Leute

Offroad-Trip im Orient

Andreas Bornholdt bereiste mit seiner Freundin den Oman

Der 51-Jährige liebt das Reisen. Mit seiner Familie bereiste er früher Europa mit dem Wohnmobil. „Aber Frankreich, Spanien und Italien sind zur warmen Jahreszeit verdammt voll”, meint er. „Auf den Campingplätzen und Wohnmobilstellplätzen steht man immer Auto an Auto und guckt sich auf die Reifen. Europa ist einfach zu eng, auch die Straßen.” So suchte er mit seiner Lebensgefährtin Kirsten vor ein paar Jahren zur Abwechslung ein Reiseziel außerhalb Europas. Warm sollte es sein – und weitläufig. Damals entschieden sie sich für Namibia, welches sie 2016 mit dem Geländewagen durchfuhren. „Da haben wir für uns entdeckt, dass es die beste Art zu reisen ist”, erinnert sich der Bad Bevenser. Namibia bestach durch tolle, großzügige Campingplätze, ihr Zelt hatten sie direkt auf dem Autodach. „Daraus entstand der Wunsch, wieder so Urlaub zu machen”, erklärt Andreas Bornholdt.Auf den Oman kam er durch Zufall, als er im Internet einen Artikel über die sichersten Länder der Welt las. Das Sultanat Oman rangierte zu diesem Zeitpunkt unter den Top Ten der Welt – eine Überraschung, wenn man bedenkt, dass seine Nachbarländer auf der arabischen Halbinsel Saudi-Arabien und Jemen sind. Ungefähr ein Jahr bereiteten sich Andreas Bornholdt und seine Partnerin auf die Reise in den Orient vor. Um nichts dem Zufall zu überlassen, kontaktierten sie zur Planung eine Agentur, die auf diese Gegend spezialisiert ist. Diese stellte ihnen Material und Karten zur Verfügung. Als Reisezeit wählten sie Ende Februar 2018. „Die beste Reisezeit ist von Herbst bis März, sonst ist es zu heiß, das heißt, 40 Grad oder höher”, erklärt Andreas Bornholdt.

Campingplätze gibt es nicht

Im Oman kann man frei herumreisen, es gibt jedoch keine Campingplätze. „Die Omanis lieben es, am Wochenende herauszufahren, Barbecue zu machen und irgendwo zu zelten. Aber den Begriff „wild campen” kennen sie gar nicht”, berichtet der 51-Jährige. Sie würden quasi immer wild zelten. Als Fortbewegungsmittel wählten sie wieder einen Geländewagen mit Dachzelt. Das Zelt, das einfach auf dem Dach des Autos ausgeklappt wird, ist auch im Oman eine Besonderheit und wurde überall von den Einheimischen neugierig beäugt. Insgesamt 15 Tage waren Andreas Bornholdt und seine Partnerin Kirsten im Oman unterwegs. Die Reise startete mit dem Flugzeug über Doha zur omanischen Hauptstadt Maskat, eine Küstenstadt am Golf von Oman. Von hier fuhren sie mit dem Geländewagen in südwestlicher Richtung in das Hadschar-Gebirge, dessen höchste Erhebungen mehr als 3.000 Meter hoch gelegen sind. Hier merkte das Pärchen schnell, dass es sich mit der Temperatur verschätzt hatte: Waren es tagsüber im Schnitt angenehme 25 Grad, wurde es in den Bergen nachts empfindlich kalt. „Wir haben auf einem Hochplateau gecampt. Als die Sonne weg war, wurde es richtig kalt – ich schätze, es waren noch fünf bis sechs Grad”, erzählt Andreas Bornholdt. Weil sie nachts im Zelt richtig froren, blieb das ihre einzige Nacht in den Bergen. Für ihre Fahrt durch die Sandwüste buchten sich die beiden bereits im Vorwege einen Guide, der sie begleiten sollte. „Da fährt man nicht alleine rein, man kann sich festfahren”, erläutert Bornholdt. Mit Wüstenfahrten hatte er schon durch die Namibia-Reise Erfahrung, dennoch passierte es ihnen unterwegs einmal an einem Strand, dass sie sich zu zweit mit dem Wagen im Sand festfuhren. „Man muss vor der Fahrt in die Wüs-te Luft aus den Reifen lassen bis auf ein Bar, sonst fährt man sich fest”, so Andreas Bornholdt. „Aber ich war zu vorsichtig und habe zu wenig abgelassen.”

Mit dem Auto festgefahren

Der Bad Bevenser wusste in dieser Situation: Es ist wichtig, nicht in Panik auszubrechen. Seine Lebensgefährtin habe in jeder dieser Situationen Sicherheit ausgestrahlt, erzählt er, und so sei auch er ruhig geblieben. „Einer muss die Ruhe bewahren, Panik ist da doof”, meint er. Da ihr Auto mit der Achse im Sand auflag, musste der 51-Jährige es mit einer kleinen Sandschaufel mühsam frei buddeln. Zur Ausstattung des Wagens gehörten zwei kleine Rampen, die man unter die Reifen legt, um sich wieder aus dem Sand frei zu fahren. „Das Buddeln allein kann eine halbe Stunde bis Stunde dauern. Wir mussten das Ganze dreimal wiederholen”, erinnert er sich. Als sie das Auto schließlich aus dem Sand befreit hatten, brauchten sie weitere rund 20 Minuten, um die grünen Plastikrampen im Sand wiederzufinden. „Man sieht sie nicht gleich, weil dort am Strand überall buntes Plastik herumliegt”, erklärt Bornholdt. Maximal fünf Stunden fuhren die beiden Urlauber pro Tag. Da es schon gegen 19 Uhr dunkel wurde, begannen sie zwei Stunden vorher mit der Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. „Am Anfang haben wir immer sehr lange nach einem Schlafplatz gesucht, weil wir mit der Freiheit total überfordert waren”, erzählt Andreas Bornholdt schmunzelnd. „Man freut sich dann aber langsam über tolle Spots.” Hatten sie einen Platz gefunden, machten sie sofort Feuer, um überhaupt abends sehen zu können. Geschützt durch ihr Dachzelt, musste sich das Pärchen in der Nacht keine Sorgen wegen wilder Tiere machen. Tagsüber sahen sie nur Kamele und Ziegen, außerdem sollte es hier Wüstenfüchse und Oryxantilopen geben, doch denen begegneten sie nicht. „In der Sandwüste haben wir morgens immer viele Spuren gesehen. Nachts kommen die Tiere raus, zumindest Schlangen und Skorpione”, meint Bornholdt. In ihrem Zelt hätten sie sich aber jederzeit geborgen und sicher gefühlt – auch vor Diebstahl, denn der existiert im Oman praktisch nicht. „Es gibt keinen Grund zu klauen, die Omanis leben sehr friedlich”, erklärt der Camper.

Traditionelle Kleidung

Was das Auftreten der Einheimischen angeht, sei ihre Reise wertvoll gewesen, um gängige Vorurteile abzubauen, erklärt Andreas Bornholdt. Zwar liefen die Frauen in schwarz und vollverschleiert und die Männer in ihren hellen Gewändern herum – es sei aber akzeptiert, dass die Touristen dies nicht tun. „Sie tragen diese Kleidung aus ihrer Tradition heraus. Es gibt dort nicht so etwas wie eine Religionspolizei”, weiß er. Auch wenn der Oman ein Wüstenstaat ist, gibt es in dem orientalischen Land einiges zu sehen. Auf der Route von Andreas Bornholdt und seiner Freundin standen neben weiten Wüsten und Stränden sowie den Städten Maskat und Nizwa mehrere Wadis, ausgetrocknete Flussbetten, die von interessanten Steinformationen umgeben sind. Wie im Märchen aus Tausendundeine Nacht fühlte sich Andreas Bornholdt zudem beim Anblick von Oasen, die üppig mit Dattelpalmen, Zitronen- und Orangenbäumen bewachsen sind. „Das sieht wirklich wunderschön aus”, so der Urlauber. Einen Wassermangel gebe es im Oman nicht, da in der Regenzeit die Reservoirs ebenso mit Wasser volllaufen würden wie die Wadis. Die Fortbewegung im Oman muss man sich anders vorstellen als in Europa. Die Reise von Andreas Bornholdt und seiner Partnerin war größtenteils ein Offroad-Trip, verlief also fernab von befestigten Straßen. Oft handelte es sich um Pisten, die schwer auszumachen waren. Deshalb fuhren sie nach GPS-Angaben, die durch wenige Orientierungspunkte wie eine Palmenansammlung oder Dünen ergänzt wurden. Ihre Route hatte ihnen die Reiseagentur im Vorwege ausgearbeitet. Doch GPS und Anhaltspunkte reichten nicht immer: Einmal passierte es den beiden doch, dass sie sich im Gebirge drei Stunden lang verfuhren. Die Ortsnamen, die sie hatten, stimmten manchmal nicht mit denen auf den Schildern überein, außerdem war die Übersetzung ins Englische fehlerhaft. In einem Dorf wollten sie nach Hilfe fragen, was allein durch mangelnde Englischkenntnisse der omanischen Landbevölkerung schwierig sein würde. Zu Andreas Bornholdts Erstaunen schienen die Dorfbewohner aber auch noch nie eine Landkarte gesehen zu haben. „Sie können aber gut ihre Gegend zeichnen, und so haben sie gezeichnet, wo wir sind und wo wir lang fahren können.” Dass die Deutschen es eilig hatten, um vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel zu sein, verstanden die Dorfbewohner, die das Pärchen gleich auf einen Kaffee einladen wollten, allerdings nicht. „Sie sind aus Tradition gastfreundlich, und Zeitdruck ist ihnen fern”, berichtet Andre–as- Bornholdt.

Neuer Blick auf die Fremde

Die Begegnungen mit den Omanis waren für den Bad Bevenser und seine Partnerin immer freundlich. Oft näherten sich die Einheimischen dem Paar neugierig und stellten Fragen, grundsätzlich zeigten sie sich sehr deutschfreundlich. „Die Leute sind friedfertig und so nett. Und sie stellen die gleichen Fragen wie wir, warum es den Terror auf der Welt gibt.” Andreas Bornholdt und seine Freundin Kirsten genossen die Freiheit und Weite, die sie im Oman erleben konnten. Unterwegs mit Wasser und Lebensmitteln haushalten und tagelang auf sanitäre Anlagen verzichten zu müssen, erdete das Paar. „Man kommt mit ganz wenig aus, und das macht einen auf seltsame Weise glücklich”, erklärt er. Der Besuch dieses exotischen Landes habe aber auch dazu geführt, die Fremde anders zu betrachten und die Einstellung beispielsweise zum Islam zu ändern. „Wir hatten sehr schöne Begegnungen, das macht weltoffen. Jetzt hat man das Gefühl, bei uns wird alles zu negativ dargestellt.” Er und seine Freundin wollen den arabischen Raum auf jeden Fall noch mal bereisen. (JVE)

Trauern geht auch fröhlich

Kati Lüdecke arbeitet als Trauerbegleiterin
für Kinder und Jugendliche

Wer einen geliebten Menschen verliert, braucht Monate bis Jahre, um darüber hinweg zu kommen. Kinder und Jugendliche trauern anders als Erwachsene, und oft benötigen sie Hilfe bei der Bewältigung. Kati Lüdecke hat deshalb in Lüneburg das Projekt „Lichtblick” ins Leben gerufen, eine Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche. Einige kommen seit Jahren zu ihr. Die 36-Jährige, die in der Nähe von Bremervörde aufgewachsen ist, kam 2002 für ihr Sozialpädagogik-Studium nach Lüneburg – und blieb. Seit 2005 arbeitet sie für PädIn, einen freien Jugendhilfe-Träger, der Beratung und Betreuung für Kinder, Jugendliche und Eltern im Raum Lüneburg anbietet. Hier war sie anfangs für die Familienhilfe zuständig. Die Idee zu „Lichtblick” kam aus ihrer Arbeit heraus. „Ich habe immer mehr Fälle bekommen, wo jemand aus dem Umfeld der Kinder verstorben war. Dann habe ich etwas gesucht, wo man die Kinder anbinden kann, habe aber nichts gefunden”, erklärt Kati Lüdecke. Vergeblich habe sie im Raum Lüneburg nach einer Trauergruppe für Kinder gesucht. So ließ sich die Sozialpädagogin zur Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche ausbilden. 2008 startete bei PädIn das Projekt „Lichtblick”, das seitdem ausschließlich durch Spenden finanziert wird und nur durch die zusätzliche Mitarbeit von Ehrenamtlichen möglich ist. Inzwischen hat Kati Lüdecke bei PädIn drei Trauergruppen, zwei für Kinder ab drei Jahren, eine für Jugendliche ab etwa zwölf Jahren. Das Einzugsgebiet geht weit über den Landkreis Lüneburg hinaus. Auch wenn bei der Trauerbegleitung von „Lichtblick” die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen, wird auch gleichzeitig die Begleitung eines dem Kind nahestehenden Erwachsenen angeboten. „Am häufigsten haben wir den Fall, dass ein Elternteil gestorben ist – dann ist die Begleitperson auch betroffen”, erklärt sie. Für die Erwachsenen gibt es ein pa-rallel zu den Kindergruppen stattfindendes Gruppenangebot, das von einer Trauerbegleiterin für Erwachsene geleitet wird und in der Regel aus Gesprächen besteht.

