Reportage

Stille Nacht, einsam wacht…

Die große Leere: Immer mehr Menschen fühlen sich einsam

Psychologen sprechen schon von einer neuen Volkskrankheit, Großbritannien gründete sogar ein eigenes Ministerium zu ihrer Bekämpfung: Einsamkeit. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit leiden Menschen besonders stark unter dem Gefühl, allein und isoliert zu sein. Es gibt eine Insel, die Einsamkeit heißt. Sie liegt im Nordpolarmeer, nur 20 Quadratkilometer groß, im Winter vom Packeis eingeschlossen, menschenleer. Ein trister Ort. Immer mehr Betroffenen kommt ihr Leben so vor, als würden sie genau auf einer solchen einsamen Insel leben. Sie fühlen sich abgeschnitten vom Leben, das sie früher vielleicht mal führten.  

Wenn Alleinsein weh tut, ist es Einsamkeit

Alleinsein kann angenehm sein, sogar bewusst gewählt werden. Doch wenn es weh tut und quält, wenn es den Brustkorb einschnürt, manchmal mitten unter Menschen – dann ist es Einsamkeit. Laut gerade veröffentlichten Zahlen der Bundesregierung ist die Quote der Menschen, die einsam sind, bei den 45- bis 84-Jährigen in den vergangenen sieben Jahren um rund 15 Prozent gestiegen. Und da es in Deutschland künftig immer mehr Ältere geben wird, dürfte Einsamkeit weiter an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls ein Diskussionspapier des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Körber-Stiftung. Aber nicht nur Ältere, auch immer mehr Jugendliche fühlen sich einsam und allein. Vor allem jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit spüren das viele besonders intensiv. Stille Nacht, einsam wacht… hat für sie eine besondere Bedeutung. Statt Vorfreude auf das Fest der Liebe ist bei ihnen Angst da, in sozialer Isolation gefangen zu bleiben. 

Massive Krankheitsbilder

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte bereits einen Regierungsbeauftragten für Einsamkeit, begründete seinen Vorschlag unter anderem mit massiven gesundheitlichen Auswirkungen. Von Einsamkeit ausgelöste Depressionen, Angststörungen oder Erkrankungen des Herzkreislaufsystems beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen, sondern führen auch zu hohen Kosten für das Gesundheitssystem. Laut Forschern der französischen Universität Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines entwickeln Alleinlebende 1,5- bis 2,5-mal häufiger eine der häufigsten psychischen Erkrankungen als andere Menschen. Allerdings zeigt die Untersuchung nicht, ob das Alleinleben wirklich die (singuläre) Ursache für die Erkrankungen ist. Einen statistischen Zusammenhang gibt es nur bei denjenigen, die sich tatsächlich einsam fühlen – und das ist natürlich nicht bei jedem der Fall, der allein lebt. Wer helfen will, steht vor einer Schwierigkeit. Wie Einsamkeit eigentlich erkennen? Die Einsamkeit wird, gerade im urbanen Raum, unsichtbar, und nur alten Menschen kann man sie vielleicht noch ansehen, der Seniorin zum Beispiel auf der Parkbank. Wer dagegen ein Smartphone in der Hand hat und darauf starrt, wirkt beschäftigt. Oder tut nur so. Dazu kommt: Die Einsamkeit anderer kann bei einem selbst Schuldgefühle verursachen. Man spürt den Impuls, etwas dagegen unternehmen zu wollen. Wenn man ganz ehrlich sich selbst gegenüber ist, passiert das aber meist aus purem Pflichtgefühl, weniger aus einem echten mitmenschlichen Impuls. Denn wer lädt sich schon gern fremde Probleme auf? Wenn wir den einsamen Nachbarn auf ein Getränk einladen, dann erwartet er das vielleicht in Zukunft regelmäßig …

Auch weil einsame Menschen dazu neigen, sich noch weiter sozial zu isolieren oder sogar feindselig auf andere zu reagieren, ist Hilfe von außen kompliziert. Anders gesagt: Wer einmal in Einsamkeitsgefühlen gefangen ist, kommt oft in eine Spirale, die ihn/sie immer weiter hineinzieht. Einsame werden misstrauisch und fassen selbst gutgemeinte Gesten falsch auf. Das Widerspiegeln der eigenen Abwehr von Zuwendung treibt die Betroffenen immer weiter in den Abgrund. So verstärkt sich schließlich der Kreislauf, in dem man immer isolierter und einsamer wird.

Welche Wege führen aus der Isolation?

Letztlich kann sich der Einsame nur selbst helfen. Je jünger und mobiler die Betroffenen sind, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten, das Gefühl der eigenen Einsamkeit zu bekämpfen. Aber auch ältere Menschen können etwas tun. Der US-Einsamkeitsforscher John Cacioppo hat dazu das Anti-Einsamkeitsprogramm „EASE“ entwickelt – zu Deutsch „Erleichterung“. Das erste „E“ steht dabei für „extent“ – den eigenen Aktionsradius erweitern, ein Ehrenamt (z.B. Tierheim, Kita, Sportverein, Kirchengemeinde) ist dafür ideal. Das „A“ steht für „action“ – nur eigene Aktivitäten führen aus der Einsamkeit. Das „S“ im EASE-Programm steht für „selective“. Einsame sollten sich genau überlegen, mit welchen Menschen sie Umgang haben möchten – und sich dann hartnäckig darum bemühen. Das letzte „E“ ist das wichtigste, es bedeutet „erwarte immer das Beste“ – ein Appell, Misstrauen und alte Feindschaften fallen zu lassen. Und anzufangen, sich selbst mehr zu mögen. Denn sich selbst ein Freund zu werden ist die erste Voraussetzung, auch anderen ein Freund zu sein …(RT)

Der Duft der Krankheit

Manche Gerüche stinken zum Himmel – können aber auch Frühwarnzeichen sein

Verströmt eine Person in unserer Umgebung unangenehme Gerüche, schieben wir das schnell auf mangelnde Hygiene. Manchmal zu schnell, denn bestimmte Düfte, die über den Atem, die Haut oder Ausscheidungen wie Urin oder Schweiß abgegeben werden, können auch ein Zeichen für schwerwiegende Krankheiten sein. Diese charakteristischen Düfte kann man nicht mit einem kräftigen Schluck Mundwasser, einem guten Deo oder auch einer warmen Dusche bekämpfen. Sie sollte man ernst nehmen und möglichst zügig einen Arzt aufsuchen.

Tierische Schnüffler

Dass menschliche Ausdünstungen Frühwarnzeichen für Krankheiten sind, ist dabei auch keineswegs eine neue Erkenntnis. Viele wissenschaftliche Studien belegen dies. Darunter sind auch Forschungen mit speziell trainierten Hunden. Ausgebildete Krebshunde können laut einer Studie der kalifornischen Pine Street Foundation in 99 Prozent der Fälle Lungenkrebs und in 88 Prozent der Fälle Brustkrebs erschnüffeln. Damit sind sie treffsicherer als eine Mammographie-Untersuchung. Menschen können bei dem exklusiven Geruchssinn der Vierbeiner nicht mithalten: Während sie über schlappe fünf Millionen Riechzellen verfügen, bringt es eine Hundenase auf über 200 Millionen Geruchssensoren. Dennoch gibt es auch immer wieder Fälle von menschlichen Super-Spürnasen – wie den der Schottin Joy Milne, die weltweit Schlagzeilen machte, weil sie anhand des „leicht holzigen, moschusartigen“ Geruchs des T-Shirts einer Person feststellen konnte, ob diese an Parkinson erkrankt war oder nicht …

Flüchtige chemische Verbindungen

Aber warum riechen kranke Menschen überhaupt anders? Das liegt unter anderem daran, dass der menschliche Körper pausenlos flüchtige chemische Verbindungen an die Umgebung abgibt. Diese Substanzen variieren jedoch je nach Alter, Ernährungsweise und Gesundheitszustand. Auch die Mikroben, die in unserem Darm und auf unserer Haut leben, beeinflussen unseren Körpergeruch, indem sie unsere Stoffwechselprodukte aufspalten.

