Reportage

Der Feind hinterm Gartenzaun

Zwölf Millionen Haushalte in Deutschland liegen im Clinch

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, wusste schon Friedrich Schiller. Seit den Zeiten des Dichterfürsten scheint sich daran nicht viel geändert zu haben: Einer Umfrage zufolge hatten fast 40 Prozent der Deutschen in den letzten Jahren Streit mit ihrem Nachbarn, jeder vierte fühlt sich „gemobbt“.

Die Gründe für Zwist sind vielfältig. Irgendein Anlass findet sich immer. Auf Platz eins der Streitgründe liegen laute Musik und dröhnende Fernseher. Aber auch intensives Heimwerkern, ausgelassene Gartenpartys oder auch leidenschaftlicher Sex können Nachbarn zur Weißglut bringen. Daneben ärgern sich Mieter und Hausbesitzer vor allem über Belästigungen durch Dreck und Müll ihrer Nachbarn, und auch das besonders heikle Thema Kinderlärm ist Grund für häufiges Gezeter. Meinungsverschiedenheiten gibt es auch darüber, wie Gemeinschaftsaufgaben erledigt werden sollen, etwa Schnee räumen oder Waschküche säubern.

Auch Nachbars Pflanzen, die über den Gartenzaun wuchern oder einem die Sicht und das Licht rauben, werden schnell zum Zankapfel. Weit vorn in der Rangliste sind auch noch Haustiere, die angeblich zu oft bellen oder angeblich stinken. Wird auf dem Balkon geraucht und zieht der Qualm durch das Schlafzimmerfenster der Wohnung darüber, ist dies ebenfalls ein häufig genannter Grund für Zoff, genauso wie der Rauch, der vom Grill des Nachbarn auf die eigene Terrasse zieht. Nicht wenige Streitigkeiten zwischen Nachbarn landen am Ende vor Gericht. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht, aber befragt man Anwälte oder Miet- und Eigentümerverbände, so herrscht dort der Eindruck vor, dass die Fälle stetig mehr werden. Und das obwohl zum Beispiel in Niedersachsen speziell ausgebildete Mediatoren eigentlich versuchen sollen, etwaige Streitereien außergerichtlich zu beenden (siehe „Brückenschlag“ in Lüneburg: www.bs-lg.de/meditation.html). Erst wenn deren Bemühungen nicht fruchten, landet eine Klage tatsächlich vor dem Kadi. Doch auch in dem Stadium gibt es noch einen Versuch der Justiz, auf eine kostengünstigere Verfahrenserledigung ohne richterliches Urteil. In Lüneburg kommen sogenannte Güterichter vom Landgericht (www.landgericht-lueneburg.niedersachsen.de) ins Spiel. Sie bieten den streitenden Parteien eine weitere Mediation an. Das Angebot wird durchaus häufig in Anspruch genommen, so Burghard Mumm, Vizepräsident des Landgerichts Lüneburg in einem Interview. Nach Mumms Angaben werden rund zehn Prozent der Zivilprozesse im Rahmen einer Mediation behandelt, in 85 Prozent mit Erfolg.

Warum sich nicht mehr zoffende Nachbarn dazu bringen lassen, ihr Kriegsbeil schnell wieder zu begraben, dazu gibt es verschiedene Erklärungsversuche. Ein Grund könnte sein, dass heute einfach immer weniger Menschen bereit sind, mit (vermeintlichen) Einschränkungen zu leben. Das eigene Zuhause gehört zu den intimsten Dingen des Lebens. Hier werden Grenzverletzungen – räumliche wie symbolische – als Angriff auf die eigene Person verstanden. Aber auch die profane Tatsache, dass immer mehr Rechtsschutzversicherungen verkauft werden, hat sicher Einfluss. Da lässt man es eben mal auf eine Klage ankommen. Dazu kommt: Nachbarschaftsverhältnisse sind unfreiwillige Beziehungen. Seinen Ehepartner sucht man sich aus, beim Eigentümer der Nachbarwohnung geht das in der Regel nicht, den muss man bis zu einem gewissen Punkt „ertragen“.

Kann man das nicht und ist die Stimmung erst einmal vergiftet, bleibt sie es oft. Die goldene Regel könnte da lauten: Wer das Gespräch sucht, gewinnt. Die meisten lernen das – wenn überhaupt – erst in der Schlichtung oder der Mediation… Eventuell hilft aber auch ein Rat des neben Schiller anderen großen deutschen Dichterfürsten. Goethe empfahl „genügend Nächstenliebe zu entwickeln, um in seinen Nachbarn etwas Gutes zu entdecken“.

Nachbarschaftsrecht ist Ländersache

Nachbarrecht ist Ländersache und deshalb nicht einheitlich geregelt. Deswegen sind generelle Äußerungen schwierig. Was das bedeutet, zeigt sich beispielhaft an der Frage, wer für welche Grenzbepflanzung zuständig ist. In Niedersachsen gilt anders als in den meisten anderen Bundesländern die sogenannte Einfriedungspflicht für die rechte Grundstücksseite. Das heißt, Gartenbesitzer müssen die Abgrenzung setzen und pflegen, die vor dem Haus stehend rechts liegt. Die linke Grundstücksgrenze dagegen wird vom linken Anrainer gestaltet, gibt es hinter dem Haus noch einen dritten Nachbarn, sind für diese Grenze beide gemeinsam zuständig. (RT)

 

Welche Vorteile bietet die Mediation vor dem Güterichter?

  • Die Beteiligten selbst bestimmen, wie der  Konflikt gelöst wird.
  • Das Verfahren ist vertraulich und nicht  öffentlich.
  • Lange Verfahrensdauern durch mehrere Instanzen werden vermieden.
  • Die Einholung zeit- und kostenintensiver Sachverständigengutachten wird vermieden.
  • Das streitige Verfahren kann jederzeit ohne Zeitverlust fortgesetzt werden.
  • Es entstehen keine zusätzlichen Gerichtskosten.

Stein des Anstoßes

„Wer Denkmäler der Vergangenheit stürzt, will den Schlussstrich unter Geschichte…“

Wo endet Gedenken? Wo beginnt die Verherrlichung des Falschen? Darum wird in Lüneburg mal wieder gestritten. Nicht das erste und sicher auch nicht das letzte Mal. Meist aber viel zu schrill und mit zu viel Pathos. Es gibt viele verschiedene Arten von Denkmälern: Das Mahnmal, Statuen und Skulpturen, das Ehren- oder Baudenkmal und zahlreiche andere. Umstritten und bekannt sind nur die wenigsten. Das ist auch in Lüneburg nicht anders. Über 1.400 Denkmäler befinden sich allein im Stadtgebiet, so die Auskunft der in Lüneburg zuständigen Mitarbeiter für Denkmalpflege. Nur einige haben überhaupt das Zeug, den Zorn von selbsternannten „Denkmalstürmern“ zu erregen. Ein steinernes Ehrenmal für eine Wehrmachts-Einheit gehört ganz sicher dazu. Auf dem Monument wird der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten der 110. Infanterie-Division gedacht. Die 110. Infanterie-Division wurde in Lüneburg 1940/1941 im Zusammenhang mit der Planung des Angriffs auf die Sowjetunion aufgestellt, insgesamt 15.000 Soldaten. In einer blutigen Kesselschlacht südwestlich von Minsk wurde die Einheit im Juli 1944 fast völlig vernichtet. Nur sechs Offiziere sowie zirka 280 Unteroffiziere und Mannschaften konnten entkommen. Der Vater von Rudolf K. (77) gehört zu den Gefallenen. „Und zu den Geächteten“, erzählt er mit gesenktem Blick. Schon häufiger war Rudolf K., der heute in Chemnitz lebt und früher an der Universität Geschichte lehrte, in Lüneburg. Er mag die Stadt, aus deren Nähe sein Vater stammt. Das Ehrenmal sieht er das erste Mal. Beim Lesen der beschmierten Inschrift („Es sage keiner, dass unsere Gefallenen tot sind“) kann er Tränen nur mit Mühe unterdrücken: „Ich habe keine Erinnerungen an meinen Vater, hätte ihn aber gerne kennengelernt.“ Erst vor Jahren hat er Briefe lesen können, die dieser von der Front in Russland an seine Mutter geschrieben hat. Neben Liebesbezeugungen und Gedichten großenteils schwermütige Zeilen eines Mannes, der nur eines wollte: Das Kriegsende erleben und möglichst gesund zurück nach Hause zu Frau und Sohn.