Zwei Jahre Trauerbegleitung

Bevor ein Kind in eine Trauergruppe eintritt, findet ein Gespräch zwischen dem Kind, einer Begleitperson, meist einem Elternteil, und Kati Lüdecke statt. Die Betroffenen müssen wissen, worauf sie sich einlassen und können die Räumlichkeiten kennenlernen. Die meisten entscheiden sich dann für die Trauerbegleitung. Wie schnell nach einem Todesfall ein Kind mit der Trauerbewältigung in der Gruppe beginnt, ist sehr individuell. „Das Längste, was ich bisher erlebt habe, war nach acht Jahren. Ein Mädchen hatte den Tod ihres Bruders nicht verarbeitet, der gestorben war, als sie drei war”, erinnert sich Kati Lüdecke. Ihre Erfahrung hat ihr gezeigt, dass der Eintritt in eine Trauergruppe frühes-tens ein halbes Jahr nach dem Todesfall sinnvoll ist – wenn sich der Trubel gelegt hat, der Tod bewusst geworden ist und man an dem Punkt steht, etwas für sich tun zu müssen. Eine Warteliste für die Trauergruppen gibt es nicht. „Wir wollen nicht, dass Leute abgelehnt werden”, so Kati Lüdecke. Wie lange jemand die Trauerbegleitung in Anspruch nimmt, ist nicht festgelegt. „Der Regelfall sind zwei Jahre, aber das hängt davon ab, wie wohl man sich in der Gruppe fühlt – und vom Todesfall”, erklärt die Trauerbegleiterin, „bei Suizid, Unfall oder Mord braucht man mehr Zeit.” In der Regel geht es in der Trauergruppe um den Verlust von Geschwis-tern, Eltern oder festen Freunden – selten auch von Großeltern.

Niemand muss erzählen

Bis zu zehn Kinder gehören einer Trauergruppe an. Neben Kati Lüdecke sind jedes Mal vier bis fünf weitere Mitarbeiter dabei. Zu den 14-täglichen Treffen, die jeweils anderthalb Stunden dauern, gehören ein paar feste Elemente. Begonnen wird mit einem Anfangskreis, bei dem sich alle auf den Boden setzen, eine Kerze angezündet und eine Klangschale angeschlagen wird. Dann geht ein Redestein herum, und jeder hat die Möglichkeit, sich kurz vorzustellen und zu erzählen, wer gestorben ist. Die Vorstellung ist grundsätzlich freiwillig, niemand muss etwas sagen. „Es gibt Kinder, die in der Gruppe ihre Gefühle nicht zeigen wollen. Sie entscheiden, was sie erzählen wollen – und einige brauchen Monate, bis sie etwas erzählen”, so die Erfahrung der Trauerbegleiterin. In der anschließenden Freispielphase können die Kinder Angebote wie den Kickertisch nutzen, aber auch kreativ sein und malen oder etwas für das Grab des Verstorbenen basteln. „Sie können die Zeit nutzen, wozu sie Lust haben”, erklärt Kati Lüdecke. Sie hat beobachtet, dass die Kinder zu Beginn der Runde meist energiegeladen sind und ruhiger werden, wenn sie über ihre Trauer gesprochen haben. Während der Freispielphase wird das Thema Trauer immer wieder aufgegriffen, und auch untereinander kommen Gespräche auf. Geweint wird selten. „Die Stimmung ist fröhlich und glücklich”, erklärt die Sozialpädagogin, „das ist auch schön für die erwachsenen Begleitpersonen.” Kinder würden die Stimmung zu Hause merken und intuitiv Rücksicht nehmen, auch wenn man sie nicht darum gebeten habe. „Dadurch fragen sie zu Hause nicht nach – das versuchen wir hier aufzubrechen.” Kati Lüdecke bemüht sich, die tragischen Geschichten nicht zu nah an sich heranzulassen. „Natürlich nimmt man auch Sachen mit nach Hause”, erzählt die 36-Jährige. „Das hat sich auch geändert, seit ich eigene Kinder habe.” Man müsse gut auf sich achten. Dazu bleiben die Mitarbeiter untereinander immer im Gespräch. Vor und nach der Trauergruppe setzen sie sich zusammen, um alles durchzusprechen.

Enge Freundschaften
entstehen

Kurz vor Ende der Trauergruppe gibt es eine Abschlussrunde, zu der die Erwachsenen dazu kommen. Dann bekommen die Kinder die Möglichkeit, Fragen in den Raum zu stellen, die sie sich zu Hause nicht zu stellen getraut haben. Es geht um Details wie den genauen Todeszeitpunkt, das Lieblingsessen oder die letzten Worte des Verstorbenen. „Manchmal sind es traurige Fragen, aber es entstehen viele schöne und lustige Geschichten”, so die Trauerbegleiterin. Oft verabschieden sich Familien nicht, wenn sie meinen, dass sie die Trauerbegleitung nicht mehr benötigen. Kati Lüdecke hat dafür Verständnis. „Man merkt es, wenn es sich ausschleicht. Aber es ist schwer zu sagen, dies ist mein letztes Mal”, meint sie. In den Gruppen entstehen enge Bindungen – Freundschaften unter Familien durch die Trauergruppe sind keine Seltenheit, und auch Partnerschaften entstanden schon unter den Erwachsenen. Kati Lüdecke leitet bei PädIn seit der Geburt ihres ersten Kindes vor sieben Jahren ausschließlich die Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, außerdem hält sie Vorträge zum Thema in Schulen und Kindergärten. „Der Tod ist ein megaspannendes Thema für Kinder”, weiß sie. In ihren Vorträgen rät sie den Familien, Kinder nicht vom Tod der nahestehenden Person fern zu halten. „Es fällt ihnen leichter, damit umzugehen, wenn sie den Verstorbenen noch mal gesehen oder sogar angefasst haben – es hilft ihnen, wenn man sie lässt. Wir empfehlen auch, Kinder mit zur Beerdigung zu nehmen. Es ist ein Familienfest, da ist es wichtig, dass sie nicht ausgeschlossen werden”, erklärt die Trauerbegleiterin. Auch für zu Hause gibt sie den Eltern Tipps, zum Beispiel für die oft schwere Weihnachtszeit ohne den Verstorbenen: „Man kann beim Weihnachtsbaum den schönsten Zweig abschneiden und ihn zum Grab bringen. Die Lücke am Baum zeigt dann auch zu Hause, dass etwas fehlt.” Die Sozialpädagogin weiß, dass nicht jeder Tipp für jeden geeignet ist – jede Familie müsse für sich herausfinden, was für sie am besten sei. „Es ist wichtig, im Gespräch zu bleiben.” Viele Familien kommen erst durch die Trauergruppe wieder miteinander ins Gespräch – zu vieles wird zu Hause nicht ausgesprochen. Das Gespräch über den Tod hält die Kinder zusammen. „Hier ist es normal, wenn jemand gestorben ist. Es entlastet die Familien, dass hier darüber gesprochen wird”, so Kati Lüdecke. Sie sieht deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern beim Umgang mit der Trauer: „Mädels reden, Jungs toben. Jungs versuchen, stärker zu sein und nicht drüber zu reden.” Die Sozialpädagogin bewundert die Kinder, wie einfach sie mit dem Thema Tod umgehen. „Es ist schwer, was manche Kinder aushalten müssen.” Die Trauergruppe könne jedoch nicht unbedingt eine Therapie ersetzen. Es gebe Familien, die eine begleitende Traumatherapie machen würden oder auf einen Therapieplatz warten. „Aber Therapien sind Einzeltherapien – das Gruppenangebot ist eine bewusste Entscheidung.” (JVE)

Unter Magiern, Elfen und Gestaltwandlern

Die Lüneburgerin Carola Meissl startet als Fantasy-Autorin durch

Carola Meissl hätte nicht daran geglaubt, dass sich ihr Traum so schnell erfüllen würde. Die Lüneburgerin ließ ihren alten Job hinter sich und wurde Fantasy-Autorin. Unter dem Pseudonym Karolyn Ciseau hat sie in nur zwei Jahren sieben Romane herausgebracht. Schon im Grundschulalter träumte Carola -Meissl, die in Bad Vilbel bei Frankfurt aufgewachsen ist, davon, Schriftstellerin zu werden – sie liebte das Geschichtenschreiben. Als Schülerin hatte sie an Kurzgeschichtenwettbewerben teilgenommen und auch gewonnen. Doch ihre Eltern warnten sie, von der Schriftstellerei könne man nicht leben. „Dann wollte ich Journalistin werden”, erzählt die 32-Jährige. Nach einem Germanistik- und Philosophie-Studium in Göttingen absolvierte Carola -Meissl ein Volontariat in der Öffentlichkeitsarbeit für die Niedersächsische Sparkassenstiftung. Anschließend machte sie sich als Texterin selbstständig, doch Zufriedenheit wollte sich bei der jungen Frau nicht richtig einstellen. „Ich habe gemerkt, dass es nicht meins ist, sich so präsentieren zu müssen”, erzählt sie. Schließlich war es ihr Mann, der Carola Meissl ermutigte, den Traum von der Schriftstellerei wieder aufzunehmen. Sie gab sich ein Jahr, um als Autorin Fuß zu fassen.

Spaß am Marketing

Nach ihrem Germanistik-Studium hatte Carola Meissl erst den Anspruch an sich, hochtrabende Literatur wie Thomas Mann oder andere große Autoren zu verfassen. „Ich dachte, ich muss jetzt etwas ganz Besonderes schreiben”, erinnert sie sich. Doch sie besann sich ihrer eigenen Interessen: der Fantasy. Als passionierte Leserin von Fantasy-Romanen und TV-Serienbegeisterte lag es für sie auf der Hand, sich selbst literarisch in diesem Gebiet auszulassen. Inspiration erhielt sie zusätzlich durch ihre Reisen in Länder, die durch verwunschene Natur und düsteres Wetter bekannt sind, wie Irland, Island, Schottland oder Norwegen. An Ideen mangelte es der Jungautorin von Anfang an nicht. Im Gegenteil – sie sprudelten nur so aus ihr heraus. Um den langen, beschwerlichen Weg über Buchverlage zu vermeiden, entschied sich Carola Meissl bewusst für das Self-Publishing – für viele Jungautoren oft eine Notlösung. „Der Weg über Verlage kann ein bis zwei Jahre dauern”, meint sie. „Beim Self-Publishing muss man sich zwar um Lektorat, Cover und Marketing selbst kümmern, aber das wollte ich auch. So kann ich alles selbst bestimmen, und Marketing hat mir schon immer Spaß gemacht.” An ihrem ersten Buch, dem ersten Teil der so genannten „Zeitenwanderer Chroniken”, „Gefangen”, schrieb Carola Meissl ein halbes Jahr. In der Zwischenzeit suchte sie sich eine Lektorin. Nach dem mehrwöchigen Lektorat ging es an Ausbesserungen, gleichzeitig suchte die Autorin über Facebook Testleser, die Bewertungen schreiben sollten. Um sich an jüngere Leser zu wenden, startete sie über Instagram Blogger-Aktionen, um auf Blogs erwähnt zu werden. In der Vermarktung kannte sie sich durch ihr Volontariat gut aus.

