Reportage

Wird schon schiefgehen

Über die Kraft der Gedanken und warum Schwarzeher manchmal sogar glücklicher sind…

Ohne Zweifel: Was wir denken, beeinflusst mehr, als uns bewusst ist. Kreisen unsere Gedanken etwa unentwegt um den Job und die Angst, diesen zu verlieren, verursachen sie schon mal Stress, der sich nüchtern betrachtet vielleicht in Luft auflöst. Längst wissen Forscher, dass Menschen sich selbst reichlich Druck machen können. Im Kopf. Allein mit der Kraft des Geistes kann der Mensch den Pegel des Stresshormons Cortisol steigen lassen, was nachweislich auch krank machen kann. Doch das Gehirn ist keine Einbahnstraße. Ebenso gut ermöglicht es, mental zu entspannen. Die positive Kraft der Gedanken lässt Schmerzen abflauen und Kurzatmige tiefere Lungenzüge nehmen. Sie kann sogar Krankheiten lindern: Gezieltes Geistestraining hilft Epileptikern, einem Anfall zu entrinnen und beruhigt hyperaktive Kinder.

Wer will nicht glücklicher sein?

Selbsternannte Glücks-Coaches füllen massenhaft Bücher mit Tipps und Ratschlägen zum positiven Denken. Und natürlich kauft man die gern: Wer will nicht erfolgreicher, glücklicher und attraktiver sein? Was die sonnigen Gemüter nicht sagen, weil sie es entweder mangels Fachwissens gar nicht beurteilen können oder einfach unterschlagen: Ein antrainierter, nicht „natürlicher“ Optimismus bewirkt meist nur, den Blick für die Realtität zu verschleiern. Und das kann eher schaden als nutzen. Denn natürlich ist es nicht so, dass sich alle Probleme allein durch die Kraft positiver Gedanken in Luft auflösen. Keine beruflichen Existenzsorgen mehr, kein Corona – nur durch Gedankenkraft. Ziemlicher Quatsch! Das Gegenteil kann sogar manchmal richtig sein. Schwarzseher scheinen zwar nicht in die heutige Spaßgesellschaft zu passen – doch raten viele Psychologen, ruhig auch einmal negative Gedanken zuzulassen. Natürlich nur in Maßen. Nicht immer das Schlimmste annehmen, aber auch nicht darauf vertrauen, dass schon alles von allein gut wird. Das ist der Königsweg.

Oberflächliches „Heiti-teiti“ schadet oft nur

Das Konzept des defensiven Pessimismus, der unter anderem von der Psychologin Julie Norem geprägt wurde, ist ein Versuch, sowohl notorischen Schwarzsehern, aber auch ewigen Optimisten diesen Königsweg näherzubringen. Defensiver Pessimismus bedeutet nichts Anderes, als die Realität so zu sehen, wie sie ist. Kein permanentes „Heititeiti“, aber auch nicht dauerhaft zu Tode betrübt sein. Darum geht’s. „Wenn Leute etwa große Angst vor einem Vorstellungsgespräch haben, dann kann es manchmal hilfreich für sie sein, sich vorzustellen, was alles schiefgehen kann“, erklärt Norem das Konzept. Das soll Betroffene nicht zum Verzweifeln bringen, sondern dazu ermuntern, Gegenmaßnahmen zu ergreifen und sich so sicherer zu fühlen. Wichtig ist dabei:

eine gesunde Balance zwischen positiven und negativen Gedanken zu finden und auch in schlimmen Krisen nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Erst so entsteht letztlich ein Gespür dafür, was wirklich bedeutend ist im Leben – und das erleichtert wiederum den positiven Blick aufs Leben.

 

Auch wenn Optimisten oft mit sich selbst deutlich zufriedener sind und auch ein höheres Wohlbefinden an den Tag legen als Menschen, für die das Glas nicht stets mindestens halbvoll ist, heißt das nicht, dass Pessimisten kein Glück empfinden können. Im Gegenteil. Sie sind oft hochsensibel, können Glücksgefühle darum teilweise sogar deutlich intensiver erleben. Dennoch brauchen sie die Kraft der Gedanken noch deutlich mehr, weil sie öfter mit sich und der Welt hadern. „Entscheidend ist doch eigentlich nur, stets das Beste aus einer Situation beziehungsweise aus seinem Leben zu machen“, sagt Sozialpsychologe Oliver Lauen. „Die Kraft der Gedanken kann dabei durchaus helfen!“ (RT)

 

Train the Brain – 3 Tipps für mehr Gelassenheit und gesunden Optimismus im Alltag:

Den Blickwinkel auf eine Situation zu ändern, nennen Psychologen „Reframing“. Dabei setzen wir einen Sachverhalt in einen anderen Rahmen, also „frame“. Die Zeit spielt dabei eine wichtige Rolle, sorgt für Abstand und bietet die Möglichkeit, die eigenen negativen Gedanken (angeblich sind nur drei Prozent unserer täglichen 60.000 Gedanken positiv) einem Realitäts-Check zu unterziehen. Stress, Ärger und Grübelei entspringen auch aus der Art, wie wir eine Situation bewerten beziehungsweise, wie wir mit ihr umgehen – und daran kann jeder arbeiten. Ist etwas Negatives passiert, sollte man nach vorne schauen und nicht lamentieren. Es zieht einen nur noch weiter in die Negativspirale. Fragen Sie sich stattdessen: Was ist das Gute an dieser Situation? Was kann ich aus dieser Situation lernen? Wo könnte mein Mehrwert darin sein?

Gedanken schaffen Bilder im Kopf. Bilder wiederum erzeugen Emotionen. Ob bewusst oder unbewusst – wir haben uns angewöhnt, uns zum Beispiel ständig mit anderen zu vergleichen: Der ist reicher, schlanker, gesünder und erfolgreicher als ich. Solche Gedanken bringen einen nicht weiter, sondern verstärken nur Minderwertigkeitskomplexe, die jeder von uns ohnehin mit sich herumschleppt. Soziale Unterstützung kann helfen, damit besser klarzukommen. Die negativen Emotionen zum Beispiel mit besten Freunden zu teilen, sorgt für Erleichterung. Ein anderer Tipp: Setzen Sie auf Resilienz! Jeder hat im Leben bereits Veränderungen aller Art hinter sich gebracht. Wir sind somit viel resilienter, als wir manchmal glauben. Erinnern Sie sich in besonders schwarzen Momenten an konkrete Situationen, die Sie bereits bewältigt haben. Das stärkt das Vertrauen in sich und die Zukunft.