Auf diese Gerüche sollten Sie achten

Im Grunde ist jeder Mensch eine Geruchsfabrik auf Beinen. Wer das versteht und versucht, diese teils sehr unterschiedlichen Gerüche bewusst wahrzunehmen, kann Veränderungen auch eher bemerken: Riecht der Atem plötzlich süßlich, kann das ein Zeichen für eine aufkommende Mandelentzündung sein. Verantwortlich für den Geruch sind Bakterien, die dann auch die typischen Schluckbeschwerden auslösen. Riecht der Atem eher scharf nach Nagellackentferner (nach Aceton), deutet das auf Diabetes Typ I hin. Der Duft entsteht, wenn der Körper aufgrund des Insulinmangels aus Fett Energie gewinnen muss. Dabei wird als Nebenprodukt Aceton produziert. Wer sich schon einmal die Haare gefärbt hat, vergisst den beißenden Geruch von Ammoniak nicht. Deshalb fällt es einem meist schnell auf, sobald das Gas über die Haut ausdünstet. Es entsteht ganz natürlich, wenn der Körper Eiweiß abbaut und weist auf mögliche Leberprobleme hin.

Denn normalerweise wandelt die Leber Ammoniak direkt in Harnstoff um. Ist sie jedoch erkrankt, funktioniert das nicht mehr. Dann gelangt das Gas ins Blut, und der Körper versucht es abzuatmen. Wenn die Haut leicht nach Urin riecht, sollte man speziell die Nieren durchchecken lassen. Sind die geschädigt, kann es passieren, dass Harnstoff und Kreatinin (Abbauprodukt des Muskelstoffs Kreatin) nicht mehr ausreichend über den Urin ausgeschieden, sondern über den Schweiß abgegeben werden. Wenn es beim Wasserlassen strenger als sonst nach Harn riecht, könnte eine Blasenentzündung im Anmarsch sein. Schuld an dem Geruch sind Bakterien, die im Urin Fäulnisprozesse in Gang setzen. Eine harmlose Geruchsveränderung kann aber auch durch den Verzehr bestimmter Lebensmittel wie zum Beispiel Spargel entstehen, ebenso wie durch Medikamente oder nach übermäßigem Alkoholkonsum. Auf eine Unterfunktion der Schilddrüse weist Schweißgeruch hin, der an Harn oder Essig erinnert. Der Grund: Bei einer Schilddrüsenunterfunktion verändern sich der gesamte Stoffwechsel und der Körpergeruch. Typisch für Typhus sind Ausdünstungen, die das „Aroma“ von frischem Brot verströmen. Gelbfieber dagegen kann dafür sorgen, dass die eigene Haut wie ein Metzgerladen riecht. Ursachen für Mundgeruch sind in 90 Prozent der Fälle erkrankte Zähne mit Karies oder mit Parodontose. Mundgeruch kann aber auch Folge einer schwerwiegenderen Störung im Magen-Darm-Bereich, wie zum Beispiel einer Gastritis, sein. Riecht es beim Aufstoßen nach vergorenem Obst könnte ebenfalls eine Gastritis schuld sein. Tipp: Ein Arzt kann per Atemtest feststellen, ob der Magenkeim Helicobacter pylori das Leiden verursacht hat.(RT)

 

Hier geht’s zur Arztsuche: www.arztauskunft-niedersachsen.de.

Spektakuläre Live-Show: Hacking unter Polizeischutz!

Wie Cyberkriminelle vorgehen und man sich schützen kann-spektakuläre und informative Live-Hacking-Show im Leuphana-Zentralgebäude in Lüneburg am 17. Oktober

Big Data, Smartphones oder das Internet of Things: Unser Leben wird immer digitaler, immer mobiler, immer vernetzter. Aber was bedeutet es eigentlich für unsere Sicherheit, wenn weite Teile unseres Haushalts digital vernetzt sind?

Jeder zweite Deutsche wurde schon gehackt

Die Zahlen sind alarmierend: Laut aktuellen Studien des Digitalverbands Bitkom wurde jeder zweite Deutsche bereits Opfer von Cybercrime! Jeder dritte Smartphone-Nutzer war demnach schon einmal von Schadprogrammen betroffen, und ebenfalls einer von drei Onlinern hat Angst vor Ransomware, die ihre Opfer ausspäht und erpresst. Dabei dringen die Cyberkriminellen in das Heiligste vor: unsere Privatsphäre. Ein Super-GAU für die Datensicherheit. „Das Internet ist hochattraktiv für Kriminelle. Mit vergleichsweise geringem Aufwand lassen sich andere Nutzer zum eigenen Vorteil schädigen“, warnt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Bernhard Rohleder. Und die Gefahrenlage nimmt stetig zu: Die Sicherheit insbesondere persönlicher Daten wird daher immer wichtiger. Der Wert unberechtigt erlangter privater Daten und sogar ganzer Identitäten ist in den vergangenen Jahren signifikant angestiegen. Denn die persönlichen Daten einer Person können Hackern und anderen Cyberkriminellen den Zugriff auf die Identität und damit unter anderem auch auf Bankkonten oder Depots eröffnen. Internetnutzer haben aber nicht nur mit Diebstahl oder Betrug zu kämpfen. Jeder Zehnte sagt, dass er im Internet verbal massiv angegriffen oder beleidigt wurde. Zum Vergleich: Im analogen Leben hat jeder Vierte damit zu tun (24 Prozent). Über sexuelle Belästigung im digitalen Raum klagen acht Prozent der Onliner. In der Offline-Welt sind nach eigenen Angaben 14 Prozent der Internetnutzer im vergangenen Jahr sexuell belästigt worden. Selbst Kinder sind hier akut gefährdet. Denn die Zahl jüngerer Internetnutzer wird stetig größer, der Einstieg ins Netzleben kommt immer früher. Die Methoden der Kriminellen werden jedoch selbst für Erwachsene mit jedem Tag schwieriger zu durchschauen. Kinder benötigen aus diesem Grund noch mehr Unterstützung. Doch wo kann man diese bekommen? Und wie kann ich mich effektiv vor unberechtigtem Zugriff und Datenklau schützen? Wie sieht ein sicheres Passwort aus? Wer hilft bei Cybermobbing? An wen kann ich mich wenden, wenn mir durch Internetbetrug finanzieller Schaden entstanden ist? Wie sichere ich meine internetfähigen Geräte hinreichend ab?

Online? Aber sicher!