Abspaltung durch Pseudonym

Unsicher, ob ihr erstes Buch ein Erfolg werden würde, entschied sich Carola Meissl für ein Pseudonym und schrieb von Beginn an als Karolyn Ciseau. „Ich wollte nicht, falls es scheitert, dass man es mit meinem Namen verbindet”, erklärt die 32-Jährige. Der Erfolg hat sich zwar eingestellt, doch ihr zweites Ich will sie sich erhalten. „Es ist für mich eine Art Abspaltung.”

Seit Februar 2017 ist „Gefangen” ausschließlich über Amazon erhältlich. Der Versandhändler druckt im Print on Demand-Verfahren, sobald eine Bestellung eingeht, außerdem generiert Amazon das E-Book zum Herunterladen. Die Autorin erhält pro verkauftem Buch 70 Prozent Tantiemen, bei den E-Books läuft die Bezahlung pro gelesener Seite. Die Werbung hatte sich gelohnt – ihr Erstlingswerk verkaufte sich gut. Carola Meissl weiß jedoch, wie es läuft auf dem Buchmarkt. Entscheidend seien die ersten Wochen, dann sei man schnell wieder weg vom Fenster, erläutert sie. Und so war ihr klar, dass sie schnell nachlegen muss, wenn sie im Gespräch bleiben will. „Im Schnitt sollte ein Self-Publisher alle drei Monate ein neues Buch herausbringen”, meint sie. Inzwischen gibt es insgesamt fünf Bücher der Zeitenwanderer Chroniken, außerdem zwei eigenständige Fantasy-Romane. Als frische Buchautorin musste Carola Meissl erst lernen, mit der Kritik der Leser umzugehen. „Bei der ersten Kritik wollte ich das Buch wegwerfen”, erinnert sie sich. „Aber man hat immer Kritik. Was der eine mag, hasst der andere. Am Anfang zuckt man sehr zusammen.” Auch wenn die Verkäufe nicht schlecht liefen, nahm die Lüneburgerin anfangs kaum Geld ein. „Im ersten Jahr dachte ich, ich renne mit dem Kopf gegen die Wand”, erzählt sie. Sie schrieb weiter und ließ sich nicht entmutigen, schließlich hatte sich bereits eine kleine Fangemeinde entwickelt.

Umbruch beim vierten Buch

Den großen Umbruch erlebte sie mit dem Erscheinen ihres vierten Buches, „Ein Herz aus Eis und Schnee”, das Anfang 2018 herauskam. „Mit dem Buch lief es plötzlich total gut. Ich glaube, ich hatte einfach genügend Fans gesammelt”, meint sie. Der Roman landete in den Top 100 aller bei Amazon angebotenen Bücher und stand zwischenzeitlich im Bereich Fantasy sogar auf Top 1. Für Carola Meissl ein besonderer Moment: „Seitdem kann ich davon leben.” Rund 20.000 Bücher hat sie als Karolyn Ciseau bereits verkauft. Gut kann sie sich noch daran erinnern, wie es war, ihr erstes Buch in den Händen zu halten: „Das ist ein tolles Gefühl, das erste Buch fertig zu haben.” Den Großteil ihrer Leser erreicht die Autorin über das Online-Angebot Kindle Unlimited von Amazon. Über Facebook hält sie Kontakt zu ihren größtenteils weiblichen Fans. Für Carola Meissl ist es immer noch eine absurde Vorstellung, dass jemand Interesse an einem von ihr signierten Buch haben könnte. Wie ein Star kommt sie sich nicht vor.

Finalistin beim Storyteller Award

Den nächsten Höhepunkt in ihrem Autorendasein erreichte Carola Meissl vor kurzem, als sie sich um den Kindle Storyteller Award bewarb, mit dem jedes Jahr die besten Bücher von verlagsunabhängigen Autoren ausgezeichnet werden. Mit ihrem neuesten Fantasy-Roman „Das Blatt des dunklen Herzens”, einer Liebesgeschichte rund um Magier, Elfen, Menschen und Gestaltwandler, wurde sie tatsächlich als eine von drei Autoren für den Hauptpreis nominiert, der auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wurde. Ausgewählt wurden diese anhand ihrer Beliebtheit, die durch Verkaufszahlen, gelesene Seiten und positive Kundenbewertungen ermittelt wurde. Carola Meissl hatte nicht damit gerechnet, unter die besten drei Autoren zu kommen, denn die Konkurrenz war groß. Den Kindle Storyteller Award gewann Carola Meissl nicht – der ging an Ella Zeiss – doch die Lüneburger Autorin ist jetzt richtig in Fahrt. Momentan schreibt sie am zweiten Teil von „Das Blatt des dunklen Herzens”, der Anfang 2019 fertig sein soll. Sie ist immer noch überrascht über ihren raschen Erfolg als Schriftstellerin. „Ich hab‘ gedacht, ich mache das ein Jahr und das war’s dann. Wäre das erste Buch ein Flop gewesen, hätte ich im zweiten Jahr aufgehört.” Mit Self-Publishing könne man richtig gutes Geld verdienen, wenn man eben mehr als nur ein Buch schreibe, fügt sie hinzu. Die Autorin sammelt ihre Ideen, die ihr auch nach sieben Büchern nicht ausgehen, in einem Zettelkasten auf ihrem Computer, ihr kritischster Leser, Berater und Lektor ist ihr Mann, der sich im Fantasy-Sektor auch bestens auskennt. Wenn ein Buchautor erfolgreich ist, geht das allerdings auch nicht an den Verlagen vorbei. Inzwischen hat Carola Meissl zwei Angebote von Jugendbuch- und Fantasy-Verlagen erhalten, über die sie sich nun ernsthafte Gedanken machen muss. „Das ist spannend und bestimmt noch mal anders mit Verlag. Man spricht auch andere Fans an und erreicht mehr Printleser.” Als sie das erste Angebot erhielt, weinte sie vor Freude – sie konnte ihr Glück kaum fassen. „Das ist toll, wenn man bedenkt, dass einige ihre Manuskripte überall erfolglos einschicken.” (JVE)

DAS PERFEKTE FOODFOTO

Der Lüneburger Koch Andy Braumann arbeitet als Foodstylist

Wie heißt es so schön: „Das Auge isst mit.“ Denn wir bekommen nur Lust auf Essen, wenn es auch ansehnlich aussieht. Gerichte richtig appetitlich aussehen zu lassen, ist die Aufgabe von Andy Braumann. Der 30-jährige gelernte Koch arbeitet als Foodstylist für einen Hamburger Zeitschriftenverlag. Andy Braumann ist in der Nähe von Magdeburg aufgewachsen und lebt seit 15 Jahren in Lüneburg. Hier absolvierte er auch seine Kochlehre am Bremer Hof, wo er nach der Ausbildung ein paar Monate als Jungkoch arbeitete. Doch es zog ihn weiter: Andy ging ins Ausland, reiste herum, arbeitete für den Koch Christian Rach in Hamburg. Doch seine Einstellung veränderte sich: „Vor acht Jahren war Gastro dann nicht mehr so meins.“ Der „Lifestyle-Fanatiker“, wie er sich selber nennt, ging für ein Jahr nach Köln, um ein Praktikum bei einem Foodfotografen zu machen, und arbeitete nebenher in einem Klamottenladen. Während des Praktikums entdeckte er eine besondere Liebe zum Essen und beschloss, Foodstylist zu werden – der Beruf ist kein Lehrberuf. Er ging zurück in den Norden und bewarb sich als Foodstylist bei einem großen Hamburger Zeitschriftenverlag. Heute ist er dort fast ausschließlich im Print-Bereich tätig.

Einkaufen gehört dazu

„Hamburg ist das Food-Mekka in Deutschland. Und 95 Prozent der Foodstylisten sind gelernte Köche, manche auch Ökotrophologen“, erklärt Andy. In Deutschland gebe es nur etwa hundert Foodstylisten, schätzt der Lüneburger, der auch schon für australische, englische und niederländische Auftraggeber gearbeitet hat. Auch privat kauft und liest er viele Zeitschriften aus der ganzen Welt, die sich mit dem Thema Essen beschäftigen. Trotz der Food-Zentrierung auf Hamburg hat sich Andy bewusst dazu entschieden, in Lüneburg zu wohnen. Hier kommt er runter, hier hat er seine Freunde. Nur die Gastronomieszene von Hamburg, wo er zwischendurch auch ein Jahr lebte, sagt ihm mehr zu. Der Hamburger Verlag, in dem Andy Braumann arbeitet, hat vier Foodmagazine, hinzu kommen andere Magazine mit Rezept- und Foodseiten, für die er zuständig ist. Der 30-Jährige leitet ein Team von acht weiteren Foodstylisten, zum Team gehören außerdem vier Fotografen und sechs „Prop-Stylisten“, die für die Optik und Dekoration rund um die Gerichte verantwortlich sind. Ein kreativer Haufen mit einem gemeinsamen Ziel: Das perfekte Foodfoto. Andys Arbeit ist kein einfaches Garnieren von Lebensmitteln. „Es ist ein kreativer Beruf, der oft belächelt wird“, weiß er. Mit den Foodredakteuren des Verlags werden die Rezepte zuvor abgesprochen, den Einkauf der Zutaten übernimmt Andy selbst. „Einkaufen gehört für mich dazu. Ich habe für alles in Hamburg feste Händler“, erzählt er, „denn ich brauche Topware.“ In der verlagseigenen Versuchsküche bereitet er das Essen selbst vor. „Ich möchte betonen, dass wir kein Haarspray und keinen Lack verwenden, es ist alles real. Alles ist essbar und wird danach gegessen“, erklärt der Koch.

Ein bis zwei Stunden pro Foodfoto

Bringt der Foodstylist sein angerichtetes Essen ins Studio, kommt der Fotograf ins Spiel. „Der Fotograf muss sich herantasten und das Licht einstellen. Das Essen sieht im Studio nicht aus wie in der Küche“, sagt Andy. Mit schnellem Ablichten hat das Shooting nichts zu tun: „Für ein Foodfoto brauchen wir ein bis zwei Stunden. Eine Fotostrecke, die aus vier bis sechs Fotos besteht, wird an einem ganzen Tag geshootet.“ Gegessen wird hinterher mit den Arbeitskollegen – doch bis dahin ist das Essen natürlich immer kalt. Produkte, die vom Kochen übrig bleiben, werden an die Tafel gespendet. Für Andy zählen bei seiner Arbeit der Umgang mit den Lebensmitteln, der schon mit dem Einkauf beginnt, eine Vision im Kopf sowie die Liebe für das Produkt. „Du darfst nichts totbraten oder zu lange kochen. Einfach mit ganz viel Liebe behandeln“, so der Foodstylist. Es gibt Kollegen, die sagen, man erkenne Andys Arbeiten. „Der Laie sieht den Unterschied nicht, aber Freunde erkennen meine Arbeit. Sie sagen: So, wie Du rumrennst, so sieht auch Deine Arbeit aus“, erzählt er. Sie sei rough und lebendig, dürfe aber auch rotzig sein, fügt er hinzu. „Es darf auch mal gekleckert werden.“ Andy hat an sich und seine Arbeit hohe Ansprüche, und er sieht oft Foodstyling, das ihm nicht gefällt. „Das ist natürlich Geschmackssache, jeder urteilt anders“, meint er. Er lasse sich bei seinem Styling von der Vielfalt der Zutaten inspirieren. Frische Kräuter wie Petersilie, Basilikum, Schnittlauch oder Kresse eigneten sich gut als Farbklecks. Gehackte Kräuter sollten aber erst kurz vor dem Shooting unter das Essen gemischt werden, damit sie ihre frische Farbe behalten.