Liebe ohne Maß, Hassen ohne Grund

Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung führen ein Leben wie eine unkontrollierbare Achterbahnfahrt

Borderliner“ leiden unter häufigen, -extremen Stimmungsschwankun-gen, ihr Verhalten scheint häufig irrational und unüberlegt, vielfach verletzen sie sich auch selbst. Doch Betroffenen kann geholfen werden – die Behandlung sollte möglichst früh beginnen. „Ich schneide mein Leben in Stücke. Dies ist mein letzter Ausweg…“. Der Gedanke, sich freiwillig Schmerz zuzufügen, schreckt viele Menschen ab und erzeugt oftmals Unverständnis. Es scheint ein Paradoxon, dass durch die Hilfe selbst zugefügter körperlicher Schmerzen der seelische Schmerz gelindert wird. Doch genauso ist es für viele Betroffene. Sie spüren sich erst, wenn sie sich selbst weh tun. In Film, Musik und Literatur wird die Thematik „Selbstverletzendes Verhalten“ und Borderline (aus dem Englischen: „Grenzlinie“) immer wieder aufgegriffen. Das obige Zitat aus dem Song „Last Resort“ der US-amerikanischen Band Papa Roach steht nur stellvertretend für eine Vielzahl künstlerischer Darstellungen. Warum dieses Thema so präsent ist in der Kunst, mag auch daran liegen, dass viele Künstler selbst unter der Borderline-Krankheit leiden oder gelitten haben sollen. Prof. Dr. Borwin Bandelow, Psychologe und Angstforscher an der Uni Göttingen, befasste sich unter anderem genau mit dieser Frage. Er untersuchte die Persönlichkeitsmuster von Stars, die zum berühmt-berüchtigten „Club 27“ gehören, also mit 27 Jahren starben. „Sie weisen viele Gemeinsamkeiten auf, verletzten sich selbst, waren teilweise sehr aggressiv, hatten Essstörungen, nahmen viele Drogen auf einmal, hatten zahlreiche On-Off-Beziehungen und einen Mangel an Selbstkritik.“

Phänomen der Neuzeit

Borderline-Störungen werden heutzutage vor allem bei jungen Erwachsenen inzwischen so häufig diagnostiziert, dass die Diagnose eine Modediagnose und die Störung selbst ein Phänomen der Neuzeit zu sein scheint. Dem ist aber nicht so: Die Borderline-Störung ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung und erste Beschreibungen des Krankheitsbildes traten bereits Ende des 17. Jahrhundert auf. Diese gehen auf den englischen Arzt Thomas Sydenham zurück, der über seine Patienten schrieb: „Sie lieben diejenigen ohne Maß, die sie ohne Grund hassen werden.“ Innerhalb der Gesamtbevölkerung Deutschlands leiden nach jüngsten Erhebungen zirka zwei bis fünf Prozent an einer Borderline-Störung. Darüber hinaus sind etwa zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung von Borderline-Symptomen betroffen. Was sie mehr oder weniger eint, ist, dass ihre Identität nicht abgeschlossen ist und sie Probleme haben, ihr Selbst wahrzunehmen. Ihr Verhalten und ihr Erscheinungsbild sind von Erwartungen beziehungsweise sozialen Kontakten in ihrer Umgebung abhängig. Dies äußert sich in oftmals dramatischen Umschwüngen ihres Fühlens, Denkens und Empfindens. Gleichzeitig benötigen „Borderliner“ eigentlich von Kindesbeinen an überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit – inklusive ambulanter und stationärer Maßnahmen in Spezialkliniken.

Neue Jugendlichen-station in Lüneburg öffnet im Januar

Im Januar 2021 eröffnet die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) der Psychiatrischen Klinik Lüneburg (PKL) eine neue Jugendlichenstation mit DBT-A-Schwerpunkt. Das Angebot richtet sich an Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren mit Emotionsregulationsstörungen, bei denen ambulante Maßnahmen nicht mehr ausreichen. Die Störung der Emotionsregulation – Verhaltens weisen, Strategien und Fähigkeiten, die dazu dienen, mit Gefühlen adäquat umzugehen und sich nicht davon überwältigen zu lassen – gilt unter anderem auch als Kernproblem der Borderline-Persönlichkeitsstörung. „Unser neues Behandlungsangebot orientiert sich am sogenannten DBT-A-Konzept auf Grundlage der Dialektisch-Behavioralen Therapie für Jugendliche nach Marsha M. Linehan“, erklärt Oberärztin Dr. med. Juliane Klein. „Diese Therapieform wurde in den USA für Jugendliche mit beispielsweise selbstverletzendem Verhalten, Depression und einer erhöhten Risikobereitschaft sowie Beziehungsproblemen entwickelt.“

Lebensqualität zurückgewinnen

Die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Jugendliche mit Problemen der Gefühlsregulation setzt dort an, wo diese Verhaltensweisen für die weitere Persönlichkeitsentwicklung gefährlich werden und beim jungen Menschen oder seinem Umfeld Leid entsteht. Ziel der Behandlung ist es, den Patienten und seinen Bezugspersonen „Skills“ beziehungsweise Fähigkeiten beizubringen, um mit heftigen Gefühlen und Situationen besser umgehen zu können. Das in der Regel zwölfwöchige Programm in der neuen Lüneburger Klinik soll den jungen Patienten helfen, Lebensqualität zurückzugewinnen und ihren Alltag besser bewältigen zu können. „Die Therapie hat sich bewährt, zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass sie wirksam ist“, so Dr. Klein. Die Therapie kann von Jugendlichen aus dem gesamten Einzugsgebiet der KJPP in Anspruch genommen werden, das sind die Landkreise Lüneburg, Harburg, Stade, Soltau, Uelzen und Lüchow-Dannenberg. Tipp: Ab Januar 2021 besteht – sobald es die Pandemie-Beschränkungen zulassen – an jedem dritten Donnerstag eines Monats die Möglichkeit, die Station zu besichtigen. Weitere Informationen auch unter www.pk.lueneburg.de.

Das Wesen der Störung

Indizien für eine mögliche Borderline-Störung, deren Wesen impulsives und damit verbunden oftmals selbstschädigendes Verhalten ist, gibt es viele. Beispiele sind wiederholt unüberlegte Vertragsabschlüsse oder Geldausgaben, welche zur Verschuldung führen und somit die weitere Lebensplanung beeinflussen. Einige Betroffene nehmen illegale, stoffgebundene Drogen oder greifen immer wieder zu Alkohol, um eine gefühlte unerträgliche innere Leere zu füllen. Andere „kämpfen“ mit Fressanfällen, Hungern oder benutzen regelmäßig Abführmittel. Dann gibt es Personen, die versuchen, durch risikoreiches Fahrverhalten ihre innere Anspannung zu lösen. Überdies kann sexuelles Verhalten zur Selbstschädigung führen, durch einen häufigen Wechsel der Sexualpartner oder rücksichtslose Sexualpraktiken. (RT)

Das Geschäft mit dem Mitgefühl

Sinnvoll spenden – aber richtig!

 

In diesem Jahr ist vieles anders. Doch einiges bleibt trotz Pandemie, wie es immer war: In der Weihnachtszeit wird besonders viel gespendet – und diese Hilfsbereitschaft oft auch schamlos ausgenutzt…

Spenden ist was Feines. Man hilft anderen – und ein wenig immer auch sich selbst. Vor allem im Dezember sitzt das Geld vieler Menschen besonders locker, daran wird laut Deutschem Spendenrat auch Corona nicht viel ändern. Zum Glück ist das so, denn die Not ist vielfach groß. Und ohne Spenden würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren. Spenden – das ist zweifelos inzwischen aber auch ein gigantisches Geschäft mit dem Mitgefühl geworden. Nun ist es mit dem Mitleid jedoch oft wie mit der Liebe, die ja bekanntlich blind machen kann. Manchmal erkennt man erst viel zu spät, dass man viel zu leichtgläubig gewesen ist.

