Endlich Daniel

Daniel Masch hat sein Geschlecht gewechselt

Er wurde als Mädchen geboren und lebt heute als Mann. Doch bevor er mit seiner Geschlechtsanpassung begann, erfüllte sich Daniel Masch einen Herzenswunsch und bekam ein Kind. Der Winter ist seine Jahreszeit. Mit mehr Kleidung fällt es weniger auf, dass sein Körper noch nicht umgewandelt ist, dass er seine Brüste abbindet. Vor zwei Jahren hat Daniel Masch mit der Hormontherapie begonnen, die ihn von der Frau zum Mann machen soll. Seitdem durchläuft er eine zweite Pubertät, hat eine tiefere Stimme, Bartwuchs und eine veränderte Gefühlswelt. Doch bis sein Körper dem eines Mannes entspricht, ist es noch ein langer Weg.

Daniel Masch wuchs als Mädchen in der Nähe von Bremen auf. Seinen Mädchennamen nimmt er nicht mehr in den Mund, nichts soll mehr an die Person erinnern, die er einmal war. Kreuzunglücklich war er als Mädchen nicht, doch schon im Alter von neun Jahren begannen bei ihm unergründliche Kopfschmerzen. Den Wunsch, lieber ein Junge zu sein, verspürte Daniel schon in jungen Jahren. Einmal fragte er seine Mutter, ob sie nicht auch einen Penis haben wolle. Seine Mutter erwiderte, die Hauptsache sei, man sei mit sich selber froh. Obwohl es sicher anders gemeint war, war für das kleine Mädchen damit klar, dass es sich mit seinem Geschlecht abfinden müsse.

In Mädchensachen wie verkleidet

In der weiblichen Pubertät verstärkten sich Daniels Identitätsprobleme. Am liebsten trug er weite Schlabberklamotten, merkte aber, dass er in körperbetonter Mädchenkleidung gut ankam. „Ich fühlte mich verkleidet in Mädchenklamotten“, erinnert er sich. Dass andere Mädchen auf seine Brüste neidisch waren, interessierte ihn wenig. Er zog sich zurück, hatte mit anderen Mädchen wenig Kontakt, wurde gemobbt. „Beste Freundin“ war zu dieser Zeit ein schwuler Mitschüler. „Ich habe ihn darum beneidet, dass er sich als schwul outen konnte“, erinnert sich der 34-Jährige. Schon im Alter von 15 Jahren kam Daniel mit dem Partner zusammen, mit dem er heute verheiratet ist. Zu dieser Zeit versuchte er, die Rolle des Mädchens auf Zwang zu erfüllen. „Ich habe überkompensiert. Ich habe nur noch Röcke und Kleider getragen, hatte ganz lange Haare und habe mich sogar ein bisschen geschminkt“, erzählt er. In bauchfreien Mädchenklamotten verliebte er sich in den Jungen, den er von der Schule kannte. Seit mehr als 18 Jahren sind sie nun ein Paar. Die beiden Teenager waren nur ein paar Wochen zusammen, da offenbarte Daniel – damals noch äußerlich durch und durch ein Mädchen – seinem Freund, dass er lieber ein Junge wäre. Daniel hatte Glück: Den Partner schreckte das nicht ab, und er zeigte sich für die Gefühlswelt von Daniel verständnisvoll. Immer wieder hatte dieser verstimmte Phasen und wiederkehrende Kopfschmerzen. Ihm war nicht bewusst, dass sein angeborenes Geschlecht die Ursache dafür war.

Schlüsselerlebnis durch Transfrau

Daniel Masch musste erst Mitte zwanzig werden, um den Schlüssel zu seinem Glück zu finden: In einer Kneipe lernte er eine Frau kennen, die ihm von ihrer Geschlechtsumwandlung erzählte und ihm die Möglichkeiten der Transition, der Geschlechtsanpassung, erklärte. „Das hat mir die Augen geöffnet“, erinnert er sich. „Da dachte ich mir: Das will ich auch.“ Diesen Moment der Erkenntnis, das andere Geschlecht annehmen zu wollen, sieht Daniel heute als sein Outing. Das ist jetzt acht Jahre her. Selten war er sich so klar, was er wirklich wollte, und so offenbarte er seinem Partner seinen Wunsch. Dieser bat sich Bedenkzeit aus, war sich aber schließlich sicher, Daniel als Mann genau so lieben zu können wie als Frau – auch wenn er selbst damit als homosexuell geoutet werden würde. „Er hatte vor allem Angst, dass ich mich durch die Hormone zu sehr verändern würde“, erklärt Daniel. Doch das Paar hatte zuvor andere Pläne: Sie wollten heiraten, und das noch als Mann und Frau. Eine „Ehe für alle“ gab es zu dieser Zeit noch nicht. Außer der Hochzeit hatten die beiden einen weiteren Herzenswunsch: Sie wollten ein Kind, bevor Daniel mit der Geschlechtsanpassung beginnen würde. 2010 heiratete Daniel seine Jugendliebe. Der Hochzeit war für den Lüneburger eine emotionsreiche Phase vorausgegangen, in der er wieder einmal eine weibliche Rolle, diesmal als Braut, erfüllen musste, was ihn gewaltig unter Stress setzte. So heiratete Daniel zwar im Kleid – kurz vor der Hochzeit schnitt er sich aber die langen Haare ratzekahl ab.

