Leute

Keine Angst von neuer Technik

Die Lüneburger Universitätsprofessorin Prof. Dr. Sabine Remdisch arbeitet als Gastwissenschaftlerin im Silicon Valley

Wer es im Silicon Valley zu etwas bringen will, sollte sich nicht an deutschen Karrieretugenden messen. „Die Frage im Silicon Valley lautet: Was willst du bewegen, wie willst du die Welt besser machen?”, weiß Prof. Dr. Sabine Remdisch aus eigener Erfahrung. Die studierte Psychologin mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie war mit gerade einmal 30 Jahren die erste berufene Professorin für den damals neuen Studiengang Wirtschaftspsychologie an der heutigen Leuphana Universität Lüneburg. Hier gründete sie auch das Institut für Performance Management, wo heute die „Personaler der Zukunft” ausgebildet werden, und war zudem von 2006 bis 2010 Vizepräsidentin der Universität. „Ich wollte immer Psychologin werden und habe mir überlegt, wo der Mensch die meiste Zeit verbringt – und das ist der Arbeitsplatz”, erläutert sie. Deshalb entschied sie sich für den Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie. Das Zukunftsthema Nummer eins ist dabei die Digitalisierung – und wo lässt sich am besten ablesen, wie Unternehmen und Menschen in der digitalen Arbeitswelt maximal erfolgreich sein können? „Es war schnell klar, dass es das Silicon Valley ist”, sagt sie. So bewarb sich Prof. Dr. Sabine Remdisch als Gastwissenschaftlerin an der Stanford University und pendelt seitdem mehrmals pro Jahr zwischen ihrem Arbeitsplatz an der Leuphana Universität Lüneburg und dem im Silicon Valley, wo sie ganz unmittelbar zu Themen rund um das Führen und Arbeiten in der digitalen Welt forscht. Verschiedenste Studien konnten Prof. Dr. Remdisch und ihr Team bis heute realisieren und spannende Erkenntnisse für die Praxis gewinnen. Die sogenannten Five Switches gehören beispielsweise dazu – die fünf Schalter, die Unternehmen umlegen müssen, um für die digitale Transformation gerüstet zu sein: Workplace, Collaboration, Empowerment, Leadership, Culture. Gemeint sind damit unter anderem flexible und kreativitätsförderliche Arbeitsumgebungen, eine starke Vernetzung und das Teilen von Wissen und Werten, das Einräumen von Handlungs- und Entscheidungsfreiräumen der Mitarbeitenden und die Entwicklung einer starken Innovationskultur. Im Silicon Valley sind all diese Attribute eine Selbstverständlichkeit. „Dieser Ort ist erfüllt von einer Kultur der permanenten Veränderung und Innovation, in der jeder mit Neugierde, Eifer und Schnelligkeit ans Werk geht. Das Valley ist disruptiv, unternehmerisch, und wer es hier beim ersten Mal nicht schafft, versucht es einfach weiter, bis eine Idee dann tatsächlich durchschlägt und Gewinne einfährt“, erklärt sie. Scheitern zu dürfen, eine hohe Risikobereitschaft und die Durchlässigkeit zwischen dem Campus- und dem unternehmerischen Leben kennzeichneten diesen Ort.

Zukunftsthema Digitalisierung

Um ihre Erkenntnisse auch in die deutsche Forschung und Praxis fließen zu lassen, entwickelte Prof. Dr. Sabine Remdisch 2014 mit ihrem Institut an der Leuphana im Zusammenspiel mit dem H-STAR Institute der Stanford University und renommierten Unternehmen die LeadershipGarage. An dieser Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft forscht sie kollaborativ zu den Themen Digital Preparedness, Digital Leadership und Digital Collaboration. Dabei verfügt die LeadershipGarage über eine ganz eigene Arbeitsatmosphäre, die sich an der Digital-, Innovations- und Fehlerkultur des Silicon Valley ausrichtet. Im Fokus der LeadershipGarage steht der Anspruch, Führungskräften geeignete Konzepte und Tools an die Hand zu geben, um auch deren Unternehmen und Mitarbeitende in eine zukunftsfähige Unternehmenskultur führen zu können. Zu den jüngsten Errungenschaften der LeadershipGarage zählt das Digital Leadership Lab an der Leuphana Universität Lüneburg: Hier können innovative Technologien und Arbeitsweisen praktisch ausprobiert und unter wissenschaftlicher Leitung zu erfolgreichen Digital- und Innovationskulturen entwickelt werden. „Wir arbeiten mit regionalen Unternehmen, hören, was sie interessiert und entwickeln entsprechende Angebote”, erklärt Prof. Dr. Sabine Remdisch das Lab-Konzept.

Beamen statt Skypen

Eine dieser technischen Novitäten ist der Telepräsenzroboter, der in den USA schon regelmäßig, in Deutschland erst langsam im Arbeitsleben eingesetzt wird. Von der Funktion her ein Tablet auf einem fahrbaren Stick, lässt er sich aus der Ferne steuern und erlaubt zum Beispiel Führungskräften auch über räumliche Distanzen hinweg nahezu von Angesicht zu Angesicht mit ihren Mitarbeitenden zu kommunizieren. Dazu „beamt“ sich die Führungskraft per Tablet an ihren Wunschort und kann sich dank des fahrbaren Sticks dort ganz frei bewegen. Eine für Prof. Dr. Remdisch wichtige Forschungsfrage in Bezug auf diese Telepräsenzroboter ist, wie sich bei deren Nutzung das für Führungserfolg auch künftig unverzichtbare Vertrauen aufbauen lässt. Gesten fallen weg, die Führungskraft muss sich auf das verlassen, was ihr der Mitarbeiter berichtet, eine Kontrolle ist über die Entfernung nicht möglich. „Die Frage ist zum Beispiel, ob sich mit Hilfe von Telepräsenzrobotern besser Vertrauen aufzubauen lässt als beim Telefonieren oder mit Webkonferenzen”, ergänzt die Professorin. Zu diesem Thema hat Prof. Dr. Sabine Remdisch in den USA eine Studie mit Führungskräften von Airbus durchgeführt, die den Telepräsenzroboter in verschiedenen Situationen testeten. Dabei zeigte sich, dass für eine erfolgreiche Kommunikation mit dieser Technologie drei Ebenen zu berücksichtigen sind: die personelle, die interpersonelle und die organisationale Ebene. Auf der personalen Ebene geht es um die Beziehung zwischen Nutzer und Telepräsenzroboter, die interpersonelle Ebene fokussiert das Verständnis für die zwischenmenschlichen Interaktionen während der Nutzung, und die organisationale Ebene betrifft die Auswirkungen der Nutzung in Bezug auf die gesamte Organisation. So zeigte sich etwa, dass die Nutzung eines Telepräsenzroboters für eine verstärkte Selbstaufmerksamkeit sorgt, denn bei dieser Form der Kommunikation sieht der Nutzer immer auch sich selbst und achtet daher mehr auf das eigene Aussehen. Eine weitere Erkenntnis ist, dass sich die Organisationskultur eines Unternehmens durch die Nutzung der Roboter verändert beziehungsweise verändern muss. Nur eine angepasste, eine Digitale Kultur ermöglicht den sogenannten Mindset Shift. Eine veränderte Denkweise ist unabdingbar, wenn es darum geht, Führungskräfte und Mitarbeitende auf ihre neuen Rollen in der digitalen Arbeitswelt vorzubereiten und ihnen die Aufnahme neuer Technologien zu ermöglichen. Mit Studien wie dieser hilft die LeadershipGarage Unternehmen, Führungskräften und deren Mitarbeitenden, die mit dem digitalen Wandel zusammenhängenden Herausforderungen zu meistern.

„Always on” als Chance

Gerade im Hinblick auf den Umgang mit den neuen Kommunikationstechnologien ist unser Leben sehr anders als das digitale Leben im Silicon Valley. Während bei uns die Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit und des „Always-on-Seins“ häufig als Belastung gilt, wird es im Silicon Valley als Chance betrachtet. „Die Menschen im Silicon Valley fragen: Wie können wir mit der digitalen Technik ein besseres und gesünderes Leben führen?”, berichtet Prof. Dr. Sabine Remdisch. Die Einstellung zur Technik und die Herangehensweise seien anders als in Deutschland: „Es ist ein positiver Wert, der von der Technik ausgeht.” Ein anderes Forschungsfeld von Prof. Dr. Sabine Remdisch und ihrem Team, das im Leadership Lab bearbeitet wird, ist der Einsatz mobiler Datenbrillen im Arbeitsleben. Die sogenannten Smart Glasses werden beispielsweise zur Arbeit an Maschinen eingesetzt: Die Führungskraft lässt sich das, was der Mitarbeitende an der Maschine sieht, auf die Brille schalten und kann so sehen, was der Mitarbeitende sieht. Auch technische Fehler werden von der Brille erkannt. Datenbrillen ermöglichen somit Führung auf Distanz, in diesem Falle eine Fernproblemlösung oder Ferninstruktion. Mit Blick auf diese Praxis ergeben sich interessante Fragestellungen für die wissenschaftliche Forschung: Wie gebe ich als Führungskraft mittels digitaler Technologien die richtigen Instruktionen? Wie fühlt sich dabei der Mitarbeitende, ist das ein zu großer Eingriff in seine Privatsphäre?

Silicon Valley hat technischen Vorsprung

Antworten auf solche Fragen helfen, die Angst vor diesen Technologien abzubauen. „Im Silicon Valley gilt, dass man kontinuierlich nach innovativen Lösungen suchen muss”, weiß Prof. Dr. Sabine Remdisch. Dort besuchen die Menschen, so berichtet sie, sogar in ihrer Freizeit Veranstaltungen und Seminare rund um die Technik, weil sie einfach neugierig sind und Neues lernen wollen. Auch Freitagabendveranstaltungen seien gut besucht, weil niemand das als Arbeit ansehe. „Ich finde das faszinierend: Die Kollegen besuchen in ihrer Freizeit ein Seminar zu künstlicher Intelligenz”, erzählt sie begeistert, „einfach, weil sie an der Innovation dran bleiben wollen“. Als Prof. Dr. Sabine Remdisch vor fünf Jahren das erste Mal in die USA ging, bemerkte sie sofort den technischen Vorsprung gegenüber Deutschland. „Das war schon sehr deutlich, aber Deutschland hat etwas aufgeholt”, meint sie heute. Webkonferenzen seien normal und man lebe mit seinem Smartphone. Das aktuelle Thema, über das zurzeit jeder im Silicon Valley rede, sei die künstliche Intelligenz (KI). „Auch da müssen wir Deutsche und Europäer uns noch einiges aneignen”, ist sie überzeugt. Die LeadershipGarage ist gerade in eine neue Runde gegangen. Ganz oben auf der Agenda steht auch der Themenbereich KI. Ihre Erkenntnisse fassen die Leuphana-Professorin und ihre Mitarbeiter regelmäßig im „LeadershipGarage Blog” (www.leadershipgarage.de) zusammen, außerdem organisieren sie zweimal im Jahr die „LeadershipGarage Lounge”, ein Austauschformat für Wissenschaftler und Unternehmensvertreter. Die nächste Lounge findet im November zum Thema „Führung und KI“ statt. (LEU)

An der Schnittstelle

Susanne Schumacher führt als Willkommenslotsin arbeitsuchende Geflüchtete und Unternehmen zusammen

Ob Jugendhilfe, Politik, Naturschutz oder Marketing: Susanne Schumacher hatte in ihrer Laufbahn schon viele Jobs. In ihrer neuen Anstellung als Willkommenslotsin bei der IHK Lüneburg schließt sich der Kreis, denn hier kann sie ihre gesammelten Erfahrungen einbringen. Die 48-Jährige hilft im Kammerbezirk Lüneburg-Wolfsburg, für Geflüchtete den passenden Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden – und für Unternehmen die passenden Mitarbeiter. Die gebürtige Stuttgarterin, die in einem Dorf in Baden-Württemberg aufwuchs, zog 1993 nach Lüneburg, um Umweltwissenschaften zu studieren. „Ich habe vorher im Auslandsstudium in Italien Leute kennen gelernt, die mir von Lüneburg vorschwärmten”, erinnert sie sich. Als sie die Stadt kennen lernte, war es sofort um sie geschehen: Inzwischen kann sich Susanne Schumacher keinen schöneren Ort zum Leben und Arbeiten mehr vorstellen. Nach dem Studium war es für Susanne Schumacher erst eine Notlösung, in der Jugend- und Erwachsenenbildung zu arbeiten. „Mein Studium der Umweltwissenschaften hatte einen geo-botanischen Schwerpunkt. Ich wollte aber mehr mit Menschen arbeiten”, erklärt sie. Bei verschiedenen Lüneburger Bildungsträgern unterrichtete sie Fächer wie Mathe, Deutsch und Englisch, gab Bewerbungs- und Telefontraining.