Teilhaben am „großen Spendenkuchen“ 

Deutschland zählt um die 600.000 Vereine und rund 22.000 rechtsfähige Stiftungen. Sie alle profitieren von der Bereitschaft, das eigene Säckel zu öffnen: Für Flüchtlinge, Notleidende in Krisengebieten, bedürftige Kinder, für kulturelle Anliegen oder für Tier- oder Umweltschutz werden per Post, via Internet und mit der Sammelbüchse in der Hand wohltätige Gaben gesammelt. Die meisten Spenden sammelnden Vereine und Organisationen leisten herausragende Arbeit und gehen sorgsam mit den ihnen anvertrauten Geldern um. Aber natürlich gibt es auch Betrüger. Und die kriechen vor allem jetzt in den Wochen vor Weihnachten aus ihren Rattenlöchern, um teil zu haben am „großen Spendenkuchen“. Sie sind wie ein Virus, das einfach nicht auszumerzen ist. Auch die Lüneburger Polizei rät aktuell bereits wieder zur zur Vorsicht: Längst nicht jede Organisation, die verspricht, mit Euro und Cent Gutes zu bewirken, ist so seriös, wie sie sich gibt. Auch eine eigene Homepage ist nicht unbedingt ein Garant für größere Vertrauenswürdigkeit des Spendensuchenden. Wichtig ist es, hinter die Kulissen zu blicken und zu prüfen, ob beispielsweise im Impressum ein Ansprechpartner sowie eine ordentliche Adresse genannt sind. Wer Zweifel hegt, sollte um Informationen – Satzung, Jahresbericht, Prospekte – bitten und gucken, was andere Quellen im Netz über die jeweilige Organisation und ihre Aktivitäten äußern. Das gilt auch für die zahlreichen über soziale Medien – etwa per Facebook – verbreiteten Spendenaufrufe. Dort tummeln sich etliche Organisationen, Vereine, aber auch Shops oder einzelne Personen, die vorgeben, sich für eine wohltätige Aktion zu engagieren.

Transparente Einblicke in die Spendenverwertung

Mit Zurückhaltung sollte man reagieren, wenn die Werbepost – statt Daten und Fakten zu liefern – allein auf Gefühle abzielt. Unseriöse Organisationen kann man daran erkennen, dass man keinerlei Zeit zum Nachdenken bekommt. Das Werbematerial ist oft stark gefühlsbetont (notleidende Kinder mit traurigen Augen, gequälte Tiere) und appelliert ans schlechte Gewissen. Glaubwürdiger sind klare, aussagekräftige Informationen und authentische Fotos mit einem erkennbaren Bezug zum Spendenzweck und transparente Einblicke in die Spendenverwertung. Obskure Spenden-Organisationen setzen auch gerne auf eine möglichst direkte Konfrontation, um Spender in Verlegenheit zu bringen. Besondere Obacht ist geboten, wenn man lästige Telefonanrufe erhält oder ein Spendensammler an der Haustür klingelt. Vorsicht auch bei Fördermitgliedschaften: Dabei bindet sich der Spender oft lange. Und ein Großteil des Geldes deckt häufig Ausgaben für Werbung und Verwaltung.

Wer wieviel spendet

Das ermittelte Spendenvolumen lag 2019 bei 5,1 Milliarden Euro. Es ist das fünftbeste Jahr seit Beginn der Erhebung vor 15 Jahren. Den höchsten Anteil am gesamten Spendenvolumen hat mit 75,3 Prozent die humanitäre Hilfe. Innerhalb der humanitären Hilfe sind es die Not- und Katastrophenhilfe und die Geldspenden für Kinder- und Jugendhilfe sowie für Hilfe gegen Krankheit/Behinderung, die prozentual wachsen. Vor allem die Generation 70+ trägt weiterhin deutlich zum Spendenaufkommen bei. Knapp 50 Prozent der Personen in dieser Altersgruppe sind „aktive Spender“: Im Durchschnitt spenden sie 344 Euro pro Jahr. In der Altersgruppe 60 bis 69 spenden ein Drittel (33 Prozent). Sie spenden pro Jahr im Durchschnitt 230 Euro. Der Dezember bringt im Durchschnitt 18 Prozent des jährlichen Spendenaufkommens. (Quelle: spendenrat.de) (RT)

Auflistung aller Mitglieder des Deutschen Spendenrates e.V., in alphabetischer Reihenfolge unter: www.spendenrat.de/mitglieder/mitgliederliste/

Sprechverbot statt freies Denken?

Was heutzutage noch politisch korrekt ist – und was (angeblich) nicht

Wenn Sprachpolizisten jeglicher Coleur „political correctness“ anwenden, wird schnell auch mal übers Ziel hinaus geschossen …Ein stinknormales Restaurant in Berlin. Klein, gemütlich, geschmackvoll eingerichtet. Eines der Restaurants, wie es sie so auch in vielen anderen Städten gibt – von Hamburg über Frankfurt, München oder auch Lüneburg. Nur der Name „Zum Mohrenkopf“ fällt aus dem Rahmen. Betreiber der Location ist der aus Nigeria stammende Andrew Onuegbu. Er weigert sich seit Längerem, sein Lokal umzubennen. „Ich brauche keine Weißen, die mir sagen, wann meine Gefühle verletzt sind.“

„Warum arbeiten Sie bei einem Nazi?“

In der ARD-Sendung „Hart aber Fair“ erzählte der Gastronom eine Anekdote von zwei aufgebrachten Gästen, einem Mann und einer Frau. „Warum arbeiten Sie bei einem Nazi?“ habe ihn der Mann gefragt, seine Frau habe ergänzt: „Wir wollen gar nicht mit Ihnen reden, holen Sie Ihren faschistischen Chef!“ Nachdem sie erfahren hätten, dass Onuegbu selbst Inhaber des Restaurants ist, habe das Pärchen dennoch darauf beharrt: „Der Name muss verschwinden! Das darf man in Deutschland gar nicht mehr verwenden! Das ist rassistisch!“ Daraufhin habe Onuegbu erwidert: „Das, was Sie gerade hier gemacht haben, ist Rassismus. Denn Sie haben nicht geglaubt, dass ein schwarzer Mann der Inhaber sein kann …“ Vermutlich wird der Streit um den Restaurant-Namen weitergehen und der Druck auf Restaurant-Chef Onuegbo noch zunehmen, sagt Sprachforscher Heiner Rebens aus Hamburg. „Denn die Leute, die aus einer Art Hypermoral heraus handeln und jeden, der nicht so denkt wie sie, ganz schnell vorverurteilen, haben einen langen Atem.“

Schnell in der Schmuddel-Ecke

Tatsächlich geht es ganz fix – und schon steht man in der Schmuddel-Ecke. Wer die Corona-Schutzmaßnahmen nur marginal in Frage stellt, ist für viele schon ein Verschwörungstheoretiker. Wer das Europa von heute und vor allem dessen Politiker kritisiert, gilt mindestens als Revanchist. Auch wer das Auto nicht als Hauptübel des Klimawandels sieht, findet kaum Fürsprecher. „Solche Menschen haben einfach kein Verantwortungsgefühl“, heißt das Totschlagargument. Wenigstens darf man das Christentum noch ablehnen. Am Islam ist dagegen jede Kritik verboten. Das wäre fremdenfeindlich …

Obwohl unsere Verfassung eigentlich jedem Bürger garantiert, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei äußern zu dürfen – auch eine irrige Meinung übrigens – beherrschen immer mehr Sprech- und Denkverbote die öffentlichen Debatten. Das funktioniert meist ohne jeden staatlichen Zwang, schließlich heißt es im Artikel 5, Absatz III des Grundgesetzes ja auch ausdrücklich: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Doch die Schere im Kopf arbeitet bei vielen ohnehin von allein – aus Angst vor Ausgrenzung und beruflichen Konsequenzen. Philosoph Richard David Precht, Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg sorgt sich: „Wenn abweichende Meinungen nicht mehr geäußert werden, weil ihre Vertreter sofort als unmoralisch gegeißelt werden, versiegt bald jede Diskussion.“

