Eine italienische Liebe

Jochen und Beate Bärnreuther teilen die Leidenschaft für die Vespa

Für Jochen Bärnreuther ist seine Vespa nicht einfach nur ein Hobby, er sieht es als eine Lebenseinstellung. Seit der Adendorfer 16 ist, fährt er Motorroller – und schraubt daran herum. Seine Frau Beate teilt diese Liebe. Gemeinsam sind sie Mitglied im Vespa-Club Lüneburg.

Jochen und Beate Bärnreuther wählten ihr Grundstück so, dass zusätzlich zu Haus und Garten noch genug Platz für einen Schuppen, eine Werkstatt und eine Doppelgarage ist. Denn ein Leben ohne seine Fahrzeuge und das Schrauben kann sich Jochen Bärnreuther (42) nicht vorstellen. So lernte ihn auch seine Frau Beate (46) kennen, die er mit seiner Begeisterung angesteckt hat.

Seit 2006 leben der gebürtige Erlanger und die Bonnerin mit ihren zwei Töchtern in Adendorf. In ihrer Nachbarschaft kennt man sie, weil sie tags und nachts mit ihren Rollern durch die Sackgasse knattern. Haben sie Besuch von Gleichgesinnten, ist das Getöse umso lauter. Doch die Nachbarn stört das nicht: Wer Vespa fährt, genießt ein anderes Ansehen als Motorrad- oder Harleyfahrer mit ihren noch lauteren Gefährten. Die italienische Vespa, sozusagen die „Mutter aller Roller“, gilt als gemütlich, niedlich, schick und stilvoll – und ist ein absolutes Kultfahrzeug.

Schrauber seit der Jugendzeit

Seinen ersten Motorroller kaufte sich Jochen Bärnreuther mit 16 Jahren, bevor er überhaupt einen Führerschein hatte. „Seitdem fahre ich Roller“, erzählt er. Gern erinnert er sich zurück an seine Schulzeit, als seine Freunde mit ihren Rollern vorbeikamen und sie gemeinsam daran rumschraubten: „Alle Rollerfahrer haben sich zusammengehordet, das waren teilweise 40 Leute.“

Seine erste Vespa war eine V50, inzwischen fährt der 42-Jährige seine fünfte, hat die anderen wieder verkauft. Neben seiner Vespa Messerschmitt T3 Baujahr 1959 besitzt er noch eine Lambretta Baujahr 1962, seit drei Jahren hat nun auch seine Frau eine Vespa V50 von 1972. „Ich bin immer als Sozia mitgefahren und habe mich eher nebensächlich damit beschäftigt“, erklärt Beate Bärnreuther. „Als ich gesagt habe, jetzt hätte ich auch gerne ein, ist er sofort losgezogen und hat mir eine Vespa besorgt.“

Für wahre Vespa-Liebhaber ist der Fuhrpark der Bärnreuthers eher bescheiden. „Wir haben schon wenige Fahrzeuge. Es gibt einige Leute mit Vespas im zweistelligen Bereich, die theoretisch alle fahrbereit sind“, weiß Beate Bärnreuther. Und sie muss es wissen, denn seit sie und ihr Mann 2014 in den Vespa-Club Lüneburg eingetreten sind, sind sie gut vernetzt, kennen die eingefleischten Fans, die seit Jahrzehnten Vespa fahren. Im Gegensatz zu den Bärnreuthers haben diese noch die Welt mit ihren Rollern bereist. Die Adendorfer beschränken sich auf Tages- oder Wochenendausflüge.

Vespa-Club für Gleichgesinnte

Den Kontakt zum Vespa-Club hatte Jochen Bärnreuther bewusst gesucht, als er eine Vespa komplett restaurierte. Schließlich sitzen hier die Fachleute, von denen einige selbst an ihren Fahrzeugen herumschrauben. Die Clubabende, die jeden Mittwoch in der Arenskule 9 stattfinden, sagten dem Paar sofort zu. „Es ist eine tolle Gemeinschaft, wo man sich austauschen und sich gegenseitig helfen kann. Man ist auf einer Wellenlänge und hat keine Probleme, miteinander in Kontakt zu treten“, schwärmt Beate Bärnreuther. Die Adendorfer lernten über den Club viele Gleichgesinnte kennen, die heute gute Freunde sind.