Es kam anders.

Vom Tod des Vaters, irgendwann im eisigen Winter 1943, hat die Mutter offiziell lange nichts erfahren, er galt Jahrzehnte als vermisst. Weiß Rudolf K. von den Vorwürfen, die der Einheit seines Vater gemacht wird, von den Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung in den Lagern von Osaritschi (Weißrussland)? Ja, davon wisse er, so K. Und das treibe ihn auch um. Er könne und wolle sich aber nicht vorstellen, dass sein Vater daran beteiligt gewesen sei, in den Briefen wäre dazu jedenfalls nichts zu finden. Er habe ein anderes Bild von seinem Vater, sagt Rudolf K.: „Genau darum fühle ich mich auch nicht als Täter-Sohn. Und überhaupt: Nicht jeder Wehrmachtssoldat war ein Verbrecher. Das zu behaupten ist einfach nur unendlich geschichtslos.“

Geschichtslos wäre es für Rudolf K. auch, den „Stein des Anstoßes“ einfach abzureißen, wie von vielen Seiten immer mal wieder gefordert werde: „Die das fordern, vergessen, dass Geschichte auch etwas ist, was ausgehalten werden muss. Deutschland hat nun einmal auch düstere Zeiten erlebt.“ Denkmäler müssten allerdings mehr erklärt werden, ergänzt er. „Wer sie dagegen einfach nur entfernen will, zieht einen Schlussstrich unter all das Geschehene. Man sollte die Diskussion über Denkmäler, ich zitiere mal Heinz Buschkowsky, Ex-Bezirksbürgermeister von Neukölln, nicht ,Klugscheißern mit Wikipedia-Wissen’ überlassen…“

Pfad der Erinnerung

Das Projekt Friedenspfad in Lüneburg ist eine Idee der Friedensstiftung Günter Manzke, die 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges 1995 in Lüneburg gegründet wurde. 24 Orte der Erinnerung im Stadtgebiet wurden für einen ganz besonderen Stadtrundgang ausgewählt. Die Homepage des Friedenspfades ist unter www.friedenspfad-lueneburg.de erreichbar. Apps für iOS und Android liegen kostenfrei zum Download in den Stores vor. (RT)

TBC, Gelbfieber, Krätze…

Sind die alten Seuchen zurück?

In den vergangenen Monaten hatten Ärzte in ganz Deutschland, auch in Lüneburg, alle Hände voll zu tun. Nicht nur die Grippe, auch andere wesentlich gefährlichere Erkrankungen sorgten für überfüllte Wartezimmer. Vor wenigen Wochen, am 24. März, war wieder Welttuberkulosetag. Der Tag, an dem Robert Koch 1882 den bahnbrechenden Vortrag über die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers, Mycobacterium tuberculosis, gehalten hat. Doch auch 136 Jahre (!) später gehört Tuberkulose mit fast 1,7 Millionen Todesfällen pro Jahr immer noch zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit. Geschätzt 10,4 Millionen Menschen erkrankten 2016, darunter fast eine halbe Million an multiresistenter Tuberkulose, bei der die beiden wichtigsten Tuberkulose-Medikamente nicht mehr wirken.

Ein Viertel der Weltbevölkerung soll mit dem Bakterium infiziert sein und stellt ein Reservoir für spätere Erkrankungen dar. Warum ist Tuberkulose noch immer nicht besiegt, obwohl wir das Bakteriengenom entschlüsselt haben? Zum einen, weil noch lange nicht alle Menschen in vollem Umfang von diesen Errungenschaften profitieren. Zum anderen, weil die bislang erreichten Fortschritte bei weitem nicht ausreichen und die Forschung die Tuberkulose über Jahrzehnte sträflich vernachlässigt hat, sagen Experten: So steht kein hochwirksamer Impfstoff zur Verfügung, dauert die antibiotische Behandlung mindestens ein halbes Jahr statt weniger Tage und sind die Behandlungsoptionen bei komplex resis-tenten Tuberkulosen unbefriedigend. Was nur wenige wissen: Auch in Niedersachsen tritt die Krankheit wieder vermehrt auf. Vor allem in größeren Städten, doch nicht nur hier: Der Landkreis Lüneburg ist nicht verschont worden.

Von 2001 bis 2010 konnte in Niedersachsen noch ein kontinuierlicher Rückgang der TBC-Meldungen verzeichnet werden, sagt Holger Scharlach vom niedersächsischen Gesundheitsamt. Seit 2013 steigen die Zahlen landesweit wieder. Scharlach sieht einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, da diese oft aus Ländern, in denen Tuberkulose viel häufiger verbreitet ist als hier, kommen. Bei den medizinischen Eingangsuntersuchungen wird deshalb besonders auf die Tuberkulose geachtet. Doch nicht nur TBC beunruhigt die Experten: Auf dem Vormarsch ist bundesweit auch die Krätze, bei Medizinern auch unter dem Namen Skabies bekannt. In den vergangenen Jahren fanden sich vermehrt Patienten mit der von Krätzmilben ausgelösten Erkrankung in deutschen Arztpraxen ein. Tendenz weiter steigend. Gravierender ist die steigende Zahl von am sogenannten Hantavirus Erkrankten. Als Überträger der Hantavirus-Infektion sind Rötelmäuse identifiziert worden, die das Virus mit Kot verbreiten. Werden die Ausscheidungen der infizierten Nager beispielsweise bei Reinigungsarbeiten (Fegen des Schuppens) aufgewirbelt und eingeatmet, sind grippeähnliche Symptome mit Fieber, Kopf- und Abdominalschmerzen bis hin zu Nierenfunk-tionsstörungen und akutem Nierenversagen die Folge. Im vergangenen Jahr gab es bereits eine Masern-Welle, und auch aktuell ist die Gefahr noch nicht vorbei. Das Virus wurde offenbar aus Südosteuropa eingeschleppt und breitet sich auch unter nicht geimpften Einheimischen aus. Gerade Risikogruppen verweigern aber zunehmend eine Schutzimpfung, verweisen, wenn man sie nach Gründen fragt, auf angeblich fehlende Wirksamkeit. Susanne Glasmacher vom Robert Koch-Institut (RKI) kann das nicht verstehen: „Selbst ein mäßiger Impfschutz ist immer noch besser als gar keiner. Wenn es draußen in Strömen regnet, hilft ein löchriger Schirm auch mehr als gar keinen dabei zu haben.“

Unbedingt gegen Gelbfieber sollten sich Südamerika-Reisende impfen lassen, rät das Auswärtige Amt. Im Februar und März wurden über die Auslandsvertretungen in Rio de Janeiro und London zwei Deutsche gemeldet, die sich auf der dem Bundesstaat Rio de Janeiro vorgelagerten, touristisch-hoch-frequentierten Insel Ilha Grande mit Gelbfieber infiziert hatten. Ein Patient wurde noch in Brasilien behandelt und überlebte den schweren Verlauf der Erkrankung ohne Folgen. Der zweite Patient verstarb, nachdem er noch im Transit auf dem Flughafen London so schwer erkrankte, dass er vor Ort in London intensivmedizinisch behandelt werden musste. Eine weitere erkrankte Deutsche erholte sich zum Glück aber wieder vollständig. Nach 1999 waren dies die ersten deutschen Staatsbürger, von denen bekannt ist, dass sie an Gelbfieber erkrankten. Gelbfieber zählt wie zum Beispiel. Ebola, die Tollwut oder auch die Pest, die gerade im Osten Afrikas ein bedrückendes „Comeback“ feiert, zu den Zoonosen, den Krankheiten also, deren Erreger Tiere wie Menschen gleichermaßen befallen. Auch das hochgefährliche Dengue-Virus, das jährlich rund 400 Millionen Menschen infiziert, gehört dazu. Vermeintlich durch den Klimawandel erobern tropische und subtropische Stechmückenarten immer neue Räume und bringen diese Krankheit auch zu uns. „Inzwischen gibt es erste Ausbrüche im Süden der Vereinigten Staaten, und ähnliche Entwicklungen können wir auch für Europa erwarten“, sagt Koert Ritmeijer, Leiter der Amsterdamer Forschungsabteilung „Vernachlässigte Tropenkrankheiten“ bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Was also tun: Kopf in den Sand und unter anderem das Reisen einstellen? Beim Gesundheitsamt Lüneburg hält man nichts von Panikmache: Der Infektionsschutz arbeitet gut, auch wenn erhöhte Vorsicht nicht schaden kann, heißt es. Was man selbst tun kann, ist Impfungen nicht zu vernachlässigen und von Infektionskrankheiten besonders betroffene Länder zu meiden. Mehr Infos zum Thema dazu erhält man beim Robert-Koch-Institut oder auch dem Auswärtigen Amt in Berlin. (RT)

Der blanke Horror

Sexting-Völlig normal oder absolutes NO-GO ?