Pippis Vater jetzt ein „Südseekönig“

Auch Bücher sind längst nicht vor Verboten gefeit, immer häufiger werden Textänderungen gefordert. Allerdings ist das kein ganz neues Phänomen, besonders wenn es um Werke für Kinder geht. Bei „Pippi Langstrumpf“ etwa lässt Astrid Lindgren Pippi gleich im ersten Kapitel sagen: „Meine Mama ist ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig. Es gibt wahrhaftig nicht viele Kinder, die so feine Eltern haben!“ Lindgren selbst fand die Aufregung um den „Negerkönig“ immer übertrieben und sah auch keinen Grund, an ihrem Buch irgendetwas zu ändern. Erst sieben Jahre nach ihrem Tod gab der Verlag den Briefen „besorgter“ Eltern nach und änderte den Begriff ab: Seit 2009 sind die Bewohner von Taka-Tuka-Land keine „Neger“ mehr, sondern „Eingeborene“. Und Pippis Vater ist nicht mehr der „Negerkönig“, sondern ein „Südseekönig“. Wer sich selbst nicht in Schwulitäten bringen will, sollte sich an den neuen Zeitgeist wohl möglichst schnell gewöhnen, zum Beispiel in Anwesenheit Dritter nicht mehr länger von Zwergen sondern von „Kleinwüchsigen“ sprechen, Ausländer in Zukunft als „Menschen mit Migrationshintergrund“ betiteln, anstelle von Eskimos den Begriff „Inuiten“ verwenden, statt eines Negerkusses den genau so süßen „Schokokuss“ genießen und bei männlich/weiblich noch ein „divers“ anhängen. Sich im Restaurant ein „Zigeuerschnitzel“ zu bestellen, kommt übrigens auch nicht mehr gut an. Denn das wurde inzwischen in ein schnödes „Schnitzel mit Paprikasoße“ umgetauft. Nachsatz: Bevor sich Vertreter und Vertreterinnen der „political correctness“ aufregen – Schwulität hat nichts mit Homosexualität zu tun. Das im 18. Jahrhundert entstandene Wort ist eine scherzhafte Bildung aus „schwül“, also „drückend heiß“ oder auch „beklemmend“, im übertragenen Sinne auch „bang“ – weil einem vor Angst vor der Sprachpolizei auch heiß werden kann … (RT)

Angezüchtetes Leid

Viele Hunde werden zu chronisch kranken Krüppeln herangezüchtet und leiden ihr Leben lang

Atemprobleme, Bandscheibenvorfälle, schlimmste Hüftgelenks- und Kniegelenksprobleme, Herzprobleme, Kulleraugen, die fast schon aus den Höhlen fallen: Der Mensch hat durch gezielte Zucht laut dem größten kynologischen Weltdachverband (www.fci.be) inzwischen über 390 verschiedene Rassen „geschaffen“. Darunter leider auch viele, deren einziger Zweck es zu sein scheint, Mode- oder Statussymbol zu sein. Warum muten wir das den Tieren zu? Sind die Teacup-Hündchen, die von abgehobenen Social- Media-Sternchen wie Paris Hilton und Co. mehr als Mode-Accessoire präsentiert werden denn als Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen, wirklich so putzig? Oder sollte man sie nicht besser bemitleiden?

Ausstellung von Qualzuchten wird verboten

Mit einer Neuregelung der Tierschutz-Hundeverordnung will nun Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner für eine artgerechtere Haltung und Züchtung von Hunden sorgen. Verboten werden soll zum Beispiel. die Ausstellung von Hunden, die Merkmale von so genannter Qualzucht aufweisen, also zuchtbedingt unter Schmerzen und gesundheitlichen Problemen leiden. Tierschützer und Tierärzte haben schon vor Jahren härtere Maßnahmen gegen die Qualzucht gefordert. Doch bisher nicht mit großem Erfolg, beklagt man auch beim Tierschutzverein Lüneburg: „Wir brauchen einfach viel härtere Strafen!“ Das Problem: Es fehlt nach wie vor an klaren Kriterien, um Qualzucht objektiv feststellen zu können. Und für Kontrolle und Nachweis fehlt den Veterinärämtern häufig ganz einfach die Zeit. Obwohl man es beim Blick auf manchen traurigen Vierbeiner nicht mehr so recht glauben mag: Jeder heutige Haushund ist nachweislich auf den domestizierten Wolf zurückzuführen. 15.000 Jahre Domestizierung haben das Bild des Wolfes jedoch stark verändert und uns eine Rassenvielfalt vom Zwergdackel bis zum Bernhardiner geschenkt. Bei allen diesen Hunden beziehungsweise. Hunderassen liegt Schönheit im Auge des Betrachters, und Modetrends sind veränderlich. So kommt es etwa, dass ein Hund auf einem alten Gemälde oder Foto zwar noch als Vertreter der heutigen Rasse gilt, aber sich drastisch vom heutigen Idealbild seiner Rasse unterscheidet. Eklatantes Beispiel für Qualzucht, bei der Züchter Schmerzen, Mutationen und Verhaltensstörungen von Tieren wissentlich in Kauf nehmen, sind Nackthunde. Die haarlos gezüchteten Tiere haben eine Immunschwäche, Gebissfehlstellungen, frieren schnell und bekommen rasch einen Sonnenbrand. Aber auch Schäferhunde, französische und englische Bulldoggen und vor allem der so beliebte Mops müssen leiden.

Die Hölle für die Tiere

Schaut man sich etwa eine Illustration von 1927 in Brehms Tierleben an, hat der Mops einen langen Kopf und eine noch sichtbare Schnauze – heute leidet fast jeder Mops unter extremer Atemnot, weil die Nasen plattgezüchtet sind. Nicht selten müssen sie für viel Geld operiert werden, sonst würden sie elendig krepieren, weil sie einfach keine Luft mehr bekommen. Vor allem heiße Sommer sind die Hölle für die Tiere. Sie können sich nicht abkühlen – weil die Nase einfach viel zu kurz ist. Denn bei Tieren mit gekürzter Nase, auch brachyzephal genannt, lassen die feinen Lamellen der Nasenmuscheln kaum noch Luft durchströmen. Eine Umfrage unter Besitzern von Hunden mit Brachyzephalie ergab, dass über die Hälfte der Hunde Atemprobleme beim Schlafen haben und unter Erstickungsanfällen leiden – 24 Prozent der Tiere versuchen daher, im Sitzen zu schlafen. 77 Prozent haben Probleme beim Fressen, gut die Hälfte erbrechen sich mehr als einmal am Tag, und jeder dritte Hund ist schon einmal aufgrund von Atemnot umgefallen. In der Sendung Panorama – Die Reporter im NDR wird der Hamburger Tierarzt Rolf Deckena zitiert, der täglich Hunde mit Dauerleiden in seiner Praxis behandelt: „Die sind so weit weg von der Natur des Hundes, dass die jeden Tag einen Preis dafür zahlen, dass sie so aussehen. Die können nicht laufen, die können nicht fressen, die können nicht schlucken, die können nicht schlafen, die können nicht gucken.“ Andere Länder sind rigoroser im Kampf gegen das Qualzüchten als Deutschland. Die Niederlande haben die Zucht von kurznasigen Hunden aller Rassen, einschließlich der Mischlinge, grundsätzlich verboten, soweit deren Nasenlänge nicht mindestens ein Drittel der Kopflänge beträgt. Für die Rasse Mops bedeutet dies, dass mit Möpsen nur gezüchtet werden darf, wenn die Nasenlänge mindestens ein Drittel der Kopflänge beträgt. Liegt die Nasenlänge unter einem Drittel, steht die Züchtung unter Strafe.