Von der Tochter zum Sohn

Daniel Masch hat nicht nur mit seinem Partner großes Glück – auch seine Mutter ging mit dem Wunsch der eigenen Tochter, künftig ein Mann zu sein, gut um. Er offenbarte sich ihr nach der Eheschließung. „Sie hat es zwar verstanden, aber emotional war es für sie zunächst schwer“, meint Daniel. „Ich habe meiner Mama schließlich die einzige Tochter weggenommen!“ Heute betrachtet sie ihn als ihren Sohn. Vor Daniels Transition sollte also erst ein gemeinsames Kind kommen. Doch obwohl auch Daniel es wollte, wehrte sich sein Körper vehement dagegen, schwanger zu werden und damit erneut seine Weiblichkeit zuzulassen. Es dauerte mehr als zwei Jahre, bis er tatsächlich ein Kind erwartete.

In der Schwangerschaft baute Daniel, der nach außen hin inzwischen ein männliches Erscheinungsbild pflegte und sich seine Brüste abband, eine enge Beziehung zu seinem Kind auf. Allerdings nur zu seinem Bauch mit dem wachsenden Kind, nicht zur Gebärmutter, wie es sich die Hebamme vorstellte. „Ich habe darauf gewartet, mich mütterlich zu fühlen, aber ich habe mich auch in der Schwangerschaft nicht besser gefühlt“, sagt der Transmann. Als eine positive Erfahrung beschreibt er die Geburt und den Umgang mit ihm auf der Lüneburger Geburtsstation. Das Personal respektierte seinen Wunsch, als Mann angesprochen zu werden. Er sei bei der Geburt mit dem Kind voll im Reinen gewesen, sagt er heute. Er und sein Partner sehen ihren inzwischen fast dreijährigen Sohn immer noch als ihr Wunder.

Sieben Jahre Pubertät

Obwohl Daniel nach der Geburt gerne mit der Hormontherapie begonnen hätte, stillte er seinen Sohn fast ein Jahr, um ihm etwas Gutes zu tun. Danach wurde ihm erstmalig vom Arzt Tes-tosteron gespritzt. Seitdem befindet sich der 34-Jährige in seiner zweiten Pubertät, die bis zu sieben Jahre dauern kann. Die Ängste von Daniels Mann, dass er sich durch die männlichen Hormone sehr verändern würde, bestätigten sich nicht. „Die Persönlichkeitsentwicklung ist mit der ersten Pubertät abgeschlossen“, weiß Daniel. Einige Veränderungen neben den äußerlich sichtbaren bemerkte er dennoch an sich. So hat sich zum Beispiel sein Sexualtrieb seit der Hormongabe stark verstärkt. Er sei nun weniger multitaskingfähig und vergesslicher, und auch seine Rechts-Links-Schwäche sei verschwunden. Zu Daniels Identitätswechsel gehörte auch der Wechsel seines Namens. Die Personenstandsänderung, die bei Daniel schon durchgeführt wurde, ist über den juristischen oder medizinischen Weg möglich. Eine Begutachtung durch Psychologen ist notwendig, um sicherzugehen, dass der Wechsel des Geschlechts zeitlich stabil ist. Auch vor der Hormontherapie sowie vor geschlechtsangleichenden Operationen sind diverse Beratungen und Gutachten nötig.

Beratung für Transidente

Für Daniel Masch ist schon ein großer Schritt damit getan, dass er nun offiziell als Mann gilt und auch so wahrgenommen wird. Er hat noch die Geschlechtsorgane einer Frau, was er in den kommenden Jahren ändern möchte. Doch noch will er sich nicht den aufwendigen OPs unterziehen, bindet stattdessen weiterhin seine bereits kleiner gewordenen Brüste ab und trägt eine Art Penisprothese. Das bedeutet für ihn, dass er sich in der Öffentlichkeit nicht ohne T-Shirt zeigen kann. „Ich möchte mir die Brüste gerne entfernen lassen, um eines Tages mit meinem Sohn schwimmen gehen zu können“, so sein Wunsch. Der Kleine hat noch nicht begonnen, seine Lebenswelt zu hinterfragen. „Ich habe keine Lust auf krasses Geschlechtertraining, aber ich erzie-he auch nicht streng geschlechtsneutral“, sagt Daniel und fügt hinzu: „Kinder von Transmenschen sind sich erwiesenermaßen ganz früh sicher in ihrem Geschlecht – weil sie sich so früh damit auseinandersetzen.“ Damit auch andere Transidente – also Menschen, die sich nicht ihrem angeborenen Geschlecht zugehörig fühlen – einen ähnlichen Weg gehen können wie er, bietet Daniel Masch in dem im vergangenen Sommer in Lüneburg eröffneten checkpoint queer regelmäßig Einzelberatung und eine Gesprächsrunde an. Diese Gruppe, die Trans*LG, existiert bereits seit 2014 und wird gut angenommen. Für jüngere Transmenschen gibt es im checkpoint queer die „queer teens“. Daniel Masch weiß, wie wichtig diese Beratungs-angebote für transidente Menschen sind. „Man muss wahnsinnig stabil sein, um diesen Weg gehen zu können. Die Phase der Entscheidung ist sehr kräftezehrend und kann einen krass überfordern.“ Durch seine Transition könne er sich in die Welten beider Geschlechter hineinversetzen. „Aber ich werde beide Welten nie ganz verstehen.“ (JVE)