Leute

Impfzentrum statt Kreishaus

Mirko Dannenfeld leitet das Lüneburger Corona-Impfzentrum

Das hätte sich Mirko Dannenfeld in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, dass sein Beamtendasein einmal so aufregend werden würde: Der 50-jährige Leiter des Fachdienstes Ordnung des Landkreises Lüneburg leitet das im Januar eröffnete Corona-Impfzentrum Lüneburg. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist Mirko Dannenfeld ganz nah dran am Geschehen. Schon im Frühjahr 2020 mussten er und seine Mitarbeiter sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man das Klinikum Lüneburg entlasten könne, wenn es durch die Versorgung von Corona-Patienten an seine Belastungsgrenze stoßen würde. Ein Hilfskrankenhaus wurde geplant, doch es musste zum Glück nicht zum Einsatz kommen. Mitte November erhielt der Landkreis Lüneburg schließlich vom Land Niedersachsen den Auftrag, ein Corona-Impfzentrum aufzubauen. So mussten Mirko Dannenfeld und sein Team aus zehn bis 15 Mitarbeitern tätig werden. „Wir mussten ein geeignetes Objekt finden, den Ausbau organisieren und Material beschaffen”, so Dannenfeld. Es gab ein Rahmenkonzept des Landes, die Durchführung sollte von den Räumlichkeiten abhängen. Bei der Standortsuche gaben die Gemeinden des Landkreises Rückmeldung über bestehende Räumlichkeiten – diese sollten eine gewisse Größe sowie eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr haben, Parkmöglichkeiten bieten und barrierefrei sein. Auch Makler der Region wurden angefragt.

Standort ist ein Glücksgriff

Die Suche nach einem geeigneten Standort für das Impfzentrum beschäftigte Mirko Dannenfeld etwa drei Wochen. „Ich bin selbst unterwegs gewesen und habe mir viele Objekte angeguckt, oft alleine“, erzählt der 50-Jährige. Kreiseigene Schulsporthallen und Veranstaltungsorte der Stadt schlossen er und sein Team sofort aus. Da keiner vorhersehen kann, wie lange das Impfzentrum gebraucht wird, wollte man die Räume nicht über Monate blockieren, so Dannenfeld. Nach einer Woche kristallisierte sich ein Standort in Adendorf heraus, doch der Besitzer sagte nach reiflicher Überlegung wieder ab. Schließlich bot das Unternehmen Deerberg von selbst eine Halle an der Zeppelinstraße als Standort für das Impfzentrum an. „Das war ein Glücksgriff. In Lüneburg sind Gewerbeflächen sehr gefragt, die Suche war nicht so einfach”, erklärt Dannenfeld. Mit der Einrichtung des Lüneburger Impfzentrums wurden die Katastrophenschutzbehörden betraut. Weihnachten war der Rohbau fertig. „Wir hätten theoretisch am 23. Dezember in Betrieb gehen können”, erklärt Dannenfeld, „aber mir war von vornherein klar, dass der Plan des Landes sehr ambitioniert war, noch im Dezember mit dem Impfen anzufangen.” Schon frühzeitig habe sich herumgesprochen, dass der Schwerpunkt zunächst auf den mobilen Teams liegen würde, die die Bewohner von Altenpflegeheimen impfen sollten. Dennoch luden Mirko Dannenfeld und sein Team noch drei Tage vor Weihnachten 75 Personen zu Auswahlgesprächen ein und wählten 15 Mitarbeiter für das Impfzentrum aus. „Wir sind von Initiativbewerbungen überrannt worden”, so der Leiter. Obwohl noch keine Impfungen vor Ort durchgeführt werden konnten, nahm das Impfzentrum an der Zeppelinstraße am 5. Januar seinen Betrieb auf. Hier arbeiten vier Personengruppen: Ärzte, Verwaltungshelfer mit entsprechender Ausbildung, Unterstützungskräfte, die die Besucher vor Ort an die Hand nehmen, und Impfbefähigte aus dem medizinischen Bereich. Alle Mitarbeiter standen hier ab Januar in den Startlöchern, doch zunächst konnten nur die vier mobilen Teams aktiv werden, die von Mitarbeitern der Hilfsorganisationen unterstützt werden. Ab der ersten Januarwoche und bis zum 9. Februar erhielten alle Bewohner der Lüneburger Altenpflegeheime und Einrichtungen der Tagespflege, die eine Corona-Impfung wünschten, ihre erste Impfdosis. Auch Mirko Dannenfeld begleitete zu Anfang ein mobiles Team, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Noch bis Anfang März sind die mobilen Teams in der Stadt für die zweite Impfung in den Einrichtungen unterwegs.

Bis zu fünf Impflinien

Im Lüneburger Impfzentrum kann mit bis zu fünf Impflinien gleichzeitig gearbeitet werden, in diesem Fall müssen auch fünf Ärzte vor Ort sein. „Wir haben sehr viele niedergelassene Ärzte, auch aus anderen Landkreisen und Bundesländern. Auch Ärzte im Ruhestand sind tageweise dabei. So sind wir in der Lage, ein relativ breites Zeitfenster abzudecken”, erklärt Mirko Dannenfeld. Doch ausgelastet ist das Zentrum aufgrund der knappen Impfstoffversorgung noch nicht. Anfang Februar startete der Betrieb in Lüneburg mit zwei Impflinien, je nach Impfstofflieferung an fünf bis sechs Tagen die Woche. Bis zum 17. Februar wurden im Landkreis Lüneburg insgesamt 8.700 Impfungen durchgeführt, davon knapp 3.000 Zweitimpfungen. Momentan sind rund 1.100 Impfungen pro Woche im Lüneburger Impfzentrum möglich. „Sehr wahrscheinlich Ende März sollen alle Personen der Prioritätsgruppe 1 ihre erste Impfung erhalten haben”, so Mirko Dannenfeld. Der Leiter des Impfzentrums und sein Stellvertreter Joschka Schiller haben ein Büro im Impfzentrum, sind aber nicht fest in die Abläufe mit eingebunden. Sie sind permanent vor Ort und springen dort ein, wo Not am Mann ist und Fragen geklärt werden müssen. Die verbindliche Planung der Impftermine ist von den Ankündigungen der Impfstofflieferungen durch das Land Niedersachsen abhängig. „Das Terminportal braucht auch einen zeitlichen Vorlauf, da viele Personen ihre Terminbestätigung per Post erhalten wollen”, fügt Dannenfeld hinzu. Dass noch nicht alle möglichen Termine vergeben

seien, habe technische Gründe, so der Leiter. „Die Terminvergabe ist telefonisch oder über das Internet möglich. Sie sollen zu zwei Dritteln telefonisch und zu einem Drittel online vergeben werden. Die Onlinebuchungen sind stark nachgefragt. Bei der telefonischen Terminvergabe geht der Weg über die Hotline. Es tritt immer wieder auf, dass diese überlaufen ist.” Es bestehe auch die Möglichkeit, sich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Mirko Dannenfeld ist federführend an der Terminplanung für das Lüneburger Zentrum beteiligt. „Der Ansturm ist groß, das merken wir auch durch direkte Anfragen. Einige Leute hängen seit Tagen in der Warteschleife.“ Doch die Rückstände in der Abarbeitung würden sich legen, versichert er. Zuletzt hatte auch der heftige Wintereinbruch zu Lieferverzögerungen geführt, so dass Impfungen verschoben werden mussten.

Personal ist geimpft

Der Impfstoff, der bisher aus den Niederlanden nach Lüneburg geliefert wurde, stammt von dem Hersteller Biontech und muss bei -70° C gelagert werden. In Lüneburg liegt er fünf Tage auf Trockeneis und kann weitere fünf Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden – nach zehn Tagen muss er verbraucht sein. Auch der Leiter des Impfzentrums hat schon zwei Corona-Impfungen erhalten. „Das Personal des Impfzentrums und die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen aus den mobilen Teams gehören zur Prioritätengruppe 1”, erklärt der 50-Jährige. Während bei ihm die erste Impfung ohne jede Impfreaktion verlief, hatte er nach der zweiten Impfung leicht erhöhte Temperatur und Schüttelfrost. „Das war eine typische Reaktion”, meint Dannenfeld. „Das ist völlig unproblematisch, es waren typische Begleiterscheinungen.” Sich impfen zu lassen, stand für den Beamten außer Frage. „Ich hatte gar keine Vorbehalte und Bedenken, ich habe mich auch viel informiert”, sagt er. Die Stimmung im Lüneburger Corona-Impfzentrum nimmt Mirko Dannenfeld als angenehm wahr. „Die Mitarbeiter sind in allen Bereichen sehr motiviert. Anstrengend war, dass sie nicht gleich impfen konnten, so hatte auch das Verwaltungspersonal eine Durststrecke. Aber alle haben dann bei der Vor- und Nachbereitung der Impfungen in den Altenheimen mitgeholfen, und die mobilen Impfungen konnten in Ruhe durchgeführt werden.” Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, sei unter den älteren Menschen höher als bei den jüngeren, so Dannenfelds Eindruck: „Die ältere Bevölkerung ist viel aufgeschlossener, mit den Älteren hat man keine Diskussionen, auch wenn sie in den ärztlichen Gesprächen viele Nachfragen stellen.” Trotzdem sei es in wenigen Fällen vorgekommen, dass ein Bewohner eines Altenpflegeheims am Impftag einen Rückzieher gemacht habe.

Anfangs viele Impftouristen

Der so genannte „Impftourismus” war auch in Lüneburg zu Beginn ein Problem. Da Lüneburg eines der wenigen Impfzentren mit zu vergebenden Terminen in Niedersachsen war, holten sich Menschen aus anderen Landkreisen und sogar Peine oder Gifhorn Termine in der Hansestadt. „40 bis 50 Prozent der ersten Besucher waren nicht aus dem Landkreis Lüneburg”, weiß der Leiter, „das hat zu deutlichem Unmut geführt. In der Anfangsphase war das eine skurrile Situation aus Sicht der Lüneburger Bevölkerung.” Doch dem sei nun ein Riegel vorgeschoben worden, so dass Terminbuchungen nur noch für Einwohner aus dem Landkreis Lüneburg möglich seien. Als Ordnungsamtsleiter des Landkreises die Leitung des Corona-Impfzentrums übertragen bekommen zu haben, ist für Mirko Dannenfeld etwas Besonderes: „Das ist natürlich eine aufregende Geschichte, die wird man nur einmal im Leben machen.” Es mache Spaß, sich frei entfalten zu können, denn abgesehen von einigen Konzepten des Landes gebe es kaum Vorgaben. „Trotzdem ist es mir persönlich wichtig, wirtschaftlich zu handeln”, ergänzt er. Zunächst ist der Betrieb des Impfzentrums Lüneburg bis zum 30. Juni 2021 geplant – mit Option auf Verlängerung um weitere sechs Monate. „Wir gehen von einer Verlängerung aus. Wir werden gar nicht in der Lage sein, bis dahin alle geimpft zu haben”, meint Dannenfeld. Nachjustieren ist auch im Lüneburger Impfzentrum immer mal wieder angesagt. Schlangen von Wartenden sollen verkürzt werden, die Besucher werden inzwischen einzeln aufgerufen und persönlich in ihren Impfraum gebracht, wofür ein Ticketsys-tem eingeführt wurde. Auch drei Rollstühle wurden für weniger mobile Besucher angeschafft. „Das sind so Kleinigkeiten, die sich immer mal wieder zeigen. Aber der Ablauf steht”, bestätigt Dannenfeld. (JVE)

Kunst für die Seele

Benjamin Albrecht baut historische Lüneburger Häuser aus Lego nach

Benjamin Albrecht ist ein „Adult Fan of Lego” – ein erwachsener Lego-Fan. Nachdem der Lüneburger in seiner Kindheit viel mit den kleinen Kult-Steinchen gebaut hatte, hat er im Erwachsenenalter wieder damit angefangen. Nun baut er historische Lüneburger Häuser nach. Benjamin Albrecht ist freiberuflicher Webdesigner und Musiker. Da seine Arbeit als Musiker seit Beginn der Corona-Pandemie praktisch brachliegt, hat er eine anregende Beschäftigung gefunden. Der 42-Jährige entwirft historische Lüneburger Bauwerke am Computer, bevor er sie aus Lego in einem Maßstab von ungefähr 1:43 nachbaut. Das erfordert nicht nur Geduld, sondern oft auch Kreativität, denn Lego ist nicht für den Bau historischer Gebäude gemacht. Sein neues Hobby hat er seinen Eltern zu verdanken. Vor etwa sieben Jahren wollten sie seine Lego-Bestände aus der Kindheit loswerden und gaben sie an ihren Sohn weiter. „Es waren ein paar Kisten bunt gemischte Steine vom Flohmarkt”, so Benjamin, der die Steine zunächst bei sich aufbewahrte. „Ich habe mich gefragt, was soll ich mit dem Kram?” erinnert er sich. Der Webdesigner, der alleine in der Lüneburger Altstadt lebt, hat in seiner Wohnung nicht viel Platz. Als er eines Tages am Stint am Alten Kran vorbeikam, kam ihm plötzlich die Idee, das historische Bauwerk aus Lego-Steinen nachzubauen.