Warum geht das nicht hier?

Qualzucht ist keineswegs nur auf Hunde beschränkt. Jeder, der sich ein Tier zulegen will, kann jedoch etwas gegen das Leid tun, zum Beispiel nur von seriösen Züchterinnen und Züchtern kaufen, die um die Problematik bestimmter Erscheinungsformen wissen und auf exotische Besonderheiten verzichten. (RT)

Waren Sie heute schon glücklich?

Jeder wünscht es sich, doch die wenigsten sagen von sich, es wirklich zu haben: Glück. Dabei ist es häufig nur eine Frage der Wahrnehmung…

eine Frage der Wahrnehmung …

Immer am 20.3. ist Internationaler Tag des Glücks. In diesem Jahr fielen die Feierlichkeiten aus. Das Corona-Virus bestimmte die Nachrichtensendungen und die Stammtische. Wer wollte da noch von Glück reden? Auch ohne Corona haben es die Deutschen angeblich nicht so mit dem Glück. Laut den Ergebnissen einer Studie des SINUS-Instituts in Kooperation mit YouGov sehen sich die Deutschen mehrheitlich mehr als Pechvögel: So denkt über die Hälfte (56 %) nicht, dass sie viel Glück in ihrem bisherigen Leben hatte. 40 % würden wichtige Lebensentscheidungen heute anders fällen. Glück – so das vorherrschende Gefühl bei vielen – haben doch meist die anderen und dann auch noch ‘die falschen’ … Doch was ist eigentlich Glück?

Glück ist keine Glückssache

Vor 900 Jahren wurde mit dem mittelhochdeutschen Wort „Gelücke“ (Macht des Schicksals) das gute Ende eines Ereignisses benannt. Heute ist Glück laut Duden eine angenehme und freudige Gemütsverfassung, ein Zustand innerer Befriedigung und Hochstimmung. Fragt man bei den Menschen genauer nach, ist der am häufigsten genannte Schlüssel zum Glück Gesundheit. Mit deutlichem Abstand folgen eine gute Partnerschaft, eine intakte Familie, ausreichend Geld und ein schönes Zuhause. Geringe Relevanz für das Glücklichsein haben hingegen meist ein erfülltes Sexualleben, eine intakte Umwelt und Schönheit beziehungsweise gutes Aussehen. Ihr Glück nehmen die Deutschen dabei am liebsten selbst in die Hand: „Jeder ist seines Glückes Schmied“… So gesehen ist jeder natürlich auch für das Ausbleiben von Glück selbst verantwortlich, was so natürlich auch nicht stimmt.

„Don’t Worry, Be Happy“?

Ob die Folgen der Pandemie, die alltägliche Kriminalität auf den Straßen, die Gefahren von Krieg oder Klimaschäden – wohin man auch blicken und was man auch näher betrachten mag: Verglichen mit dem Rest der Welt leben wir Deutschen auf einer Insel der Glückseligkeit. Dennoch gibt es für jeden Einzelnen auch genug Gründe, nicht den ganzen Tag über „Don’t Worry, Be Happy“ zu flöten. Denn das würde ignorieren, wie persönliche Schicksalsschläge oder Krankheit jedem Einzelnen zusetzen können. Das ist genau der Punkt. Glück schaut nicht über den Tellerrand. Wer arm ist, den macht man nicht glücklicher mit den Worten

Woanders auf dem Globus sind die Menschen noch deutlich ärmer. Wer Kriminalität erfahren hat, den beruhigt man kaum damit, dass die Kriminalitätsstatitik hierzulande rückläufige Zahlen aufweist, und wer schwer krank ist, benötigt eventuell Trost, aber nicht Fakten über das ach so tolle Gesundheitssystem. Glück hat sehr viel mit einem selbst zu tun. Und: Es gibt keine Glücksformel, die für alle Gültigkeit hat.  

Mehr Realismus macht zufriedener

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Wir wachsen nun mal in verschiedenen Familien, Gesellschaften und Kulturen auf, haben unterschiedliche Charaktere und machen eigene Erfahrungen, die uns prägen. So sind die Menschen eben nicht gleich, auch das Glücksempfinden ist unterschiedlich. Jahrelang hieß es, dass positives Denken glücklicher macht. Eine Studie aus Großbritannien sagt jetzt: Im Gegenteil – nicht mehr, sondern weniger Optimismus kann uns glücklicher machen. Denn Menschen mit einer realistischen, rationalen Sicht auf die Dinge, treffen die besseren Entscheidungen für ihr Leben, würden nicht so leicht enttäuscht – und sind auch darum langfristig glücklicher. Gerade in Zeiten der Pandemie kann das helfen. Vieles, was uns im Leben Freude bereitet, ist aktuell gestört, macht einfach weniger Spaß. Doch das gilt es durchzustehen. Langfris-tig könne gerade die Corona-Krise sogar zu positiven Veränderungen führen, machen Psychologen Hoffnung. „Wir bekommen ein ganz neues Gefühl dafür, was wirklich wichtig ist im Leben und lernen dadurch wieder mehr, Dinge zu schätzen“, meint der Hamburger Lifecoach Markus Braun. Sein Tipp: Man solle sich ganz bewusst darauf konzentrieren, was gut läuft – anstatt sich von negativen Botschaften übermannen zu lassen. Das erzeuge zwar nicht das Gefühl von absoluter Zufriedenheit, aber das reine Glück sei ohnehin nur eine sehr flüchtige Erfahrung … (RT)

Sexueller Missbrauch

Wenn Kinder die Täter sind…

In Deutschland werden jeden Tag durchschnittlich 43 Kinder Opfer von sexueller Gewalt. Erschreckend: Immer öfter sind Kinder auch Täter. Lügde, Bergisch Gladbach, Münster: monströse Fälle von massenhaftem Kindesmissbrauch, über die jetzt in den Medien rauf und runter berichtet wird. Hier sind die Täter bekannt, es sind Erwachsene, die, nachdem man sie überführt hat, hart bestraft gehören. Die Politik denkt – getrieben von einer fassungslosen Öffentlichkeit – bereits über Gesetzesverschärfungen nach. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul, in dessen Bundesland die schrecklichen Taten geschehen konnten: „Kindesmissbrauch kann nicht bestraft werden wie Ladendiebstahl, es ist Mord. Nicht körperlich, aber seelisch.“

Grenze des Erträglichen

Doch was im Zuge der aktuellen Ermittlungen, die selbst erfahrene Kriminalbeamte an die Grenzen des menschlich Erträglichen bringen, dabei oft untergeht: Der sexuelle Missbrauch an Kindern in seiner grausamsten Form ist – glücklicherweise – immer noch die Ausnahme. Alltäglich dagegen ist der sexuelle Missbrauch „im Kleinen“. Und der hat eine Besonderheit: Immer häufiger sind die Täter minderjährig. In einer Umfrage erklärten über 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahren, bereits Opfer von sexuellen Übergriffen von Gleichaltrigen geworden zu sein. Diese sexuellen Übergriffe sind laut „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ sehr unterschiedlich in ihrer Intensität, reichen von einmaligen oder weniger intensiven Übergriffen, wie dem Herunterziehen der Turnhose im Sportunterricht, bis hin zu intensiven Übergriffen, wenn beispielsweise ein Mädchen oder Junge gezwungen wird, den Penis eines Jungen zu lecken. Manche sexuellen Übergriffe erinnern in ihrer strategischen Ausführung sehr an Taten von erwachsenen Tätern beziehungsweise Täterinnen. Den Tausch von kinderpornografischen Videos über Messenger-Dienste wie Whatsapp unter Jugendlichen bezeichnete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) kürzlich bereits als ein „Massenphänomen“. Am 12. Mai berichtete die FAZ von einem 14-jährigen Jungen, der auf Instagram ein kinderpornografisches Video hochlud. Bei der Durchsuchung der Polizei erklärte er: „Das machen doch alle“. Weitere Fälle aus den vergangenen Wochen ließen aufhorchen: In München sollen drei 12- bis 13-jährige Jungs auf einem Schulhof ein gerade elf Jahre altes Mädchen dazu gezwungen haben, ihnen ihr Geschlechtsteil zu zeigen. In Berlin forderte eine Bande von Minderjährigen zwei 14-jährige Mädchen zu gegenseitigen Zungenküssen auf und filmte das. Man könnte noch viele Beispiele nennen, es ist ein bundesweites Phänomen. Keine Region ist frei davon.

