Reportage

Sexueller Missbrauch

Wenn Kinder die Täter sind…

In Deutschland werden jeden Tag durchschnittlich 43 Kinder Opfer von sexueller Gewalt. Erschreckend: Immer öfter sind Kinder auch Täter. Lügde, Bergisch Gladbach, Münster: monströse Fälle von massenhaftem Kindesmissbrauch, über die jetzt in den Medien rauf und runter berichtet wird. Hier sind die Täter bekannt, es sind Erwachsene, die, nachdem man sie überführt hat, hart bestraft gehören. Die Politik denkt – getrieben von einer fassungslosen Öffentlichkeit – bereits über Gesetzesverschärfungen nach. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul, in dessen Bundesland die schrecklichen Taten geschehen konnten: „Kindesmissbrauch kann nicht bestraft werden wie Ladendiebstahl, es ist Mord. Nicht körperlich, aber seelisch.“

Grenze des Erträglichen

Doch was im Zuge der aktuellen Ermittlungen, die selbst erfahrene Kriminalbeamte an die Grenzen des menschlich Erträglichen bringen, dabei oft untergeht: Der sexuelle Missbrauch an Kindern in seiner grausamsten Form ist – glücklicherweise – immer noch die Ausnahme. Alltäglich dagegen ist der sexuelle Missbrauch „im Kleinen“. Und der hat eine Besonderheit: Immer häufiger sind die Täter minderjährig. In einer Umfrage erklärten über 30 Prozent aller Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahren, bereits Opfer von sexuellen Übergriffen von Gleichaltrigen geworden zu sein. Diese sexuellen Übergriffe sind laut „Hilfeportal Sexueller Missbrauch“ sehr unterschiedlich in ihrer Intensität, reichen von einmaligen oder weniger intensiven Übergriffen, wie dem Herunterziehen der Turnhose im Sportunterricht, bis hin zu intensiven Übergriffen, wenn beispielsweise ein Mädchen oder Junge gezwungen wird, den Penis eines Jungen zu lecken. Manche sexuellen Übergriffe erinnern in ihrer strategischen Ausführung sehr an Taten von erwachsenen Tätern beziehungsweise Täterinnen. Den Tausch von kinderpornografischen Videos über Messenger-Dienste wie Whatsapp unter Jugendlichen bezeichnete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) kürzlich bereits als ein „Massenphänomen“. Am 12. Mai berichtete die FAZ von einem 14-jährigen Jungen, der auf Instagram ein kinderpornografisches Video hochlud. Bei der Durchsuchung der Polizei erklärte er: „Das machen doch alle“. Weitere Fälle aus den vergangenen Wochen ließen aufhorchen: In München sollen drei 12- bis 13-jährige Jungs auf einem Schulhof ein gerade elf Jahre altes Mädchen dazu gezwungen haben, ihnen ihr Geschlechtsteil zu zeigen. In Berlin forderte eine Bande von Minderjährigen zwei 14-jährige Mädchen zu gegenseitigen Zungenküssen auf und filmte das. Man könnte noch viele Beispiele nennen, es ist ein bundesweites Phänomen. Keine Region ist frei davon.

Täter und Täterinnen

Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat die sexuelle Gewalt gegen Kinder 2019 um neun Prozent auf 15.936 (2018: 14.606) Fälle zugenommen. Außerdem ermittelte die Polizei im vergangenen Jahr in 12.262 Fällen (2018: 7449) wegen kinderpornografischer Delikte. Das entspricht einem Anstieg um fast 65 Prozent. Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren stetig angestiegen, im Vergleich zu 2016 haben sie sich mehr als verdoppelt. Immerhin zirka ein Fünftel der registrierten Tatverdächtigen sind dabei Jugendliche. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Auffällig: Taten von Kindern und Jugendliche gegen andere Kinder werden noch weniger angezeigt als die Taten, die von Erwachsenen begangen werden.

Erhebliches Risiko

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig warnte nach Veröffentlichung der letzten Kriminalstatistik im Januar, es bestehe „ein erhebliches Risiko“ für sexuelle Übergriffe durch andere Kinder und Jugendliche. So genanntes sexuell übergriffiges Verhalten von Jugendlichen kann verschiedene Ursachen haben – eigene Gewalterfahrungen als Kind oder Jugendlicher können eine Rolle spielen. Der Wunsch, Macht auszuüben sowie Defizite bei der Einhaltung von Grenzen können dem Verhalten zugrunde liegen. Manche Kinder und Jugendliche wurden unangemessen mit erwachsener Sexualität in der Familie oder durch pornografisches Material konfrontiert. Einige der übergriffigen Mädchen und vor allem Jungen versuchen, eigene Gefühle von Ohnmacht oder Hilflosigkeit zu kompensieren.

Mögliche Kindeswohlgefährdung

Bei sehr jungen Kindern ist manchmal noch die fehlende Kontrolle von Impulsen ursächlich.Massive sexuelle Übergriffe von Jugendlichen und Kindern, die wiederholt stattfinden und die sich nicht durch pädagogische Maßnahmen allein stoppen lassen, können ein Indiz auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung des übergriffigen Kindes oder Jugendlichen sein. Pädagogische Fachkräfte sind in diesen Fällen verpflichtet, sich entsprechend Paragraph 8a Sozialgesetzbuch (SGB) VIII fachliche Unterstützung zu holen, auch andere Berufsgruppen, die in beruflichem Kontakt mit Kindern und Jugendlichen stehen, haben einen Anspruch auf diese Unterstützung. Das Problem: Jugendämter sind oft so lausig besetzt, dass ein Sozialarbeiter in den schlimmsten Fällen mehr als 100 Familien betreuen muss. Das kann nicht funktionieren. Welche Spuren sexuelle Gewalt bei Kindern hinterlässt, hängt von vielen Faktoren ab, heißt es vom Kinderschutzbund Lüneburg. Die Folgen sind dabei umso schwerer, je intensiver die Tat war, je häufiger sie geschehen ist, je länger das Opfer mit der Erfahrung allein bleibt, ohne Hilfe zu finden, je mehr an seiner Glaubwürdigkeit gezweifelt wird und je weniger Trost und Zuwendung es erhält. Umgekehrt bedeutet das, dass frühe Hilfe und zugewandte, einfühlsame Reaktionen der Familie und des sozialen Umfelds (auch der Schule) erhebliche Auswirkungen darauf haben, wie gut ein betroffenes Kind diese Erfahrung verarbeiten kann. (RT)

Hier gibt’s Hilfe und Beratung

Pro Familia Lüneburg, Glockenstraße 1, 21335 Lüneburg Tel. (0 41 31) 3 42 60

Kinder- und Jugendtelefon Tel. 116 111
montags bis samstags 14 bis 20 Uhr sowie neu: montags, mittwochs und donnerstags zusätzlich 10 bis 12 Uhr

Deutscher Kinderschutzbund Orts- und Kreisverband Lüneburg e.V. ,  Soltauer Str. 5a, 21335  Lüneburg, Tel. (0 41 31) 8 28 82

www.trau-dich.de
Diese Website klärt Kinder zwischen 8 und 12 Jahren über ihre Rechte, körperliche Selbstbestimmung und sexuellen Kindesmissbrauch auf.

„Der Feind hört mit!“

Nimmt häusliche Gewalt wegen Corona zu oder doch nicht? Viele Opfer haben offenbar Angst, sich zu melden …

Werden der Lockdown und die Corona-Quarantäne zu mehr häuslicher Gewalt führen? Viele Psychologen, Politiker, aber auch Polizei und der Opferschutzverein „Weisser Ring“ haben zu Beginn der Virus-Beschränkungen einen signifikanten Anstieg prophezeit.

