Leute

Im Einsatz für den Kaiser

Holger Böttcher arbeitet ehrenamtlich für den
Lauenburger Raddampfer Kaiser Wilhelm

 

Holger Böttcher hat von klein auf ein besonderes Verhältnis zum historischen Raddampfer Kaiser Wilhelm. Der Lauenburger arbeitet ehrenamtlich als Zahlmeister auf dem Museumsschiff. In Lauenburg aufgewachsen und mit einem ständigen Blick auf den Schornstein des Raddampfers, soll „Mein Kaiser Wilhelm” zu den ersten Worten gehört haben, die Böttcher als Kind von sich gab. Für den 50-Jährigen gehörte das Schiff, das in diesem Jahr ebenfalls 50 Jahre in Lauenburg beheimatet ist, immer zu seinem Leben. Seine erste Erinnerung: Als Schüler sollte er im Werkunterricht ein Fahrzeug mit Gummiantrieb bauen. „Da dachte ich mir, ich baue den Kaiser Wilhelm nach”, erinnert sich Böttcher. Das Ergebnis aus Styropor kam so gut an, dass es in Serie gehen sollte: Böttchers Vater hatte Kontakt zum „Vater” des Kaiser Wilhelm, Dr. Ernst Schmidt, und berichtete diesem von seinem Sohn und seinen Werken. Der 13-Jährige erhielt die Erlaubnis, seine Styropormodelle bei der Abfahrt des Raddampfers in Lauenburg an die Fahrgäste zu verkaufen. Zwei, drei Jahre waren Böttchers Modelle ein Verkaufsschlager – dann wollte der Jugendliche mehr. „Das hat mir irgendwann nicht mehr gereicht, ich wollte auf dem Schiff mithelfen”, erzählt er. Als Decksjunge begann Holger Böttcher schließlich seine Karriere auf dem Kaiser Wilhelm. „Ich habe Messing geputzt, Mülleimer geleert und Spinnweben entfernt. Außerdem saß ich als stellvertretender Zahlmeister mit in der Zahlmeisterei”, berichtet der 50-Jährige. „Ich habe vieles durch Learning by doing gelernt.” Zehn Jahre war er in seiner Jugend auf den Fahrten des Raddampfers dabei. „Disco und Frauen waren mir damals gleichgültig.” 1995 war ein Punkt erreicht, als es Böttcher genug war. „Aber den Kaiser habe ich nie aus den Augen verloren.” Erst Jahre später, im Jahr 2013, sollte Holger Böttcher wieder auf dem Kaiser Wilhelm anheuern. „Das Schiff war nicht mehr im optimalen Zustand, und die damalige Crew hatte aufgehört”, so Böttcher. Ein Jahr zuvor waren das Schiff und der dazugehörige Verein zur Förderung des Lauenburger Elbschifffahrtsmuseums führungslos geworden. Der neue Vorsitzende und Kapitän wurde der Lauenburger Reeder Markus Reich. Bei einem Treffen der beiden fragte Reich ihn, ob er nicht wieder auf dem Kaiser Wilhelm anheuern wolle. „Ich habe eine Nacht überlegt, es war wirklich eine Herzenssache”, so Böttcher.

Gebaut für die Oberweser

Vier Jahre lang war Holger Böttcher ab 2013 ehrenamtlicher Geschäftsführer des Fördervereins, außerdem einige Jahre als Mitarbeiter der Stadt Lauenburg Museumsmanager des Elbschifffahrtsmuseums. Heute ist er als „Zahlmeister” für die Erstellung der Fahrpläne, Organisation von Sonderfahrten und das Abkassieren der Fahrgelder an Bord zuständig. Auch den Internet- und Facebook-Auftritt des Schiffes pflegt er. Die erste große Tour, die der Zahlmeister von vorne bis hinten planen sollte, war eine Sonderfahrt mit dem Raddampfer nach Dresden, wo er im Jahr 1900 gebaut worden war. 2015 fand die Fahrt, die für Böttcher mit einem riesigen Organisationsaufwand verbunden war, schließlich statt. „In ein bis anderthalb Jahren habe ich gelernt, wie man sowas organisiert”, berichtet er. Dazu gehören unter anderem die Berechnung der Etappen und die Zusammenarbeit mit Reiseunternehmen, die sich um Gepäck und Unterkünfte an Land kümmern. 2017 war das Schiff dann zum ersten Mal in Berlin. Gebaut wurde der Raddampfer Kaiser Wilhelm ursprünglich für die Oberweser-Dampfschifffahrt. Das 1910 noch einmal verlängerte Schiff hat seitdem eine Länge von gut 57 Metern und kann maximal 270 Fahrgäste transportieren. Es hat eine gemächliche Reisegeschwindigkeit von maximal 14,5 Stundenkilometern. Von 1900 bis 1970 war das Schiff ausschließlich im Liniendienst auf der Weser, bis es schließlich verschrottet werden sollte. „Dr. Ernst Schmidt ergriff die Initiative und sagte 1970: Ich hole das Schiff als Eins-zu-eins-Modell für unser Museum”, erzählt Böttcher. Wie viel Geld der Lauenburger Verein für das Schiff damals zahlte, ist unbekannt. Schmidt und seine Crew überführten das Schiff im Oktober 1970 schließlich über den Mittellandkanal, Magdeburg und die damalige DDR nach Lauenburg, wo es inzwischen zu einem Wahrzeichen geworden ist. „Seit 20, 30 Jahren finden es die Leute an der Weser schade, dass das Schiff nach Lauenburg verkauft wurde”, sagt Böttcher. „Es ist heute noch sehr beliebt an der Weser. Die Leute kommen extra von da, um sich das Schiff hier anzusehen.” Als er im vergangenen Jahr an der Oberweser zu Besuch war, war er fasziniert, wie herzlich die Leute auf ihn in seiner Kaiser-Wilhelm-Jacke reagierten und wie oft er angesprochen wurde.

Doppeljubiläum im Jahr 2020

Lauenburg kann stolz sein auf das Museums-Exponat in Originalgröße. Mit der Aufnahme der historischen Elbfahrten des Kaiser Wilhelm von Lauenburg aus wurde die erste deutsche Museumsdampferlinie begonnen. Das Schiff ist einer von weltweit nur fünf Raddampfern, die noch mit Kohle befeuert werden. „In seiner Lebenszeit hat er jetzt den dritten Dampfkessel, aber die Maschine ist weitestgehend im Originalzustand”, so Böttcher. Rund 1,5 Millionen Euro wurden gerade in Dampfkessel, Heck und Rudermaschine investiert. Dazu gab es 950.000 Euro Fördermittel vom Bund, den Rest muss der Verein selbst tragen. In diesem Jahr feiert der Raddampfer ein Doppeljubiläum: Zum einen ist er seit genau 50 Jahren in Lauenburg heimisch, zum anderen ist er genau 120 Jahre alt. „120 Jahre lang ist das Schiff jedes Jahr gefahren, selbst in Kriegszeiten. Es hat immer alles funktioniert”, so Böttcher. Das Doppeljubiläum sollte 2020 der Anlass sein für eine besondere Fahrt zur Weser, wo es einst im Einsatz war. Am 17. Juli sollte es in Lauenburg losgehen zu einer 17-tägigen Tour mit zahlreichen Zu- und Ausstiegen und Übernachtungen an Land. „Wir hatten über 3.000 Anmeldungen”, erklärt Holger Böttcher, der die gesamte Reise organisiert hat – und alles wegen der Corona-Pandemie wieder stornieren musste. „Mir persönlich war das relativ früh klar, dass die Reise ausfallen muss”, so Böttcher. Um den Sohn des letzten Weser-Kapitäns Adolf Kruse, Jan, als Lotsen mitnehmen zu können, musste die Weserfahrt nun um ganze zwei Jahre verschoben werden. Holger Böttcher freut sich, dass viele Gäste, die die Reise gebucht hatten, ihre Buchung aufrecht erhalten. „Es ist etwas sehr Emotionales, wieder an die Weser zu fahren”, meint er. 25 bis 30 Ehrenamtliche waren als Besatzung für die Weser-Reise eingeplant. Fährt das Schiff nach Plan von Lauenburg nach Bleckede oder Hitzacker, sind in der Regel 15 Ehrenamtliche an Bord. Der Verein ist auf die Mitwirkung von Ehrenamtlichen angewiesen und kann immer Hilfe gebrauchen. „Man muss da nichts gelernt haben, nur bereit sein, von anderen Rat anzunehmen”, erklärt der Zahlmeister. Zwar verfüge der Verein über rund 350 Mitglieder, doch die wenigsten würden vor Ort leben und könnten in irgendeiner Form mithelfen.

Schwimmendes Museum

Auch für Holger Böttcher, der hauptberuflich als Kaufmännischer Angestellter arbeitet, geht für sein Ehrenamt viel Freizeit drauf. „Ich bin jeden Tag mit dem Schiff beschäftigt. Ich habe auch schon am ersten Weihnachtstag einen Anruf bekommen von jemandem, der das Schiff chartern wollte.” Über „das Schiff” hat Böttcher vor einigen Jahren auch seine Lebensgefährtin Magret kennengelernt, die als Schatzmeisterin für den Verein tätig ist und auch Dienste an Bord übernimmt. Magret lebt in Hohnstorf auf der anderen Elbseite und ist mit dem Anblick des Raddampfers vor Lauenburg ebenfalls aufgewachsen. Der Raddampfer Kaiser Wilhelm ist gewöhnlich jedes Jahr von April bis Anfang Oktober an 12 bis 13 Wochenenden unterwegs, von Lauenburg nach Bleckede, Hitzacker oder Hamburg – oder als Mottofahrt mit Musik. Pro Saison werden rund 5.000 bis 6.000 Fahrgäste befördert. „Wir sind zum Glück nicht immer ausgebucht”, so Böttcher, „das würde die Besatzung nicht immer schaffen.” So seien samstags und sonntags immer 250 bis 270 Fahrgäste an Bord, 200 seien aber angenehmer. Der Raddampfer ist eine Art „schwimmendes Museum”: Wer Interesse hat, kann während der Fahrt auch einen Blick in den Maschinen- und Kesselraum werfen. Auch Deutschlands einzige Schiffs-Poststelle befindet sich seit 2006 an Bord. 2016 war ein Fernsehteam des NDR an Bord des Kaiser Wilhelm, um eine Fahrt mit dem Raddampfer von Lauenburg nach Hamburg in Echtzeit aufzunehmen. Diese wurde Pfingsten 2017 unter dem Titel „Die Elbe. Ganz in Ruhe” ausgestrahlt – fünf Stunden lang. „Danach konnten wir uns bei Hamburg-Fahrten vor Fahrgästen nicht mehr retten”, berichtet Holger Böttcher. Grundsätzlich empfiehlt er, sich für alle Fahrten rechtzeitig anzumelden.