Mutter der Nation und Feldwebel

Die Aufgaben wurden stetig mehr, bis Susanne Schumacher 2001 ein Job beim Verein Jugendhilfe e.V. in Lüneburg angeboten wurde, der es in sich hatte: Im Rahmen des aha!-Projektes wurde sie als Lehrerin für drogenabhängige Jugendliche eingestellt. „Auf der einen Seite musste ich den Schülern wohlwollend und zugewandt gegenübertreten, auf der anderen Seite eisenhart sein. Ich war im einen Moment die Mutter der Nation und im nächsten Moment der Feldwebel.” Die Jugendlichen zu unterrichten war eine wesentlich größere Herausforderung als die Erwachsenenbildung. Meist hatten die jungen Leute keine Lust auf Unterricht und hinterfragten manches Mal den Sinn. „Da braucht man eine ureigene Motivation”, meint Susanne Schumacher. Drei Jahre hängte sie sich in das Projekt. Dann nahm ihre berufliche Laufbahn eine totale Kehrtwende: Da sie nebenbei bereits die CDU journalistisch begleitet hatte, ergab sich 2003 die Möglichkeit, bei dem Wahlgewinner im niedersächsischen Landtag aktiv zu werden. Susanne Schumacher arbeitete fortan als Wissenschaftliche Referentin für Frauen, Familie, Gesundheit, Soziales, Petitionen & Bau der CDU-Fraktion. „Das war ein krasser Gegensatz zur Jugendhilfe. Vorher hatte ich mit Tätowierten und Abhängigen zu tun, nun mit Anzugträgern”, erzählt sie, „ein Wechsel von einer Welt in die komplett andere.” Trotzdem gab es auch hier Schnittmengen: Als Einzige im Arbeitskreis Soziales, die praktische Erfahrung mit der Drogenhilfe hatte, setzte sie sich zum Beispiel erfolgreich gegen Kürzungen in diesem Bereich ein. Für ihren Job in der Politik zog Susanne Schumacher nicht aus ihrem geliebten Lüneburg weg, sie pendelte mit dem Zug nach Hannover, arbeitete Tag und Nacht und übernachtete teilweise sogar im Büro. Als ihre Chefin Ministerin wurde, bot sich Susanne Schumacher als deren persönliche Referentin an und war ab dann Referentin der Ministerin für Frauen, Familie, Gesundheit, Soziales und Bau. 15 Monate absolvierte sie diese Arbeit, „ein Knochenjob”. Für Notfälle nahm sie sich ein WG-Zimmer in Hannover, denn immer wieder verpasste sie den letzten Zug zurück. Es folgten Zwischenstationen in den Bereichen Gewaltschutz und Zwangsprostitution sowie im Referat Frauen & Arbeitsmarkt. Mit dem Wechsel ins Frauenreferat konnte sie ihr WG-Zimmer kündigen, denn sie hatte nach Jahren erstmals wieder einen planbaren Feierabend.

Von der Politik in die Natur

Zu dieser Zeit lebte Susanne Schumacher in Lüneburg in einem Wohnprojekt im Roten Feld. Das Pendeln ging ihr zunehmend auf die Nerven. „Im sechsten Jahr hatte ich die Nase voll von der Pendelei”, erinnert sie sich. Eine Kollegin zeigte ihr im richtigen Moment eine Stellenanzeige des Umweltministeriums, „ein Traum für jeden Umweltwissenschaftler”. 2009 trat sie die Stelle an der Alfred Toepfer Naturschutz Akademie in Schneverdingen an, wo sie stellvertretende Fachbereichsleiterin für Bildung & Kommunikation wurde. Der Gegensatz zur Arbeit in Hannover war frappierend: „Es gab nur Weite und ab und zu eine Schafherde, das war Natur pur.” Nach einem Jahr in Schneverdingen verspürte Susanne Schumacher erneut Aufbruchsstimmung. Sie hinterfragte ihre Ziele, suchte zwischenzeitig nach einer Immobilie näher an der Naturschutzakademie – bis ihr eine Freundin die Nachfolge in ihrem Job anbot, diesmal in Bremen. Sie bekam die Stelle, doch für Bremen gab sie das erste Mal ihren festen Wohnsitz in Lüneburg auf. Sie zog 2010 in einen Bremer Vorort und nahm ihre neue Arbeit als Marketingleiterin eines internationalen Architektur- und Ingenieur-Dienstleisters an. „Das war wieder ein 24-Stunden-Job”, erzählt die 48-Jährige. Ihr Plan war, drei Jahre Erfahrung in der freien Wirtschaft zu sammeln, doch als diese verstrichen waren, war aufgrund einer Umstrukturierung im Betrieb an einen Weggang nicht zu denken. Während ihrer Bremer Zeit, die sich auf acht Jahre erstreckte, plagte Susanne Schumacher das Heimweh nach Lüneburg. „Ich habe zunehmend gemerkt, dass ich da weg will und habe immer wieder Bewerbungen nach Lüneburg geschickt”, erzählt sie. Als sie die Stellenanzeige der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg für einen Willkommenslotsen entdeckte, war es für sie ein Volltreffer. „In diesem Job kommt alles zusammen, was ich bisher gemacht habe”, sagt sie. Und im Sommer 2018 hatte sie bereits eine Wohnung in Melbeck gekauft.

Netzwerkqualitäten zählen

Seit dem 2. Januar ist Susanne Schumacher Willkommenslotsin bei der IHK Lüneburg-Wolfsburg. Ihr Job ist die Schnittstelle zwischen Unternehmen, die händeringend nach Fachkräften suchen und jungen Geflüchteten, die einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle suchen. Sie bringt beide Seiten zusammen. In dem zunächst auf ein Jahr befristeten Projekt „Willkommenslotsen”, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wird, kann Susanne Schumacher ihre Netzwerkqualitäten voll ausschöpfen. Da die Stelle ein halbes Jahr vakant war, ist sie zunächst dabei, Netzwerke neu aufzubauen. Sie knüpft Kontakte zu allen, die von ihrer Arbeit profitieren könnten. So besucht sie in ihrem Kammerbezirk, der sich von Hamburg-Harburg bis Wolfsburg und vom Heidekreis bis Lüchow-Dannenberg erstreckt, Berufswahlmessen, Regionaltreffen zu Themen wie Migration, Teilhabe und Integration von Flüchtlingen und sucht Kontakt zu Arbeitsagenturen, zu Einrichtungen wie Caritas und Diakonien oder den Landkreisen. Bei Netzwerktreffen mit Willkommenslotsen anderer Kammern werden Praxiserfahrungen ausgetauscht. „Ich vernetze mich was das Zeug hält, ich muss mich erst einmal bemerkbar machen”, meint sie. Fortbildungen sind für die Willkommenslotsin essentiell. Da sie über Fördermöglichkeiten, rechtliche Rahmenbedingungen oder zur konkreten Organisation im Betrieb berät, muss sie sich immer auf dem Laufenden halten. Geschult wird sie dafür vom KOFA, dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung, das ihr das Rüstzeug an die Hand gibt. Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) als Organisator des Projektes stellt Informationen zur Verfügung. „Die Änderungen erschweren die Arbeit, politisch ist viel im Fluss”, so die 48-Jährige. „Auf einmal ist ein eben noch sicheres Herkunftsland ein unsicheres. Dadurch hat man es im Grunde immer mit Einzelfällen zu tun.” Hat ein Geflüchteter einen konkreten Ausbildungswunsch, kann er oder sein Betreuer einen Termin bei der IHK ausmachen. Liegen die Berufswünsche im Zuständigkeitsbereich mehrerer Kammern, stimmt sich Susanne Schumacher mit der Landwirtschafts- und Handwerkskammer ab. Eine Standardberatung gibt es bei ihr nicht. Im Gespräch werden die individuellen Wünsche des Geflüchteten erörtert, aber auch Qualifikationsbedarf, Aufenthaltsstatus und Sprachkenntnisse hinterfragt. In detektivischer Kleinstarbeit muss Susanne Schumacher herausfinden, ob der Ausbildungs- und Berufswunsch realistisch ist – und welches Unternehmen zu ihm passen könnte. Umgekehrt hält sie Kontakt zu den Unternehmen, um sie zum Thema zu sensibilisieren und davon zu überzeugen, dass Flüchtlinge als Auszubildende oder Fachkräfte eine Bereicherung für jeden Betrieb darstellen können.

Hochmotivierte Flüchtlinge

Die Erfahrungen der ersten Monate zeigen: Bisher kommen ausschließlich Männer zu Susanne Schumacher, die im Schnitt zwischen 19 und 27 Jahre alt sind. Diese stammen überwiegend aus Syrien, Pakistan, Afghanistan und Irak. Am nachgefragtesten ist im IHK-Kammerbezirk der Beruf des Kfz-Mechatronikers, im Handwerk ist es unter anderem der Friseurberuf. Die größte Sorge von Unternehmen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen ist ein ungesicherter Aufenthaltsstatus, doch hierfür gibt es klare Vorgaben, so dass die Willkommenslotsin ihnen diese Angst nehmen kann. Wenn es gewünscht ist, begleitet sie Vorstellungsgespräche und bleibt Ansprechpartnerin für beide Seiten. Neben Praktika sind Einstiegsqualifizierungen eine beliebte Form der ersten Beschäftigung von Geflüchteten. Diese Möglichkeit gibt es seit 2004 und ist eine Art Langzeitpraktikum über sechs bis zwölf Monate. In dieser Zeit kann der Beschäftigte, der eine kleine Entlohnung erhält und krankenversichert ist, die Berufsschule besuchen, muss aber keine Prüfungen ablegen. Die Maßnahme wird vom Arbeitsamt gefördert, für die Unternehmen besteht kein finanzieller Aufwand. „Danach ist das Ziel, im gleichen Unternehmen eine Ausbildung anzufangen”, erklärt Susanne Schumacher. „Dafür ist eine große Offenheit da.” Die arbeitsuchenden Geflüchteten erlebt die Willkommenslotsin in ihrer Arbeit durchweg als höflich, gut vorbereitet, freundlich und hochmotiviert. „Die wollen wirklich alle hier arbeiten und ihr Bestes geben”, meint sie. Auch von den Unternehmen erhält sie nach erfolgreicher Vermittlung Rückmeldungen über überdurchschnittlich hohe Arbeitsleistungen und eine hohe Sozialkompetenz. In ihrem jetzigen Beruf kann Susanne Schumacher gebrauchen, was sie in den anderen Jobs gelernt hat. Ihr Englisch ist durch die Arbeit im internationalen Konzern sehr gut, Bewerbungstraining und andere Berufsvorbereitungen kann sie aus ihrer Zeit in der Jugendhilfe übernehmen. Ihre neue Arbeit sieht sie als ein Zwischending aus Behörde und Politik mit der richtigen Work-Life-Balance. „Und die Freude am Vernetzen ist in jedem Beruf wichtig.” (JVE)

Auf dem Weg zum Plastikfreien Leben

Der Umweltaktivist Christoph Schulz setzt sich gegen Plastikmüll ein

Eigentlich war Christoph Schulz auf der Suche nach einer neuen Geschäftsidee. Doch diese Suche veränderte sein Leben. Heute kämpft der 30-Jährige mit seinem Umweltschutzprojekt als Aktivist gegen den Plastikmüll – und lebt selbst nahezu plastikfrei. Aufgewachsen ist Christoph Schulz in Uelzen, auf dem Herzog-Ernst-Gymnasium machte er sein Abitur, bevor er eine Bankausbildung begann. Anschließend studierte er Online-Marketing. Für seine Bachelor-Arbeit zog er nach Berlin, wo er seit vier Jahren – inzwischen zusammen mit seiner Freundin – lebt. Dass er nicht im Angestelltenverhältnis arbeiten möchte, war Christoph in Berlin schnell klar. So startete er mit einem Freund seinen ersten Start-up-Versuch mit einer Vermietung technischer Geräte. „Wir wurden total ausgenutzt, es gab einfach zu viele Verbrecher und falsche Kunden. Uns fehlten aber die Möglichkeiten, die Kosten wieder einzutreiben”, erzählt der 30-Jährige. Aus dieser Pleite zogen sie die Lehre, in Selbstständigkeit Dinge lieber verkaufen zu wollen.

