Die Weltenbummlerin

Carmela Röhr war als Granny AU-PAIR in China, Südafrika und den USA

Carmela Röhr wollte andere Länder und ihre Kulturen kennenlernen. Die Handorferin war als Granny Au-pair mehrmals im Ausland. Nebenbei gewann sie eine neue Familie dazu. Carmela Röhr kennt keine Scheu, auf andere zuzugehen. Und sie lernt gern Neues kennen. Seit 35 Jahren lebt die gebürtige Schweizerin mit ihrem Mann in Handorf. Die gemeinsame Leidenschaft des Paares war schon immer das Reisen – erst zu zweit, später mit ihrem Sohn, der heute 29 ist. „Wir haben fast die ganze Welt gesehen“, erzählt die 64-Jährige. Die Versicherungskauffrau arbeitete, bis sie 57 war, doch die Beine legte sie noch lange nicht hoch. Vor ein paar Jahren las Carmela Röhr in der Zeitung von der Möglichkeit, als Granny Au-pair, eine Art Leihoma, ins Ausland zu gehen. „Wir sind zwar viel gereist, aber in zwei bis vier Wochen lernt man die Leute in einem Land nicht richtig kennen“, meint sie. Sie registrierte sich im Portal der Hamburger Agentur Granny Aupair. Die erste Anfrage kam ausgerechnet aus ihrem Heimatland, der Schweiz. Sie lehnte ab. „Ich wollte doch weit weg“, erklärt sie. Sie träumte von einem Einsatz in Australien, wo sie vor 30 Jahren einmal war. Doch auch Asien hatte es ihr angetan. So klang das Angebot für sie interessant, als eine junge Familie aus der chinesischen Millionenstadt Hangzhou sie kontaktierte. Die Familie, ein deutscher Vater, der studierte, eine voll arbeitende chinesische Mutter und ein neun Monate altes Mädchen, brauchte möglichst schnell eine Betreuung für das Kind. Mit den einheimischen Nannys war das Paar nicht gut ausgekommen. Carmela Röhr nahm das Angebot an und reiste 2014 mit einem Dreimonats-Visum nach Hangzhou.

Begegnungen auf dem Hof

Als Granny Au-pair hat man keinen Arbeitsvertrag, sondern reist als Tourist ein. Mit der Gastfamilie wird ausgemacht, nach welchem Prinzip die Granny bezahlt wird, ob mit wöchentlichem Taschengeld oder einer Übernahme der Reisekosten. In Hang-zhou lebte Carmela Röhr in einer abgeschlossenen Hochhaussiedlung, die, anders als in Deutschland, von gut betuchten Menschen bewohnt war und als absolut sicher galt. Die Sympathien mit dem Vater, der die Granny vom Flughafen abholte, stimmten sofort. Die Betreuung des Babys stellte für die Granny keine Schwierigkeit dar. Gewöhnungsbedürftig waren dagegen zum Teil die chinesischen Erziehungsmethoden. Sie war viel mit dem Mädchen allein. „In China ist es der Regelfall, dass die Eltern so viel weg sind“, erklärt die 64-Jährige. Die Schweizerin merkte schnell, dass sich auf dem Platz zwischen den Hochhäusern das ganze Leben abspielte. „Ich bin jeden Morgen mit dem Kinderwagen in den Hof gegangen. Da saßen dann zig chinesische Nannys mit den Kindern“, erzählt sie. Da diese meist kein Englisch konnten, verständigte sie sich mit Händen und Füßen mit ihnen. „Das war ein Heidenspaß“, meint die Leihoma. Carmela Röhr war weit und breit die einzige Europäerin. Sie staunte, dass der Hof für die Chinesen auch ein Ort zum Turnen, für Tai Chi oder zum Tanzen war. Einmal im Monat kamen ein Frisör, ein Schuster oder ein Schneider in den Hof und versorgte alle mit seinen Dienstleistungen. Weil die chinesischen Nannys in ihrem Alter oder älter waren, suchte sie auch andere Kontakte zu Chinesen. „Im Café bin ich auch mit jüngeren Leuten ins Gespräch gekommen“, erzählt sie. Diese konnten in der Regel Englisch.

Unendliche Gastfreundschaft

Wenn die Granny an den Wochenenden frei hatte, unternahm sie Ausflüge mit der Gastfamilie, fuhr aber auch alleine mit dem Bus in die Umgebung. Eines ihrer bedeutendsten Erlebnisse begann an einer Bushaltestelle, als Carmela Röhr zu einem Teedorf fahren wollte. „Ich bin mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die in dem Dorf Tee pflücken wollte. Sie lud mich ein mitzumachen“, erzählt sie. Ohne dass sie lange darüber nachdenken konnte, wurde sie von der Chinesin mitgenommen und in der Teeplantage in das Teepflücken eingeweiht. „Ich wurde von den anderen Chinesinnen ganz herzlich empfangen“, betont sie. „Sie lernen nie Europäer kennen und finden das toll.“ Eine Stunde pflückte Carmela Röhr mit den anderen Tee. „Das ist total schwierig, Ich weiß jetzt, warum der Tee so teuer ist.“ Sie ist dankbar für diese einmalige Gelegenheit und den Einblick in das Leben der Chinesinnen, der sich ihr spontan geboten hatte. Nach dem Teepflücken ging es zum gemeinsamen Teetrinken, Spazierengehen und Essen. „Das war so ein aufregender Tag, das würde man so nie erleben“, sagt Carmela Röhr rückblickend. Zu ihren „Teemädels“, wie sie sie nannte, hielt sie weiter Kontakt. Carmela Röhrs Monate in China waren geprägt von spannenden Begegnungen mit Einheimischen, die ihr immer wieder offen, neugierig, freundlich und hilfsbereit entgegen traten. „Es ist mir oft passiert, dass ich von Leuten angesprochen wurde“, erinnert sie sich. „Das sind so Glücksgefühle, nur Du unter Chinesen.“ Nach drei Monaten musste die Granny ihren Aufenthalt in China beenden, eine Verlängerung war von Behördenseite nicht möglich. Im Juni 2014 kam sie zurück nach Deutschland und wollte hier auch zunächst bleiben. Doch die nächste Anfrage kam schneller als erwartet: Eine Familie aus Südafrika mit drei Kindern suchte händeringend ein Granny Au-pair. „Sie suchten jemanden, der spontan und flexibel ist. Da meinte mein Mann, ich soll das machen“, erzählt sie. Schon im Herbst 2014 flog die Handorferin für drei Monate nach Südafrika, welches sie auch aus dem Urlaub kannte.