Nicht drauflos bauen

Doch der Lego-Fan baute nicht einfach drauflos. Mit einem spezialisierten 3D-Programm entwarf er das Bauwerk zunächst am Rechner. „Die Denkweise des Programms ist mir als Webdesigner nicht fremd”, erklärt er. Dennoch handelt es sich nicht um eine Arbeit von Stunden, sondern von Wochen, bis der fertige Bauplan steht und das Gebäude aus Lego wirklich nachgebaut werden kann. Der Alte Kran und das historische Gebäude, in dem er lebt, waren Benjamins erste nachgebaute Bauwerke aus Lego. „Irgendwann nahm es von alleine Fahrt auf. Ich war sehr begeistert und nervte meine ganze Umgebung damit”, erinnert sich der 42-Jährige. Seitdem entwarf er zahlreiche Lüneburger Gebäude am Rechner und baute einige Modelle auch mit Lego nach. Zwar sieht er seinen Lego-Modellbau noch als Hobby, doch er spürt, dass das Interesse von außen groß ist. So hat er auch schon erste Aufträge zum Nachbau bestimmter Lüneburger Gebäude erhalten und könnte sich mehr Aufträge dieser Art vorstellen. Die erwünschte Selbstisolation während des Corona-Lockdowns stellt für Benjamin durch sein Hobby kein Problem dar. „Ich setze mich freiwillig hin und kann mich stundenlang darin vergessen”, sagt er. „Im Lockdown zu Hause zu sitzen stört mich nicht.” Ein paar Tausend Legosteine hat er zu Hause, doch die meisten Steine muss er in der ganzen Welt in kleinen Mengen zusammensuchen und bestellen – die Community erwachsener Legofans nutzt dafür ein Portal für Legosteine. „Ich kaufe steingenau ein”, so der Modellbauer, „zum Beispiel 728 weiße Einer und drei Schwimmflossen – dazu muss ich das genaue Modell haben.” Die Lego-Schwimmflossen funktioniert er genauso wie Rollschuhe, Schuhe, Hüte, Draculaflügel, Auto- oder Raumschiffteile um zu Gebäude- oder Dachteilen, denn nicht alles gibt es aus Lego – zum Beispiel Treppengiebel oder Ornamente. Auch die Preise der einzelnen Teile unterscheiden sich erheblich – so sind zum Beispiel dunkelrote Steine, die er für den Bau von Backsteingebäuden in großen Mengen benötigt, bis zu zehnmal teurer als die typischen knallroten Legosteine. Hinzu kommt, dass durch die Pandemie der Versand von Paketen und Päckchen länger dauert. „Ich bestelle aus aller Welt, das ist viel komplizierter geworden mit Corona”, so Benjamin. Der Einkauf für ein einzelnes Gebäude muss gut geplant werden. Während er ein Haus am Computer entwirft, erzeugt er praktisch eine Bauanleitung, die ihm vorgibt, wie viele Steine er von welcher Sorte braucht. „Der Einkauf dauert einen ganzen Arbeitstag”, erläutert er, „ich brauche ganz viele verschiedene Steinsorten, das sind mehrere Tausend Steine pro Haus.”

Vokabular an Steinen

In der Regel dauert es mehrere Wochen, bis alle Legosteine bei dem Modellbauer eintreffen. Das Entwerfen am Rechner ist die Hauptarbeit – auch wenn das Interesse des Umfeldes an den real gebauten Modellen höher ist. „Die digitale Planung ist für mich 85 Prozent der Arbeit.” Wenn es an den Aufbau geht, sortiert er die Steine in kleinen Schälchen, damit er nicht lange suchen muss. Beim Aufbau fängt er, so profan es klingt, von unten an. Gute Vorarbeit ist dabei wichtig: „Wenn man ordentlich geplant hat, geht das mit dem Aufbau.” Fertig aus Lego gebaut hat Benjamin Albrecht bisher dreieinhalb Lüneburger Gebäude, zum Beispiel ein Zigarrenladentrio An den Brodbänken. „Ein viertes Haus ist komplett in der Post”, fügt er hinzu. Für eine multimediale Ausstellung im Museum Lüneburg in der zweiten Jahreshälfte baut er fleißig weiter, denn etwa elf Lüneburger Lego-Modelle von ihm sollen dann Teil der Ausstellung sein. Dass das Museum ihn nach einer Beteiligung an der Ausstellung fragte, begeistert ihn – zumal für ihn zurzeit Jobs als Musiker und Theatermusiker wegfallen.

Benjamin Albrecht hat zahlreiche Entwürfe für weitere Lüneburg-Modelle auf seinem Computer. „Ich kann nicht verneinen, dass es mein Traum wäre, eine permanente Lüneburg-Ausstellung mit meinen Lego-Modellen zu machen”, stellt er fest. So wären Modelle der bedeutenden Plätze Am Sande, Marktplatz und Stint bereits am Wachsen. „Ich sitze fast jeden Tag am Rechner. Dabei will ich selbst die Herausforderung und suche schwere Häuser raus.” Was die verschiedenen existierenden Steine und Teile angeht, ist Benjamin inzwischen Experte. „Irgendwann hat man eine Art Vokabular an Steinen.” Und er lernt weiter dazu: Er beobachtet genau, was Lego an neuen Steinarten und Farben herausbringt, denn er könnte sie vielleicht gebrauchen.

Erwachsene Fanszene

In seiner Heimatstadt Lüneburg ist Benjamin immer auf der Suche nach interessanten Bauwerken. Bei Spaziergängen durch die Straßen macht er Fotos und vermisst die Gebäude mit einem Lasermessgerät, um relativ genaue Maßstäbe zu haben. Es gab schon Gelegenheiten, wo er in Anwesenheit anderer Menschen so tat, als würde er in der Stadt Pokemons jagen – mit Lasermessgerät aufzufallen, ist ihm unangenehm. Auch in die Community der „Adult Fans of Lego”, kurz AFOL, ist er inzwischen eingetaucht, obwohl pandemiebedingt noch keine persönlichen Treffen möglich waren. Hatte er zunächst Vorbehalte, in eine Welt voller „Nerds” einzutreten, ist er positiv überrascht von der Gemeinschaft. „Es ist eine sehr friedliche Szene – Leute, die wie ich beruflich etwas Anderes machen, zum Beispiel Produktdesign-Studenten. Die Szene ist weder eitel, noch gibt es Ellenbogen, man ist sehr höflich – das ist eine Wohltat. Man kann viel voneinander lernen”, meint Benjamin. Erwachsene Fans, die Gebäude bauen, gibt es weltweit zahlreich, doch nicht alle sind so detailverliebt wie er. „Bei mir soll es nicht so aussehen wie bei Minecraft, so pixelig”, betont er. Er hat durch die Community den Unterschied zwischen „legal” und „illegal bauen” gelernt: Das Gebaute muss am Ende von selbst halten, es muss frei stehen, und kleben ist ein No-Go. Benjamin nennt seine Lego-Modelle „Kunstruktionen”. Für ihn ist das Hobby eine Mischung aus Konstruktion und Kunst, Ästhetik und Physik. Seine Fähigkeiten in einer der angesagten TV-Shows unter Beweis zu stellen, ist hingegen nichts für ihn. Eine Anfrage nach der Teilnahme bei den Lego Masters in den USA sagte er ab. Die Vermutung, dass die Öffentlichkeit ihn bestimmt für einen Nerd halte, lässt der 42-jährige Legobauer hin und wieder fallen. Dabei hat er in seinem direkten Umfeld bisher andere Erfahrungen gemacht. „Meine Freunde wundern sich nicht mehr, ich hatte immer unnormale Jobs”, erzählt er. „Ich habe bei Struwwelpeter im Theater Musik gemacht, habe Straßenmusik mit Felix Meyer gemacht und bei Santiano Keyboard gespielt.” Auch seine Eltern, die immer still auf seine neuesten Ideen reagiert hätten, seien begeistert von seinem Lego-Modellbau. Zudem ist seine Wohnung nicht auffallend mit Lego überfrachtet – ins Auge sticht nur eine Sammlung alter Legomännchen.

Detailtreue zählt

Bisher baut Benjamin ausschließlich Unikate. „Auch bei ganz teuren Teilen habe ich keine Scheu, sie zu bestellen”, sagt er, denn er achte nicht auf den Preis, sondern auf Ästhetik. Seine Modelle für die Massen herzustellen, wäre viel zu teuer. Für sich selbst probierte er bereits, ein Modell in eine erschwingliche Variante umzuplanen. „Aber dann hebt es sich nicht mehr ab”, so seine Erkenntnis. Benjamin weiß, dass es eine Stadtbaureihe von Lego gibt, doch die Modelle sind kleiner und weniger aufwendig. Seine Modelle sind an die „Körpergröße” der Legomännchen angepasst, so dass die Figuren in den Häusern wohnen könnten. Dieser Maßstab stellt ihn bei Bauwerken wie dem Lüneburger Wasserturm oder einer der Kirchen vor große Herausforderungen. Die für ihn nahe gelegene St. Michaeliskirche, die bereits Interesse signalisierte, hätte im Lego-Modell eine Größe von etwa 1,80 Meter. Mit dem Bau des Turmhelms hat er bereits begonnen – wegen der besonderen Form. Theoretisch könnte er jedes Gebäude nachbauen, „auch eine Neubaufassade ist cool”, meint er. Diese sei jedoch auch nicht zu unterschätzen: „Der simpelste Neubau hat auch ganz viele Schnörkel.” Was für ihn zählt, ist die Detailtreue, er möchte ein Gebäude auf Anhieb erkennen können. „Ich beiße mich so lange fest, bis ich zufrieden bin.” Inzwischen hat Benjamin Albrecht die Not zur Tugend gemacht und investiert viel Zeit in seinen Modellbau – unter Zeitdruck steht er nicht. „Es ist nicht mehr nur eine Sonntagsabends-Beschäftigung”, erklärt er, „ich nenne es Kunst für die Seele. Das Schöne an dieser Kunst ist, dass sie ein wenig obskurer ist.” Auch ein Kalender mit seinen 3D-Modellen sowie Poster können unter www.albrick.de bestellt werden. (JVE)

Wildblumen statt Kartoffen

Landwirt Johannes Hornbostel und seine Frau Hannah Jelka suchen Blühpaten

Der Rehlinger Landwirt Johannes Hornbostel baut gewöhnlich Kartoffeln, Zuckerrüben, Raps und Getreide an. Seit Jahren legt er außerdem kleine Blühflächen an, weil er von deren positiver Wirkung auf die Natur überzeugt ist. Bienen und weitere Insekten erhalten durch die Wildblumen Lebensraum zurück, ihre Bestände können sich erholen. Nun gehen der 34-Jährige und seine Frau Hannah Jelka einen ungewöhnlichen Weg: Mit einer Crowdfunding-Kampagne auf Startnext suchen sie Unterstützer für groß angelegte Blühflächen. „Stadtlandblüte” heißt das Projekt von Johannes und Hannah Jelka Hornbostel. „Wir wollen Leute aus der Stadt ansprechen, daher kommt der Name”, erklärt Johannes Hornbostel, studierter Agrarwissenschaftler. „Menschen, die sich um die Umwelt kümmern, aber selbst wenig Platz haben und deshalb nicht so viel bewegen können.” Grundsätzlich angesprochen wird jeder, der der Natur Raum zurückgeben und aktiv die Biodiversität fördern möchte. Blühstreifen legt der Landwirt bereits seit Jahren an und erhält dafür auch Fördermittel. „Im größeren Rahmen ist das aber effektiver”, so Hornbostel. Ohne starre Vorgaben könne er freier agieren und habe mehr Handlungsspielraum, könne unterschiedliche Zeiträume und Saatmischungen ausprobieren. „Die Vorgaben sind bürokratisch kontrolliert. Doch manchmal passen die vorgegebenen Zeiträume gar nicht, dann macht das ackerbaulich keinen Sinn.” Schon sein Vater Henning Hornbostel, dessen Hof in Rehlingen Johannes seit fünf Jahren in vierter Generation betreibt, fing vor 15 Jahren mit dem Anlegen von Blühstreifen an. „Aber die Förderung ist gedeckelt, und wir wollten gerne mehr machen”, erklärt der Landwirt. Dass sein Vater schon vor Jahren Blühstreifen anlegte, war keine Pionierarbeit. „Blühstreifen legen sehr viele Landwirte an, es ist aber zu wenig bekannt”, so Johannes Hornbostel. Einen Testballon starteten er und seine Frau 2019 in Betzendorf, wo sie den Anwohnern Blühflächen anboten und mit ihnen realisierten. „Das wurde sehr gut angenommen. Da sind wir auf die Idee gekommen, dass es auch mehr Leute ansprechen könnte”, so Hannah Jelka Hornbostel. Die 35-Jährige, die als Anwältin in Adendorf arbeitet, unterstützt ihren Mann bei seinem Vorhaben, weil sie von der guten Sache überzeugt ist.

Kampagne ist nur der Auftakt

Im Frühjahr und Sommer 2020 trafen die Hornbostels Vorbereitungen für ihr Projekt. „Wir haben ein Stück Land, das wir der Natur zurückgeben wollen”, erklärt Johannes Hornbostel. Insgesamt verfügt der Landwirt über 300 Hektar Land. Hier baut er hauptsächlich Kartoffeln an – was auch weiterhin passieren soll. Zur Ergänzung ihres Betriebs sind die Hornbostels immer offen für neue Ideen. „Im klassischen Ackerbau probieren wir Methoden aus, die auch aus dem Ökolandbau stammen”, so der Landwirt. Um großflächig Blühfächen anlegen zu können, suchen Johannes und Hannah Jelka nun Unterstützer, die so genannte „Blühpatenschaften” übernehmen. Ihr Versprechen: Für 50 Cent aus der Stadt legen sie einen Quadratmeter Wildblumenwiese auf dem Land an und schaffen so Lebensraum für Bienen, Insekten und weitere einheimische Arten. Johannes‘ Schwester Nike, die in Hamburg lebt, brachte ihren Bruder auf die Idee, das Projekt als Crowdfunding-Aktion im Internet zu starten, wo sie unter www.startnext.com/stadtlandbluete zu finden ist. Die Kampagne läuft noch bis zum 31. Dezember 2020, doch danach soll nicht Schluss sein. „Die Kampagne ist nur der Auftakt”, verspricht Johannes Hornbostel. Zurzeit werde eine Homepage erstellt, die Mitte, Ende Januar mit Online-Shop an den Start gehen solle. Unter www.stadtlandbluete.de soll dann ebenfalls die Übernahme von Blühpatenschaften möglich sein. Für ihr Projekt haben sie eine Fläche von insgesamt vier Hektar vorgesehen. Die Blühfläche soll auf einer geschlossenen Fläche entstehen. „Einzelne kleine Flicken bilden nicht einen so großen Lebensraum”, weiß der Landwirt, „für unterschiedliche Kolonien ist der ökologische Nutzen von einer großen Fläche größer.”