Es ist der Telefonsex der Generation Smartphone: Sexting ist vor allem (aber nicht nur) bei Jugendlichen beliebt. Und viele sind sich der Gefahren erst bewusst, wenn es zu spät ist. Die Pose verführerisch, der Blick sexy, und das alles mehr oder weniger hüllenlos. Klick, klick, fertig ist das Nackt-Selfie. Egal ob vorm Spiegel, im Bett oder in der Badewanne – viele haben schon mal blankgezogen, sich im Adam-und-Eva-Kostüm fotografiert und das dann an den Partner geschickt. Nach Studien fast ein Drittel aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 25 Jahren. Die FKK-Nachricht – warum ist das eigentlich nach wie vor im Trend, trotz Horrorgeschichten über Mobbing in Schule und am Arbeitsplatz und trotz immer mehr Hackern, die nicht nur Stars, sondern auch Normalbürger mit freizügigem Material zu erpressen versuchen?

„Sexting“ setzt sich aus den Worten „Sex“ und „Texting“ zusammen und beschreibt das Versenden erotischer Fotos oder Videos von sich selbst. Kein neues Phänomen. Bereits vor Jahren warnte die Polizei: Der Austausch von intimen Selbstaufnahmen via Smartphone und Internet ist nicht ohne Risiko. Denn was per WhatsApp verschickt oder auf Facebook gepostet wird, kann nur mit großem Aufwand wieder gelöscht werden. Und das, was ursprünglich nur für den Kollegen oder den Liebsten gedacht war, sieht morgen womöglich das ganze Büro oder die ganze Schule. Schnell brechen dann Freundschaften auseinander und der ehemalige Freund oder die Freundin wird zum Feind. Ein furchtbarer Kreislauf inklusive Cybermobbing oder Cybergrooming sowie dem Erpressen weiterer Aufnahmen (sog. Sextortion) kann in Gange kommen. Sexting entsteht meist aus Neugier oder sozialem Druck, sagt der Hamburger Jugendforscher Rainer Wiesner: Viele Jugendliche setzen sich mit ihrer Sexualität auseinander – dazu gehört die Frage, ob man für andere interessant und begehrenswert ist. Was dabei begehrenswert ist, definieren sie für sich und orientieren sich dabei oft auch an Vorbildern. Diese finden sie im persönlichen Umfeld, aber auch in den Medien, etwa bei freizügigen Pop- und Film-Stars sowie durch pornografisches Material im Internet.

Ein anderer Beweggrund für Sexting sind Mutproben und Gruppenzwang. Während Jugendliche früher das Auto des Lehrers in Klopapier gewickelt haben, schießen sie heute Nacktfotos von sich. „Jungen fotografieren beispielsweise ihr Geschlechtsteil und üben Druck auf andere aus, das Gleiche zu tun“, meint Sabine Mosler, Jugendschutzreferentin der Niedersächsischen Landesmedienanstalt. Grundsätzlich kommt „Sexting“ unter Erwachsenen viel häufiger vor als unter Jugendlichen – und dagegen ist grundsätzlich auch nichts zu sagen, sagen Wissenschaftler. Studien haben bewiesen, dass Menschen in festen „befriedigenden“ Beziehungen sich sogar öfter „sexuell anzügliche“ Nachrichten schicken als andere. Wer das gerne möchte und reizvoll findet, soll das auch gerne weiter tun, sagt Experte Rainer Wiesner. „Es geht ja nicht darum, „Dirty Talks“ in die Schmuddelecke zu stellen oder den Menschen ihre sexuellen Fantasien zu nehmen, man sollte aber dennoch die Gefahren, auch die rechtlichen, berücksichtigen (was viele nicht wissen: Generell ist der Austausch von pornografischen Bildern für Minderjährige auch im Einvernehmen verboten) – und die eigenen Kinder auf diese Risiken hinweisen, ohne Sexting gleich zu verbieten.“

Nicht alles preisgeben

Tipps, damit das Blankziehen nicht irgendwann zum blanken Horror wird

Wenn schon „Sexting“, dann sollte man darauf achten, nicht das Gesicht zu zeigen. Auch Tattoos, markante Muttermale oder Piercings, die einen individuell machen, sollten nicht zu sehen sein. Auch sollten Fotos nie „alles“ zeigen, Fotos sind dafür da, die Fantasie des jeweiligen Partners anzuregen, das Kopfkino anzuschmeißen. Vor dem Abschicken: Adresse besser dreimal checken! Denn nichts ist peinlicher, als wenn die sexy Pics plötzlich bei den eigenen Eltern oder dem Ex landen. Man sollte sich auch nicht auf Sicherheitsfunktionen von Apps verlassen. Zum Beispiel darauf, dass Tinder die Fotos automatisch nach 24 Stunden löscht. In der Zeit kann sich das Foto bereits viral verbreiten. Auch bei Snapchat ist das Bild nicht gezwungenermaßen nach 30 Sekunden verschwunden. (RT)

“Ich träume von einem Stumpf”

Bizarre Störung: Wenn Gesunde sich um jeden Preis
eine Amputation wünschen

Sie lassen ihre Gliedmaßen absichtlich erfrieren oder sägen sie aus Verzweiflung selbst ab: Weltweit leiden Tausende Menschen unter BIID – einer der wohl seltsamsten Krankheiten der Welt. Die rechte Hand des jungen Mannes war normal und gesund. Aber er wollte sie weghaben. Also ging er in einen Baumarkt und kaufte sich eine Kettensäge …

Der Mann, der da von sich selbst erzählt – nennen wir ihn Stefan, seinen richtigen Namen möchte er nicht öffentlich machen – weiß genau, dass das völlig irre klingt. Aber er weiß auch, dass er nicht verrückt ist. Er ist krank. Er hat BIID. Unter Body Integrity Identity Disorder (deutsch: Körperintegritätsidentitätsstörung), Kurzform BIID, das tiefe Empfinden einer Person, dass sich bestimmte Körperteile oder Körperfunktionen fremd anfühlen oder nicht zur eigenen Person gehören. Es kommt zu einer Deckungsungleichheit zwischen innerem gefühlten Körperbild und äußerem tatsächlichen Körperbild. Das äußert sich in einem extrem hohen Leidensdruck und teilweise starken Depressionen. Wie viele Betroffene es in Deutschland gibt, ist unklar. Jedenfalls wesentlich mehr, als sich öffentlich „geoutet“ haben. Das sind nur einige wenige. Experten gehen davon aus, dass es mehrere Tausend Betroffene weltweit gibt, vor allem Männer. In mehr als 80 Prozent der Fälle wünschen sie eine Beinamputation, links häufiger als rechts. Nur wenige Betroffene, vor allem Frauen, wünschen Amputationen auf beiden Körperhälften. Weil in westlichen Ländern die Amputation von intakten Gliedmaßen verboten ist, lassen sich die Betroffenen teilweise in Asien operieren oder provozieren einen entsprechenden „Unfall“.