Im Luxus in Südafrika

Mit der Familie in Pretoria, einer deutschen Mutter und einem peruanischen Vater und den drei Kindern im Alter von zwei, vier und sechs Jahren verstand sich Carmela Röhr auf Anhieb gut. Die gut situierte Familie lebte luxuriös mit großem Haus, Garten und Pool. Neben ihr als Nanny gab es noch eine Haushälterin und einen Gärtner, sie wurde in einer Gästewohnung untergebracht. Tagsüber war sie mit der zweijährigen Sophia und der Haushälterin im Haus, das sie mit dem Kind nicht verlassen sollte. Wenn die Kleine Mittagsschlaf machte und der Vater zu Hause war, fuhr Carmela Röhr mit dem Rad zur Mall, um einen Kaffee zu trinken und das afrikanische Treiben auf sich wirken zu lassen. An den Wochenenden war sie mit der Familie unterwegs. „Es war einfach total anders als in China, aber beides war absolut reizvoll“, meint sie. Nach drei Monaten musste die Granny nach Deutschland zurück, doch schon bald fragte die Mutter aus Südafrika erneut, ob sie zurückkommen könne. Sie machte ihr den Aufenthalt schmackhaft, indem sie vorschlug, dass ihr Mann für einen Urlaub zunächst mitkommen könne. Ab Februar 2015 reiste die Granny also mit ihrem Mann sechs Wochen in Südafrika herum, bevor sie im März wieder bei der Familie ankamen. Sie blieb bis Ende Juni da. Carmela Röhr versuchte trotz Warnungen vor Überfällen, sich ab und zu unters Volk zu mischen. Sie fuhr mit den Bussen, die sonst die Arbeiter benutzten. „Die Leute waren supernett und hilfsbereit. Sie haben natürlich gemerkt, dass ich keine Südafrikanerin bin“, sagt sie. Andere Warnungen nahm sie ernst: „Ich bin nicht übermäßig vorsichtig und manchmal auch leichtsinnig. Aber man muss die Ratschläge der Einheimischen befolgen.“ So fuhr die Granny auch kürzeste Wege mit dem Taxi, wenn ihr vom Fußweg abgeraten wurde. Sie war nur bei Tageslicht alleine unterwegs, trug keinen auffälligen Schmuck und hatte keine Wertsachen dabei.

Hilferuf aus Amerika

Zwar hatte Carmela Röhr keine Zeit, einen Sprachkurs zu besuchen, doch sie suchte sich einen Schwimmkurs. Durch den dreimal in der Woche frühmorgens stattfindenden Kurs lernte sie eine Gruppe weißer Südafrikanerinnen kennen, die sie schnell in ihrer Mitte aufnahmen. Auch in diesem Land entwickelten sich durch Carmela Röhrs offene Art bei vielen Begegnungen kleine Freundschaften. Als sie im Juni abreiste, dachte sie nicht, dass sie so schnell wiederkommen würde: Schon Anfang November brauchte die Familie wieder dringend ihre Unterstützung, so dass sie für weitere zwei Monate hinflog. In dieser Zeit begleitete sie die Gastmutter für mehrere Wochen nach Botswana. Nach ihrem letzten Aufenthalt in Südafrika wollte Carmela Röhr für keine andere Familie mehr eingesetzt werden, zu eng ist die Bindung nach Südafrika. „Wir sind jetzt eine Familie“, meint sie. Dass die fünfköpfige Familie das genauso sieht, zeigte sich Ende 2016. Die Familie war aus beruflichen Gründen nach Washington gezogen und brauchte Anfang 2017 erneut ihre Hilfe. So flog sie für acht Wochen zu der Familie in die USA und war genau zur Amtseinführung von Donald Trump in Washington – ein unvergessliches Erlebnis. Seit mehr als einem Jahr war Carmela Röhr nicht mehr als Granny im Ausland. Doch vor einem halben Jahr kam von der Agentur Granny Aupair eine Anfrage, ob sie ihrer südafrikanischen Familie für ein paar Wochen aushelfen könne – in Köln. Sie fuhr für sechs Wochen zu der Familie, die für ein Jahr hier bleiben will. Sollte die Familie wieder ins Ausland gehen, schließt die Granny nicht aus, zeitweilig mitzukommen. „Wir hoffen alle, dass die Familie ein tolles Angebot in Asien bekommt“, erklärt sie. Solange die Familie sie nicht braucht, reist Carmela Röhr weiterhin mit ihrem Mann durch die Welt, auf dem Plan stehen Singapur, Australien und Hongkong. Zu Hause bereitet sie sich auf ihren dritten Triathlon vor. „Das ist das, was ich anderen Älteren vermitteln will: Es ist nie zu spät. Du schaffst alles, wenn Du es willst, ob es eine neue Sprache oder Sportart ist. Das Alter ist nur eine Zahl.“ (JVE)