Die Igelmama

Maria Kellner hilft geschwächten Igeln, nicht nur gut über den Winter zu kommen

Maria Kellner hat sich ihre Passion nicht selbst ausgesucht, sie kam quasi zu ihr. „Als ich einen kleinen Igel mit 120 Gramm in meinem Garten gefunden habe, war das der Anstoß”, erinnert sich die 56-Jährige. Seit zehn Jahren pflegt sie zu kleine, verwaiste, kranke und geschwächte Igel gesund und wildert sie wieder aus. Zum Teil ist sie dafür nächtelang wach. Maria Kellner lebt in Jelmstorf im Landkreis Uelzen, hier gibt es große Gärten, viel Wald und wenig Autoverkehr. Die Igel kommen gerne in ihren Garten, weil sie ihnen gute Bedingungen schafft. Hier steht eine Futterstelle, an die nur Igel herankommen. In ihrem Keller und ihrer Garage päppelt die Igelhelferin die Tiere auf und pflegt sie gesund. Als sie vor zehn Jahren den kleinen Igel fand, recherchierte Maria Kellner zunächst im Internet. Sie landete bei der Igelhilfestation in Hannover, wo sie telefonisch von einer Frau Instruktionen bekam, die inzwischen eine gute Freundin von ihr ist. Sie lernte zum Beispiel: „Ab einem Gewicht von 120 Gramm braucht der Igel keine Ersatzmilch mehr.” Nach dem ersten fand sie bald den nächsten kleinen Igel – ihrer Vermutung nach, die Schwester des ersten. Bruder und Schwester, die sich sofort aneinander kuschelten, taufte sie Mecki und Stupsi. „Da habe ich meine Liebe zu den Igeln entwickelt”, erzählt sie.

Erstversorgung des Igels

Die Igelhelferin meint, dass in den Medien viel Falsches über Igel verbreitet wird – und dass auch Tierärzte und Tierheime viele Schwachstellen haben. Es liegt der 56-Jährigen am Herzen, über die Igelhilfe aufzuklären. „Oft wird nicht kundgetan, dass es einen konkreten Ablauf gibt, wenn man einen hilfsbedürftigen Igel findet”, meint Maria Kellner. Die Igelpflegerin klärt auf: „Hilfsbedürftig ist ein Igel, wenn er offensichtlich verletzt, verwaist, abgemagert ist, taumelt oder apathisch ist. Ein hustender Igel braucht Hilfe, weil er Lungenwürmer hat. Und wenn ein junger Igel Mitte Oktober noch unter 250 bis 300 Gramm wiegt, braucht er ebenfalls Hilfe.” Igelmütter, die bis zu neun Babys pro Wurf gebären, richten sich in ihrem Nest nach dem stärk-sten Nachwuchstier. Nach einer gewissen Zeit „schließt” die Mutter ihr Nest und verlässt ihre Jungen. „Die Großen schlagen sich dann durch, und die Kleinen schaffen ihr Gewicht von 700 Gramm bis zum Winterschlaf nicht zu erreichen“, erklärt Maria Kellner. Dass die Mutter ihre Kleinen alleine lässt, habe einen einfachen Grund: „Die Mutter weiß, jetzt kommt der Winter. Dann hat sie noch vier bis sechs Wochen Zeit, sich Winterspeck anzufressen. Sie ist dazu gezwungen, ihr Nest zu schließen, um selbst am Leben zu bleiben.” Die Mutter brauche mindestens ein Gewicht von 1.100 Gramm, um das nächste Frühjahr zu erleben. Maria Kellner handelt immer nach dem gleichen Muster, wenn sie einen hilfsbedürftigen Igel findet. So sollte man zunächst schauen, ob er Fliegeneier am Körper hat, so die Igelhelferin. „Wenn er gelbe Nester in den Stacheln, unter den Armen, am Po oder am Kopf hat, sind das Fliegeneier, die man mit Zahnbürste und Pinzette komplett entfernen muss, bevor der Igel dann ins Warme muss”, erklärt sie. „Schwache Igel sind davon oft betroffen.” Das Entfernen sei – unbedingt im Freien – nötig, da sich ansonsten aus den Eiern in Sekunden Maden entwickeln würden, die bei Wärme in die Körperöffnungen des Igels krabbeln und ihn quasi von innen auffressen würden. Danach könne man den Igel wiegen und in einen mit Zeitungspapier ausgelegten größeren Karton setzen. In diesen Karton stellt man einen kleineren Schlafkarton, kleine Igel bekommen zusätzlich eine handwarme Wärmflasche dazu.