Stefan, Anfang 30, Student der Kulturwissenschaften, hat seine linke Hand so verletzt, dass er nun zwei Finger nicht mehr bewegen kann. Er wäre dabei beinahe gestorben, weil er trotz starker Blutung lange Zeit keine Hilfe geholt hatte. Stolz ist er auf seine Aktion nicht: „Ich werde dennoch weitermachen, ich muss meinen Weg zu Ende gehen“, sagt er. Man darf das ruhig als Ankündigung verstehen und nicht als Drohung. Seine Freunde nahmen ihm sein Märchen von dem tragischen Unglücksfall bei der Gartenarbeit ab. „Ich glaube nicht, dass sie die Wahrheit akzeptieren würden“, sagt er. „Das kann kaum einer.“ Er erzählt, dass er den Wunsch, sich zu verstümmeln schon seit seiner Kindheit hat. Und manchmal „so tut als ob“. BIID-Betroffene nennen das „Pretending“. Dann schnürt er sich den Arm ab, bis dieser völlig gefühllos ist, und bindet ihn ganz eng an seinen Körper. Einmal hat ihn seine Schwester dabei überrascht. Er beichtete ihr, was ihn umtreibt, sie reagierte geschockt. BIID kann man eben nicht verstehen, wenn man BIID nicht hat, sagt Stefan.

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Beschrieben wird es bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In einer medizinhistorischen Anekdotensammlung schildert ein französischer Chirurg, wie er von einem Mann unter vorgehaltener Pis-tole gezwungen wurde, dessen gesundes Bein zu amputieren. Vor rund einem Jahr nahm Stefan an der TU Braunschweig mit einigen anderen Betroffenen an einer Studie teil. Ziel: die Entstehung von BIID verstehen zu lernen sowie Behandlungsangebote auf ihre Wirksamkeit hin überprüfen. Gehört hat er seitdem nichts mehr: „BIID ist eben immer noch ein Rätsel für die Medizin …“ Auch Peter Brugger von der Züricher Klinik für Neurologie, der als einer der wichtigsten weltweiten Experten auf dem Gebiet von Körperintegritätsidentitätsstörung gilt, musste erst lernen, das merkwürdige Phänomen nicht als bizarre Macke abzutun: „Erst persönliche Kontakte mit Betroffenen haben mich überzeugt, dass ein ernst zu nehmender Leidensdruck dahinter steht“, sagt der Professor für Verhaltensneurologie und Neuropsychiatrie.

Inzwischen gibt es einige Forscher, die sich wie Brugger mit BIID beschäftigen. Sie streiten vor allem um die Frage: Woher kommt BIID? Die Psychologen gehen davon aus, die Ursachen liegen im Kopf. Schwere Kindheit. Wunsch nach Anerkennung. Narzissmus. Die Neurologen sagen, die Ursachen liegen im Gehirn.Doch daraus ergibt sich gleich die nächste Frage: Haben Menschen BIID, weil ihr Gehirn anders ist? Oder ist ihr Gehirn anders, weil sie BIID haben? Viele BIID-Betroffene argumentieren mit Selbstbestimmung und fordern das „Recht auf Amputation“. Doch Gesetze und Mediziner stemmen sich aus ethischen Gründen gegen die Amputation eines gesunden Körperteils. Solchen, die es doch tun, drohen Konsequenzen. 1997 nahm der schottische Arzt Robert Smith einem Engländer den gesunden linken Unterschenkel ab; zwei Jahre später entfernte Smith einem Deutschen ein Bein. Smith hätte beinahe seine Approbation verloren. Mehr Informationen zum Thema unter www.biid-dach.org; www.vfsk.eu. (RT)

Weniger Einbrüche, mehr Gewaltdelikte…

Wie gefährlich ist Lüneburg

Die Lüneburger leben in einer sicheren Region, sagte Polizeipräsident Robert Kruse bei Veröffentlichung der aktuellen polizeilichen Kriminalstatistik. Aber ist das wirklich so? „Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast …“ ist ein Zitat, das die einen Wins—ton Churchill zuschreiben, andere meinen, es stamme wohl von Joseph Goebbels. Wer auch immer der wahre Urheber sein mag – in dem Satz steckt eine schicksalhafte Note, die an der Wirklichkeit vorbeischrammt. Denn es ist natürlich keineswegs so, dass jede Statistik gelogen ist oder sein muss. Sich aber Misstrauen immer ein wenig gegenüber nackten Zahlen zu bewahren, kann auch nicht schaden.

Auch die gerade vorgelegte Polizeiliche Kriminalstatistik für die Polizeidirektion (PD) Lüneburg (Landkreise Celle, Harburg, Heidekreis, Lüneburg, Lüchow-Dannenberg, Rotenburg, Stade und Uelzen) enthält naturgemäß eine Reihe von Zahlen – und die sehen auf den ersten Blick erst einmal sehr positiv aus. Danach sind die Straftaten für das Berichtsjahr 2016 leicht gesunken, fielen von 83.174 (2015) auf 82.444 (2016). Erfreulicherweise konnte dabei auch die Aufklärungsquote auf 62,41 Prozent gesteigert (2015: 61,68 Prozent) werden. Die Aufklärungsquote liegt damit sogar etwas höher als der Landesschnitt von 61,41 Prozent, was Polizeipräsident Robert Kruse veranlasste, die seiner Meinung nach „beharrliche und konsequente, ständig an neue Entwicklungen angepasste, Aufklärungsarbeit“ besonders zu loben. „Dies ist auch Ausfluss der Strategie 2020, mit der wir die Polizei modernisieren und fit für die Zukunft machen“, so Kruse weiter. Die Polizei will damit sich abzeichnende Entwicklungen pro-aktiv angehen und nicht erst auf aktuelle Entwicklungen reagieren. „Dies bedeutet einen echten Sicherheitsgewinn für die Bürgerinnen und Bürger.“

Den größten Rückgang verzeichnet die PD Lüneburg bei der zahlenmäßig größten Deliktsgruppe, den Diebstahlsdelikten. Sie sind um 2.349 Delikte auf 30.096 Diebstähle zurückgegangen. Die Zahl der Wohnungseinbruchdiebstähle ist ebenfalls rückläufig. Der Höchstwert des Jahres 2015 (3.344 Fälle) sank damit um 84 Fälle auf 3.260. Was allerdings nicht verschwiegen werden sollte: Die Aufklärungsquote liegt in diesem sehr aufklärungsintensiven Deliktsfeld nur bei 23,28 Prozent…

Ein sensibles Thema ist die Gewalt von und unter Flüchtlingen: „Die Befürchtung, dass sich durch den Zuzug von Flüchtlingen die Wahrscheinlichkeit erhöht, Opfer einer Straftat zu werden, hat sich nicht bestätigt“, so Kruse lapidar. Auch hier gibt es jedoch ein großes „Aber“. Immerhin gelten Flüchtlinge als Tatverdächtige für 5.369 Straftaten. Und darunter sind auch viele sogenannte Rohheitsdelikte – also genau solche Straftaten, die die Bevölkerung besonders beunruhigen. Rohheitsdelikte sind zum Beispiel Raub und Körperverletzung oder Straftaten gegen die persönliche Freiheit. In diesem Deliktsfeld gab es einen Anstieg um 1.139 auf 12.757 Fälle. Ebenfalls alles andere als positiv stimmt auch die zunehmende Gewalt gegen Polizeibeamte. Insgesamt 494 Fälle registrierte die Statistik für 2016 (2015: 428), ein Plus von über 13,3 Prozent. Doch trotz dieser „eindeutig zweideutigen“ Statistik, die leider auch wieder viele Fragen offen lässt (Wie viele Bürger verzichten beispielsweise auf Anzeigen etwa bei Beleidigungen, Diebstahl von Fahrrädern, Nötigungen im Straßenverkehr etc., weil sie einfach nicht mehr daran glauben, dass diese was bewirken? Wie viele Pöbeleien gegen Staatsdiener – nicht nur Polizisten – werden anders als in vergangenen Jahren gar nicht mehr zur Anzeige gebracht? Und was ist eigentlich mit den unaufgeklärten Mordfällen in der Region Lüneburg, die zu einem Teil jetzt dem durch DNS-Spur überführten Göhrde-Mörder Kurt-Werner W. zugesprochen werden? Ist er tatsächlich für diese Verbrechen verantwortlich, oder laufen da Serienmörder in der Stadt frei herum?), zeichnet Kruse ein optimistisches Bild:

„Insgesamt kann ich ein positives Fazit für die Bürgerinnen und Bürger im Bereich der Polizeidirektion Lüneburg ziehen. Sie leben in einer sicheren Region. Unsere gut ausgebildeten und engagierten Polizeibeamtinnen und -beamten sind für sie da und sorgen dafür, dass sie sich auch in Zukunft sicher fühlen können.“ Auch wenn man dem Lob an die Polizeibeamten der Stadt durchaus zustimmen kann, ein Gefühl der Sicherheit will sich nicht einstellen: Dass die Zahl der Straftaten für die Polizeidirektion Lüneburg sinkt, ist zwar zweifellos ermutigend. In erster Linie geht das aber auf Delikte wie Diebstahl und Einbruch zurück, wobei die Aufklärungsrate hier nach wie vor erschreckend gering ist. Noch nicht einmal bei jedem vierten Wohnungseinbruch kann ein Täter ermittelt werden. Was das Heile-Welt-Bild ins Wanken bringt, ist die Entwicklung zum Beispiel bei Raubstraftaten, bei Körperverletzungen und der Gewalt gegen Polizeibeamte. Hier gibt es deutliche Anstiege und auch nichts zu beschönigen. Statistik hin oder her… (RT)

Alternative Wohnformen in Lüneburg

Wohnprojekt Gemeinschaft.Sinn vor dem Start-Förderer gesucht

Teuer, teurer, Miete! Bezahlbarer, lebenswerter Wohnraum wird zunehmend zur Mangelware. Nicht nur in Großstädten. Immer mehr Menschen wollen das so nicht länger hinnehmen, streben nach alternativen Wohnformen, die einen Gegenentwurf darstellen zu einem Leben in der Kleinfamilie, zu Vereinzelung oder Vereinsamung. In den letzten Jahren haben solche Wohnprojekte auch in Lüneburg enorm an Bedeutung zugenommen. Im Sommer 2015 konnte das über zwölf Jahre erkämpfte Wohnprojekt LeNa (Lebendige Nachbarschaft) bezogen werden, Anfang 2016 das Wohnprojekt RÄUME in Rettmer. Das Wohnprojekt Gemeinschaft.Sinn e. V. in Lüneburg steht neben anderen in den Startlöchern.

Bis es soweit war, mussten zahlreiche bürokratische Hürden überwunden werden: So hatte sich Gemeinschaft.Sinn seit mehreren Jahren um ein Gebäude der ehemaligen Schlieffen-Kaserne an der Bleckeder Landstraße bemüht. Kurzfristig musste jedoch aufgrund der nicht abgeschlossenen Verhandlungen umdisponiert werden. Mitgründerin Heike Rode: „Für uns ist das Wichtigste: Wir wollen ein Wohnprojekt jetzt! Zumin dest nicht erst in zehn Jahren. Wir wünschen uns ein Haus, in dem die Bewohner in unterschiedlichen Lebensentwürfen und Wohnformen leben können und das unabhängig von den finanziellen Mitteln der Einzelnen zugänglich sein soll.“

Die Hoffnung der Wohnprojektsgruppe Gemeinschaft.Sinn ruht jetzt auf einem Grundstück am Meisterweg, das nach einer Kaufzusage der Stadt Lüneburg in Kürze auch bebaut werden kann. In Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Neustadtarchitekten in Hamburg und der Projektentwicklung PlanW ist ein Gebäude geplant, das unter anderem viele gemeinschaftliche Flächen bietet. Heike Rode: „Finanziert wird das Wohnprojekt nach dem Konzept des Mietshäusersyndikat, das dauerhaft sozialverträgliche Mieten und Selbstverwaltung durch die Bewohner garantiert.“

Das Mietshäusersyndikat blickt auf über 20 Jahre Erfahrungen und Erfolg mit der Finanzierung durch Direktkredite zurück und vereint 117 selbstverwaltete Wohnprojekte und gewinnt immer mehr Anhänger. Doch es braucht auch Unterstützer, also Menschen, die einen Teil ihrer Ersparnisse, ihrer Notgroschen, ihres finanziellen Puffers, der Rücklage fürs Alter beziehungsweise des potenziellen Erbes oder ähnliches statt einer Bank lieber einem Wohnprojekt anvertrauen, das auf Gemeinschaftlichkeit und Solidarität setzt. Heike Rode: „Diese Privatdarlehen – sogenannte Direktkredite – sind quasi unser Eigenanteil für den Bankkredit, den wir benötigen, um unser Haus bauen zu können.“

Damit dabei auch alles seine Ordnung hat, wird mit den Kreditgebern ein ganz normaler Kreditvertrag (Nachrangdarlehen) abgeschlossen, in dem Kredithöhe (ab 500 €), Zinshöhe (bis 1.5%) und Laufzeit (3 Monate oder mehr) festgelegt werden. Das bedeutet: Das Geld wird verzinst und kann wie bei einer Bank gekündigt werden und wird dann zurückgezahlt. Heike Rode:„Wir sind sicher, dass wir viele Menschen finden, die uns helfen, dieses Projekt mit Leben zu erfüllen. Es wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Modellprogramms „Gemeinschaftlich wohnen, selbstbestimmt leben“ gefördert. Alle, die hier mitmachen, unterstützen eine soziale Stadtentwicklung und die Schaffung von Wohnraum zu sozialverträglichen und stabilen Mieten!“

Im kommenden Jahr könnten schon weitere alternative Wohnoprojekte in Lüneburg folgen, nachdem die Stadt signalisiert hat, dass in dem neu geplanten Baugebiet am Wienebütteler Weg entsprechend Platz vorgesehen ist. Interessierte sollten sich an das Bauamt der Stadt wenden. (RT)

Mehr Infos auch unter

www.gemeinschaftsinn.wordpress.com

www.mehr-leben-wohnprojekt.org.

Was ist eigentlich noch erlaubt?

Ist ein schlüpfriger Witz schon „seelische Vergewaltigung“?

Ist Harvey Weinstein überall? Seit dem feisten Ex-Hollywood-Produzenten von dutzenden Frauen vorgeworfen wurde, sie sexuell belästigt zu haben, ist das Thema in der internationalen Öffentlichkeit breit diskutiert worden. Vor allem in den sozialen Medien gab und gibt es unzählige Nachrichten unter dem Hashtag #MeToo. Viele teilen dort ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung.  Auch hierzulande läuft die Sexismus-Debatte heiß. Eifrig wird darüber diskutiert, was die Männerwelt sich Frauen gegenüber alles zu erlauben glaubt und geleistet hat. Eine Frage drängt sich da ganz automatisch auf: Sind alle Männer Schweine, oder schießt vielleicht die ganze Diskussion doch übers Ziel hinaus?

 Ein Problem ist: Viele der angeführten Fälle scheinen sehr individuell zu sein. Was der eine als schmeichelhaft empfindet, sieht die andere bereits als sexuelle Belästigung. Daraus entsteht Unsicherheit, und die drückt sich auch dadurch aus, dass unter dem Schlagwort Sexismus mittlerweile höchst unterschiedliche Vorfälle zusammengefasst werden. Am Rande von „#MeToo“ und ähnlichen Diskussionen ist zum Beispiel erst von einem erzwungenen Oralverkehr die Rede, einem Verbrechens-Tatbestand also, und dann wieder von einem Mann, der im Büro gerne schlüpfrige Witze erzählt. Das sei für dessen Kolleginnen eine „seelische Vergewaltigung“, heißt es dazu im Netz. Doch hilft eine solche Trivialisierung wirklich? Den ungezählten – und oft nicht erzählten – echten, schweren Fällen wird sie wohl eher nicht gerecht. Denn es gibt Unterschiede: Das Strafrecht kennt kein „#MeToo“, sondern es reicht von Beleidigung auf sexueller Grundlage über sexuelle Übergriffe und sexuelle Nötigung bis hin zur Vergewaltigung. Alles schlimm, aber eben auch alles anders. Das Elend der aktuellen Debatte ist: In Wirklichkeit wollen alle Seiten möglichst schnell generalisieren. Jedes Ereignis gilt als exemplarisch. Männer sollen über sich nachdenken, weil in den USA ein Kretin seine Machtposition missbraucht hat. Frauen gelten dagegen als geifernde Feministenweiber, weil diese tatsächlich nicht mehr schweigen müssen. Ihnen wird vorgeworfen, sich „erst jetzt“ zu melden. Und insgeheim wird den meisten Vorwürfen nicht geglaubt. Immerhin, so heißt es, können Frauen mit dem Sexismus-Vorwurf sogar Macht ausüben, indem sie Männer fälschlich beschuldigen. Das kann heutzutage Existenzen vernichten, weshalb es zum Beispiel schon Uni-Professoren geben soll, die sich weigern, mit ihren Studentinnen allein einen Fahrstuhl zu betreten. Wo fängt sexuelle Belästigung von Frauen tatsächlich an? Letztlich hängt das wohl von der individuellen Toleranzgrenze jeder Frau ab, und die ist offenbar auch abhängig davon, wo man beziehungsweise Frau sozialisiert worden ist.

Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstitut YouGov in sieben europäischen Ländern zeigt jedenfalls: In Deutschland haben viele Menschen anscheinend eine relativ hohe Toleranzgrenze – ganz anders als etwa in Großbritannien und Frankreich. Bei vielen Aspekten seien sich die Befragten in den verschiedenen Ländern zwar einig, schlussfolgern die Meinungsforscher. So sei es jeweils für die Mehrheit ein No-Go, wenn Männer Frauen zu sexuellen Gefälligkeiten auffordern, ihnen an den Po fassen, Genitalien entblößen oder versuchen, Frauen unter den Rock zu fotografieren. Bei anderen Aspekten gelte jedoch: „Andere Länder, andere Sitten.“ Die Mehrheit der britischen und französischen Frauen betrachtet laut YouGov – anders als in Deutschland und den skandinavischen Ländern – zum Beispiel bereits den Blick aufs Dekolleté als sexuelle Belästigung. Auffallend ist, dass ausgerechnet die Franzosen, die gemeinhin als besonders gut im Flirten gelten, wesentlich häufiger als die übrigen Befragten sagen, schon Zuzwinkern könne sexuell belästigend sein. Fast jeder vierte Franzose sieht das so. In Deutschland antworteten gerade einmal sechs Prozent entsprechend, wobei Männer und Frauen nahezu einer Meinung sind. Wenn ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten die Würde der betroffenen Person verletzt, spricht man von sexueller Belästigung. Dazu zählen laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz:

FLUGENTSCHÄDIGUNG

  • Unerwünschte sexuelle Handlungen (oder die Aufforderung dazu), zum Beispiel das Suchen bedrängender, körperlicher Nähe oder Einladungen mit eindeutigem Inhalt
  • Sexuell bestimmte, körperliche Berührungen wie ein Klaps auf den Po oder scheinbar zufälliger Griff an die Brust
  • Bemerkungen sexuellen Inhalts wie anzügliche Witze oder sexuelle Anspielungen
  • Nicht erwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornografischen Darstellungen

Jede sexuelle Handlung, die an einer anderen Person gegen deren Willen vorgenommen wird, gilt zudem als eine Form von sexueller Gewalt. Am Arbeitsplatz ergeben sich durch die tägliche Zusammenarbeit und die organisatorischen Strukturen spezielle Formen der sexuellen Belästigung. So zeichnet sich sexuelle Belästigung, ergänzend zu den im Gleichbehandlungsgesetz genannten Punkten, aus durch:

  • die Androhung beruflicher Nachteile bei sexueller Verweigerung
  • das Versprechen von Vorteilen bei sexuellem Entgegenkommen bis hin zur Vergewaltigung
  • aufdringliche, unangenehme Blicke
  • nicht erwünschte Mails mit sexuellen Inhalten
  • unerwünschtes Zeigen oder Zusenden von Bildern mit pornografischen Inhalten

Interessant: Männer erfahren eher sexuelle Belästigung durch Mails oder SMS, Frauen direkt im Büro, auf den Fluren oder im Fahrstuhl. (RT)

Hilfe & Beratung

– Opferhilfe Weißer Ring: Tel. 11 60 06

– Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: Tel. 08000 116016, kostenfreie Hilfe in 15 Sprachen

– Antidiskriminierungsstelle: Tel. (0 30) 1 85 55 – 18 65, kostenlos, vermittelt an geeignete Beratungsstellen weiter

 

Mehr als 7,5 Millionen Deutsche sind „funktionale Analphabeten“

Wenn Sie diesen Text jetzt lesen, dann gehören Sie offensichtlich nicht zu den Betroffenen. Es bereitet Ihnen keine Schwierigkeiten, am Bahnhof die Tabelle der Abfahrts- und Ankunftszeiten zu studieren und Sie verwechseln beim Hausputz das Spülmittel nicht so leicht mit dem Essigreiniger. Auch das, was einer Mutter in Bremen passiert ist, wird Ihnen vermutlich immer erspart bleiben.

Die 53-jährige mit Leseschwäche hatte eine SMS von ihrem minderjährigen Sohn aus dem Kino erhalten und daraufhin in größter Sorge die Polizei alarmiert. Elf Kinosäle wurden in der Folge geräumt – grundlos, wie sich schließlich bei einem (zu späten) Blick eines Beamten auf die SMS herausstellte. „Musst mich nicht abholen. Werde rumgebracht“, hieß es dort. Gelesen hatte die Frau allerdings (die das in sehr aufgeregtem Ton so auch an die Polizei weitergegeben hatte): „Werde umgebracht“.

Nach zügiger Aufhebung der Räumung entschuldigte sich die Mutter unter Tränen zwar mehrmals bei allen Beteiligten. Das Kino will dennoch Regressansprüche prüfen …

Die Bremerin gehört zu einer Gruppe von Betroffenen in Deutschland, deren Größe erschreckt: 14,5 Prozent aller Menschen zwischen 18 und 64 Jahren können einfache Wörter, Sätze oder Texte nicht oder kaum lesen und nur schlecht schreiben – über 7,5 Millionen!

Der Fachbegriff hierfür lautet „funktionaler Analphabetismus“. Sogenannten „totalen Analphabetismus“, bei dem die Betroffenen Buchstaben und Wörter noch nie gesehen haben, gibt es in Deutschland dank der acht- jährigen Schulpflicht kaum noch.

Allein in Niedersachsen leben etwa 750.000 Analphabeten – das ergeben Schätzungen des Wissenschaftsministeriums. Für den Landkreis Lüneburg gibt es keine Zahlen, doch laut Ministerium ist von einigen zigtausend auszugehen.

„Die steigenden Anforderungen in der Gesellschaft machen das Phänomen erst sichtbar“, sagt Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisierung. Vor allem ältere Menschen könnten schlechter lesen und schreiben, erklärt Hubertus. „Früher hatte jeder seinen Platz in der Gesellschaft, jetzt kommen mehr Menschen nicht mehr mit ihren Kompetenzen aus.“

Doch den Betroffenen fehle der Mut, sich ihrem Problem zu stellen. Darunter seien auch viele junge Menschen. „Erst, wenn es wirklich nicht mehr anders geht, findet ein Umdenken statt.“ Bundesweit besuchten allerdings immer noch nur etwa 20.000 Analphabeten Lese- und Schreibkurse.

Kein Wunder, dass es vielen nicht gelingt, im Arbeits- leben dauerhaft Fuß zu fassen. Dabei überrascht fast mehr, dass vier Millionen Analphabeten täglich einer Arbeit nachgehen. Denn für die meisten Jobs braucht man heute Lese- und Schreibkompetenz – beispiels- weise um Maschinen zu bedienen oder sicher mit dem PC umzugehen.