Zu schmal für Mindestabstand

Die Corona-Pandemie macht dem Fahrplan des Kaiser Wilhelm zurzeit noch einen Strich durch die Rechnung. „Das Schiff ist 4,50 Meter breit, da ist das mit dem Mindestabstand ganz schwer“, meint Holger Böttcher. Aus Denkmalschutzgründen sei das Aufstellen von Plexiglasscheiben nicht erlaubt, zudem gebe es Probleme mit dem Durchfahren verschiedener Länder und Landkreise, da überall unterschiedliche Bestimmungen gelten würden. „Ich hoffe, dass wir im August wieder anfangen können, aber dann bestimmt mit einem anderen Fahrplan. Wir wissen noch nicht, was wir dürfen”, erklärt er. Auch der Förderverein des Lauenburger Elbschifffahrtsmuseums kann in Krisenzeiten jeden Cent gebrauchen, denn Fixkosten wie Versicherungen und Miete fallen natürlich trotzdem an. Der Raddampfer liegt zurzeit noch in der Hitzler-Werft in Lauenburg und wäre nicht sofort fahrbereit. Holger Böttcher weiß aus Erzählungen viel über das Schiff und ist der Einzige der heute noch Aktiven, der Dr. Ernst Schmidt persönlich kannte. Er kann sich momentan nicht vorstellen, seinen Einsatz für den Raddampfer irgendwann aufzugeben, zu groß ist die emotionale Bindung: „Es gibt Momente, wo ich sage, ich höre auf. Aber es gibt noch einige Ideen für Projekte. Ich will in fünf Jahren noch den 125. feiern und noch eine größere Reise machen. Es macht verdammt viel Arbeit und verdammt viel Spaß, eine Dampferfahrt wie 1900 für die Nachwelt aufrecht zu erhalten.” (JVE)

Wenn die Kirmes stillsteht

Die Adendorfer Schaustellerfamilie Voß bangt um ihre Zukunft

Familie Voß ist in dieser Jahreszeit normalerweise nicht zu Hause. Für die Schausteller wäre jetzt Hochsaison. Doch wegen der Corona-Pandemie können sie bis mindestens Anfang September nicht arbeiten. „Ich bin so durcheinander, dass ich nicht einmal weiß, wo wir jetzt gerade wären”, so Paul Voß. Mitte März wäre für die Schaustellerfamilie die Saison losgegangen, dann wären sie mit ihren Lastwagen mitsamt Greifer-Automaten nach Hamburg gefahren, um ihr Geschäft für den Hamburger Frühlingsdom aufzubauen, der am 27. März beginnen sollte. Doch dann kam das Coronavirus, und alles wurde anders. „Als wir vom Verband gehört haben, dass der Frühlingsdom ausfällt, ist für uns schon eine Welt zusammengebrochen”, erzählt Peggy Voß. „Wir hatten gehofft, den Dom mit besonderen Hygienemaßnahmen noch hinzubekommen.” Schon während der ausgefallenen 31 Spieltage des Doms hofften die Schausteller, ihre Saison nur etwas verspätet beginnen zu können. „Wir hatten das Thema jeden Tag im Kopf, hofften auf Mai, auf kleine Veranstaltungen” so Paul Voß. Dass Mitte April von Bund und Ländern alle Großveranstaltungen bis zum 31. August untersagt wurden, ist für die Schausteller eine Katas-trophe. Familie Voß arbeitet in der Regel von März bis Weihnachten, je nach Fest mit Greifer-Automaten, Crepesstand oder Schwenkgrill. Auf dem Weihnachtsmarkt in Lüneburg fällt am 23. Dezember gewöhnlich die letzte Klappe. Doch durch das Verbot fällt nun mindestens mehr als die Hälfte ihres Jahreseinkommens weg. Die Zeit der Coronakrise bedeutet für sie eine Achterbahn der Gefühle. „Einen Tag ist man optimistisch, und den nächsten will man manchmal gar nicht aufstehen”, so Peggy Voß. Sie hofft auf Lockerungen zum September, damit sie irgendwie durch den Winter kommen. „Das Oktoberfest in Lüneburg wäre das erste für uns. Aber wir wissen noch nicht, wie die Leute dann weggehen und Geld ausgeben, sie müssen sich ja erst daran gewöhnen”, meint Paul Voß. Die Familie hat Verständnis für die Absagen der Großveranstaltungen. „Gesundheit geht natürlich vor. Aber kleinere Veranstaltungen wie Schützenfeste oder Dorffeste wären vielleicht gegangen”, meint Peggy Voß, „für die Gastronomie gibt es ja auch Regelungen.” Ihr und ihrem Mann fällt es zunehmend schwer zu verstehen, dass sie ihre Arbeit komplett einstellen müssen. „Das Verständnis hört langsam auf”, sagt sie.

Viel Zeit zu viert

Nicht nur Paul und Peggy Voß (beide 42) wohnen zurzeit dauerhaft in ihrem Wohnwagen auf dem Betriebsgrundstück im Gewerbegebiet in Adendorf, auch ihre Kinder Henry (14) und Helene (12), die die Schule am Katzenberg besuchen, sind seit Mitte März zu Hause. Für die vierköpfige Familie heißt das: Hausaufgaben auf engem Raum, Arbeiten auf dem Gelände und ungewöhnlich viel Zeit zu viert. „Meine Frau managet jetzt alles mit der Schule, denn die Kinder haben tausend Fragen”, so Paul Voß. Auf dem Plan stehen nun plötzlich Radtouren, Sport und Grillen mit der Familie. „Für uns als Familie ist das natürlich schön, wir kommen ja sonst nicht dazu”, sagt der Familienvater. „Ich kann mich auch schon mal in Ruhe hinsetzen, aber sobald die Sonne scheint, denken wir: Heute hätten wir schön Geld verdienen können. Wenn man bedenkt, wie der April war und wir waren zu Hause, dann brennt einem das Herz.”

Stillstand kennt die Schaustellerfamilie nicht. Die Eltern und ihre Kinder nutzen die Zeit, um ihren Crepesstand auf Vordermann zu bringen, der gewöhnlich in der Winterzeit auf Märkten ebenso zum Einsatz kommt wie ihr markanter Schwenkgrill mit Weihnachtspyramide. Renovierungsarbeiten laufen normalerweise nebenher, während das Geschäft an anderer Stelle brummt – nun kann die ganze Familie mit anpacken. Ein Aspekt, den Paul Voß durchaus auch positiv bewertet. „Vor allem unser Sohn weiß manchmal gar nicht, was es bedeutet, Schausteller zu sein. Die Kinder sind ja sonst in der Schule, und wir haben Personal, das uns hilft, an den Hütten was zu machen. Durch diese Zeit hat gerade unser Sohn sehr viel gelernt, was Werkzeug und Material angeht”, erklärt er. Ihre Tochter Helene sei da anders, habe schon immer das Geschäft mehr durchblickt. Zwar gab es auch für Familie Voß eine Corona-Soforthilfe für die laufenden Betriebskosten – doch auch diese ist bereits aufgebraucht. Die Familie spart nun, wo sie kann, lebt von kleinen Rücklagen. Noch im vergangenen Jahr hatten sie neue Greifer-Automaten angeschafft, viel Geld inves-tiert. Kredite müssen nun zurückgezahlt werden. Einen Laster wollten sie neu lackieren lassen, hatten über die Vergrößerung ihres Grundstücks nachgedacht, doch das können sie jetzt vergessen. Stattdessen hat Familie Voß mehrere Laster abgemeldet und Versicherungen auf Eis gelegt. Auch auf Reisen, wie sie sie normalerweise im Januar oder Februar machen, um mal zu viert wegzukommen, müssen sie wahrscheinlich in den nächsten Jahren verzichten. Ihren rumänischen Saisonarbeitern mussten sie vorerst absagen – auch diese wissen nun nicht, wie sie über die Runden kommen sollen. Zudem mussten sie bei ihren Lieferanten Bestellungen stornieren, zum Beispiel von Plüschtieren für die Greifer. „Nun haben wir natürlich auch Angst, dass unsere Zulieferer pleite gehen”, so Peggy Voß.

Hoffen auf den Rettungsschirm

In der Krise wird für die Schausteller deutlich, dass die jeweilige Branche entscheidend dafür ist, wie sie jetzt über die Runden kommen. „Wir haben von Kollegen gehört, die ihre Buden an der Tankstelle oder vor dem Supermarkt aufgestellt haben, aber einen Crepes kann man nicht gut mitnehmen, er muss ja warm sein”, so Paul Voß. Ihre Greifer können sie ebenfalls nicht einfach irgendwo aufstellen. Genauso geht es den Karussellbetreibern. Alle Schausteller hoffen nun auf einen Rettungsschirm von der Regierung. Krisen wie diese kannte Familie Voß bisher nicht. „Meine Mutter hat erzählt, selbst im Krieg durfte man seine Buden noch aufbauen”, berichtet Peggy Voß. „Sie hat nicht geglaubt, dass sie mit 80 noch mal Stubenarrest bekommt.” Die Schaustellerkollegen in ihrem Lüneburger Verband stehen im regelmäßigen Kontakt. „Die Stimmung ist überall am Boden”, so Paul Voß. Für das Ehepaar bedeutet der Ausfall der Arbeit nicht nur einen hohen finanziellen Verlust. „Als Schausteller mischen sich das private Leben und die Arbeit, denn das Leben findet ja den ganzen Tag auf dem Fest statt. Uns fehlen auch die ganzen Freunde und Bekannten”, meint Peggy Voß. Sollte es keinen Rettungsschirm für die Schausteller geben, fürchtet Familie Voß um das Aussterben ihres Gewerbes. „Wir reden nicht nur über die Kirmes, sondern über ein großes Stück Kultur”, meint Paul Voß. „Das Karussell ist 400 Jahre alt und muss sich immer weiter drehen”, ergänzt seine Frau. „Das Volksfest ist ein Antidepressivum für die Gesellschaft, und es ist ja auch unsere Berufung, den Leuten Freude zu bringen. Es wäre also auch wichtig für die Gesellschaft, dass es weiter geht, vom Finanziellen ganz abgesehen.”

Als Schausteller geboren

Paul und Peggy Voß stammen beide aus Lüneburger Schaustellerfamilien. Schon ihre Mütter waren Freundinnen, lernten sich im Krankenhaus kennen, als Paul und Peggy geboren wurden. Die beiden kannten sich bereits als Kinder, verloren sich aber aus den Augen, als Pauls Mutter mit ihm nach Kassel zog. Seine Großeltern betrieben ein Karussell und einen Zuckerwattestand. Mit 20 Jahren traf er Peggy auf dem Weihnachtsmarkt in Lüneburg wieder, und sie wurden ein Paar. Auch wenn es heute nicht mehr selbstverständlich ist, übernehmen gewöhnlich die Kinder von Schaustellern den elterlichen Betrieb. „Schausteller ist ja kein Beruf, da wird man reingeboren”, meint Peggy Voß. „Es ist selten, dass man einen anderen Beruf erlernt.” Auch für ihre Kinder ist schon klar, dass sie später Schausteller werden wollen. „Unsere Tochter hat es im Blut, sie ist geborene Schaustellerin und hat das schon total im Blick. Sie ist geprägt durch unseren Beruf.” Paul und Peggy Voß sind „Kirchturmreisende”, das heißt, sie reisen mit ihrem Geschäft in einem relativ kleinen Radius rund um ihr Zuhause. Gearbeitet wird auf Festen in nicht mehr als 80 Kilometern Entfernung, Ausnahmen bilden Paderborn und Cuxhaven. Durch den kleinen Radius sind die Eltern regelmäßig zwischendurch in Adendorf, wohnen dort sogar, wenn die Märkte nah dran sind. Aus diesem Grund können ihre Kinder eine feste Schule vor Ort besuchen und bei Peggys Eltern wohnen, wenn sie nicht da sind.