Diese und viele weitere Fragen werden bei einer öffentlichen interaktiven Live-Hacking-Veranstaltung des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres und Sport beantwortet. IT-Sicherheitsberater Ralf Wildvang demonstriert, wie Hacker arbeiten, denken und vorgehen, um Daten zu stehlen, Prozesse zu stören und Schäden zu verursachen. Zusätzlich werden zahlreiche Experten von Polizei und Verbraucherschutz sowie weitere Spezialisten die Bürger umfassend über mögliche Schutzmaßnahmen informieren. Die Veranstaltung ist Teil einer Cyber-Security-Kampagne des niedersächsischen Innenministeriums und findet dieses Jahr in sechs Städten in Niedersachsen, unter anderem auch am Donnerstag, 17. Oktober in Lüneburg im Leuphana-Zentralgebäude, statt. Der Niedersächsische Minister für Inneres und Sport, Boris Pistorius: „Das Thema Cybersicherheit hat sich zu einem der wichtigsten Themen überhaupt entwickelt. Digitaler Wandel ist ohne Cybersicherheit nicht möglich.“

Computer-Sondereinsatzkommando

Und weil nicht nur der Bürger, sondern auch Unternehmen und Behörden zahlreichen Bedrohungen aus dem Cyber-Raum ausgesetzt sind, hat das Land Niedersachsen jüngst das N-CERT ins Leben gerufen, eine Art Computer-Sondereinsatzkommando (CERT steht für Computer-Emergency-Response Team). Das Niedersachen-CERT oder N-CERT besteht aus einer Gruppe von Experten, die ständig die aktuelle Sicherheitslage der niedersächsischen Landesverwaltung überwacht. Im Krisenfall stellt es dem Krisenstab der Landesregierung ein IT-Lagebild zur Verfügung und berät diesen zu Fragen der Informationssicherheit. Zudem arbeitet es im ständigen direkten Kontakt mit dem Wirtschaftsschutz im Verfassungsschutz sowie dem LKA (Zentrale Ansprechstelle Cybercrime) zusammen. Es ist auch Informationsschnittstelle zu anderen Bundesländern und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. In den nächsten Schritten soll das N-CERT weiter aus- und aufgebaut werden und sich noch stärker als zentrale Kommunikationsdrehscheibe für den Infoaustausch über Sicherheitsvorkommnisse innerhalb der Landesverwaltung und auch in Richtung der niedersächsischen Kommunen etablieren. Auch zu N-CERT gibt’s Infos auf der Security Expo am 17. Oktober. Der Eintritt für die Veranstaltung ist kostenlos. Anmeldung unter www.mi.niedersachsen.de. (RT)

Wenn aus bösen schwere Jungs werden

Intensivtäter Maik (18) lebt seit kurzen in Lüneburg

Wegsperren oder Rundum-Betreuung? Was tun mit jungen Menschen, die immer wieder kriminell werden?

Knapp zwei Millionen Straftäter hat es 2018 in Deutschland gegeben – knapp 74.000 davon sind Intensivstraftäter. Das bedeutet, sie haben mindestens fünf schwere, aktenkundige Straf- oder Gewalttaten innerhalb nur eines Jahres verübt. Viele dieser Straftäter sind noch sehr jung, Kinder fast noch. Maik, 18, ist einer von ihnen. Er lebt seit wenigen Wochen in Lüneburg. Eigentlich stammt Maik aus einem kleinen Ort bei Göttingen. Doch dort wollte man ihn nicht mehr. Was verständlich ist, wenn man seine Geschichte kennt. Maik heißt natürlich nicht wirklich so, den richtigen Namen zu schreiben gefährde seine Persönlichkeitsrechte, wurde dem Autor dieses Textes von offizieller Seite mitgeteilt. Auf die Frage, ob er denn die Persönlichkeitsrechte anderer Menschen jemals akzeptiert hätte, gab es als Antwort lediglich ein Schulterzucken.

Dicke Strafakte

Tatsächlich darf man daran zweifeln. Maik hat schon mehrfach Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Seine Akte ist dicker als die vieler Berufsverbrecher. Von Beleidigung bis hin zu Einbruch und immer wieder Körperverletzungen ist so ziemlich alles vertreten. Dazu kommen immer wieder Drogendelikte. Mehr als 50 Straftaten werden ihm zugeschrieben – vor einem Richter stand er dafür bislang nicht, was allein schon ein Skandal ist. Sitzt man ihm gegenüber, wirkt er zunächst gar nicht bedrohlich, sondern eher etwas schüchtern. Das ändert sich jedoch bereits nach wenigen Minuten Gespräch. Er fuchtelt mit den Armen herum, seine Aussagen werden aggressiver: „Mich können alle mal. Ich leb’ nur für mich“, sagt er mit heiserer Stimme. Wie wohl seine Zukunft aussehen könnte? Maik lacht. „Zukunft ist mir doch egal …“ Angst vor dem Knast habe er jedenfalls nicht, behauptet er. „Ist doch schön da. Man hat seine Ruhe.“

Gesellschaftliches Problem seit Jahrzehnten

Mit seinen kruden Ansichten steht Maik für die meisten der so genannten Problemkids. Ihre Zahl wächst, das Phänomen an sich ist nicht neu. Denn die bösen Jungs, aus denen in der Folge leider sehr oft schwere Jungs werden, sind ein gesellschaftliches Problem seit Jahrzehnten. Das Versagen des Staates im Umgang mit ihnen ist genauso alt. Das typische Problemkid ist zwischen 11 und 19 Jahre alt, zu fast 90 Prozent männlich, vorrangig deutscher Nationalität (die Zahl der polizeilich auffälligen Flüchtlingskinder vor allem aus den nordafrikanischen Ländern nimmt allerdings zu). Früher waren es hauptsächlich Diebstähle, auch Autodiebstähle, mit denen die kriminellen Kids auffielen, heute sind es vor allem Raub und Körperverletzungen. Im Raum Lüneburg soll es mehrere Intensivtäter geben, wie viele Delikte auf ihr Konto gehen, kann jedoch keiner sagen. Eine solche Statistik existiert nur landesweit. Maik fehle es an Empathie, hat ein Psychologe schon vor fünf Jahren über ihn geurteilt. Er ist einer, der austeilt, aber auch früh einstecken musste, versucht er sich selbst zu erklären: Schon mit unter zehn Jahren Drogen konsumiert, die eigenen Unterarme geritzt, bei Pflegeeltern aufgewachsen.

