Der lange Weg ins Cockpit

Karsten holm sattelt vom Polizisten zum Verkehrspiloten um

Schon als Kind wollte Karsten Holm Pilot werden. Doch dieser Traum war lange unerreichbar. Erst nach 15 Berufsjahren als Polizist sattelte er um und lernte das Fliegen von der Pike auf. Heute ist er Verkehrspilot bei der deutschen Airline Germania.

Viele Kinder wollen Feuerwehrmann werden oder Lokführer, bei Karsten Holm war der Berufswunsch immer Pilot. „Diesen Beruf haben für mich immer besondere Leute ausgeübt“, erzählt er. Doch als der gebürtige Hamburger die Realschule abschloss, war ihm die Ausbildung zum Piloten verwehrt. „Damals gab es in Deutschland nur die Lufthansa, und bei denen braucht man Abitur“, erklärt der 49-Jährige. Der junge Mann machte eine Ausbildung zum Polizisten. „Aber das Fliegen hat mich immer interessiert.“ Ende der neunziger Jahre erwarb Karsten Holm eine Privatpilotenlizenz. Er war im Hanseatischen Fliegerclub Hamburg und kaufte sich eine eigene Cessna. „Da war es erstmal nur ein Hobby“, erklärt er. Zu dieser Zeit konnte er sich noch nicht vorstellen, jemals als Verkehrspilot Passagiere durch die Welt zu fliegen. Dass er diesen Weg doch noch einschlug, ist einer Wette mit Freunden zu verdanken, wer es schaffen würde, Verkehrspilot zu werden. Denn sie hatten erfahren, dass ein Lufthansa-Tochterunternehmen erstmals auch Piloten anstellt, die über einen Realschulabschluss und eine abgeschlossene Ausbildung verfügen. Der Plan lautete also: Flugscheine machen und sich bei der Lufthansa bewerben.

Lizenzen im Fernstudium

Karsten Holm setzte die „Schnapsidee“ in die Tat um und absolvierte in Eigeninitiative neben der Arbeit ein Fernstudium. So erwarb er nach und nach eine Berufspilotenlizenz, Instrumentenflugberechtigung sowie eine Verkehrsflugzeugführerlizenz. Zweieinhalb Jahre belegte er einen Kurs nach dem anderen, erwarb dazu Musterberechtigungen für verschiedene Flugzeugmodelle. Das Fernstudium umfasste Theorie in 18 Fächern, hinzu kamen praktische Flugstunden bei der Flugschule in Hamburg. Die Ausbildung zum Piloten, die in Deutschland keine klassische anerkannte Berufsausbildung ist, muss man komplett selbst bezahlen. Deshalb ist es nichts Ungewöhnliches, dass ausgebildete Piloten in den ersten Berufsjahren ihre für die Ausbildung aufgenommenen Kredite abzahlen müssen. Dennoch ist es nicht gesagt, dass man eine Anstellung findet. Auch für Karsten Holm und seine Wettkollegen ging der Plan nicht auf. Zwar erwarben außer ihm noch andere alle nötigen Flugscheine – doch bei der Lufthansa genommen wurde keiner. Doch Karsten Holm wollte nicht aufgeben. „Jetzt wollte ich auch wissen, wofür ich das alles gemacht habe“, erinnert sich der 49-Jährige. „Die Ursprungsidee ist ja, für das Hobby irgendwann bezahlt zu werden.“ Noch als Polizist begann er, sich um freiberufliche fliegerische und selbstständige Tätigkeiten zu bewerben. Zwar bekam er diese bei kleinen Fluggesellschaften, doch immer wieder erlebte Karsten Holm, dass diese pleite gingen. Immerhin stieg er schnell vom Copiloten zum Kapitän auf und konnte sich schneller verwirklichen als in großen Betrieben.

Jahrelange Selbstständigkeit

Heute lebt Karsten Holm in Barum (Samtgemeinde Bardowick) und ist als Pilot in Hamburg stationiert, doch in seinen ersten Jahren war er auch in Mönchengladbach und Saarbrücken, Singapur und Wien stationiert. Bei einem seiner Jobs lernte er auch seine jetzige Frau kennen, die für die Familie ihren Job als Flugbegleiterin aufgab. Als für die neue deutsche Fluggesellschaft Flynext Personal gesucht wurde, ergriff auch Karsten Holm seine Chance. Durch seine zahlreichen Lizenzen, auch als Trainer und Sicherheitsbeauftragter, ist er bei Fluggesellschaften gern gesehen, da er nicht nur im Cockpit von Nutzen ist. Holm hatte sich über die Jahre durch eine Mehrgleisigkeit über Wasser halten können, indem er als Selbstständiger neben dem Fliegen auch ausbildete. Doch die Selbstständigkeit war für ihn als inzwischen zweifachen Familienvater eine zu unsichere Sache. „Durch die Pleiten der Fluggesellschaften hatte ich keine Lust mehr auf Selbstständigkeit“, erzählt er. Die deutsche Fluggesellschaft Germania übernahm schließlich die Piloten von Flynext. Hier ist Karsten Holm seit sechs Jahren tätig. Für den Piloten ein Glücksfall: „Germania ist die erste solide Fluggesellschaft, bei der ich arbeite.“ Die Airline mit Hauptsitz in Berlin existiert seit gut 30 Jahren und fliegt mit einer Flotte von knapp 30 Flugzeugen aus ganz Deutschland zu Zielen im Mittelmeerraum, auf den Kanaren und Balearen, Nord-, Ost- und Südosteuropa sowie im Nahen Osten. Jetzt hat Karsten Holm das Gefühl, in seinem Beruf richtig angekommen zu sein. Der Flugkapitän fliegt von Hamburg aus, außerdem prüft er weltweit Piloten, trainiert sie auf dem Flugsimulator und bildet das Cockpitpersonal von Germania aus.