Maria S. aus Adendorf arbeitete einige Monate im Café. Was sie täglich erlebt hat, ergeht vielen anderen Analphabeten nicht anders: „Auswendig lernen ist das A und O. Da bin ich richtig gut drin“, erzählt sie. „Mit den Tischnummern ist das ein Problem. Darum male ich mir den Gast, so wie er aussieht, einfach auf meinen Block auf. Wird Kuchen und Kaffee bestellt, notiere ich das in meiner eigenen Schrift. Manchmal habe ich auch eigene Zeichen dafür. Bei der Kasse brauchte ich zum Glück nicht zu rechnen. Die Kasse hat mir ja immer angezeigt, wie viel Wechselgeld ich zurückgeben muss. Wenn ich am Platz abkassieren musste, habe ich meinem Block versteckt und alles in einen Mini-Taschenrechner getippt, damit keiner merkt, dass ich nicht rechnen kann.“

Irgendwann hat das aber doch eine Kollegin gemerkt, die reagierte aber gut, wollte helfen, bot sogar an, mit Maria gemeinsam einen VHS-Kurs zu besuchen und ihr Nachhilfe zu geben: „Das war mir aber peinlich, ich habe gekündigt und den Kontakt abgebrochen, jetzt arbeite ich als Putzfrau. Da habe ich meine Ruhe…“

Immerhin 34 Prozent der Beschäftigten und 42 Prozent der Arbeitgeber kennen einen oder mehrere Kollegen, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Betriebsräte oder engere Kolleginnen und Kollegen sollten die Betroffenen ermuntern, es zu lernen, meinte Bildungsministerin Johanna Wanka anlässlich des all- jährlichen Weltalphabetisierungstags am 8. September.

Gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund hat das Bundesbildungsministerium jüngst ein Konzept zum Einsatz von Lernberaterinnen und –beratern in den Betrieben entwickelt. Auch Unternehmen sollen motiviert werden, betroffene Beschäftigte zu fördern. Das Bundesbildungsministerium will künftig jedes Jahr ein in der Alphabetisierung besonders engagiertes Unter- nehmen mit einem Preis auszeichnen.

Ein besonderes Problem könnte noch im Zuge der Migrations-Krise auf Deutschland zukommen und die Analphabeten-Zahlen steigen lassen. Viele Zugewanderte haben nur bruchstückhafte Deutschkenntnisse, die kaum für die Verständigung im Alltag ausreichen.

Zum einen stammen sie aus Ländern ohne Schulpflicht. Zum anderen sind viele Jugendliche bereits jahrelang auf der Flucht und konnten keine Schulen besuchen.

Was Focus-Herausgeber Helmut Markwort in einem Kommentar schreibt, ist nicht von der Hand zu weisen: „Von den grünen Politikern, die alle Migranten als ‚Bereicherung‘ bezeichnen, bis zum Bundespräsidenten Gauck, der für eine Änderung unserer Nation plädiert, gibt es viele Schwärmer, die sich selbst und der Öffentlichkeit Illusionen vorgaukeln.“

Und genau diese Illusionen könnten Deutschland noch schwerwiegende Bildungs-Verwerfungen bescheren, denn keine drängende Frage ist geklärt: Wer unterrichtet die vielen Migranten-Kinder, die darauf selbstverständlich Anspruch haben? Woher soll man die Lehrer für die Vorbereitungskurse nehmen? Woher die Schulpsychologen, die die möglichen Traumata der Schüler bearbeiten? Woher die Unterrichtsräumlichkeiten?

Auch im Lüneburger Rathaus macht man sich darüber Gedanken und hat – wie auch? – noch keine definitive Strategie. Doch die wird dringend benötigt: Denn das Erlernen von Schrift und Sprache ist wesentlich, wenn es um echte Integration in die Gesellschaft geht (das gilt übrigens nicht nur für Asylanten).

Für alle anderen Probleme finden sich immer Lösungsmöglichkeiten… (RT)

New und Fakten

Der Weltalphabetisierungstag wird jedes Jahr am 8. September begangen. Er wurde von der UNESCO im Anschluss an die Weltkonferenz zur Beseitigung des Analphabetentums 1965 in Teheran ins Leben gerufen.

Zwei Drittel der Analphabeten in der Welt (ca. 800 Millionen) sind Frauen und Mädchen. Dieser Anteil konnte seit 1990 nicht vermindert werden. Auch 250 Millionen Kinder weltweit sind nicht
in der Lage, einen Text zu lesen und Wörter zu schreiben, obwohl sie mindestens vier Jahre eine Schule besucht haben. 557 Millionen der erwachsenen Analphabeten leben in nur zehn Ländern.

Das Bundesbildungsministerium wird in dieser Dekade mit bis zu 180 Millionen Euro Alphabetisierungsprojekte fördern. Gemeinsam mit dem Volks- hochschulverband sollen neue Kurskonzepte und Selbstlernmöglichkeiten geschaffen werden, die auch über Smartphones genutzt werden können. Die geförderten Programme und Projekte stehen für Flüchtlinge offen, um sie beim Deutschlernen zu unterstützen.

Unter der Telefonnummer 0800-53 33 44 55 gibt das Alfa-Telefon Informationen über Lese- und Schreibkurse im gesamten Bundesgebiet. Der Bundesverband Alphabetisierung und Grund- bildung bietet diesen Beratungsservice an.

Vermisste Kinder

Steigen die Zahlen von verschwundenen Kindern und Jugendlichen ?

Es ist die Urangst von Eltern: Das eigene Kind ist von einer Sekunde auf die andere spurlos verschwunden und taucht nicht mehr auf. Nicht nach Tagen, nicht nach Wochen, nicht nach Jahren. Was bleibt, ist nur quälende Ungewissheit über das, was passiert sein könnte. Ein Albtraum für die Angehörigen. Doch wie oft passiert das wirklich in unserem Land? Einige Medien schüren Ängste, suggerieren ein hohes Gefährdungspotenzial für alle Kinder. Wenn beispielsweise der NDR kurz vor dem Internationalen Tag der vermissten Kinder im Mai auf seiner Internetseite titelt: „Fast 170 Kinder werden in Niedersachsen vermisst“, zeigt das natürlich Wirkung. Dass in dem Text selbst und in einem wenige Tage später erscheinenden nochmaligen Bericht zu dem Thema zu lesen ist, dass sich „glücklicherweise die meisten Fälle nach kurzer Zeit von selbst aufklären“, geht fast unter.  Ohne die schlimmen Einzelfälle, in denen Kinder und Jugendliche tatsächlich spurlos verschwunden bleiben, herunterspielen zu wollen – jeder Fall ist für sich schrecklich genug – handelt es sich hier offensichtlich um kein besorgniserregendes Phänomen. Auch die Vermissten-Zahlen steigen seit Jahren nicht.

Das Bundeskriminalamt (BKA) kritisiert denn auch jede Panikmache: „In der Berichterstattung entsteht mitunter der Eindruck, dass die Anzahl nicht wieder aufgefundener Kinder beziehungsweise nicht aufgeklärter Fälle dramatisch hoch sei, eine maßgebliche Anzahl vermisster und nicht wieder aufgefundener Kinder Opfer sogenannter Kinderpornografie-Ringe seien, die Polizei nicht genug unternehme, um dem Einhalt zu gebieten. Das ist nicht so.“ Wie es tatsächlich ist, belegt ein Blick auf die 1992 von den Polizeidienststellen aller Länder in Betrieb genommene Datei „Vermi/Utot“ (Vermisste/ Unbekannte Tote). Darin enthalten sind die Daten sämtlicher in Deutschland gemeldeter aktueller Vermissten-Fälle, unbekannter Leichen, nicht identifizierter hilfloser Personen sowie die dem BKA gemeldeten ausländischen Fälle. Im Mai 2017 waren hier insgesamt rund 16.300 aktuelle Vermisstenfälle gespeichert. Darunter zirka 14.000 in Deutschland als „vermisst“ gemeldete Personen. In dieser Zahl sind sowohl Fälle enthalten, die sich innerhalb weniger Tage aufklären, als auch Vermisste, die bis zu 30 Jahre verschwunden sind. Täglich werden jeweils etwa 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht. Erfahrungsgemäß erledigen sich etwa 50 Prozent der Vermissten-Fälle innerhalb der ersten Woche. Binnen Monatsfrist liegt die „Erledigungs-Quote“ bereits bei über 80 Prozent. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewegt sich bei nur etwa drei Prozent.