Haltbar bis 1981

Im Jahr 2016 reiste Christoph Schulz in den Urlaub nach Sri Lanka, „um mir darüber klar zu werden, was ich wirklich machen will.” Er war das erste Mal in Südostasien unterwegs und war entsetzt über den Plastikmüll in der Natur. Diese Erfahrung legte bei ihm urplötzlich einen Schalter um. „Ich habe eine Plastikflasche gefunden, deren Inhalt bis 1981 haltbar war. Da habe ich gemerkt, dass das Plastik wirklich unvergänglich ist. Wenn ich jetzt eine Plastikflasche wegschmeiße und in 60 Jahren gestorben bin, vergehen noch weitere 400 Jahre, bis sie sich zersetzt hat”, so Christoph. Der Urlauber konnte nicht wegschauen und organisierte vor Ort in Sri Lanka eine Aufräumaktion, ein Clean-Up, am Strand. Wieder in Deutschland angekommen, beschloss Christoph Schulz, sich auch beruflich mit dem plastikfreien Leben zu befassen. „Ich habe recherchiert, was es auf dem Markt an plastikfreien Produkten gibt”, erzählt der 30-Jährige. So sei er zum Beispiel auf Zahnbürsten aus Holz oder Holzhaarbürsten mit Wildschweinborsten gestoßen. Um seinen eigenen Beitrag zu diesen plastikfreien Alternativen zu leisten, begann er schließlich, sie selbst in kleinen Mengen und auf eigene Rechnung produzieren zu lassen und zu verkaufen. Zwar konnte er gut davon leben, inzwischen hat er sich jedoch darauf spezialisiert, die umweltfreundlichen Produkte zu testen und an Interessierte zu vermitteln. Auf seiner Webseite www.careelite.de, benannt nach dem von ihm gegründeten Umweltschutzprojekt, bloggt er regelmäßig über Neuheiten und Themen rund um plastikfreies, umweltfreundliches und nachhaltiges Leben. Von seiner Leserschaft, der Community, erhält Christoph Anregungen, welche Produkte plastikfrei produziert werden sollten. „Ich habe zum Beispiel den Vorschlag für einen Wasserkocher ohne Plastik bekommen. Die gibt es auch aus Glas. Wenn es das Produkt auf dem Markt aber noch nicht gibt, entwerfe ich das, suche Hersteller und schreibe sie an”, erklärt er. Dieses Produkt lasse er dann in kleinen Stückzahlen produzieren. Die Garantie für einen guten Absatz gibt es nicht. „Vielleicht will das auch keiner kaufen. Man muss den Markt erstmal kennen lernen”, erläutert Christoph.

Plastik nicht total verteufeln

Was den Haushalt angeht, hält Christoph Schulz nichts davon, Plastik grundsätzlich zu verteufeln. Sinnvoll sei es zum Beispiel nicht, aus gutem Vorsatz alles aus Plastik wegzuwerfen, um auf plastikfreie Alternativen umzusteigen. „Das wäre natürlich totaler Quatsch, man will ja auch keinen Müll machen”, meint er. Der Umstieg mache vor allem Sinn bei Dingen, die man oft wechselt – wie zum Beispiel Zahnbürsten. „Das muss man für sich selber entscheiden.” Der Uelzener rät allerdings dazu, Dinge, die schädliches BPA enthalten, sofort zu entsorgen. Auf Plastik im Haushalt zu verzichten, sei auch nicht in jedem Bereich sinnvoll, glaubt Christoph. „Eine PC-Tastatur ist zum Beispiel schwierig zu ersetzen”, außerdem würde man sie in der Regel lange nutzen. Sein Tipp lautet „Plastik einfach sinnvoll ersetzen”, zum Beispiel beim Einkaufen. Auf Plastiktüten beim Kauf von Obst und Gemüse könne man verzichten, zum Beispiel mit einem plastikfreien Gemüsenetz, das man immer wieder verwenden kann. In Berlin setze sich dieser Trend zur Plastikvermeidung zunehmend durch, hat Christoph beobachtet. Ein großes Problem in Supermärkten sieht der Umweltschützer in den Plastikverpackungen. „So entsteht schnell viel Müll.” Um auf Plastikverpackungen zu verzichten, setzen Christoph und seine Freundin vermehrt aufs Selbermachen – wie in alten Zeiten. Spülmittel machen sie beispielsweise aus Efeu selbst. „Das hätte ich mir vor zwei Jahren auch nicht träumen lassen, dass ich das mal aus Blättern herstelle”, sagt der 30-Jährige schmunzelnd, „aber es funktioniert einwandfrei, und Efeu gibt es bei uns zuhauf.”

Gesünder und langfristig kostengünstig

Der Verzicht auf Plastik im Haushalt muss nicht zwingend teuer sein. „Plastikfrei leben ist nur kurzfristig teuer, aber ich gebe dann kein Geld mehr aus”, erklärt der Aktivist. So seien die Investitionen in Vorratsgläser und Glasdosen eine Ausgabe für eine lange Zeit. „Es ist hundert Prozent gesünder und langfristig kostengünstig”, meint er. „Und das Zeitaufwendige ist nur, dass man sich einmal damit beschäftigt.” Der Wahl-Berliner hat sich daran gewöhnt, von Außenstehenden als Ökofreak angesehen zu werden. Doch man müsse kein Ökofreak sein, um durch einfache Veränderungen nachhaltiger zu leben. „Das Meiste dauert nicht lange”, betont er. Christoph Schulz und seine Freundin kaufen Obst, Gemüse und Käse auf dem Wochenmarkt ein. „Da kann man supergut plastikfrei einkaufen, und die Wochenmärkte würde ich auch unterstützen”, sagt er. „Märkte gibt es überall, gab es schon immer, und sie bieten Regionales an, das besser ist als im Discounter.” Joghurt kaufen sie im Supermarkt, Nudeln und Co. im Unverpackt-Laden, in den sie eigene Vorratsgläser mitbringen. „Es sieht cool aus und macht überhaupt keinen Müll”, so Christoph. Die Preise seien zwar etwas höher, „aber es lohnt sich. Und die Betreiber solcher Läden machen das mit Leidenschaft.” Durch das Internet gibt es viele Wege, seine Tipps und Anregungen unter das Volk zu bringen und sich zu vernetzen. Im Rahmen seines Umweltschutzprojektes CareElite, das Christoph Schulz 2017 gegründet hat, gibt es nicht nur die Homepage mit Blog und Shop, sondern auch Gruppen in den sozialen Netzwerken. In der öffentlichen Facebook-Gruppe „Zero Waste, Plastikfrei und Natürlich leben (CareElite Connect)” sind inzwischen mehr als 6.000 Mitglieder, außerdem betreibt Christoph die Facebook-Seite „CareElite – Be Natural Change”, die von ebenfalls mehr als 5.600 Menschen geliked wird. In der Gruppe „Nature & Beach CleanUp Group (Worldwide)” vernetzen sich Menschen, die weltweit gemeinsame Aufräumaktionen organisieren und durchführen wollen, im deutschsprachigen Raum sind der Verein Küste gegen Plastik und Sea Shepherd in dieser Richtung aktiv.

Müll ist unser Fußabdruck

Die Gruppen in den sozialen Netzwerken sind sehr aktiv, und auch Christoph Schulz‘ Homepage von CareElite wird bis zu 6.000 Mal am Tag angeklickt. Inzwischen nehmen auch Unternehmen Kontakt zu ihm auf und wollen, dass er ihre Produkte anpreist. Diese lässt er sich in der Regel zuschicken und testet sie in Ruhe, bevor er ein ehrliches Feedback abgibt. „Es gibt tolle Produkte, aber ich sage auch mal ab”, sagt er. Christoph Schulz, der sich selbst als Sozialunternehmer oder auch Umweltaktivist sieht, hat keine Angestellten. Das Meiste macht er alleine, während sieben Freiberufler mitbloggen. Sein Bruder, ein Wildlife-Filmer, kümmert sich um den Bereich Natur. „Viele haben den Bezug zur Natur verloren”, meint der Uelzener. „Unser Fußabdruck ist auch unser Müll. Wir sind die einzigen Lebewesen, die den Planeten zerstören.” Gerade hat Christoph einen Artikel über Mikroplastik im Meer für seinen Blog geschrieben, ein hochaktuelles Thema. „Wir haben es nie so richtig ernst genommen, wir sehen jetzt erst die Probleme und Nachteile”, sagt er. Zwar betreffe das besonders die asiatischen Länder, doch jeder solle sich damit beschäftigen, so seine Meinung. Wenn Christoph wieder auf Reisen ist, macht er bei Clean-Ups vor Ort mit und hilft örtlichen Organisationen bei der Aufklärungsarbeit. Ende März plant er eine Reise nach Vietnam. Dass in vielen Ländern in großen Mengen Wasser in Plastikflaschen gekauft und weggeworfen wird, kann Christoph Schulz den Menschen nicht einmal verdenken. Deutschland ist eines der wenigen Länder der Welt mit einem Pfandsystem für Plastikflaschen. Nur deshalb funktioniere es seit Jahren hierzulande so gut, dass keine Pfandflaschen herumliegen würden, meint er. „Die Menschen geben die Flaschen zurück, weil sie einen Gegenwert dafür bekommen. Es ist eigentlich total verrückt, dass dieses System in so wenigen Ländern genutzt wird.”

„Plastikfrei für Einsteiger”

Auch Christoph Schulz musste in den vergangenen zweieinhalb Jahren Schritt für Schritt seine Erfahrungen auf dem Weg zum plastikfreien Leben machen. Um seine Erlebnisse und sein Wissen an andere weiterzugeben, hat er jetzt einen Ratgeber geschrieben. Er heißt „Plastikfrei für Einsteiger” und richtet sich an Menschen, die sich noch nicht mit dem Thema plastikfreies Leben beschäftigt haben, aber Schritt für Schritt und unkompliziert an das Thema herangeführt werden wollen. Das Buch enthält einfache Tipps wie das Unterwegssein mit Trinkflaschen und Jutebeuteln, plastikfreies Reisen mit dem Flugzeug oder das Einkaufen ohne Plastikverpackungen. „Man kann für sich selbst entscheiden, wie weit man gehen möchte”, meint der Umweltschützer. Durch sein Buch lerne man das Problem zumindest kennen. Während sein Umfeld vor gut zwei Jahren noch skeptisch auf Christophs Umdenken reagierte, sind die meisten heute angetan. „Besonders auf dem Dorf wurde es komisch gesehen, da hatte ich ein Hippie-Image. In der Stadt verbreiten sich solche Ideen schneller”, meint der Aktivist. Ob als Sozialunternehmer, Umweltaktivist oder Umweltschützer (seine Eltern bezeichnen ihn als Online-Händler): Christoph Schulz geht es darum, aufzuklären und up to date zu bleiben. „Ich wollte etwas mit Mehrwert schaffen. Und es macht mir auch richtig Spaß – selbst morgens das frühe Aufstehen.” (JVE)

Im Dienste der oberen Zehntausend

Stefan Kleinat war Jahrelang als Butler angestellt

Die Welt, in der Stefan Kleinat beruflich unterwegs ist, ist für viele ein Traum. Doch der Lüneburger lernte auch ihre Schattenseiten kennen. Der 47-Jährige arbeitet seit Jahren als Butler – jetzt braucht er erstmal eine Pause. Stefan Kleinat ist gelernter Restaurantfachmann und arbeitete jahrelang bei verschiedenen Gastronomiebetrieben auf der ganzen Welt sowie auf Kreuzfahrtschiffen. „Irgendwann hat man von den Jobs genug”, meint er rückblickend. „Auch wenn ich den Beruf immer gerne ausgeübt habe.” Eines Tages erhielt Kleinat von seiner Kreuzfahrt-agentur ein Jobangebot, das seine Laufbahn in eine andere Richtung lenken sollte: Ein russischer Multimilliardär suchte einen Head Steward für seine Privatyacht in Monte-Carlo. Neugierig auf diese ungewöhnliche Jobmöglichkeit nahm er das Angebot an. Mit einem Minimum an Informationen und einem Flugticket ging es nach Monte-Carlo, wo die 90 Meter lange Yacht auf Reede lag.