Sozialleben bleibt auf der Strecke

Durch seine Qualifizierungen war Holm in den kleinen Betrieben schnell weiter gekommen. „Ich war oft zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.“ Dennoch würde der 49-Jährige den Weg zum Verkehrspiloten heute nicht noch einmal einschlagen. „Es ist ein knallharter Job.“ Vor allem das Sozialleben bleibt bei dem Beruf auf der Strecke. „Ich bekomme den Dienstplan Ende des Monats für den Folgemonat und kann wegen des Schichtdienstes private Aktivitäten schlechter planen. Meine sozialen Kontakte haben daher abgenommen“, erzählt der Kapitän. Zwar kann er sich freie Tage und Urlaub wünschen, doch Unternehmungen wie Laternelaufen mit den Kindern oder ein Grillen mit den Nachbarn kann er nur spontan zu- oder absagen. Und Planänderungen sind möglich: Wenn er Bereitschaftsdienst hat, kann es passieren, dass er auf Zuruf innerhalb von anderthalb Stunden am Flughafen in Hamburg sein muss. Karsten Holms Familie muss seinen Job mittragen, denn Aktivitäten am Wochenende gibt es kaum. „Wenn andere einen Sonntagsspaziergang machen, fliege ich einmal nach Hurghada und zurück.“ So sei seine Frau viel mit den Töchtern allein, „deshalb bin ich meiner Frau sehr dankbar, und ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen.“

Kontrollen haben zugenommen

Zwar fliegt er zu den tollsten Zielen in Südeuropa und dem Nahen Osten. Doch wer sich ausmalt, als Flugkapitän sehe man zwangsläufig viel von der Welt, liegt falsch. „Meist hat man nur eine Dreiviertelstunde bis Stunde Aufenthalt und fliegt dann zurück. Aber es kann natürlich auch vorkommen, das man an einem Ziel mal übernachten muss, und ich bekomme eine Ahnung vom Urlaubsgefühl vor Ort“, so Holm. Körperliche Fitness ist für den Pilotenberuf unabdingbar. Einmal jährlich müssen Holm und seine Kollegen zur fliegerärztlichen Untersuchung. Seit dem durch den Copiloten verursachten Germanwings-Unglück gibt es zusätzlich verdachtsunabhängige Kontrollen auf Alkohol und Drogen. Der Ruf nach mehr Sicherheit in der Luftfahrt erschwert Karsten Holm zunehmend den Alltag. „Anschläge und der Terrorismus haben alles verändert. Ich werde zum Teil strenger überprüft als die Fluggäste“, meint er. Als Ausbilder müsse er regelmäßig seine charakterliche Eignung nachweisen. „Das ist anstrengend, aber wichtig.“ Für Karsten Holm ist der mystifizierte Beruf des Piloten ein Beruf wie jeder andere auch. „Ich komme aus einer Handwerkerfamilie. Da wird noch richtig hart gearbeitet. Ich habe einen ganz normalen Beruf“, meint er. Auch Notfälle wie Triebwerksausfälle oder Feuer gehören für Karsten Holm zur Routine, denn dafür wird dreimal im Jahr trainiert. Einen Flugkapitän bringt so schnell nichts mehr aus der Ruhe. „Wir werden sehr intensiv geschult, und auch die Flugzeuge werden täglich gewartet. Und ganz ehrlich, die Autofahrt zum Flughafen ist gefährlicher als das Fliegen.“ Nach Feierabend will der Flugkapitän von der Fliegerei nichts mehr wissen. Seine Cessna verkaufte er vor Jahren, um Startkapital für die Pilotenausbildung zu haben. „Wenn ich die Flugzeugtür schließe, freue ich mich auf meine Familie“. Seit er Pilot ist, sind ihm sein Privatleben und die wenige Freizeit heilig. Wenn er frei hat, werkelt er gerne im Garten. Und in den Urlaub fährt er lieber an die Ostsee, als in ein Flugzeug zu steigen. (JVE)