Täter und Täterinnen

Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat die sexuelle Gewalt gegen Kinder 2019 um neun Prozent auf 15.936 (2018: 14.606) Fälle zugenommen. Außerdem ermittelte die Polizei im vergangenen Jahr in 12.262 Fällen (2018: 7449) wegen kinderpornografischer Delikte. Das entspricht einem Anstieg um fast 65 Prozent. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren stetig angestiegen, im Vergleich zu 2016 haben sie sich mehr als verdoppelt. Immerhin zirka ein Fünftel der registrierten Tatverdächtigen sind dabei Jugendliche. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Auffällig: Taten von Kindern und Jugendliche gegen andere Kinder werden noch weniger angezeigt als die Taten, die von Erwachsenen begangen werden.

Erhebliches Risiko

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig warnte nach Veröffentlichung der letzten Kriminalstatistik im Januar, es bestehe „ein erhebliches Risiko“ für sexuelle Übergriffe durch andere Kinder und Jugendliche. So genanntes sexuell übergriffiges Verhalten von Jugendlichen kann verschiedene Ursachen haben – eigene Gewalterfahrungen als Kind oder Jugendlicher können eine Rolle spielen. Der Wunsch, Macht auszuüben sowie Defizite bei der Einhaltung von Grenzen können dem Verhalten zugrunde liegen. Manche Kinder und Jugendliche wurden unangemessen mit erwachsener Sexualität in der Familie oder durch pornografisches Material konfrontiert. Einige der übergriffigen Mädchen und vor allem Jungen versuchen, eigene Gefühle von Ohnmacht oder Hilflosigkeit zu kompensieren.

Mögliche Kindeswohlgefährdung

Bei sehr jungen Kindern ist manchmal noch die fehlende Kontrolle von Impulsen ursächlich.Massive sexuelle Übergriffe von Jugendlichen und Kindern, die wiederholt stattfinden und die sich nicht durch pädagogische Maßnahmen allein stoppen lassen, können ein Indiz auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung des übergriffigen Kindes oder Jugendlichen sein. Pädagogische Fachkräfte sind in diesen Fällen verpflichtet, sich entsprechend Paragraph 8a Sozialgesetzbuch (SGB) VIII fachliche Unterstützung zu holen, auch andere Berufsgruppen, die in beruflichem Kontakt mit Kindern und Jugendlichen stehen, haben einen Anspruch auf diese Unterstützung. Das Problem: Jugendämter sind oft so lausig besetzt, dass ein Sozialarbeiter in den schlimmsten Fällen mehr als 100 Familien betreuen muss. Das kann nicht funktionieren. Welche Spuren sexuelle Gewalt bei Kindern hinterlässt, hängt von vielen Faktoren ab, heißt es vom Kinderschutzbund Lüneburg. Die Folgen sind dabei umso schwerer, je intensiver die Tat war, je häufiger sie geschehen ist, je länger das Opfer mit der Erfahrung allein bleibt, ohne Hilfe zu finden, je mehr an seiner Glaubwürdigkeit gezweifelt wird und je weniger Trost und Zuwendung es erhält. Umgekehrt bedeutet das, dass frühe Hilfe und zugewandte, einfühlsame Reaktionen der Familie und des sozialen Umfelds (auch der Schule) erhebliche Auswirkungen darauf haben, wie gut ein betroffenes Kind diese Erfahrung verarbeiten kann. (RT)

Hier gibt’s Hilfe und Beratung

Pro Familia Lüneburg, Glockenstraße 1, 21335 Lüneburg Tel. (0 41 31) 3 42 60

Kinder- und Jugendtelefon Tel. 116 111
montags bis samstags 14 bis 20 Uhr sowie neu: montags, mittwochs und donnerstags zusätzlich 10 bis 12 Uhr

Deutscher Kinderschutzbund Orts- und Kreisverband Lüneburg e.V. ,  Soltauer Str. 5a, 21335  Lüneburg, Tel. (0 41 31) 8 28 82

www.trau-dich.de
Diese Website klärt Kinder zwischen 8 und 12 Jahren über ihre Rechte, körperliche Selbstbestimmung und sexuellen Kindesmissbrauch auf.

„Der Feind hört mit!“

Nimmt häusliche Gewalt wegen Corona zu oder doch nicht? Viele Opfer haben offenbar Angst, sich zu melden …

Werden der Lockdown und die Corona-Quarantäne zu mehr häuslicher Gewalt führen? Viele Psychologen, Politiker, aber auch Polizei und der Opferschutzverein „Weisser Ring“ haben zu Beginn der Virus-Beschränkungen einen signifikanten Anstieg prophezeit.

Stressfaktoren steigen – Aggressionen nehmen zu

„Die Corona-Krise zwang und zwingt die Menschen weitgehend, in der Familie zu bleiben, hinzu kommen Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit. Diese Spannung kann sich ganz schnell in Gewalt entladen“, warnte Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des Weissen Rings. Zumindest die Rückmeldungen aus den 550 bundesweiten Jugendämtern scheinen dieses „Horrorszenario“ jedoch nicht zu bestätigen. Noch nicht. „Aus den Ländern bekommen wir derzeit unterschiedliche Rückmeldungen. Es gibt ein Stadt-Land-Gefälle“, sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. In ländlichen Regionen, wo es mehr Möglichkeiten gebe rauszugehen und wo Menschen nicht so sehr auf engem Raum lebten, sei das Konfliktpotenzial nicht so hoch. Auch die Polizei Lüneburg meldet „eine aktuell ruhige Einsatzlage“. Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) will sich zum Thema nur vorsichtig äußern: Bundesweit habe es im März keinen, in den ersten drei Aprilwochen etwa 20 Prozent mehr an Beratungskontakten gegeben. „Ob sich daraus ein stabiler Trend entwickelt, gilt abzuwarten und lässt sich derzeit schwer beurteilen“.

Hohe Dunkelziffer -befürchtet

Gewarnt wird allenthalben vor einer hohen Dunkelziffer. Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza ruft darum dazu auf, in diesen Wochen bei dem Thema „Häusliche Gewalt“ besonders wachsam zu sein. „Wir wissen nicht, was hinter den vielen geschlossenen Türen passiert. Umso wichtiger ist es, dass Nachbarn, Freunde und Verwandte jetzt ganz genau hinsehen und hören, was in ihrer unmittelbaren Nähe passiert“.  Statistisch, also von den Behörden beziehungsweise der Polizei erfasst, wird knapp alle vier Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt in den privaten vier Wänden. Das sind etwa 135.000 Fälle im Jahr. Tatsächlich sollen es aber mehr als eine Million sein. Und Corona könnte da jetzt noch einmal zu einer Verdopplung geführt haben. Verwiesen wird von Experten in diesem Zusammenhang sehr oft auf die Erfahrungen während der Weihnachtsfeiertage. Denn rund um das Fest der Liebe steige die häusliche Gewalt regelmäßig an, da Familien „deutlich mehr Zeit miteinander verbringen als üblich“.

