Die Paintball-Lady

Johanna Haase hat schon viele Sportarten ausprobiert, aber nach keiner ist sie so verrückt wie nach dieser: Seit zwei Jahren spielt die 33-jährige Lüneburgerin Paintball in einer Frauenmannschaft.

Über Paintball gibt es in der Gesellschaft viele Vorurteile. Man würde zum Spaß Krieg spielen und sich gegenseitig nur abschießen, zum Beispiel. Das sieht Johanna Haase anders: „Für mich hat das nichts mit Krieg zu tun“, meint die Lüneburgerin, „es ist eher wie eine Schneeballschlacht oder Fangen und Verstecken spielen.“ Und kaum einer weiß, dass Paintball in Deutschland nicht nur als Funsport oder bei Junggesellenabschieden, sondern auch als Turniersport in Ligen gespielt wird, es sogar eine 1. Bundesliga und eine Nationalmannschaft gibt. Johanna Haases Frauenteam spielt in der Verbandsliga der Deutschen Paintball Liga (DPL). Wie alle ihrer Mitspielerinnen ist auch sie durch einen Mann zu dem Sport gekommen. Ihr damaliger Freund spielte bei den Tespe Atomics Paintball und schlug ihr vor, mal zuzuschauen. „Es gab einen großen Männerkader und ein reines Mädelsteam“, erinnert sie sich. Es dauerte nicht lange, da hatte die junge Frau angebissen. Erst schaute sie zu, dann spielte sie selbst. „Es hat mir voll Spaß gemacht, obwohl ich eigentlich ein Angsthase bin“, erzählt sie. Beim ersten Mal in der Paintball-Halle hatte sie sich noch die Ohren zugehalten.

Teure Ausrüstung

Als sie Anfang 2014 bei den Frauen der Tespe Atomics einstieg, spielte sie zunächst in Leihausrüstung. Doch nach und nach musste die richtige Ausstattung her. Wie in vielen anderen Sportarten kann man für Paintball unendlich viel Geld für Ausrüstung ausgeben. Auch wenn Johanna vieles aus zweiter Hand kaufte, gab sie nur für ihre Ausrüstung etwa tausend Euro aus, schätzt sie. Allein für einen Markierer – die Waffe, die mit Farbe, der „Paint“, geladen wird – könne man tausend Euro ausgeben.

Die Paintball-Ausrüstung der Lüneburgerin kann sich sehen lassen. Zum Markierer mit Druckluftfla- sche gehört ein Rotor, in den die Paint gefüllt wird. Wie ein Gewehr muss der Markierer richtig gepflegt und geputzt werden, wozu es ein Laufschaf so- wie ein ganzes „Gun Case“ zum Reinigen gibt. Zusätzlich zur Maske, die auf dem Paintball-Feld Pflicht ist, trägt Johanna Headbands, die als Schweißbänder fungieren. Ihre neueste Errungenschaft ist ein richtiges Mädchen-Headband von „My Little Pony“. Um sich beim Spielen nicht zu sehr weh zu tun, sei es vor allem wichtig, weite Kleidung zu tragen, die den Farbtreffer abfedert, erklärt sie. Auch am Hals trägt sie einen extra Schutz, denn hier tun Treffer besonders weh. Für Frauen empfiehlt sich außerdem ein Brust- panzer, während alle Spieler Ellenbogen- und Knieschoner tragen. Selbst auf das richtige Schuhwerk müssen Paintball-Spieler achten. Um auf dem „Turf“ genannten Boden in der Halle nicht auszurutschen, eignen sich besonders Turnschuhe mit Spikes, viele Spieler tragen einfach Fußballschuhe. Die ganze Ausrüstung schleppt Johanna in einer Riesen-Sporttasche zum Training und zu Spieltagen, die vermuten lässt, sie würde in den Urlaub fahren.

Die Taktik zählt

Wer denkt, dass Paintball ein Spiel ist, das man schnell beherrscht, täuscht sich gewaltig. „Es gibt verschie- denste Taktiken – es ist Wahnsinn, an was man alles denken muss“, meint die 33-Jährige, die inzwischen stellvertretender Teamcaptain ist. Vereinfacht erklärt geht es beim Paintball darum, alle Gegner mit der Farbe zu markieren, selbst nicht markiert zu werden und an einer Base auf der gegenüberliegenden Seite des Spielfeldes anzuschlagen. Wer einen Treffer kassiert, muss sofort aussteigen, so dass ein Spiel auch schnell vorbei sein kann. In der Verbandsliga spielen fünf gegen fünf, gewonnen hat die Mannschaft, die den Gegner zuerst zweimal geschlagen hat. Die Ladylike Colours Lüneburg, wie Johanna Haases Paintball-Mannschaft seit Herbst 2015 heißt, sind in ihrer Liga die einzige Frauenmannschaft und treten nur gegen Männer an. „Wir sind schon ein kleiner Angst- gegner“, erzählt Johanna. „Wer will schon gegen Frauen verlieren?“ Männer würden aggressiver spielen und mehr Taktiken beherrschen als Frauen, meint sie. Hinzu komme eine unbändige Freude der Frauen über einen Punkt, die die Mädelsmannschaft im weiteren Verlauf unkonzentriert weiterspielen lasse. Ein Phänomen, das die Sportlerin bisher nur bei Männern erlebt hat, ist das so genannte „Overshooting“, also einen gegnerischen Spieler weiter zu beschießen, wenn er schon markiert worden ist. „Manche ballern noch mal extra drauf. Aber es gibt solche und solche“, fügt sie hinzu.