Im Gespräch mit Naturschützern

Während über Startnext eine Blühpatenschaft auf ein Jahr begrenzt ist, sollen grundsätzlich auch längere Zeiträume möglich sein. Bis Mitte Dezember konnten die Hornbostels mit ihrem Crowdfunding-Projekt gut hundert Unterstützer gewinnen, die Summe des gesammelten Geldes lag bei rund 5.600 Euro. Als Cofunding-Partner gibt Krombacher Naturstarter pro gesammeltem Euro 20 Cent dazu. „Das erste Fundingziel waren 5.000 Euro, wir freuen uns, dass wir das erreicht haben”, so Hannah Jelka Hornbostel. „Momentan reicht das Geld für einen Hektar Land, wir würden uns sehr über mehr Unterstützer freuen – je größer, desto besser.” Wäre das erste Ziel von 5.000 Euro über Startnext nicht erreicht worden, hätte es keine Ausschüttung des Geldes gegeben und die Unterstützer hätten nicht zahlen müssen. „Wir machen das zum ersten Mal, es war viel Nervenkitzel dabei”, meint sie. Unter den Unterstützern hat Johannes Hornbostel auch schon lokale Prominenz ausmachen können, wie zum Beispiel Felix Petersen, den Vorsitzenden des CDU-Kreisverbandes Lüneburg oder die grüne Bundestagsabgeordnete Dr. Julia Verlinden. Mit von der Partie sind auch Henry Schwier, Diakon des Kirchenkreises Lüneburg, Christine Horn vom NABU und Eckhard Winkelmann, Gründer der Genossenschaft Bürger-Windpark Amelinghausen. Nun erhofft sich Johannes Hornbostel konkrete Unterstützung von Initiativen und Vereinen, auch eine Partnerschaft wäre für ihn denkbar. So möchte er das Projekt gerne vom NABU begleiten lassen und ist in Gesprächen mit „klassischen” Naturschützern. „Es ist nicht immer leicht, Landwirtschaft und Naturschutz zu verbinden”, weiß der Rehlinger, „aber wir wollen den Dialog aufnehmen.” – „…weil wir glauben, dass sich alles verbinden lässt”, ergänzt seine Frau, die erfreut ist über das positive Feedback und den Zuspruch von allen Seiten. Wer nicht nur finanziell die Anlage der Blühflächen unterstützen will, kann bei Startnext für 150 Euro auch einen „Blütenspaziergang” buchen. Bisher haben drei Unterstützer diese Möglichkeit gewählt, mit Johannes und Hannah Jelka Hornbostel persönlich die Flächen zu besuchen und wichtige Informationen darüber zu erhalten. Massenbesichtigungen durch die Blühpaten sind hingegen nicht geplant. „Das ist ein zweischneidiges Schwert”, so Johannes Hornbostel, „die Horden sollen die Flächen natürlich nicht kaputt trampeln…Aber ich habe da keine Bedenken, jeder hat das Recht, sich das anzugucken.” Zusätzlich plant er, alle Fortschritte zu filmen und zu fotografieren und diese auf seiner neuen Homepage zu veröffentlichen.

Umweltschutz Hand in Hand

Für Hannah Jelka Hornbostel, die ihren Mann schon zur Schulzeit auf dem Lüneburger Johanneum kennenlernte, ist Stadtlandblüte ein Herzensprojekt. Im Lüneburger Stadtgebiet aufgewachsen, hatte sie kaum Berührungspunkte mit der Landwirtschaft. Nun, da sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf dem Land lebt, möchte sie etwas für die Umwelt tun. „Wir haben immer wieder überlegt, wie unser Weg ist”, erzählt die 35-Jährige. „Vielen brennt das Thema unter den Nägeln, sie haben aber nicht den Raum und die Zeit. Wir zeigen, wir sind hier, wir haben das Know-how und die Fläche. Umweltschutz können wir nur Hand in Hand machen.” Bevor das erste Geld aus Stadtlandblüte geflossen ist, hat Johannes Hornbostel bereits im Herbst das erste Saatgut ausgesät und hofft auf erste Blüten im März und April. Der Großteil soll dann von März bis Mai ausgesät werden. Das gesammelte Geld fließt in das Saatgut, Technik, Arbeitserledigung sowie die mediale Begleitung und die Homepage – und dient als Ausgleich für den Wertverlust der Fläche, die jahrelang nicht mehr klassisch beackert werden wird. „Die Fläche verliert an Wert, das muss mit eingerechnet werden. Es soll ja keine Eintagsbiene werden”, so der Landwirt. „Wir sind vom Nutzen für die Umwelt überzeugt”, fügt seine Frau hinzu. (JVE)

„Ich bin wieder die Alte”

Carola Kasten aus Radbruch trägt ein Hörimplantat

Musik spielte immer eine große Rolle in Carola Kastens Leben. Ihr Mann war neben dem Beruf begeisterter Musiker, sie besuchten zusammen gerne Konzerte und hatten eine große Plattensammlung. Doch schon mit 50 Jahren bemerkte die Radbrucherin, dass ihr Gehör nachlässt. Schleichend geriet sie in die Isolation. Erst 20 Jahre später wagte sie den großen Schritt: Sie ließ sich ein Cochlea-Implantat einsetzen. Es begann mit Kleinigkeiten, die sie nicht mehr hören konnte. Die heute 73-Jährige erinnert sich noch gut, wie erstaunt ihr Mann war, als sie das Miauen ihres Katers an der Terrassentür nicht mehr wahrnahm. Das ist schon mehr als 20 Jahre her. Der HNO-Arzt schickte sie zum Akustiker, Hörgeräte sollten Abhilfe schaffen. Doch mit ihnen freundete sie sich nie richtig an, auch wenn sie anfangs mit ihnen zurechtkam. „Ich habe erst nur ein Hörgerät bekommen, später ein zweites”, erzählt sie. „Nach einer gewissen Zeit habe ich das Linke ganz weggelassen und mindestens fünf Jahre nur rechts ein Hörgerät getragen.” Ihr schien, als könne ihr bei ihrem linken Ohr nichts mehr helfen. Auch an Carola Kastens Familie gingen ihre Hörprobleme nicht vorbei. Ihr Sohn und ihre Tochter, heute 47 und 45 Jahre alt, drängten auf Abhilfe. Ein Freund ihres Sohnes brachte die Lösung als erstes in die Familie: ein Cochlea-Implantat. Der Freund, der bei einem Hörimplantate-Hersteller arbeitete, gab ihr Infomaterial, doch das ließ Carola Kasten lange liegen. Das war bereits 2005. 

Elektrische Impulse ans Gehirn

Wie funktioniert ein Cochlea-Implantat? Die medizinischen Geräte sind für Menschen mit schwerer bis hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit gedacht. Bei dieser Art von Hörverlust sind die Haarzellen im Innenohr beschädigt und können Schallinformationen nicht richtig verarbeiten und weiterleiten. Ein Cochlea-Implantat umgeht die defekten Haarzellen und sendet die Schallinformationen in Form von elektrischen Impulsen an den Hörnerv beziehungsweise das Gehirn, wo sie als Klänge wahrgenommen werden. Ein Cochlea-Implantat(CI)-System besteht aus zwei Hauptkomponenten: dem Audioprozessor und dem Implantat. Der Audioprozessor wird extern getragen. Er nimmt die Schallinformationen auf und sendet sie an das Implantat. Dieses sitzt hinter dem Ohr unter der Haut und verarbeitet die Informationen weiter. Immer wieder brachte ihre Familie das Thema auf, doch Carola Kasten war noch nicht bereit. „Ich sollte nicht mehr so lange warten, damit sich nicht alles noch mehr verschlechtert”, sagt sie, „aber ich habe das Material weggelegt, ich wollte es noch nicht.” Lange habe sie der Gedanke beunruhigt, das Implantat unter die Haut gesetzt zu bekommen, wofür hinter dem Ohr eine Mulde in den Knochen gefräst wird. Immer wieder sagte sie sich, sie könne ja alles noch gut bewältigen. Carola Kasten half sich mit kleinen Tricks, um gut durch den Alltag zu kommen. In größerer Runde, in der sie den Gesprächen akustisch kaum folgen konnte, war ihr Mann ihr Assistent. Filme sah sie im Fernsehen mit Untertiteln, im Kino im Original mit Untertiteln. „Ich habe zwar etwas gehört, es aber nicht verstanden”, sagt sie rückblickend, „es war nicht die Lautstärke, sondern das genaue Verstehen.” Bei ihren regelmäßigen Theaterbesuchen verstand sie schon sehr früh nichts mehr. „Da hätte ich genauso gut zu Hause bleiben können, das hat mich frustriert.” Auch in ihrer Englischgruppe und ihrer Frauenrunde musste sie ständig nachfragen, was allen auffiel. „In meiner Englischgruppe sagten sie, lass Dich operieren, aber ich wollte es nicht hören. Ich war bockig und sagte immer, es ist noch nicht nötig.”  

Man bleibt fast stumm

Die Entscheidung für das Cochlea-Implantat nahm Fahrt auf, als ihr Mann 2015 schwer erkrankte. „Er hat sich große Sorgen gemacht, was ohne ihn aus mir werden soll – zu Recht”, erklärt die 73-Jährige. Die Tatsache, dass sie ohne ihren Mann nicht zurechtkommen würde, war schließlich der Anstoß für sie, weitere Schritte einzuleiten. Bis zu ihrem 60. Lebensjahr hatte sich ihre Schwerhörigkeit stetig verstärkt, seitdem hatte sie große Probleme, an Gesprächen teilzunehmen. „Ich habe nichts mehr mitbekommen, dann zieht man sich schon zurück. Mein Mann hat mir immer geholfen, und ich habe selbst gemerkt, dass ich von ihm sehr abhängig war”, erzählt sie. „Man bleibt fast stumm, wenn man bei Festen nichts versteht.” In einem ihrer Befunde vom HNO-Arzt heißt es „an Taubheit grenzend”. Carola Kasten, die seit 1975 in Radbruch lebt, hat seit mehr als 15 Jahren auch einen Wohnsitz in Potsdam. Über Empfehlungen aus Potsdam geriet sie an einen HNO-Arzt in Rostock, einen Experten auf dem Gebiet der Cochlea-Implantate. Dieser sollte zunächst testen, ob Carola Kasten überhaupt für ein solches implantierbares Hörsystem in Frage kommt. Auch dann hätte sie sich immer noch dagegen entscheiden können. Ein MRT und CT waren erfolgversprechend, die Übernahme durch die Krankenkasse gesichert, so dass der Operation nichts mehr im Wege stand.

 

Im Oktober 2017 ließ sich Carola Kasten in der Rostocker Uniklinik das Cochlea-Implantat am linken Ohr einsetzen. Die OP dauerte nur zwei bis drei Stunden, dann blieb sie noch fünf Tage im Krankenhaus. Doch bis der wirkliche Hörerfolg einsetzte, musste sie sich noch gedulden, denn erst nach vier bis fünf Wochen kann man mit der Erstanpassung beginnen. Hierbei wird der Audioprozessor das erste Mal auf das unter der Haut liegende Implantat gesetzt. Danach wird der Prozessor genau auf die Bedürfnisse und das Hörvermögen des Trägers abgestimmt.

Wieder hören lernen

Dann folgt die so genannte Rehabilitation. „Man muss nach der OP wieder hören lernen”, erklärt Carola Kasten. Bei ihr habe der Prozess etwa anderthalb Jahre gedauert, doch besser hören konnte sie fast sofort nach der Aktivierung. In 20 mal zwei Stunden lernte sie mit einem Sprachtherapeuten durch Übungen, Gesagtes wieder zu verstehen, Konsonanten und Sprüche wiederzugeben. Ihre Reha machte Carola Kasten im Hörtherapiezentrum in Potsdam. „Es ist ganz selten, dass man so eine tolle Reha hat, da habe ich Glück gehabt”, meint sie. „Nach anderthalb Jahren hatte ich fast hundert Prozent Hörverständnis.” Sagte man Cochlea-Implantaten früher nach, dass mit ihnen alles blechern klinge, teilt Carola Kasten diese Erfahrung nicht. „Bekannte Stimmen hören sich für mich nicht anders an, und ich kann zum Beispiel die Nachrichtensprecher an der Stimme erkennen, ohne sie zu sehen.” Es waren die Kleinigkeiten, die sie aufblühen ließen: „Ich konnte die Vögel wieder zwitschern hören.” In ihrer Frauenrunde staunten alle, wie schnell und gut sie alles wieder verstehen konnte. Zwar trägt die 73-Jährige weiterhin rechts ihr Hörgerät, doch nötig wäre dies nicht. „Das Hörgerät macht alle Geräusche nur etwas weicher und runder”, führt sie an. Sie weiß, dass man oft an beiden Ohren Cochlea-Implantate einsetze, doch weil das Ergebnis auf ihrer linken Seite so zufriedenstellend sei, wolle sie es dabei belassen. Auch ihr großes Thema Musik geht Carola Kas-ten immer wieder an. Mit dem Hörimplantat klingt die ihr so vertraute Musik nicht wie früher. „Ich versuche immer, alte Sachen zu hören. John Lennon ist gut, weil da wenig Instrumente dabei sind. Big-Band-Musik geht nicht, da gibt es zu viele Instrumente.” Vor der OP hatte sie sich lange nicht mehr mit Musik beschäftigt – nun will sie nicht aufgeben, auch wenn sich in ihren Ohren einige Töne regelrecht falsch anhören. Mit ihrem Mann konnte sie die Begeisterung für Musik nicht mehr lange teilen, er starb im vergangenen Jahr. Ihre Hörerfolge konnte er jedoch noch miterleben. 

