Ultras denken und wirklich wollen

Von den Ultras in den Fußballstadien hört man derzeit nichts. Kein Hurensohn-Gegröle, kein Fadenkreuz-Plakat. Wie auch? Ihre Bühne wurde ihnen genommen. Seuchen-Pause in der Bundesliga. Doch wenn wieder angepfiffen wird, und es gibt ganz sicher ein Fußball-Leben nach Corona, kriechen auch die Ultras, die sich als die einzig wahren Fans der Fußball-Klubs verstehen, rund 25.000 an der Zahl, aus ihren Löchern … Über die Ultras hat jeder Fußballfan eine eigene Meinung. Für die einen sind sie Spinner, die Pyros und Hassplakate ins Stadion bringen. Für die anderen sind sie die Einzigen, die auf den Tribünen für Stimmung sorgen und ohne die es keine spektakulären Choreos geben würde. Wie so oft im Leben ist beides richtig. Dass im Fußball der Kommerz überhand genommen hat, wird wohl auch der Nicht-Ultra kaum bestreiten. Dass dagegen protestiert werden kann, vielleicht sogar sollte, bleibt auch die Wahrheit. Und dass Fußball ohne Fans, die bei Wind und Wetter ihren Teams die Treue halten, wie ein Swimmingpool ohne Wasser ist, ebenso. Doch es muss Grenzen des Protestes geben. Und ein Ende der kitschigen Fußball-Romantik, denn die ist wie religiöser Fanatismus. Unbelehrbar.

Hass-Symbol der Ultras

Multimiliardär Dietmar Hopp ist das Hass-Symbol der Ultras, sein Konterfei ist auf den Fadenkreuz-Plakaten zu sehen. Ein Ehrenmann, der eigentlich ein Denkmal verdient hätte, meint Bayern-Präses Rummenigge. Tatsächlich hat der SAP-Mitgründer in der Rhein-Neckar-Region viele Millionen aus seinem Vermögen für soziale Zwecke und den Sport gegeben. Vor allem natürlich für seinen Heimatverein 1899 Hoffenheim, bei dem er in der Nachkriegszeit selbst als Stürmer gekickt hatte. Aus dem einstigen Dorfclub wurde mit den Hopp-Euros ein etablierter Bundesligist und Europapokal-Teilnehmer. Und genau das stößt vielen Ultras übel auf. Zwar gibt es auch Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg. Hinter diesen Klubs stehen aber große Unternehmen, kein einzelner Gönner. An RB Leipzig, den Red-Bull-Konzern und Brause-Tycoon Dietrich Mateschitz war 2008, als die ers-ten Schmähungen gegen Hopp begannen, noch nicht zu denken. Man fragt sich: Sind den Ultras alle die Millionäre und Milliardäre lieber, die ihr Geld für ein Luxus-Lotterleben in Saus und Braus rausschmeißen? So scheint es wohl zu sein.

Solidarisierung nach Kollektivstrafe

In den letzten Wochen nahmen die Fan-Beleidigungen gegen Hopp jedenfalls wieder zu. Aus Dortmunder Sicht hatte das Zeigen eines Hass-Plakats dazu geführt, dass das DFB-Sportgericht Anhänger des BVB für zwei Jahre von Auswärtsspielen bei den Hoffenheimern ausgeschlossen hat. Diese DFB-Entscheidung führte zu einer – bisher einmaligen – Ultra-Solidarisierung. In einer Stellungnahme mit dem Titel „Kollektivstrafen zum „Schutze“ eines Milliardärs – der DFB zeigt erneut sein wahres Gesicht“ heißt es vom Zusammenschluss „Fanszenen Deutschlands“, in dem zahlreiche deutsche Ultra-Gruppen organisiert sind, unter anderem: „Es geht schlichtweg um die Bekämpfung unserer Fankultur und unserer Werte. Die Profiteure des Geschäfts „Fußball“ versuchen mit diesem scheinbar verfänglichen Thema die Fankurven zu spalten, um letztlich die aktiven Fanszenen zu entfernen. Denn diese sind es, die stets den Finger in die Wunde legen und sich für demokratische Vereine, effektive Mitbestimmung im Fußball, für den Erhalt der 50+1-Regel, für bezahlbare Eintrittskarten und fangerechte Anstoßzeiten einsetzen und somit letztlich für das, was uns Fans die Identifikation mit diesem Sport noch halbwegs gelingen lässt.“

Unterzeichnet ist der Brief mit: „Fick dich, DFB!“

Rainer P., HSV-Ultra aus Lüneburg glaubt, dass der Protest gegen Hopp & DFB weiter eskalieren wird: „Noch ist doch alles harmlos, Plakate und so. Es gibt einzelne Gruppen, die wollen aber mehr machen, weil sie glauben, sonst kriegt man einfach keine Aufmerksamkeit. Wenn da keine Seite auf die andere zugeht, endet das schlimm.“

Expertenrat: An einen Tisch setzen

Auch Deutschlands bekanntester Fan-Forscher Harald Lange plädiert dafür, sich an einen Tisch zu setzen: „Der DFB sollte mit Vernunft reagieren und mit Angeboten an die Fan-Szene die Luft aus dem Ganzen rauslassen.“ Dafür dürfe man sich nicht zu stolz sein. Eventuell helfe dabei der Blick in die Vergangenheit: In den achtziger Jahren sei in den Stadien viel mehr los gewesen, Gewalt an jedem Spieltag, und da gab es noch gar keine Ultras. Ansonsten müsse es der Corona-Virus richten: Ob Fußballfunktionär oder Ultra – jeder könne spätestens jetzt erkennen, dass es Wichtigeres gäbe, als 22 Spieler beim Kampf um den Ball …

Übrigens: Eine führende Rolle bei der weltweiten Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus, der die Welt in Atem hält und den Fußballbetrieb und seine Ultras lahmlegt, spielt die Tübinger Biotechfirma CureVac. Einer der größten