Erlebnispädagogik gescheitert

In den 80er und 90er Jahren begann man damit, kriminelle Kids wie Maik auf Staatskosten um die ganze Welt zu schicken. Diese Segel- und Reiseprojekte der deutschen Kinder- und Jugendhilfe waren allerdings nie mehr als ein Hoffnungsstreif am Horizont – selbst große Verfechter von Erlebnispädagogik im Ausland sehen viele einst angepriesenen Maßnahmen und Projekte heute als weitgehend ineffizient an. In Niedersachsen versucht man mit einer engen Zusammenarbeit aus Jugendhilfe, Polizei und Schule, des wachsenden Kriminalitätsproblems von Heranwachsenden Herr zu werden. Je nachdem, wie weit sich die kriminelle Karriere bei den Kids bereits verfestigt hat, wird dabei auch mithilfe des Strafrechts versucht, mehr Druck aufzubauen. Nicht jeder jedoch lässt sich davon beeindrucken. Neu-Lüneburger Maik erzählt, wie er einmal Besuch von einem Sozialarbeiter bekam: „Der hat mich gefragt, ob ich denn immer so weiter machen wolle. Er hätte da so einen Kurs, ob ich den nicht mal besuchen will. Ich hab’ nur gesagt, er soll sich verpissen und ihn weggeschubst, weil er mir im Weg stand. Das war eine ganze arme Wurst, der hat dann gleich die Bullen gerufen …“ (RT)

Lernen in Ruinen

In vielen Schulen herrscht dringender Sanierungsbedarfn“

Es sind die wichtigsten Jahre unserer Kinder. Die Jahre, die sie aufs Leben vorbereiten, auf eigentlich alles. Doch an den Schulen im Land wird immer häufiger am Limit gearbeitet, nicht nur weil Lehrer fehlen, sondern auch, weil die schulische Infrastruktur verfällt. Es herrscht ein Investitionsstau, der so groß ist wie beim Straßenbau. Aber Schlaglöcher bekommen häufig mehr Aufmerksamkeit. Fragt man Politiker jedweder Couleur nach den für sie wichtigsten Themen, wird ganz schnell von Bildung gesprochen. Sie sei unsere Zukunft, unser Schicksal und so weiter … Was ist davon zu halten? Wer sich den maroden Zustand vieler Schulen im Land ansieht, muss konstatieren: Nicht viel!

Zahlreiche Schulen bundesweit sind in einem verheerenden Zustand. Undichte Dächer, Schimmel, kaputte Toiletten und Umkleiden, die ihre beste Zeit schon längst hinter sich haben: Die Liste der Mängel beziehungsweise Schäden an Schulgebäuden ist lang. Ein Armutszeugnis! Für die Gebäude sind in der Regel die Städte und Gemeinden verantwortlich. Doch würden viele Kommunen zu wenig in den Bestand investieren, kritisieren Lehrerverbände und Elternvertreter. Die niedersächsische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Laura Pooth, fordert im Gespräch mit dem NDR eine bessere finanzielle Ausstattung für die Schulen. Die Politik solle die „Schwarze Null“ nicht länger als ihren „Fetisch“ betrachten. Sie müsse endlich das nötige Geld für die Schulsanierungen zur Verfügung stellen. Das NDR-Fernsehmagazin „Hallo Niedersachsen“ hat bei den mehr als 400 Kommunen und Gemeinden, die Träger einer Schule in Niedersachsen sind, nachgefragt. Rund 110 Schulträger – verantwortlich für 737 Schulen – haben geantwortet: 471 Schulen, also rund 60 Prozent, sind danach sanierungsbedürftig. Ungefähr 1,4 Milliarden Euro müssten alleine diese Schulträger bereitstellen, um ihre Gebäude zu sanieren. Hochgerechnet auf alle 2.775 Schulen in Niedersachsen wären das zirka fünf Milliarden Euro für Sanierungen.

Wie ist die Situation Lüneburgs? Auch so düs-ter wie in anderen Regionen Niedersachsens? Offenbar hat die Lüneburger Politik etwas besser gearbeitet. Millionenschwere Bildungs- und Infrastrukturfonds-Pakete zeigen Wirkung.

 

Zahlen für die Stadt Lüneburg

In städtischer Trägerschaft sind 18 Schulen, an 14 dieser Schulen besteht Sanierungsbedarf in Höhe von insgesamt rund 22,5 Millionen Euro. Stadt-Pressesprecherin Suzanne Moenck: „2,5 Millionen Euro wollen wir allein im laufenden Jahr in die Sanierung von Schulen investieren – nicht gerechnet sind Bauunterhaltungen und Erweiterungen, diese kommen da noch hinzu.“

Was ist alles noch geplant?

„Wir arbeiten seit 2015 ein Paket namens Bildungsfonds kontinuierlich ab, Laufzeit bis 2020/21, Volumen mehr als 40 Millionen Euro. Ein weiteres Paket ist ebenfalls aufgelegt, es umfasst neben Bildung (Kita, Krippe, Schule) auch Radwege, Straßen, Brücken usw., Name Bildungs- und Infrastrukturfonds II. Dieses läuft erst an. Aber insofern fühlen wir uns, was den festgestellten Sanierungsbedarf angeht, gut aufgestellt.“

Wo muss am meisten investiert werden?

„Zu den größten Baustellen in diesem Jahr zählt sicherlich die Grundschule Hagen / Igelschule. Dort war kürzlich Spatenstich für den vierten Erweiterungsbau. Die Gesamtkosten des mehrjährigen Bauvorhabens belaufen sich auf 4,125 Millionen Euro. In den Planungen / Umsetzung ab 2020/21 sind das Johanneum (Erweiterung) und die Grundschule Lüne (grundlegende Sanierung und Umbau/Erweiterung für den Ganztagsbetrieb).“

150 Millionen Euro für Landkreis-Schulen

Auch der Landkreis sieht die Lage insgesamt positiv. In den Jahren 2004 bis 2019 flossen rund 150 Millionen Euro in die Schulinfrastruktur. Das hat sich ausgezahlt, sagt Landkreis-Pressesprecherin Urte Modlich. Dennoch bleibe natürlich noch eine Menge zu tun.

Wie hoch ist der geschätzte Sanierungsbedarf pro Schule/Einrichtung im Landkreis?

„Die Schulen haben deutlich unterschiedliche Größen und befinden sich in einem unterschiedlichen Sanierungszustand. Von daher kann kein Durchschnittswert angegeben werden

Wie hoch ist also der Gesamt-Sanierungsbedarf?

„Für jede kreiseigene Schule wird eine jährlich aktualisierte Sanierungslis-te geführt. Der dort gelistete Sanierungsbedarf in allen 18 kreis-eigenen Schulen beläuft sich mit Stand 1.1.2019 auf 37.653.000 Euro.“

Wie hoch sind die geplanten Sanierungs-Investitionen 2019?

„Das Jahresprogramm 2019 umfasst einschließlich Haushaltsresten aus Vorjahren ein Investitionsvolumen von rund 16 Millionen Euro.“ (RT)

„Ganz verleibt in Baby Emiliy!“

Babyboom im Norden, doch es fehlt an Klinikpersonal

Mehr Wonneproppen für den Norden: Der Babyboom hält an, doch viele Schwangere und junge Mütter finden keine Hebammen und in den zu wenigen und zu kleinen Kreißsälen ist teilweise Schlange stehen angesagt …

„Sie ist sooo süß!“, Julie A. ist ganz verzaubert von ihrer Tochter. Erst ein paar Stunden ist diese auf der Welt. Rund 3.400 Gramm schwer und 49 Zentimeter groß und mit einem niedlichen kleinen Stupsnäschen. Natürlich findet Julie A. – wie könnte es anders sein – dass ihre Tochter die schönste und lieb-ste auf der Welt ist, der Vater René sieht das genauso: „Ich bin ganz verliebt in meine Kleine!“ Die Geburt im Klinikum Lüneburg verlief problemlos: „Ich habe eine tolle Hebamme gefunden“, erzählt die junge Mutter. „Und die hat mir schon sehr geholfen, ich weiß aber, dass nicht alle so ein Glück haben.“ Tatsächlich wird es für schwangere Frauen in Niedersachsen immer schwieriger, eine Hebamme und eine nahegelegene Geburtshilfe-Station zu finden. Das geht aus einem aktuellen Bericht des Landesgesundheitsamtes hervor, den Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) in Hannover präsentiert hat. Die Zahl der Kliniken, in denen Kinder auf die Welt gebracht werden können, ging seit 2003 von 107 auf 71 zurück. Die Zahl der überwiegend im Krankenhaus arbeitenden Hebammen ist laut dem Bericht mit etwas mehr 900 konstant geblieben. Allerdings mussten sie deutlich mehr Geburten betreuen. Außerdem gibt es in Niedersachsen noch knapp 1.200 freiberufliche Hebammen. Von ihnen betreuen aber nur noch rund 100 außerklinische Geburten. 2009 boten dies noch 184 Hebammen an.