Stressfaktoren steigen – Aggressionen nehmen zu

„Die Corona-Krise zwang und zwingt die Menschen weitgehend, in der Familie zu bleiben, hinzu kommen Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit. Diese Spannung kann sich ganz schnell in Gewalt entladen“, warnte Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender des Weissen Rings. Zumindest die Rückmeldungen aus den 550 bundesweiten Jugendämtern scheinen dieses „Horrorszenario“ jedoch nicht zu bestätigen. Noch nicht. „Aus den Ländern bekommen wir derzeit unterschiedliche Rückmeldungen. Es gibt ein Stadt-Land-Gefälle“, sagt Bundesfamilienministerin Franziska Giffey. In ländlichen Regionen, wo es mehr Möglichkeiten gebe rauszugehen und wo Menschen nicht so sehr auf engem Raum lebten, sei das Konfliktpotenzial nicht so hoch. Auch die Polizei Lüneburg meldet „eine aktuell ruhige Einsatzlage“. Das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) will sich zum Thema nur vorsichtig äußern: Bundesweit habe es im März keinen, in den ersten drei Aprilwochen etwa 20 Prozent mehr an Beratungskontakten gegeben. „Ob sich daraus ein stabiler Trend entwickelt, gilt abzuwarten und lässt sich derzeit schwer beurteilen“.

Hohe Dunkelziffer -befürchtet

Gewarnt wird allenthalben vor einer hohen Dunkelziffer. Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza ruft darum dazu auf, in diesen Wochen bei dem Thema „Häusliche Gewalt“ besonders wachsam zu sein. „Wir wissen nicht, was hinter den vielen geschlossenen Türen passiert. Umso wichtiger ist es, dass Nachbarn, Freunde und Verwandte jetzt ganz genau hinsehen und hören, was in ihrer unmittelbaren Nähe passiert“.  Statistisch, also von den Behörden beziehungsweise der Polizei erfasst, wird knapp alle vier Minuten ein Mensch Opfer von Gewalt in den privaten vier Wänden. Das sind etwa 135.000 Fälle im Jahr. Tatsächlich sollen es aber mehr als eine Million sein. Und Corona könnte da jetzt noch einmal zu einer Verdopplung geführt haben. Verwiesen wird von Experten in diesem Zusammenhang sehr oft auf die Erfahrungen während der Weihnachtsfeiertage. Denn rund um das Fest der Liebe steige die häusliche Gewalt regelmäßig an, da Familien „deutlich mehr Zeit miteinander verbringen als üblich“.

Alarmsysteme beeinträchtigt oder blockiert

Gemeldet würde diese wiederkehrende weihnachtliche Gewalt aber erst sehr viel später, weil die meisten Alarmsysteme und Meldekanäle beeinträchtigt oder ganz blockiert seien – insbesondere für Kinder und Jugendliche: Ihre regelmäßige Begegnung mit und Beobachtung durch Lehrkräfte oder Kita-Personal entfällt. Generell sind zudem unbeobachtete Anrufe für Opfer dann auch seltener als sonst möglich, schließlich „hört der Feind mit…“

Barrieren durchbrechen

Eine ähnliche Situation, nur eben noch strikter, sei auch jetzt gegeben: Behördliche und freie Jugendhilfe seien zwar weiter mit den Familien in Kontakt, die dem Jugendamt bekannt sind, heißt es. Wenn es nun aber auch in anderen Haushalten zu Gewalt komme, stelle sich die Frage, ob wahrheitsgetreue Informationen darüber überhaupt bei der Jugendhilfe und anderen helfenden Institutionen ankommen. Wichtig sei es darum, so schnell wie nur möglich die Barrieren von drinnen nach draußen zu durchbrechen. Damit jeder auch wieder die Hilfe bekommt, die er benötigt. (RT)

Hilfe in der Not

Kinder- und Jugendliche, die Hilfe suchen, können sich an die deutschlandweite, kostenfreie Nummer 116 111 wenden. Für Mütter, Väter oder Großeltern gibt es die 0800 111 0550.

Die Opferhelferinnen und Opferhelfer des Weissen Rings sind täglich von 7 bis 22 Uhr unter der bundesweiten Rufnummer 116 006 erreichbar.

Beratungs- und Interventionsstelle Lüneburg: Tel. (0 41 31) 2 21 60 44

Weitere Informationen: gegen-gewalt-in-der-familie.de; www.opferhilfe.niedersachsen.de.

Zur Sensibilisierung für Taten in der Nachbarschaft hat die Koordinierungsstelle „Häusliche Gewalt“ beim Landespräventionsrat Niedersachsen im Justizministerium gemeinsam mit dem Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung Flyer und Poster entwickelt. Diese verdeutlichen, dass eine aufmerksame Nachbarschaft die beste Prävention ist. Und sie zeigen auf, was man tun kann, wenn man häusliche Gewalt in der Nachbarschaft bemerkt. Die Papierversion von Flyer und Poster können bei der Geschäftsstelle des Landespräventionsrates Niedersachsen bestellt werden (info@lpr.niedersachsen.de). Digital sind sie unter lpr.niedersachsen.de abrufbar.

„F…Dich, DFB!“

Was die Fussball-Ultras denken und wirklich wollen

Von den Ultras in den Fußballstadien hört man derzeit nichts. Kein Hurensohn-Gegröle, kein Fadenkreuz-Plakat. Wie auch? Ihre Bühne wurde ihnen genommen. Seuchen-Pause in der Bundesliga. Doch wenn wieder angepfiffen wird, und es gibt ganz sicher ein Fußball-Leben nach Corona, kriechen auch die Ultras, die sich als die einzig wahren Fans der Fußball-Klubs verstehen, rund 25.000 an der Zahl, aus ihren Löchern … Über die Ultras hat jeder Fußballfan eine eigene Meinung. Für die einen sind sie Spinner, die Pyros und Hassplakate ins Stadion bringen. Für die anderen sind sie die Einzigen, die auf den Tribünen für Stimmung sorgen und ohne die es keine spektakulären Choreos geben würde. Wie so oft im Leben ist beides richtig. Dass im Fußball der Kommerz überhand genommen hat, wird wohl auch der Nicht-Ultra kaum bestreiten. Dass dagegen protestiert werden kann, vielleicht sogar sollte, bleibt auch die Wahrheit. Und dass Fußball ohne Fans, die bei Wind und Wetter ihren Teams die Treue halten, wie ein Swimmingpool ohne Wasser ist, ebenso. Doch es muss Grenzen des Protestes geben. Und ein Ende der kitschigen Fußball-Romantik, denn die ist wie religiöser Fanatismus. Unbelehrbar.

Hass-Symbol der Ultras

Multimiliardär Dietmar Hopp ist das Hass-Symbol der Ultras, sein Konterfei ist auf den Fadenkreuz-Plakaten zu sehen. Ein Ehrenmann, der eigentlich ein Denkmal verdient hätte, meint Bayern-Präses Rummenigge. Tatsächlich hat der SAP-Mitgründer in der Rhein-Neckar-Region viele Millionen aus seinem Vermögen für soziale Zwecke und den Sport gegeben. Vor allem natürlich für seinen Heimatverein 1899 Hoffenheim, bei dem er in der Nachkriegszeit selbst als Stürmer gekickt hatte. Aus dem einstigen Dorfclub wurde mit den Hopp-Euros ein etablierter Bundesligist und Europapokal-Teilnehmer. Und genau das stößt vielen Ultras übel auf. Zwar gibt es auch Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg. Hinter diesen Klubs stehen aber große Unternehmen, kein einzelner Gönner. An RB Leipzig, den Red-Bull-Konzern und Brause-Tycoon Dietrich Mateschitz war 2008, als die ers-ten Schmähungen gegen Hopp begannen, noch nicht zu denken. Man fragt sich: Sind den Ultras alle die Millionäre und Milliardäre lieber, die ihr Geld für ein Luxus-Lotterleben in Saus und Braus rausschmeißen? So scheint es wohl zu sein.