Nachtaktiver Fleischfresser

Wichtig für den nachtaktiven Igel ist Dunkelheit, angepasst an den Tag-Nacht-Rhythmus. „Wenn er die ganze Zeit nur Licht oder nur Dunkelheit hat, wird der Igel hektisch, und sein Biorhythmus kommt völlig aus dem Gleichgewicht”, erklärt die Igelhelferin. Wenn man kein Katzen- oder Welpenfutter als Pastete habe, helfe fürs Erste ein gekochtes, klein geschnittenes Ei oder ohne Öl gebratenes Hack oder Rührei – oder ein ohne Gewürze gekochtes Hühnerbein. „Der Igel ist ein Fleischfresser”, erklärt die Igelhelferin. „Er isst nichts mit Soße, keinen Fisch, aber auch kein Obst oder Gemüse. In freier Wildbahn isst er Krabbelgetier wie Raupen, Larven und Würmer.” Weil sein Lebensraum zunehmend verschwinde, weiche er oft auf Schnecken als Nahrung aus. „Aber Schnecken sind die größten Parasitenüberträger für den Igel”, weiß sie. Und wenn Schnecken vergiftet seien, vergifte sich der Igel auch und sterbe einen qualvollen Tod. Nach der Erstversorgung rät Maria Kellner, eine nahe gelegene Igelpflegestation zu kontaktieren. „Wenn jemand den Igel nicht behalten will, wäre die Nähe wichtig, denn die Autofahrt ist für ihn Horror”, erklärt die 56-Jährige. Der Besuch eines Tierarztes sei nicht immer ratsam, nur bei einem verletzten Igel. „Der Igel als Wildtier hat eine andere Verstoffwechselung als Hund, Katze oder Kaninchen, deshalb sind auch die Dosierungen oft völlig anders”, meint sie. Die bei Haustieren üblichen Mittel gegen Würmer und Flöhe vertrage der Igel nicht. Sie arbeitet ausschließlich mit einer Tierarztpraxis in Bienenbüttel zusammen, der sie vertraut. Mit dem Tierarzt bespricht sich die Igelhelferin auch, wenn ein Igel schwer verletzt ist oder operiert werden muss. Maria Kellner hat regelmäßig Igel zur Pflege. Doch ihr Hauptziel ist stets die Auswilderung, denn es ist weder natürlich noch gesetzlich erlaubt, sich Wildtiere zu halten. Die Jelmstorferin weiß: „Wenn der Igel bis Ende November und bei guter Wetterlage 700 Gramm hat, kann er noch ausgewildert werden und macht den Winterschlaf draußen.” Während die Männchen schon ab Ende Oktober ihren Winterschlaf machen, legen sich die weiblichen und die kleineren Igel erst ab Ende November schlafen. „In dieser Zeit sind sie bewegungsunfähig und atmen maximal sechsmal pro Minute”, erläutert sie. Wird es Ende April, Anfang Mai wieder wärmer, wachen die Igel wieder auf. Alle Igel, die bei Frost und Schnee umherlaufen, seien hilfsbedürftig.

Gefahr durch Gartengeräte

In der freien Natur werden Igel nur zwei bis drei Jahre alt. Haben sie jedoch täglich Zugang zu einer Futterstelle, können sie auch schon mal sieben oder acht Jahre alt werden. Eine große Gefahr für die Igel stellen neben Autos scharfe Gartengeräte dar. Maria Kellners zweiter Igel Stupsi überlebte das Aufschlitzen seiner Körperseite durch einen Kantenschneider nur, weil er schnell operiert und anschließend von der Igelhelferin wieder aufgepäppelt wurde. „Nach einem halben Jahr war alles verheilt, sie konnte wieder ausgewildert werden und ist sieben Jahre alt geworden”, berichtet sie. Sie weiß genau, mit welchem Igel sie es zu tun hat, denn sie markiert jeden Igel, den sie zur Pflege hatte, an einer anderen Stelle mit einem kleinen Punkt. Ab Ende Oktober kann man davon ausgehen, dass alle Igelnester geschlossen sind. „Dann sammelt man kleine Igel ab, und abgemagerte oder dehydrierte Mütter nimmt man auch auf”, erzählt Maria Kellner. Die Hauptsaison beginnt für sie im August/September, wenn sie sich um die ersten verwaisten Igelbabys kümmert. Um diese aufzupäppeln, muss sie sie auch nachts alle zwei Stunden mühsam mit einer kleinen Spritze füttern. „Dieses Jahr hatte ich in der Spitze 16 Igelbabys. Wenn man in zwei Stunden 16 Igel füttert, ist man gut, und dann kann man gleich wieder von vorne anfangen. Dann bleibt keine Zeit zum Schlafen”, erzählt sie schmunzelnd. Die Igelbabys erhalten anfangs Welpenersatzmilch, später Nass- und Trockenfutter. Kuhmilch hingegen vertragen Igel überhaupt nicht, da sie eine Laktoseunverträglichkeit haben. Dass die Jelmstorferin Igel gesund pflegt, hat sich in der Umgebung schnell herumgesprochen, und ihr wurden immer mehr Tiere gebracht. Zu ihr kommen Igel aus einem Umkreis von 150 Kilometern, schätzt sie. Da sie alles aus eigener Tasche finanziert, gründete sie vor einem Jahr mit zwei Igelpflegern aus Hannover den Verein Igelhilfe Lüneburger Heide – auch, um Spendenbescheinigungen ausstellen zu können. Die Kosten für Spezialnahrung, Medikamente und Tierarztbesuche sind hoch, auch der Bau eines Freigeheges geht ins Geld. Zwar gibt es aus der Nachbarschaft regelmäßig Futter- und Zeitungsspenden – als Unterlage für die Igelboxen – doch viele Personen, die einen hilfsbedürftigen Igel abgeben, sehen nicht ein, auch etwas Geld dazu zu geben. Ein Igel kostet etwa 3 Euro pro Tag und muss oft wochenlang betreut werden.