Noch lange nichts normal

Weil Pauls Mutter nach der Trennung von seinem Vater in einem großen Radius reiste, kam er als Grundschüler in eine Pflegefamilie in Kassel, wo er zehn Jahre lang unter der Woche lebte. Seine Mutter sah er an den Wochenenden, seine Großeltern besuchten ihn oft. Neben der Pflegefamilie war für Schausteller früher auch die Beschulung im Internat eine Alternative, doch beides ist nicht mehr so verbreitet. Peggy, die zunächst in Adendorf zur Schule ging und bei ihrer Großmutter lebte, wenn ihre Eltern unterwegs waren, reis-te nach dem Tod ihrer Oma mit den Eltern mit und besuchte so fünf bis sechs Schulen im Jahr. Doch nicht alle Schulen waren gut, der ständige Wechsel schwierig. Um für mehr Kontinuität im Schulalltag zu sorgen, bildeten die Schaustellerkollegen schließlich Fahrgemeinschaften und brachten ihre Kinder zum Beispiel vom Hamburger Dom jeden Morgen zu ihren Schulen im Landkreis Lüneburg. „Alle Kinder waren im verschiedenen Alter und in verschiedenen Schulen”, erinnert sich Peggy Voß, die ab der 7. Klasse wieder fest in Adendorf zur Schule ging. Auch wenn ihre Kinder ab Juni wahrscheinlich wieder eingeschränkt zur Schule gehen können, wird für Familie Voß noch lange nichts wieder normal sein. „Wir waren die ersten, die eingesperrt wurden und sind die letzten, die freigelassen werden”, meint Paul Voß schmunzelnd. Ihm ist bewusst, dass es hätte schlimmer kommen können: „Wir haben hier trotz allem nichts auszustehen. Wir können viel raus, alle machen viel Sport, und es ist für uns keine Umstellung, immer zusammen zu sein.” (JVE)

Ein Leben für die Schafe

Stefan Erb ist Berufsschäfer am bleckeder Deich

Mit Tieren zu arbeiten und mit ihnen den Tag zu verbringen, hat in diesen unsicheren Zeiten etwas Beruhigendes. Für Stefan Erb aus Bleckede war und ist es schon immer der Lebenstraum, Schäfer zu sein. Deshalb erfüllte er ihn sich schon in jungen Jahren. Stefan Erb, in Gifhorn aufgewachsen, stammt nicht aus einer Schäferfamilie. Dennoch interessierte ihn der Beruf des Schäfers schon zu Schulzeiten so sehr, dass er die Schule dafür abbrach und mit 16 Jahren in die Lehre ging. „Es war wie eine Berufung, es hat mich irgendwie im Kopf magisch angezogen”, erinnert sich der 49-Jährige. Der Traditionsberuf des Schäfers hat sich über die Jahrhunderte kaum verändert. „Wir brauchen unsere Hunde, ziehen zu Fuß übers Land, und auch die Schafhaltung ist so geblieben wie früher. Das macht für mich den besonderen Reiz aus.” In Esbeck bei Hildesheim ging er in die Ausbildung. Als ausgelernter Schäfermeister von gerade einmal 20 Jahren hatte er dann das große Glück, die freie Heisterbusch-Hofstelle in Bleckede zu bekommen. So landete der junge Schäfer am Elbdeich. Für den Start lieh ihm ein alter Schäfer Geld, um erste Schafe zu kaufen – damals 40.000 D-Mark für rund 400 Schafe. Stefan Erb startete als Schäfer allein, später stieg sein alter Freund Klaus Hentschel mit ein, mit dem er eine GbR gründete. Die Ausbildung zum Schäfer ist fast komplett praktisch. Zur Theorie gehören unter anderem Krankheiten und Pflegemaßnahmen der Tiere. Die harten Arbeitsbedingungen eines Schäfers lernt man jedoch schon früh kennen. „Es gibt noch Lehrstellen, aber der Nachwuchs fehlt”, erklärt Stefan Erb. „Die Arbeit ist mit vielen Stunden verbunden, und die Schäfereien stehen heute unter enormem Druck.” Er versteht, wenn sich junge Menschen gegen den Beruf entscheiden: „Es ist schwierig, von Schafen zu leben. Arbeit fällt an sieben Tage die Woche an 365 Tagen im Jahr an, und man hat hohe Lohnkosten. Wenn dann nicht einmal etwas übrig bleibt, ist es schwierig, jemanden dafür zu begeistern.” Auch wenn die Wirtschaftlichkeit regelmäßig auf der Kippe stehe und der Wolf ein massives Problem darstelle, kann sich der 49-Jährige für sich keine andere Arbeit vorstellen und ist weiterhin froh über seine Berufswahl. 

Deich- und Landschaftspflege 

Gebraucht werden Stefan Erbs Schafe in Bleckede vor allem auf den Deichen, um das Gras kurz zu halten, auch die Moorgebiete der Region werden mit ihnen beweidet. „Die Kleinschafhaltung ist immer ein Stück Landschaftspflege”, erklärt er. Während seine Schäferei zu 50 Prozent vom Verkauf des Lammfleisches lebt, finanziert sie sich ansonsten aus Agrarsubventionen. Die Lämmerpreise schwanken stark und hängen von den Importen ab. Nur 40 Prozent des in Deutschland konsumierten Lammfleisches stammten aus Deutschland, erläutert der Schäfer. Der Rest werde aus Großbritannien und Neuseeland eingeführt, was den Preis nach unten drücken könne. Eine Mutterschaftsprämie, die in mehr als 20 EU-Staaten eingeführt wurde, lehnte die deutsche Regierung bisher ab. „Vieles ist immer in der Schwebe.” Stefan Erb schaut auf viele schöne Momente, aber auch schwere Zeiten zurück. Er lebt weiterhin auf seinem Hof am Heisterbusch, wo er mit der Schafhaltung begann. Wegen des alle paar Jahre wiederkehrenden Hochwassers baute er als Schutz für seine Schafe vor zehn Jahren ein paar Kilometer weiter im Ortsteil Garze eine 1.800 Quadratmeter große Halle als Stall. Im Winter ist ein Teil von Stefan Erbs Schafen zur Lammung im Stall, während einige Herden bei Landwirten in der Region auf den Flächen weiden. Zu beweiden gibt es dann Ernterückstände und Zwischenfruchtflächen – eine Gefälligkeit der Landwirte, bevor der Pflegeauftrag auf den Deichen wieder losgeht. Bis dahin besteht der Tag darin, vormittags die Schafe im Stall zu versorgen und nachmittags die Herden draußen. Im Winter werden außerdem die Klauen der Tiere geschnitten. „Jeder hat immer irgendwo was zu tun”, so Stefan Erb. 

Lammzeit Januar bis März 

Die Hauptlammzeit beginnt Mitte Januar, die arbeitsreiche Frühjahrslammung ist Mitte März abgeschlossen. Im März hatte der Schäfer gut tausend Muttertiere, die lammen. Mit vier Monaten werden die Lämmer verkauft, 20 Prozent seiner Lämmer behält Stefan Erb als Nachzucht. „Bei einem Lebendgewicht von 45 Kilogramm sollten sie verkauft werden”, erklärt er. Die Schafe bleiben bei dem Schäfer bis zu sieben Jahre, dann werden sie verkauft und geschlachtet – auch eine Nachfrage nach Schaffleisch besteht in Deutschland. Die Lammzeit ist die arbeitsintensivste Zeit in den Schäfereien. Zwar schaffen einen Großteil der Lammung die Tiere alleine, doch es ist wichtig, dass nach der Geburt das Lamm und seine Mutter für 24 bis 48 Stunden in einer „Einzelbucht” separiert werden. „Die Mutter-Kind-Bindung muss sich festigen. Wenn man sie nicht separiert, kann auch mal ein Lamm verloren gehen”, erklärt der Schäfermeister. „In den ersten Stunden würde vieles durcheinander gehen, und wir hätten viele Flaschenlämmer.” Mitte März hatten er und seine vier Mitarbeiter 40 Flaschenlämmer zu versorgen, darunter auch Drillinge, für die die Mutter nicht genug Milch hatte. Während der dreimonatigen Lammzeit stehen die Tiere permanent unter Beobachtung, das bedeutet: drei Monate Nachtschicht. Zwar ist es nachts schon recht still im Stall, doch einzuschlafen droht man nicht, denn es gibt immer etwas zu tun. Für Stefan Erb bedeutet diese Zeit, nicht vor 3 Uhr nachts ins Bett zu kommen.

Elementare Verantwortung

Stefan Erbs Familie musste in all den Jahren viel auf ihn verzichten. Seine Ehe ging in die Brüche, und seine beiden erwachsenen Kinder (24 und 18) verfolgen eigene Ziele, so dass sie seine Arbeit später nicht weiterführen werden. „Das gibt es schon, dass Schäfereien in der sechsten oder siebten Generation geführt werden. Aber das ist anders als in anderen landwirtschaftlichen Betrieben”, sagt Erb. Er habe es nie forciert, dass seine Kinder sein Erbe antreten, denn er hat auch die vielen harten Tage im Sinn, die er ihnen nicht zumuten möchte. „Bei minus 15 oder 20 Grad unterwegs zu sein oder bis zu den Knien im Schlamm zu stehen – das wünscht man seinen Kindern nicht unbedingt”, so Stefan Erb. Ihm ist bewusst, dass nicht jeder seine Bindung zu den Tieren nachvollziehen kann. „Man macht alles nur für die Schafe, nur um sie zu versorgen. Man muss irgendwie an der Sache hängen und mental stark sein.” Es gebe keine Wahl: „Ich kann nicht einfach nach Hause gehen, die Verantwortung ist elementar.” Während die Versorgung der Schafe im Stall einfach sei, müsse man auf dem Feld nach Futter suchen. Ein Problem für die Schäfereien ist der Wolf. Auch Stefan Erb hatte im September und Oktober 2019 mit schweren Übergriffen zu kämpfen. „Die Überlegung war damals, wir hören auf oder wir schützen die Schafe mit Hunden.” Sie entschieden sich für die Hunde: Seine Schäferei verfügt nun neben zehn Hütehunden um sechs Herdenschutzhunde. „Seitdem haben wir keine Probleme mehr mit dem Wolf”, berichtet der 49-Jährige. Im April beginnt für die Schafe die Beweidung der Deiche, die bis spätestens Mitte November durchgeführt wird. 35 Kilometer Elbdeich haben Stefan Erbs Herden abzugrasen, eine vergleichsweise angenehme Zeit im Vergleich zum Winter – wenn er hart und kalt ist. „Winter ist immer härter. Der Sommer ist hart, wenn es über 30 Grad sind”, erklärt der Deichschäfer. Den Tieren mache das alles nichts aus: Da das Schaf ursprünglich ein Steppentier sei, könne es warme genauso wie kalte Temperaturen gut ab.