Solidarisierung nach Kollektivstrafe

In den letzten Wochen nahmen die Fan-Beleidigungen gegen Hopp jedenfalls wieder zu. Aus Dortmunder Sicht hatte das Zeigen eines Hass-Plakats dazu geführt, dass das DFB-Sportgericht Anhänger des BVB für zwei Jahre von Auswärtsspielen bei den Hoffenheimern ausgeschlossen hat. Diese DFB-Entscheidung führte zu einer – bisher einmaligen – Ultra-Solidarisierung. In einer Stellungnahme mit dem Titel „Kollektivstrafen zum „Schutze“ eines Milliardärs – der DFB zeigt erneut sein wahres Gesicht“ heißt es vom Zusammenschluss „Fanszenen Deutschlands“, in dem zahlreiche deutsche Ultra-Gruppen organisiert sind, unter anderem: „Es geht schlichtweg um die Bekämpfung unserer Fankultur und unserer Werte. Die Profiteure des Geschäfts „Fußball“ versuchen mit diesem scheinbar verfänglichen Thema die Fankurven zu spalten, um letztlich die aktiven Fanszenen zu entfernen. Denn diese sind es, die stets den Finger in die Wunde legen und sich für demokratische Vereine, effektive Mitbestimmung im Fußball, für den Erhalt der 50+1-Regel, für bezahlbare Eintrittskarten und fangerechte Anstoßzeiten einsetzen und somit letztlich für das, was uns Fans die Identifikation mit diesem Sport noch halbwegs gelingen lässt.“

Unterzeichnet ist der Brief mit: „Fick dich, DFB!“

Rainer P., HSV-Ultra aus Lüneburg glaubt, dass der Protest gegen Hopp & DFB weiter eskalieren wird: „Noch ist doch alles harmlos, Plakate und so. Es gibt einzelne Gruppen, die wollen aber mehr machen, weil sie glauben, sonst kriegt man einfach keine Aufmerksamkeit. Wenn da keine Seite auf die andere zugeht, endet das schlimm.“

Expertenrat: An einen Tisch setzen

Auch Deutschlands bekanntester Fan-Forscher Harald Lange plädiert dafür, sich an einen Tisch zu setzen: „Der DFB sollte mit Vernunft reagieren und mit Angeboten an die Fan-Szene die Luft aus dem Ganzen rauslassen.“ Dafür dürfe man sich nicht zu stolz sein. Eventuell helfe dabei der Blick in die Vergangenheit: In den achtziger Jahren sei in den Stadien viel mehr los gewesen, Gewalt an jedem Spieltag, und da gab es noch gar keine Ultras. Ansonsten müsse es der Corona-Virus richten: Ob Fußballfunktionär oder Ultra – jeder könne spätestens jetzt erkennen, dass es Wichtigeres gäbe, als 22 Spieler beim Kampf um den Ball …

Übrigens: Eine führende Rolle bei der weltweiten Suche nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus, der die Welt in Atem hält und den Fußballbetrieb und seine Ultras lahmlegt, spielt die Tübinger Biotechfirma CureVac. Einer der größten

MEHR ANGST VOR GRIPPE ALS VOR DEM CORONAVIRUS

Ärzte warnen vor Panikmache

 Menschen hamstern Desinfektionsmittel. Infizierte werden in Quarantäne gesteckt. Die Welt in Angst vor dem neuen Coronavirus. Doch wie groß ist die Gefahr eigentlich wirklich? Die Zahl der Coronafälle in China steigt sprunghaft an. Ärzte hierzulande nehmen die Sache ernst – sehen aber für Deutschland nur sehr überschaubare Gefahren. Auch Dr. med. Sebastian Graefe vom Impfcentrum Lüneburg, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie, warnt vor Hysterie: „Die Angst der Leute ist natürlich da, man bekommt schon mehr Anfragen, auch gerade von Reisenden, die wissen wollen, was sie tun sollen und wie sie sich schützen können. Wer nicht reist, sollte wissen: Die Wahrscheinlichkeit, sich hierzulande mit Corona zu infizieren, ist anders als bei der Grippe, die alljährlich mehrere Hunderttausend Menschen trifft, sehr gering. Die Lüneburger müssen also keine Sorge haben.“

Geringe Sterblichkeit

 Auch andere Ärzte bestätigen diese Einschätzung. So Chefarzt Clemens Wendtner von der Klinik für Infektiologie in München-Schwabing, wo die Mehrzahl der bisher mit dem Coronavirus infizierten Deutschen behandelt wird: Die Sterblichkeit werde zwar in China mit zwei bis drei Prozent angegeben, so Wendtner. „Das halten wir nach derzeitigem Erkenntnisstand jedoch für deutlich überschätzt. Wir gehen davon aus, dass die Sterblichkeit deutlich unter einem Prozent liegt, zirka bei 0,2 Prozent. Die Todesfälle liegen damit im Bereich einer typischen Grippepandemie. Mit einer sehr gefährlichen Erkrankung hat das nicht viel zu tun. Ich habe jedenfalls vor einer Grippe deutlich mehr Sorge.“ Tatsächlich sind die Fakten eindeutig: Die Grippewelle 2017/2018 zum Beispiel hat nach Schätzungen rund 25.100 Menschen in Deutschland das Leben gekostet, berichtete vor einigen Monaten das „Ärzteblatt“. Angesichts dieser Zahl sei es erstaunlich, dass sich nicht mehr Menschen gegen Grippe impfen lassen, so Sebastian Graefe. Es wird vermutet, dass das neuartige Coronavirus von einem Fischmarkt in Wuhan kommt, auf dem auch Wildtiere verkauft wurden. Demnach gab es zunächst Übertragungen vom Tier zum Menschen, bevor das Virus sich an seinen neuen Wirt anpasste und es zu Übertragungen zwischen Menschen kam.

Übertragung von Rachen zu Rachen 

Das neue Coronavirus hat seit kurzem auch einen eigenen Namen: SARS-CoV-2. Das weist auf die sehr enge Verwandtschaft zum SARS-Virus SARS-CoV hin, an dem vor 17 Jahren Hunderte Menschen starben. Die Viren sind Experten zufolge Varianten ein und derselben Virusart, übertragen sich wohl von Rachen zu Rachen, wie auch Influenza-Viren.