Farbakzente als Kontrast

Die Farben spielen für Andy bei seiner Arbeit eine große Rolle. Schon beim Einkaufen lässt er sich von den Farben von Obst und Gemüse inspirieren und überlegt genau, welche Zutaten von der Farbe her ein guter Bestandteil des Rezeptes werden könnten. „Einige Gerichte, die großartig schmecken, verwenden eine einheitliche Farbpalette an Zutaten – da tun ein paar kontrastierende Zutaten jedem Rezept gut – optisch wie geschmacklich“, erklärt der 30-Jährige. Dennoch sei die Beschränkung auf einige wenige Zutaten, die für Farbakzente sorgen, angeraten, um das Gericht und die Foodfotos nicht zu überladen. Es gab auch eine Zeit, da suchte Andy eine Veränderung, kündigte seinen Job im Hamburger Verlag und machte sich selbstständig. In dieser Zeit hatte der Lüneburger ein festes Mietstudio in der Hamburger Hafencity und übernahm Auftragsarbeiten. Doch nach einem Jahr holte ihn sein alter Verlag zurück. „Die Selbstständigkeit war eine wichtige Erfahrung, aber das war einfach zu viel für mich“, erklärt er. „Es hat meine Kreativität eingeschränkt.“ Und davon hat der 30-Jährige scheinbar eine Menge. Bekannte nennen ihn „kreativer Sonderling“, und auch Andy selbst spricht von einem „Hang fürs Spezielle“. Über seine Arbeit lernte Andy Braumann den Foodfotografen Florian Bonanni kennen – „einer der besten Foodfotografen Europas“, wie Andy betont – mit dem die Chemie auf Anhieb stimmte. Mit ihm rief er den Foodblog „Dudes and Roots“ ins Leben, der mit der ersten Blog-story „Alles Banane, Digga“ startete. Die beiden hatten viele Ideen, und der Blog lief gut. „Wir haben richtig viele Anfragen bekommen. Das hat natürlich geschmeichelt, aber wir konnten die Anfragen nicht annehmen.“ Eine monatelange Erkrankung bei Andy sorgte allerdings zwischenzeitig dafür, dass der Blog mit Florian ins Stocken geriet, momentan ist er ganz deaktiviert. Über seinen privaten Instagram-Account kann man jedoch weiterhin Andys Arbeiten sehen.

Food-Doku im TV

In Lüneburg geht Andy selten essen. „Ich koche lieber zu Hause, weil ich weiß, ich mach es besser“, meint er. Andy achtet auf gesunde Ernährung, isst gerne asiatisch oder südamerikanisch – Hauptsache, wenig Kohlenhydrate. Meist bleibt ihm zu Hause jedoch nur noch Zeit für die schnelle Küche. Nach der Selbstständigkeit und dem Blog probiert Andy Braumann nun noch etwas Neues aus: Momentan dreht er eine Food-Dokumentation für einen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Die Sendung soll ab Ende November in sechs Teilen ausgestrahlt werden und ihn und seine Arbeit widerspiegeln. Die TV-Drehs, für die er in der Welt herumreiste, machten ihm Spaß, und er freut sich auf das Endergebnis. Wenn Andy von seiner Arbeit als Foodstylist spricht, gerät er ins Schwärmen: „Ich habe meinen absoluten Traum gefunden.“ Einen weiteren Traum hat er dennoch, den viele Köche in ihrem Herzen bewegen: Eines Tages möchte er sein eigenes Restaurant aufmachen. (JVE)

“Unser Haus ist der Hafen”

Familie Grigoleit lebt auf einem Hausboot an der Ilmenaumündung

 

Was für viele ein romantisch verklärter Traum ist, war für sie eine Notlösung: Jill und Ole Grigoleit (beide 33) leben mit ihren zwei Kindern auf einem Hausboot im Stöckter Hafen. Heute können sie es sich gar nicht mehr anders vorstellen. Ihre Geschichte beginnt wie die von Tausenden jungen Leuten in der Großstadt. Nach dem Studium wollten Jill und Ole Grigoleit in Hamburg zusammenziehen, doch die Wohnungssuche war mehr als schwierig. Ohne Arbeitsverträge hatte das junge Paar keine Chancen, sich gegen die zahlreichen anderen Bewerber durchzusetzen. Auch ein Immobilienkauf platzte im letzten Moment. Rückblickend war es wohl Oles Mutter, die das Wort „Hausboot“ zum ersten Mal in den Mund nahm. Bis dahin hatte das Paar nicht davon geträumt. „Ich dachte immer, ein Hausboot ist klein, eng, wacklig, ungemütlich und feucht“, sagt Jill. Jedenfalls beschloss Ole, für sich und Jill einfach ein Zuhause zu bauen, wenn auf dem konventionellen Wege keines zu finden ist. Über Ebay erstand er den Rumpf einer alten Schute, Baujahr 1933, und zahlte dafür gut 6.000 Euro. „Dann gab es kein Zurück mehr“, so Jill. „Wir hatten kein Dach mehr über dem Kopf.“ Nach dem Kauf des ziemlich verrotteten Schiffsrumpfes im Sommer 2011 machte sich Ole – der über viel handwerkliches Geschick, aber auch über eine Ausbildung als Schiffsmechaniker verfügt – daran, die alte Schute abzureißen und ihr Hausboot aufzubauen. Drei Monate lang sägte und schweißte er, verlegte Leitungen und Holzdielen. Um Geld zu sparen, verwendete er viele gebrauchte Materialien. Die Fenster stammten aus einer Ruine, ebenso die Bodendielen für die Wohnräume.

Durch den Schnee zur Hafendusche

Ole baute das Boot in einer Halle im Harburger Hafen, wo es auch zunächst liegen sollte. Jill arbeitete in Hamburg als Redakteurin, Ole selbstständig als Messebauer. Er musste sich ranhalten, bevor der Winter kam. „Wir haben das Boot im August gekauft und sind im November eingezogen“, erinnert sich Ole. „Das Dach war drauf, und der Regen begann.“ Als Jill und Ole in das Hausboot zogen, war es noch lange nicht fertig, und auch Möbel hatten sie kaum mitgebracht. „Wir hatten ein Bett und einen Kamin, aber noch keine Dusche“, erzählt Jill. „Im Winter 2011 bin ich morgens durch den Schnee zur Hafendusche gestapft, bevor ich zum Büro gefahren bin.“ Zwei Jahre lag ihr Hausboot, an dem Ole ständig weiterbaute, im Harburger Hafen. Doch das Paar suchte einen schöneren Liegeplatz – kein leichtes Unterfangen. Da die Liegegebühren nachder Größe des Bootes berechnet werden, gab es für ein Hausboot mit hundert Quadratmetern Wohnfläche keinen bezahlbaren Platz. Die perfekte Lösung fanden Jill und Ole im Winsener Ortsteil Stöckte. Hier wurde ein Nachfolger für den Hafenmeister gesucht, der aus Altersgründen den Hafen abgeben wollte, der in Privathand war. „Das war ein unglaubliches Glück und ein absoluter Zufall“, sagt Jill. Ole musste sich als Mittzwanziger erst vor dem erfahrenen Hafenmeister beweisen, bevor ihm die Position zugesagt wurde. Für die Grigoleits bedeutete das: Sie kauften den gesamten Stöckter Hafen. „Andere kaufen sich ein Haus, wir haben einen Hafen gekauft“, erklärt Jill schmunzelnd. Das bedeutete für das Paar gleichzeitig die Übernahme eines Betriebs mit Kundenstamm, der Liegegebühren aus rund 40 Liegeplätzen einbringt.

Zu dem Hafen gehören außerdem 6.000 Quadratmeter Land und eine Werkstatt, die in Schuss gehalten werden müssen. „Das macht nur Sinn für uns, weil wir hier mietfrei wohnen“, so Ole.

Mit Hausboot bekommt man den Hippie-Stempel

Im Frühjahr 2013 zogen Jill und Ole an den Stöckter Hafen, der ihnen ein Jahr später tatsächlich gehören sollte. Bis dahin hatten sie auch in Stöckte Liegegebühren zahlen müssen. Im Sommer 2014 wurde ihre erste Tochter Line geboren, zwei Jahre später Tochter Morlin. In Stöckte hatten Jill und Ole das erste Mal das Gefühl, angekommen zu sein. Auf dem Hausboot zu leben ist wie aufs Land zu ziehen – die Natur beginnt unter dem Fenster, der nächste Nachbar ist in einiger Entfernung. „Für mich war immer klar, mit Kindern will ich aufs Land ziehen“, erklärt Jill. Auch wenn sie noch viele Freunde in Hamburg hat, möchte sie nicht mit deren Leben tauschen. Sie fühlt sich im Ort gut aufgenommen. „Wir sind hier superschnell bekannt geworden“, meint Ole. „Natürlich wird man erst mal skeptisch beäugt, es waren alle neugierig. Mit Hausboot bekommt man ja einen Hippie-Stempel.“ Bei den Winsener Behörden ist Ole nur der „Hausboot-Heini“, doch er sieht seinen Bekanntheitsgrad dort als Vorteil. Nach fünf Jahren am Stöckter Hafen haben sich die Grigoleits gut eingerichtet. Als zweites Standbein hat Ole inzwischen ein weiteres Hausboot mit 40 Quadratmetern Wohnfläche gebaut, das sie als Feriendomizil vermieten. Seit einem Fernsehbericht über die Familie wird das Hausboot regelmäßig angemietet – obwohl es gerade erst fertig gestellt wurde. Bei ihrem neuen Ferien-Hausboot hat Ole vieles anders gemacht als bei ihrem eigenen Hausboot. Würde er es heute bauen, würde er alles anders machen. „Am liebsten würde ich es noch mal abreißen“, sagt der 33-Jährige. Ihr Hausboot hat außer der Haustür nur zwei weitere Türen – zum Bad und zum Kinderzimmer. Ihr Schlafzimmer ist ein Durchgangszimmer im Obergeschoss, das Bad am Ende des Wohnraums im Erdgeschoss lässt es nicht zu, weitere Wände einzuziehen, ohne noch mehr Durchgangszimmer zu schaffen. Die Fenster müssten erneuert werden, die Isolierung ist dürftig. „Es rächt sich jetzt, dass wir beim Bau so viel Geld gespart haben.“ Geheizt wird ausschließlich mit Pelletofen, während das Ferien-Hausboot über eine komfortable Fußbodenheizung verfügt.

