Ein Konstruktives Duo

Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz haben eine Gemüse-Genossenschaft gegründet

Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz haben die gleiche Vision, aber zwei Perspektiven. Der 26-jährige Unternehmer und Organisationsberater und der 34-jährige Umweltwissenschaftler und Gemüse-Gärtner haben die Gemüse-Genossenschaft WirGarten Lüneburg gegründet. Die Idee brachte Matti Pannenbäcker nach Lüneburg. Der gebürtige Eutiner lebt seit fünf Jahren in der Hansestadt. Seit sechs Jahren arbeitet er als selbstständiger Organisationsberater. „Ich habe auch landwirtschaftliche Betriebe bei der Organisationsentwicklung beraten“, erklärt der 26-Jährige. „Durch meinen Einblick in die Landwirtschaft hatte ich die Inspiration, wie sie besser funktionieren kann.“ Den meisten Menschen sei gar nicht bewusst, unter welchen Bedingungen Landwirtschaft in Deutschland vonstatten gehe. „Es gibt eine Entfremdung des Menschen von der Lebensmittelerzeugung“, meint der Unternehmer. „Und Kinder wissen gar nicht mehr, was unter der Erde wächst.“ 2011 hatte Pannenbäcker bereits einen Onlinehandel für nachhaltige Kleidung gegründet. Den Handel gibt es noch, doch der Lüneburger zog sich aus dem Geschäft zurück und verfolgte eine neue Idee. Was unter dem Fachbegriff „Solidarische Landwirtschaft“ zusammengefasst wird, bedeutet in Lüneburg die Gründung einer Genossenschaft, die landwirtschaftliche Flächen pachtet, Gewächshäuser und Maschinen kauft und Gärtner einstellt, um die Mitglieder das ganze Jahr mit einer Gemüse-Vielfalt aus dem Garten der Genossenschaft zu versorgen. Matti Pannenbäcker besichtigte zur Vorbereitung Betriebe mit solidarischer Landwirtschaft unter anderem in München und Freiburg. Doch dem Unternehmer war schnell klar, dass sein Fachwissen allein nicht reichen würde, um eine Gemüse-Genossenschaft hochzuziehen. „Ich brauchte einen Gärtner, der alle Abläufe kennt – wovon ich keine Ahnung habe oder bis dahin hatte“, so Pannenbäcker. Eine gemeinsame Bekannte brachte ihn mit dem gelernten Gemüse-Gärtner Richard Kaatz zusammen.

Drei Jahre Vorbereitung

Richard Kaatz ist in Buxtehude aufgewachsen und lebt mit Unterbrechungen seit sechs Jahren in Lüneburg. Der 34-Jährige ist studierter Diplom-Umweltwissenschaftler und gelernter Bio-Gemüsegärtner und hat schon bei verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben im In- und Ausland im Gemüsebau und in der Gemüsezüchtung gearbeitet. „Ich merkte, dass es in der Landwirtschaft viele strukturelle Probleme gibt und fragte mich: wie kann man es besser machen?“ So kam Matti Pannenbäcker mit seiner Vision wie gerufen. Anfang 2015 trafen sich Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz das erste Mal. „Am Anfang passte nicht alles sofort“, erinnert sich Pannenbäcker. „Aber wir waren beide entschlossen, es auszuprobieren.“ Mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen lernten der Unternehmer und der Gärtner ihre Unterschiedlichkeit zu schätzen. „Wir hatten eine gute Kultur des Zusammenarbeitens“, so Kaatz. Zwei Jahre trafen sich Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz, der hauptberuflich als Verwaltungsangestellter in Lüneburg arbeitet, in ihrer Freizeit. Anfangs noch mit Unterstützung von zwei Mitstreitern, später nur noch zu zweit arbeiteten die beiden an dem Konzept für eine Gemüse-Genossenschaft. Ihre Aufgabenbereiche teilten sie auf: Während Matti Pannenbäcker für Strategie, Kommunikation, IT und Finanzen zuständig ist, sind Richard Kaatz’ Fachgebiete Gemüsebau, Infrastruktur und Logistik. Dass sie sich auf Gemüseanbau spezialisierten, liegt auf der Hand: Beide sind seit Jahren Vegetarier.

105 Gründungsmitglieder

Als die Planung weit genug vorangeschritten war – vor ungefähr einem Jahr – gingen die Werbung für ihre neu zu gründende Genossenschaft namens WirGarten und gaben Infoveranstaltungen für interessierte Lüneburger. Im März 2017 war es dann soweit: Insgesamt 105 Menschen gründeten die Genossenschaft WirGarten Lüneburg. Das gemeinsame Ziel: eine vielfältige und transparente Gemüseversorgung in Bürgerhand – in Lüneburg vor Ort und natürlich ökologisch. Das Herzstück, eine Ackerfläche bei Lüneburg, musste erst gefunden werden. „Wir haben uns anderthalb Jahre mit der Landsuche beschäftigt“, erklärt Richard Kaatz. „Die Fläche sollte Stadtnähe haben, so dass wir im Umkreis von vier bis fünf Kilometern um die Stadt gesucht haben.“ Die Suche, die die beiden Gründer zu zweit unternahmen, gestaltete sich schwierig. „Ich glaube, wir haben mit allen Landwirten in und um Lüneburg Kontakt gehabt“, meint Kaatz. Seit April 2017 verfügt die Genossenschaft nun über eine 8,23 Hektar große Ackerfläche an der Vögelser Straße in Ochtmissen. Doch bis hier Gemüse geerntet werden kann, müssen noch einige Vorbereitungen getroffen werden. „Es gibt zwei Zielmarken. Zum einen braucht die Genossenschaft genug Kapital, um den Betrieb aufzubauen. Zum anderen müssen wir alles bauen und Geräte anschaffen“, so Richard Kaatz. Ein Geschäftsguthaben von 250.000 Euro war das erklärte Ziel bis zum Herbst 2017. Erreicht wurde es knapp: Kurz vor Weihnachten verzeichnete WirGarten Lüneburg 274 Mitglieder und ein Genossenschaftskapital von fast 199.000 Euro.