Wichtiges Stück Kulturgut

Mit den Schafen auf dem Deich wird es dem Berufsschäfer nie langweilig. Sein Handy, gegen das er sich lange gewehrt hat und das tagsüber ständig klingelt, stört ihn eher, als dass er es für die Ablenkung nutzen würde. „Ich bin auf die Schafe fokussiert. Man muss wach sein und seine Sinne beieinander haben.” Was auf dem Deich zählt, sei die intensive Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Hütehunden. Auch an Gesprächspartnern fehle es ihm unterwegs nicht, denn er werde regelmäßig angesprochen. „Es wird immer besonderer, dass jemand mit Schafherden durchs Land zieht”, meint er. „Manche zücken auch ihr Smartphone und machen Fotos – das hat sich sehr verändert in den letzten 30 Jahren. Ich glaube, das ist ein wichtiges Stück Kulturgut, das wir haben. Das Vermögen, eine Herde ohne Zaun hüten zu können, sollte aufrecht erhalten werden.” Stefan Erb ist einer von schätzungsweise 50 Berufsschäfern in Niedersachsen. Vier bis fünf Herden mit je rund 400 Schafen und Lämmern nennt er momentan sein Eigen, davon am meisten schwarzköpfige Fleischschafe, außerdem weiße Leineschafe – die vom Aussterben bedroht sind – sowie Coburger Fuchsschafe. Für die Weidenpflege besitzt er zusätzlich 16 Ziegen. „Wir halten immer so viele Schafe, wie wir für die Flächenpflege brauchen”, erklärt Stefan Erb. Der Deichschäfer kennt seine Schafe in- und auswendig. Er kann die Tiere auseinanderhalten und erkennt sofort, ob es einem nicht gut geht. „Man muss eine emotionale Bindung aufbauen”, meint er. „Jedes Tier ist ein Individuum, und man muss auf jedes eingehen.” Man sei so viel zusammen unterwegs, dass man automatisch eine Bindung zur Herde habe. So ist der Schäfer sich auch sicher, dass seine Herden nicht ohne Weiteres fremden Menschen folgen würden.

Schaf ist ein Nutztier

Trotz der engen Bindung zu seinen Tieren vergisst Stefan Erb nie, dass das Schaf ein Nutztier ist und bleibt. Auch wenn bei ihm einige Tiere bis zu 14 Jahre alt werden, sind viele für den Verzehr gedacht, auch schon als junges Lamm. Aber: „In der Schafhaltung sind eigentlich immer alle Tiere glücklich aufgewachsen, man kann immer von glücklichen Lämmern sprechen. Im Stall ist genug Platz, und sie freuen sich auch, wenn es raus geht”, so Stefan Erb. Mit Krankheiten wie Euterentzündung (Mastitis), Lungenentzündung oder Durchfall haben auch die Schafe zu kämpfen. Krankheiten wie Covid-19 oder das Coronavirus an sich machen dem Berufsschäfer aber keine Angst. Den Betrieb kann er auch nicht einfach einstellen. „Die Tiere müssen versorgt werden, wir können den Laden nicht dicht machen.” Wenn jemand krank sei, müsse man auf ihn verzichten, doch selbst das komme selten vor: „Wir sind alle so robuste Naturburschen, das kriegen wir hin.” In Zeiten der Corona-Pandemie ist es für den Berufsschäfer ausnahmsweise von Vorteil, dass er ohnehin kaum Zeit für soziale Kontakte hat und den Tag kaum mit Menschen, sondern mit Tieren verbringt. Er sieht nicht nur seine Freunde kaum, sondern war auch seit drei Jahren nicht mehr im Urlaub. Er ist höchstens in seinem Ehrenamt als zweiter Vorsitzender des Landesschafzuchtverbandes unterwegs. Bis zum Rentenalter hat der 49-Jährige noch ein paar Jahre, dann möchte er seine Schäferei an jemand Anderen weitergeben. „Man hört aber, dass man schlecht davon wegkommt. Man hat immer wenig Freizeit und verbringt sein Leben damit. Es gibt viele Kollegen, die das bis ins hohe Alter gemacht haben”, weiß Stefan Erb. (JVE)

Genug Platz zum Leben

Patrizia Mannig wohnt in einem Tiny House im Wendland

Für viele Menschen bedeutet Wohnen auf wenig Raum Einschränkung in allen Bereichen. Für Patrizia Mannig ist ihr neues Tiny House ein großer Luxus. Die 62-Jährige hat 15 Jahre in einem Bauwagen gelebt. Der Wohnraum von Patrizia Mannig beschränkt sich auf 8 mal 2,10 Meter, das reicht ihr. Im Januar bezog die Ruheständlerin ihr für sie angefertigtes Tiny House auf einem gemieteten Grundstück in der Nähe von Lüchow (Wendland). Ihre Tochter wohnt mit Mann und Kind gleich nebenan in einer Wohnung. Den Wunsch, aufs Land zu ziehen, hat die gebürtige Hamburgerin schon seit mehr als 20 Jahren. „Ich wollte einen richtigen Garten und weit gucken können”, erklärt sie. Als ihre Kinder groß waren, suchte Patrizia Mannig nach einem neuen Ort zum Leben, wollte der Großstadt Hamburg, wo sie in einer WG lebte, den Rücken kehren. Doch Grundstücke und Häuser waren auch auf dem Land teuer, und ihr Plan schien in weite Ferne zu rücken. „Über Freunde habe ich mir dann einen Bauwagen angesehen”, erinnert sie sich. Diese Wohnform überzeugte sie, und sie kaufte sich einen Bauwagen. Zunächst lebte sie ein paar Monate in Mölln, Mitte der neunziger Jahre zog Patrizia Mannig schließlich nach Lüneburg auf den Bauwagenplatz auf Gut Wienebüttel. Für ihr Leben im Bauwagen verkaufte Patrizia Mannig damals fast ihren ganzen Besitz. Ihre Schwester, die seit Jahren in Lüneburg lebt, verhalf ihr zu dem Platz in ihrer Stadt. „Mit über 40 Jahren war ich die Älteste, aber sie haben mich genommen”, erzählt Patrizia Mannig, die die Zeit auf Gut Wienebüttel genoss. Die Umstellung von der Wohnung war groß, schließlich hatte sie in ihrem Bauwagen kein fließendes Wasser und kein eigenes Badezimmer. Das Toilettenhaus auf dem Platz wurde gemeinsam genutzt, einmal die Woche durften die Bauwagenbewohner das Schwimmbad des benachbarten Pflegezentrums nutzen und dort auch Wasser holen.

Neue Orte für den Bauwagen

Für ihre Arbeit an einer Körperbehindertenschule pendelte die ausgebildete Pädagogin nach Hamburg. Dreieinhalb Jahre ging das so, doch dann brauchte sie eine Veränderung. „Gut Wienebüttel war keine Perspektive für mich”, erinnert sie sich. „Es war mir zu dunkel, und ich hatte keinen Garten. Ich bin ja ein Gartenfreak und deshalb auch rausgezogen aus Hamburg.” So machte sich Patrizia Mannig gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten auf die Suche nach einem neuen Ort für ihren Bauwagen. „Wir hätten auch ein Haus genommen. Aber als wir ein Grundstück mit einer 300 Quadratmeter großen Halle zum Kauf fanden, war das perfekt”, erzählt sie. Sie zogen in die Nähe von Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern, die Halle war eine ehemalige Schmiede aus DDR-Zeiten. Diese nutzte das Paar, um Sachen unterzustellen, später bauten sie sich hier ein Badezimmer und sogar eine kleine Wohnung ein. Als Patrizia Mannig erkrankte, zog sie zwischenzeitig in die Wohnung. In der Zeit in Mecklenburg – rund 20 Jahre – arbeitete Patrizia Mannig in einer freien Schule in Parchim, doch als ihre Erkrankung chronisch wurde, ging sie 2016 in den Ruhestand. Weil in der Umgebung nicht viel los war und ihr Bauwagen langsam in die Jahre kam, strebte sie danach, in eine andere Gegend zu ziehen. Schließlich fragte ihre ältere Tochter (41) sie, ob sie auf dem Land zusammenziehen wollen. Doch Patrizia Mannigs Partner zog nicht mit bei diesen Veränderungen, und so kam es zur Trennung. Die beiden verkauften ihr Grundstück, und die Mutter suchte mit ihrer Tochter und deren Kleinfamilie einen neuen Ort zum Leben.

Deckenhöhe macht mehr Licht

Für Patrizia Mannig war zu dieser Zeit klar: „In dem Zustand, in dem mein Bauwagen ist, möchte ich nicht mehr drin wohnen.” 30 Jahre hat er schon auf dem Buckel. Freunde ermutigten sie, sich einen neuen Bauwagen zu kaufen, doch die Ruheständlerin orientierte sich um. Die Idee, in einem Tiny House zu leben, begeisterte sie, und sie begann sich darüber schlau zu machen. Entscheidend beim Bewohnen eines Tiny Houses ist für die langjährige Bauwagenbewohnerin die Deckenhöhe und damit der Lichteinfall. „Die Decke ist in einem Tiny House viel höher, das macht einen großen Unterschied”, erklärt die 62-Jährige. Im Juni 2019 beschloss sie, sich ein Tiny House zu kaufen – eine Wohnform, die schwer im Trend ist. „Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich mir gerade jetzt ein Tiny House geholt habe, weil es jetzt so in ist”, sagt sie schmunzelnd. Für sie bedeutet der Umzug in ein Tiny House jedoch mehr Luxus als vorher. Patrizia Mannig reiste durch ganz Deutschland, um sich die Tiny Houses verschiedener Hersteller anzugucken. Eine deutsche Firma sollte ihr Häuschen bauen. „In Polen wäre es dreimal billiger gewesen, aber ich wollte jemanden, der ökologisch arbeitet”, erklärt sie. Ausschlaggebend war für sie auch der Stil, der klar sein sollte wie bei ihrem Bauwagen. „Ich wollte es zum Beispiel nicht so bayerisch haben.” Doch wie sollte ihr Tiny House aussehen? Es war ein langer Prozess, bis ihr individuelles Haus schließlich gebaut werden konnte. „Nichts ist Standard”, so Patrizia Mannig. Die Länge war für die Bauwagenbesitzerin schnell ausgesucht, doch sie musste über Höhe, Anzahl der Fenster, Außenverkleidung und Farben entscheiden, ebenso darüber, was sie innen einbauen lässt und was sie selbst macht. Außer der Dusche und der gesamten Elektrik nahm sie die Einbauten selbst vor. So möbelte sie beispielweise eine Küche aus einem alten Wohnmobil wieder auf. „Die meisten Tiny Houses sind mit Einbauküche, aber der Einbau von Tischlern ist sehr, sehr teuer, und mir haben Freunde geholfen”, sagt sie. Den Vinylboden, unter dem eine Infrarot-Fußbodenheizung verlegt wurde, lasierte sie ebenso wie die Holz-Innenwände weiß, um den Raum größer erscheinen zu lassen.

Individuell gebautes Tiny House

Patrizia Mannig entschied sich für ein relativ schlichtes Haus mit einer Verkleidung aus Lärchenholz und roten Fenstern. Da sich das Kiefernholz ihres alten Bauwagens als nicht so langlebig erwiesen hatte, wählte sie für ihr Tiny House ein hochwertigeres Holz. Vom Hersteller aus Hannover stand ihr während des Bauprozesses, den sie eng begleitete, eine Architektin zur Seite. „Ich war auch regelmäßig vor Ort.” Wie beim Bau eines festen Hauses ist die Produktion eines Tiny Houses komplett individuell, auch was zum Beispiel die Planung von Steckdosen und Lichtschaltern angeht. Diese zu haben, empfindet Patrizia Mannig im Vergleich zum Bauwagen als Luxus. Den finanziellen Rahmen immer im Blick, bezahlte sie für ihr Tiny House 50.000 Euro an den Produzenten. Im Januar 2020 war es nun soweit: Patrizia Mannigs Tiny House war fertiggestellt und bereit für den Transport ins Wendland. Ein Lastwagen brachte ihr Haus auf einem Tieflader in ihr Dorf, die letzten Meter musste ein Trecker es aufs Grundstück ziehen. Wegen des vielen Regens konnte es aber bisher noch nicht an die richtige Stelle auf einer Wiese des 6.000 Quadratmeter großen Grundstücks transportiert werden. Nun wartet Patrizia Mannig jeden Tag auf grünes Licht von dem Bekannten, der ihr mit dem Trecker aushilft. Solange ihr Tiny House noch am Haus ihrer Tochter unter einem Vordach steht, kann sie es auch nicht an den dafür vorgesehenen Wasseranschluss anschließen. Deshalb duscht sie zurzeit in der Wohnung ihrer Tochter. Für Patrizia Mannig ist ihr neues Tiny House wie ein Holzhaus auf Rädern. Sie hat, wie oft in Tiny Houses üblich, keine zweite Ebene einbauen lassen und hat so Wohn-, Ess- und Schlafbereich, also Sitzecke, Schrank und Bett, in einem großen Raum. Hinzu kommen Küche und Badezimmer mit Toilette, Waschbecken und Dusche.