Geburt auf dem Klinikparkplatz

Die Situation in und um Lüneburg ist zwar etwas entspannter als beispielsweise in den schwer gebeutelten Landkreisen Wittmund, Diepholz, Vechta und Peine, wo sich rechnerisch weniger als sechs Krankenhaus-Hebammen um tausend Geburten kümmern, doch Personalengpass bei Hebammen (und Ärzten) und überfüllte Kreißsäle gibt es auch hier. Noch ist zwar in Lüneburg kein Kind auf dem Klinikparkplatz zur Welt gekommen wie die Tochter von Julia K. Ihren Fall schilderten der Deutsche Hebammenverband und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG): Die 35-Jährige war in einem Krankenhaus von einer Ärztin weggeschickt worden, weil alle Kreißsäle belegt waren. Das Kind werde schon nicht in den nächsten 20 Minuten kommen, hatte die Ärztin beschwichtigend gesagt – dabei war die Fruchtblase bereits geplatzt und der Muttermund einige Zentimeter geöffnet. Aber zweifellos schlägt auch am Klinikum Lüneburg der anhaltende Babyboom inzwischen voll durch. Denn das Einzugsgebiet ist riesig, umfasst neben dem Landkreis auch große Teile der Kreise Harburg, Lüchow-Dannenberg, Herzogtum Lauenburg, Ludwigslust, Salzwedel und Uelzen. Um auch in Zukunft eine bestmögliche Versorgung für Mutter und Kind sicherstellen können, muss weiter expandiert und modernisiert werden.

Das bestätigt auch Prof. Dr. Josef Sonntag, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Lüneburg: „In den letzten Jahren hat die Zahl der Geburten faktisch zugenommen. Das führt zu Kapazitätsengpässen.“ Die ganz kleinen Patienten wie Baby Emily sind die ersten, die das zu spüren bekommen. Als wir sie und ihre Mutter frühmorgens wiedertreffen, sind sie gerade erneut in der Klinik – Grund ist eine erhöhte Konzentration von Bilirubin, was auf eine Neugeborenen-Gelbsucht hinweist. Eigentlich relativ harmlos, wenn man die Werte genau im Blick behält. Doch das erwies sich bei Emily offenbar als schwierig. Julie A.: „Die Schwestern waren überfordert, für mich und Emily gab es kein richtiges Zimmer und es fand sich kein Arzt, der bei meinem Kind einen Zugang legen konnte. Die Kleine ist richtig zerstochen, hat sehr gelitten. Immer wieder wurde neu Blut abgenommen.“ Auf Nachfrage bestätigt das Klinikum, dass auf der Station in der Nacht der Aufnahme von Emily und ihrer Mutter alle Zimmer belegt waren, man war an der „Grenze des Machbaren“ und „da laufe eben nicht immer alles so, wie es eigentlich soll.“ Eine Situation, die in Zukunft sogar häufiger eintreten könnte, so eine Klinikmitarbeiterin: „Wir brauchen einfach mehr Zimmer auf der Station und spätestens dann natürlich auch mehr Mitarbeiter. Das würde den Stress vermindern. Wir tun schon alles, aber manchmal ist es eben zu viel.“

Nachtrag: Glücklicherweise hat Emily ihre Gelbsucht inzwischen gut überstanden, es hat sich alles auf natürlichem Weg reguliert. Auch von den vielen Einstichen ist nichts mehr zu sehen. Das kleine Schätzchen ist längst wieder zu Hause und liebt es, auf dem Arm der Mutter zu schlafen und dabei am Daumen zu nuckeln. (RT)

„Das war nicht ich…“

Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom: wie aus Müttern Monster werden

Nach außen hin sind sie die liebevollsten Mütter, doch hinter verschlossenen Türen misshandeln sie ihr Kind. Es sind Frauen, die am sogenannten Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leiden. Hinter der Krankheit mit dem sperrigen Namen (auch Münchhausen-by-proxy-Syndrom genannt, kurz MBPS), angelehnt an den bekannten Lügenbaron, verbirgt sich eine Sonderform des Münchhausen-Syndroms. Während bei letzterem die Betroffenen sich selbst Schaden zufügen, um ärztlich behandelt werden zu müssen, machen die Betroffenen des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms andere Menschen absichtlich krank, damit diese eine ärztliche Behandlung brauchen. In den meisten Fällen werden dabei die eigenen Kinder die Opfer – also zum Stellvertreter – für die körperliche Misshandlung. Und in über 90 Prozent sind Mütter die von der Krankheit Betroffenen. Was treibt die psychisch kranken Täterinnen an? Und warum werden sie erst so spät entlarvt? Ob Kinderärzte, Polizisten, Staatsanwälte, erst recht die Öffentlichkeit: Die erste Reaktion auf solche Fälle ist fast immer Entsetzen, Unverständnis. Manchmal Ekel oder Verachtung. Der versagende Mutterinstinkt, die unfassbare Perfidie in der Durchführung verstören. Auch weil MBPS so selten, so wenig erforscht und komplex ist. Und das Mutterbild, das jeder von uns in sich trägt, so völlig auf den Kopf stellt. Es sind Fälle wie diese, die fassungslos machen: In Hamburg brachte eine Mutter ihren dreijährigen Sohn mit verdreckten Spritzen (Fäkalien, Speichel, stinkendem Blumenwasser) an den Rand des Todes. Der Junge war immer wieder in lebensbedrohlichem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert worden, 41,3 Grad Fieber! Eitrige Abs-zesse! Intubiert! Als die Ärzte auf der Intensivstation nicht mehr weiter wussten, versuchten sie es sogar mit einer Chemo-Therapie. Und die Verursacherin saß immer mit am Bett, voller Sorge um ihr Kind… In einem anderen Fall in der Nähe von Berlin nahm eine Mutter, sie arbeitete als Krankenschwester, ihrem Sohn jede Woche einen halben Liter Blut ab. Die Ärzte konnten sich den regelmäßigen Blutverlust nicht erklären, das Kind kam stationär in die Klinik, dort wurde die Mutter auf frischer Tat ertappt. Im Großraum Hannover brach eine Mutter ihrem Kind absichtlich die Arme, eine andere gab ihren Zwillingstöchtern Unmengen an Salz zu essen. Auch Lüneburger Richter mussten sich vor einigen Jahren schon mit MBPS beschäftigen, nachdem eine Frau ihre behinderte Tochter monatelang mit Medikamentencocktails und Abführmitteln gequält hatte.