Leben auf der Privat-Yacht

Der russische Milliardär, der mit Öl- und Erdgasgeschäften zu tun hatte, beschäftigte auf seinem Schiff 50 Mitarbeiter, obwohl er es nur als Büro und Rückzugsort für sich und seine Familie nutzte. „Es war eine Grundvoraussetzung, dass ich kein Russisch kann, damit ich von den Geschäften nichts verstehe”, erinnert sich Kleinat, dessen Verantwortung beim Restaurantservice lag. Um den Besitzer wurde ein Geheimnis gemacht. „Aber wir Mitarbeiter haben natürlich ein bisschen recherchiert”, verrät Kleinat schmunzelnd. Zwei Jahre lebte der Lüneburger auf der Yacht, die nur für Ausflüge mit Freunden Monte-Carlo verließ. Als der Yachtmanager das Schiff verließ, übernahm Stefan Kleinat auch noch dessen Job, doch es gab nicht allzu viel zu tun. „Wir sind immer nur im Hafen rumgedümpelt. Offiziell war das Schiff eine Charter-Yacht – es hat sie aber keiner gechartert”, erklärt er. Kleinat kümmerte sich hauptsächlich um die Frau und die drei Kinder des Besitzers, die er als herzlich und freundlich empfand. „Wenn keiner da ist, machst Du eben Inventur und zählst Getränke. Ich hab dann auch Fenster und Reling geputzt”, so Kleinat. Auch die Zubereitung des Essens für die Familie war nicht anspruchsvoll. „Der Besitzer wollte ganz normales Essen, wie Gretschka, eine Buchweizengrütze, oder Pelmeni, weil er überall woanders immer edel gegessen hat”, erinnert er sich. Zu seinen Angestellten auf der Yacht pflegte der russische Milliardär ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis. „Das Aus kam überraschend für uns”, so Kleinat. Als das Schiff mit ein paar Freunden des Besitzers 2006 von einem zehntägigen Südamerika-Trip zurückkam, wurde es in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Panama unter Arrest genommen. „Es gab Gerüchte über Umweltverbrechen, die wir auf den Galapagos-Inseln begangen haben sollten”, erklärt Stefan Kleinat. Klar war ab dann, dass das Schiff abgewickelt und das gesamte Personal entlassen werden musste.

Butler im Edel-Hotel

Stefan Kleinat hing nach diesem Job eine Weile in der Luft. „Hinterher habe ich realisiert, dass ich auf der Yacht zum ersten Mal mit dem Private Service zu tun hatte. Ich habe mich um persönliche Belange der Familie gekümmert und zum Beispiel mit der Frau eingekauft oder die Kinder aus dem Bett geholt.” Wieder in Deutschland, besann er sich seiner Jobmöglichkeiten und beschloss, sich erneut in den Dienst anderer zu stellen. So bewarb er sich als Butler beim wiedereröffneten Carlton Hotel in St. Moritz. Im Dezember 2008 trat Stefan Kleinat den neuen Job in der Schweiz an, den er zwei Wintersaisons ausübte. Das Hotel hatte einen eigenen Butler-Service mit sechs bis acht Butlern eingerichtet, auf den jeder Gast zugreifen konnte. Als Butler in dem Fünfsternehotel übernahm der Lüneburger Aufgaben, die gewöhnlich auch Hotelmitarbeiter übernehmen. Das waren der Empfang der Gäste und das Zeigen der Suite, aber auch das Auspacken der Koffer, Schuhe Putzen oder Kleidung Aufbügeln. Außerdem übernahmen die Butler den Room Service und brachten Essen und Getränke auf die Suiten. Nicht jeder Bewohner einer der 60 Suiten hatte das Bedürfnis, einen eigenen Butler zu haben. Stellte ihn ein Hotelgast aber in seine Dienste, kam Kleinat ihm und seinem Privatleben häufig sehr nah und erhielt Einblick in eine Welt, die ihm sonst verschlossen war. Komische Situationen gab es immer wieder. Nackte Gäste gehören da noch zu den harmloseren Erlebnissen. „Für meinen Geschmack kamen sehr häufig Anfragen nach Drogen, vornehmlich Koks”, erzählt der 47-Jährige. Auch Frauen wollten sich Hotelgäste regelmäßig auf ihr Zimmer bestellen. Stefan Kleinat hatte dazu eine klare Einstellung: „Ich muss da meiner persönlichen Überzeugung folgen. Ich bin kein Zuhälter und kein Drogendealer und möchte mich nicht für die Gäste strafbar machen.” Während den Kontakt zu Frauen der Concierge des Hotels herstellen konnte, übernahm das Hotelpersonal nicht die Beschaffung von Drogen jeglicher Art. Ob Drogen oder Gäste mit nur einem Satz Unterwäsche: „Man ist automatisch verschwiegen”, meint Kleinat.

Neid ist fehl am Platz

Der Butler lernte in seinem Job: Jeder Gast ist gleich, und Neid ist fehl am Platz. „Viele meinen, diesen Lebensstil auch nachleben zu wollen”, weiß er. Doch obwohl der Job gewisse Annehmlichkeiten mit sich bringe, habe er seinen Aufraggebern nie nachgeeifert. „Man lernt natürlich einen gewissen Lebensstil zu schätzen. Ich gehe gern essen und trinken, aber eben in meinen Möglichkeiten.” Zu einigen Gästen baute der Butler auch ein persönliches Verhältnis auf. Ein Industriellenpaar engagierte ihn schließlich vom Fleck weg für zu Hause. Nach der zweiten Wintersaison in St. Moritz zog der Lüneburger im Mai 2010 auf den Gutshof des Paares am Rhein und trat seinen ersten Job als privater Butler an. „Das ist voll in die Hose gegangen”, sagt er rückblickend. Neben Hausdame, Gutsverwalter und Gärtner war er als Butler angestellt, hatte jedoch keine richtigen Aufgaben. Seine Arbeit bestand aus Hunde füttern, Betten machen, waschen, bügeln und sich um Weinkeller, Zigarren und Autos kümmern. Der Dame des Hauses wurde durch seine Anwesenheit langweilig, außerdem entpuppte sie sich als eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die ihr Mann erhielt. Nach einem halben Jahr beendete Kleinat den Job. In seiner nächsten Anstellung in Ahlen (Westfalen) lernte Stefan Kleinat einen raueren Ton kennen. Offiziell als Fuhrparkmanager bei einem Bruderpaar aus der Kosmetikbranche angestellt, übernahm er inoffiziell die Aufgaben als Assistent des Geschäftsführers. Er kümmerte sich um acht Fahrer, organisierte Partys und hatte mit ominösen Menschen zu tun. „Es war komplett unangenehm, da

zu arbeiten”, erinnert er sich. Der Umgangston sei hart gewesen, am Telefon sei nur geschrien worden. „Es herrschte ein Kasernenton, das war menschenverachtend”, meint er. „Ich musste aufpassen, dass ich nicht selber so werde.” Von den Machenschaften seiner Arbeitgeber bekam er viel mit, „es war wie im Film.” Kleinat lernte in dieser Situation viel über sich selbst, zum Beispiel, dass man mit einem gewissen Druck viel erreichen kann. „Ich war auf gewisse Weise fasziniert von der Position. Ich hatte Macht, musste aber auch viel aushalten.” Nach einem halben Jahr hielt er die Eskapaden seines psychisch kranken und gewalttätigen Arbeitgebers nicht mehr aus und zog die Reißleine. „Mitwissen ist nicht schön”, fügt er hinzu.

Höhepunkt am Wörthersee

Es folgten mehrere mehrmonatige Jobs in St. Moritz und Umgebung, bevor Stefan Kleinat ab Ostern 2013 eine längere Arbeitspause einlegte. „Das ist der einzig echte Vorteil an dem Beruf, dass man länger davon leben und auch mal Pause machen kann”, erklärt er. Von seinem letzten Job, den er 2015 und 2016 für ein gutes Jahr inne hatte, regeneriert er sich immer noch. In dieser Zeit war er bei einer Industriellengattin am Wörthersee in Österreich als Hausmanager und Butler angestellt. Ihm wurde die Verantwortung für das Personal übertragen, zusätzlich gehörte der persönliche Service zu seiner Arbeit. Seine Arbeitgeberin, eine Multimilliardärin, die auf zweieinhalbtausend Quadratmetern Wohnfläche lebte, galt als schwierig, weshalb ihr Personal häufig wechselte. „Ich habe ganz normal mit ihr agiert, was keiner mehr gemacht hat. Viele hatten Angst, aber ein Rausschmiss ist für mich nichts Schlimmes”, so Kleinat. Der Butler versuchte, die ständigen Personalwechsel zu minimieren und mit seiner Chefin diplomatisch und in ihrem Sinne zu diskutieren. Doch ihr Family Office, ein Zusammenschluss ihrer wichtigsten Berater, sah es nicht gern, dass Stefan Kleinat Dinge mit seiner Chefin direkt besprach oder auf dem kurzen Dienstweg erledigte, weshalb er immer wieder Probleme bekam. Seinen Job am Wörthersee sieht Stefan Kleinat rückblickend als den Höhepunkt seiner Karriere an. Die Arbeit war ein ständiger Eiertanz – nie wusste man, über was sich die Chefin als nächstes aufregen würde, alles war für sie ein Desaster. Außer dem Butler wollte sie ihr Personal nicht sehen. „Die Mädchen lösten sich auf und mussten immer aufpassen, das ist schon surreal”, meint Kleinat, der selbst von seiner Chefin immer gefordert war. Ständig wollte sie Antworten auf ihre Problemchen, ohne ihr Personal wäre sie kaum überlebensfähig gewesen. „Man muss immer auf Zack sein und zu allem eine Meinung haben – ihre”, sagt er schmunzelnd.

Das grenzt an Selbstaufgabe

Was Stefan Kleinat am Wörthersee erlebte, ging weit über das Geforderte seiner vorherigen Jobs hinaus. „Das grenzt an Selbstaufgabe und ist schon Sklaverei. Eigentlich kann man das mit Geld nicht bezahlen”, so seine Meinung. Tagtäglich musste er sich mit dem unzufriedenen Personal herumschlagen und dazu die Launen seiner Chefin ertragen, 14 Arbeitsstunden am Tag waren normal. „Du lebst in einer anderen Welt.” Als er einmal zu viele Widerworte gab, entschied der Family Office seiner Chefin, dass Stefan Kleinat in dieser Position nicht länger tragbar ist. „Eigentlich braucht sie aber so jemanden, der ihr nicht nach dem Mund redet”, meint er. Der 47-Jährige weiß, dass die Stelle seit seinem Weggang 2016 immer noch unbesetzt ist. Seit Stefan Kleinat zurück in Lüneburg ist, wo er immer seinen Lebensmittelpunkt hatte, führt er ein beschauliches Leben. „Ich bin nicht erlebnishungrig”, erklärt er. „Ich habe den Drang, ins einfachere Leben zu flüchten und habe die romantische Vorstellung vom Selbstversorger.” Noch kann er von dem Geld leben, was er als Butler verdient hat. Ob und wann er sich wieder als Butler anstellen lässt, steht noch in den Sternen, vielleicht geht es auch in Richtung kochen. „Ich bin jetzt im optimalen Reifegrad, um als Butler zu arbeiten. Und eine Möglichkeit, in den Job zurückzugehen, gibt es immer.” (JVE)

 

Offroad-Trip im Orient

Andreas Bornholdt bereiste mit seiner Freundin den Oman

Der 51-Jährige liebt das Reisen. Mit seiner Familie bereiste er früher Europa mit dem Wohnmobil. „Aber Frankreich, Spanien und Italien sind zur warmen Jahreszeit verdammt voll”, meint er. „Auf den Campingplätzen und Wohnmobilstellplätzen steht man immer Auto an Auto und guckt sich auf die Reifen. Europa ist einfach zu eng, auch die Straßen.” So suchte er mit seiner Lebensgefährtin Kirsten vor ein paar Jahren zur Abwechslung ein Reiseziel außerhalb Europas. Warm sollte es sein – und weitläufig. Damals entschieden sie sich für Namibia, welches sie 2016 mit dem Geländewagen durchfuhren. „Da haben wir für uns entdeckt, dass es die beste Art zu reisen ist”, erinnert sich der Bad Bevenser. Namibia bestach durch tolle, großzügige Campingplätze, ihr Zelt hatten sie direkt auf dem Autodach. „Daraus entstand der Wunsch, wieder so Urlaub zu machen”, erklärt Andreas Bornholdt.Auf den Oman kam er durch Zufall, als er im Internet einen Artikel über die sichersten Länder der Welt las. Das Sultanat Oman rangierte zu diesem Zeitpunkt unter den Top Ten der Welt – eine Überraschung, wenn man bedenkt, dass seine Nachbarländer auf der arabischen Halbinsel Saudi-Arabien und Jemen sind. Ungefähr ein Jahr bereiteten sich Andreas Bornholdt und seine Partnerin auf die Reise in den Orient vor. Um nichts dem Zufall zu überlassen, kontaktierten sie zur Planung eine Agentur, die auf diese Gegend spezialisiert ist. Diese stellte ihnen Material und Karten zur Verfügung. Als Reisezeit wählten sie Ende Februar 2018. „Die beste Reisezeit ist von Herbst bis März, sonst ist es zu heiß, das heißt, 40 Grad oder höher”, erklärt Andreas Bornholdt.

