Ey Alter, mehr Respekt!

Rempeln, Rüpeln, Rücksichtslosigkeit überall:
Gutes Benehmen – gibt’s das heute noch?

Wer kennt es nicht: Es wird gehupt, geschnitten, abgedrängt im Straßenverkehr. Türen werden vor der Nase zugeschlagen, an der Kasse wird gedrängelt, im Bus oder in der Bahn ins Handy gebrüllt. Rücksichtslosigkeit und Aggression an allen Orten und in allen Bereichen. Gutes Benehmen – Fehlanzeige. Veraltet offenbar. Über Bord geworfen. Doch wollen wir das wirklich so? Ist es ein Zeichen von Liberalität, ein Kotzbrocken sein zu dürfen? Der Regelbruch ist längst zum Regelfall geworden und ein Innehalten ist nicht in Sicht, warnen Wissenschaftler wie der Hamburger Priv.-Doz. Karsten Ried: „Die Sitten werden rauer. Jeder ist sich selbst der Nächste – es zählt nur der Ellenbogen. Das Problem ist, dass es uns vorgelebt wird. In den Medien, in der Politik. Schauen Sie sich um in der Welt. Da gibt es Präsidenten, die mit sexuellen Übergriffen auf Frauen prahlen. Was soll man da einem Jugendlichen sagen, der Frauen in kurzen Röcken für Freiwild hält?“ Heute will jeder Respekt, noch vor einigen Jahren war der Begriff praktisch aus dem Wortschatz gestrichen. Er klang altmodisch, verkniffen, unmodern. Wer Respekt sagte, der meinte eine überholte Vorstellung von Gehorsam, Parieren. Klappe halten. Der alte Respekt bewegte sich stets nur in eine Richtung. Von Oben nach Unten oder von Alt nach Jung. Es war irgendwann Zeit, ihn abzuschaffen. Wer die neue Welt wollte, der musste respektlos sein. Und so füllte Respektlosigkeit das Vakuum, gepaart oft mit grenzenloser Aggression. Ein brisantes Gemisch.

Berlin-Neuköllns Ex-Bürgermeister Heinz Buschkowsky rechnete einst in seinem Bestseller „Neukölln ist überall“ mit der Politik des Alles-Verstehens und des Alles-Verzeihens ab. Er schrieb über die Fehler der Integrationspolitik, aber seine Sätze gingen weit über profane Multikulti-Kritik hinaus: „Dort, wo man zu fünft nebeneinander über den Bürgersteig geht und alle anderen ausweichen müssen. Dort, wo an der roten Ampel möglichst alle stur geradeaus schauen, um nicht von den Streetfightern aus dem Wagen nebenan angepöbelt zu werden. Da, wo kleineren Kindern von größeren Jugendlichen ein Wegezoll abverlangt wird. Wo junge Frauen gefragt werden, ob sie einen Befruchtungsvorgang wünschen. Wo man dem Busfahrer die Cola über den Kopf schüttet, wenn er nach dem Fahrschein fragt…“

Genau dort, so Buschkowsky weiter, sollte der Staat eigentlich sofort einschreiten, müsste Grenzen setzen, um sich nicht vorwerfen zu lassen, er würde solches Verhalten verniedlichen. Aber der Staat tut nichts oder zu wenig. Und so führt das staatlich sanktionierte demonstrative Nichtbeachten von Umgangsformen wie Höflichkeit oder Rücksichtnahme, der einfachsten Anstandsregeln, wie man sich in der Öffentlichkeit gegenüber anderen benehmen sollte, zu immer mehr Angst, Unsicherheit und zu Abschottung bei den Opfern. Buschkowsky: „Das ist es, was die Leute fragen lässt: Wo bin ich denn hier eigentlich? Ist das noch meine Stadt?“ Gilt das nun nur für Großstädte? Beileibe längst nicht mehr. Die Verrohung der Sitten findet auch auf dem Land statt. Sie ist allgegenwärtig – wird allerdings nicht in Kriminalstatistiken erfasst. Höchstens indirekt. Abzulesen ist sie beispielsweise am Verhalten gegenüber der Polizei. In ganz Deutschland sind die Beleidigungen gegenüber Polizeibeamten innerhalb der letzten fünf Jahre um 275 Prozent gestiegen. Der Lüneburger Polizeikommissar Peter S. (Name geändert): „Wir werden bei fast jedem zweiten Einsatz beleidigt oder/und bespuckt. Teilweise wird das gar nicht mehr verfolgt, weil unser Dienstherr das nicht will. Es würde letztlich auch nichts bringen. Schlimm ist, dass die Kinder mitbekommen, wie sich ihre Eltern oder andere Erwachsene uns gegenüber verhalten. Sie machen es ihnen dann irgendwann nach.“

Vor allem im Internet entlädt und entleert sich der Pöbel gerne. Hier kann man Fremden anonym die Pest an den Hals wünschen – jeder, der in den sozialen Netzwerken unterwegs ist, muss mit unerträglicher Hetze gegen sich rechnen. Und das aus manchmal nichtigem Anlass. Auch Lisa A. aus Brietlingen wurde zum Hass-Opfer. Die Schülerin hatte auf „Facebook“ in flapsigem Ton geschrieben, sich bei Heidi Klums TV-Modellshow bewerben zu wollen und erntete über 200 Kommentare wie „Du bist hässlich wie die Nacht. Geh sterben!“ oder „Arrogante Hackfresse. Hast eh keine Chance…“

Sollte der Kampf gegen den Hass im Netz durch die Forderung nach neuen Gesetzen (von Justizminister Heiko Maas ständig befeuert) intensiviert werden? Was soll das bringen, fragen Experten. Schluss mit dem Hass, jetzt kommt die Liebe? Das ist nicht mehr als schlecht gemachte Gutmenschen-Prosa, die alles das ignoriert, was nicht ins Weltbild passt. Aber leider findet man Aversion, Intoleranz, gar Hass eben auch bei denen, die sich für Hass-Bekämpfer erster Ordnung halten, in Wahrheit aber andere Meinungen nicht ertragen. Letztlich braucht es keine neuen strengeren Gesetze, sondern eine Kultur des Umdenkens in der Erziehung, so Soziologe Ried: „Gutes Benehmen ist mehr als nur ‚Bitte‘, ‚Danke‘ und ‚Entschuldigung‘ sagen. Es gehört Wertschätzung des anderen dazu, und die hat man nicht einfach so, die muss man lernen. Im Elternhaus fängt das an, im Kindergarten geht das weiter, in der Schule müssten Diskussionen über Respekt und Rücksichtnahme Pflichtstunden sein!“ (RT)