In Deutschland könne man die Krankheit wirksam bekämpfen, gibt sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bewusst optimistisch. „Wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem, um die Dinge früh einzudämmen.“ Unklar sei aber, ob sich das Virus wie die Influenza weltweit halten könne oder wieder ganz verschwinde. „Die Frage ist: Wird es das Coronavirus schaffen, sich ähnlich wie die Influenza zu etablieren, sodass wir jedes Jahr eine Coronawelle bekommen? Ziel der weltweiten Maßnahmen – auch in Deutschland – ist es, das Virus im Idealfall ganz auszuschalten.“ Komplexer ist es in anderen Regionen der Welt. Zum Beispiel in afrikanischen Staaten, die teilweise enge Kontakte mit China haben. Kommt es da zu einem Ausbruch, könnte das tatsächlich verheerende Folgen haben, meint auch Microsoft-Gründer Bill Gates. Der Multimilliardär und Medizin-Mäzen warnte bei der Konferenz des weltgrößten Wissenschaftsverbands AAAS (American Association for the Advancement of Science) eindringlich: Das neuartige Coronavirus könnte die Welt in eine „sehr schlimme Lage“ bringen. „Es gibt viel, was wir nicht über diese Epidemie wissen, aber es gibt auch viel, was wir wissen, das zeigt, dass sie sehr dramatisch werden könnte – besonders, wenn sie sich in Gegenden wie dem südlichen Afrika oder dem südlichen Asien ausbreitet“, sagte Gates weiter. „Diese Krankheit wird, wenn sie nach Afrika kommt, dramatischer sein als in China – und ich will das, was in China passiert, nicht verharmlosen.“ Bill Gates spendete zur Bekämpfung des Virus und Entwicklung eines Impfstoffs bereits 100 Millionen Dollar. Mit einem Impfstoff wird aber nicht vor Mai oder Juni gerechnet, heißt es dazu aus dem Impfcentrum Lüneburg.

Welche Symptome kann das Virus auslösen?

Die Corona-Symptome sind leicht mit der Influenza oder auch einer Erkältung zu verwechseln: Anfangs könne die Nase laufen, der Patient leide unter Halsweh, später auch Husten und eventuell Fieber. Nicht jeder, der hustet, ist aber gleich verdächtig auf eine Corona-Infektion. Bei unkomplizierten Fällen geht man davon aus, dass die Erkrankung ungefähr zehn Tage bis zwei Wochen dauere. Anders ist es, wenn Komplikationen einträten, etwa eine zusätzliche bakterielle Infektion – oft als Lungenentzündung – aufgrund der Schwächung des Organismus oder eine übersteigerte Immunreaktion, die ebenfalls in einer Lungenentzündung münden könne. Ältere Menschen und Menschen mit bereits bestehenden Erkrankungen (wie Asthma, Diabetes, Herzerkrankungen) scheinen laut WHO für schwere Verläufe anfälliger zu sein. (RT)

Ab in die Tonne

Der Online-Handel boomt-und mit ihm die Retouren

Kaufen, kaufen, kaufen – und was nicht gefällt, einfach zurücksenden … Doch was geschieht eigentlich mit den Retouren und mit nicht verkaufter Neuware? Kaum jemand weiß, dass ein großer Teil der Retouren nicht wieder verkauft wird, sondern im Müll landet! Nach Zahlen des Versandhandel-Fachverbands bevh verschicken die deutschen Internet-Händler Jahr für Jahr Waren für zirka 60 Milliarden Euro an ihre Kundschaft – verpackt in rund 2,9 Milliarden Kurier-, Express- und Paketsendungen. Tendenz: steigend.

Eine mittlere dreistellige Millionenzahl dieser Pakete schicken die deutschen Online-Shopper pro Jahr an Amazon, Otto, Zalando und Co. zurück. Warum das so ist? Wohl vor allem, weil es so einfach ist und nichts oder wenig kostet. Verantwortungsbewusstsein gleich null sowohl bei Konsumenten als auch den Unternehmen. Viele dieser Produkte, die eigentlich noch gut verwendbar sind, werden von den Versandriesen einfach weggeschmissen. Ein Grund: Für die Händler ist die Vernichtung der „Destroy-Ware“ offenbar einfacher und wirtschaftlicher, als darauf zu hoffen, sie zukünftig zu verkaufen. Ladenhüter etwa nehmen nur Platz weg, so die Rechnung. Profit ist mit ihnen nicht zu machen, dafür kostet die Lagerung. Also ab damit in die Tonne beziehungsweise die Müllverbrennungsanlage! „Es darf nicht sein, dass der Platz im Regal für den Onlinehändler anscheinend wertvoller ist als das Produkt, das drin liegt“, wird Viola Wohlgemuth von Greenpeace vom NDR zitiert. Insgesamt landeten in Deutschland 2019 einer Studie der Forschungsgruppe Retourenmanagement der Universität Bamberg zufolge deutlich über 20 Millionen zurückgeschickter Artikel auf dem Müll. Und gerade in den shoppingintensiven letzten Wochen des Jahres wurde offenbar wieder besonders viel Neuware vernichtet.  Das belegen unter anderem interne Fotos und Dokumente aus dem Amazon-Logistikzentrum in Winsen (Luhe), die über die Umweltorganisation Greenpeace an Reporter des NDR weitergegeben wurden.

Ein- bis zweimal pro Woche wurde in Winsen ein Container mit unbenutzter und nicht versendeter Neuware beladen und dieser dann zur Müllverbrennungsanlage nach Hamburg gebracht. Im Abfall-Container zu sehen sind Halogen-Heizstrahler, Trinkflaschen und Bücher. Doch auch Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen, Handys, Tablets, Matratzen und Möbel werden in großer Zahl vernichtet. Sie werden zerhäckselt, gepresst, verbrannt – zerstört. Verrückt: Die Waren sind bei ihrem Abtransport offensichtlich nicht beschädigt und teilweise sogar noch originalverpackt. Amazon lehnte ein Interview zu dem Thema ab. Auch zwei Nachfragen der stadtlichter wurden ignoriert. Die Vernichtung von Neuwaren am Standort Winsen (Luhe) bestreitet der US-Konzern allerdings nicht, wies allerdings darauf hin, dass das die gesamte Branche der Versandhändler beträfe. Fakt ist: Die Bilder aus Winsen sind und bleiben beunruhigend, aber vermutlich nur die Spitze des Eisbergs, so Greenpeace: „An anderen Amazon-Standorten in Deutschland wird vermutlich noch viel mehr vernichtet. Das ist aus vorangegangenen Recherchen bekannt. Ein Insider berichtete von Warenwerten in Höhe von 23.000 Euro pro Tag, die von einer Person täglich vernichtet wurden.“

Obhutspflicht für den Umgang mit Retouren

Mit einer sogenannten Obhutspflicht für den Umgang mit Retouren und nicht verkaufter Neuware soll das sinnlose Wegwerfen zukünftig erschwert werden. Die Obhutspflicht soll die Händler dazu anhalten, die Produktion stärker an der Nachfrage auszurichten. Transport und Aufbewahrung neuer Waren soll so gestaltet werden, dass die Produkte länger nutzbar bleiben. Vernichtung solle zur Ultima Ratio werden. Zudem sollen Händler zu mehr Transparenz gezwungen werden, was die Entsorgung von unbenutzter Ware angeht. Erste Kritik an der Obhutspflicht gibt es jedoch bereits: Sicher würde so der Druck auf Unternehmen etwas steigen, einen noch höheren Anteil ihrer Produkte weiterzuverwenden. Global agierende Konzerne könnten die Entsorgung bei einem Verbot in Deutschland aber auch einfach ins Ausland verlagern. Und würden dies wohl auch umgehend veranlassen.