Lebensfreude und Selbstbewusstsein

Mit dem besseren Hörvermögen hat Carola Kas-ten ihre Lebensfreude und ihr Selbstbewusstsein zurückerlangt. Rückblickend sagt sie: „Ich habe mir ein bisschen was vorgemacht, indem ich gesagt habe, ich schaff‘ das schon. Meine Ängste waren wirklich unnötig, aber vielleicht wäre die Technik vor zehn, zwanzig Jahren auch noch nicht so weit gewesen wie jetzt.” Sie ärgert sich nicht, dass sie mit der Operation so lange gewartet hat, „ich musste erstmal so weit kommen.” Durch das Cochlea-Implantat nimmt sie ihre Umwelt inzwischen wieder ganz anders wahr. So empfindet sie den Trecker beim Spaziergang über die Felder als extrem laut – und hört plötzlich die Gänse, die über ihr gen Süden fliegen. Auch Flüstern kann sie verstehen. „Ich bin wieder die Alte”, resümiert sie. „Ich habe das Gefühl, wieder wie früher zu hören.” Auch in großen Gruppen komme sie gut klar, sie müsse sich nur ein bisschen mehr konzentrieren. Um ihre Erfahrungen an andere weiterzugeben, die über ein Implantat nachdenken oder in der Reha-Phase einen Ansprechpartner brauchen, hat Carola Kasten inzwischen eine „Hörpatenschaft” im Auftrag des CI-Herstellers MED-EL übernommen (www.hörpaten.de). Sie betreut die über 65-Jährigen per E-Mail, in seltenen Fällen telefonisch. Das Telefon hält sie übrigens links nicht an ihr Ohr, sondern an den Audioprozessor, denn über ihn nimmt sie die Klänge jetzt wahr. Durch ihre Patenschaft für momentan 20 Personen weiß Carola Kasten, dass ihre guten Hörerfolge nach der OP nicht die Regel sind: „Nicht alle machen so gute Erfahrungen wie ich.” (JVE)

Im Bann der Märchen

Katja Breitling arbeitet als Märchenerzählerin und Märchentherapeutin

Über Märchen gibt es viele Klischees – zum Beispiel, dass sie nur etwas für Kinder sind. Dass dem nicht so ist, weiß die Lüneburger Märchentherapeutin und Märchenerzählerin Katja Breitling aus eigener Erfahrung: „Ich arbeite fast ausschließlich mit Erwachsenen.” Seit 13 Jahren gibt es Katja Breitlings „Märchenwirkstätte” – eine märchenhafte Zahl, die sie gerne dieses Jahr gefeiert hätte, doch Corona machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Seit 13 Jahren ist die gebürtige Kielerin in Lüneburg selbstständig – sie verdient sich mit Märchen ihr Geld. Hatte sie bis vor 17 Jahren noch überhaupt nichts mit Märchen am Hut, wurde sie dann regelrecht „zu ihnen geführt”, wie sie meint. Katja Breitling hat verschiedenste Wege beschritten in ihrem Leben. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Europasekretärin, war danach im Ausland. Sie ließ sich zur PR-Beraterin ausbilden, bevor sie nach Hamburg ging, um Ethnologie zu studieren. Beruflich ging sie in die PR-Branche, war viel im südostasiatischen Raum unterwegs, arbeitete unter anderem in Singapur. Doch Märchen hatten bis dahin keinen besonderen Platz in ihrem Leben.

Der inneren Stimme gefolgt

Anfang der 2000er lebte Katja Breitling im schleswig-holsteinischen Naturpark Aukrug. Auf der Suche nach kulturellen Angeboten in der Umgebung stieß sie auf den Märchenhof Rosenrot, ein privates Institut, das die Ausbildung zum Märchentherapeuten anbietet. „Ich hatte vorher nichts mit Märchen gehabt, ich kannte nur Grimms Märchen und einige Mythen aus dem Ethnologie-Studium”, erinnert sich die 58-Jährige. „Aber plötzlich war da in mir diese klare Stimme: Katja, das wolltest Du schon immer werden.” Diese innere Stimme überraschte sie damals selbst, doch sie folgte der Eingebung: Mit Anfang 40 ließ sie sich zur Märchenerzählerin, Märchenberaterin und Märchentherapeutin ausbilden. „Es ist absolut meine innere Berufung geworden”, so Katja Breitling. Die ungewöhnliche Ausbildung erstreckte sich auf Wochenenden über insgesamt drei Jahre, währenddessen arbeitete sie weiterhin in Hamburg als PR-Beraterin. Als ihr Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste, sah sie dies wieder als Wink des Schicksals und beschloss, sich als Märchentherapeutin selbstständig zu machen. Das Erzählen oder Zuhören von Märchen kennt jeder – doch was ist Märchentherapie? In der Märchentherapie wird davon ausgegangen, dass der Held in einem Märchen innere Prozesse genauso durchläuft, wie sie der Mensch in seinem Leben durchlebt. In der Märchen-Chakra-Therapie, die Katja Breitling gelernt hat, werden aus den sieben Chakren, den Ener-giezentren der hinduistischen Lehre sieben Stufen abgeleitet, die der Held in einem Märchen durchläuft. „Diese Stufen vom Mangel bis zur Fülle, zur Erfüllung, findet man in fast allen Märchen”, erklärt sie. „Wir haben gelernt, ein Märchen nach den sieben Stufen zu erarbeiten.” Die ganze Arbeit in der Märchentherapie läuft über das Gefühl. Wer ein Märchen hört, malt sich im Inneren ein Bild aus, mit dem er seine eigenen emotionalen Erfahrungen verbindet. Diese gilt es bewusst zu machen, zu deuten und in positive Bilder umzuwandeln. So hilft die Therapie, sich mit Hilfe des Märchens seiner selbst bewusster zu werden und neue positive emotionale Erfahrungen zu machen.

Ein Märchen zu jedem Thema

Vor 15 Jahren zog Katja Breitling nach Lüneburg, um sich selbstständig zu machen. „In Lüneburg gingen die Türen sofort auf”, erzählt sie rückblickend. Alsbald wurde ihr durch eine Bekannte ein Stand auf der Lebensfreude-Messe angeboten, wo sie einen Vortrag halten durfte, den sich nur sehr wenige anhörten. Unter den Zuhörern war jedoch jemand aus einer Guttempler-Gemeinschaft in Lüneburg, der sich für ihre Arbeit interessierte. „So bin ich in die Suchtarbeit gekommen”, erklärt die 58-Jährige, die auch bei der Sieb & Meyer Stiftung in Lüneburg Märchenabende und Meditation für Berufstätige anbietet. Inzwischen arbeitet die Märchentherapeutin, die seit zwei Jahren im Kloster Lüne lebt, bundesweit im Auftrag von zahlreichen Suchtverbänden. Hier geht sie zunächst in Selbsthilfegruppen. „Unter meinen Märchenseminaren kann sich natürlich keiner etwas vorstellen. Deshalb erzähle ich in den Gruppen zunächst ein, zwei Märchen und zeige, dass Märchen unsere Lebenswege beschreiben.” Auch wenn nicht jeder sofort Zugang zu Märchen und der Arbeit mit ihnen bekommt, sind die freiwillig angebotenen Märchenseminare bei den Teilnehmern aus den Selbsthilfegruppen sehr gefragt. Wer die Märchenarbeit mit der Therapeutin vertiefen möchte, kann bei ihr auch eine Einzeltherapie machen. Katja Breitling arbeitet viel mit Traumatisierten und Personen mit Suchtthematik oder Depression. In ihren Märchenseminaren wählt sie Märchen und Themen, die zu den Problematiken der Teilnehmer passen, zum Beispiel Loslassen, Urvertrauen, Geborgenheit oder auch Trauerarbeit und Vergebung. „Man kann jedes Thema nehmen – man findet dazu immer passende Märchen”, erklärt sie. Da viele Teilnehmer wiederholt ihre Seminare besuchen, hat sie den Anspruch an sich selbst, immer neue Märchen auszusuchen.

Märchenüben im Klostergarten

Die Vorbereitung für die Märchenseminare ist sehr aufwendig. Zunächst gilt es, aus der schier unendlichen Fülle von Märchen aus aller Welt ein Passendes auszusuchen. Denn sie weiß: Mit Grimms Märchen, die fast jeder kennt, kann sie in ihren Seminaren niemanden hinterm Ofen hervorlocken. „Bei spannenden unbekannten Märchen sind die Leute eher dabei”, so ihre Erfahrung. Während ihrer Auseinandersetzung mit den Märchen lernt sie, diese frei zu erzählen, denn sie liest nicht einfach nur vor. Um ein 15-minütiges Märchen erzählen zu können, hat sie früher einen Monat gelernt, inzwischen braucht sie einige Tage. „Am Anfang habe ich unglaublich viele Märchen gelernt, heute sind es vielleicht noch zehn im Jahr”, sagt sie. „Ich lerne inwendig, nicht auswendig. Ich erarbeite mir das von innen.” Sie hat genau Buch geführt: Rund 170 Märchen hat sie in den vergangenen 13 Jahren gelernt. „Ich könnte adhoc um die 40 Märchen erzählen, einige müsste ich vielleicht kurz auffrischen.” Um die Geschichten zu lernen, geht sie gerne raus, spaziert durch den Klostergarten oder das nahe gelegene Wäldchen, erzählt sich das Märchen immer wieder selbst laut. Während man sie auf dem Klostergelände und in Lüneburg kennt, wird sie dabei in anderer Umgebung schon mal komisch angesehen. Auch wenn Katja Breitling von ihrer Arbeit als Märchen-Seminarleiterin lebt, ist sie den Lüneburgern eher als Märchenerzählerin bekannt. Auf dem Weg zur Märchentherapeutin gehört die Ausbildung als Märchenerzählerin auch dazu. Dabei wollte sie das zunächst gar nicht werden: „Ich wollte nicht Märchenerzählerin werden, sondern Therapeutin. Aber ich habe dann gemerkt, dass mir das sehr viel Spaß macht.” Auf dem Klostergelände bietet sie seit Jahren Märchenführungen an, außerdem gibt sie regelmäßig Friedhofsmärchenführungen in Lüneburg und führt mit den Märchenerzählerinnen Karin Ulex und Edith Eckholt die Lüneburger Märchentagungen durch. Zweimal im Jahr besucht sie außerdem seit Jahren die Grundschule Scharnebeck, um den Kindern Märchen zu erzählen. Auch im Ostpreußischen Landesmuseum bietet sie Veranstaltungen an, erstmalig nun auch einen Märchen-Kinderclub, bei dem die Kinder Märchen selbst erfinden können. Das Erfinden von Märchen überlässt Katja Breitling ansonsten anderen – sie hat sich bisher nur ein einziges für ihre Nichte ausgedacht. Sie bedient sich lieber aus einem reichen Schatz der Weltliteratur, von dem sie einiges zu Hause hat. Die Märchenerzählerin liebt vor allem asiatische und italienische Märchen. Es gibt Märchen, die sie von Anfang an begeisterten, dazu gehören das nordische „König Lindwurm”, „Salz und Zucker” aus Griechenland oder „Der dankbare Baum” aus Japan. Zurzeit beschäftigt sie sich mit dem italienischen Märchen „Der Halbierte”. Privat liest Katja Breitling andere Bücher, viel Fantasy und magische Geschichten, aber auch über spirituelle Themen.

Virtuelles Märchenabenteuer

In Lüneburg sei sie von Anfang an warm aufgenommen worden, meint Katja Breitling. „Lüneburg hat so eine Offenheit. Es war, als ob man offene Türen eingerannt hat.“ Sie merkt, dass sich ihre eigene Begeisterung auf andere überträgt und die Menschen bewegt. Leicht ist das nicht immer: Das Erzählen von Märchen erfordert ein hohes Maß an Konzentration. „Wenn ich ein Märchen erzähle, bin ich im Hier und Jetzt, ich muss absolut in der Präsenz sein und darf nicht an etwas Anderes wie zum Beispiel Bügeln denken.”, so Katja Breitling. Nur wenn sie selbst in den Bildern des Märchens sei und das vermitteln könne, könne sie andere emotional mit auf die Reise nehmen. Die Coronazeit hat auch die Märchenerzählerin und -therapeutin komplett ausgebremst. Monatelang ist die Gruppenarbeit der Suchtverbände ausgefallen, gab es kaum Veranstaltungen in der Stadt. Katja Breitling nutzte die Zeit und zauberte binnen kürzester Zeit ein virtuelles Märchenabenteuer aus dem Hut, das sich über mehrere Wochen erstreckte. Über ihren E-Mailverteiler lud sie zur kostenlosen Teilnahme im Internet ein, stolze 150 Personen aus ganz Deutschland nahmen schließlich teil. Allerdings erforderte das Spiel regelmäßige Rückmeldungen von ihr, was viel Arbeit machte. Die Idee stieß auf so viel Begeisterung, dass bereits Anfragen von Familienbildungsstätten nach weiteren Abenteuern kamen – für den Fall eines erneuten Lockdowns. (JVE)

Verliebt in die Stadt Lüneburg

Anna Böhme bloggt auf dem Instagram-Kanal
„what’s lüneburg”

Mit sozialen Medien kennt sich Anna Böhme aus. Sie sind nicht nur ihr täglich Brot bei ihrem Arbeitgeber in Hamburg. Auch in ihrer Freizeit pflegt die 27-jährige Neu-Lüneburgerin einen öffentlichen Instagram-Kanal. Bei „what’s lüneburg” zeigt sie ihren knapp 6.000 Abonnenten ihre Entdeckungen in und um Lüneburg. Aufgewachsen ist Anna in einem kleinen Dorf in der Region Hannover – auch ein Grund, warum es sie in ihrer freien Zeit regelmäßig aufs Land zieht. Zum Studieren ging sie zunächst nach Hannover, wo sie ihren Bachelor in Medienmanagement machte, hinterher ging es zum Masterstudium in Unternehmenskommunikation nach Stuttgart. Dort verliebte sie sich in ihren jetzigen Mann, mit dem sie erst seit einigen Wochen verheiratet ist. Ihm hat sie ihren neuen Lebensmittelpunkt zu verdanken, denn ihr Mann ist Lüneburger. „Wir wollten nach dem Studium in den Norden zurück und haben zunächst mit Hamburg geliebäugelt. Aber das ist mir zu groß und hektisch”, erzählt die 27-Jährige. Nur zwei-, dreimal war sie in Lüneburg gewesen, bevor sie im November 2018 in die Hansestadt zog. In die Stadt Lüneburg war Anna Böhme von Anfang an schockverliebt. Da sie außer ihrem Freund noch niemanden kannte, ließ sie per Whatsapp ihre Freunde aus Hannover und Stuttgart mit Fotos an der Schönheit Lüneburgs teilhaben. „Wie Urlaubsfotos habe ich Fotos von Türen, Fassaden und Cafés rumgeschickt”, erzählt sie. Nach ein paar Monaten kam ihr die Idee, dass ihre Bilder und Entdeckungen vielleicht nicht nur ihre Freunde, sondern auch andere interessieren könnten. „Da dachte ich mir, mach einfach mal einen Insta-Kanal auf. Ich wollte mich sowieso mal in social media ausprobieren.” Ihre Überlegung: Lüneburg durch die Augen von jemandem zu zeigen, der alles zum ersten Mal sieht.