Etwa die Hälfte aller Vermissten sind Kinder und Jugendliche. Für ihr Verschwinden gibt es die unterschiedlichsten Gründe (zum Beispiel Probleme in der Schule oder mit den Eltern, Liebeskummer etc.). Am 23.5.2017 waren in Deutschland – gerechnet ab dem frühesten registrierten Vermisstendatum 3.3.1951 – insgesamt 1.869 ungeklärte Fälle zu vermissten Kindern in der Datei „Vermi/Utot“ erfasst. Mehr als die Hälfte dieser Kinder sind unbegleitete Flüchtlinge oder wurden ihren Sorgeberechtigten entzogen. Die Gesamtzahl beinhaltet darüber hinaus Dauerausreißer/Streuner, das heißt, Kinder, die wiederholt weglaufen beziehungsweise aus ihrem gewohnten Lebensumfeld verschwinden. Insgesamt kann man damit sagen, dass tagtäglich zwar viele Kinder als vermisst gemeldet werden, jedoch der Anteil der Kinder, deren Verbleib auch nach längerer Zeit nicht geklärt werden kann, sehr gering ist. Bei wie vielen vermissten Kinder zu befürchten ist, dass diese Opfer einer Straftat oder eines Unglücksfalls wurden, sich in einer Situation der Hilflosigkeit befinden oder nicht mehr am Leben sind, ist schwierig zu beantworten. Vermutlich aber nur ein Bruchteil. Fakt ist: Von den bereits angesprochenen 170 Kindern, die in Niedersachsen aktuell „abgängig“ sind, geht das niedersächsische LKA in lediglich fünf Fällen davon aus, dass die Kinder tatsächlich Opfer einer Straftat wurden. Lüneburgs Polizeisprecher Kai Richter: „In

Lüneburg ist mir dazu kein aktueller Fall bekannt.“ Falls eine Vermisstensache nicht aufgeklärt wird, bleibt die Personenfahndung bis zu 30 Jahre bestehen. Darunter gibt es rätselhafte Fälle, in denen die Ermittler völlig im Dunkeln tappen. Der Fall Katrin Konert ist so einer. Von der damals 15-Jährigen aus dem Wendland fehlt seit rund 6.000 Tagen jede Spur. Die Polizei bildete eine Sonderkommission, die Sendung „Aktenzeichen XY…ungelöst“ berichtete mehrfach. Gefunden wurde das Mädchen bis heute nicht. Inzwischen wäre Katrin über 30, hätte vielleicht selbst Kinder. Für die Familie von Katrin Konert ist ihr Verschwinden ein immerwährender Horrortrip. Es schnürt einem den Magen zu, wenn man darüber nachdenkt, was da täglich an Leid zu erdulden ist. Für Außenstehende sollte das Schicksal der Verschwundenen – aller Verschwundenen – aber dennoch kein Anlass sein, falsche Ängste zu schüren. (RT)

Mehr Infos unter www.vermisste-kinder.de.

Eltern im Beschützerwahn

Sie tun scheinbar alles für ihre Kinder und machen sie damit unglücklich

In der Regel wollen Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Manche meinen es jedoch zu gut. Die Rede ist von „Helikopter-Eltern“, die ihre Kinder vor allem und jedem beschützen wollen.  

Gymnasium Oedeme: Der ganz normale Montagmorgen-Wahnsinn. Der Schulparkplatz ist bereits proppevoll, kaum ein Durchkommen noch. Aber wen juckt das? Die Eltern, die mit ihren kleinen und größeren Karossen anrollen, schon mal gar nicht. Sie wollen ihren Kindern auf keinen Fall zumuten, dass sie ihren ach so schweren Schulranzen die wenigen Meter von der Bushaltestelle bis ins Schulgebäude ganz allein schleppen müssen. Also befahren sie das Schulgelände jeden Tag wieder und sorgen so für einen alltäglichen Verkehrsstau vor der Schule. Selbstverständlich werden die Kids auch nicht einfach aus dem Auto geworfen. Nein!

Mutti oder Papi steigen natürlich mit aus. Im harmlosesten Falle bekommen die Sprösslinge nur einen Schmatzer aufgedrückt, aber am liebsten würden die Eltern ihre Kinder noch bis in den Klassenraum begleiten, so wie sie es von der Grundschule her gewohnt sind. Einigen der Überbehüteten ist das Getue ihrer Erzeuger peinlich – man sieht es ihnen förmlich an, wie sie es drängt, endlich wegzukommen aus der Umklammerung. Sie schämen sich für ihre nervigen Eltern, doch die merken nichts. Vielerorts ist die Problematik ähnlich. Die Leiterin der Anne-Frank-Grundschule in Lüneburg-Kaltenmoor beschwerte sich bereits öffentlich über den „verkehrstechnisch rechtsfreien Raum“ morgens und mittags vor ihrer Schule. In Hannover und Berlin gibt es bereits Pilotprojekte: In bestimmten Straßen dürfen die Eltern nicht mehr bis zur Schule fahren.

Sogenannte Helikopter-Eltern sind nach Auskunft des Dudens Eltern, die ihre Kinder aus übertriebener Sorge ständig überwachen. Ein Phänomen, das zuzunehmen scheint. Nicht nur hierzulande, international. Aus Angst, etwas falsch zu machen oder zu versäumen, schweben immer mehr Eltern einer militärischen Eingreiftruppe gleich über ihren Kindern – bereit, bei den kleinsten Unwägbarkeiten herbeizustürmen und alles ins Lot zu bringen. Helikopter-Eltern, die die totale Lufthoheit über das Kind an sich reißen und zwanghaft alles um es herum steuern, wollen ihre Kleinen zu einem Gesamtkunstwerk formen. Die Folge kann sein: Die Kinder werden dadurch unselbstständig, unengagiert und maßlos anspruchsvoll. Eine Generation alles, sofort, überall und immer wächst heran. Der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrervereins, Josef Kraus, hat zu der Fehlentwicklung ein lesenswertes Buch veröffentlicht. (Helikopter-Eltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung). Die Kernsätze: „Unsere Gesellschaft hat Maß und Mitte verloren: gar keine Fürsorge auf der einen Seite und viel zu viel auf der anderen. Gerade umsorgende Eltern haben sich von vermeintlich kompetenten Seiten einreden lassen, dass man die Zukunft der Kinder fest in den Griff nehmen müsse. Die Folge sind Drill und Kontrolle. Jedoch: Die Fixierung auf die Zukunft nimmt den Heranwachsenden die Gegenwart und macht sie schließlich zu unmündigen Erwachsenen.“

Dazu kommt meist noch ein übertriebener Erfolgsdruck, der wiederum zu starken Stress-Symptomen bei den Kindern führt. Auch Gemütsschwankungen sind weit verbreitet, belegen US-Studien. Laut Bericht in der „Washington Post“ erkranken College-Studenten, die Helikopter-Eltern hatten, häufiger an Depressionen. Was sind die Ursachen für solches (Fehl-)Verhalten? Viele dieser „Helikopter-Eltern“ verlieren aus den Augen, dass eine Mutter und ein Vater sich in den Dienst der Erziehung ihrer Kinder stellen sollten. Bei ihnen tritt das Kind mit seinen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Herausforderungen in den Hintergrund. Stattdessen tritt der Erfolg bzw. die Abwehr des Scheiterns der Eltern in den Vordergrund. Dies mündet teilweise in absurdes Verhalten. Soziale Kontakte werden untersagt, die Wohnung darf nicht verlassen werden, die Kinder werden vom Sportverein abgemeldet etc. Die Eltern wollen alles wissen, ständig informiert werden und auch mitreden. Josef Kraus: „Sie vertrauen der Welt einfach nicht, in der sich ihr Kind aufhält und aufhalten will und verlieren es möglicherweise dadurch. Kinder sind nicht dazu da, unsere Wünsche zu erfüllen.“ (RT)

Das richtige Maß finden!

Versuchen Sie, herauszufinden:

  • Um was geht es mir wirklich – um mein Kind und meine Familie, oder in erster Linie um mich?
  • Habe ich selbst Ängste oder brauche ich mehr Anerkennung?
  • Erkennen Sie die Individualität des Kindes an und fördern Sie diese.
  • Behalten Sie Ihre Kinder im Auge. Lassen Sie das Band zwischen sich nicht reißen, aber lassen Sie auch zu, dass Ihre Kinder sich selbst entdecken und entfalten können.
  • Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.