Campingplätze gibt es nicht

Im Oman kann man frei herumreisen, es gibt jedoch keine Campingplätze. „Die Omanis lieben es, am Wochenende herauszufahren, Barbecue zu machen und irgendwo zu zelten. Aber den Begriff „wild campen” kennen sie gar nicht”, berichtet der 51-Jährige. Sie würden quasi immer wild zelten. Als Fortbewegungsmittel wählten sie wieder einen Geländewagen mit Dachzelt. Das Zelt, das einfach auf dem Dach des Autos ausgeklappt wird, ist auch im Oman eine Besonderheit und wurde überall von den Einheimischen neugierig beäugt. Insgesamt 15 Tage waren Andreas Bornholdt und seine Partnerin Kirsten im Oman unterwegs. Die Reise startete mit dem Flugzeug über Doha zur omanischen Hauptstadt Maskat, eine Küstenstadt am Golf von Oman. Von hier fuhren sie mit dem Geländewagen in südwestlicher Richtung in das Hadschar-Gebirge, dessen höchste Erhebungen mehr als 3.000 Meter hoch gelegen sind. Hier merkte das Pärchen schnell, dass es sich mit der Temperatur verschätzt hatte: Waren es tagsüber im Schnitt angenehme 25 Grad, wurde es in den Bergen nachts empfindlich kalt. „Wir haben auf einem Hochplateau gecampt. Als die Sonne weg war, wurde es richtig kalt – ich schätze, es waren noch fünf bis sechs Grad”, erzählt Andreas Bornholdt. Weil sie nachts im Zelt richtig froren, blieb das ihre einzige Nacht in den Bergen. Für ihre Fahrt durch die Sandwüste buchten sich die beiden bereits im Vorwege einen Guide, der sie begleiten sollte. „Da fährt man nicht alleine rein, man kann sich festfahren”, erläutert Bornholdt. Mit Wüstenfahrten hatte er schon durch die Namibia-Reise Erfahrung, dennoch passierte es ihnen unterwegs einmal an einem Strand, dass sie sich zu zweit mit dem Wagen im Sand festfuhren. „Man muss vor der Fahrt in die Wüs-te Luft aus den Reifen lassen bis auf ein Bar, sonst fährt man sich fest”, so Andreas Bornholdt. „Aber ich war zu vorsichtig und habe zu wenig abgelassen.”

Mit dem Auto festgefahren

Der Bad Bevenser wusste in dieser Situation: Es ist wichtig, nicht in Panik auszubrechen. Seine Lebensgefährtin habe in jeder dieser Situationen Sicherheit ausgestrahlt, erzählt er, und so sei auch er ruhig geblieben. „Einer muss die Ruhe bewahren, Panik ist da doof”, meint er. Da ihr Auto mit der Achse im Sand auflag, musste der 51-Jährige es mit einer kleinen Sandschaufel mühsam frei buddeln. Zur Ausstattung des Wagens gehörten zwei kleine Rampen, die man unter die Reifen legt, um sich wieder aus dem Sand frei zu fahren. „Das Buddeln allein kann eine halbe Stunde bis Stunde dauern. Wir mussten das Ganze dreimal wiederholen”, erinnert er sich. Als sie das Auto schließlich aus dem Sand befreit hatten, brauchten sie weitere rund 20 Minuten, um die grünen Plastikrampen im Sand wiederzufinden. „Man sieht sie nicht gleich, weil dort am Strand überall buntes Plastik herumliegt”, erklärt Bornholdt. Maximal fünf Stunden fuhren die beiden Urlauber pro Tag. Da es schon gegen 19 Uhr dunkel wurde, begannen sie zwei Stunden vorher mit der Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. „Am Anfang haben wir immer sehr lange nach einem Schlafplatz gesucht, weil wir mit der Freiheit total überfordert waren”, erzählt Andreas Bornholdt schmunzelnd. „Man freut sich dann aber langsam über tolle Spots.” Hatten sie einen Platz gefunden, machten sie sofort Feuer, um überhaupt abends sehen zu können. Geschützt durch ihr Dachzelt, musste sich das Pärchen in der Nacht keine Sorgen wegen wilder Tiere machen. Tagsüber sahen sie nur Kamele und Ziegen, außerdem sollte es hier Wüstenfüchse und Oryxantilopen geben, doch denen begegneten sie nicht. „In der Sandwüste haben wir morgens immer viele Spuren gesehen. Nachts kommen die Tiere raus, zumindest Schlangen und Skorpione”, meint Bornholdt. In ihrem Zelt hätten sie sich aber jederzeit geborgen und sicher gefühlt – auch vor Diebstahl, denn der existiert im Oman praktisch nicht. „Es gibt keinen Grund zu klauen, die Omanis leben sehr friedlich”, erklärt der Camper.

Traditionelle Kleidung

Was das Auftreten der Einheimischen angeht, sei ihre Reise wertvoll gewesen, um gängige Vorurteile abzubauen, erklärt Andreas Bornholdt. Zwar liefen die Frauen in schwarz und vollverschleiert und die Männer in ihren hellen Gewändern herum – es sei aber akzeptiert, dass die Touristen dies nicht tun. „Sie tragen diese Kleidung aus ihrer Tradition heraus. Es gibt dort nicht so etwas wie eine Religionspolizei”, weiß er. Auch wenn der Oman ein Wüstenstaat ist, gibt es in dem orientalischen Land einiges zu sehen. Auf der Route von Andreas Bornholdt und seiner Freundin standen neben weiten Wüsten und Stränden sowie den Städten Maskat und Nizwa mehrere Wadis, ausgetrocknete Flussbetten, die von interessanten Steinformationen umgeben sind. Wie im Märchen aus Tausendundeine Nacht fühlte sich Andreas Bornholdt zudem beim Anblick von Oasen, die üppig mit Dattelpalmen, Zitronen- und Orangenbäumen bewachsen sind. „Das sieht wirklich wunderschön aus”, so der Urlauber. Einen Wassermangel gebe es im Oman nicht, da in der Regenzeit die Reservoirs ebenso mit Wasser volllaufen würden wie die Wadis. Die Fortbewegung im Oman muss man sich anders vorstellen als in Europa. Die Reise von Andreas Bornholdt und seiner Partnerin war größtenteils ein Offroad-Trip, verlief also fernab von befestigten Straßen. Oft handelte es sich um Pisten, die schwer auszumachen waren. Deshalb fuhren sie nach GPS-Angaben, die durch wenige Orientierungspunkte wie eine Palmenansammlung oder Dünen ergänzt wurden. Ihre Route hatte ihnen die Reiseagentur im Vorwege ausgearbeitet. Doch GPS und Anhaltspunkte reichten nicht immer: Einmal passierte es den beiden doch, dass sie sich im Gebirge drei Stunden lang verfuhren. Die Ortsnamen, die sie hatten, stimmten manchmal nicht mit denen auf den Schildern überein, außerdem war die Übersetzung ins Englische fehlerhaft. In einem Dorf wollten sie nach Hilfe fragen, was allein durch mangelnde Englischkenntnisse der omanischen Landbevölkerung schwierig sein würde. Zu Andreas Bornholdts Erstaunen schienen die Dorfbewohner aber auch noch nie eine Landkarte gesehen zu haben. „Sie können aber gut ihre Gegend zeichnen, und so haben sie gezeichnet, wo wir sind und wo wir lang fahren können.” Dass die Deutschen es eilig hatten, um vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel zu sein, verstanden die Dorfbewohner, die das Pärchen gleich auf einen Kaffee einladen wollten, allerdings nicht. „Sie sind aus Tradition gastfreundlich, und Zeitdruck ist ihnen fern”, berichtet Andre–as- Bornholdt.

Neuer Blick auf die Fremde

Die Begegnungen mit den Omanis waren für den Bad Bevenser und seine Partnerin immer freundlich. Oft näherten sich die Einheimischen dem Paar neugierig und stellten Fragen, grundsätzlich zeigten sie sich sehr deutschfreundlich. „Die Leute sind friedfertig und so nett. Und sie stellen die gleichen Fragen wie wir, warum es den Terror auf der Welt gibt.” Andreas Bornholdt und seine Freundin Kirsten genossen die Freiheit und Weite, die sie im Oman erleben konnten. Unterwegs mit Wasser und Lebensmitteln haushalten und tagelang auf sanitäre Anlagen verzichten zu müssen, erdete das Paar. „Man kommt mit ganz wenig aus, und das macht einen auf seltsame Weise glücklich”, erklärt er. Der Besuch dieses exotischen Landes habe aber auch dazu geführt, die Fremde anders zu betrachten und die Einstellung beispielsweise zum Islam zu ändern. „Wir hatten sehr schöne Begegnungen, das macht weltoffen. Jetzt hat man das Gefühl, bei uns wird alles zu negativ dargestellt.” Er und seine Freundin wollen den arabischen Raum auf jeden Fall noch mal bereisen. (JVE)

Trauern geht auch fröhlich

Kati Lüdecke arbeitet als Trauerbegleiterin
für Kinder und Jugendliche

Wer einen geliebten Menschen verliert, braucht Monate bis Jahre, um darüber hinweg zu kommen. Kinder und Jugendliche trauern anders als Erwachsene, und oft benötigen sie Hilfe bei der Bewältigung. Kati Lüdecke hat deshalb in Lüneburg das Projekt „Lichtblick” ins Leben gerufen, eine Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche. Einige kommen seit Jahren zu ihr. Die 36-Jährige, die in der Nähe von Bremervörde aufgewachsen ist, kam 2002 für ihr Sozialpädagogik-Studium nach Lüneburg – und blieb. Seit 2005 arbeitet sie für PädIn, einen freien Jugendhilfe-Träger, der Beratung und Betreuung für Kinder, Jugendliche und Eltern im Raum Lüneburg anbietet. Hier war sie anfangs für die Familienhilfe zuständig. Die Idee zu „Lichtblick” kam aus ihrer Arbeit heraus. „Ich habe immer mehr Fälle bekommen, wo jemand aus dem Umfeld der Kinder verstorben war. Dann habe ich etwas gesucht, wo man die Kinder anbinden kann, habe aber nichts gefunden”, erklärt Kati Lüdecke. Vergeblich habe sie im Raum Lüneburg nach einer Trauergruppe für Kinder gesucht. So ließ sich die Sozialpädagogin zur Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche ausbilden. 2008 startete bei PädIn das Projekt „Lichtblick”, das seitdem ausschließlich durch Spenden finanziert wird und nur durch die zusätzliche Mitarbeit von Ehrenamtlichen möglich ist. Inzwischen hat Kati Lüdecke bei PädIn drei Trauergruppen, zwei für Kinder ab drei Jahren, eine für Jugendliche ab etwa zwölf Jahren. Das Einzugsgebiet geht weit über den Landkreis Lüneburg hinaus. Auch wenn bei der Trauerbegleitung von „Lichtblick” die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen, wird auch gleichzeitig die Begleitung eines dem Kind nahestehenden Erwachsenen angeboten. „Am häufigsten haben wir den Fall, dass ein Elternteil gestorben ist – dann ist die Begleitperson auch betroffen”, erklärt sie. Für die Erwachsenen gibt es ein pa-rallel zu den Kindergruppen stattfindendes Gruppenangebot, das von einer Trauerbegleiterin für Erwachsene geleitet wird und in der Regel aus Gesprächen besteht.

Zwei Jahre Trauerbegleitung

Bevor ein Kind in eine Trauergruppe eintritt, findet ein Gespräch zwischen dem Kind, einer Begleitperson, meist einem Elternteil, und Kati Lüdecke statt. Die Betroffenen müssen wissen, worauf sie sich einlassen und können die Räumlichkeiten kennenlernen. Die meisten entscheiden sich dann für die Trauerbegleitung. Wie schnell nach einem Todesfall ein Kind mit der Trauerbewältigung in der Gruppe beginnt, ist sehr individuell. „Das Längste, was ich bisher erlebt habe, war nach acht Jahren. Ein Mädchen hatte den Tod ihres Bruders nicht verarbeitet, der gestorben war, als sie drei war”, erinnert sich Kati Lüdecke. Ihre Erfahrung hat ihr gezeigt, dass der Eintritt in eine Trauergruppe frühes-tens ein halbes Jahr nach dem Todesfall sinnvoll ist – wenn sich der Trubel gelegt hat, der Tod bewusst geworden ist und man an dem Punkt steht, etwas für sich tun zu müssen. Eine Warteliste für die Trauergruppen gibt es nicht. „Wir wollen nicht, dass Leute abgelehnt werden”, so Kati Lüdecke. Wie lange jemand die Trauerbegleitung in Anspruch nimmt, ist nicht festgelegt. „Der Regelfall sind zwei Jahre, aber das hängt davon ab, wie wohl man sich in der Gruppe fühlt – und vom Todesfall”, erklärt die Trauerbegleiterin, „bei Suizid, Unfall oder Mord braucht man mehr Zeit.” In der Regel geht es in der Trauergruppe um den Verlust von Geschwis-tern, Eltern oder festen Freunden – selten auch von Großeltern.