Erstes Foto vom Stint

Noch gut erinnert sich Anna an das erste Foto, das sie im Februar 2019 auf ihrem Instagram-Kanal „what’s lüneburg” postete: ein Bild vom verlassenen Stint im Winter. „Mein Freund erzählte mir, hier ist es im Sommer total voll – das konnte ich mir zu der Zeit noch gar nicht vorstellen.” Von Anfang an war es ihr wichtig, unterwegs nicht zu viel zu inszenieren und ihre Freizeit nicht von dem Blog bestimmen zu lassen. Die Fotos von ihr lässt sie spontan ihren Freund oder Freunde machen – oder bittet kurz Passanten darum. „Ich will es möglichst so wahrnehmen, wie es ist. Ich gehe los, weil ich auf den Markt will und hinterher einen Kaffee trinken möchte. Dann gucke ich, was mir so über den Weg läuft”, erklärt die Bloggerin. Ihre ersten Follower kannte sie nicht, inzwischen hat sie mehr als 5.900 Abonnenten. Im Sommer 2019 begann Anna, auf ihrem Instagram-Kanal auch Veranstaltungstipps für Lüneburg und Umgebung zu posten. Weil verschiedene Veranstaltungsorte und Cafés ihre Posts teilten, gelangten schließlich immer mehr Leute auf ihren Blog, so dass ihre Zahl der Follower stetig anstieg. „Mit dem Start der Veranstaltungstipps wurde es definitiv mehr”, sagt sie. Es ist ihr wichtig, über das, was sie sieht, erlebt, isst oder trinkt, eine ehrliche Meinung abzugeben. Inzwischen kommt es vor, dass Cafébetreiber oder andere Unternehmer sie darum bitten, auf ihrem Blog ein Urteil über sie abzugeben. Manchmal kommt es dann zu einer Kooperation, die sie als Werbung markieren muss. Verbiegen will sie sich jedoch nicht: „Ich sage meine echte Meinung. Bei einer negativen Erfahrung lasse ich es lieber, etwas vorzustellen.” Auch von ihren Followern erhält sie regelmäßig Vorschläge, welche Cafés, Restaurants oder auch Ausflugsziele sie besuchen sollte. Die meisten von ihnen sind 20 bis 30 Jahre alt, weiß sie aus der Auswertung ihres Instagram-Kanals. Auf die Kommentare ihrer Abonnenten reagiert sie. „Das macht den Charakter und Mehrwert von social media aus – und dass man eine Community ist”, erklärt sie. Von ihren Followern erfährt sie viel Wertschätzung und selten Kritik. Hauptberuflich arbeitet Anna Böhme als Social-Media-Managerin in einem großen Konzern. Die Pflege ihres Blogs „what’s lüneburg” sieht sie als Hobby. „Ich arbeite ja in Vollzeit, das hat Vorrang”, so die 27-Jährige, „aber ich sehe den Blog für mich als Verpflichtung. Das ist mein großes Glück, dass ich alles auf meinem privaten Kanal ausprobieren kann.” Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass man schnell nicht mehr in den sozialen Medien wahrgenommen wird, wenn man nicht regelmäßig etwas von sich gibt. So nutzte sie die drei Wochen,

die sie wegen ihrer Hochzeit nicht vor Ort war, mit einer kreativen Idee: Sie rief die „Community-Wochen” ins Leben und forderte ihre Follower auf, ihr Lüneburg-Fotos zu schicken, die sie auf ihrem Kanal veröffentlichte.

Momentaufnahmen des Erlebten

Anna ist nicht nur zu Fuß in der Stadt Lüneburg unterwegs, es geht auch mit dem Rad raus in die Natur, mit dem Kanu auf die Ilmenau oder mit dem Auto in den Wildpark. Im Sommer war sie auf dem Feld Erdbeeren pflücken. „Dadurch, dass ich noch nicht lange hier bin, ist für mich alles neu”, sagt sie. Wie alle anderen Zugezogenen googelt sie auch einfach Ausflugsziele, wenn sie am Wochenende noch nichts vor hat. Ihre Ausflüge haben immer das Ziel, dass sie etwas Neues kennenlernt. „Ich fahre nicht primär hin, um zu berichten, sondern es ist einfach ein Ausflug”, erklärt Anna, „zu zweit oder mehreren findet es niemand schön, wenn man die ganze Zeit Fotos macht.” Sie legt Wert darauf, ihre Ausflüge nicht von ihrem Blog dominieren zu lassen. Um ihre Begleitung nicht zu nerven, arrangiert sie nicht lange ihre Fotos, sondern lässt ihre Community einfach durch Momentaufnahmen an ihren Erlebnissen teilhaben. „Es gibt ja auch noch analoges Leben”, betont sie. Dennoch hat sie mit ihrem Instagram-Kanal jemanden angesteckt: Ihr Mann hat das Bloggen ebenfalls für sich entdeckt und einen eigenen Instagram-Kanal zum Thema Dart aufgemacht. Zwar hat Anna von ihrer Hochzeit ein paar Fotos auf „what’s lüneburg” gepostet, doch viel Persönliches gibt sie auf ihrem öffentlichen Kanal nicht von sich preis – dafür hat sie auch noch einen privaten Account. Ihr Gesicht hat sich den Followern aber schon eingeprägt, denn es kam schon vor, dass sie in der Stadt auf ihren Blog angesprochen wurde. „Gerade sowas würde in einer größeren Stadt nicht vorkommen”, ist sie sich sicher. Anna Böhmes Lieblingsplatz in Lüneburg ist eher ein „Lieblingsweg”: Sie liebt es, von der Bleckeder Landstraße über die Lünertorstraße in die Altstadt zu gehen. „Mit dem Blick auf das Wasserviertel und die alten Häuser ist es so wie im Urlaub, wenn man abends noch mal rausgeht”, schwärmt sie. Auch das Kennenlernen von neuen Leuten empfindet sie in Lüneburg als so einfach wie in keiner anderen Stadt. Auch Annas Arbeitsplatz war von der Corona-Pandemie betroffen: Fünf Monate arbeitete sie im Homeoffice. Seit September pendelt sie nun wieder nach Hamburg, ihre Ausflüge beschränken sich auf das Wochenende. Um etwa alle zwei Tage etwas auf ihrem Instagram-Kanal zu pos-ten, greift sie auch auf Bilder zurück, die sie für später archiviert hat. Schließlich erlebt sie nicht alle zwei Tage etwas Neues, sieht aber dafür manchmal viele neue und tolle Dinge an einem Tag. Hin und wieder sucht sie einen neuen Blickwinkel auf die Stadt, nimmt mal eine Seitenstraße – doch nicht immer ist ein schönes Fotomotiv dabei. Der modernen Technik sei Dank, dass sie alle Fotos spontan mit ihrem Smartphone machen kann und nicht auf aufwendiges Kamera-Equipment angewiesen ist. Das Fotografieren aus besonderen Blickwinkeln hat sie sich selbst beigebracht, probiert aus, wie ein Haus aus verschiedenen Perspektiven aussieht. „Das hat sich durch Learning by Doing entwickelt”, erklärt sie. Inzwischen weiß sie, mit welchen Motiven sie bei ihrer Community besonders gut landen kann: „Die Klassiker wie das Rathaus, der Wasserturm und der Stint kommen sehr gut an – aber auch Sonnenuntergänge und Eisessen.”

Für Neulinge und Alteingesessene

Nicht nur ihr Mann hat durch sie viel Neues in „seiner” Stadt kennengelernt. Auch von ihren Abonnenten erhält Anna viele Rückmeldungen darauf. Dabei kommt es sowohl vor, dass sich Neu-Lüneburger bei ihr bedanken, was sie durch Anna in der Stadt kennengelernt haben – als auch Alteingesessene. „Ich kenne das selbst aus Hannover – die wenigsten gucken bei Tripadvisor, was es in ihrer eigenen Stadt zu sehen gibt”, meint sie. Ihr Blog richtet sich eher an Menschen, die in Lüneburg leben, als an Touristen – wobei diese sicher auch ihren Nutzen daraus ziehen können. Anna liebt es, bei „what’s lüneburg” ihr eigener Boss zu sein und nur den eigenen Anforderungen gerecht werden zu müssen. Ihr Kanal wird hauptsächlich mit Fotos bestückt, in den Storys auch mit kleinen Videos. Wenn sie noch mehr zu sagen hat, tut sie das auf ihrer Webseite – sozusagen der Verlängerung ihres Instagram-Kanals. Auch bei Facebook ist sie vertreten, jedoch hauptsächlich, um auf ihren Hauptkanal auf Instagram zu verweisen. Die Interaktion mit ihren Followern gelingt Anna Böhme immer wieder, indem sie sie um Tipps oder ihre Meinung zu etwas bittet. Verselbstständigt hat sich auf ihrem Kanal die Sammlung von „lünedings”: Da auffällig viele Läden, Firmen und Marken das Wort „Lüne” in ihrem Namen tragen, forderte sie ihre Community auf, ihr Fundstücke damit zuzusenden. Die Liste ist inzwischen ellenlang und wächst von Woche zu Woche weiter. (JVE)

Bei „Rote Rosen“ ist die Welt noch in Ordnung

Marcus Rinn ist für Requisiten und Ausstattung am Set der ARD-Telenovela verantwortlich

Markus Rinn guckt die ARD-Erfolgs-Telenovela „Rote Rosen” mit anderen Augen als die Fans der Serie. Sein Augenmerk liegt darauf, dass Personen und Szenenbild zusammenpassen. Der 50-Jährige ist zuständig für die Ausstattung der Serie – vom Kugelschreiber über das Sofa bis zur Blumenvase. Seit rund 20 Jahren arbeitet Marcus Rinn für den Film, seit 2006 für „Rote Rosen”, das täglich in der Studio Hamburg Serienwerft Lüneburg gedreht wird. Als Szenenbildner bestimmt er die Stimmung eines Sets. „Ich bin verantwortlich für alles, was man sieht – außer Kleidung und Menschen”, so Rinn. Studiert hat der Hamburger Architektur, doch ihm war früh klar, dass der Beruf nichts für ihn ist. „Häuslebauer ist nicht meins – es gibt zu viele Einschränkungen, man ist nicht frei. Und die Stimmung auf dem Bau ist angespannt”, meint er. „Das war nicht das, womit ich mein Leben verbringen wollte.” Seine Eltern, ein Schauspieler und eine Modedesignerin, hatten sich am Theater kennengelernt, und schon als kleines Kind war Marcus Rinn an Filmsets dabei. Kreativität wurde ihm durch seine Eltern in die Wiege gelegt. Nach Jahren im Projektmanagement in der Musik- und Filmbranche landete er schließlich durch sein Studium bei der Filmarchitektur und dem Szenenbild-Design. Zu den „Roten Rosen” kam Marcus Rinn durch einen Anruf von der Produktion. „Die große weite Welt des Films ist gar nicht so groß”, meint er. „Ich hatte schon größere Studiobauten für Serien wie Alphateam oder Das Geheimnis meines Vaters im Atelier bei Studio Hamburg gemacht.” Die Arbeit für tägliche Serien war ihm vertraut, und so zögerte er nicht, den angebotenen Job bei „Rote Rosen” in Lüneburg anzunehmen.

Neue Staffel – neue Figuren

„Rote Rosen” ist in Staffeln unterteilt, die je zehn Monate laufen. Gerade wurde die 17. Staffel und damit die 3200. Folge abgedreht, und das Drehteam hatte zwei Wochen drehfrei. Bald beginnen die Dreharbeiten für die 18. Staffel. „Es geht in der Regel um eine Frau und zwei Männer, und am Ende sind es eine Frau und ein Mann. Wenn eine Geschichte zu Ende erzählt ist, kommt eine neue, und mit ihr einige neue Figuren”, erzählt Marcus Rinn. Die Zeit zwischen zwei Staffeln ist für ihn die arbeitsreichste, denn dann ist es seine Aufgabe, rund um die neuen Personen, zu denen er eine komplette, mehrere Seiten umfassende Beschreibung von Lebenslauf, Beruf, Privatleben, Stärken und Schwächen erhält, neue Zimmer inklusive Ausstattung zu bauen. Während der Drehpause wird ein Großteil der Studios umgebaut, aber auch während der laufenden Staffeln. Marcus Rinn leitet die Ausstattungsabteilung, die aus den Teams „Dreh” und „Umbau” besteht. Das Entwerfen eines neuen Sets dauert am Computer nur ein bis zwei Tage, dann geht es an die Umsetzung. Entworfen werden müssen Baupläne, Elektropläne, Ablaufpläne. „Außerdem werden ein paar hundert Gegenstände festgelegt und besorgt”, erklärt Marcus Rinn. Ausgediente Möbel werden an ein Sozialkaufhaus gespendet. Bei den Fantagen, die dieses Jahr coronabedingt ausfallen mussten, werden gewöhnlich auch Requisiten versteigert. Die neue Ausstattung für neue Figuren wird oft gebraucht angeschafft. „Sie muss nicht neu sein, sie sollte ruhig Patina haben. Wir sind wie jeder auch Trüffelschweine und suchen im Internet”, so Rinn. „Vier Leute schwärmen dann aus und versuchen, viel in der Region zu kriegen, fahren aber auch bis nach Süddeutschland.” Durch die Figurenbeschreibung, die Rinn und sein Team bekommen, gibt es Einblick in das Vorleben der Person, und es gilt, die Einrichtung darauf zuzuschneiden. „Man benötigt ein bildhaftes Vorstellungsvermögen und Einfühlungsvermögen”, meint der Szenenbildner. „Die wenigsten haben einen ganz geraden Lebensweg, und für uns sind Brüche dankbar.” Die Einrichtung und Ausstattung der Filmsets haben nichts mit Marcus Rinns eigenem Geschmack zu tun. „Es muss zur Figur passen.” Bei Figuren, die schon lange zu „Rote Rosen” gehören, wird die Ausstattung auch mal verändert, „jeder macht eine Entwicklung durch und verändert sich.” Pro Woche werden 150 Bilder gedreht, und in jedem Bild befinden sich Requisiten. „In der Woche sind 600 bis 800 Requisiten im Einsatz”, weiß er. Eigene Markennamen

Marcus Rinn und sein Team arbeiten im Auftrag der Redaktion, die auch Geldgeber ist. Der 50-Jährige hat großen Respekt vor dem Ensemble, das bei den täglichen Drehs viel leisten muss. „Man ist immer unter Zeitdruck. Ab 8:30 Uhr wird gedreht, und dann acht Stunden lang. Jeden Tag werden 48 Minuten produziert”, erklärt er. „Für einen Fernsehfilm werden normalerweise vier Minuten am Tag produziert. Wir drehen also im Prinzip hier zweieinhalb Spielfilme in der Woche.” Damit auch während des Drehs alle Requisiten an ihrem Ort sind und nichts fehlt, ist das Team der Set-Requisite immer am Set dabei. Zu Pannen kommt es dabei höchst selten: „Wir haben ein zuverlässiges Team”, so Rinn. Marcus Rinn guckt selbst mindestens eine bis drei Folgen „Rote Rosen” pro Woche im Fernsehen an: „Ich gucke berufsbedingt bei den Rosen immer mit einem Auge, wie es funktioniert, ich lasse mich aber auch auf die Geschichte ein.” Markennamen dürfen bei der Telenovela im Bild nie gezeigt werden. „Rote Rosen läuft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das gebührenfinanziert ist. Product Placement gibt es hier gar nicht, das hat was mit Neutralität und Werbefreiheit zu tun. Das Grundkonzept finde ich total gut”, so Rinn. Zeitungen oder Etiketten für Konsumgüter entwirft eine Grafikerin eigens für die Serie, die Bilder an den Zimmerwänden werden entweder rechtefrei eingekauft oder selber gemacht. Eine eigene Lebensmittelmarke, die nur bei „Rote Rosen” vorkommt, ist „Bio Mertens”. Und wer genau hinschaut, sieht auch in der Küche von Alex, dass alle Weinetiketten extra für die Serie designt wurden. Am Filmset gibt es sowohl echte als auch unechte Lebensmittel und Blumen. „Blumen sind echt, wenn ein Schauspieler sie in die Hand nimmt. Die Lebensmittel sind auch echt, aber nicht in einer Dauereinrichtung wie im Käseladen”, erklärt der Szenenbildner. Während geschlossene Verpackungen weiter verwendet werden dürften, müssen geöffnete Lebensmittel zu Rinns Bedauern entsorgt werden – das ist Vorschrift.