Besonders schätzen die Bärnreuthers am Club die gemeinsamen Aktivitäten und Ausfahrten. Gerade wurde „angerollert“ mit einer Sternfahrt nach Hamburg, an der 300 Roller teilnahmen. „Sowas ist toll“, betont Beate Bärnreuther. Zwar zählt sie als Frau noch zur Minderheit im Club, doch hier zeichnen sich Veränderungen ab. Der Vespa-Club Lüneburg wurde 1959 gegründet und besteht aktuell aus 47 Mitgliedern aus dem Raum Lüneburg. Noch liegt der Altersdurchschnitt bei 60 Jahren, doch es lasse sich in letzter Zeit ein Trend zur Verjüngung erkennen, meinen die Bärnreuthers. Mit Kai Lührs als erstem und Jochen Bärnreuther als zweitem Vorsitzenden hat sich auch der Vorstand auf Anfang bis Mitte Vierzig merklich verjüngt. Die Altersspanne reicht von 29 bis 80, der Ehrenvorsitzende Gerhard Lüllau ist seit 50 Jahren Mitglied. „Der Club frischt sich auf“, meint Beate Bärnreuther. „Die alten Strukturen bleiben erhalten, aber das Clubheim und vieles Andere werden erneuert.“ Dazu gehöre auch die Öffentlichkeitsarbeit über das Internet.

Nächte in der Werkstatt

Beate Bärnreuther schätzt die Gemeinschaft, doch Jochen Bärnreuther schätzt auch das Alleinsein. Hat er erstmal wieder eine neue Vespa am Start, die fit gemacht werden muss, ist er abends in der Werkstatt statt im Wohnzimmer zu finden. Der Vespa-Fan kauft die Fahrzeuge als Rohbauten ohne TÜV, die meist im schlechten Zustand sind. Drei bis vier Monate dauert es im Schnitt, einen „Schrotthaufen zum Leben zu erwecken“, wie er sagt. Dafür gehen seine Feierabende und Wochenenden drauf – auch bis nachts. Seine Frau unterstützt den Schrauber, wo sie kann – mal mit leichten Arbeiten, mal mit Schnittchen. „Ich muss nicht stundenlang in der Werkstatt stehen, so intensiv muss ich das nicht leben“, meint sie. Es sei aber gut, sich Stück für Stück Wissen anzueignen.

Vespa ist Vespa, denkt der Laie – doch weit gefehlt: Es gibt nicht nur verschiedene Modelle mit unterschiedlicher Motorleistung, auch das Äußere kann sich gravierend unterscheiden. „Es ist ziemlich viel möglich, alles auf legalem Weg“, betont Jochen Bärnreuther. „Das macht das Ganze so spannend.“ Ob Lackarbeiten, Blechveränderungen, Beinschildverkleinerungen oder Seitenhaubenverbreiterung, Variationen der Lenker, Beleuchtung oder Sitzbänke – so klein die Vespa erscheint, so sehr kann man sich an ihr ausleben und ihr ein besonderes Äußeres verleihen.

Der Kreislauf des Schraubers ist immer der Gleiche: Ist ein Fahrzeug erstmal restauriert, wird es ein paar Monate gefahren, bevor er es wieder verkauft. „Es freut mich, dass ich sie aufgebaut habe. Aber der Platz ist nicht da, alles zu behalten. Wenn ich die Vespa eine Weile genossen habe, lockt etwas Neues“, erklärt der 42-Jährige. Manchmal stehe auch schon vorher fest, dass er den Roller nicht behalten werde.

Der Experte im Club

Jochen Bärnreuther gilt im Vespa-Club als einer, der richtig Ahnung vom Schrauben hat. So kommt es schon mal vor, dass andere Mitglieder sich vertrauensvoll an ihn wenden – oder an den Seniorschrauber des Clubs, den über 70-jährigen Hans Niernkranz, der als Rentner mehr Zeit hat als der berufstätige Jochen Bärnreuther.

Zwei Stunden am Tag bringe er durchschnittlich mit dem Schrauben zu, schätzt Jochen Bärnreuther. „Aber es gibt auch mal schrauberfrei, auch mal ein paar Wochen – so schlimm ist es nicht“, fügt seine Frau hinzu. Sonntag sei Familientag, da werde nicht geschraubt, auch wenn sich beide Töchter für die Vespa-Leidenschaft der Eltern begeistern können. Die kleine Tochter Ella (10) hilft gern in der Werkstatt mit, die Große, Mia (13) , schmiedet bereits Pläne von der ersten eigenen Vespa.

Gibt es gerade mal keine Vespa zum Herumbasteln, habe ihr Mann da noch ein anderes Hobby, rückt Beate Bärnreuther schließlich heraus. Schon seit 2005 begeistere sich das Paar für US-Cars. Eines davon stehe in der großen Garage und warte auf den Einbau eines neuen Motors. (JVE)

  • Am Sonntag, 22. Mai, von 10 bis 16 Uhr veranstaltet der Vespa-Club Lüneburg in der Arenskule 9 den 3. Lüneburger Vespa-Basar für Roller, Ersatzteile und Zubehör. Der Eintritt ist frei. Infos: Tel. (0 41 31) 5 11 53, info@vc-lueneburg.de , www.vc-lueneburg.de.