Niemand muss erzählen

Bis zu zehn Kinder gehören einer Trauergruppe an. Neben Kati Lüdecke sind jedes Mal vier bis fünf weitere Mitarbeiter dabei. Zu den 14-täglichen Treffen, die jeweils anderthalb Stunden dauern, gehören ein paar feste Elemente. Begonnen wird mit einem Anfangskreis, bei dem sich alle auf den Boden setzen, eine Kerze angezündet und eine Klangschale angeschlagen wird. Dann geht ein Redestein herum, und jeder hat die Möglichkeit, sich kurz vorzustellen und zu erzählen, wer gestorben ist. Die Vorstellung ist grundsätzlich freiwillig, niemand muss etwas sagen. „Es gibt Kinder, die in der Gruppe ihre Gefühle nicht zeigen wollen. Sie entscheiden, was sie erzählen wollen – und einige brauchen Monate, bis sie etwas erzählen”, so die Erfahrung der Trauerbegleiterin. In der anschließenden Freispielphase können die Kinder Angebote wie den Kickertisch nutzen, aber auch kreativ sein und malen oder etwas für das Grab des Verstorbenen basteln. „Sie können die Zeit nutzen, wozu sie Lust haben”, erklärt Kati Lüdecke. Sie hat beobachtet, dass die Kinder zu Beginn der Runde meist energiegeladen sind und ruhiger werden, wenn sie über ihre Trauer gesprochen haben. Während der Freispielphase wird das Thema Trauer immer wieder aufgegriffen, und auch untereinander kommen Gespräche auf. Geweint wird selten. „Die Stimmung ist fröhlich und glücklich”, erklärt die Sozialpädagogin, „das ist auch schön für die erwachsenen Begleitpersonen.” Kinder würden die Stimmung zu Hause merken und intuitiv Rücksicht nehmen, auch wenn man sie nicht darum gebeten habe. „Dadurch fragen sie zu Hause nicht nach – das versuchen wir hier aufzubrechen.” Kati Lüdecke bemüht sich, die tragischen Geschichten nicht zu nah an sich heranzulassen. „Natürlich nimmt man auch Sachen mit nach Hause”, erzählt die 36-Jährige. „Das hat sich auch geändert, seit ich eigene Kinder habe.” Man müsse gut auf sich achten. Dazu bleiben die Mitarbeiter untereinander immer im Gespräch. Vor und nach der Trauergruppe setzen sie sich zusammen, um alles durchzusprechen.

Enge Freundschaften
entstehen

Kurz vor Ende der Trauergruppe gibt es eine Abschlussrunde, zu der die Erwachsenen dazu kommen. Dann bekommen die Kinder die Möglichkeit, Fragen in den Raum zu stellen, die sie sich zu Hause nicht zu stellen getraut haben. Es geht um Details wie den genauen Todeszeitpunkt, das Lieblingsessen oder die letzten Worte des Verstorbenen. „Manchmal sind es traurige Fragen, aber es entstehen viele schöne und lustige Geschichten”, so die Trauerbegleiterin. Oft verabschieden sich Familien nicht, wenn sie meinen, dass sie die Trauerbegleitung nicht mehr benötigen. Kati Lüdecke hat dafür Verständnis. „Man merkt es, wenn es sich ausschleicht. Aber es ist schwer zu sagen, dies ist mein letztes Mal”, meint sie. In den Gruppen entstehen enge Bindungen – Freundschaften unter Familien durch die Trauergruppe sind keine Seltenheit, und auch Partnerschaften entstanden schon unter den Erwachsenen. Kati Lüdecke leitet bei PädIn seit der Geburt ihres ersten Kindes vor sieben Jahren ausschließlich die Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, außerdem hält sie Vorträge zum Thema in Schulen und Kindergärten. „Der Tod ist ein megaspannendes Thema für Kinder”, weiß sie. In ihren Vorträgen rät sie den Familien, Kinder nicht vom Tod der nahestehenden Person fern zu halten. „Es fällt ihnen leichter, damit umzugehen, wenn sie den Verstorbenen noch mal gesehen oder sogar angefasst haben – es hilft ihnen, wenn man sie lässt. Wir empfehlen auch, Kinder mit zur Beerdigung zu nehmen. Es ist ein Familienfest, da ist es wichtig, dass sie nicht ausgeschlossen werden”, erklärt die Trauerbegleiterin. Auch für zu Hause gibt sie den Eltern Tipps, zum Beispiel für die oft schwere Weihnachtszeit ohne den Verstorbenen: „Man kann beim Weihnachtsbaum den schönsten Zweig abschneiden und ihn zum Grab bringen. Die Lücke am Baum zeigt dann auch zu Hause, dass etwas fehlt.” Die Sozialpädagogin weiß, dass nicht jeder Tipp für jeden geeignet ist – jede Familie müsse für sich herausfinden, was für sie am besten sei. „Es ist wichtig, im Gespräch zu bleiben.” Viele Familien kommen erst durch die Trauergruppe wieder miteinander ins Gespräch – zu vieles wird zu Hause nicht ausgesprochen. Das Gespräch über den Tod hält die Kinder zusammen. „Hier ist es normal, wenn jemand gestorben ist. Es entlastet die Familien, dass hier darüber gesprochen wird”, so Kati Lüdecke. Sie sieht deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern beim Umgang mit der Trauer: „Mädels reden, Jungs toben. Jungs versuchen, stärker zu sein und nicht drüber zu reden.” Die Sozialpädagogin bewundert die Kinder, wie einfach sie mit dem Thema Tod umgehen. „Es ist schwer, was manche Kinder aushalten müssen.” Die Trauergruppe könne jedoch nicht unbedingt eine Therapie ersetzen. Es gebe Familien, die eine begleitende Traumatherapie machen würden oder auf einen Therapieplatz warten. „Aber Therapien sind Einzeltherapien – das Gruppenangebot ist eine bewusste Entscheidung.” (JVE)

Unter Magiern, Elfen und Gestaltwandlern

Die Lüneburgerin Carola Meissl startet als Fantasy-Autorin durch

Carola Meissl hätte nicht daran geglaubt, dass sich ihr Traum so schnell erfüllen würde. Die Lüneburgerin ließ ihren alten Job hinter sich und wurde Fantasy-Autorin. Unter dem Pseudonym Karolyn Ciseau hat sie in nur zwei Jahren sieben Romane herausgebracht. Schon im Grundschulalter träumte Carola -Meissl, die in Bad Vilbel bei Frankfurt aufgewachsen ist, davon, Schriftstellerin zu werden – sie liebte das Geschichtenschreiben. Als Schülerin hatte sie an Kurzgeschichtenwettbewerben teilgenommen und auch gewonnen. Doch ihre Eltern warnten sie, von der Schriftstellerei könne man nicht leben. „Dann wollte ich Journalistin werden”, erzählt die 32-Jährige. Nach einem Germanistik- und Philosophie-Studium in Göttingen absolvierte Carola -Meissl ein Volontariat in der Öffentlichkeitsarbeit für die Niedersächsische Sparkassenstiftung. Anschließend machte sie sich als Texterin selbstständig, doch Zufriedenheit wollte sich bei der jungen Frau nicht richtig einstellen. „Ich habe gemerkt, dass es nicht meins ist, sich so präsentieren zu müssen”, erzählt sie. Schließlich war es ihr Mann, der Carola Meissl ermutigte, den Traum von der Schriftstellerei wieder aufzunehmen. Sie gab sich ein Jahr, um als Autorin Fuß zu fassen.

Spaß am Marketing

Nach ihrem Germanistik-Studium hatte Carola Meissl erst den Anspruch an sich, hochtrabende Literatur wie Thomas Mann oder andere große Autoren zu verfassen. „Ich dachte, ich muss jetzt etwas ganz Besonderes schreiben”, erinnert sie sich. Doch sie besann sich ihrer eigenen Interessen: der Fantasy. Als passionierte Leserin von Fantasy-Romanen und TV-Serienbegeisterte lag es für sie auf der Hand, sich selbst literarisch in diesem Gebiet auszulassen. Inspiration erhielt sie zusätzlich durch ihre Reisen in Länder, die durch verwunschene Natur und düsteres Wetter bekannt sind, wie Irland, Island, Schottland oder Norwegen. An Ideen mangelte es der Jungautorin von Anfang an nicht. Im Gegenteil – sie sprudelten nur so aus ihr heraus. Um den langen, beschwerlichen Weg über Buchverlage zu vermeiden, entschied sich Carola Meissl bewusst für das Self-Publishing – für viele Jungautoren oft eine Notlösung. „Der Weg über Verlage kann ein bis zwei Jahre dauern”, meint sie. „Beim Self-Publishing muss man sich zwar um Lektorat, Cover und Marketing selbst kümmern, aber das wollte ich auch. So kann ich alles selbst bestimmen, und Marketing hat mir schon immer Spaß gemacht.” An ihrem ersten Buch, dem ersten Teil der so genannten „Zeitenwanderer Chroniken”, „Gefangen”, schrieb Carola Meissl ein halbes Jahr. In der Zwischenzeit suchte sie sich eine Lektorin. Nach dem mehrwöchigen Lektorat ging es an Ausbesserungen, gleichzeitig suchte die Autorin über Facebook Testleser, die Bewertungen schreiben sollten. Um sich an jüngere Leser zu wenden, startete sie über Instagram Blogger-Aktionen, um auf Blogs erwähnt zu werden. In der Vermarktung kannte sie sich durch ihr Volontariat gut aus.

Abspaltung durch Pseudonym

Unsicher, ob ihr erstes Buch ein Erfolg werden würde, entschied sich Carola Meissl für ein Pseudonym und schrieb von Beginn an als Karolyn Ciseau. „Ich wollte nicht, falls es scheitert, dass man es mit meinem Namen verbindet”, erklärt die 32-Jährige. Der Erfolg hat sich zwar eingestellt, doch ihr zweites Ich will sie sich erhalten. „Es ist für mich eine Art Abspaltung.”

Seit Februar 2017 ist „Gefangen” ausschließlich über Amazon erhältlich. Der Versandhändler druckt im Print on Demand-Verfahren, sobald eine Bestellung eingeht, außerdem generiert Amazon das E-Book zum Herunterladen. Die Autorin erhält pro verkauftem Buch 70 Prozent Tantiemen, bei den E-Books läuft die Bezahlung pro gelesener Seite. Die Werbung hatte sich gelohnt – ihr Erstlingswerk verkaufte sich gut. Carola Meissl weiß jedoch, wie es läuft auf dem Buchmarkt. Entscheidend seien die ersten Wochen, dann sei man schnell wieder weg vom Fenster, erläutert sie. Und so war ihr klar, dass sie schnell nachlegen muss, wenn sie im Gespräch bleiben will. „Im Schnitt sollte ein Self-Publisher alle drei Monate ein neues Buch herausbringen”, meint sie. Inzwischen gibt es insgesamt fünf Bücher der Zeitenwanderer Chroniken, außerdem zwei eigenständige Fantasy-Romane. Als frische Buchautorin musste Carola Meissl erst lernen, mit der Kritik der Leser umzugehen. „Bei der ersten Kritik wollte ich das Buch wegwerfen”, erinnert sie sich. „Aber man hat immer Kritik. Was der eine mag, hasst der andere. Am Anfang zuckt man sehr zusammen.” Auch wenn die Verkäufe nicht schlecht liefen, nahm die Lüneburgerin anfangs kaum Geld ein. „Im ersten Jahr dachte ich, ich renne mit dem Kopf gegen die Wand”, erzählt sie. Sie schrieb weiter und ließ sich nicht entmutigen, schließlich hatte sich bereits eine kleine Fangemeinde entwickelt.

Umbruch beim vierten Buch

Den großen Umbruch erlebte sie mit dem Erscheinen ihres vierten Buches, „Ein Herz aus Eis und Schnee”, das Anfang 2018 herauskam. „Mit dem Buch lief es plötzlich total gut. Ich glaube, ich hatte einfach genügend Fans gesammelt”, meint sie. Der Roman landete in den Top 100 aller bei Amazon angebotenen Bücher und stand zwischenzeitlich im Bereich Fantasy sogar auf Top 1. Für Carola Meissl ein besonderer Moment: „Seitdem kann ich davon leben.” Rund 20.000 Bücher hat sie als Karolyn Ciseau bereits verkauft. Gut kann sie sich noch daran erinnern, wie es war, ihr erstes Buch in den Händen zu halten: „Das ist ein tolles Gefühl, das erste Buch fertig zu haben.” Den Großteil ihrer Leser erreicht die Autorin über das Online-Angebot Kindle Unlimited von Amazon. Über Facebook hält sie Kontakt zu ihren größtenteils weiblichen Fans. Für Carola Meissl ist es immer noch eine absurde Vorstellung, dass jemand Interesse an einem von ihr signierten Buch haben könnte. Wie ein Star kommt sie sich nicht vor.

