Der Traum vom Alpencross

Thorsten Hohage fuhr mit dem Mountainbike quer durch die Alpen

Zu seinem 50. Geburtstag gönnte sich Thorsten Hohage ein besonderes Abenteuer: Er überquerte mit dem Mountainbike die Westalpen – vom Genfer See bis zum Mittelmeer. Outdoor- und Trekkingurlaube hat Thorsten Hohage schon einige gemacht. Ob Norwegen, Schweden, Island, Schweiz oder Slowenien – manche in Begleitung, andere allein. Diese besondere Reise plante er für sich allein. „Erlebnisse sind zwar intensiver zu zweit“, räumt er ein. Doch alleine könne eben alles so ablaufen, wie man es sich vorstellt. Heute ist Thorsten Hohage ein durchtrainierter Freizeitsportler. Doch vor zehn Jahren sah das noch ganz anders aus: Rund 160 Kilogramm wog der gebürtige Nordrhein-Westfale damals, etwa 60 Kilogramm mehr als heute. Als Jugendlicher und junger Erwachsener war er noch total fit gewesen, machte Judo, wanderte viel mit der Familie. Doch verletzungsbedingt musste er mit Mitte 20 den Leistungssport an den Nagel hängen, nahm schleichend zu. „Ich habe gar nicht mitbekommen, wie das passiert ist“, sagt der 50-Jährige. Erst als seine Ehe nach 15 Jahren in die Brüche ging, spürte Thorsten Hohage vor einigen Jahren: Es ist Zeit für grundlegende Veränderungen. Er mistete sein Hab und Gut aus, zog 2013 von Hamburg nach Lüneburg und nahm ab. „Es hatte sich viel angestaut an Wünschen. Island, Norwegen – viele Dinge, die ich 20 Jahre nicht getan hatte. Das war ich selber“, sagt er rückblickend. Eine Idee waberte da schon seit Jahren in seinem Kopf. Als er von einem Mann hörte, der zu seinem 50. Geburtstag mit dem Fahrrad die Alpen überquert hatte, ließ ihn das nicht mehr los. Zu seinem 40. Geburtstag hatte er sich ein Fahrrad gekauft, um rauszukommen. „Ich arbeite in der IT und hänge bis zu zwölf Stunden am Computer. Das Fahrrad habe ich mir zum Entschleunigen gekauft.“ Waren die ersten Kilometer anfangs mühsam, stieg seine Kondition jedoch stetig. Schnell steigerte er die gefahrenen Kilometer, legte 2007 schon 50, 2009 hundert Kilometer an einem Tag zurück. Das erste Rad, eine Art Hollandrad, hielt nur zwei Jahre. Für richtige Touren kaufte sich Thorsten Hohage ein robustes Trekkingrad. Zweieinhalbtausend Kilometer legte er damit 2009 und 2010 pro Jahr zurück. Unter anderem unternahm er damit eine Rundreise durch Südschweden. „Spätestens da habe ich mir gesagt: Du hast noch acht Jahre bis zur Alpentour, jetzt brauchst Du Sachen, die Dich motivieren, es zu schaffen.“ Zu diesem Zeitpunkt war die Alpentour schon lange ein fester Plan. Nach einigen anderen Radreisen überquerte Thorsten Hohage 2012 seinen ersten Alpenpass in der Schweiz, den Lukmanierpass. „Ich habe ziemlich viele Pausen gemacht, aber nicht geschoben“, resümiert er stolz. Dabei sei mit Regen, Graupel und Schnee so ziemlich jedes schlechte Wetter dabei gewesen. Die Entscheidung vor vier Jahren, nach Lüneburg zu ziehen, hatte auch mit dem Radfahren zu tun. „Ich wollte raus aus Hamburg und in eine fahrradaffine Stadt im Norden ziehen“, erklärt der 50-Jährige. Jetzt freue er sich, dass er mit dem Rad nur eine Viertelstunde in die Innenstadt braucht.

Nach dem Umzug begann Thorsten Hohage, seine Alpentour realer zu planen. Er stellte seine Ernährung um, lebte bewusster, unternahm mehr. „So sind die Kilos einfach geschmolzen“, erklärt Thorsten Hohage. Als es dem Radsportler im darauf folgenden Winter auf dem Rad zu kalt wurde, beschloss er, stattdessen mit dem Laufen anzufangen. Er kaufte sich seine ersten Laufschuhe und eine Sportuhr und ging drei- bis viermal pro Woche laufen. „2014 war mir spätestens klar, dass ich die Alpentour schaffen würde“, erinnert er sich. Auch seine Laufleistung steigerte er stetig, lief 2015 einen Halbmarathon und seitdem dreimal einen Marathon. „Für die gleiche Belastung hätte man mehr Rad fahren müssen“, meint er.