Zuschauerfragen nach Requisiten

Ungefähr 40 Zimmer gibt es insgesamt in den „Rote Rosen”-Studios in Lüneburg. Etwa die Hälfte wird bei einem Staffelwechsel umgebaut, wofür rund acht Wochen eingeplant sind. Gedreht wird mit einem Vorlauf von zirka acht Wochen, was auch mal knapp werden kann: Die Coronakrise führte nicht nur zu einer sechswöchigen Drehpause und umfangreichen Umbaumaßnahmen im Studio, sondern auch dazu, dass „Rote Rosen” nie durch Sportveranstaltungen oder andere Events, die im Fernsehen übertragen werden, ausfällt. Produziert wird immer nah am Sendetermin, damit bei Außendrehs die Jahreszeit mit der der Sendezeit übereinstimmt. Auch wenn die Corona-Pandemie zurzeit das Weltgeschehen dominiert, findet sie in der Geschichte der „Roten Rosen” nicht statt. „Bei den Roten Rosen ist die Welt noch in Ordnung. Wir erzählen ja letztendlich auch ein Märchen, und das wollen wir uns auch bewahren”, meint der Szenenbildner. Nicht nur hinter, auch vor der Kamera halten sich alle strikt an die Corona-Vorschriften, was eine gewisse Kreativität erfordert und zwangsläufig zu Veränderungen führt. „Es ist alles eine Frage der Kameraeinstellung und Inszenierung. Zum Beispiel mussten Kuschel-szenen geändert werden. Liebesszenen werden weniger direkt gezeigt, mehr poetisch.” Der Charakter der Serie verändere sich für den Zuschauer durch die Corona-Bedingungen aber nicht. „Die Erzählweise wird anders, aber ich glaube, dass das nicht so auffällt.” Eine direkte Rückmeldung auf seine Arbeit erhält Marcus Rinn von den Fans gewöhnlich nicht. Allerdings gibt es viele Anfragen von Zuschauern nach Dingen aus dem Set. „Wir beantworten jede Mail, woher die Requisiten kommen. Das gehört zum Zuschauerservice”, sagt Rinn. Die Fans interessierten sich für vieles – von der Babybettwäsche über Kerzenständer bis hin zur Keksdose. „Ein Klassiker ist Johannas Teetasse, aber die gibt es nicht mehr. Alles, was von Johanna kommt, ist gefragt.” Es gebe auch Listen darüber, welches Requisit von wo stamme.

Schauspieler muss sich wohlfühlen

Jeder Raum in den „Rote Rosen”-Studios hat seinen eigenen Charakter. „Wenn er gut geworden ist und man sieht den Schauspieler darin agieren und er fühlt sich wohl, dann haben wir alles richtig gemacht – das ist ein gutes Gefühl”, resümiert Rinn. Zu seinen persönlichen Favoriten gehören das Zimmer von Gregor und Carla – und besonders der Salzmarkt. „Das ist mein Baby und ein Unikum.” Damit über die Monate und teilweise Jahre nichts in den Räumen einstaubt, gibt es eine Reinigungskraft, die nur für die Sets zuständig ist. Sie muss auch stets Acht geben, dass Dinge nicht umgestellt werden. Bei der Suche nach passenden Requisiten sind Marcus Rinn und sein Team immer auf Glücksfunde angewiesen. Und manchmal erweisen sich besonders die Dinge als schwierig zu beschaffen, von denen man es am wenigsten erwartet hätte. „Da muss man ein Gefühl für haben, was man braucht. Es gibt keine Grundregel, sondern man braucht viel Erfahrung”, betont der Ausstattungsleiter. Selten passiere es auch, dass am Set ein Requisit kaputt gehe: „Dann besorgen wir es schnell nach.” (JVE)

 

 

 

Im Einsatz für den Kaiser

Holger Böttcher arbeitet ehrenamtlich für den
Lauenburger Raddampfer Kaiser Wilhelm

 

Holger Böttcher hat von klein auf ein besonderes Verhältnis zum historischen Raddampfer Kaiser Wilhelm. Der Lauenburger arbeitet ehrenamtlich als Zahlmeister auf dem Museumsschiff. In Lauenburg aufgewachsen und mit einem ständigen Blick auf den Schornstein des Raddampfers, soll „Mein Kaiser Wilhelm” zu den ersten Worten gehört haben, die Böttcher als Kind von sich gab. Für den 50-Jährigen gehörte das Schiff, das in diesem Jahr ebenfalls 50 Jahre in Lauenburg beheimatet ist, immer zu seinem Leben. Seine erste Erinnerung: Als Schüler sollte er im Werkunterricht ein Fahrzeug mit Gummiantrieb bauen. „Da dachte ich mir, ich baue den Kaiser Wilhelm nach”, erinnert sich Böttcher. Das Ergebnis aus Styropor kam so gut an, dass es in Serie gehen sollte: Böttchers Vater hatte Kontakt zum „Vater” des Kaiser Wilhelm, Dr. Ernst Schmidt, und berichtete diesem von seinem Sohn und seinen Werken. Der 13-Jährige erhielt die Erlaubnis, seine Styropormodelle bei der Abfahrt des Raddampfers in Lauenburg an die Fahrgäste zu verkaufen. Zwei, drei Jahre waren Böttchers Modelle ein Verkaufsschlager – dann wollte der Jugendliche mehr. „Das hat mir irgendwann nicht mehr gereicht, ich wollte auf dem Schiff mithelfen”, erzählt er. Als Decksjunge begann Holger Böttcher schließlich seine Karriere auf dem Kaiser Wilhelm. „Ich habe Messing geputzt, Mülleimer geleert und Spinnweben entfernt. Außerdem saß ich als stellvertretender Zahlmeister mit in der Zahlmeisterei”, berichtet der 50-Jährige. „Ich habe vieles durch Learning by doing gelernt.” Zehn Jahre war er in seiner Jugend auf den Fahrten des Raddampfers dabei. „Disco und Frauen waren mir damals gleichgültig.” 1995 war ein Punkt erreicht, als es Böttcher genug war. „Aber den Kaiser habe ich nie aus den Augen verloren.” Erst Jahre später, im Jahr 2013, sollte Holger Böttcher wieder auf dem Kaiser Wilhelm anheuern. „Das Schiff war nicht mehr im optimalen Zustand, und die damalige Crew hatte aufgehört”, so Böttcher. Ein Jahr zuvor waren das Schiff und der dazugehörige Verein zur Förderung des Lauenburger Elbschifffahrtsmuseums führungslos geworden. Der neue Vorsitzende und Kapitän wurde der Lauenburger Reeder Markus Reich. Bei einem Treffen der beiden fragte Reich ihn, ob er nicht wieder auf dem Kaiser Wilhelm anheuern wolle. „Ich habe eine Nacht überlegt, es war wirklich eine Herzenssache”, so Böttcher.

Gebaut für die Oberweser

Vier Jahre lang war Holger Böttcher ab 2013 ehrenamtlicher Geschäftsführer des Fördervereins, außerdem einige Jahre als Mitarbeiter der Stadt Lauenburg Museumsmanager des Elbschifffahrtsmuseums. Heute ist er als „Zahlmeister” für die Erstellung der Fahrpläne, Organisation von Sonderfahrten und das Abkassieren der Fahrgelder an Bord zuständig. Auch den Internet- und Facebook-Auftritt des Schiffes pflegt er. Die erste große Tour, die der Zahlmeister von vorne bis hinten planen sollte, war eine Sonderfahrt mit dem Raddampfer nach Dresden, wo er im Jahr 1900 gebaut worden war. 2015 fand die Fahrt, die für Böttcher mit einem riesigen Organisationsaufwand verbunden war, schließlich statt. „In ein bis anderthalb Jahren habe ich gelernt, wie man sowas organisiert”, berichtet er. Dazu gehören unter anderem die Berechnung der Etappen und die Zusammenarbeit mit Reiseunternehmen, die sich um Gepäck und Unterkünfte an Land kümmern. 2017 war das Schiff dann zum ersten Mal in Berlin. Gebaut wurde der Raddampfer Kaiser Wilhelm ursprünglich für die Oberweser-Dampfschifffahrt. Das 1910 noch einmal verlängerte Schiff hat seitdem eine Länge von gut 57 Metern und kann maximal 270 Fahrgäste transportieren. Es hat eine gemächliche Reisegeschwindigkeit von maximal 14,5 Stundenkilometern. Von 1900 bis 1970 war das Schiff ausschließlich im Liniendienst auf der Weser, bis es schließlich verschrottet werden sollte. „Dr. Ernst Schmidt ergriff die Initiative und sagte 1970: Ich hole das Schiff als Eins-zu-eins-Modell für unser Museum”, erzählt Böttcher. Wie viel Geld der Lauenburger Verein für das Schiff damals zahlte, ist unbekannt. Schmidt und seine Crew überführten das Schiff im Oktober 1970 schließlich über den Mittellandkanal, Magdeburg und die damalige DDR nach Lauenburg, wo es inzwischen zu einem Wahrzeichen geworden ist. „Seit 20, 30 Jahren finden es die Leute an der Weser schade, dass das Schiff nach Lauenburg verkauft wurde”, sagt Böttcher. „Es ist heute noch sehr beliebt an der Weser. Die Leute kommen extra von da, um sich das Schiff hier anzusehen.” Als er im vergangenen Jahr an der Oberweser zu Besuch war, war er fasziniert, wie herzlich die Leute auf ihn in seiner Kaiser-Wilhelm-Jacke reagierten und wie oft er angesprochen wurde.

Doppeljubiläum im Jahr 2020

Lauenburg kann stolz sein auf das Museums-Exponat in Originalgröße. Mit der Aufnahme der historischen Elbfahrten des Kaiser Wilhelm von Lauenburg aus wurde die erste deutsche Museumsdampferlinie begonnen. Das Schiff ist einer von weltweit nur fünf Raddampfern, die noch mit Kohle befeuert werden. „In seiner Lebenszeit hat er jetzt den dritten Dampfkessel, aber die Maschine ist weitestgehend im Originalzustand”, so Böttcher. Rund 1,5 Millionen Euro wurden gerade in Dampfkessel, Heck und Rudermaschine investiert. Dazu gab es 950.000 Euro Fördermittel vom Bund, den Rest muss der Verein selbst tragen. In diesem Jahr feiert der Raddampfer ein Doppeljubiläum: Zum einen ist er seit genau 50 Jahren in Lauenburg heimisch, zum anderen ist er genau 120 Jahre alt. „120 Jahre lang ist das Schiff jedes Jahr gefahren, selbst in Kriegszeiten. Es hat immer alles funktioniert”, so Böttcher. Das Doppeljubiläum sollte 2020 der Anlass sein für eine besondere Fahrt zur Weser, wo es einst im Einsatz war. Am 17. Juli sollte es in Lauenburg losgehen zu einer 17-tägigen Tour mit zahlreichen Zu- und Ausstiegen und Übernachtungen an Land. „Wir hatten über 3.000 Anmeldungen”, erklärt Holger Böttcher, der die gesamte Reise organisiert hat – und alles wegen der Corona-Pandemie wieder stornieren musste. „Mir persönlich war das relativ früh klar, dass die Reise ausfallen muss”, so Böttcher. Um den Sohn des letzten Weser-Kapitäns Adolf Kruse, Jan, als Lotsen mitnehmen zu können, musste die Weserfahrt nun um ganze zwei Jahre verschoben werden. Holger Böttcher freut sich, dass viele Gäste, die die Reise gebucht hatten, ihre Buchung aufrecht erhalten. „Es ist etwas sehr Emotionales, wieder an die Weser zu fahren”, meint er. 25 bis 30 Ehrenamtliche waren als Besatzung für die Weser-Reise eingeplant. Fährt das Schiff nach Plan von Lauenburg nach Bleckede oder Hitzacker, sind in der Regel 15 Ehrenamtliche an Bord. Der Verein ist auf die Mitwirkung von Ehrenamtlichen angewiesen und kann immer Hilfe gebrauchen. „Man muss da nichts gelernt haben, nur bereit sein, von anderen Rat anzunehmen”, erklärt der Zahlmeister. Zwar verfüge der Verein über rund 350 Mitglieder, doch die wenigsten würden vor Ort leben und könnten in irgendeiner Form mithelfen.

