Ein Leben nach Gefühl

Durch eine unheilbare Krankheit ist Kirstin Linck schleichend erblindet

Kirstin Linck führt ein Leben, das sie immer wieder vor neue Herausforderungen stellt. Die Lüneburgerin wurde mit einer Krankheit geboren, die sie schleichend erblinden lässt. Eine Heilung gibt es nicht.

Kirstin Linck wusste viele Jahre nicht, dass sie krank ist. Ihre Eltern erfuhren davon, als ihre Tochter drei Jahre alt war. Das kleine Mädchen hatte nicht auf den Ball reagiert, den sie ihr zugeworfen hatten. Ärzte gaben ihnen Gewissheit: Ihre Tochter hat eine Augenerkrankung, die sich nicht aufhalten lässt. Retinitis Pigmentosa, (medizinisch korrekt Retinopathia Pigmentosa) ist eine Netzhautdegeneration, bei der die Sinneszellen der Augen zerstört werden.

Über viele Jahre merkte Kirstin Linck zwar Symptome wie ein sich einschränkendes Gesichtsfeld und Nachtblindheit, aber die Krankheit und ihre Folgen wurden zu Hause kaum thematisiert. Ihre Fehlsichtigkeit konnte mit einer Brille ausgeglichen werden, doch die Degeneration der Netzhaut nicht. „Meine Welt war schon immer kleiner als die von anderen“, sagt die 46-Jährige. Viele Interaktionen unter Gleichaltrigen gingen an ihr vorbei, schon deshalb, weil sie niemandem in die Augen schauen konnte.

Abitur trotz Sehbehinderung

Zwar reichte ihre Sehkraft für eine Regelschule, doch die Lehrer waren ihr manchmal zu schnell, so dass ihre Leistungen oft schlecht bewertet wurden. Schlimmer war für sie aber die Ausgrenzung, die sie auf der Realschule erfuhr. „Ich hatte immer drei Freundinnen. Aber in der siebten Klasse wurde ich von einem Mitschüler regelrecht gemobbt“, erzählt sie. „Meine Freundinnen waren zum Glück immer da, ich war nie allein.“ Den Wechsel ans Gymnasium erlebte sie als positiv, denn hier war sie mit ihrer Beeinträchtigung eher akzeptiert. Und so wurde Kirstin Linck die erste aus ihrer Familie, die das Abitur ablegte – trotz Sehbehinderung.

Vom Lesen kann sie heute nur noch träumen. Seit knapp 20 Jahren geht auch das nicht mehr. An Riesenschrift oder Bildschirmlesegeräte konnte sie sich nie gewöhnen, und so nutzt sie heute Hilfsmittel, die Blinde benutzen – eine Blindenschriftzeile für die Computertastatur, einen Scanner und besondere Software, die ihr alles vorliest.

Kurz vor der Volljährigkeit begann Kirstin Linck, sich mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen. Zu diesem Zeitpunkt fuhr sie schon lange nicht mehr Fahrrad – es war zu gefährlich. Außerdem hatte sie vom Augenarzt erfahren, dass sie eines Tages gar nichts mehr sehen würde. Kurz vor dem Abitur erhielt sie einen Schwerbehindertenausweis mit dem Vermerk „90% schwerbehindert – blind“. Diese Endgültigkeit warf Kirstin Linck und ihre Familie um, und die junge Frau wollte mehr wissen. „Ich musste es akzeptieren, wie es ist. Man wird da reingeworfen und muss sich damit auseinandersetzen“, erklärt sie. Zur gleichen Zeit erfuhr sie, dass ihre Mutter schon lange eine Selbsthilfezeitung bezog – sich also viel mehr mit ihrer Krankheit auseinander gesetzt hatte, als sie jemals gezeigt hatte. Aus dieser Zeitschrift erfuhr sie von einer Selbsthilfegruppe in Hamburg, zu der sie schließlich fuhr. Hier lernte sie Menschen kennen, die ihr lange eine wichtige Stütze waren.