Suche nach Aufmerksamkeit und Zuneigung

Was treibt diese Frauen zu ihren Taten? Was lässt sie so unglaublich grausam und scheinbar mitleidlos werden? Sie tun das mutmaßlich, um Aufmerksamkeit, Lob und Zuneigung durch Ärzte, Krankenhauspersonal und ihr persönliches Umfeld zu bekommen, sagen Psychologen. Sie tun es aber auch, so erklärt es der Therapeut einer Betroffenen, um einen „unerträglichen inneren Zustand zu regulieren“. Es gibt verschiedene psychoanalytische Theorien zur Natur dieses nur wenig erforschten Syndroms. Eine besagt, dass die Mutter sich mit der Quälerei auch einen Traum erfüllt: den des missbrauchten, vernachlässigten Mädchens, das auf eine Mutter hofft, die ihm zur Seite steht, es schützt, heilt und rettet. Es geht dabei um Projektion: Die Mutter schiebt ihr eigenes seelisches Kranksein (Borderline, Depressionen etc.) quasi in das Kind hinein und behandelt es von außen.

Die Krankheit besitzt drei Phasen:

Phase 1

In Phase 1 berichten die Mütter dem Arzt von Symptomen, die das Kind gar nicht hatte, z.B. epileptische Anfälle, Atemstillstand oder Herz-Probleme.

Phase 2

In Phase 2 fälschen die Mütter tatsächlich Daten und Messwerte, um eine Krankheit des Kindes vorzutäuschen.

Phase 3

In Phase 3 fügen sie dem Kind körperlichen Schaden zu, sei es durch Verletzungen oder die Gabe von Medikamenten, die eine Vergiftung oder Krankheitssymptome auslösen. Auch ein Erstickungsversuch mit einem Kissen ist möglich. Die Therapie des Münchhausen-by-proxy-Syndroms ist keine leichte Angelegenheit. Denn die Betroffenen sind sich selbst meist keiner Schuld bewusst. Vor Gericht gestellt, äußern sich viele Frauen oft ähnlich, beteuern ihre Kinder zu lieben und das auch durchaus glaubhaft. Konkret zu ihren schlimmen Taten befragt, fällt von den Täterinnen fast immer derselbe Satz: „Das war nicht ich…“ (RT) 

Darum wird MBPS so selten entdeckt

  • Die Mütter, oft schwer kranke, potenziell hochgefährliche Frauen, sind meist sehr gute Schauspielerinnen. Sie verschleiern ihr Tun geschickt (auch vor ihren Partnern bzw. den Kindesvätern), präsentieren sich kompetent, hilfsbereit, verständnisvoll
  • Die Mütter kommen oft selbst aus Pflegeberufen oder haben medizinische Vorbildung
  • Die von ihnen erzeugten Symptome bei den Opfern sind unspezifisch und sehr schwer zu diagnostizieren
  • Auch Ärzte und Krankenhauspersonal können sich schwer vorstellen, dass eine Mutter ihr Kind bewusst schädigt. Bei Verdacht zögern sie mitunter (zu) lange, bevor sie ihre Schweigepflicht brechen und die Behörden informieren. Dazu sind sie im Notfall laut § 34 des Strafgesetzbuches und dem „Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz“ berechtigt.
  • Eine Videoüberwachung im Krankenzimmer oder einer Privatwohnung ist in Deutschland rechtlich sehr schwer durchzusetzen

Es ist auch darum sehr kompliziert, der Mutter die Tat nachzuweisen.

Verlogene Liebesschwüre

„LOVE SCAM“ – Das miese Geschäft der Internet-Betrüger

Sie haben die große Liebe im Internet gefunden – und am Ende sind sie ihr Vermögen los: Opfer von Liebes-Abzocke im Internet, sogenannten „Love Scams“. Auch Silke D. (43, Name geändert) fiel auf einen solchen Liebes-Betrüger herein. Am Ende blieb der bei Winsen lebenden Kfz-Kauffrau ein gebrochenes Herz und ein geplündertes Bankkonto. „Ich war total blind, kann heute selbst nicht verstehen, wie dumm ich war“, erzählt sie. Mehrere tausend Euro hat sie einem Mann überwiesen, der vorgab, sie sei seine große Liebe. Er hatte sich als erfolgreicher Architekt aus den USA ausgegeben, sei unheimlich attraktiv gewesen, erzählt Silke D. Sie habe sich gewundert, dass so ein Mann Single ist, aber er habe ihr in gutem Deutsch (angeblich hatte er deutsche Vorfahren) erklärt, seine Ex-Frau hätte ihn mit einem Kollegen betrogen und nun würde er sich eben allein um seinen 11-jährigen Sohn Jus-tin kümmern. Manchmal sei sie während der vielen Gespräche schon misstrauisch geworden, auch weil bei ihm Skype nie geklappt habe aus den unterschiedlichsten Gründen, erzählt Silke D. „Ich habe ihn sogar einmal gegoogelt. Ohne ein Ergebnis natürlich. Die Alarmglocken waren danach auf Höchststufe. Trotzdem hat er mich wieder einlullen können mit seiner nächsten süßen SMS.“

Irgendwann ging es nur noch ums Geld

Kurz nach Weihnachten wollten sie sich dann erstmals in Hamburg treffen. Zuvor musste der Mann aber angeblich geschäftlich nach Singapur. Er sprach von Problemen bei einem Immobilienkauf, ein Anwalt müsste zügig bezahlt werden und jetzt hätte man ihm auch noch die Kreditkarte gestohlen. Sie sollte ihm Geld überweisen für Anwalt und Flugticket. „Er machte mir so ein schlechtes Gewissen. Und ja, ich dumme Gans überwies das Geld …“ In Internetforen wie „romancescambaiter.de“ oder „gofeminin.de“ gibt es zahlreiche ähnliche Berichte von geschröpften und frustrierten Frauen wie Männern. Teilweise verzweifelte Berichte. Und immer wieder die Fragen der Opfer: Warum ich? Wie konnte ich nur darauf hereinfallen? Fast immer läuft der Betrug gleich ab: Die kriminellen Liebesschwindler geben sich freundlich und erzählen eine seriöse und interessante Lebensgeschichte. Beißt das Opfer an, wird diese bald von Liebesschwüren überschüttet. Über Wochen und Monate bauen die Betrüger eine Beziehung zu ihren Opfern auf, die sie unverzichtbar im emotionalen Leben der Betroffenen macht, ohne sich jemals getroffen zu haben. Dann schreiben die Scammer von angeblichen geschäftlichen oder privaten Problemen, gefolgt von konkreten Geldanfragen.