Man ist viel draußen

Patrizia Mannig fühlt sich jetzt schon wohl in ihrem Tiny House. Und sie macht eine ähnliche Erfahrung wie in ihrem Bauwagen: „Man ist zu 80 Prozent draußen, und man geht viel schneller raus, als wenn man in einer Wohnung wohnt.” Um mehr Platz zu haben und ihre Vorräte vor allem im Sommer kühl halten zu können, plant sie, sich vor dem Haus eine Terrasse mit einer Art Wintergarten zu bauen. Doch dazu muss ihr Tiny House erst an der richtigen Stelle stehen. Für den Einzug in ihr kleines Häuschen musste sich Patrizia Mannig erneut von vielen Besitztümern trennen. „Ich musste zum Beispiel einen Sessel abgeben, an dem ich sehr hing – er passte einfach nicht rein”, erzählt sie. Dinge, die sie lange eingelagert hatte, verkaufte oder verschenkte sie. An Einrichtungsgegenständen brachte sie lediglich ihr Bett, Regale, einen Büroschrank und drei Lampen mit. Sitzgelegenheiten für wenig Raum musste sie neu kaufen. Auf Einbauschränke und viele Schubladen verzichtete Patrizia Mannig bei der Planung ihres Tiny Houses bewusst. „Ich hatte im Bauwagen 100.000 Schubladen, aber es war für mich klar, dass ich nicht so viele Einbauten will.” So könne sie auch ihre Möbel mal umstellen. „Durch meine Bauwagenzeit bin ich sowieso sehr ordentlich”, fügt sie hinzu.

Werkstatt fürs Hobby

Im Haus der Tochter hat Patrizia Mannig eine Werkstatt. Die braucht sie für ihr Upcycling, das Nähen von neuen Sachen aus alten, was sie seit langer Zeit hobbymäßig betreibt. Auch Gewürzmischungen, Wasch- und Putzmittel macht die 62-jährige selbst. Sie hat schon jetzt das Gefühl, im gut vernetzten Wendland den richtigen Wohnort gefunden zu haben. Zwar fehlen ihr die sozialen Kontakte aus Mecklenburg, doch sie ist zuversichtlich: „Das Wendland ist vernetzter als Mecklenburg.” (JVE)

Wie im Kuriositätenkabinett

Die Lüneburgerin Martina Hagen Leitet das Fundbüro der Hansestadt

 Nicht alles, was man verliert, ist unwiederbringlich verschwunden. Vieles landet auch bei Martina Hagen. Die 50-Jährige leitet seit drei Jahren das Fundbüro der Hansestadt Lüneburg. Es gibt kaum etwas, das noch nicht bei Martina Hagen abgegeben wurde – von Keyboard über Fahrradhelm bis zur Buddha-Figur oder dem Winkelschleifer. Die häufigsten Fundstücke sind Schlüssel, Geldbörsen und Fahrräder, doch auch skurrile Dinge lagern manchmal monatelang in den Räumen des Fundbüros. Rund 1.440 Fundsachen gingen im Jahr 2019 im Fundbüro der Stadt Lüneburg ein. 538 fanden ihren Weg zurück zu ihrem rechtmäßigen Besitzer. 

Auch wenn manche Finder vielleicht ihr Fundstück lieber behalten wollen als es irgendwo abzugeben, gibt es eine grundsätzliche Regel: „Ab einem geschätzten Wert von 10 Euro muss man etwas Gefundenes abgeben”, erklärt Martina Hagen. Jeder solle die Möglichkeit haben, sein Eigentum wiederzubekommen. Die gelernte Einzelhandelskauffrau verwaltet nur Fundstücke aus dem Stadtgebiet, im Landkreis verfügt jede Gemeinde über ihr eigenes Fundbüro. „Da, wo etwas gefunden wird, soll es auch verwaltet werden”, so Martina Hagen. Während die KVG und die Leuphana Universität eigene Fundstellen haben, kommt im städtischen Fundbüro auch Liegengebliebenes aus den Kaufhäusern, den Veranstaltungsorten der Campus Management, dem Kurzentrum, dem Filmpalast sowie von der Polizei an. So landen regelmäßig Fundkisten bei Martina Hagen, deren Inhalt sie sortieren und katalogisieren muss. Alle Fundstücke werden in eine Online-Datenbank eingegeben, damit die Bürger von zu Hause aus die Suche nach ihrem Eigentum starten können.  Einige Fundstücke sind leicht zuzuordnen, beispielsweise wenn sie Ausweispapiere oder ein Namensschild enthalten. Dann sendet Martina Hagen dem Besitzer einen Brief mit dem Hinweis, dass etwas von ihm gefunden wurde und er es bitte im Fundbüro abholen möge. Das Fundbüro ist dazu verpflichtet, jedes Fundstück ein halbes Jahr aufzubewahren. Wird es innerhalb dieser Frist nicht abgeholt, kann der Finder es erhalten, wenn er den Wunsch dazu geäußert hat. Das kann bei Markenkleidung schon mal attraktiv sein, doch Martina Hagen rät Findern inzwischen davon ab, Anspruch auf Handys – wie zum Beispiel iPhones – zu erheben, denn diese sind in der Regel gesperrt und können nicht wieder genutzt werden. „Viele haben es schon bei Apple versucht, aber die vergeben keine neue Apple-ID”, erklärt die Lüneburgerin. Immerhin 89 Handys landeten im Jahr 2019 im Lüneburger Fundbüro.

Es gibt viele ehrliche Leute

Um nachzuweisen, dass einem eine Fundsache gehört, reicht zunächst eine genaue Beschreibung, denn das Online-Verzeichnis gibt nicht alle Details preis. Bei der Abholung von Schmuckstücken kann ein Kaufbeleg oder ein Foto hilfreich sein, bei Schlüsseln sollte man einen identischen Ersatzschlüssel mitbringen. Da jeder bei der Abholung seines Fundstücks einen Ausweis vorlegen und eine kleine Gebühr zahlen muss, geht Martina Hagen davon aus, dass Betrügereien selten sind. „In den drei Jahren, in denen ich hier arbeite, war mir erst einmal jemand suspekt, der ein Handy abholen wollte”, erinnert sich die 50-Jährige. „Er konnte nichts über das Handy sagen, konnte es nicht entsperren und hat sich dann herausgeredet.” Ihre Erfahrung ist grundsätzlich: „Es gibt ganz, ganz viele ehrliche Leute.” Das gelte vor allem in Hinblick auf die Finder. Der Finder hat einen gesetzlichen Anspruch auf Finderlohn – bei einem Wert der Fundsache bis zu 500 Euro liegt dieser bei fünf Prozent, bei einem höheren Sachwert bei drei Prozent. Diesen zahlt der Eigentümer. Martina Hagen weiß, dass die meisten Fundstücke den Eigentümern sehr viel bedeuten. „Bei einem emotionalen Wert geben manche auch mehr ”, weiß Martina Hagen, „zum Beispiel wenn auf einem Handy ganz viele Fotos sind oder man ohne den Haustürschlüssel die Schließanlage hätte austauschen müssen.” Die meisten würden von sich aus dem Finder Geld geben wollen. „Manche sind aber auch empört, dass sie hier etwas für die Lagerung zahlen müssen.” Das seien in der Regel fünf Euro. Sehr häufig landen im Fundbüro der Hansestadt Fahrräder. Die vier Fahrradkellerräume unter dem Bürgeramt und die Garage neben dem Fundbüro quellen regelrecht über vor Zweirädern, weshalb die Stadt zweimal jährlich eine Fundsachen- und Fahrrad-Versteigerung veranstaltet, um Platz zu schaffen. Alle Dinge von Wert, die weder der Eigentümer noch der Finder in Besitz genommen haben, werden dabei versteigert, was jedes Mal auf großes Interesse bei den Bürgern stößt. Für die Käufer gibt es da ordentliche Schnäppchen zu holen, und Martina Hagen und ihren Kollegen macht es Spaß, die Fundstücke unter den Hammer zu bringen.

Räder nicht immer gestohlen

Wer ein Fahrrad vermisst, sollte nicht gleich von einem Diebstahl ausgehen, denn Fahrräder, die nur zwei bis drei Tage unverschlossen herumstehen oder -liegen, können als Fundsache bei der Polizei oder im Fundbüro abgegeben werden. Im Jahr 2019 wurden insgesamt 298 Fahrräder abgegeben, davon alleine 55 im Monat Juli. Polizei und Fundbüro gleichen alsbald Rahmennummern mit Verlustanzeigen ab, damit kein gestohlen oder vermisst gemeldetes Zweirad in die Versteigerung geht. Wer sein Fahrrad aus dem Fundbüro abholen möchte, muss etwas Zeit mitbringen, denn es kann passieren, dass Martina Hagen einen ganzen Keller leerräumen muss, um an das gesuchte Gefährt zu gelangen. Die Schlüsselaufbewahrung verläuft im Fundbüro etwas übersichtlicher. Statt mehrerer Räume in verschiedenen Gebäuden reicht hierfür eine große Kork-Pinnwand, an die Martina Hagen die Schlüssel nach Monaten sortiert heftet. Insgesamt 358 Schlüssel oder Schlüsselbunde landeten im Jahr 2019 im Fundbüro, Anfang Januar warteten rund 90 Schlüssel auf ihre Besitzer. Neben Fahrradschlüsseln, deren Verlust leichter zu verschmerzen ist, hängen im Fundbüro auch zahlreiche Auto- und Haustürschlüssel, deren Neubeschaffung oder Austausch des Schlosses mit hohen Kosten verbunden ist. Martina Hagen wundert sich immer wieder, dass monatelang niemand nach diesen Schlüsseln bei ihr fragt. „Vielleicht denken die Leute, ein Fundbüro ist altbacken?”, vermutet sie. Im Internet sieht sie oft in lokalen Foren, dass Bürger hier über ihren Fund oder ihren Verlust berichten. Bei Facebook gibt es zudem Gruppen wie „Lüneburger suchen”, wo Funde ebenfalls gepostet werden. Martina Hagen bittet die Finder in solchen Fällen schon mal online, ihr Fundstück im Fundbüro abzugeben, „schließlich ist nicht jeder bei Facebook.” Auch Schlüssel oder andere Fundsachen bei Ebay Kleinanzeigen online zu stellen, macht aus ihrer Sicht wenig Sinn – denn hier suche kaum jemand nach Fundsachen. Außerdem könne jedes Fundstück aus einem Diebstahl stammen, was mit den Behörden abgeklärt werden müsse.