Schwimmendes Museum

Auch für Holger Böttcher, der hauptberuflich als Kaufmännischer Angestellter arbeitet, geht für sein Ehrenamt viel Freizeit drauf. „Ich bin jeden Tag mit dem Schiff beschäftigt. Ich habe auch schon am ersten Weihnachtstag einen Anruf bekommen von jemandem, der das Schiff chartern wollte.” Über „das Schiff” hat Böttcher vor einigen Jahren auch seine Lebensgefährtin Magret kennengelernt, die als Schatzmeisterin für den Verein tätig ist und auch Dienste an Bord übernimmt. Magret lebt in Hohnstorf auf der anderen Elbseite und ist mit dem Anblick des Raddampfers vor Lauenburg ebenfalls aufgewachsen. Der Raddampfer Kaiser Wilhelm ist gewöhnlich jedes Jahr von April bis Anfang Oktober an 12 bis 13 Wochenenden unterwegs, von Lauenburg nach Bleckede, Hitzacker oder Hamburg – oder als Mottofahrt mit Musik. Pro Saison werden rund 5.000 bis 6.000 Fahrgäste befördert. „Wir sind zum Glück nicht immer ausgebucht”, so Böttcher, „das würde die Besatzung nicht immer schaffen.” So seien samstags und sonntags immer 250 bis 270 Fahrgäste an Bord, 200 seien aber angenehmer. Der Raddampfer ist eine Art „schwimmendes Museum”: Wer Interesse hat, kann während der Fahrt auch einen Blick in den Maschinen- und Kesselraum werfen. Auch Deutschlands einzige Schiffs-Poststelle befindet sich seit 2006 an Bord. 2016 war ein Fernsehteam des NDR an Bord des Kaiser Wilhelm, um eine Fahrt mit dem Raddampfer von Lauenburg nach Hamburg in Echtzeit aufzunehmen. Diese wurde Pfingsten 2017 unter dem Titel „Die Elbe. Ganz in Ruhe” ausgestrahlt – fünf Stunden lang. „Danach konnten wir uns bei Hamburg-Fahrten vor Fahrgästen nicht mehr retten”, berichtet Holger Böttcher. Grundsätzlich empfiehlt er, sich für alle Fahrten rechtzeitig anzumelden.

Zu schmal für Mindestabstand

Die Corona-Pandemie macht dem Fahrplan des Kaiser Wilhelm zurzeit noch einen Strich durch die Rechnung. „Das Schiff ist 4,50 Meter breit, da ist das mit dem Mindestabstand ganz schwer“, meint Holger Böttcher. Aus Denkmalschutzgründen sei das Aufstellen von Plexiglasscheiben nicht erlaubt, zudem gebe es Probleme mit dem Durchfahren verschiedener Länder und Landkreise, da überall unterschiedliche Bestimmungen gelten würden. „Ich hoffe, dass wir im August wieder anfangen können, aber dann bestimmt mit einem anderen Fahrplan. Wir wissen noch nicht, was wir dürfen”, erklärt er. Auch der Förderverein des Lauenburger Elbschifffahrtsmuseums kann in Krisenzeiten jeden Cent gebrauchen, denn Fixkosten wie Versicherungen und Miete fallen natürlich trotzdem an. Der Raddampfer liegt zurzeit noch in der Hitzler-Werft in Lauenburg und wäre nicht sofort fahrbereit. Holger Böttcher weiß aus Erzählungen viel über das Schiff und ist der Einzige der heute noch Aktiven, der Dr. Ernst Schmidt persönlich kannte. Er kann sich momentan nicht vorstellen, seinen Einsatz für den Raddampfer irgendwann aufzugeben, zu groß ist die emotionale Bindung: „Es gibt Momente, wo ich sage, ich höre auf. Aber es gibt noch einige Ideen für Projekte. Ich will in fünf Jahren noch den 125. feiern und noch eine größere Reise machen. Es macht verdammt viel Arbeit und verdammt viel Spaß, eine Dampferfahrt wie 1900 für die Nachwelt aufrecht zu erhalten.” (JVE)

Wenn die Kirmes stillsteht

Die Adendorfer Schaustellerfamilie Voß bangt um ihre Zukunft

Familie Voß ist in dieser Jahreszeit normalerweise nicht zu Hause. Für die Schausteller wäre jetzt Hochsaison. Doch wegen der Corona-Pandemie können sie bis mindestens Anfang September nicht arbeiten. „Ich bin so durcheinander, dass ich nicht einmal weiß, wo wir jetzt gerade wären”, so Paul Voß. Mitte März wäre für die Schaustellerfamilie die Saison losgegangen, dann wären sie mit ihren Lastwagen mitsamt Greifer-Automaten nach Hamburg gefahren, um ihr Geschäft für den Hamburger Frühlingsdom aufzubauen, der am 27. März beginnen sollte. Doch dann kam das Coronavirus, und alles wurde anders. „Als wir vom Verband gehört haben, dass der Frühlingsdom ausfällt, ist für uns schon eine Welt zusammengebrochen”, erzählt Peggy Voß. „Wir hatten gehofft, den Dom mit besonderen Hygienemaßnahmen noch hinzubekommen.” Schon während der ausgefallenen 31 Spieltage des Doms hofften die Schausteller, ihre Saison nur etwas verspätet beginnen zu können. „Wir hatten das Thema jeden Tag im Kopf, hofften auf Mai, auf kleine Veranstaltungen” so Paul Voß. Dass Mitte April von Bund und Ländern alle Großveranstaltungen bis zum 31. August untersagt wurden, ist für die Schausteller eine Katas-trophe. Familie Voß arbeitet in der Regel von März bis Weihnachten, je nach Fest mit Greifer-Automaten, Crepesstand oder Schwenkgrill. Auf dem Weihnachtsmarkt in Lüneburg fällt am 23. Dezember gewöhnlich die letzte Klappe. Doch durch das Verbot fällt nun mindestens mehr als die Hälfte ihres Jahreseinkommens weg. Die Zeit der Coronakrise bedeutet für sie eine Achterbahn der Gefühle. „Einen Tag ist man optimistisch, und den nächsten will man manchmal gar nicht aufstehen”, so Peggy Voß. Sie hofft auf Lockerungen zum September, damit sie irgendwie durch den Winter kommen. „Das Oktoberfest in Lüneburg wäre das erste für uns. Aber wir wissen noch nicht, wie die Leute dann weggehen und Geld ausgeben, sie müssen sich ja erst daran gewöhnen”, meint Paul Voß. Die Familie hat Verständnis für die Absagen der Großveranstaltungen. „Gesundheit geht natürlich vor. Aber kleinere Veranstaltungen wie Schützenfeste oder Dorffeste wären vielleicht gegangen”, meint Peggy Voß, „für die Gastronomie gibt es ja auch Regelungen.” Ihr und ihrem Mann fällt es zunehmend schwer zu verstehen, dass sie ihre Arbeit komplett einstellen müssen. „Das Verständnis hört langsam auf”, sagt sie.

Viel Zeit zu viert

Nicht nur Paul und Peggy Voß (beide 42) wohnen zurzeit dauerhaft in ihrem Wohnwagen auf dem Betriebsgrundstück im Gewerbegebiet in Adendorf, auch ihre Kinder Henry (14) und Helene (12), die die Schule am Katzenberg besuchen, sind seit Mitte März zu Hause. Für die vierköpfige Familie heißt das: Hausaufgaben auf engem Raum, Arbeiten auf dem Gelände und ungewöhnlich viel Zeit zu viert. „Meine Frau managet jetzt alles mit der Schule, denn die Kinder haben tausend Fragen”, so Paul Voß. Auf dem Plan stehen nun plötzlich Radtouren, Sport und Grillen mit der Familie. „Für uns als Familie ist das natürlich schön, wir kommen ja sonst nicht dazu”, sagt der Familienvater. „Ich kann mich auch schon mal in Ruhe hinsetzen, aber sobald die Sonne scheint, denken wir: Heute hätten wir schön Geld verdienen können. Wenn man bedenkt, wie der April war und wir waren zu Hause, dann brennt einem das Herz.”

Stillstand kennt die Schaustellerfamilie nicht. Die Eltern und ihre Kinder nutzen die Zeit, um ihren Crepesstand auf Vordermann zu bringen, der gewöhnlich in der Winterzeit auf Märkten ebenso zum Einsatz kommt wie ihr markanter Schwenkgrill mit Weihnachtspyramide. Renovierungsarbeiten laufen normalerweise nebenher, während das Geschäft an anderer Stelle brummt – nun kann die ganze Familie mit anpacken. Ein Aspekt, den Paul Voß durchaus auch positiv bewertet. „Vor allem unser Sohn weiß manchmal gar nicht, was es bedeutet, Schausteller zu sein. Die Kinder sind ja sonst in der Schule, und wir haben Personal, das uns hilft, an den Hütten was zu machen. Durch diese Zeit hat gerade unser Sohn sehr viel gelernt, was Werkzeug und Material angeht”, erklärt er. Ihre Tochter Helene sei da anders, habe schon immer das Geschäft mehr durchblickt. Zwar gab es auch für Familie Voß eine Corona-Soforthilfe für die laufenden Betriebskosten – doch auch diese ist bereits aufgebraucht. Die Familie spart nun, wo sie kann, lebt von kleinen Rücklagen. Noch im vergangenen Jahr hatten sie neue Greifer-Automaten angeschafft, viel Geld inves-tiert. Kredite müssen nun zurückgezahlt werden. Einen Laster wollten sie neu lackieren lassen, hatten über die Vergrößerung ihres Grundstücks nachgedacht, doch das können sie jetzt vergessen. Stattdessen hat Familie Voß mehrere Laster abgemeldet und Versicherungen auf Eis gelegt. Auch auf Reisen, wie sie sie normalerweise im Januar oder Februar machen, um mal zu viert wegzukommen, müssen sie wahrscheinlich in den nächsten Jahren verzichten. Ihren rumänischen Saisonarbeitern mussten sie vorerst absagen – auch diese wissen nun nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Zudem mussten sie bei ihren Lieferanten Bestellungen stornieren, zum Beispiel von Plüschtieren für die Greifer. „Nun haben wir natürlich auch Angst, dass unsere Zulieferer pleite gehen”, so Peggy Voß.

Hoffen auf den Rettungsschirm

In der Krise wird für die Schausteller deutlich, dass die jeweilige Branche entscheidend dafür ist, wie sie jetzt über die Runden kommen. „Wir haben von Kollegen gehört, die ihre Buden an der Tankstelle oder vor dem Supermarkt aufgestellt haben, aber einen Crepes kann man nicht gut mitnehmen, er muss ja warm sein”, so Paul Voß. Ihre Greifer können sie ebenfalls nicht einfach irgendwo aufstellen. Genauso geht es den Karussellbetreibern. Alle Schausteller hoffen nun auf einen Rettungsschirm von der Regierung. Krisen wie diese kannte Familie Voß bisher nicht. „Meine Mutter hat erzählt, selbst im Krieg durfte man seine Buden noch aufbauen”, berichtet Peggy Voß. „Sie hat nicht geglaubt, dass sie mit 80 noch mal Stubenarrest bekommt.” Die Schaustellerkollegen in ihrem Lüneburger Verband stehen im regelmäßigen Kontakt. „Die Stimmung ist überall am Boden”, so Paul Voß. Für das Ehepaar bedeutet der Ausfall der Arbeit nicht nur einen hohen finanziellen Verlust. „Als Schausteller mischen sich das private Leben und die Arbeit, denn das Leben findet ja den ganzen Tag auf dem Fest statt. Uns fehlen auch die ganzen Freunde und Bekannten”, meint Peggy Voß. Sollte es keinen Rettungsschirm für die Schausteller geben, fürchtet Familie Voß um das Aussterben ihres Gewerbes. „Wir reden nicht nur über die Kirmes, sondern über ein großes Stück Kultur”, meint Paul Voß. „Das Karussell ist 400 Jahre alt und muss sich immer weiter drehen”, ergänzt seine Frau. „Das Volksfest ist ein Antidepressivum für die Gesellschaft, und es ist ja auch unsere Berufung, den Leuten Freude zu bringen. Es wäre also auch wichtig für die Gesellschaft, dass es weiter geht, vom Finanziellen ganz abgesehen.”

Als Schausteller geboren

Paul und Peggy Voß stammen beide aus Lüneburger Schaustellerfamilien. Schon ihre Mütter waren Freundinnen, lernten sich im Krankenhaus kennen, als Paul und Peggy geboren wurden. Die beiden kannten sich bereits als Kinder, verloren sich aber aus den Augen, als Pauls Mutter mit ihm nach Kassel zog. Seine Großeltern betrieben ein Karussell und einen Zuckerwattestand. Mit 20 Jahren traf er Peggy auf dem Weihnachtsmarkt in Lüneburg wieder, und sie wurden ein Paar. Auch wenn es heute nicht mehr selbstverständlich ist, übernehmen gewöhnlich die Kinder von Schaustellern den elterlichen Betrieb. „Schausteller ist ja kein Beruf, da wird man reingeboren”, meint Peggy Voß. „Es ist selten, dass man einen anderen Beruf erlernt.” Auch für ihre Kinder ist schon klar, dass sie später Schausteller werden wollen. „Unsere Tochter hat es im Blut, sie ist geborene Schaustellerin und hat das schon total im Blick. Sie ist geprägt durch unseren Beruf.” Paul und Peggy Voß sind „Kirchturmreisende”, das heißt, sie reisen mit ihrem Geschäft in einem relativ kleinen Radius rund um ihr Zuhause. Gearbeitet wird auf Festen in nicht mehr als 80 Kilometern Entfernung, Ausnahmen bilden Paderborn und Cuxhaven. Durch den kleinen Radius sind die Eltern regelmäßig zwischendurch in Adendorf, wohnen dort sogar, wenn die Märkte nah dran sind. Aus diesem Grund können ihre Kinder eine feste Schule vor Ort besuchen und bei Peggys Eltern wohnen, wenn sie nicht da sind.