Fotos sind meist gestohlen

In der Regel verwenden die Liebesbetrüger auch gestohlene Fotos: Die abgebildeten Personen wissen selbst gar nicht, dass ihre Bilder benutzt werden. Oder es werden extra Fotostrecken von einem Model angefertigt. Dies erkennt man an der gleichen Kleidung oder den ähnlichen Posen. Laut Erkenntnissen ermittelnder Staatsanwälte stammen die meisten der Betrüger – männlich wie weiblich – aus Westafrika. Männer geben sich überwiegend als attraktive, gut ausgebildete weiße Personen aus USA oder Europa aus. Frauen sagen, die seien Krankenschwestern, Ärztinnen, Lehrerinnen oder Geschäftsfrauen jeder Art aus Russland, Südamerika, Thailand oder auch Europa. Insider gehen davon aus, dass rund 95 Prozent der englisch sprechenden Kontakte auf deutschen Dating-Seiten Romance- oder Love-Scammer sind. Allerdings können einige der Kriminellen auch im perfekten Hochdeutsch auf „große Liebe“ machen. Das rät die Polizei: Denken Sie immer daran: Echte Liebe kostet nichts und ein wahrhaft Verliebter verlangt niemals Geld von Ihnen …(RT)

Was Opfer von „Love Scams“ tun können

  • Brechen Sie sofort jeglichen Kontakt zu dem vermeintlichen Geliebten ab.
  • Geleistete Zahlungen sollten, wenn noch möglich, sofort rückgängig gemacht werden. Vorsicht: Gerade Überweisungen durch die Western Union oder das Übersenden von Schecks können nicht verfolgt werden.
  • Auch wenn die Strafverfolgung von Tätern sehr schwierig ist, weil sie aus dem Ausland agieren, sollten Opfer bei der Polizei Anzeige erstatten.
  • Wenn Sie es nicht selbst können, dann lassen Sie sich von computererfahrenen Bekannten und Freunden den so genannten E-Mail-Header auslesen. Daran erkennen Sie, woher die Mail geschickt wurde.
  • Zudem sollten sämtliche Nachrichten bzw. Chat-Texte als Beweis abgespeichert werden, z.B. auf dem bevorzugten Cloud-Dienst, einer externen Festplatte oder einem USB-Stick.
  • Heben Sie alle Überweisungsbelege usw. auf.

Wann sollte man stutzig werden?

  • Die Betrüger interessieren sich sehr für die finanzielle Situation ihres Opfers.
  • Sie wollen alles über ihr Opfer wissen, wie Hobbys, Kinder, Freunde.
  • Sie verlieben sich schnell unsterblich. Viele Scammer bezeichnen ihre neuen Partner schon bald als „Ehemann“ oder „Ehefrau“ und schmieden schnell Heiratspläne. Deswegen scheint die Bitte um ein Visum oder ein gemeinsames Konto gerechtfertigt.
  • Sie gaukeln Notsituationen vor und setzen so ihr Opfer emotional unter Druck.
  • Sie schaffen Vertrauen, indem sie sich am Anfang vom Opfer ein wenig Geld leihen und dieses dann rasch zurückzahlen.
  • Häufig geben die Betrüger vor, ein gemeinsames Konto mit dem Opfer eröffnen zu wollen und bitten um Kopien von Ausweisen. Die Daten werden dann für Fälschungen von Pässen genutzt.
  • Ein Bekannter bringt ein Päckchen vorbei, dass zum Scammer geschickt werden soll. Das könnten gefälschte Papiere sein und somit macht sich das Opfer strafbar.
  • Oft werden Geschichten über verstorbene Ehepartner und Kinder aufgetischt.

Sind sie ein Lebensretter?

Menschen sterben, weil es zu wenige Organspender gibt – eine nachhaltige Lösung ist (noch) nicht in Sicht

Gut 10.000 Menschen warten in Deutschland verzweifelt auf eine Niere, eine Leber, Lunge oder ein Herz. Doch nicht einmal 1.000 Tote wurden im vergangenen Jahr in Deutschland zu Organspendern. Immerhin: Es waren schon einmal deutlich weniger …

Mehr Zeit, mehr Geld, mobile Expertenteams für kleine Krankenhäuser: Um zu mehr lebensrettenden Organspenden in Deutschland zu kommen, sollen Kliniken dafür künftig bessere Bedingungen erhalten. Darauf zielt ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn, das im Bundestag erst Mitte Februar mit breiter Mehrheit beschlossen wurde. Konkret geht es darum, mehr geeignete Spender finden zu können. „Das gibt den 10.000 Patienten Hoffnung, die auf ein Spenderorgan warten“, so der CDU-Politiker. Die meisten Mediziner sehen allerdings weiteren Handlungsbedarf, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung reicht nicht. Denn auch im vergangenen Jahr überließen nur 955 Menschen nach ihrem Tod Organe für andere Patienten, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mitteilte. Das war zwar ein Plus von knapp 20 Prozent im Vergleich zu 2017 mit 797 Spendern und der erste größere Anstieg seit 2010. Doch: Immer noch sterben jeden Tag im Schnitt drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ bekommen. Auch Eisenbahner Werner L. (53) wartet auf ein Spenderorgan, und das bereits seit sechs Jahren. Der Lüneburger leidet an einer chronischen Entzündung der Gallenwege, Primär sklerosierende Cholangitis (PSC) genannt.

Die Gallenflüssigkeit, die normalerweise von der Leber aus die Gallenwege passiert, kann bei einer PSC nicht mehr ungehindert fließen – sie staut sich an bestimmten Stellen. Auf lange Sicht führt die Primär sklerosierende Cholangitis zu Schäden in der Leber, so dass diese nicht mehr richtig arbeiten kann. Eine Leberzirrhose kann die Folge sein – wie bei Werner L. Meist stellt der Arzt die Diagnose PSC, wenn die Patienten zwischen 30 und 50 Jahre alt sind. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. „Die Krankheit kommt schleichend, man merkt lange nichts, ich war immer häufiger müde, bekam so einen schrecklichen Juckreiz. Da erst ging ich zum Arzt. Die Diagnose war ein Schock!“ Die Leber von Werner L. hat kaum noch Funktion. Glaubt er noch daran, rechtzeitig ein Spenderorgan zu erhalten? „Natürlich, immer“, sagt er. „Wenn nicht, würde ich dem allen noch heute ein Ende setzen. Dann wäre ja alles sinnlos.“ Peter Mohr vom Verein Lebertransplantierte Deutschland e.V. Koordinationsbereich Nord, der seinen Sitz in Lüneburg hat, würde gerne mehr Optimismus verbreiten können. Doch Mohr, selbst ein „Transplantierter“, weiß auch, dass das Thema komplex ist: „Objektiv ist es eben immer noch einfach so, dass wir viel mehr Organspenden benötigen, von daher reicht es nicht, jemand nur Hoffnung zu machen. Die muss sich auch auf etwas begründen.“ Was es braucht, ist die permanente Information über das Leid derjenigen, die auf ein Organ warten, heißt es von der DSO. Eine Schlüsselrolle dabei spielen die Hausärzte: Wie eine aktuelle Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Organspende zeigt, genießen sie bei Patienten besonders hohes Vertrauen und sind auch beim Thema Organ- und Gewebespende wichtige Ansprechpersonen. So gibt etwa jeder vierte Befragte zwischen 14 und 75 Jahren in der Repräsentativbefragung der BZgA an, mit seinen Ärztinnen und Ärzten über das Thema sprechen zu wollen. 15 Prozent derjenigen, die einen Organspendeausweis besitzen, haben diesen in ihrer Arztpraxis erhalten.

Warum dennoch so viele Menschen davor zurückscheuen, einen Organspende-Ausweis auszufüllen, erklärt sich Werner L. so: „Das Thema ist ja keines, über das man leichthin spricht und mit dem man auf Partys neue Freunde gewinnt. Man muss sich mit dem eigenen Tod oder dem von Angehörigen beschäftigen. Das ist tabu. Wer macht das schon gerne?“

In der aktuellen Debatte um die gesetzliche Regelung der Organspende setzen viele Betroffene – auch der Lüneburger L. – darum jetzt auf die so genannte Widerspruchslösung. Danach soll jeder Deutsche automatisch ein Spender sein, wenn man nicht selbst oder jemand aus der Familie widerspricht. Dass die Widerspruchslösung aber wirklich kommen wird, ist wohl eher zweifelhaft. Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery fasste die Mehrheitsmeinung unter seinen Kollegen so zusammen: „Als Arzt vertrete ich die Widerspruchslösung. Ich halte sie in unserem Rechtssys-tem, in dem man für jeden Pieks eine Einwilligung geben muss, jedoch für schwer durchsetzbar.“

Wie wird man selbst Organspender?