Detektivarbeit im Internet

Sogar Geldscheine können beim Fundbüro abgegeben werden. Einige ehrliche Finder würden diese bei ihr abgeben, so Martina Hagen, doch selten frage jemand nach einer verlorenen Banknote. Zu den Dingen, die selten bei ihr erfragt werden, gehören auch Brillen oder Kleidungsstücke. Gebisse oder Hörgeräte werden in der Regel nicht abgeholt. Eines der skurrilsten Fundstücke, die Martina Hagen im Fundbüro erlebt hat, ist mit Sicherheit ein Stromgenerator, den jemand am Straßenrand gefunden hatte. Er wurde schließlich versteigert. Das größte Fundstück bisher war ein Kanu, das jemand auf der Ilmenau treibend entdeckt hatte. Der Besitzer entdeckte erst Monate später, dass sich sein Kanu selbstständig gemacht hatte und wandte sich schließlich ans Fundbüro. Bei Dingen wie Werkzeugkoffern, Kostümen, Perücken oder Kinderkarren kann Martina Hagen jedoch fast davon ausgehen, dass niemand diese bei ihr sucht. Einige Finder nehmen es sehr genau und geben sogar einzelne Handschuhe ab. Jemand brachte Martina Hagen auch schon Baustellenlampen und -absperrungen. Martina Hagen ist immer daran gelegen, Fundsachen wieder zu ihrem Besitzer zurückzuführen. Sie geht im Internet kleinsten Hinweisen auf Namen und Wohnorte nach und leistet geradezu detektivische Arbeit. Als sehr zeitaufwendig erwies sich einst ein iPad, das jemand bei ihr abgab. Leichtsinnigerweise war der Zugang nicht passwortgesichert, doch so konnte sie schnell mit dem Besitzer in E-Mail-Kontakt treten. Er stellte sich als Amerikaner heraus, und die Rücksendung gestaltete sich wegen des als gefährlich eingestuften Akkus als äußerst schwierig. „Das Ganze hat ungefähr anderthalb bis zwei Jahre gedauert”, erinnert sich Martina Hagen. Auch psychologische Arbeit muss sie ab und zu leisten. Gerade ältere Leute, die etwas verloren haben, sind oft besonders traurig über ihren Verlust, schauen immer wieder bei ihr vorbei und geben nicht so schnell auf. Martina Hagen tröstet und macht Mut und animiert die Suchenden, auch Läden abzuklappern und ein paar Wochen später wiederzukommen.

Sperrmüll ist keine Fundsache

Rund 120 Fundsachen werden im Monat im Lüneburger Fundbüro abgegeben. „Nach dem Stadtfest, den Sülfmeistertagen oder dem Weihnachtsmarkt ist es mehr, und im Sommer sind die Fundorte andere, zum Beispiel am Kreidebergsee”, erklärt Martina Hagen. Waffen, Drogen und Medikamente nimmt das Fundbüro nicht an, ebenso angeschlossene Fahrräder. „Manche wollen einige Sachen vom Privatgrundstück loswerden, das sind aber keine Fundsachen”, erläutert Martina Hagen. „Einiges ist auch Sperrmüll oder zu eklig, dann kommt es sofort weg.” Die Lüneburgerin hat sichtlich Freude an ihrer Arbeit. Es macht sie glücklich, wenn Leute etwas wiederfinden, und sie kommt gerne mit ihnen ins Gespräch. „Es macht Spaß und ist abwechslungsreich. Nur wenn Leute einem etwas unterjubeln wollen, ärgert einen das.” (JVE)

  • Die nächste Fundsachen-Versteigerung des Lüneburger Fundbüros findet am Mittwoch, 29. April, 13 Uhr statt.

Unter Puppen

Matthias Kuchta ist Puppenspieler und Puppenbauer

Fast wäre Matthias Kuchta Lehrer geworden. Doch als er nach seinem Geschichts- und Slavistik-Studium ins Referendariat ging, entschied er sich für seine wahre Leidenschaft – das Puppentheater. Seit bald 40 Jahren arbeitet er als Puppenspieler. Seine großen Figuren baut er selbst. Matthias Kuchta ist in Schleswig-Holstein aufgewachsen, deshalb zieht es ihn immer wieder in den Norden. Während sein Erstwohnsitz im rheinländischen Langenfeld ist, lebt er auch einen großen Teil des Jahres im Raum Lüneburg, wo er zur Ruhe kommen kann. 1992 kaufte der heute 70-Jährige einen alten Resthof im Bleckeder Ortsteil Radegast. Neben seiner Wohnung und einer Gästewohnung befinden sich hier auch ein Puppenlager und eine Werkstatt. Als sich Matthias Kuchta für das Puppentheater entschied, nahm seine Laufbahn schnell Fahrt auf. Am Ende seiner dreijährigen Ausbildung am Figurentheaterkolleg des Deutschen Instituts für Puppenspiel in Bochum führte er als Diplomarbeit „Die Bremer Stadtmusikanten” auf. Bei dieser Ins-zenierung sprach ihn ein Zuschauer an und lud ihn ein, bei einem Theater-Festival in Hong Kong zu spielen. Vor Ort in Hong Kong sprach ihn erneut ein Zuschauer an – ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts, der ihm weitere Aufträge in Aussicht stellte. „Ab dann habe ich weltweit gespielt, es gab viele Folgeaufträge”, erinnert sich Kuchta. „Ich habe immer die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt getroffen. Ich habe wirklich viel Glück gehabt.” Sein 1982 gegründetes Figurentheater „Lille Kartofler” (Dänisch: Kleine Kartoffeln) ist seit Jahren gefragt, sein Terminkalender stets ausgebucht. Matthias Kuchtas Puppentheater zeichnet sich durch die besondere Größe seiner Figuren aus. „Ich mag die Objekte anfassen, den unmittelbaren Kontakt. Ich spiele nicht gerne mit Marionetten”, sagt er. Während seines Lehramts-Studiums arbeitete er nebenher an einem Puppentheater, doch große Puppen interessierten ihn mehr. „Mein Theater hat keine vierte Wand und keine Guckkastenbühne”, erklärt er. Mit seinen fast lebensgroßen Figuren steht der Puppenspieler zusammen auf der Bühne, geht von Figur zu Figur, führt mal die eine, mal die andere, spricht ihre Stimmen und tritt ebenso mit ihnen in den Dialog. „Ich bin Erzähler, Schauspieler und Puppenspieler“, so Matthias Kuchta.

Gesichter spiegeln Leben wider

Viele seiner großen Figuren hat er selbst gebaut, unterstützt wird Kuchta von der Puppenbauerin Mechtild Nienaber. 250 Figuren hat er in seinen beiden Puppenlagern in Langenfeld und Radegast, so schätzt er. Sobald der Puppenspieler ein neues Stück im Sinn hat – in der Regel spielt er Märchen der Gebrüder Grimm und von Hans Christian Andersen – überlegt er sich, welche Charaktere er benötigt. Dem Puppenspieler und -bauer ist der besondere Ausdruck seiner Figuren wichtig. „Ich finde Gesichter sehr spannend, wenn sie das Leben widerspiegeln. Ich habe nichts von sehr schönen Figuren, es sollen ganz normale Menschen sein”, erklärt er. Dafür recherchiert er auch im Internet und überträgt dort gefundene Gesichter auf seine Entwürfe für die Puppengesichter. Das Gesicht von Frau Gothel aus „Rapunzel”, seinem neuesten Stück, guckte er sich zum Beispiel von Fotos einer amerikanischen Sängerin aus dem Internet ab. Das Gesicht von Rapunzel selbst ist angelehnt an das seiner eigenen Großtante Alma. „Man muss lange suchen, eh eine Figur gereift ist”, erklärt Matthias Kuchta. Von der ersten Idee bis zur Bühnenaufführung vergehen so rund drei bis vier Jahre. Das Bauen der Figuren für ein Stück dauert in der Regel ein bis zwei Wochen. Zunächst fertigt Kuchta eine genaue Zeichnung an. „Das Aussehen verändert sich aber beim Nähen. Mit den Stoffen kann man im Prozess neue Ausdrucksmöglichkeiten entdecken.” Das Gestalten des Kopfes braucht viel Zeit. „Dabei kann ich nicht wirklich nähen, eher bas-teln”, fügt der 70-Jährige hinzu. Gefüllt sind seine Figuren mit Polsterwatte, außen sind sie komplett aus Stoff. Von seiner Großmutter hat er eine riesige Stoffsammlung geerbt, aus der er vieles für seine Puppen verwendet. „Ich arbeite gern mit älteren Sachen.” Im Inneren haben seine Figuren Gelenke, die ihm ein Orthopädietechniker anfertigt. Dadurch können sie gut sitzen und sacken nicht in sich zusammen. An der Rückseite des Kopfes hat jede Puppe einen Holzgriff, damit Kuchta ihn drehen und führen kann. Mechtild Nienauer arbeitet mit Matthias Kuchta bereits seit 1985 zusammen. Damals war sie Studentin, heute ist sie eine gefragte Puppenbauerin. „Ich sage zu ihr: Mach mal ruhig ein bisschen schräge, ich brauche mehr die Karikaturen”, erzählt er. Einige von Matthias Kuchtas Figuren sind schon in die Jahre gekommen, doch das stört den Puppenspieler nicht. „Gebrauchsspuren finde ich sehr schön, das ist wie bei abgeliebten Kuscheltieren”, meint er. Außerhalb des Puppenspiels hat er kein emotionales Verhältnis zu seinen Puppen, sie gehören auch nicht in seine Wohnung. „Für mich sind das Arbeitsobjekte”, betont Kuchta.

Von Kindern viel gelernt

Matthias Kuchta beschäftigt sich für sein Puppenspiel viel mit Märchen. „Es gibt zirka 250 Grimmsche Märchen, nur die wenigsten sind bekannt”, erklärt er, „und viele sind sehr grausam.” Zu Hause liest er die Märchen nach. „Sie sind ja wie Gedichte in prägnanter Form, da ist so viel Lebenserfahrung drin”, schwärmt er. Sein Zugang zu den Märchen ist mit wachsendem Alter intensiver geworden. In der Regel spielt er vor Kindern und ihren Eltern, gelegentlich auch nur für Erwachsene. Für viele Stücke arbeitet Matthias Kuchta mit Theater-Regisseuren zusammen, die Erwachsenenstücke sind in der Regel Auftragsproduktionen. Vor Erwachsenen zu spielen, empfindet der Puppenspieler als anstrengender als vor Kindern. „Das Erwachsenenpublikum hält sich viel mehr zurück”, erklärt er. „Wenn das Publikum mit einbezogen wird, will ich niemanden vorführen. Bei Kindern ist es etwas Anderes, die freuen sich – Erwachsene sind da viel vorsichtiger.” Immer wieder beobachtet Matthias Kuchta, dass Erwachsene sich an dem ungewöhnlichen Aussehen seiner Puppen stören. „Kinder stört das nicht. Für sie muss die Gefühlswelt stimmen”, ist er überzeugt. Von Kindern, auch denen seiner Lebenspartnerin, hat er für seine Arbeit viel gelernt, zum Beispiel die kindliche Logik oder den spielerischen Umgang mit der Wirklichkeit. Wenn er ein Stück neu inszeniert, probiert er es zunächst vor einer Kindergruppe aus, so auch an der Grundschule in Bleckede. „Neue Stücke sind immer eine Herausforderung, vor jeder Premiere ist das eine Angstpartie”, so Kuchta. In der Region Lüneburg hat der Puppenspieler mit seinem Lille Kartofler Figurentheater etwa zehn regelmäßige Veranstaltungsorte, darunter die Bibliothek in Adendorf und die Grundschule in Reppenstedt. In Radegast ist er jeden Sommer im Pfarrgarten zu Gast, bei schlechtem Wetter in der Scheune. Hatte er früher rund 300 Aufführungen im Jahr, hat er sie nun auf die Hälfte zusammengekürzt. Auch auf seine Tourneen in die USA verzichtet er inzwischen. „Ich schraube etwas zurück, es wurde auch schwieriger mit dem Arbeitsvisum für die USA”, erklärt er. Kuchta blickt auf tolle Erlebnisse rund um die Welt zurück, hat neben ganz Deutschland viel in Frankreich, Österreich, Kanada, Asien und den USA gespielt. Seine Stücke beherrscht er auch auf Englisch und Französisch. Wurde er anfangs noch auf seinen deutschen Akzent im Englischen angesprochen, der irgendwie zu Grimms Märchen passte, spricht Kuchta inzwischen fließend Englisch und Französisch.