Wunsch nach mehr Abgeschiedenheit

Der Alltag im Hausboot ist für Familie Grigoleit nicht viel anders als an Land. Es gibt fließendes Wasser und Strom, auch wenn die Wasserleitungen durch Frost und Tidenhub im Hafen immer wieder leiden. Ole schafft es kaum, die ständig auftauchenden Schwachstellen an ihrem Hausboot auszubessern, denn seine Arbeit als Hafenmeister fordert ihn sieben Tage die Woche rund um die Uhr. Während an anderen Häfen der Hafenmeister nur bedingt greifbar ist, wohnt Ole direkt auf dem Gelände – Fluch und Segen zugleich. Privatsphäre hat die Familie kaum, einige Bootsbesitzer sehen ihr Haus eher als Vereinshaus denn als Privatunterkunft. Jill und Ole haben einen guten Kontakt zu den Bootseignern, doch manchmal wünschen sie sich mehr Abgeschiedenheit. „Vor kurzem waren wir ein Wochenende am Stover Strand campen, um mal unter uns zu sein“, erzählt Jill. Die zweifache Mutter hat ihre Arbeit in Hamburg aufgegeben und kümmert sich nun um die Kinder, die Ferienhausvermietung und das Marketing drumherum. Sie kann das Leben auf dem Hausboot mehr genießen als Ole, der manchmal in Arbeit erstickt. Ihre Kinder kennen nur ein Leben auf dem Hausboot, die kleine Morlin ist sogar auf dem Boot geboren. „Bei Line hat es gedauert, bis sie realisiert hat, dass sie anders lebt“, erzählt die Mutter der Vierjährigen. Auch wenn ihre Tochter manchmal den Wunsch äußert, wie alle Anderen in einem Haus zu wohnen, fehlt es ihr am Stöckter Hafen an nichts – im Gegenteil: Die Mädchen haben ein großes Kinderzimmer, an Land gibt es einen großen Spielplatz neben der Terrasse mit Hafenblick, und allein das Hafengelände ist riesig. Die Grigoleits erziehen ihre Kinder zu Respekt vor dem Wasser. Auf der Brücke zum Hausboot müssen die Kinder immer an der Hand gehen, auf Booten – von denen die Familie so einige besitzt – wird stets eine Schwimmweste getragen, vom Ufer müssen sie Abstand nehmen. „Wir sind uns der erhöhten Gefahr schon bewusst. Wir lassen unsere Kinder am Wasser nicht allein“, so Jill. „Wir machen uns eher Gedanken, wenn hier Kinder zu Besuch sind. Bei unseren Kindern habe ich mehr Angst in der Stadt. Aber jedes Kind wächst mit spezifischen Gefahren auf.“ Im Sommer herrscht Hochbetrieb am Stöckter Hafen. Zum Winter, wenn die Boote an Land gezogen werden, wird es für die Grigoleits etwas ruhiger. „Im Winter ist es hier auch schön, weil wir wieder mehr Zeit für uns haben“, meint Jill. Während Ole von geregelten Arbeitszeiten träumt, würde Jill gerne mal mit der Familie Urlaub machen. Doch der Kredit für den Hafen muss abbezahlt werden. „Der Hafen ist unser Haus – mit dem Unterschied, dass der Hafen Geld einbringt.“ Wenn Geld übrig ist, stecken sie es wieder in ihr Hausboot – ein ewiger Kreislauf. Auch wenn sich Jill und Ole in zehn Jahren nicht mehr in diesem Hausboot sehen, schätzen sie die kleinen Dinge, die man in einem Haus an Land nicht hat. „Ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen“, meint Jill. „Schon der Blick aufs Wasser beim Aufwachen ist toll, oder wenn am Ufer Rehe stehen und trinken. Die Kinder füttern die Enten aus dem Fenster, und es gibt hier Graureiher und sogar Eisvögel.“ Die Mutter liebt das Leben mit den Gezeiten – sie richtet ihre Einkaufszeiten schon mal danach aus, wann die Brücke zum Haus nicht so steil ist, um die Einkäufe bequemer nach Hause zu bringen. „Wir sind von April bis Oktober draußen. Das ist ein Stück Freiheit, aber es gibt eben auch viel Arbeit. Aber das wäre mit einem normalen Haus sicher nicht anders.“ (JVE)

Ein wenig Geschichte

stadtlichter feiert in dieser Ausgabe das 15-jährige Bestehen. Doch wie fing eigentlich alles an? Das Magazin wurde 2003 in Anlehnung an Lüneburgs Telefon-Vorwahl unter dem Titel „Projekt 41/31“ von der Journalistin Katja Müller mit einer Startauflage von 5.000 Exemplaren gegründet. Damit hatte Lüneburg wieder ein Stadtmagazin. Schon kurze Zeit später bekam das Projekt 41/31 seinen heutigen Namen: „stadtlichter“. Die Auflage stieg erst auf 7.000, dann auf 10.000 Exemplare, und die fand dann auch in den Nachbarstädten Uelzen und Winsen ein gutes Echo. 2011 gab es einen Wechsel: Ragna Naujoks und Heribert Eickholt, beide „alte Hasen“ in der Lüneburger Medienlandschaft, übernahmen den Magazintitel „stadtlichter“ und führen ihn seither in ihrem NordMagazine Verlag weiter. In einem Relaunch wurden nach den Herausgeberwechsel gestalterische und inhaltliche Strukturen verändert und die Schwerpunkte anders gesetzt. Das Szenige trat in den Hintergrund, Kultur, Reportage und Porträt in den Vordergrund. Vorschauen auf die vielfältige Kulturlandschaft, auf Ausnahme-Sport und Feste dominieren jetzt den Inhalt. Wer sich in der Vielzahl der Veranstaltungen in der Region orientieren will, für den ist stadtlichter die Nummer 1.

Lieblingsrubriken gibt es im Magazin viele. Für die einen ist es das Editorial oder die stadtlichterseite, für andere das Lüneburger Gesicht, die Reportage, die Leute-Geschichte über interessante Menschen, die Minis, die Buchrezensionen, Filmtipps, der lokale Bandtipp, das Schaufenster des Monats oder die Must Haves – jeder findet seine Lieblingsseite.

stadtlichter soll auch in Zukunft ein Print-erzeugnis bleiben. Trotzdem kann man im Magazin natürlich auch online blättern und den Terminkalender als App im PlayStore kostenlos herunterladen. Der Vertrieb erfolgt in eigener Regie, immer pünktlich am letzten Tag eines Monats an etwa 350 Stellen, die aktuelle Auflage beträgt 14.000 Exemplare. Auch hier setzt stadtlichter auf Transparenz und Qualität: Die Auflage ist IVW-geprüft. Mitte 2017 ist die stadtlichter-Redaktion umgezogen und nun an der Feldstraße 37 in Lüneburg zu finden. (HE)

Jugger ist sein Leben

Sebastian Füntmann spielt im Jugger-Team im Lüneburger Kurpark

 

Sebastian Füntmann hat ein unkonventionelles Hobby. Während andere Fußball im Verein spielen, geht der 28-Jährige in den Lüneburger Kurpark, um mit Gleichgesinnten die Sportart Jugger auszuüben. Die Truppe ist ein Blickfang – und eine kleine Attraktion im Kurpark. „Jeder, dem man erzählt, dass man Jugger spielt, ist zunächst ratlos“, erzählt der Lüneburger. „Das versteht man erst, wenn man es gespielt hat.“ Zwar gibt es den Sport schon seit mehr als zehn Jahren in Lüneburg und seit mehr als 25 Jahren in Deutschland, doch er erscheint eher exotisch. Sebastian Füntmann lernte Jugger im Sommer 2008 über einen Kumpel im Lüneburger Kurpark kennen. Der Freund nahm ihn mit zum Training – seitdem brennt der 28-Jährige für den Sport. Jugger ist eine Mischung aus American Football und Gladiatorenkämpfen. Zwei Mannschaften mit je fünf Feldspielern versuchen den Jugg, den Spielball, in der Mitte des Spielfeldes zu erobern und ins Platzierfeld der gegnerischen Mannschaft zu tragen. Was für Außenstehende martialisch aussieht: Vier der fünf Spieler sind mit so genannten Pompfen ausgestattet, den Spielgeräten des Juggerns. Wird ein Spieler von einer solchen -Pompfe getroffen, kann er eine Zeitlang nicht ins Spiel eingreifen. Der fünfte Spieler, der Läufer, der keine Pompfe trägt, ist der Einzige, der den Jugg in die Hand nehmen darf. Seine Aufgabe ist es, geschützt durch seine Mitspieler den Jugg zu platzieren und damit zu punkten. Der Sport ist schnell und zeichnet sich durch taktische Manöver aus.

Ursprung
in australischem Film

Entstanden ist Jugger durch den australischen Endzeitfilm „Die Jugger – Kampf der Besten“ von 1989. „Ein ziemlicher B-Movie“, meint Sebastian Füntmann, doch auch er hat ihn auf DVD und betont, dass er unter Juggern eine Art Kultstatus habe und wiederholt gesehen werde. Das Lüneburger Jugger-Team gehört keinem Verein an, und auch das Training wird eher spontan ausgemacht. Für die Absprachen im Team gibt es eine WhatsApp-Gruppe, doch meist läuft es auf ein mehrstündiges Treffen am Sonntagnachmittag im Kurpark hinaus, manchmal auch unter der Woche. 15 bis 20 Jugger spielen in Lüneburg, viele Studenten, keiner älter als 35, unter ihnen eine Frau. Für ein Spiel werden mindestens zehn Spieler gebraucht. „Wir sind meistens zu wenige“, so Sebastian Füntmann. Da das Spiel anstrengend ist und man viel Ausdauer braucht, wird normalerweise regelmäßig ausgewechselt, doch Ersatzspieler haben sie beim Training im Kurpark fast nie. „Es gibt eine Spielvariante mit vier gegen vier, wenn man zu wenig Spieler hat.“ Sebastian Füntmann spielt seit zehn Jahren Jugger – doch nicht durchgehend in Lüneburg. Dreieinhalb Jahre lebte er während seiner Ausbildung zum Bürokaufmann in Husum, wo er ebenfalls ein Jugger-Team gründete. Seit 2012 ist er zurück, das Husumer Team existiert immer noch.

Pompfen werden
selbstgebaut

Dass Sebastian Füntmann bei dem ungewöhnlichen Sport Jugger gelandet ist, ist kein Zufall. „Ich mag gerne andere Sachen, weil ich selbst vom Wesen her anders bin“, erklärt er, „Ich mag außergewöhnliche Menschen um mich herum.“ Körperliche Einschränkungen und viele Krankenhausaufenthalte in jungen Jahren erschwerten dem 28-Jährigen immer wieder soziale Kontakte, doch in seinem Jugger-Team hat er seinen festen Platz gefunden. „Viele Leute im Team sind sehr tiefgründig“, erzählt er, mit einigen verbinde ihn eine enge Freundschaft. Wer Jugger spielt, geht nicht nur zum Training – außerhalb der Trainingszeiten werden auch die Spielgeräte selbst gebaut oder repariert. Zwar gibt es in Berlin einen Pompfenshop, doch dort sind die Geräte teuer. Alle Spielgeräte des Lüneburger Teams sind selbstgebaut, viele auch von Sebastian Füntmann. „Nach meiner Zeit in Husum hatte ich eine Riesenmenge an Pompfen. Da habe ich mich beim Bauen etwas hineingesteigert“, erinnert er sich. Die Spielgeräte bewahrt der 28-Jährige, der die Organisation im Team in die Hand nimmt und Ansprechpartner für Neulinge ist, bei sich im Schuppen auf. Vor jedem Training kommt bei ihm ein Teamkollege vorbei, um beim Transport des Bollerwagens mit den Geräten zum Kurpark zu helfen. Die Spielgeräte sehen gefährlicher aus, als sie sind. Die bis zu zwei Meter langen Stäbe der Pom-p-
–fen müssen gut gepolstert sein – das Regelwerk verbietet harte oder gar scharfe Spielgeräte. Auch die mehr als drei Meter lange Kette besteht aus einem Schaumstoffball an einer Plastikkette, die extra gepolstert ist und über dem Kopf geschwungen werden soll. Hand- oder Kopftreffer zählen im Spiel zudem nicht. „Bei den Sportgeräten ist alles festgelegt, von den Maßen bis zur Polsterung“, so Füntmann. „Man kann sich an ihnen nicht verletzen.“ Im Rahmen dieser Vorschriften gibt es aber genug Spielraum, um mit dem Gewicht der Geräte zu experimentieren, was einige bis zur Perfektion betreiben. „Es wird alles leichter“, erklärt der Jugger-Spieler, „es gibt Pomp-fen, die so leicht sind wie ein Blatt Papier.“

