DER MIT DEN STÖRCHEN FIEBERT

HEINZ GEORG DÜLLBERG IST ALS STORCHENBERTEUER IM LANDKREIS LÜNEBURG UNTERWEGS

Der Storch

genießt in Deutschland hohes Ansehen. Man sagt, er bringe die Babys, und als Fabeltier gilt Adebar als gelehrt. Auch in der storchenreichen Region an der Elbe ist die Freude meist groß, wenn sich ein Storchenpaar ansiedelt. Einer, der im Landkreis Lüneburg die Störche und ihre Belange genau im Blick hat, ist Heinz Georg Düllberg. Seit gut zehn Jahren ist der Lüneburger als Storchenbetreuer im Landkreis Lüneburg unterwegs.

Wer wie Heinz Georg Düllberg die Störche so genau und engmaschig mit dem Spektiv und Fernglas beobachtet, kann mit einigen vorherrschenden Vorstellungen über den Vogel aufräumen. Die lebenslange Treue zum Partner, die man dem Storch unterstellt, ist zum Beispiel nicht die Regel, so die Erfahrung des Storchenbetreuers. Und auch die landläufige Meinung, der männliche Storch komme schon zwei Wochen vor dem Weibchen aus dem Winterquartier zurück, stimmt nicht. Zwar traut sich auch der 64-Jährige nicht zu, mit bloßem Auge Männchen und Weibchen zu unterscheiden. Doch bei beringten Störchen weiß er, um welches Tier es sich handelt – wenn er die Ziffer ablesen kann.
Langjährige offizielle Storchenberater im Landkreis Lüneburg – auf der linken Seite der Elbe – sind Hubert und Gundhild Horn aus Bleckede. Vor rund zehn Jahren begann Heinz Georg Düllberg, das Ehepaar bei seiner ehrenamtlichen Arbeit zu unterstützen. Sein Wissen über Störche hat er sich dafür selbst angeeignet. Schon als der Sauerländer 1979 nach dem Studium von Dortmund nach Lüneburg zog, interessierte er sich für die Vogelkunde. Seit 25 Jahren ist der heute 64-Jährige im NABU Lüneburg aktiv, wo er der vogelkundlichen Arbeitsgemeinschaft angehört. Schon während seiner Berufstätigkeit im Stadtplanungsamt verbrachte er seine Freizeit viel mit dem Beobachten der Vogelwelt. Seit er vor zwei Jahren in den Ruhestand ging,
nimmt er sich dafür nun alle Zeit der Welt.

Im Mai wird gebrütet

Das Frühjahr ist eine spannende Zeit zum Störche Beobachten.
Die Erbstorfer Störche, die seit 2004 ihren Horst auf der alten Feuerwehrsirene beziehen, sind für Düllberg bereits alte Bekannte. Das Weißstorchpaar bildet in Sachen Treue eine Ausnahme, denn an ihren Ringen können die Storchenbetreuer ablesen, dass es sich zumindest seit 2006 immer um die beiden gleichen Störche handelt. Die Erbstorfer Störche, denen die Anwohner die Namen „Florian und Florentine“ verpasst haben, sind auch in diesem Jahr wieder recht früh dran. Schon Anfang März haben sich die beiden auf der Sirene häuslich eingerichtet und sind zurzeit fleißig am Brüten, weshalb es für Düllberg und die Anwohner nicht viel zu sehen gibt. Auch die Störche in Artlenburg brüten bereits seit Ende März. „Wann die Störche zurückkommen, hängt davon ab, ob sie West- oder Ostzieher sind“, erklärt Heinz Georg Düllberg. „Da die Ostzieher einen längeren Weg haben, kann man davon ausgehen, dass die früh angekommenen Störche Westzieher sind, die über Spanien zu uns kommen.“ Warum hingegen manche über Westen und andere über Osten ziehen, sei nicht bekannt.

Mindestens 40 Storchennester gibt es im gesamten Landkreis Lüneburg, jedes Jahr kommen neue hinzu. Die Zahl der Brutpaare hat in den vergangenen Jahren zugenommen: 37 Brutpaare gab es 2014 im gesamten Kreis, 69
flügge Jungstörche kamen durch. Wer extra einen Mast aufstellen lässt in der Hoffnung, ein „eigenes“ Storchenpaar könnte sich auf dem eigenen Grundstück niederlassen, dem gibt Düllberg zu bedenken: „Nester sind für Störche nicht das Problem, die könnten sie sich sogar selber bauen. Aber die Anzahl der Störche lässt sich dadurch nicht erhöhen. Es fehlt einfach an Nahrung.“
Im Kampf um die Nahrung würden sich Störche auch gegenseitig vertreiben.
Die Fleischfresser bevorzugen feuchtes Grünland, am besten in Ufernähe, während Raps- und Maisflächen für sie nicht von Interesse sind – eine Erklärung, warum sich die meisten Störche im Landkreis in Elbnähe ansiedeln.

