Der Exot unter den Lehrern

Michael Haustein ist Anstaltslehrer in der JVA Uelzen

Sich in Strafgefangenschaft zu befinden, ist kein Zuckerschlecken. Gut, wenn man die Zeit positiv nutzt, um sich fort- und weiterzubilden. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Uelzen bereiten sich jedes Jahr erwachsene Männer im Kombinierten Haupt- und Realschullehrgang darauf vor, einen Schulabschluss nachzuholen. Als Bildungsbeauftragter der JVA betreut Anstaltslehrer Michael Haustein (64) die Schüler der Haftanstalt.

Die JVA Uelzen wurde 1987 eröffnet, seit dem 25. Mai 1987, also seit genau 30 Jahren, arbeitet Michael Haustein hier. Er wurde noch schnell eingestellt, bevor es ab Juni ’87 einen Einstellungsstopp für Lehrer geben sollte. Seine Stelle nennt sich „Oberlehrer im Justizvollzug“, faktisch hat er viel mehr Aufgaben inne. Michael Hausteins Lehrerkarriere verlief alles andere als geradlinig. Vielleicht ist er auch deshalb besonders geeignet für seinen Job im Gefängnis. Der gebürtige Hesse zog in seiner Kindheit und Jugend oft um und absolvierte 1974 sein Abitur in Nordhorn. In Göttingen studierte er für das Grund- und Hauptschullehramt, seine Fächer waren Mathe und Physik. Die Rahmenbedingungen waren nicht leicht: Mit 21 Jahren wurde er Vater, die Beziehung mit der Mutter seines Sohnes ging jedoch in die Brüche. Als Haustein 1980 mit dem Referendariat fertig war, gab es Lehrer im Überfluss. Eine Anstellung fand er nicht. Dennoch scheute er die Arbeit nicht: Michael Haustein ließ sich in der Textilindustrie anstellen, später als Pflegekraft in der Psychiatrie sowie als Hilfsschlosser. Schließlich entschloss er sich noch für eine zweijährige Umschulung zum Tischler.

Keine Vorbehalte gegen Schüler

„Meine Tischlerausbildung war letztendlich der Türöffner für meine heutige Arbeit“, erzählt Michael Haustein. Denn während seiner Zeit an der Berufsschule traf er einen Inhaftierten, der ihm von Lehrern im Vollzug berichtete. An diesen Arbeitsplatz hatte Haustein noch nicht gedacht. Nach der Umschulung und einem Jahr als Tischlergeselle bewarb er sich schließlich gezielt als Oberlehrer im Strafvollzug. Damit schlug Haustein den Weg ein, den nur wenige Lehrer wählen. Kinder hatte der heute 64-Jährige nur in seinem Referendariat unterrichtet, ab 1987 begann er, erwachsene Strafgefangene von durchschnittlich 30 Jahren zu unterrichten. Sollte er zunächst in der JVA Hannover beginnen, wurde er spontan für die frisch eröffnete JVA Uelzen eingeplant. Michael Haustein musste dafür seine frisch angetraute Frau Regina überzeugen, mit ihm aus Göttingen wegzuziehen. „Die Anstellung war für mich ein super Angebot, es war quasi mein erster richtiger Job“, betont Haustein, der inzwischen seit fast 30 Jahren in Natendorf (Landkreis Uelzen) wohnt und einen weiteren Sohn hat. Mit dem Beruf des Anstaltslehrers fand Haustein die Arbeit, die er sich vorgestellt hatte. „Ich habe schon im Referendariat gemerkt, wie schwierig es ist, Kinder zu unterrichten. Erwachsenenbildung ist eher mein Ding“, erklärt er. Dass es sich bei seinen Schülern um Strafgefangene handelt, stellte für ihn nie ein Problem dar. „Als Lehrer im Vollzug darf man keine Vorbehalte haben“, meint er. „Man muss die Schüler als Schüler sehen. Ich nehme sie ganz normal als lernwillige Erwachsene.“ Seine Berufs- und Lebenserfahrung ist für ihn dabei von Vorteil, zumal Justizvollzugsanstalten diese Stellen nicht mit jungen Berufsanfängern besetzen.

Für Schule von der Arbeit befreit

Welches Verbrechen ein Schüler begangen hat, spielte im Klassenraum für Haustein nie eine Rolle. Doch auch nicht jeder ist dafür geeignet, im Gefängnis zur Schule zu gehen. Wer in der JVA nicht arbeiten, sondern einen Schulabschluss nachholen möchte, wird auf Herz und Nieren geprüft, ob er sich für die Schule eignet. „Die Gefangenen sind zur Arbeit verpflichtet, können aber für schulische oder Bildungsmaßnahmen befreit werden. Aber ich kann nicht einfach einen Schüler in meinen Kurs aufnehmen, da sind tausend Leute beteiligt“, erklärt Michael Haustein. Außerdem müsse die Strafzeit passen. Die Kombinierten Haupt- und Realschullehrgänge, die die JVA Uelzen in Kooperation mit der Kreisvolkshochschule (KVHS) Uelzen anbietet, beginnen im September und dauern zehn Monate. In diesem Crashkurs wird Stoff vermittelt, der in der Schule in zwei bis drei Jahren gelehrt wird. Deshalb ist er eine Vollzeitmaßnahme, Hausaufgaben inklusive. Die zweite feste Lehrerstelle in der Anstalt hat neben Michael Haustein der Lehrer und Lehrgangsleiter Jörg Kramer inne, der zurzeit krankheitsbedingt ausfällt. Den Unterricht übernehmen zudem externe Lehrer der KVHS. Ein weiteres, in der Haftanstalt gefragtes Bildungsangebot sind die so genannten Förderkurse, in denen Semi-Alphabeten Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen mit dem Ziel, später an einem weiterführenden Lehrgang teilnehmen zu können. Auch Kurse wie Integration durch Sprache und Einführung in die EDV gibt es in der JVA. Bis 2004 unterrichtete Michael Haustein in der JVA Uelzen in den Fächern Mathe und Physik, seitdem ist er hauptamtlich Bildungsbeauftragter des Gefängnisses, außerdem ist er Personalratsvorsitzender. „Ich bin jetzt zu 30 bis 40 Prozent Lehrer. Ansonsten muss ich sehen, dass die Dinge laufen. Ich bin ein Bindeglied zwischen den Lehrkräften, den Bildungsträgern und der JVA“, erklärt er. Auch für die beruflichen Maßnahmen hinter Gittern ist Haustein zuständig, zum Beispiel in der von ihm initiierten Übungswerkstatt Garten- und Landschaftsbau oder Einzelmaßnahmen. Hinzu kommen jede Menge Verwaltungs- und Dokumentationsarbeit.