Blaue  Flecken sind normal

Natürlich muss man beim Paintball auch einstecken können. Es sei normal, mit blauen Flecken nach Hau- se zu kommen, sagt die Paintball-Spielerin, doch daran habe sie sich gewöhnt. Es komme auch mal vor, dass man nach einem Spieltag zu angeschlagen sei, um am nächsten Tag wieder zu spielen. „Wir weinen auch mal“, erzählt Johanna, doch im Großen und Ganzen werde bei den Frauen nicht gejammert. „Wir haben uns für den Sport entschieden, dann müssen wir das auch abkön- nen.“ Trotzdem seien sie immer noch richtige Mädchen, beteuert Johanna. Johanna Haase hat Paintball für sich entdeckt, doch sie und ihre hauptsächlich Lüneburger Mitstreiterinnen bedauern, dass es im Raum Lüneburg keine Möglichkeit zum Paintball-Spielen mehr gibt. Trainierte die Mannschaft von Trainer Christian Rupp früher als Tespe Atomics einmal wöchentlich in der Paintball-Anlage in Tespe, müssen alle Lüneburger seit der Schließung der Halle im Frühjahr 2015 viel weiter fahren, um ihren Sport auszuüben. Die Ladylike Colours Lüneburg trainieren inzwischen nur noch einmal im Monat, dann geht es mit Fahrgemeinschaften nach Burg in Dithmarschen, wo im Sommer auch die Spieltage ihrer Liga ausgetragen werden. Zwar dauert die Fahrt eineinhalb Stunden, aber die Zeit in Dithmarschen kann intensiver genutzt werden und führt zu noch mehr Zusammengehörigkeitsgefühl. „Wir haben einen wahnsinnigen Teamspirit“, meint Johanna Haase. „Wir sind wie eine Familie.“ Die Zeit der Spieltage ist besonders intensiv: Meist reist das Team schon am Vortag an und übernachtet gemeinsam vor Ort. Durch die gemeinsamen Erlebnisse gibt es inzwischen enge Freundschaften im Team.

Besonders üben muss man beim Paintball das Deckungsverhalten. Auf dem SupAir-Feld versteckt man sich hinter aufblasbaren Deckungen, die unterschiedlich positioniert werden können. Werden „Ten Seconds“ runtergezählt, gilt es in Deckung zu kommen, ohne markiert zu werden – oder zu schießen. Beim Breakout- Training üben die Spieler, sofort nach dem Start Schüs- se abzugeben, geübt werden außerdem Taktik, „Sliden“, also das Rutschen auf dem Boden, sowie Kondition. Essentiell ist das Skill-Training.

Jedes mal Nervenkitzel

Die Trainings- und Spieltage stehen im Kontrast zu Johanna Haases sonstigem Leben. Die junge Frau, die in Bütlingen in der Elbmarsch aufgewachsen ist, ist ge- lernte Augenoptikermeisterin und arbeitete mehr als sieben Jahre als Filialleiterin eines Optikers in Lüneburg. Seit einem Jahr ist sie für einen Brillenhersteller in Hamburg im Beschwerde- und Qualitätsmanagement tätig. Zwar muss sie zur Arbeit pendeln, doch durch die neu gewonnene Fünf-Tage-Woche bleibt am Wochenende Zeit für ihren Sport. Um den bezahlen zu können, kündigte sie ihren Vertrag im Fitnessstudio und gab ihre HSV-Dauerkarte weg.

Eine bessere Sportart als Paintball kann sie sich nicht vorstellen. Sie schätzt nicht nur die Atmosphäre und den Zusammenhalt unter den Spielern, ob männlich oder weiblich. Die Paintball-Lady hat der Ehrgeiz gepackt, immer dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln. Au- ßerdem liebt ausgerechnet die, die früher als Angsthase galt, den Nervenkitzel. „Ich bin jedes Mal aufgeregt. Mein Herz schlägt immer total, wenn die Ten Seconds runtergezählt werden.“ Und Männer im Paintball zu schlagen, sei jedes Mal ein kleiner Erfolg.

Die Ladylike Colours Lüneburg spielen nur in der Sommerliga, die vier Spieltage im Freien, an denen mehrere Spiele ausgetragen werden, finden von Juni bis September statt. In der Wintersaison wird in der Halle trainiert, auch gegen andere Mannschaften. Johanna Haase fehlt das wöchentliche Training im Alltag, und die Vorfreude vor den Trainings- und Spieltagen ist groß. Der Sport hat auf sie auch einen angenehmen Nebeneffekt: „Es ist unglaublich, wie sehr man bei dem Sport abschalten kann.“ (JVE)