Eltern im Beschützerwahn

Sie tun scheinbar alles für ihre Kinder und machen sie damit unglücklich

In der Regel wollen Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Manche meinen es jedoch zu gut. Die Rede ist von „Helikopter-Eltern“, die ihre Kinder vor allem und jedem beschützen wollen.  

Gymnasium Oedeme: Der ganz normale Montagmorgen-Wahnsinn. Der Schulparkplatz ist bereits proppevoll, kaum ein Durchkommen noch. Aber wen juckt das? Die Eltern, die mit ihren kleinen und größeren Karossen anrollen, schon mal gar nicht. Sie wollen ihren Kindern auf keinen Fall zumuten, dass sie ihren ach so schweren Schulranzen die wenigen Meter von der Bushaltestelle bis ins Schulgebäude ganz allein schleppen müssen. Also befahren sie das Schulgelände jeden Tag wieder und sorgen so für einen alltäglichen Verkehrsstau vor der Schule. Selbstverständlich werden die Kids auch nicht einfach aus dem Auto geworfen. Nein!

Mutti oder Papi steigen natürlich mit aus. Im harmlosesten Falle bekommen die Sprösslinge nur einen Schmatzer aufgedrückt, aber am liebsten würden die Eltern ihre Kinder noch bis in den Klassenraum begleiten, so wie sie es von der Grundschule her gewohnt sind. Einigen der Überbehüteten ist das Getue ihrer Erzeuger peinlich – man sieht es ihnen förmlich an, wie sie es drängt, endlich wegzukommen aus der Umklammerung. Sie schämen sich für ihre nervigen Eltern, doch die merken nichts. Vielerorts ist die Problematik ähnlich. Die Leiterin der Anne-Frank-Grundschule in Lüneburg-Kaltenmoor beschwerte sich bereits öffentlich über den „verkehrstechnisch rechtsfreien Raum“ morgens und mittags vor ihrer Schule. In Hannover und Berlin gibt es bereits Pilotprojekte: In bestimmten Straßen dürfen die Eltern nicht mehr bis zur Schule fahren.

Sogenannte Helikopter-Eltern sind nach Auskunft des Dudens Eltern, die ihre Kinder aus übertriebener Sorge ständig überwachen. Ein Phänomen, das zuzunehmen scheint. Nicht nur hierzulande, international. Aus Angst, etwas falsch zu machen oder zu versäumen, schweben immer mehr Eltern einer militärischen Eingreiftruppe gleich über ihren Kindern – bereit, bei den kleinsten Unwägbarkeiten herbeizustürmen und alles ins Lot zu bringen. Helikopter-Eltern, die die totale Lufthoheit über das Kind an sich reißen und zwanghaft alles um es herum steuern, wollen ihre Kleinen zu einem Gesamtkunstwerk formen. Die Folge kann sein: Die Kinder werden dadurch unselbstständig, unengagiert und maßlos anspruchsvoll. Eine Generation alles, sofort, überall und immer wächst heran. Der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrervereins, Josef Kraus, hat zu der Fehlentwicklung ein lesenswertes Buch veröffentlicht. (Helikopter-Eltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung). Die Kernsätze: „Unsere Gesellschaft hat Maß und Mitte verloren: gar keine Fürsorge auf der einen Seite und viel zu viel auf der anderen. Gerade umsorgende Eltern haben sich von vermeintlich kompetenten Seiten einreden lassen, dass man die Zukunft der Kinder fest in den Griff nehmen müsse. Die Folge sind Drill und Kontrolle. Jedoch: Die Fixierung auf die Zukunft nimmt den Heranwachsenden die Gegenwart und macht sie schließlich zu unmündigen Erwachsenen.“

Dazu kommt meist noch ein übertriebener Erfolgsdruck, der wiederum zu starken Stress-Symptomen bei den Kindern führt. Auch Gemütsschwankungen sind weit verbreitet, belegen US-Studien. Laut Bericht in der „Washington Post“ erkranken College-Studenten, die Helikopter-Eltern hatten, häufiger an Depressionen. Was sind die Ursachen für solches (Fehl-)Verhalten? Viele dieser „Helikopter-Eltern“ verlieren aus den Augen, dass eine Mutter und ein Vater sich in den Dienst der Erziehung ihrer Kinder stellen sollten. Bei ihnen tritt das Kind mit seinen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Herausforderungen in den Hintergrund. Stattdessen tritt der Erfolg bzw. die Abwehr des Scheiterns der Eltern in den Vordergrund. Dies mündet teilweise in absurdes Verhalten. Soziale Kontakte werden untersagt, die Wohnung darf nicht verlassen werden, die Kinder werden vom Sportverein abgemeldet etc. Die Eltern wollen alles wissen, ständig informiert werden und auch mitreden. Josef Kraus: „Sie vertrauen der Welt einfach nicht, in der sich ihr Kind aufhält und aufhalten will und verlieren es möglicherweise dadurch. Kinder sind nicht dazu da, unsere Wünsche zu erfüllen.“ (RT)

Das richtige Maß finden!

Versuchen Sie, herauszufinden:

  • Um was geht es mir wirklich – um mein Kind und meine Familie, oder in erster Linie um mich?
  • Habe ich selbst Ängste oder brauche ich mehr Anerkennung?
  • Erkennen Sie die Individualität des Kindes an und fördern Sie diese.
  • Behalten Sie Ihre Kinder im Auge. Lassen Sie das Band zwischen sich nicht reißen, aber lassen Sie auch zu, dass Ihre Kinder sich selbst entdecken und entfalten können.
  • Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.