Einschüchternder Eindruck

Da sonntags vor allem bei gutem Wetter im Lüneburger Kurpark viel los ist, erregt das Jugger-Team regelmäßig Interesse. Oft schauen Menschen zu, stellen Fragen oder probieren den Sport selbst aus. Zwar gehört zu dem Spiel für die Zeitnahme das Schlagen auf einer Trommel, doch Beschwerden gibt es selten. Dennoch macht der Sport von außen einen eher befremdlichen Eindruck. „Ich glaube, wir wirken recht einschüchternd“, vermutet Sebastian Füntmann. „Wir sind Leute mit Keulen in der Hand, die sich Sachen zurufen und miteinander kämpfen.“ Doch für ihn zeichnet sich der Sport durch besondere Fairness und einen sozialen Umgang miteinander aus. „Was ich an Jugger sehr liebe, ist, dass man Fehler zugibt und sie dem Gegner sofort ansagt.“ Nur wenige Jugger-Mannschaften in Deutschland seien sehr ehrgeizig, vielmehr gehe es um Spaß und Fairness. „Wir sitzen manchmal auch nur eine Stunde zusammen und reden“, erklärt der Lüneburger. Da das Jugger-Team keinem Verein angehört, gestaltet es sich für die Spieler in der Wintersaison schwierig, eine Hallenzeit in Lüneburg zu bekommen. „Wir hatten schon überlegt, uns dem MTV anzuschließen. Aber unsere Gruppe ist wirklich sehr lose, und viele wollen da keine Vereinsstruktur reinbringen“, erklärt Sebas-tian Füntmann. Er selbst hat nichts dagegen, bei Regen oder Kälte zu trainieren. „Auch eine Schlammschlacht macht einigen richtig Spaß“, weiß er. Vorschriften bezüglich der Kleidung gibt es nicht, doch für Turniere haben die Lüneburger Jugger Trikots. Bequeme Kleidung ist am wichtigsten. Viele spielen barfuß, einige haben Knieschützer, Stollenschuhe sind nicht erlaubt. „Sicherheit geht vor“ gilt auch bei Jugger. Körperliche Fitness ist von Vorteil, deshalb machen einige Lauftraining. Sebastian Füntmann bereitet normales Gehen schon Probleme – das Rennen beim Jugger komischerweise nicht. Neben dem Jugger geht der 28-Jährige bouldern. Er hat eine Muskelschwäche, doch durch den Sport konnte er schon mehr Muskeln aufbauen. Sein Orthopäde rät ihm ab vom Juggern – doch für ihn ist es sein Leben. Auch sein bester Freund, der in Wittstock lebt, ist so Jugger-verrückt wie er. Mit ihm hatte er seinerzeit das Jugger-Team in Husum aufgebaut. Auch ohne Verein ist jedes Jugger-Team in Deutschland turnierberechtigt. Im vergangenen Jahr spielten die Lüneburger zwei Turniere, dieses Jahr sollen es drei sein. Ende August steht die Hamburger Meisterschaft an, wo 24 Mannschaften gegeneinander antreten. Jugger verzeichnet bundesweit wachsende Spielerzahlen, im Norden ist der Sport schon mehr vertreten als im Süden der Republik. Auch Lüneburg richtete schon
Ju-gger-Turniere aus, doch die Struktur des Teams gibt das momentan nicht her. „Einige streben mehr an, aber es gibt auch Mannschaften, die zu ehrgeizig sind“, meint Füntmann. (JVE)

  • Infos: Sebastian Füntmann, Tel. 01 77 – 3 33 02 69,
  • E-Mail jugger.lueneburg@yahoo.com

Im Auftrag für die Muttersprache

Die Lüneburgerin Maiko Wall arbeitet als Japanisch-Dolmetscherin

Maiko Wall ist in der deutschen Sprache genauso zu Hause wie in der japanischen. Die 35-Jährige arbeitet als Dolmetscherin für japanische Medien. Aufgewachsen ist Maiko Wall in der Nähe von Kassel. Ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter Japanerin, die seit den siebziger Jahren in Deutschland lebt. Während die Mutter immer konsequent japanisch mit ihren Kindern sprach, machten sich Maiko und ihre zwei älteren Brüder einen Spaß daraus, eine Mischung aus Japanisch mit deutschen Endungen zu sprechen. Anwenden konnten die Geschwister ihr Japanisch vor allem bei der Verwandtschaft. „Wir waren früher jedes Jahr in den Sommerferien bei den Großeltern in Japan“, berichtet die 35-Jährige. „Meine Mutter kann ja Deutsch, aber in Japan waren wir gezwungen, Japanisch zu sprechen.“ Zu Schulzeiten spielte es für Maiko Wall keine besondere Rolle, zweisprachig aufzuwachsen. Doch nach dem Abitur entwickelte sie den Ehrgeiz, ihre Muttersprache zu vertiefen. „Meine Mutter hat uns nie gezwungen, Japanisch zu schreiben. Ich hatte aber Interesse daran“, erzählt sie. „Ich war die Einzige aus der Familie, die das bewusst erkunden wollte.“ Deshalb ging sie für ein Jahr nach Tokio, um einen Intensiv-Sprachkurs zu machen. Die japanische Schriftsprache ist eine Kombination aus Lautschrift und Symbolschrift, die aus dem Chinesischen übernommen wurde. Schwierig sind die feinen Unterschiede in der Betonung und Aussprache. „Es hilft zwar, wenn man es schon sprechen kann. Aber es war auch für mich hauptsächlich mit Pauken verbunden“, erinnert sich Maiko Wall. 2002 kam die Halbjapanerin zum Studium der Angewandten Kulturwissenschaften nach Lüneburg. Ein konkretes Berufsziel hatte die junge Studentin anfangs nicht, doch ihr Schwerpunkt Medien erwies sich später für sie als nützlich. Im Studium hatte sie Angst, ihre Japanisch-Kenntnisse wieder zu verlieren. Über die Universität organisierte sie sich deshalb einen sechsmonatigen Studienaufenthalt in Naruto, der japanischen Partnerstadt Lüneburgs. Danach hängte sie ein sechsmonatiges Praktikum in der deutschen Botschaft in Tokio an.

Kontakte
durch Mundpropaganda

Um auch von Lüneburg aus den Draht zum Japanischen nicht zu verlieren, besuchte Maiko als Gasthörerin Japanologie-Veranstaltungen der Universität Hamburg. Hier knüpfte sie viele Kontakte zu anderen Japanern und gewann neue Freunde dazu. Schnell war sie Teil eines Netzwerks, das im Medienbereich tätig war. Hieraus entstand später die Firma Dokuwa Communications, eine deutsch-japanische Filmproduktionsfirma, für die sie heute freiberuflich dolmetscht. Der Grundstein für Maiko Walls beruflichen Einstieg wurde während der Fußball-WM 2006 in Deutschland gelegt, als die Beteiligten von Dokuwa Communications noch Studenten waren. „Von allen japanischen Sendern waren Vertreter da, mit denen wir während der WM viel unterwegs waren“, erzählt Maiko, „darüber haben wir immer wieder neue Leute kennen gelernt. Durch Mundpropaganda hat sich viel daraus ergeben.“ Inzwischen ist Maiko Wall, die für die japanische Seite gerne auch den Mädchennamen ihrer Mutter, Nishikawa, verwendet, als freiberufliche Dolmetscherin gut im Geschäft. „Mein Job ist wirklich ein großes Glück, vielseitig und immer interessant“, meint sie. Aufträge von japanischen Fernsehsendern gibt es reichlich, zum Beispiel für Reisesendungen. Maiko Wall bereitet dafür alles vor Ort vor, bucht Unterkünfte, organisiert Interviewpartner und begleitet zum Dolmetschen die Filmdrehs. Aktuell arbeitet sie an einer Dokumentation für das öffentlich-rechtliche japanische Fernsehen über das „Napalm-Mädchen“ Phan Thi Kim Phúc, das während des Vietnamkrieges Opfer eines Napalm-Angriffs wurde. Da kurz danach ein Team vom stern das Mädchen besuchte, übernimmt Maiko in Deutschland das Interview mit dem damaligen stern-Redakteur sowie die Archivrecherche. „Es ist ein zufälliges Nebenprodukt, dass das Thema mit Deutschland zu tun hat“, erklärt sie.

Deutschland ähnelt Japan

Themen aus Deutschland, die für das japanische Fernsehen interessant sind, gibt es immer wieder. Dazu erklärt sie: „In vielen Aspekten sind Deutschland und Japan sehr vergleichbar. Beide sind Kriegsverliererländer. In Japan steht gerade eine Verfassungsänderung an, die dem Militär die Teilnahme an Auslandseinsätzen erlauben soll, was dem Kriegsverliererland bisher nicht erlaubt ist. Da diese Entscheidung in Deutschland auch vor langer Zeit gefallen ist, schauen die Japaner nach Deutschland.“ Auch in anderen Bereichen ähnele Deutschland Japan, zum Beispiel in Hinblick auf die wirtschaftliche Position oder die Überalterung der Gesellschaft. „Deshalb kommt es immer wieder vor, dass die Japaner nach Deutschland gucken“, sagt die Dolmetscherin. Neben der Arbeit für Dokuwa Communications dolmetscht Maiko Wall bei Bildungsreisen für japanische Erzieher in Deutschland. Auch in diesem Berufszweig interessieren sich die Japaner für die Abläufe in Deutschland. „In Deutschland steht freies Spiel mehr im Vordergrund als in Japan, dafür holen sie sich Anregungen.“ Sie selbst sei eher typisch deutsch aufgewachsen, erklärt sie. Ihre Mutter habe sie im Gegensatz zu anderen sogar früh dazu ermutigt, schnell selbstständig zu werden und hinaus in die Welt zu gehen. Streng war die Mutter bei ihrer einzigen Tochter hingegen im Umgang mit Jungs. „Das war für sie so weit weg von dem, was sie kannte“, meint die 35-Jährige.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Japanern entdeckt Maiko immer wieder feine Unterschiede: „Mit japanischen Freunden gibt es nicht so eine Streit- oder Diskussionskultur. Streit wird nicht ausgetragen, sondern es heißt nur: Die Dinge sind halt einfach so. Vieles bleibt einfach so stehen.“ Umgekehrt habe Japan eine sehr fröhliche Kultur, von der sich Deutschland eine Scheibe abschneiden könne. „Es nervt mich in Deutschland manchmal, dass jede Kleinigkeit auf Teufel komm raus kritisiert werden muss“, meint sie. Sie fühlt sich in beiden Ländern zu Hause, hält Kontakt zur verbliebenen Verwandtschaft in Japan.

In Cannes
auf dem Roten Teppich

Ein einschneidendes Erlebnis machte Maiko Wall im Jahr 2016. Eine Filmproduktionsfirma suchte einen Dolmetscher für die Filmfestspiele in Cannes. Die erfolgreiche japanische Regisseurin Naomi Kawase hatte den Vorsitz der Jury für die Kurzfilme und suchte jemanden, der vor Ort vom Japanischen ins Englische übersetzen kann. Maiko machte sich in Windeseile schlau über die Regisseurin, denn zur Auswahl gab es ein Interview über Skype. „Scheinbar hat denen das gefallen. Zwei Tage später saß ich im Flieger nach Nizza“, erinnert sie sich. Eine Woche konnte die Dolmetscherin in Cannes die Luft der Stars und Sternchen schnuppern, war bei offiziellen Terminen die Übersetzerin für Naomi Kawase. „Das habe ich mir nicht erträumt, dass ich mal mit so vielen Prominenten im Fahrstuhl stehen würde“, sagt sie schmunzelnd. „Ich hatte das Gefühl, ich bin die Einzige, die nicht in der Gala vorkommt.“ Noch im selben Jahr wurde Maiko als Dolmetscherin per Skype dem Flaherty Filmseminar in den USA zugeschaltet, wo die Regisseurin Naomi Kawase ihre Dokumentarfilme zeigte. Hier stieß Maiko auf deren Film „Genpin“, der sie nicht wieder losließ. Die junge Lüneburgerin war zu dieser Zeit schwanger mit ihrer heute 15 Monate alten Tochter Momoko und war vielleicht deshalb so interessiert an dem Thema. „Genpin“, der in Deutschland noch nie im Kino oder Fernsehen lief und auch nicht auf DVD erhältlich ist, dreht sich um den Frauenarzt Dr. Tadashi Yoshimura und seine Klinik für natürliche Geburten mit angeschlossenem Geburtshaus in der japanischen Stadt Okazaki. In dem traditionell eingerichteten Geburtshaus können sich die Frauen schon während der Schwangerschaft regelmäßig treffen, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Sie hacken Holz, bereiten Essen über dem Feuer zu und wischen die alten Wandpaneele – und empfinden so den Alltag im Japan der Edo-Periode nach. Die Regisseurin Naomi Kawase folgt in dem Film einigen der Frauen vor, während und nach der Geburt ihrer Kinder und zeigt Momente des puren Glücks, aber auch der tiefen Trauer. Sie geht dabei auf einfühlsame Weise auf die Konflikte ein, die zwischen Yoshimura, den Geburtshelferinnen und den werdenden Müttern entstehen bei dem Versuch, neuem Leben auf respektvolle Art in die Welt zu helfen.