Alle Daten werden gesammelt

Für Heinz Georg Düllberg gehört es von März bis September zum Alltag, im Landkreis von Nest zu Nest zu fahren, um zu überprüfen, welches von einem Storchenpaar besetzt ist. Wenn er dann noch Glück hat und die Beringung
an den Beinen weder verschmutzt noch abgedeckt ist, kann er zusätzlich ablesen, um welche Tiere es sich handelt. Jeder beringte Vogel ist bei der zuständigen Vogelwarte registriert, an die die Storchenbetreuer wiederum ihre Beobachtungen weitergeben. Zur Dokumentation montiert Düllberg eine kleine Digitalkamera an sein Spektiv und macht Beweisfotos. Durch die ständige Dokumentation der Beobachtungen – auch im Ausland – lässt sich viel über das Leben und das Zugverhalten der Störche herausfinden.
Beobachten lässt sich das Führen einer „monogamen Saisonehe“ genauso wie die Tatsache, dass die Paare im Winter nicht zusammen bleiben und dass auch Jungstörche einer Brut in verschiedene Richtungen ziehen.

Während der Brutzeit, die gut 30 Tage dauert, ist das Ablesen der Beringung zwecklos, da die Störche die gesamte Zeit im Nest sitzen. Dann gibt es auch für Heinz Georg Düllberg nicht viel zu sehen, und er konzentriert sich auf andere Nester. Spannend zu beobachten findet er, wie sich die Vögel ihre Nester aussuchen und einrichten, und auch später, wenn erst einmal Küken da sind, kann er mit dem Spektiv einiges beobachten. Dass überhaupt Küken geschlüpft sind, kann er am Verhalten der Altstörche ablesen, von denen einer regelmäßig Nahrung für die Jungen heranschafft. Neun Wochen nach dem Schlüpfen werden die Jungstörche flügge, und je nach Witterungsbedingungen kommen zwei bis drei Junge durch.

Nicht alle kommen durch

Die Storchenpaare in der Region sind jetzt komplett, so dass spätestens ab Mai alle brüten müssten. Anfang des Monats erwartet Düllberg schon die ersten Küken in Artlenburg, dann wird er mal am Nest vorbeischauen. Für den 64-Jährigen ist es jedes Jahr aufs Neue spannend zu sehen, wenn die Jungstörche Flugübungen machen und mitzufiebern, wenn sie flügge werden. Doch selbst, wenn die Jungstörche den Weg in die Selbstständigkeit schaffen, lauern viele Gefahren auf sie. „Die Sterblichkeit ist bei Störchen recht hoch“, weiß Düllberg. Ein Grund mehr, warum er sich freut, wenn ihm bekannte Störche wieder in die Region Lüneburg zurückkehren.

Viele Störche verenden während ihres Zugs. Immer wieder kommt es zu Kollisionen mit Autos, Lastwagen oder gar Windrädern, und auch an Oberleitungen bleiben sie bei der Nahrungssuche hängen. Eine weitere Todesursache sind Vergiftungen durch Pflanzenschutzmittel – zumindest im Ausland wird beispielsweise weiterhin DDT eingesetzt.

Auch wenn die Witterungsverhältnisse manchmal schwer für die Vögel sind – es darf nicht zu feucht, aber auch nicht zu trocken sein – greifen Düllberg und die anderen Storchenbetreuer nicht in die Natur ein. Deshalb sind sie auch gegen eine Zufütterung bei Nahrungsmangel. „Wir wollen den Tieren keine heile Welt vorgaukeln“, erklärt Heinz Georg Düllberg. „Außerdem zeigen Störche kein Zugverhalten mehr, wenn sie dauerhaft gefüttert werden.“ Hilfe geben die Storchenbetreuer hingegen bei Verletzungen. Verletzte Störche, denen man noch helfen kann, kommen in die Storchen-Pflegestation Leiferde bei Gifhorn. Ein Beinbruch gleicht jedoch bei den Vögeln einem Todesurteil.

Ende August, Anfang September ziehen die meisten Störche wieder los in Richtung Süden. Ihre Jungen sind dann flügge, und sie sind nicht mehr an ihr Nest gebunden. Sind die letzten Störche im Landkreis flügge, werden die Daten des Jahres ausgewertet. Dann kann auch Heinz Gerg Düllberg sich wieder auf andere Dinge konzentrieren. Zum Glück gibt es dann in der Region nordische Gastvögel wie Gänse und Schwäne zu beobachten. (JVE)