 

Jeder hat eigenes Wesen

In freier Wildbahn hat der Igel mit manchen Unwirtlichkeiten zu kämpfen. Neben den Fliegeneiern kann er von einem Pilz, Ekzemen, aber auch Milben und Flöhen befallen werden. Der Igelfloh springt übrigens weder auf uns Menschen, noch auf Haustiere wie Hund und Katze über, wie ein Volksglaube es sagt. „Niemand, der einen Igel aufnimmt, braucht Angst zu haben, dass er oder die eigenen Haustiere von dem Igel Flöhe bekommen”, erklärt die Igelpflegerin. Ein weiteres Problem für den stachligen Säuger sind Gewässer, aus denen sie gerne trinken, ohne Hilfe aber nicht wieder herauskommen, falls sie hineinfallen. Ein kleines Brett am Ufer kann ihm helfen, ebenso an Fensterschächten und Kellertreppen – denn kleine Igel können Stufen und größere Absätze nicht erklimmen. Der Igelhelferin macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: Da die Tiere momentan sehr hungrig und ständig auf Nahrungssuche sind – sie können Futter bis zu einem Kilometer weit riechen – fressen sie sich auch in die gelben Säcke hinein, die überall zur Abholung am Straßenrand liegen. „Der Igel krabbelt in Tierfutterdosen und kommt rückwärts nicht wieder raus, weil sich dabei seine Stacheln aufstellen. Er wird von der Müllabfuhr mit abgeholt und bei lebendigem Leibe verbrannt”, sagt die Igelhelferin. Es reiche schon, die gelben Säcke in einer Höhe von 80 Zentimetern am Zaun oder Baum aufzuhängen, damit der Igel ihn nicht erreichen kann. Mitte Oktober hatte Maria Kellner 14 Igel zur Pflege, und das ist erst der Anfang. Rund 20 überwintern jedes Jahr in ihrer Garage und werden erst im Mai wieder ausgewildert. Nach Monaten der Pflege und Fürsorge fällt es der 56-Jährigen nicht immer leicht, ein Tier wieder in die Natur zu entlassen. „Oft stehe ich da, und mir laufen die Tränen runter, aber da darf man nicht egoistisch sein und sagen, der ist so süß, den behalte ich”, meint sie. Es tröstet sie, dass die in ihrem Garten ausgewilderten Igel zu ihrer Futterstelle zurückkommen. Kommen Igel aus einer anderen Region, werden sie an ihrem Ursprungsort wieder ausgesetzt, wenn keine große Straße in der Nähe ist. Jeder Igel bei Maria Kellner hat einen Namen, und jeder wächst ihr mit seinem besonderen Wesen mit der Zeit ans Herz. Nur deshalb verbringt sie fünf bis acht Stunden am Tag mit ihren Igeln, kümmert sich schon morgens früh vor der Arbeit zwei Stunden um das Reinigen der Boxen und gibt Medikamente und Futter. „Wenn man nonstop eine Woche nicht zum Schlafen kommt, denkt man schon, warum machst Du das nur?” meint sie. Doch sie ist schon mit Tieren groß geworden und lebt nach der Devise ihres Vaters: Erst die Tiere, dann die Menschen. (JVE)