2016 wurden die Pläne für Hohages Alpentour konkret. Nachdem er auf dem Brocken einen Trail gelaufen war, entschied er sich, die Alpen mit einem Mountainbike zu durchqueren. Lange fehlte ihm das richtige Bike dafür, bis er im Februar dieses Jahres zuschlug. Übers Internet entdeckte er sein Traum-Mountainbike in Heidelberg, das statt 22 Kilogramm, die sein Trekkingrad wog, nur noch zwölf Kilogramm schwer war. Ende Juli setzte sich Thorsten Hohage schließlich in den Zug, um die Alpenquerung zu beginnen. Er legte an 17 Fahrtagen insgesamt 970 Kilometer und 25.000 Höhenmeter zurück. Mit dabei: sein neues Mountainbike, eine selbst genähte Rahmentasche für schwere Teile, eine gut vier Kilogramm schwere Lenkerrolle für Schlafsack, Zelt und Kleidung sowie ein zwölf Kilogramm schwerer Rucksack für Wasser und Verpflegung auf dem Rücken. Letzterer konnte auf der Tour schließlich doch auf einem Gepäckträger verstaut werden, den er unterwegs kaufte und montierte. Zwar war Hohage nun mit rund 15 Kilogramm weniger unterwegs als auf den Touren mit seinem Trekkingrad. „So fährt man aber eigentlich nicht mehr richtig Mountainbike“, erklärt er. Als Mountainbike-Anfänger hatte er zuvor noch einen Kurs bei einer Mountainbike-Schule besucht. Sein stolzes Resümee nach der Tour: „Ich habe auf der Straße keinen Meter geschoben. Und 18 Kilometer habe ich mein Rad getragen.“ Auf seiner Strecke vom Genfer See zum Mittelmeer, die ihn durch Frankreich, die Schweiz und Italien führte, waren auch bekannte Pässe aus der Tour de France dabei.

Thorsten Hohages Alpencross verlief abenteuerlich, aber auch oft anders als erwartet. Am Anfang waren die Steine auf den Wegen zu groß, der Rucksack zu schwer. Viele Wege und Hütten waren mit Rad- und Wandertouristen überfüllt. „Es gab viel Wandererverkehr, das hätte ich anders erwartet.“ Der Radler suchte sich vor allem Schotterpisten, fuhr aber auch auf Trails und Wanderwegen sowie auf asphaltierten Straßen. Die Schotterpisten zwangen ihn stellenweise dazu, sein Rad bergab zu schieben – eine Enttäuschung für den ehrgeizigen Sportler. „Das war eine Vernunftentscheidung. Einmal falsch zucken, und es hätte die letzte Aktion sein können“, erklärt er. Die Route hätte er besser vorbereiten und Karten im Vorwege studieren können, merkte er unterwegs. Doch stattdessen hatte Thorsten Hohage vor der Tour lieber seine eigene Ausrüstung genäht. Seit einigen Jahren schneidert der 50-Jährige sich Regenjacken, Radshorts, Fahrradtaschen und anderes Equipment selbst.

Durchschnittlich 50 Kilometer fuhr Thorsten Hohage pro Tag, saß dafür vier bis acht Stunden auf dem Sattel. Wenn es erlaubt war, zeltete er nachts in freier Natur, manchmal auf dem Campingplatz, nur ein einziges Mal in einer Hütte. An seinem härtesten Tag legte er 88 Kilometer über 2.200 Höhenmeter zurück. Zur Orientierung half ihm ein GPS-Gerät. Zwar war es unterwegs selten einsam. Dafür traf Thorsten Hohage viele spannende und nette Menschen jedes Alters und jeder Fitness. „Es war eine tolle Stimmung untereinander“, berichtet er. „Es gab nette Kontakte, und einige hat man immer wieder getroffen.“ Auch die Natur zeigte sich ihm in allen Facetten, und die Landschaft veränderte ihr Bild von Nord nach Süd komplett. Für manch tolle Plätze und Ausblicke lohnte es sich, das Fahrrad zu tragen. Der Lüneburger machte viele Fotostopps, bat Touristen, ihn an besonderen Orten zu fotografieren und verfügt deshalb über ein Arsenal von rund 1.800 Bildern.

Thorsten Hohage hatte wegen des Gewichts nur ein Minimum an Kochutensilien mit, ernährte sich von mitgebrachter Trekkingnahrung oder ging essen. Zum Frühstück gab es Porridge vom Minikocher mit Kaffee, unterwegs kaufte er regionale Leckereien wie Bergkäse, französische Salami oder frisches Brot. An Wasser kam er überall, an eine Dusche selten. Und mangels Wechselkleidung musste er jeden Tag waschen. Nach so langer Zeit der gedanklichen Alpentour-Planung hat Thorsten Hohage gemischte Gefühle, wenn er an die Tour zurückdenkt. So trübte das Bergabschieben seine erste Woche, und auch das Gefühl, nach mehreren Stunden des Bergauffahrens oben anzukommen, hatte er sich erhebender vorgestellt. Dafür stellte er unterwegs zufrieden fest, dass seine Fitness durchaus reichte. „Ich bin nie vollkommen kaputt angekommen“, erzählt er. „Aber ich brauchte auch mal einen Ruhetag.“ Vor der Tour hatte er sich oft gefragt, ob und wie er die Alpenquerung durchstehen würde. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es läuft.“ Auch sein Rad machte keine Probleme. Und als er das erste Mal das Mittelmeer sah, hatte er doch ein wenig Tränen in den Augen. Nach seiner fast dreiwöchigen Alpentour ist es für Thorsten Hohage undenkbar, nicht schon die nächste Radreise zu planen. „Portugal wäre die nächste Idee, der Via Algarviana im Winter, oder das isländische Hochland, oder vielleicht Südamerika“, so der 50-Jährige. (JVE)