Die persönliche Entscheidung kann in einem Organspendeausweis oder in der Patientenverfügung schriftlich dokumentiert werden. Gleichwertig ist das Gespräch mit den Angehörigen. Füllen Sie den Organspendeausweis einfach aus und legen ihn in die Brieftasche. Dort schauen Ärzte im Ernstfall zuerst nach. Tragen Sie dort Name, Vorname, Geburtsdatum und Adresse ein. Dann kreuzen Sie auf der Rückseite an, für welche Form der Organspende Sie zur Verfügung stehen. Wichtig: Unterschreiben Sie den Ausweis, nur damit wird das Dokument gültig. Und: Informieren Sie Ihre Angehörigen, dass Sie Organspender sind, dann gibt es im Notfall keine Probleme.

Wann werden Organe zur Spende freigegeben?

Dafür muss beim Patienten der Hirntod festgestellt werden. Heißt: Die Gesamtfunktion des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes sind unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen. Zwei Ärzte müssen diesen Zustand unabhängig voneinander feststellen, machen dafür bestimmte Tests. (RT)

Information zur Organ- und Gewebespende  www.organspende-info.de

www.bundesgesundheitsministerium.de/Organspende.

Kostenfreies Infotelefon Organspende: 0800 / 90 40 400.

Lebertransplantierte Deutschland e.V. Koordinationsbereich Nord

Telefon: 04131 / 53217.

Wie eine grosse Black Box

Snus, Badesalze & Co – Legale Drogen und die folgen für die Gesundheit

Kennen Sie Snus? Wenn nicht, fragen Sie doch ihre Kinder. Viele Jugendliche greifen zu dem Zeug, weil es angeblich cool ist und manche Sportler auch ganz heiß darauf sind. Snus kommt aus Schweden und wird daher auch schwedisch ausgesprochen, also „Snüs“. Ganz süß also, möchte man meinen. Doch Snus ist alles andere als das.

Snus ist eine legale Droge und wird in Dosen verkauft, die entweder kleine Beutelchen oder losen Tabak mit jeweils unterschiedlichen Mengen an Nikotin enthalten. Es besteht hauptsächlich aus fein gemahlenem Tabak, den die Hersteller mit Wasser, Feuchthaltemittel, Salz und Aromastoffen behandeln. Das Salz hat die Funktion, den Tabak dem PH-Wert im Mund anzupassen. Dadurch können die Schleimhäute die Inhaltsstoffe besser resorbieren. Die Aromastoffe sollen über den Tabakgeschmack hinwegtäuschen. Der Verkauf des Lutsch-Tabaks, der zwischen Lippe oder Wange auf das Zahnfleisch geschoben wird, wo der Speichel ihn in einen braunen Saft verwandelt, ist in Deutschland illegal – der Konsum hingegen nicht. Vor allem Fußballer, Vorbilder für viele Kids, scheinen Snus zu lieben.

Bundesligaprofis gehören zu den Snus-Fans genauso wie Provinzkicker aus Lüneburg. Der Autor dieses Textes sprach mit zwei Lüneburger Spielern, die beide sogar etwas Geld verdienen mit ihrem Sport. Sie geben den Snus-Gebrauch ganz offen zu: „Ist doch nix dabei“, meinte der eine. „Völlig harmlos“, sagt der andere. Allerdings gibt er auch zu: „Es kommt schon vor, dass das Zahnfleisch wie die Hölle zu brennen anfängt und der Schweiß rinnt. Aber wenn das vorbei ist, kommt man richtig gut drauf und spielt übrigens auch besser.“

Dass Snus wirklich so harmlos ist, glaubt man selbst in Schweden, dem einzigen Land in der EU, in dem der Oraltabak legal gekauft werden kann, nicht mehr. Es mehren sich auch hier die kritischen Stimmen. Die große Lobby der Befürworter wehrt sich allerdings heftig gegen erste Verbotsaufrufe. Snus ist in dem skandinavischen Land bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert verbreitet.

In Deutschland ist die Medizin sich ziemlich einig: Die Trend-Droge putscht auf, stärkt die mentale Aufnahmefähigkeit, verursacht aber eine starke Abhängigkeit, wird Ingo Froböse, Professor für Sportrehabilitation und Prävention an der Sport-hochschule Köln, von der „Zeit“ zitiert. Gefährlich wird’s, wenn maßlos konsumiert wird, was leider unter Kindern und jungen Erwachsenen oft geschieht. Manche „Snus“-Beutel enthielten immerhin 44 Milligramm oder mehr Nikotin, das sind drei bis vier Zigaretten auf einmal. Was viele zudem außer Acht lassen, ist, dass Snus-Produkte schwedischer Erzeuger strengeren Standards unterliegen, um die Schadstoffe gering zu halten. Asiatische Produkte hingegen, mit einem Klick per Internet zu bekommen, enthalten einen Tausendfach so hohen Schadstoffgehalt.

Bereits 2007 fanden Forscher des schwedischen Karolinska-Instituts heraus, dass Snuskonsumenten neben noch recht harmlosen Folgen wie Zahnfleischschwund, verfärbten Zähnen oder Zahnverlust auch mit einem erhöhten Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs leben müssen. US-Wissenschaftler bestätigten das in einer Studie aus 2015. Genau wie auf Zigarettenpackungen gibt es auf den Snus-Dosen inzwischen den Warnhinweis, dass „dieses Tabakprodukt“ der Gesundheit schaden kann. Hilft ein Konsum-Verbot? Eher wohl Aufklärung. Denn neben Snus gibt es reichlich andere Substanzen im Netz, die eine entstehende Lücke füllen würden. Die sogenannten Legal Highs zum Beispiel, die als vermeintliche legale und harmlose Rauschmittel beworben werden, und online ganz einfach ins Haus bestellt werden können. Und vermutlich oft weitaus schädlicher für die Gesundheit sind als der gelutschte Tabak aus Schweden. Fachleute warnen vor diesen psychoaktiven Substanzen (NPS), die teilweise stärker als etwa Cannabis oder andere herkömmliche Drogen wirken können. Sie werden im Netz zum Beispiel als Kräutermischung, getarnt als Badesalz oder Lufterfrischer angeboten, und tragen dort Namen wie   „Party Beast“ „Bonzai Summer Boost“ oder auch „Amazonas Vanilla“. Wer solche Drogen im Internet bestellt, weiß nicht, was er bekommt und wie die Wirkung ausfallen wird. Das ist wie eine große Black Box. Schon Rattengift ist in Legal Highs entdeckt worden. Nach Erkenntnissen der Polizeigewerkschaft GdP wurden allein im vergangenen Jahr mindestens 60 neue, zum Teil hochgefährliche Wirkstoffe erstmals auf dem deutschen Markt festgestellt. Als besonders experimentierfreudige Nutzer der Legal Highs gilt übrigens die Gruppe der 16- bis 25-jährigen. Und genau diese Altersgruppe steht auch beim Snus-Gebrauch an der Spitze … (RT)