Alarmsysteme beeinträchtigt oder blockiert

Gemeldet würde diese wiederkehrende weihnachtliche Gewalt aber erst sehr viel später, weil die meisten Alarmsysteme und Meldekanäle beeinträchtigt oder ganz blockiert seien – insbesondere für Kinder und Jugendliche: Ihre regelmäßige Begegnung mit und Beobachtung durch Lehrkräfte oder Kita-Personal entfällt. Generell sind zudem unbeobachtete Anrufe für Opfer dann auch seltener als sonst möglich, schließlich „hört der Feind mit…“

Barrieren durchbrechen

Eine ähnliche Situation, nur eben noch strikter, sei auch jetzt gegeben: Behördliche und freie Jugendhilfe seien zwar weiter mit den Familien in Kontakt, die dem Jugendamt bekannt sind, heißt es. Wenn es nun aber auch in anderen Haushalten zu Gewalt komme, stelle sich die Frage, ob wahrheitsgetreue Informationen darüber überhaupt bei der Jugendhilfe und anderen helfenden Institutionen ankommen. Wichtig sei es darum, so schnell wie nur möglich die Barrieren von drinnen nach draußen zu durchbrechen. Damit jeder auch wieder die Hilfe bekommt, die er benötigt. (RT)

Hilfe in der Not

Kinder- und Jugendliche, die Hilfe suchen, können sich an die deutschlandweite, kostenfreie Nummer 116 111 wenden. Für Mütter, Väter oder Großeltern gibt es die 0800 111 0550.

Die Opferhelferinnen und Opferhelfer des Weissen Rings sind täglich von 7 bis 22 Uhr unter der bundesweiten Rufnummer 116 006 erreichbar.

Beratungs- und Interventionsstelle Lüneburg: Tel. (0 41 31) 2 21 60 44

Weitere Informationen: gegen-gewalt-in-der-familie.de; www.opferhilfe.niedersachsen.de.

Zur Sensibilisierung für Taten in der Nachbarschaft hat die Koordinierungsstelle „Häusliche Gewalt“ beim Landespräventionsrat Niedersachsen im Justizministerium gemeinsam mit dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung Flyer und Poster entwickelt. Diese verdeutlichen, dass eine aufmerksame Nachbarschaft die beste Prävention ist. Und sie zeigen auf, was man tun kann, wenn man häusliche Gewalt in der Nachbarschaft bemerkt. Die Papierversion von Flyer und Poster können bei der Geschäftsstelle des Landespräventionsrates Niedersachsen bestellt werden (info@lpr.niedersachsen.de). Digital sind sie unter lpr.niedersachsen.de abrufbar.

„F…Dich, DFB!“

Was die Fussball-Ultras denken und wirklich wollen

Von den Ultras in den Fußballstadien hört man derzeit nichts. Kein Hurensohn-Gegröle, kein Fadenkreuz-Plakat. Wie auch? Ihre Bühne wurde ihnen genommen. Seuchen-Pause in der Bundesliga. Doch wenn wieder angepfiffen wird, und es gibt ganz sicher ein Fußball-Leben nach Corona, kriechen auch die Ultras, die sich als die einzig wahren Fans der Fußball-Klubs verstehen, rund 25.000 an der Zahl, aus ihren Löchern … Über die Ultras hat jeder Fußballfan eine eigene Meinung. Für die einen sind sie Spinner, die Pyros und Hassplakate ins Stadion bringen. Für die anderen sind sie die Einzigen, die auf den Tribünen für Stimmung sorgen und ohne die es keine spektakulären Choreos geben würde. Wie so oft im Leben ist beides richtig. Dass im Fußball der Kommerz überhand genommen hat, wird wohl auch der Nicht-Ultra kaum bestreiten. Dass dagegen protestiert werden kann, vielleicht sogar sollte, bleibt auch die Wahrheit. Und dass Fußball ohne Fans, die bei Wind und Wetter ihren Teams die Treue halten, wie ein Swimmingpool ohne Wasser ist, ebenso. Doch es muss Grenzen des Protestes geben. Und ein Ende der kitschigen Fußball-Romantik, denn die ist wie religiöser Fanatismus. Unbelehrbar.

Hass-Symbol der Ultras

Multimiliardär Dietmar Hopp ist das Hass-Symbol der Ultras, sein Konterfei ist auf den Fadenkreuz-Plakaten zu sehen. Ein Ehrenmann, der eigentlich ein Denkmal verdient hätte, meint Bayern-Präses Rummenigge. Tatsächlich hat der SAP-Mitgründer in der Rhein-Neckar-Region viele Millionen aus seinem Vermögen für soziale Zwecke und den Sport gegeben. Vor allem natürlich für seinen Heimatverein 1899 Hoffenheim, bei dem er in der Nachkriegszeit selbst als Stürmer gekickt hatte. Aus dem einstigen Dorfclub wurde mit den Hopp-Euros ein etablierter Bundesligist und Europapokal-Teilnehmer. Und genau das stößt vielen Ultras übel auf. Zwar gibt es auch Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg. Hinter diesen Klubs stehen aber große Unternehmen, kein einzelner Gönner. An RB Leipzig, den Red-Bull-Konzern und Brause-Tycoon Dietrich Mateschitz war 2008, als die ers-ten Schmähungen gegen Hopp begannen, noch nicht zu denken. Man fragt sich: Sind den Ultras alle die Millionäre und Milliardäre lieber, die ihr Geld für ein Luxus-Lotterleben in Saus und Braus rausschmeißen? So scheint es wohl zu sein.

Solidarisierung nach Kollektivstrafe

In den letzten Wochen nahmen die Fan-Beleidigungen gegen Hopp jedenfalls wieder zu. Aus Dortmunder Sicht hatte das Zeigen eines Hass-Plakats dazu geführt, dass das DFB-Sportgericht Anhänger des BVB für zwei Jahre von Auswärtsspielen bei den Hoffenheimern ausgeschlossen hat. Diese DFB-Entscheidung führte zu einer – bisher einmaligen – Ultra-Solidarisierung. In einer Stellungnahme mit dem Titel „Kollektivstrafen zum „Schutze“ eines Milliardärs – der DFB zeigt erneut sein wahres Gesicht“ heißt es vom Zusammenschluss „Fanszenen Deutschlands“, in dem zahlreiche deutsche Ultra-Gruppen organisiert sind, unter anderem: „Es geht schlichtweg um die Bekämpfung unserer Fankultur und unserer Werte. Die Profiteure des Geschäfts „Fußball“ versuchen mit diesem scheinbar verfänglichen Thema die Fankurven zu spalten, um letztlich die aktiven Fanszenen zu entfernen. Denn diese sind es, die stets den Finger in die Wunde legen und sich für demokratische Vereine, effektive Mitbestimmung im Fußball, für den Erhalt der 50+1-Regel, für bezahlbare Eintrittskarten und fangerechte Anstoßzeiten einsetzen und somit letztlich für das, was uns Fans die Identifikation mit diesem Sport noch halbwegs gelingen lässt.“