Erlass der Mehrwert-steuer bei Spenden

Die Bamberger Forscher schlagen dagegen mehrere Strategien vor: ein Siegel, um Kunden über den Umgang mit zurückgeschickten Waren zu informieren, ein Register von Spendenempfängern, um Händlern das Spenden zu erleichtern, und Veränderungen im Steuerrecht. Denn bislang gilt: Wer zurückgesendete Ware spendet, zahlt Umsatzsteuer. Das beklagt unter anderem auch der Discounter Aldi: „Eine unkomplizierte Weitergabe an gemeinnützige Zwecke wird so erschwert“, heißt es. Neben einem Erlass der Mehrwertsteuer für gespendete Produkte könnte die Regierung auch das Widerrufsrecht ändern. Wenn Kunden wenigstens zum Teil für die Kosten der Rücksendungen aufkommen müssten, würden sie eventuell nicht ganz so wahllos bestellen. Das, so Wirtschaftswissenschaftler Björn Asdecker, Initiator der Bamberger Studie, würde vielleicht zu einem Umdenken bei vielen Onlinekäufern führen. Denn genau das braucht es: ein verändertes Kaufverhalten von uns allen. Nicht nur Amazon und Co. sorgen für steigende Müllberge. Trotz gelobter Plastikvermeidung und Pappbecher-Bashing lebt Deutschland weiter munter in einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft. Ob Kleidung, Lebensmittel, technische Geräte: Neues wird gekauft, altes viel zu schnell entsorgt. Mit steigender Einwohnerzahl wachsen die Abfallmengen. Auch in Lüneburg. Man muss Bequemlichkeit und Komfort aufgeben, wenn man diese Entwicklung aufhalten wolle, so Asdecker. Das müssen jedoch keine großen Verluste für den einzelnen sein, es sind Verhaltensänderungen, die eher im kleinen wirken und dennoch wichtig sind. (RT)

Legaler Rausch

Das Geschäft mit den Online-Drogen brummt weiter

Der Kick ist oft nur wenige Klicks entfernt: Viele sogenannte Legal Highs sind auch 2020 immer noch frei verkäuflich und wirken ähnlich wie Cannabis, Ecstasy oder Kokain, nur um ein Vielfaches stärker. Im Internet werden die neuen Drogen als Badesalz, Duft- oder Kräutermischung angeboten und jeder, der will, kann sie kaufen. Angeblich alles nicht gesundheitsschädlich, so die Anbieter. Meist eine dreiste Lüge. Wer sich die bunten Tütchen online bestellt, weiß nicht, was er bekommt und wie die Wirkung ausfallen wird. Das ist wie eine große Black Box. Die Räucher- beziehungsweise Kräutermischungen enthalten meist synthetische Cannabinoide, die teilweise eine stärkere Wirkung als Cannabis haben. Während beim Cannabis-Konsum aber nur einige Rezeptoren im Körper stimuliert werden, sind es bei den synthetischen Stoffen alle. Die Folgen sind verheerend: Es kommt zu Panikattacken, Wahnvorstellungen, Kreislaufzusammenbrüchen und auch zu Todesfällen. Die „Badesalze“ sind in ihrer Wirkung kaum harmloser, warnen Mediziner, sie sind häufig mit amphetamin- oder ecstasyähnlichen Wirkstoffen versetzt.

Prinzipiell sind bei den Legal Highs fünf Hauptgruppen zu unterscheiden:

  • Synthetische Cannabinoide: verkauft als Kräutermischungen; sind mit dem Cannabis-Wirkstoff THC vergleichbar
  • Synthetische Cathinone: angeboten in Form von Badesalzen; gehören zu den Amphetaminen (ähnlich wie Khat)
  • Phenethylamine: in Tabletten- oder Pulverform vertrieben; wird oft als Ecstasy beworben
  • Piperazine: verkauft als Pulver oder Pillen; ebenfalls häufig als Ecstasy angeboten
  • Tryptamine: auf dem Markt als Pulver erhältlich, ist den Indolalkaloiden zuzuordnen (hierzu gehört z. B. Strychnin)

2016 reagierte die Bundesregierung mit einem Gesetz, das die Verbreitung der Legal Highs stoppen sollte, dem „Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz“ – kurz: NpSG. Erstmals wurden ganze Stoffgruppen verboten. Viele der Legal Highs sind durch das neue Gesetz auch vom Markt verschwunden. Doch es ist schwierig, den gesamten Internet-Versand zu überwachen und die im Ausland agierenden Anbieter zu belangen, die immer wieder neue „legale“ Stoffgruppen entwickeln. So brummt das Geschäft mit den neuen Drogen weiter. Und die Kundschaft wird immer jünger, sagen die Experten der Internetplattform Jugendschutz.net und des Bundeskriminalamts (BKA). Die Klientel, die sich mit Online-Substanzen versorgt, ist in der Mehrheit zwischen 15 und 23 Jahren. Besorgniserregend: Innerhalb weniger Jahre hat sich die Zahl der Toten in Deutschland fast verzehnfacht.

„Neue Feelings erleben“

Die Online-Shops, über die man sich die Drogen bestellen kann, werben weiter ganz offen für ihre Produkte (man findet sie ganz leicht über Internet-Suchmaschinen, sie sollen hier dennoch nicht genannt werden). Da heißt es zum Beispiel „Schöööne Sache – nur für Euch, liebe Kinder!“ oder: „Das knallt legal“. Und weiter geht’s in schrägstem Dealer-Deutsch: „Wer immer auf der Suche nach dem richtig einmaligen Kick ist und Neuheiten kennenlernen will, ist (hier) richtig aufgehoben … Mit einem Kauf kannst Du der Erste sein, der das Hochgefühl erlebt und sich in eine vollkommen andere Welt katapultiert … Der Einkauf lohnt sich gerade dann, wenn Du gerne neue Feelings erleben willst, die alles toppen, was bisher da gewesen ist.“ „Kundenfreundlich“ wird auch darauf hingewiesen, dass die Substanzen zwar richtig high machen können, man deshalb vor Polizei und Justiz dennoch keinerlei Angst haben muss: „Das (in den speziellen Räuchermischungen verwendete) Öl stammt aus rein medizinischen und hochwertigen Cannabispflanzen – es enthält aber 0 Prozent THC. Dieses Öl verspricht eine absolut positive Wirkung, die schon viele Kunden begeistert hat. Dabei bleibt es aber wie gewohnt legal und ist natürlich nicht nachweisbar. Das ist der Clou…“

Grundstoffe kommen aus China

Im September 2018 wurde bei ZDFinfo eine Dokumentation mit dem Titel „Legal Highs – Todesdrogen aus dem Internet“ ausgestrahlt. Die Doku ist weiter hochaktuell, bestätigt eine Nachfrage bei der Polizei. Über die Hersteller der synthetischen Drogen heißt es in dem Bericht: „Die Grundstoffe kommen hauptsächlich aus Laboren in China und werden dort von Profi-Chemikern produziert und in großen Mengen nach Europa gebracht. Hier geht es dann auf zwei Wegen weiter: Neben den Legal Highs werden sie auch als Reinsubstanz – als sogenannte Research Chemicals – auf den Markt gebracht. Jeder kann sie so im Internet bestellen. Auf verschiedenen Internetseiten bieten die Hersteller sogar noch Gratisdrogen zur Bestellung – je mehr man kauft, desto mehr gibt es kostenlos obendrauf…“ Das Fazit der Doku-Filmer: Der Legal Highs wird man allein mit Verboten nicht Herr werden, die Anbieter sind zu kreativ. Man müsse stattdessen an die Kunden heran, ihnen Alternativen bieten.