Japanischer Film im Scala-Kino

Maiko Wall ist bis heute tief beeindruckt von dem Film. Sie ist nicht nur aus filmischer Sicht begeistert von der sensiblen Herangehensweise der Regisseurin. „Genpin“ führte ihr vor Augen, dass man sich als Schwangere unter normalen Umständen ein schönes Umfeld schaffen muss, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Die Sichtweise des Films beeinflusste die Dolmetscherin unter anderem auch in Hinblick auf die Geburt ihrer eigenen Tochter, sie entschied sich für eine Hausgeburt. „Man sollte den Bezug nicht verlieren, dass eine Geburt etwas Natürliches ist“, meint sie. Passend zum Welthebammentag am 5. Mai will die junge Mutter den ungewöhnlichen Film nun auch dem deutschen Publikum nahe bringen. Sie organisierte neben Filmvorführungen in Hamburg (4. Mai) und Kassel (6. Mai) auch eine Vorführung am Samstag, 5. Mai, 16:45 Uhr im Scala-Kino. Der Film in Spielfilmlänge wird auf Japanisch mit englischen Untertiteln gezeigt. Maiko Wall weiß, dass es asiatische Film in Deutschland nicht leicht haben. Doch sie möchte, dass der Regisseurin Naomi Kawase, die in Europa vor allem in Frankreich anerkannt ist, mehr Beachtung geschenkt wird. Inzwischen verbindet sie mit der Japanerin mehr als nur eine Geschäftsbeziehung. (JVE)

Die Weltenbummlerin

Carmela Röhr war als Granny AU-PAIR in China, Südafrika und den USA

Carmela Röhr wollte andere Länder und ihre Kulturen kennenlernen. Die Handorferin war als Granny Au-pair mehrmals im Ausland. Nebenbei gewann sie eine neue Familie dazu. Carmela Röhr kennt keine Scheu, auf andere zuzugehen. Und sie lernt gern Neues kennen. Seit 35 Jahren lebt die gebürtige Schweizerin mit ihrem Mann in Handorf. Die gemeinsame Leidenschaft des Paares war schon immer das Reisen – erst zu zweit, später mit ihrem Sohn, der heute 29 ist. „Wir haben fast die ganze Welt gesehen“, erzählt die 64-Jährige. Die Versicherungskauffrau arbeitete, bis sie 57 war, doch die Beine legte sie noch lange nicht hoch. Vor ein paar Jahren las Carmela Röhr in der Zeitung von der Möglichkeit, als Granny Au-pair, eine Art Leihoma, ins Ausland zu gehen. „Wir sind zwar viel gereist, aber in zwei bis vier Wochen lernt man die Leute in einem Land nicht richtig kennen“, meint sie. Sie registrierte sich im Portal der Hamburger Agentur Granny Aupair. Die erste Anfrage kam ausgerechnet aus ihrem Heimatland, der Schweiz. Sie lehnte ab. „Ich wollte doch weit weg“, erklärt sie. Sie träumte von einem Einsatz in Australien, wo sie vor 30 Jahren einmal war. Doch auch Asien hatte es ihr angetan. So klang das Angebot für sie interessant, als eine junge Familie aus der chinesischen Millionenstadt Hangzhou sie kontaktierte. Die Familie, ein deutscher Vater, der studierte, eine voll arbeitende chinesische Mutter und ein neun Monate altes Mädchen, brauchte möglichst schnell eine Betreuung für das Kind. Mit den einheimischen Nannys war das Paar nicht gut ausgekommen. Carmela Röhr nahm das Angebot an und reiste 2014 mit einem Dreimonats-Visum nach Hangzhou.

Begegnungen auf dem Hof

Als Granny Au-pair hat man keinen Arbeitsvertrag, sondern reist als Tourist ein. Mit der Gastfamilie wird ausgemacht, nach welchem Prinzip die Granny bezahlt wird, ob mit wöchentlichem Taschengeld oder einer Übernahme der Reisekosten. In Hang-zhou lebte Carmela Röhr in einer abgeschlossenen Hochhaussiedlung, die, anders als in Deutschland, von gut betuchten Menschen bewohnt war und als absolut sicher galt. Die Sympathien mit dem Vater, der die Granny vom Flughafen abholte, stimmten sofort. Die Betreuung des Babys stellte für die Granny keine Schwierigkeit dar. Gewöhnungsbedürftig waren dagegen zum Teil die chinesischen Erziehungsmethoden. Sie war viel mit dem Mädchen allein. „In China ist es der Regelfall, dass die Eltern so viel weg sind“, erklärt die 64-Jährige. Die Schweizerin merkte schnell, dass sich auf dem Platz zwischen den Hochhäusern das ganze Leben abspielte. „Ich bin jeden Morgen mit dem Kinderwagen in den Hof gegangen. Da saßen dann zig chinesische Nannys mit den Kindern“, erzählt sie. Da diese meist kein Englisch konnten, verständigte sie sich mit Händen und Füßen mit ihnen. „Das war ein Heidenspaß“, meint die Leihoma. Carmela Röhr war weit und breit die einzige Europäerin. Sie staunte, dass der Hof für die Chinesen auch ein Ort zum Turnen, für Tai Chi oder zum Tanzen war. Einmal im Monat kamen ein Frisör, ein Schuster oder ein Schneider in den Hof und versorgte alle mit seinen Dienstleistungen. Weil die chinesischen Nannys in ihrem Alter oder älter waren, suchte sie auch andere Kontakte zu Chinesen. „Im Café bin ich auch mit jüngeren Leuten ins Gespräch gekommen“, erzählt sie. Diese konnten in der Regel Englisch.

Unendliche Gastfreundschaft

Wenn die Granny an den Wochenenden frei hatte, unternahm sie Ausflüge mit der Gastfamilie, fuhr aber auch alleine mit dem Bus in die Umgebung. Eines ihrer bedeutendsten Erlebnisse begann an einer Bushaltestelle, als Carmela Röhr zu einem Teedorf fahren wollte. „Ich bin mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die in dem Dorf Tee pflücken wollte. Sie lud mich ein mitzumachen“, erzählt sie. Ohne dass sie lange darüber nachdenken konnte, wurde sie von der Chinesin mitgenommen und in der Teeplantage in das Teepflücken eingeweiht. „Ich wurde von den anderen Chinesinnen ganz herzlich empfangen“, betont sie. „Sie lernen nie Europäer kennen und finden das toll.“ Eine Stunde pflückte Carmela Röhr mit den anderen Tee. „Das ist total schwierig, Ich weiß jetzt, warum der Tee so teuer ist.“ Sie ist dankbar für diese einmalige Gelegenheit und den Einblick in das Leben der Chinesinnen, der sich ihr spontan geboten hatte. Nach dem Teepflücken ging es zum gemeinsamen Teetrinken, Spazierengehen und Essen. „Das war so ein aufregender Tag, das würde man so nie erleben“, sagt Carmela Röhr rückblickend. Zu ihren „Teemädels“, wie sie sie nannte, hielt sie weiter Kontakt. Carmela Röhrs Monate in China waren geprägt von spannenden Begegnungen mit Einheimischen, die ihr immer wieder offen, neugierig, freundlich und hilfsbereit entgegen traten. „Es ist mir oft passiert, dass ich von Leuten angesprochen wurde“, erinnert sie sich. „Das sind so Glücksgefühle, nur Du unter Chinesen.“ Nach drei Monaten musste die Granny ihren Aufenthalt in China beenden, eine Verlängerung war von Behördenseite nicht möglich. Im Juni 2014 kam sie zurück nach Deutschland und wollte hier auch zunächst bleiben. Doch die nächste Anfrage kam schneller als erwartet: Eine Familie aus Südafrika mit drei Kindern suchte händeringend ein Granny Au-pair. „Sie suchten jemanden, der spontan und flexibel ist. Da meinte mein Mann, ich soll das machen“, erzählt sie. Schon im Herbst 2014 flog die Handorferin für drei Monate nach Südafrika, welches sie auch aus dem Urlaub kannte.

Im Luxus in Südafrika

Mit der Familie in Pretoria, einer deutschen Mutter und einem peruanischen Vater und den drei Kindern im Alter von zwei, vier und sechs Jahren verstand sich Carmela Röhr auf Anhieb gut. Die gut situierte Familie lebte luxuriös mit großem Haus, Garten und Pool. Neben ihr als Nanny gab es noch eine Haushälterin und einen Gärtner, sie wurde in einer Gästewohnung untergebracht. Tagsüber war sie mit der zweijährigen Sophia und der Haushälterin im Haus, das sie mit dem Kind nicht verlassen sollte. Wenn die Kleine Mittagsschlaf machte und der Vater zu Hause war, fuhr Carmela Röhr mit dem Rad zur Mall, um einen Kaffee zu trinken und das afrikanische Treiben auf sich wirken zu lassen. An den Wochenenden war sie mit der Familie unterwegs. „Es war einfach total anders als in China, aber beides war absolut reizvoll“, meint sie. Nach drei Monaten musste die Granny nach Deutschland zurück, doch schon bald fragte die Mutter aus Südafrika erneut, ob sie zurückkommen könne. Sie machte ihr den Aufenthalt schmackhaft, indem sie vorschlug, dass ihr Mann für einen Urlaub zunächst mitkommen könne. Ab Februar 2015 reiste die Granny also mit ihrem Mann sechs Wochen in Südafrika herum, bevor sie im März wieder bei der Familie ankamen. Sie blieb bis Ende Juni da. Carmela Röhr versuchte trotz Warnungen vor Überfällen, sich ab und zu unters Volk zu mischen. Sie fuhr mit den Bussen, die sonst die Arbeiter benutzten. „Die Leute waren supernett und hilfsbereit. Sie haben natürlich gemerkt, dass ich keine Südafrikanerin bin“, sagt sie. Andere Warnungen nahm sie ernst: „Ich bin nicht übermäßig vorsichtig und manchmal auch leichtsinnig. Aber man muss die Ratschläge der Einheimischen befolgen.“ So fuhr die Granny auch kürzeste Wege mit dem Taxi, wenn ihr vom Fußweg abgeraten wurde. Sie war nur bei Tageslicht alleine unterwegs, trug keinen auffälligen Schmuck und hatte keine Wertsachen dabei.