Vollzug war Rettungsoase

Michael Haustein sieht es positiv, in seinem Beruf Inhaftierten zu besserer schulischer und beruflicher Bildung verhelfen zu können. „Der Vollzug war meine Rettungsoase“, meint er schmunzelnd. In der Regel erlebt er die Schüler und Auszubildenden im Gefängnis als motiviert – wer dem Unterricht zu häufig fernbleibt, wird von der Schule ausgeschlossen und muss stattdessen in der Haftanstalt einer Arbeit nachgehen. Haustein nimmt die „gemeinsame pädagogische Verantwortung“, die Lehrkräfte und Bildungsträger übernehmen, sehr ernst und ist erfreut über jeden Schüler, der innerhalb der Gefängnismauern seinen Schulabschluss schafft. „Es ist wichtig, den Inhaftierten Möglichkeiten zu bieten“, meint er. „Jeder hat hier ein Recht auf Bildung.“ Er ist zuversichtlich, dass mindestens sieben Schüler ihren Schulabschluss im Juni schaffen werden. Auch wenn Michael Haustein jeden Schüler in der JVA höchstens ein Jahr in seiner Obhut hat, entsteht schnell ein enges Vertrauensverhältnis, denn anders als in einer normalen Schule gibt es kaum alternative Bezugspersonen. „Anstaltslehrer ist alles in einer Person – vom Direktor bis Hausmeister“, so Haustein. „Man ist hier fast schon Papa und Ansprechpartner für alles.“ Immer wieder sind ihm in den vergangenen Jahren Schüler ans Herz gewachsen – Intelligente und Humorvolle, Bemühte und Bildungshungrige. Ihm ist bewusst, dass einigen Männern vor ihrer Inhaftierung das Leben übel mitgespielt hat, und so muss man die angebotenen Bildungsmaßnahmen im Gefängnis als Chance sehen. Was seine ehemaligen Schüler nach ihrer Entlassung in der Freiheit daraus machen, erfährt er zu seinem Bedauern allerdings nicht. „Wenn sie entlassen sind, gibt es keine Nachanalyse, so dass wir letztendlich gar nicht wissen, wie wirksam unsere Maßnahmen sind“, meint Haustein. Eine Betreuung sei draußen aber weiterhin vonnöten, was hin und wieder durch die Bildungsträger gewährleistet sei. Michael Hausteins Arbeit in der JVA ist vielschichtig und kräftezehrend. „Man muss für die Arbeit das richtige Naturell haben. Aber draußen haben es Lehrer auch nicht leicht“, meint er. Für ihn und seine Lehrerkollegen gebe es immerhin den Vorteil, dass die Schüler nicht durch ihre Handys abgelenkt seien, höchstwahrscheinlich keine spitzen Gegenstände oder Waffen dabei hätten oder gar unter Drogen- oder Alkoholeinfluss ständen. „Im Grunde ist es hier sicherer als draußen“, fügt er hinzu.

Schule als Abwechslung

In all seinen Berufsjahren hat Michael Haustein noch keinerlei Handgreiflichkeiten oder brenzlige Situationen im Zusammenhang mit der Schule erlebt. „Es gibt hier eine soziale Sicherheit. Die Schüler wissen, was sie zu verlieren haben“, erklärt er. „Deshalb denke ich auch, die anderen Schüler hätten mir geholfen, wenn mir mal jemand an die Gurgel gegangen wäre.“ Unruhen gebe es hingegen eher im Arbeitsbereich der Haftanstalt. „Aber es ist ja nicht jeder Gefangene aggressiv“, fügt der 64-Jährige hinzu. Für die meisten Inhaftierten ist die Schule eine willkommene Abwechslung. Der Unterricht läuft ruhig ab, auf Sprachniveau ist alles erlaubt, körperliche Gewalt ist verboten. Und sollte es doch einmal zu Ausschreitungen kommen, hat jeder Mitarbeiter ein Personennotrufgerät (PNG) dabei, bei dem ein Knopfdruck genügt, um Hilfe zu alarmieren. (JVE)

  • Am Samstag, 10. Juni bietet die Justizvollzugsanstalt Uelzen beim Tag der Öffentlichkeit jedem die Möglichkeit, das Gefängnis und seine verschiedenen Bereiche zu besichtigen und Wissenswertes zu erfahren.