Rauschzustand per App

In den USA tut man das bereits. Dort wird über eine Technologie nachgedacht, die einen „ungefährlichen Rausch“ ermöglichen soll. Das Start-up Thync aus dem kalifornischen Silicon Valley verspricht einen Rauschzustand per App – je nach Geschmack stimulierend oder sedierend. Für unter 300 Dollar bekommt man ein Gadget, das man sich über der Augenbraue auf die Stirn klebt. Es soll genau dieselben Gehirnregionen stimulieren wie klassische Drogen, nur eben ohne Nebenwirkungen – und auf Dauer auch deutlich günstiger als die Verwendung von Legal Highs. Allerdings äußerten sich die ersten Testerinnen und Tester eher enttäuscht: Statt des Endorphinschubs bekamen die meisten nur Kopfweh … (RT)

 

Stille Nacht, einsam wacht…

Die große Leere: Immer mehr Menschen fühlen sich einsam

Psychologen sprechen schon von einer neuen Volkskrankheit, Großbritannien gründete sogar ein eigenes Ministerium zu ihrer Bekämpfung: Einsamkeit. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit leiden Menschen besonders stark unter dem Gefühl, allein und isoliert zu sein. Es gibt eine Insel, die Einsamkeit heißt. Sie liegt im Nordpolarmeer, nur 20 Quadratkilometer groß, im Winter vom Packeis eingeschlossen, menschenleer. Ein trister Ort. Immer mehr Betroffenen kommt ihr Leben so vor, als würden sie genau auf einer solchen einsamen Insel leben. Sie fühlen sich abgeschnitten vom Leben, das sie früher vielleicht mal führten.  

Wenn Alleinsein weh tut, ist es Einsamkeit

Alleinsein kann angenehm sein, sogar bewusst gewählt werden. Doch wenn es weh tut und quält, wenn es den Brustkorb einschnürt, manchmal mitten unter Menschen – dann ist es Einsamkeit. Laut gerade veröffentlichten Zahlen der Bundesregierung ist die Quote der Menschen, die einsam sind, bei den 45- bis 84-Jährigen in den vergangenen sieben Jahren um rund 15 Prozent gestiegen. Und da es in Deutschland künftig immer mehr Ältere geben wird, dürfte Einsamkeit weiter an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls ein Diskussionspapier des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Körber-Stiftung. Aber nicht nur Ältere, auch immer mehr Jugendliche fühlen sich einsam und allein. Vor allem jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit spüren das viele besonders intensiv. Stille Nacht, einsam wacht… hat für sie eine besondere Bedeutung. Statt Vorfreude auf das Fest der Liebe ist bei ihnen Angst da, in sozialer Isolation gefangen zu bleiben. 

Massive Krankheitsbilder

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte bereits einen Regierungsbeauftragten für Einsamkeit, begründete seinen Vorschlag unter anderem mit massiven gesundheitlichen Auswirkungen. Von Einsamkeit ausgelöste Depressionen, Angststörungen oder Erkrankungen des Herzkreislaufsystems beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen, sondern führen auch zu hohen Kosten für das Gesundheitssystem. Laut Forschern der französischen Universität Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines entwickeln Alleinlebende 1,5- bis 2,5-mal häufiger eine der häufigsten psychischen Erkrankungen als andere Menschen. Allerdings zeigt die Untersuchung nicht, ob das Alleinleben wirklich die (singuläre) Ursache für die Erkrankungen ist. Einen statistischen Zusammenhang gibt es nur bei denjenigen, die sich tatsächlich einsam fühlen – und das ist natürlich nicht bei jedem der Fall, der allein lebt. Wer helfen will, steht vor einer Schwierigkeit. Wie Einsamkeit eigentlich erkennen? Die Einsamkeit wird, gerade im urbanen Raum, unsichtbar, und nur alten Menschen kann man sie vielleicht noch ansehen, der Seniorin zum Beispiel auf der Parkbank. Wer dagegen ein Smartphone in der Hand hat und darauf starrt, wirkt beschäftigt. Oder tut nur so. Dazu kommt: Die Einsamkeit anderer kann bei einem selbst Schuldgefühle verursachen. Man spürt den Impuls, etwas dagegen unternehmen zu wollen. Wenn man ganz ehrlich sich selbst gegenüber ist, passiert das aber meist aus purem Pflichtgefühl, weniger aus einem echten mitmenschlichen Impuls. Denn wer lädt sich schon gern fremde Probleme auf? Wenn wir den einsamen Nachbarn auf ein Getränk einladen, dann erwartet er das vielleicht in Zukunft regelmäßig …

Auch weil einsame Menschen dazu neigen, sich noch weiter sozial zu isolieren oder sogar feindselig auf andere zu reagieren, ist Hilfe von außen kompliziert. Anders gesagt: Wer einmal in Einsamkeitsgefühlen gefangen ist, kommt oft in eine Spirale, die ihn/sie immer weiter hineinzieht. Einsame werden misstrauisch und fassen selbst gutgemeinte Gesten falsch auf. Das Widerspiegeln der eigenen Abwehr von Zuwendung treibt die Betroffenen immer weiter in den Abgrund. So verstärkt sich schließlich der Kreislauf, in dem man immer isolierter und einsamer wird.

Welche Wege führen aus der Isolation?

Letztlich kann sich der Einsame nur selbst helfen. Je jünger und mobiler die Betroffenen sind, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten, das Gefühl der eigenen Einsamkeit zu bekämpfen. Aber auch ältere Menschen können etwas tun. Der US-Einsamkeitsforscher John Cacioppo hat dazu das Anti-Einsamkeitsprogramm „EASE“ entwickelt – zu Deutsch „Erleichterung“. Das erste „E“ steht dabei für „extent“ – den eigenen Aktionsradius erweitern, ein Ehrenamt (z.B. Tierheim, Kita, Sportverein, Kirchengemeinde) ist dafür ideal. Das „A“ steht für „action“ – nur eigene Aktivitäten führen aus der Einsamkeit. Das „S“ im EASE-Programm steht für „selective“. Einsame sollten sich genau überlegen, mit welchen Menschen sie Umgang haben möchten – und sich dann hartnäckig darum bemühen. Das letzte „E“ ist das wichtigste, es bedeutet „erwarte immer das Beste“ – ein Appell, Misstrauen und alte Feindschaften fallen zu lassen. Und anzufangen, sich selbst mehr zu mögen. Denn sich selbst ein Freund zu werden ist die erste Voraussetzung, auch anderen ein Freund zu sein …(RT)

Der Duft der Krankheit

Manche Gerüche stinken zum Himmel – können aber auch Frühwarnzeichen sein

Verströmt eine Person in unserer Umgebung unangenehme Gerüche, schieben wir das schnell auf mangelnde Hygiene. Manchmal zu schnell, denn bestimmte Düfte, die über den Atem, die Haut oder Ausscheidungen wie Urin oder Schweiß abgegeben werden, können auch ein Zeichen für schwerwiegende Krankheiten sein. Diese charakteristischen Düfte kann man nicht mit einem kräftigen Schluck Mundwasser, einem guten Deo oder auch einer warmen Dusche bekämpfen. Sie sollte man ernst nehmen und möglichst zügig einen Arzt aufsuchen.