Nichts bringt ihn aus der Ruhe

Über die Jahre sieht Matthias Kuchta seine Arbeit gelassener, und während einer Vorstellung kann ihn nichts mehr aus der Ruhe bringen. Reißt bei Schneewittchen aus Versehen ein Bein ab, während ein Zuschauerkind es festhält und er weitergeht, rettet er die Situation durch Improvisation. „Dann müssen erstmal alle pusten und Schneewittchen wird gefragt, ob es mit einem Bein weiterspielen will”, erzählt der Puppenspieler. Das Lachen muss er in solchen Momenten zurückhalten. Manchmal stehen auch Kinder am Bühnenrand und wollen mitspielen, andere rufen erbost etwas ins Stück hinein, bis hin zu: „Frau Königin ist ein Arschloch!” Mit zunehmender Erfahrung und höherem Alter begegnet Matthias Kuchta solchen Ereignissen entspannter. „Früher kam ich schon ganz schön ins Schwitzen”, erinnert sich der 70-Jährige. Er vermutet, dass er auf die Kinder durch sein Alter eine andere Ausstrahlung und an Glaubwürdigkeit dazu gewonnen hat. Puppenspiel ist nicht nur im Theater angesagt, heute sieht man es auch viel im Fernsehen, gerade im Comedy-Bereich. Matthias Kuchtas fast lebensgroße Puppen sind aber immer noch eine Seltenheit. „Ich habe wohl mit den großen Figuren eine Art Nische gefunden”, meint er. Der Puppenspieler sieht sich selbst als sehr zurückhaltenden Menschen, der schon als Kind mit seinem Kasperletheater seine Schüchternheit überspielen konnte. „Die Bühne ist ein sehr geschützter Raum. Ich bin ja in einer Geschichte, und die Geschichte gibt mir Sicherheit”, erklärt er. Obwohl Matthias Kuchta schon das Rentenalter erreicht hat, denkt er noch nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: „Ich möchte gerne mal eine Erwachsenen-Inszenierung mit politischem Inhalt machen”, sagt er. Grundsätzlich möchte er so lange mit seinem Figurentheater weitermachen, wie es ihm noch Spaß bringt und sein Körper mitmacht. „Ein Maler oder Schriftsteller hört ja im Rentenalter auch nicht einfach auf.” (JVE)

Rednerin mit Herzblut

Angela Tonn arbeitet als freie Trauerrednerin

Nicht jeder findet die passenden Worte, um einen Verstorbenen zu betrauern. Die Trauerrednerin Angela Tonn hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede Abschiedsrede so zu halten, als hätte sie den Verstorbenen persönlich gekannt. Angela Tonn sieht das, was sie macht, nicht als Arbeit an, sondern als Berufung. „Ich habe schon oft gedacht, das hättest Du mal eher machen sollen”, erzählt sie. „Das, was ich mache, kommt aus tiefstem Herzen.” Kurz bevor sie 60 wurde, sattelte die Adendorferin um und entschied sich dazu, Trauerrednerin zu werden.

Um zu verstehen, wie es dazu kam, muss man Angela Tonn kennen. Die 64-Jährige sagt von sich, sie ziehe alles durch, was sie einmal anpacke. Das sei nicht nur Gerede. Auslöser für ihre Entscheidung war eine Beerdigung, der sie 2015 mit ihrem Mann beiwohnte. Ein guter Freund ihres Mannes war plötzlich verstorben. Er hatte mit seinem Motorrad besondere Touren unternommen, war im Motorradclub aktiv und hatte dort viele Freunde. „All das wurde bei der Trauerrede mit keinem Wort erwähnt”, erinnert sich Angela Tonn, „unseren Freund haben wir nicht erkannt.” Auf der Rückfahrt fasste sie einen Entschluss: „Ich sagte zu meinem Mann, ab morgen werde ich Trauerrednerin.” Zu Hause angekommen, erkundigte sie sich nach dem üblichen Werdegang hin zum Trauerredner und wurde von einem Bestatter an die Hamburger Rednergemeinschaft verwiesen. Die professionellen Trauerredner dieser Gemeinschaft halten bis zu vier Reden an einem Tag. Angela Tonn begleitete einen von ihnen eine Zeit lang. „Der Redner hat mir sehr viel mitgegeben. Er war studierter Theologe und Buchhändler. Ich hingegen stand mit null da. Ich war vorher im medizintechnischen Außendienst”, erklärt sie.

Monatelang Klinken putzen

Angela Tonn kommt ursprünglich aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn. 2012 zog sie zu ihrem zweiten Mann nach Adendorf. Um sich als neue Trauerrednerin in der Region einen Namen zu machen, habe sie anfangs monatelang „Klinken geputzt”, sagt sie. „Man kann den Redner für eine Trauerfeier oder Bestattung grundsätzlich frei wählen”, erklärt sie, der Auftrag komme entweder direkt von einem Bestatter oder von Privatpersonen, denen sie empfohlen wurde oder die sie schon einmal als Rednerin erlebt haben. „Es dauert, bis es läuft”, so Angela Tonn. Ihren ersten Job als Trauerrednerin erhielt sie unverhofft bei ebendiesem Klinkenputzen bei einem Bestatter in Bad Bevensen. Weil gerade, als sie vor Ort war, für eine Trauerfeier ein Redner gesucht wurde, gab man ihr kurzerhand den Auftrag. Vom ersten Entschluss, den Beruf zu wechseln bis zur ersten eigenen Trauerrede vergingen gerade einmal vier Monate. Inzwischen hat Angela Tonn nach eigener Schätzung rund 400 Trauerreden selbst verfasst und gehalten. Wenn sie im Monat vier Reden hat, ist sie zufrieden – ein Arbeitsaufkommen wie bei der Rednergemeinschaft Hamburg kann sie sich nicht vorstellen. „Bis zu zwei Reden an einem Tag gehen für mich höchstens”, meint die 64-Jährige. Angela Tonn weiß nie, wann der nächste Auftrag kommt. Ausgerechnet im November, dem Monat der Trauer und des Todes, herrschte für sie Saure-Gurken-Zeit. Nach einem Todesfall hat sie in der Regel zehn Tage Zeit für das Schreiben ihrer Rede – wenn es um eine Urnenbeisetzung geht. Bei einer Erdbestattung verkürzt sich der Zeitraum bis zur Beisetzung.

Man muss sich hineinversetzen

Entscheidend für die Arbeit der Trauerrednerin ist das Gespräch mit den Hinterbliebenen. Wenn sie direkt von einem Bestatter über einen Todesfall informiert wird, schickt dieser ihr Eckdaten über den Verstorbenen und Daten der Angehörigen, die sie kontaktieren soll. Für das Vorgespräch mit den Hinterbliebenen nimmt sich Angela Tonn Zeit. In der Regel besucht sie diese zu Hause, doch auch telefonisch ist es möglich. Da sie den Verstorbenen erst „kennenlernen” muss, stellt sie Fragen zu dessen persönlichen Vorlieben, Hobbys oder Eigenarten. Das Privatleben steht im Vordergrund, nicht der tabellarische Lebenslauf. „Die meisten erzählen gerne und viel. Manchmal kriegt man ein ganzes Buch und muss alles kürzen. Aber aus manchen ist nichts rauszukriegen”, so ihre Erfahrung. „Wenn die Leute mir nicht viel erzählen, dann bin ich nicht zufrieden.” Mindestens drei getippte Seiten ihrer Rede drehen sich für gewöhnlich um das Leben des Verstorbenen, wobei der Text nicht immer bierernst sein muss. „Die Leute mögen lachen”, sagt sie, „ich habe auch schon Witze erzählt.” Die Adendorferin ist immer auf der Suche nach schönen Redewendungen, schreibt sich aus dem Internet oder dem Fernsehen Geschichten und Anekdoten auf, die ihr gefallen. „Ich habe immer einen Schreiber und Zettel parat”, erklärt sie. Angela Tonn hält Trauerreden in der Regel für Familien, die keine kirchliche Zeremonie wünschen. Deshalb hält sie am Ende ihrer Ansprache eine Art „weltliches Vaterunser”. Doch auch mit Pastoren hat sie schon zusammengearbeitet, sie selbst ist auch gläubig. Sie erinnert sich noch gut an den katholischen Pastor, der nicht über den Alkoholismus des Verstorbenen sprechen wollte, weshalb sie für die Trauerrede engagiert worden war. „Hinterher hat mich der Pastor gefragt: Wo nehmen Sie das her? Meine Antwort war: Man muss sich nur hineinversetzen. Das bin ich schon oft gefragt worden.” Das schönste Kompliment ist für die Trauerrednerin, wenn sie hinterher ein Trauergast fragt, ob sie den Verstorbenen gekannt hat, da sich ihre Rede so anhörte.

Hat ein Verstorbener keine Hinterbliebenen oder sind diese nicht in der Lage, etwas zu dessen Leben zu erzählen, ist die Trauerrednerin gezwungen, ihre Rede sehr allgemein zu halten. Und ist die Runde bei der Trauerfeier sehr klein, stellt sie sich nicht an ihr Pult – oder im Freien an ihren mitgebrachten Notenständer – sondern stellt sich mit der Trauergemeinde in einen Kreis. Hauptsächlich hält die Adendorferin ihre Ansprachen in Kapellen, aber auch in Friedwäldern der Umgebung. „Ich habe auch schon auf einem Treckeranhänger meine Rede gehalten. Das war eine Gedenkfeier für einen jungen Mann auf einem Sportplatz, und der war voll”, erinnert sie sich. Sie arbeitet im Umkreis von hundert Kilometern, von Boizenburg bis Walsrode. Viel Auto zu fahren ist sie noch aus dem Außendienst gewohnt.