Unterzeichnet ist der Brief mit: „Fick dich, DFB!“

Rainer P., HSV-Ultra aus Lüneburg glaubt, dass der Protest gegen Hopp & DFB weiter eskalieren wird: „Noch ist doch alles harmlos, Plakate und so. Es gibt einzelne Gruppen, die wollen aber mehr machen, weil sie glauben, sonst kriegt man einfach keine Aufmerksamkeit. Wenn da keine Seite auf die andere zugeht, endet das schlimm.“

Expertenrat: An einen Tisch setzen

Auch Deutschlands bekanntester Fan-Forscher Harald Lange plädiert dafür, sich an einen Tisch zu setzen: „Der DFB sollte mit Vernunft reagieren und mit Angeboten an die Fan-Szene die Luft aus dem Ganzen rauslassen.“ Dafür dürfe man sich nicht zu stolz sein. Eventuell helfe dabei der Blick in die Vergangenheit: In den achtziger Jahren sei in den Stadien viel mehr los gewesen, Gewalt an jedem Spieltag, und da gab es noch gar keine Ultras. Ansonsten müsse es der Corona-Virus richten: Ob Fußballfunktionär oder Ultra – jeder könne spätestens jetzt erkennen, dass es Wichtigeres gäbe, als 22 Spieler beim Kampf um den Ball …

Übrigens: Eine führende Rolle bei der weltweiten Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus, der die Welt in Atem hält und den Fußballbetrieb und seine Ultras lahmlegt, spielt die Tübinger Biotechfirma CureVac. Einer der größten

MEHR ANGST VOR GRIPPE ALS VOR DEM CORONAVIRUS

Ärzte warnen vor Panikmache

 Menschen hamstern Desinfektionsmittel. Infizierte werden in Quarantäne gesteckt. Die Welt in Angst vor dem neuen Coronavirus. Doch wie groß ist die Gefahr eigentlich wirklich? Die Zahl der Coronafälle in China steigt sprunghaft an. Ärzte hierzulande nehmen die Sache ernst – sehen aber für Deutschland nur sehr überschaubare Gefahren. Auch Dr. med. Sebastian Graefe vom Impfcentrum Lüneburg, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, warnt vor Hysterie: „Die Angst der Leute ist natürlich da, man bekommt schon mehr Anfragen, auch gerade von Reisenden, die wissen wollen, was sie tun sollen und wie sie sich schützen können. Wer nicht reist, sollte wissen: Die Wahrscheinlichkeit, sich hierzulande mit Corona zu infizieren, ist anders als bei der Grippe, die alljährlich mehrere Hunderttausend Menschen trifft, sehr gering. Die Lüneburger müssen also keine Sorge haben.“

Geringe Sterblichkeit

 Auch andere Ärzte bestätigen diese Einschätzung. So Chefarzt Clemens Wendtner von der Klinik für Infektiologie in München-Schwabing, wo die Mehrzahl der bisher mit dem Coronavirus infizierten Deutschen behandelt wird: Die Sterblichkeit werde zwar in China mit zwei bis drei Prozent angegeben, so Wendtner. „Das halten wir nach derzeitigem Erkenntnisstand jedoch für deutlich überschätzt. Wir gehen davon aus, dass die Sterblichkeit deutlich unter einem Prozent liegt, zirka bei 0,2 Prozent. Die Todesfälle liegen damit im Bereich einer typischen Grippepandemie. Mit einer sehr gefährlichen Erkrankung hat das nicht viel zu tun. Ich habe jedenfalls vor einer Grippe deutlich mehr Sorge.“ Tatsächlich sind die Fakten eindeutig: Die Grippewelle 2017/2018 zum Beispiel hat nach Schätzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben gekostet, berichtete vor einigen Monaten das „Ärzteblatt“. Angesichts dieser Zahl sei es erstaunlich, dass sich nicht mehr Menschen gegen Grippe impfen lassen, so Sebastian Graefe. Es wird vermutet, dass das neuartige Coronavirus von einem Fischmarkt in Wuhan kommt, auf dem auch Wildtiere verkauft wurden. Demnach gab es zunächst Übertragungen vom Tier zum Menschen, bevor das Virus sich an seinen neuen Wirt anpasste und es zu Übertragungen zwischen Menschen kam.

Übertragung von Rachen zu Rachen 

Das neue Coronavirus hat seit kurzem auch einen eigenen Namen: SARS-CoV-2. Das weist auf die sehr enge Verwandtschaft zum SARS-Virus SARS-CoV hin, an dem vor 17 Jahren Hunderte Menschen starben. Die Viren sind Experten zufolge Varianten ein und derselben Virusart, übertragen sich wohl von Rachen zu Rachen, wie auch Influenza-Viren.

In Deutschland könne man die Krankheit wirksam bekämpfen, gibt sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bewusst optimistisch. „Wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem, um die Dinge früh einzudämmen.“ Unklar sei aber, ob sich das Virus wie die Influenza weltweit halten könne oder wieder ganz verschwinde. „Die Frage ist: Wird es das Coronavirus schaffen, sich ähnlich wie die Influenza zu etablieren, sodass wir jedes Jahr eine Coronawelle bekommen? Ziel der weltweiten Maßnahmen – auch in Deutschland – ist es, das Virus im Idealfall ganz auszuschalten.“ Komplexer ist es in anderen Regionen der Welt. Zum Beispiel in afrikanischen Staaten, die teilweise enge Kontakte mit China haben. Kommt es da zu einem Ausbruch, könnte das tatsächlich verheerende Folgen haben, meint auch Microsoft-Gründer Bill Gates. Der Multimilliardär und Medizin-Mäzen warnte bei der Konferenz des weltgrößten Wissenschaftsverbands AAAS (American Association for the Advancement of Science) eindringlich: Das neuartige Coronavirus könnte die Welt in eine „sehr schlimme Lage“ bringen. „Es gibt viel, was wir nicht über diese Epidemie wissen, aber es gibt auch viel, was wir wissen, das zeigt, dass sie sehr dramatisch werden könnte – besonders, wenn sie sich in Gegenden wie dem südlichen Afrika oder dem südlichen Asien ausbreitet“, sagte Gates weiter. „Diese Krankheit wird, wenn sie nach Afrika kommt, dramatischer sein als in China – und ich will das, was in China passiert, nicht verharmlosen.“ Bill Gates spendete zur Bekämpfung des Virus und Entwicklung eines Impfstoffs bereits 100 Millionen Dollar. Mit einem Impfstoff wird aber nicht vor Mai oder Juni gerechnet, heißt es dazu aus dem Impfcentrum Lüneburg.

Welche Symptome kann das Virus auslösen?

Die Corona-Symptome sind leicht mit der Influenza oder auch einer Erkältung zu verwechseln: Anfangs könne die Nase laufen, der Patient leide unter Halsweh, später auch Husten und eventuell Fieber. Nicht jeder, der hustet, ist aber gleich verdächtig auf eine Corona-Infektion. Bei unkomplizierten Fällen geht man davon aus, dass die Erkrankung ungefähr zehn Tage bis zwei Wochen dauere. Anders ist es, wenn Komplikationen einträten, etwa eine zusätzliche bakterielle Infektion – oft als Lungenentzündung – aufgrund der Schwächung des Organismus oder eine übersteigerte Immunreaktion, die ebenfalls in einer Lungenentzündung münden könne. Ältere Menschen und Menschen mit bereits bestehenden Erkrankungen (wie Asthma, Diabetes, Herzerkrankungen) scheinen laut WHO für schwere Verläufe anfälliger zu sein. (RT)