Studium als Grenzerfahrung

Nach dem Abitur 1989 wollte Kirstin Linck erstmal etwas erleben und reiste nach Australien, wo ihre Tante und ihre Großmutter lebten. Als sie keinen Ausbildungsplatz bekam, begann sie an der Lüneburger Universität das damals neue Fach Angewandte Kulturwissenschaften zu studieren. Nach zwei Semestern bekam sie den ersehnten Ausbildungsplatz als Verwaltungsbeamtin im gehobenen Dienst beim Land Niedersachsen. Drei Jahre lang lernte sie an der Bezirksregierung in Lüneburg, doch als fertige Diplom-Verwaltungswirtin war sie nicht lange glücklich. „Ich dachte nach zwei Jahren, das will ich nicht 40 Jahre machen“, erinnert sie sich. Und so zog es sie abermals an die Uni. Sie arbeitete fortan in Teilzeit und studierte im Rest der Zeit Jura in Hamburg.

Das Jura-Studium brachte die Studentin an ihre Grenzen. Ihre Sehbehinderung machte ihr mehr zu schaffen, als sie sich eingestehen wollte. Nach acht Semestern versuchte sie, über einen Freiversuch das erste Staatsexamen zu machen – doch sie fiel durch. „Da war ich echt geknickt, weil etwas das erste Mal nicht geklappt hat“, erzählt sie. Wegen ihrer Sehbehinderung erhielt sie zwar eine Zeitverlängerung für Klausuren und Hausarbeit um 50 Prozent. „Aber das war echt hart.“ Für ihren nächsten Versuch nahm sie sich drei Monate Urlaub. „Aber ich saß vorm Rechner, und es ging einfach nicht.“ Schweren Herzens entschied sie sich gegen einen weiteren Versuch und nutzte die Beurlaubung, um wieder acht Wochen nach Australien zu fahren. „Da habe ich mir mein Selbstvertrauen wiedergeholt“, schwärmt sie. Und sie weiß: Wenn sie mehr Mut gehabt hätte, wäre sie da geblieben, weil ihr das Land so gut gefiel. „Aber ich habe hier ein gewisses Netzwerk und weiß, worauf ich mich verlassen kann“, meint sie. Und so kam die Lüneburgerin zurück in ihre Heimatstadt.

Seit vielen Jahren arbeitet Kirstin Linck in Vollzeit als Sachbearbeiterin im Dezernat Recht der Polizei Lüneburg, an 16 Stunden in der Woche durch eine Arbeitsplatzassistenz unterstützt. Ihr Arbeitsplatz ist so ausgerüstet, dass sie gut klar kommt. Sie verfügt heute über eine Sehkraft von weniger als zwei Prozent und gilt damit als gesetzlich blind. Doch sie hadert nicht mit ihrem Schicksal, sie möchte das Leben genießen: „Ich versuche das, was noch da ist, zu nutzen. Ich gehe auch ins Theater, in Lesungen, auf Konzerte und belege Kurse für den Kopf.“ Der Sehbehinderten kommt zugute, dass der Prozess des Erblindens schleichend vonstatten ging und sie sich so Schritt für Schritt eine neue Welt erschließen konnte. Mit den Jahren ist die einst Sehende in die Welt der Blinden eingetaucht.

Vorstellung vom blauen Himmel

Gegenüber den so genannten „Schwarzblinden“, die blind geboren wurden, hat sie den Vorteil, zu wissen, wie die Welt um sie herum aussieht: „Ich habe eine Vorstellung vom blauen Himmel.“ Dagegen hat sie alles, was Schwarzblinde bereits auf der Blindenschule gelernt haben, erst im Erwachsenenalter erlernt. Mit 30 Jahren lernte sie die Braille- oder Blindenschrift, was ihr aufgrund ihres guten Fingergefühls leicht fiel.