Hilferuf aus Amerika

Zwar hatte Carmela Röhr keine Zeit, einen Sprachkurs zu besuchen, doch sie suchte sich einen Schwimmkurs. Durch den dreimal in der Woche frühmorgens stattfindenden Kurs lernte sie eine Gruppe weißer Südafrikanerinnen kennen, die sie schnell in ihrer Mitte aufnahmen. Auch in diesem Land entwickelten sich durch Carmela Röhrs offene Art bei vielen Begegnungen kleine Freundschaften. Als sie im Juni abreiste, dachte sie nicht, dass sie so schnell wiederkommen würde: Schon Anfang November brauchte die Familie wieder dringend ihre Unterstützung, so dass sie für weitere zwei Monate hinflog. In dieser Zeit begleitete sie die Gastmutter für mehrere Wochen nach Botswana. Nach ihrem letzten Aufenthalt in Südafrika wollte Carmela Röhr für keine andere Familie mehr eingesetzt werden, zu eng ist die Bindung nach Südafrika. „Wir sind jetzt eine Familie“, meint sie. Dass die fünfköpfige Familie das genauso sieht, zeigte sich Ende 2016. Die Familie war aus beruflichen Gründen nach Washington gezogen und brauchte Anfang 2017 erneut ihre Hilfe. So flog sie für acht Wochen zu der Familie in die USA und war genau zur Amtseinführung von Donald Trump in Washington – ein unvergessliches Erlebnis. Seit mehr als einem Jahr war Carmela Röhr nicht mehr als Granny im Ausland. Doch vor einem halben Jahr kam von der Agentur Granny Aupair eine Anfrage, ob sie ihrer südafrikanischen Familie für ein paar Wochen aushelfen könne – in Köln. Sie fuhr für sechs Wochen zu der Familie, die für ein Jahr hier bleiben will. Sollte die Familie wieder ins Ausland gehen, schließt die Granny nicht aus, zeitweilig mitzukommen. „Wir hoffen alle, dass die Familie ein tolles Angebot in Asien bekommt“, erklärt sie. Solange die Familie sie nicht braucht, reist Carmela Röhr weiterhin mit ihrem Mann durch die Welt, auf dem Plan stehen Singapur, Australien und Hongkong. Zu Hause bereitet sie sich auf ihren dritten Triathlon vor. „Das ist das, was ich anderen Älteren vermitteln will: Es ist nie zu spät. Du schaffst alles, wenn Du es willst, ob es eine neue Sprache oder Sportart ist. Das Alter ist nur eine Zahl.“ (JVE)

Der eigene Weg

Die Künstlerin Marit Persiel führt Ihr erstes eigenes Theaterstück auf

Schauspielschulen waren nichts für sie, und in der Großstadt fühlte sie sich nicht wohl: Die Künstlerin und Theatermacherin Marit Persiel ging ihren eigenen Weg. Nun hat die 28-Jährige ihr erstes eigenes Theaterstück geschrieben, das im März im Salon Hansen uraufgeführt wird. Marit Persiel wuchs in Himbergen im Landkreis Uelzen auf. Nach dem Abitur 2009 zog sie zum Studieren nach Kiel, wo sie an der Fachhochschule ihren Bachelor in Medienproduktion machte. Ihr gefiel das Praktische: „Ich fand Medien und Fotografie immer spannend, dachte aber immer nur an die Produktion für Film, Fernsehen und Radio“, erzählt die 28-Jährige. Das Sprechen und Spielen lag zuerst nicht in ihrem Fokus, Gefallen daran fand sie aber vor allem durch einen spannenden Studentenjob: Im Kieler Grusellabyrinth, ähnlich dem Hamburger Dungeon, übernahm sie im Wechsel die Rolle von Waldwesen, einer Wahrsagerin, Archäologin oder auch eines Monsters. Anderthalb Jahre spielte sie neben dem Studium die gruseligen und auch lustigen Figuren, doch nach ihrem Bachelor-Abschluss 2013 wollte sie nicht in Kiel bleiben. „Ich wollte weitergehen und wissenschaftlich arbeiten. Die Ästhetik des Films und das filmische Erzählen haben mich interessiert“, erklärt sie. Doch sie bekam keinen Studienplatz für Medien- oder Filmwissenschaften. Stattdessen sammelte sie praktische Erfahrungen – und kam nach Lüneburg. Auf einem Aushang des Theaters Lüneburg wurden Darsteller für das Musical „Rent“ gesucht. Gesungen hatte sie schon in Schulbands und anderen Formationen, zuletzt in Kiel. So ging Marit zum Cas-ting – und ergatterte eine Nebenrolle als die überdrehte Bürodame Alexi Darling. Parallel zum Musical machte sie ein Praktikum an der Halle für Kunst. Noch während „Rent“ am Lüneburger Theater lief, erhielt Marit Persiel einen Anruf von der Lüneburger Nachwuchsproduzentin Franziska Pohlmann, die für ihren Film Darsteller suchte. Sie hatte Marit in „Rent“ auf der Bühne gesehen und engagierte sie schließlich als böse Königin für ihren Film „Die Krone von Arkus“, der 2014 hauptsächlich in Lüneburg gedreht wurde und 2015 bundesweit in die Kinos kam. „Am Anfang hieß es Studierendenprojekt. Aber es hat sich immer mehr zu etwas Größerem entwickelt. Plötzlich war es eine Kinoproduktion“, erinnert sich Marit. Noch bevor die Dreharbeiten begannen, hatte sie an der Leuphana Universität angefangen, Angewandte Kulturwissenschaften zu studieren und nutzte ihre Semes-terferien für den Filmdreh. Nebenher arbeitete sie im Scala-Kino.

Unmotivierte Mitschüler

An der Lüneburger Uni wurde Marit nicht recht glücklich. „Durch den Filmdreh und das Theaterspiel habe ich an der Uni gemerkt, dass das nichts für mich ist. Mir fehlte das Machen“, erinnert sie sich. Nach zwei Semestern schmiss sie das Studium und bewarb sich an Schauspielschulen. Sie erhielt einen Platz am Bühnenstudio Hamburg, einer privaten Schauspielschule. Von nun an pendelte Marit täglich von Lüneburg nach Hamburg. Während ihre Eltern für die Schauspielschule aufkamen, verdiente sie sich ihr Geld zum Leben weiterhin im Kino. Ein Jahr ging das so. „Das war ganz schön anstrengend“, sagt die 28-Jährige. Zwar war sie mit den Lehrern an der Schule zufrieden, doch es wurmte sie, mit welcher unmotivierten Haltung ihre Mitschüler an die Ausbildung herangingen. „Viele hatten keinen Bock und haben oft geschwänzt. Ich war aber voll motiviert“, erklärt sie. „Ich war schon Mitte Zwanzig und wollte vorwärts kommen, ich war einfach ungeduldig.“ Schließlich wechselte sie zum Schauspielstudio Frese. Hier waren die Schüler anders, der Ehrgeiz größer. Marit zog für die zweite Schauspielschule nach Hamburg, fuhr aber weiterhin zum Arbeiten nach Lüneburg. Doch sie fühlte sich nicht wohl: „In Hamburg war es nicht mein Ding, ich bin einfach kein Großstadtmensch.“ Auch die Atmosphäre an der Schauspielschule brachte sie zum Grübeln. „Ich wurde immer mehr mit Stereotypen konfrontiert und sollte in irgendwelche Schubladen passen“, erzählt sie. Die Schauspielschülerinnen mussten sich anhören, welche Muster sie erfüllen müssten, um an begehrte Rollen zu kommen. Doch Marit wollte diese Klischees nicht bedienen und zog nach einem halben Jahr auch an der zweiten Schauspielschule die Reißleine. Das Thema Schauspielschule war damit für sie beendet, doch sie möchte diese anderthalb Jahre nicht missen. „Neben dem Schauspiel habe ich viele Dinge gelernt wie Tanz und Gesang oder Fechten und Boxen für den Bühnenkampf“, erklärt sie. Sie glaubte nicht daran, nur mit dem Abschluss einer – am besten staatlichen – Schauspielschule weiterzukommen. „Es wurde einem immer gesagt, was man machen muss“, meint sie. „Ich dachte mir, ich mach meinen eigenen Weg und lasse mich nicht ins System pressen.“

Spielen ohne Worte

So zog Marit 2016 zurück nach Lüneburg – ihre Freunde waren alle noch hier. Auch von der Schauspielschule hatte sie noch Freunde. Diese animierten sie schließlich, mit zu einem freien Bewegungsensemble zu kommen. Das Ensemble Tan.going ist eine Art pantomimisches Improvisationstheater, bei dem einzelne Szenen oder Bilder gespielt werden. Nichts ist inszeniert, gesprochen wird nicht, dafür mit Körpersprache erzählt. Marit Persiel gehört dem Hamburger Ensemble seit ihrem ersten Besuch an. Zweimal wöchentlich wird geprobt, das verdiente Geld stecken die Künstler wieder in ihre Arbeit. Marit Persiel bereichert es, ohne Worte die Menschen erreichen zu können. „Das ist eigentlich der Ursprung des Theaters“, meint sie. „Darum kreist meine Arbeit: Nicht zu erzählen, was andere zu denken haben, sondern jemanden zu berühren.“ Während Marit bei Tan.going selbst spielt, wirkte sie 2016 bei einer weiteren Performance mit, bei der sie nicht auf der Bühne stand. Mit einer Freundin erarbeitete sie das selbst geschriebene choreographische Stück „Die Kapsel“, das sich um eine Zukunft dreht, in der die Menschen gemeinsam in einer Kapsel eingeschlossen leben und alles zeitgleich und synchron machen. Geldgeber, Proben- und Aufführungsräume in Hamburg waren nach langer Suche gefunden, als Darsteller rekrutierte Marit Freunde aus Schauspielerkreisen. Innerhalb von einem Monat studierten sie das choreographische Stück ein und führten es insgesamt dreimal im Hamburger Sprechwerk sowie im Monsun-Theater auf. Die Reaktionen waren positiv. „Das hat mir bewiesen, dass es auch anders geht und man sein eigenes Ding machen kann.“ 2017 begann Marit, sich mehr mit performativem Arbeiten zu beschäftigen. Für das lunatic Festival arbeitete sie eine Kunst-Performance aus, für die sie mit Schauspielern der „Kapsel“ eine Gruppe gründete, die sie „Partitanz-Kollektiv“ nannte. Doch nach diesen Gruppenprojekten, für die sie hauptsächlich organisieren musste, wollte sie wieder etwas selbst machen. Schon lange schreibt sie Texte und Gedichte. Nach einem Swing-Tanzkurs an der Uni kam ihr die Idee zu „Minor Swing“. „Im Tanzkurs hieß es: Es geht im Swing nicht um feste Tanzschritte, jeder macht sein eigenes Ding.“ Wieder stieß die Künstlerin auf ihr Leitthema „Jeder macht so, wie er möchte“. Sie begann, sich mit dem Swing auseinanderzusetzen und stieß auf die Ursprünge, die Swingkids, aber auch das Swingverbot durch die Nazis. „Die Kids wollten einfach tanzen und wurden nur politisiert, weil sie Swingmusik gehört haben“, erzählt sie. „Das Thema hat mich mitgerissen.“ Daraus wollte sie etwas machen.

Stück über Swingkids

Das Ergebnis ist das Eine-Frau-Stück „Minor -Swing“. Im Mittelpunkt der Geschichte, die 1943 spielt, steht die fiktive Figur Alma, die sich „Mickey“ nennt und aus ihrem Leben erzählt. Marit Persiel spielt Alma selbst, wird dazu auch singen und tanzen. „Ich möchte eine Geschichte erzählen, wie ich sie als Kind mochte. Viele Leute haben keine Lust auf Performance“, weiß sie. Es war ihr wichtig, wieder einmal selbst zu spielen. Bei der Suche des Spielorts und Werbung halfen ihr Freunde, doch im Prinzip ist „Minor Swing“ ganz allein Marits Arbeit. „Minor Swing“ wird zunächst nur einmal am Samstag, 10. März, 20 Uhr im Salon Hansen aufgeführt. Mit dem Salon Hansen hat sie einen kleinen Aufführungsort gefunden, der zu der Düsterkeit des Themas passt, doch gerne würde Marit ihr Stück häufiger aufführen. „Der Saal wird wahrscheinlich gefüllt mit Leuten, die mich mal spielen sehen wollen“, glaubt sie. Die Künstlerin wünscht sich ein ehrliches Feedback, denn sie will wissen, ob ihr das schreiben und spielen liegt. „Es geht mir darum, was es mit den Leuten macht.“ Marit Persiel hofft, mit Theater, Kreativität und Kunst einmal Genug Geld zum Leben zu verdienen. Doch sie arbeitet weiterhin in Teilzeit im Kino, um ihre Kunst zu finanzieren. Nach der Aufführung ihres Stückes wird sie für einen Monat ihren Cousin in Portugal besuchen, um neue Ideen zu sammeln. „Es ist erfüllend, eigene Ideen zu kreieren und umzusetzen“, so die Theatermacherin. (JVE)