Tierische Schnüffler

Dass menschliche Ausdünstungen Frühwarnzeichen für Krankheiten sind, ist dabei auch keineswegs eine neue Erkenntnis. Viele wissenschaftliche Studien belegen dies. Darunter sind auch Forschungen mit speziell trainierten Hunden. Ausgebildete Krebshunde können laut einer Studie der kalifornischen Pine Street Foundation in 99 Prozent der Fälle Lungenkrebs und in 88 Prozent der Fälle Brustkrebs erschnüffeln. Damit sind sie treffsicherer als eine Mammographie-Untersuchung. Menschen können bei dem exklusiven Geruchssinn der Vierbeiner nicht mithalten: Während sie über schlappe fünf Millionen Riechzellen verfügen, bringt es eine Hundenase auf über 200 Millionen Geruchssensoren. Dennoch gibt es auch immer wieder Fälle von menschlichen Super-Spürnasen – wie den der Schottin Joy Milne, die weltweit Schlagzeilen machte, weil sie anhand des „leicht holzigen, moschusartigen“ Geruchs des T-Shirts einer Person feststellen konnte, ob diese an Parkinson erkrankt war oder nicht …

Flüchtige chemische Verbindungen

Aber warum riechen kranke Menschen überhaupt anders? Das liegt unter anderem daran, dass der menschliche Körper pausenlos flüchtige chemische Verbindungen an die Umgebung abgibt. Diese Substanzen variieren jedoch je nach Alter, Ernährungsweise und Gesundheitszustand. Auch die Mikroben, die in unserem Darm und auf unserer Haut leben, beeinflussen unseren Körpergeruch, indem sie unsere Stoffwechselprodukte aufspalten.

Auf diese Gerüche sollten Sie achten

Im Grunde ist jeder Mensch eine Geruchsfabrik auf Beinen. Wer das versteht und versucht, diese teils sehr unterschiedlichen Gerüche bewusst wahrzunehmen, kann Veränderungen auch eher bemerken: Riecht der Atem plötzlich süßlich, kann das ein Zeichen für eine aufkommende Mandelentzündung sein. Verantwortlich für den Geruch sind Bakterien, die dann auch die typischen Schluckbeschwerden auslösen. Riecht der Atem eher scharf nach Nagellackentferner (nach Aceton), deutet das auf Diabetes Typ I hin. Der Duft entsteht, wenn der Körper aufgrund des Insulinmangels aus Fett Energie gewinnen muss. Dabei wird als Nebenprodukt Aceton produziert. Wer sich schon einmal die Haare gefärbt hat, vergisst den beißenden Geruch von Ammoniak nicht. Deshalb fällt es einem meist schnell auf, sobald das Gas über die Haut ausdünstet. Es entsteht ganz natürlich, wenn der Körper Eiweiß abbaut und weist auf mögliche Leberprobleme hin.

Denn normalerweise wandelt die Leber Ammoniak direkt in Harnstoff um. Ist sie jedoch erkrankt, funktioniert das nicht mehr. Dann gelangt das Gas ins Blut, und der Körper versucht es abzuatmen. Wenn die Haut leicht nach Urin riecht, sollte man speziell die Nieren durchchecken lassen. Sind die geschädigt, kann es passieren, dass Harnstoff und Kreatinin (Abbauprodukt des Muskelstoffs Kreatin) nicht mehr ausreichend über den Urin ausgeschieden, sondern über den Schweiß abgegeben werden. Wenn es beim Wasserlassen strenger als sonst nach Harn riecht, könnte eine Blasenentzündung im Anmarsch sein. Schuld an dem Geruch sind Bakterien, die im Urin Fäulnisprozesse in Gang setzen. Eine harmlose Geruchsveränderung kann aber auch durch den Verzehr bestimmter Lebensmittel wie zum Beispiel Spargel entstehen, ebenso wie durch Medikamente oder nach übermäßigem Alkoholkonsum. Auf eine Unterfunktion der Schilddrüse weist Schweißgeruch hin, der an Harn oder Essig erinnert. Der Grund: Bei einer Schilddrüsenunterfunktion verändern sich der gesamte Stoffwechsel und der Körpergeruch. Typisch für Typhus sind Ausdünstungen, die das „Aroma“ von frischem Brot verströmen. Gelbfieber dagegen kann dafür sorgen, dass die eigene Haut wie ein Metzgerladen riecht. Ursachen für Mundgeruch sind in 90 Prozent der Fälle erkrankte Zähne mit Karies oder mit Parodontose. Mundgeruch kann aber auch Folge einer schwerwiegenderen Störung im Magen-Darm-Bereich, wie zum Beispiel einer Gastritis, sein. Riecht es beim Aufstoßen nach vergorenem Obst könnte ebenfalls eine Gastritis schuld sein. Tipp: Ein Arzt kann per Atemtest feststellen, ob der Magenkeim Helicobacter pylori das Leiden verursacht hat.(RT)

 

Hier geht’s zur Arztsuche: www.arztauskunft-niedersachsen.de.

Spektakuläre Live-Show: Hacking unter Polizeischutz!

Wie Cyberkriminelle vorgehen und man sich schützen kann-spektakuläre und informative Live-Hacking-Show im Leuphana-Zentralgebäude in Lüneburg am 17. Oktober

Big Data, Smartphones oder das Internet of Things: Unser Leben wird immer digitaler, immer mobiler, immer vernetzter. Aber was bedeutet es eigentlich für unsere Sicherheit, wenn weite Teile unseres Haushalts digital vernetzt sind?

Jeder zweite Deutsche wurde schon gehackt

Die Zahlen sind alarmierend: Laut aktuellen Studien des Digitalverbands Bitkom wurde jeder zweite Deutsche bereits Opfer von Cybercrime! Jeder dritte Smartphone-Nutzer war demnach schon einmal von Schadprogrammen betroffen, und ebenfalls einer von drei Onlinern hat Angst vor Ransomware, die ihre Opfer ausspäht und erpresst. Dabei dringen die Cyberkriminellen in das Heiligste vor: unsere Privatsphäre. Ein Super-GAU für die Datensicherheit. „Das Internet ist hochattraktiv für Kriminelle. Mit vergleichsweise geringem Aufwand lassen sich andere Nutzer zum eigenen Vorteil schädigen“, warnt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Und die Gefahrenlage nimmt stetig zu: Die Sicherheit insbesondere persönlicher Daten wird daher immer wichtiger. Der Wert unberechtigt erlangter privater Daten und sogar ganzer Identitäten ist in den vergangenen Jahren signifikant angestiegen. Denn die persönlichen Daten einer Person können Hackern und anderen Cyberkriminellen den Zugriff auf die Identität und damit unter anderem auch auf Bankkonten oder Depots eröffnen. Internetnutzer haben aber nicht nur mit Diebstahl oder Betrug zu kämpfen. Jeder Zehnte sagt, dass er im Internet verbal massiv angegriffen oder beleidigt wurde. Zum Vergleich: Im analogen Leben hat jeder Vierte damit zu tun (24 Prozent). Über sexuelle Belästigung im digitalen Raum klagen acht Prozent der Onliner. In der Offline-Welt sind nach eigenen Angaben 14 Prozent der Internetnutzer im vergangenen Jahr sexuell belästigt worden. Selbst Kinder sind hier akut gefährdet. Denn die Zahl jüngerer Internetnutzer wird stetig größer, der Einstieg ins Netzleben kommt immer früher. Die Methoden der Kriminellen werden jedoch selbst für Erwachsene mit jedem Tag schwieriger zu durchschauen. Kinder benötigen aus diesem Grund noch mehr Unterstützung. Doch wo kann man diese bekommen? Und wie kann ich mich effektiv vor unberechtigtem Zugriff und Datenklau schützen? Wie sieht ein sicheres Passwort aus? Wer hilft bei Cybermobbing? An wen kann ich mich wenden, wenn mir durch Internetbetrug finanzieller Schaden entstanden ist? Wie sichere ich meine internetfähigen Geräte hinreichend ab?

Online? Aber sicher!