Ganz andere Fallstricke hält das Leben für Blinde in der Stadt bereit. Zwar ist Kirstin Linck seit 20 Jahren mit dem Blindenstock draußen unterwegs, doch dieser hilft nicht immer. „Aufsteller und Absperrungen ohne Füße sind blöd, auch Fahrradlenker oder Flatterbänder, weil der Stock unten problemlos durchkommt“, erklärt sie. Es passiert ihr immer wieder, dass sie in der Stadt mit Gegenständen kollidiert oder diese zu spät bemerkt. Auch die Orientierung verliert sie hin und wieder. Ihre Reaktion hängt dann immer von ihrer Tagesform ab. Am meisten stören sie Menschen, die sie beobachten, was sie oft bemerkt. „Da fühle ich mich wie ein Affe im Zoo.“ Sie wünscht sich eher, dass man ihr Hilfe anbietet. „Ich schaffe ganz viel, aber ich spreche nicht immer jemanden an. Wenn mir aber jemand von sich aus Hilfe anbietet, nehme ich sie auch an“, erklärt sie. Seit mehr als 20 Jahren lebt sie alleine und versorgt sich selbst, und sie möchte sich solange wie möglich ihre Selbstständigkeit erhalten.

Alleine einkaufen und kochen

Zur Arbeit geht Kirstin Linck tagtäglich zu Fuß – eine halbe Stunde. Auf dem Rückweg kauft sie oft ein, wobei die nächsten Herausforderungen auf sie warten. Um sicherzugehen, was sie kauft, bestellt sie viele Produkte an der Frischetheke. Nudeln und Süßigkeiten kann sie durch Fühlen erkennen. Am Kühlregal ist es oft schwieriger. Zwar findet sie Quark, abgepackte Wurst und Käse, erkennt aber oft erst zu Hause, welche Sorte sie gekauft hat. „Ich bevorzuge Geschäfte mit freundlichem Personal, das mich meist von sich aus anspricht, ob ich Hilfe benötige“, erklärt Kirstin Linck.

Selbst das Kochen bereitet der Sehbehinderten keine großen Probleme. Natürlich hat sie sich schon beim Gemüseschnibbeln verletzt, und die Stücke sind wahrscheinlich nicht so formschön geschnitten wie bei Sehenden, aber schwierig findet sie es nicht. Gekocht wird nach Zeit und Gefühl, und den neuen Herd hat sie mit einer Folie für Blinde ausstatten lassen. Ansonsten ist ihre Wohnung nur mit wenigen Hilfsmitteln ausgestattet. Sie weiß, welche Farbe ihre Kleidung hat und hat ein Gefühl dafür, was zusammen passt. Überhaupt macht sie vieles nach Gefühl selbst. Dennoch ist es ihr wichtig, nicht zu vereinsamen. Sie hat eine Haushaltshilfe und eine Art Vorlesekraft, die ihr bei Papierkram und Erledigungen zu Hause hilft. Auch die Nachbarn fragt sie mal nach Hilfe. „Ich finde es wichtig, ein Netzwerk zu haben“, sagt sie.

Kirstin Linck ist froh, in einer Zeit der technischen Fortschritte zu leben. Seit sie ein iPhone hat, helfen ihr zahlreiche Apps, die oft praktischer als Hilfsmittel sind. Dennoch wünscht sich die Lüneburgerin mehr Barrierefreiheit in allen Lebensbereichen. Seit einigen Jahren ist sie stellvertretende Vorsitzende im Behindertenbeirat von Stadt und Landkreis Lüneburg. Aktuell setzt sie sich für eine Barrierefreiheit der Kommunalwahlen in Niedersachsen ein.

Die nächste große Aktion des Behindertenbeirates ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung für Menschen mit Behinderungen, der in Lüneburg unter Beteiligung von Vereinen und Verbänden am Donnerstag, 28. April, ab 10 Uhr in der Bäckerstraße und ab 16 Uhr mit Programm im Glockenhaus unter dem Motto „Einfach für alle – gemeinsam für eine barrierefreie Stadt“ stattfindet. (JVE)