Noch lange nichts normal

Weil Pauls Mutter nach der Trennung von seinem Vater in einem großen Radius reiste, kam er als Grundschüler in eine Pflegefamilie in Kassel, wo er zehn Jahre lang unter der Woche lebte. Seine Mutter sah er an den Wochenenden, seine Großeltern besuchten ihn oft. Neben der Pflegefamilie war für Schausteller früher auch die Beschulung im Internat eine Alternative, doch beides ist nicht mehr so verbreitet. Peggy, die zunächst in Adendorf zur Schule ging und bei ihrer Großmutter lebte, wenn ihre Eltern unterwegs waren, reis-te nach dem Tod ihrer Oma mit den Eltern mit und besuchte so fünf bis sechs Schulen im Jahr. Doch nicht alle Schulen waren gut, der ständige Wechsel schwierig. Um für mehr Kontinuität im Schulalltag zu sorgen, bildeten die Schaustellerkollegen schließlich Fahrgemeinschaften und brachten ihre Kinder zum Beispiel vom Hamburger Dom jeden Morgen zu ihren Schulen im Landkreis Lüneburg. „Alle Kinder waren im verschiedenen Alter und in verschiedenen Schulen”, erinnert sich Peggy Voß, die ab der 7. Klasse wieder fest in Adendorf zur Schule ging. Auch wenn ihre Kinder ab Juni wahrscheinlich wieder eingeschränkt zur Schule gehen können, wird für Familie Voß noch lange nichts wieder normal sein. „Wir waren die ersten, die eingesperrt wurden und sind die letzten, die freigelassen werden”, meint Paul Voß schmunzelnd. Ihm ist bewusst, dass es hätte schlimmer kommen können: „Wir haben hier trotz allem nichts auszustehen. Wir können viel raus, alle machen viel Sport, und es ist für uns keine Umstellung, immer zusammen zu sein.” (JVE)

Ein Leben für die Schafe

Stefan Erb ist Berufsschäfer am bleckeder Deich

Mit Tieren zu arbeiten und mit ihnen den Tag zu verbringen, hat in diesen unsicheren Zeiten etwas Beruhigendes. Für Stefan Erb aus Bleckede war und ist es schon immer der Lebenstraum, Schäfer zu sein. Deshalb erfüllte er ihn sich schon in jungen Jahren. Stefan Erb, in Gifhorn aufgewachsen, stammt nicht aus einer Schäferfamilie. Dennoch interessierte ihn der Beruf des Schäfers schon zu Schulzeiten so sehr, dass er die Schule dafür abbrach und mit 16 Jahren in die Lehre ging. „Es war wie eine Berufung, es hat mich irgendwie im Kopf magisch angezogen”, erinnert sich der 49-Jährige. Der Traditionsberuf des Schäfers hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. „Wir brauchen unsere Hunde, ziehen zu Fuß übers Land, und auch die Schafhaltung ist so geblieben wie früher. Das macht für mich den besonderen Reiz aus.” In Esbeck bei Hildesheim ging er in die Ausbildung. Als ausgelernter Schäfermeister von gerade einmal 20 Jahren hatte er dann das große Glück, die freie Heisterbusch-Hofstelle in Bleckede zu bekommen. So landete der junge Schäfer am Elbdeich. Für den Start lieh ihm ein alter Schäfer Geld, um erste Schafe zu kaufen – damals 40.000 D-Mark für rund 400 Schafe. Stefan Erb startete als Schäfer allein, später stieg sein alter Freund Klaus Hentschel mit ein, mit dem er eine GbR gründete. Die Ausbildung zum Schäfer ist fast komplett praktisch. Zur Theorie gehören unter anderem Krankheiten und Pflegemaßnahmen der Tiere. Die harten Arbeitsbedingungen eines Schäfers lernt man jedoch schon früh kennen. „Es gibt noch Lehrstellen, aber der Nachwuchs fehlt”, erklärt Stefan Erb. „Die Arbeit ist mit vielen Stunden verbunden, und die Schäfereien stehen heute unter enormem Druck.” Er versteht, wenn sich junge Menschen gegen den Beruf entscheiden: „Es ist schwierig, von Schafen zu leben. Arbeit fällt an sieben Tage die Woche an 365 Tagen im Jahr an, und man hat hohe Lohnkosten. Wenn dann nicht einmal etwas übrig bleibt, ist es schwierig, jemanden dafür zu begeistern.” Auch wenn die Wirtschaftlichkeit regelmäßig auf der Kippe stehe und der Wolf ein massives Problem darstelle, kann sich der 49-Jährige für sich keine andere Arbeit vorstellen und ist weiterhin froh über seine Berufswahl. 

Deich- und Landschaftspflege 

Gebraucht werden Stefan Erbs Schafe in Bleckede vor allem auf den Deichen, um das Gras kurz zu halten, auch die Moorgebiete der Region werden mit ihnen beweidet. „Die Kleinschafhaltung ist immer ein Stück Landschaftspflege”, erklärt er. Während seine Schäferei zu 50 Prozent vom Verkauf des Lammfleisches lebt, finanziert sie sich ansonsten aus Agrarsubventionen. Die Lämmerpreise schwanken stark und hängen von den Importen ab. Nur 40 Prozent des in Deutschland konsumierten Lammfleisches stammten aus Deutschland, erläutert der Schäfer. Der Rest werde aus Großbritannien und Neuseeland eingeführt, was den Preis nach unten drücken könne. Eine Mutterschaftsprämie, die in mehr als 20 EU-Staaten eingeführt wurde, lehnte die deutsche Regierung bisher ab. „Vieles ist immer in der Schwebe.” Stefan Erb schaut auf viele schöne Momente, aber auch schwere Zeiten zurück. Er lebt weiterhin auf seinem Hof am Heisterbusch, wo er mit der Schafhaltung begann. Wegen des alle paar Jahre wiederkehrenden Hochwassers baute er als Schutz für seine Schafe vor zehn Jahren ein paar Kilometer weiter im Ortsteil Garze eine 1.800 Quadratmeter große Halle als Stall. Im Winter ist ein Teil von Stefan Erbs Schafen zur Lammung im Stall, während einige Herden bei Landwirten in der Region auf den Flächen weiden. Zu beweiden gibt es dann Ernterückstände und Zwischenfruchtflächen – eine Gefälligkeit der Landwirte, bevor der Pflegeauftrag auf den Deichen wieder losgeht. Bis dahin besteht der Tag darin, vormittags die Schafe im Stall zu versorgen und nachmittags die Herden draußen. Im Winter werden außerdem die Klauen der Tiere geschnitten. „Jeder hat immer irgendwo was zu tun”, so Stefan Erb. 

Lammzeit Januar bis März 

Die Hauptlammzeit beginnt Mitte Januar, die arbeitsreiche Frühjahrslammung ist Mitte März abgeschlossen. Im März hatte der Schäfer gut tausend Muttertiere, die lammen. Mit vier Monaten werden die Lämmer verkauft, 20 Prozent seiner Lämmer behält Stefan Erb als Nachzucht. „Bei einem Lebendgewicht von 45 Kilogramm sollten sie verkauft werden”, erklärt er. Die Schafe bleiben bei dem Schäfer bis zu sieben Jahre, dann werden sie verkauft und geschlachtet – auch eine Nachfrage nach Schaffleisch besteht in Deutschland. Die Lammzeit ist die arbeitsintensivste Zeit in den Schäfereien. Zwar schaffen einen Großteil der Lammung die Tiere alleine, doch es ist wichtig, dass nach der Geburt das Lamm und seine Mutter für 24 bis 48 Stunden in einer „Einzelbucht” separiert werden. „Die Mutter-Kind-Bindung muss sich festigen. Wenn man sie nicht separiert, kann auch mal ein Lamm verloren gehen”, erklärt der Schäfermeister. „In den ersten Stunden würde vieles durcheinander gehen, und wir hätten viele Flaschenlämmer.” Mitte März hatten er und seine vier Mitarbeiter 40 Flaschenlämmer zu versorgen, darunter auch Drillinge, für die die Mutter nicht genug Milch hatte. Während der dreimonatigen Lammzeit stehen die Tiere permanent unter Beobachtung, das bedeutet: drei Monate Nachtschicht. Zwar ist es nachts schon recht still im Stall, doch einzuschlafen droht man nicht, denn es gibt immer etwas zu tun. Für Stefan Erb bedeutet diese Zeit, nicht vor 3 Uhr nachts ins Bett zu kommen.

Elementare Verantwortung

Stefan Erbs Familie musste in all den Jahren viel auf ihn verzichten. Seine Ehe ging in die Brüche, und seine beiden erwachsenen Kinder (24 und 18) verfolgen eigene Ziele, so dass sie seine Arbeit später nicht weiterführen werden. „Das gibt es schon, dass Schäfereien in der sechsten oder siebten Generation geführt werden. Aber das ist anders als in anderen landwirtschaftlichen Betrieben”, sagt Erb. Er habe es nie forciert, dass seine Kinder sein Erbe antreten, denn er hat auch die vielen harten Tage im Sinn, die er ihnen nicht zumuten möchte. „Bei minus 15 oder 20 Grad unterwegs zu sein oder bis zu den Knien im Schlamm zu stehen – das wünscht man seinen Kindern nicht unbedingt”, so Stefan Erb. Ihm ist bewusst, dass nicht jeder seine Bindung zu den Tieren nachvollziehen kann. „Man macht alles nur für die Schafe, nur um sie zu versorgen. Man muss irgendwie an der Sache hängen und mental stark sein.” Es gebe keine Wahl: „Ich kann nicht einfach nach Hause gehen, die Verantwortung ist elementar.” Während die Versorgung der Schafe im Stall einfach sei, müsse man auf dem Feld nach Futter suchen. Ein Problem für die Schäfereien ist der Wolf. Auch Stefan Erb hatte im September und Oktober 2019 mit schweren Übergriffen zu kämpfen. „Die Überlegung war damals, wir hören auf oder wir schützen die Schafe mit Hunden.” Sie entschieden sich für die Hunde: Seine Schäferei verfügt nun neben zehn Hütehunden um sechs Herdenschutzhunde. „Seitdem haben wir keine Probleme mehr mit dem Wolf”, berichtet der 49-Jährige. Im April beginnt für die Schafe die Beweidung der Deiche, die bis spätestens Mitte November durchgeführt wird. 35 Kilometer Elbdeich haben Stefan Erbs Herden abzugrasen, eine vergleichsweise angenehme Zeit im Vergleich zum Winter – wenn er hart und kalt ist. „Winter ist immer härter. Der Sommer ist hart, wenn es über 30 Grad sind”, erklärt der Deichschäfer. Den Tieren mache das alles nichts aus: Da das Schaf ursprünglich ein Steppentier sei, könne es warme genauso wie kalte Temperaturen gut ab.

Wichtiges Stück Kulturgut

Mit den Schafen auf dem Deich wird es dem Berufsschäfer nie langweilig. Sein Handy, gegen das er sich lange gewehrt hat und das tagsüber ständig klingelt, stört ihn eher, als dass er es für die Ablenkung nutzen würde. „Ich bin auf die Schafe fokussiert. Man muss wach sein und seine Sinne beieinander haben.” Was auf dem Deich zählt, sei die intensive Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Hütehunden. Auch an Gesprächspartnern fehle es ihm unterwegs nicht, denn er werde regelmäßig angesprochen. „Es wird immer besonderer, dass jemand mit Schafherden durchs Land zieht”, meint er. „Manche zücken auch ihr Smartphone und machen Fotos – das hat sich sehr verändert in den letzten 30 Jahren. Ich glaube, das ist ein wichtiges Stück Kulturgut, das wir haben. Das Vermögen, eine Herde ohne Zaun hüten zu können, sollte aufrecht erhalten werden.” Stefan Erb ist einer von schätzungsweise 50 Berufsschäfern in Niedersachsen. Vier bis fünf Herden mit je rund 400 Schafen und Lämmern nennt er momentan sein Eigen, davon am meisten schwarzköpfige Fleischschafe, außerdem weiße Leineschafe – die vom Aussterben bedroht sind – sowie Coburger Fuchsschafe. Für die Weidenpflege besitzt er zusätzlich 16 Ziegen. „Wir halten immer so viele Schafe, wie wir für die Flächenpflege brauchen”, erklärt Stefan Erb. Der Deichschäfer kennt seine Schafe in- und auswendig. Er kann die Tiere auseinanderhalten und erkennt sofort, ob es einem nicht gut geht. „Man muss eine emotionale Bindung aufbauen”, meint er. „Jedes Tier ist ein Individuum, und man muss auf jedes eingehen.” Man sei so viel zusammen unterwegs, dass man automatisch eine Bindung zur Herde habe. So ist der Schäfer sich auch sicher, dass seine Herden nicht ohne Weiteres fremden Menschen folgen würden.

Schaf ist ein Nutztier

Trotz der engen Bindung zu seinen Tieren vergisst Stefan Erb nie, dass das Schaf ein Nutztier ist und bleibt. Auch wenn bei ihm einige Tiere bis zu 14 Jahre alt werden, sind viele für den Verzehr gedacht, auch schon als junges Lamm. Aber: „In der Schafhaltung sind eigentlich immer alle Tiere glücklich aufgewachsen, man kann immer von glücklichen Lämmern sprechen. Im Stall ist genug Platz, und sie freuen sich auch, wenn es raus geht”, so Stefan Erb. Mit Krankheiten wie Euterentzündung (Mastitis), Lungenentzündung oder Durchfall haben auch die Schafe zu kämpfen. Krankheiten wie Covid-19 oder das Coronavirus an sich machen dem Berufsschäfer aber keine Angst. Den Betrieb kann er auch nicht einfach einstellen. „Die Tiere müssen versorgt werden, wir können den Laden nicht dicht machen.” Wenn jemand krank sei, müsse man auf ihn verzichten, doch selbst das komme selten vor: „Wir sind alle so robuste Naturburschen, das kriegen wir hin.” In Zeiten der Corona-Pandemie ist es für den Berufsschäfer ausnahmsweise von Vorteil, dass er ohnehin kaum Zeit für soziale Kontakte hat und den Tag kaum mit Menschen, sondern mit Tieren verbringt. Er sieht nicht nur seine Freunde kaum, sondern war auch seit drei Jahren nicht mehr im Urlaub. Er ist höchstens in seinem Ehrenamt als zweiter Vorsitzender des Landesschafzuchtverbandes unterwegs. Bis zum Rentenalter hat der 49-Jährige noch ein paar Jahre, dann möchte er seine Schäferei an jemand Anderen weitergeben. „Man hört aber, dass man schlecht davon wegkommt. Man hat immer wenig Freizeit und verbringt sein Leben damit. Es gibt viele Kollegen, die das bis ins hohe Alter gemacht haben”, weiß Stefan Erb. (JVE)