Finalistin beim Storyteller Award

Den nächsten Höhepunkt in ihrem Autorendasein erreichte Carola Meissl vor kurzem, als sie sich um den Kindle Storyteller Award bewarb, mit dem jedes Jahr die besten Bücher von verlagsunabhängigen Autoren ausgezeichnet werden. Mit ihrem neuesten Fantasy-Roman „Das Blatt des dunklen Herzens”, einer Liebesgeschichte rund um Magier, Elfen, Menschen und Gestaltwandler, wurde sie tatsächlich als eine von drei Autoren für den Hauptpreis nominiert, der auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wurde. Ausgewählt wurden diese anhand ihrer Beliebtheit, die durch Verkaufszahlen, gelesene Seiten und positive Kundenbewertungen ermittelt wurde. Carola Meissl hatte nicht damit gerechnet, unter die besten drei Autoren zu kommen, denn die Konkurrenz war groß. Den Kindle Storyteller Award gewann Carola Meissl nicht – der ging an Ella Zeiss – doch die Lüneburger Autorin ist jetzt richtig in Fahrt. Momentan schreibt sie am zweiten Teil von „Das Blatt des dunklen Herzens”, der Anfang 2019 fertig sein soll. Sie ist immer noch überrascht über ihren raschen Erfolg als Schriftstellerin. „Ich hab‘ gedacht, ich mache das ein Jahr und das war’s dann. Wäre das erste Buch ein Flop gewesen, hätte ich im zweiten Jahr aufgehört.” Mit Self-Publishing könne man richtig gutes Geld verdienen, wenn man eben mehr als nur ein Buch schreibe, fügt sie hinzu. Die Autorin sammelt ihre Ideen, die ihr auch nach sieben Büchern nicht ausgehen, in einem Zettelkasten auf ihrem Computer, ihr kritischster Leser, Berater und Lektor ist ihr Mann, der sich im Fantasy-Sektor auch bestens auskennt. Wenn ein Buchautor erfolgreich ist, geht das allerdings auch nicht an den Verlagen vorbei. Inzwischen hat Carola Meissl zwei Angebote von Jugendbuch- und Fantasy-Verlagen erhalten, über die sie sich nun ernsthafte Gedanken machen muss. „Das ist spannend und bestimmt noch mal anders mit Verlag. Man spricht auch andere Fans an und erreicht mehr Printleser.” Als sie das erste Angebot erhielt, weinte sie vor Freude – sie konnte ihr Glück kaum fassen. „Das ist toll, wenn man bedenkt, dass einige ihre Manuskripte überall erfolglos einschicken.” (JVE)

DAS PERFEKTE FOODFOTO

Der Lüneburger Koch Andy Braumann arbeitet als Foodstylist

Wie heißt es so schön: „Das Auge isst mit.“ Denn wir bekommen nur Lust auf Essen, wenn es auch ansehnlich aussieht. Gerichte richtig appetitlich aussehen zu lassen, ist die Aufgabe von Andy Braumann. Der 30-jährige gelernte Koch arbeitet als Foodstylist für einen Hamburger Zeitschriftenverlag. Andy Braumann ist in der Nähe von Magdeburg aufgewachsen und lebt seit 15 Jahren in Lüneburg. Hier absolvierte er auch seine Kochlehre am Bremer Hof, wo er nach der Ausbildung ein paar Monate als Jungkoch arbeitete. Doch es zog ihn weiter: Andy ging ins Ausland, reiste herum, arbeitete für den Koch Christian Rach in Hamburg. Doch seine Einstellung veränderte sich: „Vor acht Jahren war Gastro dann nicht mehr so meins.“ Der „Lifestyle-Fanatiker“, wie er sich selber nennt, ging für ein Jahr nach Köln, um ein Praktikum bei einem Foodfotografen zu machen, und arbeitete nebenher in einem Klamottenladen. Während des Praktikums entdeckte er eine besondere Liebe zum Essen und beschloss, Foodstylist zu werden – der Beruf ist kein Lehrberuf. Er ging zurück in den Norden und bewarb sich als Foodstylist bei einem großen Hamburger Zeitschriftenverlag. Heute ist er dort fast ausschließlich im Print-Bereich tätig.

Einkaufen gehört dazu

„Hamburg ist das Food-Mekka in Deutschland. Und 95 Prozent der Foodstylisten sind gelernte Köche, manche auch Ökotrophologen“, erklärt Andy. In Deutschland gebe es nur etwa hundert Foodstylisten, schätzt der Lüneburger, der auch schon für australische, englische und niederländische Auftraggeber gearbeitet hat. Auch privat kauft und liest er viele Zeitschriften aus der ganzen Welt, die sich mit dem Thema Essen beschäftigen. Trotz der Food-Zentrierung auf Hamburg hat sich Andy bewusst dazu entschieden, in Lüneburg zu wohnen. Hier kommt er runter, hier hat er seine Freunde. Nur die Gastronomieszene von Hamburg, wo er zwischendurch auch ein Jahr lebte, sagt ihm mehr zu. Der Hamburger Verlag, in dem Andy Braumann arbeitet, hat vier Foodmagazine, hinzu kommen andere Magazine mit Rezept- und Foodseiten, für die er zuständig ist. Der 30-Jährige leitet ein Team von acht weiteren Foodstylisten, zum Team gehören außerdem vier Fotografen und sechs „Prop-Stylisten“, die für die Optik und Dekoration rund um die Gerichte verantwortlich sind. Ein kreativer Haufen mit einem gemeinsamen Ziel: Das perfekte Foodfoto. Andys Arbeit ist kein einfaches Garnieren von Lebensmitteln. „Es ist ein kreativer Beruf, der oft belächelt wird“, weiß er. Mit den Foodredakteuren des Verlags werden die Rezepte zuvor abgesprochen, den Einkauf der Zutaten übernimmt Andy selbst. „Einkaufen gehört für mich dazu. Ich habe für alles in Hamburg feste Händler“, erzählt er, „denn ich brauche Topware.“ In der verlagseigenen Versuchsküche bereitet er das Essen selbst vor. „Ich möchte betonen, dass wir kein Haarspray und keinen Lack verwenden, es ist alles real. Alles ist essbar und wird danach gegessen“, erklärt der Koch.

Ein bis zwei Stunden pro Foodfoto

Bringt der Foodstylist sein angerichtetes Essen ins Studio, kommt der Fotograf ins Spiel. „Der Fotograf muss sich herantasten und das Licht einstellen. Das Essen sieht im Studio nicht aus wie in der Küche“, sagt Andy. Mit schnellem Ablichten hat das Shooting nichts zu tun: „Für ein Foodfoto brauchen wir ein bis zwei Stunden. Eine Fotostrecke, die aus vier bis sechs Fotos besteht, wird an einem ganzen Tag geshootet.“ Gegessen wird hinterher mit den Arbeitskollegen – doch bis dahin ist das Essen natürlich immer kalt. Produkte, die vom Kochen übrig bleiben, werden an die Tafel gespendet. Für Andy zählen bei seiner Arbeit der Umgang mit den Lebensmitteln, der schon mit dem Einkauf beginnt, eine Vision im Kopf sowie die Liebe für das Produkt. „Du darfst nichts totbraten oder zu lange kochen. Einfach mit ganz viel Liebe behandeln“, so der Foodstylist. Es gibt Kollegen, die sagen, man erkenne Andys Arbeiten. „Der Laie sieht den Unterschied nicht, aber Freunde erkennen meine Arbeit. Sie sagen: So, wie Du rumrennst, so sieht auch Deine Arbeit aus“, erzählt er. Sie sei rough und lebendig, dürfe aber auch rotzig sein, fügt er hinzu. „Es darf auch mal gekleckert werden.“ Andy hat an sich und seine Arbeit hohe Ansprüche, und er sieht oft Foodstyling, das ihm nicht gefällt. „Das ist natürlich Geschmackssache, jeder urteilt anders“, meint er. Er lasse sich bei seinem Styling von der Vielfalt der Zutaten inspirieren. Frische Kräuter wie Petersilie, Basilikum, Schnittlauch oder Kresse eigneten sich gut als Farbklecks. Gehackte Kräuter sollten aber erst kurz vor dem Shooting unter das Essen gemischt werden, damit sie ihre frische Farbe behalten.

Farbakzente als Kontrast

Die Farben spielen für Andy bei seiner Arbeit eine große Rolle. Schon beim Einkaufen lässt er sich von den Farben von Obst und Gemüse inspirieren und überlegt genau, welche Zutaten von der Farbe her ein guter Bestandteil des Rezeptes werden könnten. „Einige Gerichte, die großartig schmecken, verwenden eine einheitliche Farbpalette an Zutaten – da tun ein paar kontrastierende Zutaten jedem Rezept gut – optisch wie geschmacklich“, erklärt der 30-Jährige. Dennoch sei die Beschränkung auf einige wenige Zutaten, die für Farbakzente sorgen, angeraten, um das Gericht und die Foodfotos nicht zu überladen. Es gab auch eine Zeit, da suchte Andy eine Veränderung, kündigte seinen Job im Hamburger Verlag und machte sich selbstständig. In dieser Zeit hatte der Lüneburger ein festes Mietstudio in der Hamburger Hafencity und übernahm Auftragsarbeiten. Doch nach einem Jahr holte ihn sein alter Verlag zurück. „Die Selbstständigkeit war eine wichtige Erfahrung, aber das war einfach zu viel für mich“, erklärt er. „Es hat meine Kreativität eingeschränkt.“ Und davon hat der 30-Jährige scheinbar eine Menge. Bekannte nennen ihn „kreativer Sonderling“, und auch Andy selbst spricht von einem „Hang fürs Spezielle“. Über seine Arbeit lernte Andy Braumann den Foodfotografen Florian Bonanni kennen – „einer der besten Foodfotografen Europas“, wie Andy betont – mit dem die Chemie auf Anhieb stimmte. Mit ihm rief er den Foodblog „Dudes and Roots“ ins Leben, der mit der ersten Blog-story „Alles Banane, Digga“ startete. Die beiden hatten viele Ideen, und der Blog lief gut. „Wir haben richtig viele Anfragen bekommen. Das hat natürlich geschmeichelt, aber wir konnten die Anfragen nicht annehmen.“ Eine monatelange Erkrankung bei Andy sorgte allerdings zwischenzeitig dafür, dass der Blog mit Florian ins Stocken geriet, momentan ist er ganz deaktiviert. Über seinen privaten Instagram-Account kann man jedoch weiterhin Andys Arbeiten sehen.

Food-Doku im TV

In Lüneburg geht Andy selten essen. „Ich koche lieber zu Hause, weil ich weiß, ich mach es besser“, meint er. Andy achtet auf gesunde Ernährung, isst gerne asiatisch oder südamerikanisch – Hauptsache, wenig Kohlenhydrate. Meist bleibt ihm zu Hause jedoch nur noch Zeit für die schnelle Küche. Nach der Selbstständigkeit und dem Blog probiert Andy Braumann nun noch etwas Neues aus: Momentan dreht er eine Food-Dokumentation für einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Die Sendung soll ab Ende November in sechs Teilen ausgestrahlt werden und ihn und seine Arbeit widerspiegeln. Die TV-Drehs, für die er in der Welt herumreiste, machten ihm Spaß, und er freut sich auf das Endergebnis. Wenn Andy von seiner Arbeit als Foodstylist spricht, gerät er ins Schwärmen: „Ich habe meinen absoluten Traum gefunden.“ Einen weiteren Traum hat er dennoch, den viele Köche in ihrem Herzen bewegen: Eines Tages möchte er sein eigenes Restaurant aufmachen. (JVE)

„Unser Haus ist der Hafen“

Familie Grigoleit lebt auf einem Hausboot an der Ilmenaumündung

 

Was für viele ein romantisch verklärter Traum ist, war für sie eine Notlösung: Jill und Ole Grigoleit (beide 33) leben mit ihren zwei Kindern auf einem Hausboot im Stöckter Hafen. Heute können sie es sich gar nicht mehr anders vorstellen. Ihre Geschichte beginnt wie die von Tausenden jungen Leuten in der Großstadt. Nach dem Studium wollten Jill und Ole Grigoleit in Hamburg zusammenziehen, doch die Wohnungssuche war mehr als schwierig. Ohne Arbeitsverträge hatte das junge Paar keine Chancen, sich gegen die zahlreichen anderen Bewerber durchzusetzen. Auch ein Immobilienkauf platzte im letzten Moment. Rückblickend war es wohl Oles Mutter, die das Wort „Hausboot“ zum ersten Mal in den Mund nahm. Bis dahin hatte das Paar nicht davon geträumt. „Ich dachte immer, ein Hausboot ist klein, eng, wacklig, ungemütlich und feucht“, sagt Jill. Jedenfalls beschloss Ole, für sich und Jill einfach ein Zuhause zu bauen, wenn auf dem konventionellen Wege keines zu finden ist. Über Ebay erstand er den Rumpf einer alten Schute, Baujahr 1933, und zahlte dafür gut 6.000 Euro. „Dann gab es kein Zurück mehr“, so Jill. „Wir hatten kein Dach mehr über dem Kopf.“ Nach dem Kauf des ziemlich verrotteten Schiffsrumpfes im Sommer 2011 machte sich Ole – der über viel handwerkliches Geschick, aber auch über eine Ausbildung als Schiffsmechaniker verfügt – daran, die alte Schute abzureißen und ihr Hausboot aufzubauen. Drei Monate lang sägte und schweißte er, verlegte Leitungen und Holzdielen. Um Geld zu sparen, verwendete er viele gebrauchte Materialien. Die Fenster stammten aus einer Ruine, ebenso die Bodendielen für die Wohnräume.