Diese und viele weitere Fragen werden bei einer öffentlichen interaktiven Live-Hacking-Veranstaltung des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres und Sport beantwortet. IT-Sicherheitsberater Ralf Wildvang demonstriert, wie Hacker arbeiten, denken und vorgehen, um Daten zu stehlen, Prozesse zu stören und Schäden zu verursachen. Zusätzlich werden zahlreiche Experten von Polizei und Verbraucherschutz sowie weitere Spezialisten die Bürger umfassend über mögliche Schutzmaßnahmen informieren. Die Veranstaltung ist Teil einer Cyber-Security-Kampagne des niedersächsischen Innenministeriums und findet dieses Jahr in sechs Städten in Niedersachsen, unter anderem auch am Donnerstag, 17. Oktober in Lüneburg im Leuphana-Zentralgebäude, statt. Der Niedersächsische Minister für Inneres und Sport, Boris Pistorius: „Das Thema Cybersicherheit hat sich zu einem der wichtigsten Themen überhaupt entwickelt. Digitaler Wandel ist ohne Cybersicherheit nicht möglich.“

Computer-Sondereinsatzkommando

Und weil nicht nur der Bürger, sondern auch Unternehmen und Behörden zahlreichen Bedrohungen aus dem Cyber-Raum ausgesetzt sind, hat das Land Niedersachsen jüngst das N-CERT ins Leben gerufen, eine Art Computer-Sondereinsatzkommando (CERT steht für Computer-Emergency-Response Team). Das Niedersachen-CERT oder N-CERT besteht aus einer Gruppe von Experten, die ständig die aktuelle Sicherheitslage der niedersächsischen Landesverwaltung überwacht. Im Krisenfall stellt es dem Krisenstab der Landesregierung ein IT-Lagebild zur Verfügung und berät diesen zu Fragen der Informationssicherheit. Zudem arbeitet es im ständigen direkten Kontakt mit dem Wirtschaftsschutz im Verfassungsschutz sowie dem LKA (Zentrale Ansprechstelle Cybercrime) zusammen. Es ist auch Informationsschnittstelle zu anderen Bundesländern und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. In den nächsten Schritten soll das N-CERT weiter aus- und aufgebaut werden und sich noch stärker als zentrale Kommunikationsdrehscheibe für den Infoaustausch über Sicherheitsvorkommnisse innerhalb der Landesverwaltung und auch in Richtung der niedersächsischen Kommunen etablieren. Auch zu N-CERT gibt’s Infos auf der Security Expo am 17. Oktober. Der Eintritt für die Veranstaltung ist kostenlos. Anmeldung unter www.mi.niedersachsen.de. (RT)

Wenn aus bösen schwere Jungs werden

Intensivtäter Maik (18) lebt seit kurzen in Lüneburg

Wegsperren oder Rundum-Betreuung? Was tun mit jungen Menschen, die immer wieder kriminell werden?

Knapp zwei Millionen Straftäter hat es 2018 in Deutschland gegeben – knapp 74.000 davon sind Intensivstraftäter. Das bedeutet, sie haben mindestens fünf schwere, aktenkundige Straf- oder Gewalttaten innerhalb nur eines Jahres verübt. Viele dieser Straftäter sind noch sehr jung, Kinder fast noch. Maik, 18, ist einer von ihnen. Er lebt seit wenigen Wochen in Lüneburg. Eigentlich stammt Maik aus einem kleinen Ort bei Göttingen. Doch dort wollte man ihn nicht mehr. Was verständlich ist, wenn man seine Geschichte kennt. Maik heißt natürlich nicht wirklich so, den richtigen Namen zu schreiben gefährde seine Persönlichkeitsrechte, wurde dem Autor dieses Textes von offizieller Seite mitgeteilt. Auf die Frage, ob er denn die Persönlichkeitsrechte anderer Menschen jemals akzeptiert hätte, gab es als Antwort lediglich ein Schulterzucken.

Dicke Strafakte

Tatsächlich darf man daran zweifeln. Maik hat schon mehrfach Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Seine Akte ist dicker als die vieler Berufsverbrecher. Von Beleidigung bis hin zu Einbruch und immer wieder Körperverletzungen ist so ziemlich alles vertreten. Dazu kommen immer wieder Drogendelikte. Mehr als 50 Straftaten werden ihm zugeschrieben – vor einem Richter stand er dafür bislang nicht, was allein schon ein Skandal ist. Sitzt man ihm gegenüber, wirkt er zunächst gar nicht bedrohlich, sondern eher etwas schüchtern. Das ändert sich jedoch bereits nach wenigen Minuten Gespräch. Er fuchtelt mit den Armen herum, seine Aussagen werden aggressiver: „Mich können alle mal. Ich leb’ nur für mich“, sagt er mit heiserer Stimme. Wie wohl seine Zukunft aussehen könnte? Maik lacht. „Zukunft ist mir doch egal …“ Angst vor dem Knast habe er jedenfalls nicht, behauptet er. „Ist doch schön da. Man hat seine Ruhe.“

Gesellschaftliches Problem seit Jahrzehnten

Mit seinen kruden Ansichten steht Maik für die meisten der so genannten Problemkids. Ihre Zahl wächst, das Phänomen an sich ist nicht neu. Denn die bösen Jungs, aus denen in der Folge leider sehr oft schwere Jungs werden, sind ein gesellschaftliches Problem seit Jahrzehnten. Das Versagen des Staates im Umgang mit ihnen ist genauso alt. Das typische Problemkid ist zwischen 11 und 19 Jahre alt, zu fast 90 Prozent männlich, vorrangig deutscher Nationalität (die Zahl der polizeilich auffälligen Flüchtlingskinder vor allem aus den nordafrikanischen Ländern nimmt allerdings zu). Früher waren es hauptsächlich Diebstähle, auch Autodiebstähle, mit denen die kriminellen Kids auffielen, heute sind es vor allem Raub und Körperverletzungen. Im Raum Lüneburg soll es mehrere Intensivtäter geben, wie viele Delikte auf ihr Konto gehen, kann jedoch keiner sagen. Eine solche Statistik existiert nur landesweit. Maik fehle es an Empathie, hat ein Psychologe schon vor fünf Jahren über ihn geurteilt. Er ist einer, der austeilt, aber auch früh einstecken musste, versucht er sich selbst zu erklären: Schon mit unter zehn Jahren Drogen konsumiert, die eigenen Unterarme geritzt, bei Pflegeeltern aufgewachsen.

Erlebnispädagogik gescheitert

In den 80er und 90er Jahren begann man damit, kriminelle Kids wie Maik auf Staatskosten um die ganze Welt zu schicken. Diese Segel- und Reiseprojekte der deutschen Kinder- und Jugendhilfe waren allerdings nie mehr als ein Hoffnungsstreif am Horizont – selbst große Verfechter von Erlebnispädagogik im Ausland sehen viele einst angepriesenen Maßnahmen und Projekte heute als weitgehend ineffizient an. In Niedersachsen versucht man mit einer engen Zusammenarbeit aus Jugendhilfe, Polizei und Schule, des wachsenden Kriminalitätsproblems von Heranwachsenden Herr zu werden. Je nachdem, wie weit sich die kriminelle Karriere bei den Kids bereits verfestigt hat, wird dabei auch mithilfe des Strafrechts versucht, mehr Druck aufzubauen. Nicht jeder jedoch lässt sich davon beeindrucken. Neu-Lüneburger Maik erzählt, wie er einmal Besuch von einem Sozialarbeiter bekam: „Der hat mich gefragt, ob ich denn immer so weiter machen wolle. Er hätte da so einen Kurs, ob ich den nicht mal besuchen will. Ich hab’ nur gesagt, er soll sich verpissen und ihn weggeschubst, weil er mir im Weg stand. Das war eine ganze arme Wurst, der hat dann gleich die Bullen gerufen …“ (RT)