Erste Saat ab Februar

Seit Pachtbeginn im April hat sich auf der Fläche in Ochtmissen schon einiges getan: So friedeten einige Mitglieder und andere engagierte Lüneburger sie mit einem Wildschutzzaun ein und errichteten auf ihr drei Gewächshäuser. Geplant sind außerdem ein Maschinenunterstand sowie drei Bauwagen für Büro, Sanitäreinrichtungen und Geräte. Erste Maschinen wurden bereits gekauft, umgebaut werden muss durch eine Fachfirma noch der vorhandene Brunnen. Seit die Genossenschaft gegründet wurde, hat sich schnell ein Kreis von etwa zehn engagierten Leuten gefunden, die regelmäßig bei den Aktionen dabei sind. Absprachen funktionieren spontan per SMS oder E-Mail oder einer App für Projektteams. Damit es Anfang Mai erstes Gemüse geben kann, soll im Februar die erste Saat im Gewächshaus erfolgen, zum Beispiel von Radieschen. Anfang März können hier schon Salate und Kohlrabi gepflanzt werden, ab März können im Freiland Bundmöhren gesät werden. Angebaut werden bei WirGarten nach Kriterien der biologischen Landwirtschaft mehr als 30 verschiedene Gemüsekulturen und Kräuter, die Zertifizierung nach EG-Öko-Verordnung läuft bereits. Den Gemüseanbau soll ein professioneller, von der Genossenschaft eingestellter Gärtner übernehmen. Wer von den Mitgliedern mithelfen möchte, kann unter der Anleitung der Profis mitjäten, -hacken und -ernten.

Doch wie funktioniert das Geschäft mit dem Gemüse aus der eigenen Genossenschaft? Interessierte Privatpersonen oder Firmen können Mitglied der Genossenschaft werden, indem sie mindestens 100 Euro Genossenschaftsanteile für die Dauer ihrer Mitgliedschaft einlegen. Jedes Genossenschaftsmitglied kann einen einjährigen Erntevertrag abschließen, mit dem man das ganze Jahr mit frischer Gemüse-Vielfalt aus dem WirGarten Lüneburg versorgt wird. Entsprechend der Größe ihres Ernteanteils zahlen die Mitglieder einen monatlichen Preis ab 30 Euro. Gemeinsame Aktionen
im Garten „Es gibt vier Erntevertragsgrößen“, erklärt Richard Kaatz. In der Planungsphase erhoben er und Matti Pannenbäcker in ihren Freundeskreisen, wie viel Gemüse jeder eigentlich isst und stießen auf große Mengenunterschiede. So beginnen die Ernteverträge nun bei der Größe S bis hin zu XL oder Großabnehmer, zum Beispiel für die Gastronomie. WirGarten ist keine Gemüsekis-te. Man schließt seinen Erntevertrag immer für ein Jahr ab und holt seinen Ernteanteil wöchentlich selbst ab. Dazu stehen bereits vier Abholorte in Lüneburg zur Verfügung, weitere sind in Planung. Passend zu ihren Ernteanteilen sollen die Mitglieder auch saisonale Kochrezepte erhalten. Wer also einen Erntevertrag bei WirGarten abschließt, hat nicht nur das ganze Jahr über frisches Gemüse aus der Region und lernt eine neue Art des Wirtschaftens kennen. Alle Mitglieder können zu den Betriebszeiten den stadtnahen Garten besuchen, außerdem soll es hier Events wie eine gemeinsame Kartoffelernte, Gartenführungen oder Kochveranstaltungen geben. „Das Ziel ist ja auch, Gemeinschaft zu leben“, so Richard Kaatz. Ein erstes Picknick in Ochtmissen war bereits ein voller Erfolg. Auch den Start von WirGarten Lüneburg sieht Richard Kaatz als Erfolg an: „Es ist super, dass wir es soweit geschafft haben. Wir können alle stolz sein auf das, was wir gemacht haben.“ Von den bisher gewonnenen Mitgliedern gab es auch schon Vorschusslorbeeren: So wurden bereits 53 Ernteverträge abgeschlossen. Die beiden Genossenschaftsgründer Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz entwickelten zusammen ein Konzept, das jetzt mit Leben gefüllt wird. Die beiden verbindet inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis. „Auch wenn es Auseinandersetzungen gibt, gibt es immer die Gewissheit, dass man dabei bleibt“, so Kaatz. (JVE)