Durch den Schnee zur Hafendusche

Ole baute das Boot in einer Halle im Harburger Hafen, wo es auch zunächst liegen sollte. Jill arbeitete in Hamburg als Redakteurin, Ole selbstständig als Messebauer. Er musste sich ranhalten, bevor der Winter kam. „Wir haben das Boot im August gekauft und sind im November eingezogen“, erinnert sich Ole. „Das Dach war drauf, und der Regen begann.“ Als Jill und Ole in das Hausboot zogen, war es noch lange nicht fertig, und auch Möbel hatten sie kaum mitgebracht. „Wir hatten ein Bett und einen Kamin, aber noch keine Dusche“, erzählt Jill. „Im Winter 2011 bin ich morgens durch den Schnee zur Hafendusche gestapft, bevor ich zum Büro gefahren bin.“ Zwei Jahre lag ihr Hausboot, an dem Ole ständig weiterbaute, im Harburger Hafen. Doch das Paar suchte einen schöneren Liegeplatz – kein leichtes Unterfangen. Da die Liegegebühren nachder Größe des Bootes berechnet werden, gab es für ein Hausboot mit hundert Quadratmetern Wohnfläche keinen bezahlbaren Platz. Die perfekte Lösung fanden Jill und Ole im Winsener Ortsteil Stöckte. Hier wurde ein Nachfolger für den Hafenmeister gesucht, der aus Altersgründen den Hafen abgeben wollte, der in Privathand war. „Das war ein unglaubliches Glück und ein absoluter Zufall“, sagt Jill. Ole musste sich als Mittzwanziger erst vor dem erfahrenen Hafenmeister beweisen, bevor ihm die Position zugesagt wurde. Für die Grigoleits bedeutete das: Sie kauften den gesamten Stöckter Hafen. „Andere kaufen sich ein Haus, wir haben einen Hafen gekauft“, erklärt Jill schmunzelnd. Das bedeutete für das Paar gleichzeitig die Übernahme eines Betriebs mit Kundenstamm, der Liegegebühren aus rund 40 Liegeplätzen einbringt.

Zu dem Hafen gehören außerdem 6.000 Quadratmeter Land und eine Werkstatt, die in Schuss gehalten werden müssen. „Das macht nur Sinn für uns, weil wir hier mietfrei wohnen“, so Ole.

Mit Hausboot bekommt man den Hippie-Stempel

Im Frühjahr 2013 zogen Jill und Ole an den Stöckter Hafen, der ihnen ein Jahr später tatsächlich gehören sollte. Bis dahin hatten sie auch in Stöckte Liegegebühren zahlen müssen. Im Sommer 2014 wurde ihre erste Tochter Line geboren, zwei Jahre später Tochter Morlin. In Stöckte hatten Jill und Ole das erste Mal das Gefühl, angekommen zu sein. Auf dem Hausboot zu leben ist wie aufs Land zu ziehen – die Natur beginnt unter dem Fenster, der nächste Nachbar ist in einiger Entfernung. „Für mich war immer klar, mit Kindern will ich aufs Land ziehen“, erklärt Jill. Auch wenn sie noch viele Freunde in Hamburg hat, möchte sie nicht mit deren Leben tauschen. Sie fühlt sich im Ort gut aufgenommen. „Wir sind hier superschnell bekannt geworden“, meint Ole. „Natürlich wird man erst mal skeptisch beäugt, es waren alle neugierig. Mit Hausboot bekommt man ja einen Hippie-Stempel.“ Bei den Winsener Behörden ist Ole nur der „Hausboot-Heini“, doch er sieht seinen Bekanntheitsgrad dort als Vorteil. Nach fünf Jahren am Stöckter Hafen haben sich die Grigoleits gut eingerichtet. Als zweites Standbein hat Ole inzwischen ein weiteres Hausboot mit 40 Quadratmetern Wohnfläche gebaut, das sie als Feriendomizil vermieten. Seit einem Fernsehbericht über die Familie wird das Hausboot regelmäßig angemietet – obwohl es gerade erst fertig gestellt wurde. Bei ihrem neuen Ferien-Hausboot hat Ole vieles anders gemacht als bei ihrem eigenen Hausboot. Würde er es heute bauen, würde er alles anders machen. „Am liebsten würde ich es noch mal abreißen“, sagt der 33-Jährige. Ihr Hausboot hat außer der Haustür nur zwei weitere Türen – zum Bad und zum Kinderzimmer. Ihr Schlafzimmer ist ein Durchgangszimmer im Obergeschoss, das Bad am Ende des Wohnraums im Erdgeschoss lässt es nicht zu, weitere Wände einzuziehen, ohne noch mehr Durchgangszimmer zu schaffen. Die Fenster müssten erneuert werden, die Isolierung ist dürftig. „Es rächt sich jetzt, dass wir beim Bau so viel Geld gespart haben.“ Geheizt wird ausschließlich mit Pelletofen, während das Ferien-Hausboot über eine komfortable Fußbodenheizung verfügt.

Wunsch nach mehr Abgeschiedenheit

Der Alltag im Hausboot ist für Familie Grigoleit nicht viel anders als an Land. Es gibt fließendes Wasser und Strom, auch wenn die Wasserleitungen durch Frost und Tidenhub im Hafen immer wieder leiden. Ole schafft es kaum, die ständig auftauchenden Schwachstellen an ihrem Hausboot auszubessern, denn seine Arbeit als Hafenmeister fordert ihn sieben Tage die Woche rund um die Uhr. Während an anderen Häfen der Hafenmeister nur bedingt greifbar ist, wohnt Ole direkt auf dem Gelände – Fluch und Segen zugleich. Privatsphäre hat die Familie kaum, einige Bootsbesitzer sehen ihr Haus eher als Vereinshaus denn als Privatunterkunft. Jill und Ole haben einen guten Kontakt zu den Bootseignern, doch manchmal wünschen sie sich mehr Abgeschiedenheit. „Vor kurzem waren wir ein Wochenende am Stover Strand campen, um mal unter uns zu sein“, erzählt Jill. Die zweifache Mutter hat ihre Arbeit in Hamburg aufgegeben und kümmert sich nun um die Kinder, die Ferienhausvermietung und das Marketing drumherum. Sie kann das Leben auf dem Hausboot mehr genießen als Ole, der manchmal in Arbeit erstickt. Ihre Kinder kennen nur ein Leben auf dem Hausboot, die kleine Morlin ist sogar auf dem Boot geboren. „Bei Line hat es gedauert, bis sie realisiert hat, dass sie anders lebt“, erzählt die Mutter der Vierjährigen. Auch wenn ihre Tochter manchmal den Wunsch äußert, wie alle Anderen in einem Haus zu wohnen, fehlt es ihr am Stöckter Hafen an nichts – im Gegenteil: Die Mädchen haben ein großes Kinderzimmer, an Land gibt es einen großen Spielplatz neben der Terrasse mit Hafenblick, und allein das Hafengelände ist riesig. Die Grigoleits erziehen ihre Kinder zu Respekt vor dem Wasser. Auf der Brücke zum Hausboot müssen die Kinder immer an der Hand gehen, auf Booten – von denen die Familie so einige besitzt – wird stets eine Schwimmweste getragen, vom Ufer müssen sie Abstand nehmen. „Wir sind uns der erhöhten Gefahr schon bewusst. Wir lassen unsere Kinder am Wasser nicht allein“, so Jill. „Wir machen uns eher Gedanken, wenn hier Kinder zu Besuch sind. Bei unseren Kindern habe ich mehr Angst in der Stadt. Aber jedes Kind wächst mit spezifischen Gefahren auf.“ Im Sommer herrscht Hochbetrieb am Stöckter Hafen. Zum Winter, wenn die Boote an Land gezogen werden, wird es für die Grigoleits etwas ruhiger. „Im Winter ist es hier auch schön, weil wir wieder mehr Zeit für uns haben“, meint Jill. Während Ole von geregelten Arbeitszeiten träumt, würde Jill gerne mal mit der Familie Urlaub machen. Doch der Kredit für den Hafen muss abbezahlt werden. „Der Hafen ist unser Haus – mit dem Unterschied, dass der Hafen Geld einbringt.“ Wenn Geld übrig ist, stecken sie es wieder in ihr Hausboot – ein ewiger Kreislauf. Auch wenn sich Jill und Ole in zehn Jahren nicht mehr in diesem Hausboot sehen, schätzen sie die kleinen Dinge, die man in einem Haus an Land nicht hat. „Ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen“, meint Jill. „Schon der Blick aufs Wasser beim Aufwachen ist toll, oder wenn am Ufer Rehe stehen und trinken. Die Kinder füttern die Enten aus dem Fenster, und es gibt hier Graureiher und sogar Eisvögel.“ Die Mutter liebt das Leben mit den Gezeiten – sie richtet ihre Einkaufszeiten schon mal danach aus, wann die Brücke zum Haus nicht so steil ist, um die Einkäufe bequemer nach Hause zu bringen. „Wir sind von April bis Oktober draußen. Das ist ein Stück Freiheit, aber es gibt eben auch viel Arbeit. Aber das wäre mit einem normalen Haus sicher nicht anders.“ (JVE)

Ein wenig Geschichte

stadtlichter feiert in dieser Ausgabe das 15-jährige Bestehen. Doch wie fing eigentlich alles an? Das Magazin wurde 2003 in Anlehnung an Lüneburgs Telefon-Vorwahl unter dem Titel „Projekt 41/31“ von der Journalistin Katja Müller mit einer Startauflage von 5.000 Exemplaren gegründet. Damit hatte Lüneburg wieder ein Stadtmagazin. Schon kurze Zeit später bekam das Projekt 41/31 seinen heutigen Namen: „stadtlichter“. Die Auflage stieg erst auf 7.000, dann auf 10.000 Exemplare, und die fand dann auch in den Nachbarstädten Uelzen und Winsen ein gutes Echo. 2011 gab es einen Wechsel: Ragna Naujoks und Heribert Eickholt, beide „alte Hasen“ in der Lüneburger Medienlandschaft, übernahmen den Magazintitel „stadtlichter“ und führen ihn seither in ihrem NordMagazine Verlag weiter. In einem Relaunch wurden nach den Herausgeberwechsel gestalterische und inhaltliche Strukturen verändert und die Schwerpunkte anders gesetzt. Das Szenige trat in den Hintergrund, Kultur, Reportage und Porträt in den Vordergrund. Vorschauen auf die vielfältige Kulturlandschaft, auf Ausnahme-Sport und Feste dominieren jetzt den Inhalt. Wer sich in der Vielzahl der Veranstaltungen in der Region orientieren will, für den ist stadtlichter die Nummer 1.

Lieblingsrubriken gibt es im Magazin viele. Für die einen ist es das Editorial oder die stadtlichterseite, für andere das Lüneburger Gesicht, die Reportage, die Leute-Geschichte über interessante Menschen, die Minis, die Buchrezensionen, Filmtipps, der lokale Bandtipp, das Schaufenster des Monats oder die Must Haves – jeder findet seine Lieblingsseite.

stadtlichter soll auch in Zukunft ein Print-erzeugnis bleiben. Trotzdem kann man im Magazin natürlich auch online blättern und den Terminkalender als App im PlayStore kostenlos herunterladen. Der Vertrieb erfolgt in eigener Regie, immer pünktlich am letzten Tag eines Monats an etwa 350 Stellen, die aktuelle Auflage beträgt 14.000 Exemplare. Auch hier setzt stadtlichter auf Transparenz und Qualität: Die Auflage ist IVW-geprüft. Mitte 2017 ist die stadtlichter-Redaktion umgezogen und nun an der Feldstraße 37 in Lüneburg zu finden. (HE)