Auch op Platt und auf Englisch

Nicht jede Rede fällt Angela Tonn leicht zu schreiben. „Herausforderungen sind jüngere Menschen, Unfalltote oder Selbstmörder”, erklärt sie. „Das steckt man auch nicht so einfach weg.” Rund drei Stunden braucht sie für das Schreiben einer persönlichen Trauerrede, bei außergewöhnlichen Todesfällen kann es auch doppelt so lange dauern. Ihre Trauerreden gibt es nicht nur auf Hochdeutsch – auch auf Englisch oder Plattdeutsch hat sie schon Reden geschrieben und vorgetragen – für sie keine Hürde. Auch Vorsorgetrauerreden für Personen, die den Inhalt ihrer Trauerfeier schon vor ihrem Ableben regeln wollen, verfasst die Trauerrednerin. „Ob ich sie dann wirklich halte, spielt keine Rolle, jeder kann sie vorlesen. Sie wird dann zu den Unterlagen gelegt”, erklärt sie. Das Vorsorgegespräch für die Rede laufe natürlich anders ab als mit den Hinterbliebenen. Bei besonderen Todesfällen – zum Beispiel dem Unfalltod eines jungen Menschen – ist Angela Tonn oft mehr als nur die „Redenschreiberin”. Es liegt ihr am Herzen, den Hinterbliebenen zu vermitteln, dass sie für sie da ist, ihnen Trost spenden kann – und dass sie es nicht eilig hat. „Ich gehe auf die Menschen zu”, sagt sie. Ein Vorgespräch kann bis zu anderthalb Stunden dauern, in besonderen Fällen aber auch drei Stunden. Manchmal muss sie die Angehörigen auch überzeugen, Dinge auszusprechen, manchmal muss man erst miteinander warm werden. Durch ihre Arbeit im Außendienst, die sie fast 20 Jahre lang ausübte, beherrscht sie – auch durch psychologische Seminare – den Umgang mit Menschen, was ihr auch im neuen Job zugute kommt. Auch dass sie einige Zeit als Hauswirtschafterin in reichen Haushalten arbeitete, war für sie eine gute Schule. „Ich lass mir nicht die Butter vom Brot nehmen”, betont sie. Ihre Reden baut Angela Tonn nach einem wiederkehrenden Prinzip auf: „Ich konfrontiere die Menschen zunächst mit dem Tod. Dann spreche ich über das Leben, am Ende spreche ich Trost aus.” Ist die Trauerfeier noch so bewegend und der Todesfall noch so tragisch: Vor den Trauergästen zu weinen kommt für Angela Tonn nicht in Frage. „Ich habe höchstens einen Kloß im Hals und muss tief durchatmen. Man hat sich zusammenzureißen.” Bei Trauerfeiern und Beerdigungen ist Angela Tonn die Zeremonienmeisterin, die den Ablauf in der Hand hat. Sie kennt die Abläufe, weiß, wann die Musik gespielt wird und wann der Bestatter ins Spiel kommt. Lampenfieber hat sie vor jeder Trauerfeier, „wenn ich’s nicht mehr habe, sollte ich besser aufhören.”

Zufriedenheit der Familie zählt

Bei ihrer Arbeit als Trauerrednerin ist Angela Tonn eine Perfektionistin und sehr selbstkritisch. Es ist ihr wichtig, dass die Angehörigen zufrieden sind. „Die Menschen stehen im Vordergrund. Die Familien sollen sich in besten Händen fühlen. Als Außenstehende gehöre ich bis zur Trauerfeier zur Familie.” Ihren Dank erhält sie in Form von lobenden Erwähnungen in Zeitungsanzeigen, Blumen, Dankeskarten oder Trinkgeld. Einige rufen auch an und bedanken sich. Kritik gab es in den vier Jahren als Trauerrednerin noch von keinem Angehörigen, und auch Weiterempfehlungen sprechen für sich. Sie ist der Meinung, von keinem Pastor bisher so persönliche Trauerreden gehört zu haben, wie sie sie schreibt und vorträgt. Deshalb würde sie auch keine Minute zögern, für ihr nahestehende Personen nach deren Tod die Rede zu halten. Als Angela Tonn als freiberufliche Trauerrednerin anfing, dachte sie nur an einen Nebenjob, doch es wurde ihr Hauptjob, wenn auch nicht in Vollzeit. Weil sie ein Unternehmen gründete, wurde sie vom Arbeitsamt gefördert und wird nun beim Finanzamt als Künstlerin geführt. „Ich muss ja auch Fantasie haben und eine gute Schauspielerin sein”, ergänzt sie schmunzelnd. Auch wenn Angela Tonn bald das Rentenalter erreicht, denkt die 64-Jährige noch lange nicht ans Aufhören. „Ich mache das weiter, solange ich geistig fit bin, der Kopf mitmacht und ich Auto fahren kann. Ich habe den Schritt mit knapp 60 gewagt und kann jetzt nicht einfach aufhören.” (JVE)

Die Igelmama

Maria Kellner hilft geschwächten Igeln, nicht nur gut über den Winter zu kommen

Maria Kellner hat sich ihre Passion nicht selbst ausgesucht, sie kam quasi zu ihr. „Als ich einen kleinen Igel mit 120 Gramm in meinem Garten gefunden habe, war das der Anstoß”, erinnert sich die 56-Jährige. Seit zehn Jahren pflegt sie zu kleine, verwaiste, kranke und geschwächte Igel gesund und wildert sie wieder aus. Zum Teil ist sie dafür nächtelang wach. Maria Kellner lebt in Jelmstorf im Landkreis Uelzen, hier gibt es große Gärten, viel Wald und wenig Autoverkehr. Die Igel kommen gerne in ihren Garten, weil sie ihnen gute Bedingungen schafft. Hier steht eine Futterstelle, an die nur Igel herankommen. In ihrem Keller und ihrer Garage päppelt die Igelhelferin die Tiere auf und pflegt sie gesund. Als sie vor zehn Jahren den kleinen Igel fand, recherchierte Maria Kellner zunächst im Internet. Sie landete bei der Igelhilfestation in Hannover, wo sie telefonisch von einer Frau Instruktionen bekam, die inzwischen eine gute Freundin von ihr ist. Sie lernte zum Beispiel: „Ab einem Gewicht von 120 Gramm braucht der Igel keine Ersatzmilch mehr.” Nach dem ersten fand sie bald den nächsten kleinen Igel – ihrer Vermutung nach, die Schwester des ersten. Bruder und Schwester, die sich sofort aneinander kuschelten, taufte sie Mecki und Stupsi. „Da habe ich meine Liebe zu den Igeln entwickelt”, erzählt sie.

Erstversorgung des Igels

Die Igelhelferin meint, dass in den Medien viel Falsches über Igel verbreitet wird – und dass auch Tierärzte und Tierheime viele Schwachstellen haben. Es liegt der 56-Jährigen am Herzen, über die Igelhilfe aufzuklären. „Oft wird nicht kundgetan, dass es einen konkreten Ablauf gibt, wenn man einen hilfsbedürftigen Igel findet”, meint Maria Kellner. Die Igelpflegerin klärt auf: „Hilfsbedürftig ist ein Igel, wenn er offensichtlich verletzt, verwaist, abgemagert ist, taumelt oder apathisch ist. Ein hustender Igel braucht Hilfe, weil er Lungenwürmer hat. Und wenn ein junger Igel Mitte Oktober noch unter 250 bis 300 Gramm wiegt, braucht er ebenfalls Hilfe.” Igelmütter, die bis zu neun Babys pro Wurf gebären, richten sich in ihrem Nest nach dem stärk-sten Nachwuchstier. Nach einer gewissen Zeit „schließt” die Mutter ihr Nest und verlässt ihre Jungen. „Die Großen schlagen sich dann durch, und die Kleinen schaffen ihr Gewicht von 700 Gramm bis zum Winterschlaf nicht zu erreichen“, erklärt Maria Kellner. Dass die Mutter ihre Kleinen alleine lässt, habe einen einfachen Grund: „Die Mutter weiß, jetzt kommt der Winter. Dann hat sie noch vier bis sechs Wochen Zeit, sich Winterspeck anzufressen. Sie ist dazu gezwungen, ihr Nest zu schließen, um selbst am Leben zu bleiben.” Die Mutter brauche mindestens ein Gewicht von 1.100 Gramm, um das nächste Frühjahr zu erleben. Maria Kellner handelt immer nach dem gleichen Muster, wenn sie einen hilfsbedürftigen Igel findet. So sollte man zunächst schauen, ob er Fliegeneier am Körper hat, so die Igelhelferin. „Wenn er gelbe Nester in den Stacheln, unter den Armen, am Po oder am Kopf hat, sind das Fliegeneier, die man mit Zahnbürste und Pinzette komplett entfernen muss, bevor der Igel dann ins Warme muss”, erklärt sie. „Schwache Igel sind davon oft betroffen.” Das Entfernen sei – unbedingt im Freien – nötig, da sich ansonsten aus den Eiern in Sekunden Maden entwickeln würden, die bei Wärme in die Körperöffnungen des Igels krabbeln und ihn quasi von innen auffressen würden. Danach könne man den Igel wiegen und in einen mit Zeitungspapier ausgelegten größeren Karton setzen. In diesen Karton stellt man einen kleineren Schlafkarton, kleine Igel bekommen zusätzlich eine handwarme Wärmflasche dazu.

Nachtaktiver Fleischfresser

Wichtig für den nachtaktiven Igel ist Dunkelheit, angepasst an den Tag-Nacht-Rhythmus. „Wenn er die ganze Zeit nur Licht oder nur Dunkelheit hat, wird der Igel hektisch, und sein Biorhythmus kommt völlig aus dem Gleichgewicht”, erklärt die Igelhelferin. Wenn man kein Katzen- oder Welpenfutter als Pastete habe, helfe fürs Erste ein gekochtes, klein geschnittenes Ei oder ohne Öl gebratenes Hack oder Rührei – oder ein ohne Gewürze gekochtes Hühnerbein. „Der Igel ist ein Fleischfresser”, erklärt die Igelhelferin. „Er isst nichts mit Soße, keinen Fisch, aber auch kein Obst oder Gemüse. In freier Wildbahn isst er Krabbelgetier wie Raupen, Larven und Würmer.” Weil sein Lebensraum zunehmend verschwinde, weiche er oft auf Schnecken als Nahrung aus. „Aber Schnecken sind die größten Parasitenüberträger für den Igel”, weiß sie. Und wenn Schnecken vergiftet seien, vergifte sich der Igel auch und sterbe einen qualvollen Tod. Nach der Erstversorgung rät Maria Kellner, eine nahe gelegene Igelpflegestation zu kontaktieren. „Wenn jemand den Igel nicht behalten will, wäre die Nähe wichtig, denn die Autofahrt ist für ihn Horror”, erklärt die 56-Jährige. Der Besuch eines Tierarztes sei nicht immer ratsam, nur bei einem verletzten Igel. „Der Igel als Wildtier hat eine andere Verstoffwechselung als Hund, Katze oder Kaninchen, deshalb sind auch die Dosierungen oft völlig anders”, meint sie. Die bei Haustieren üblichen Mittel gegen Würmer und Flöhe vertrage der Igel nicht. Sie arbeitet ausschließlich mit einer Tierarztpraxis in Bienenbüttel zusammen, der sie vertraut. Mit dem Tierarzt bespricht sich die Igelhelferin auch, wenn ein Igel schwer verletzt ist oder operiert werden muss. Maria Kellner hat regelmäßig Igel zur Pflege. Doch ihr Hauptziel ist stets die Auswilderung, denn es ist weder natürlich noch gesetzlich erlaubt, sich Wildtiere zu halten. Die Jelmstorferin weiß: „Wenn der Igel bis Ende November und bei guter Wetterlage 700 Gramm hat, kann er noch ausgewildert werden und macht den Winterschlaf draußen.” Während die Männchen schon ab Ende Oktober ihren Winterschlaf machen, legen sich die weiblichen und die kleineren Igel erst ab Ende November schlafen. „In dieser Zeit sind sie bewegungsunfähig und atmen maximal sechsmal pro Minute”, erläutert sie. Wird es Ende April, Anfang Mai wieder wärmer, wachen die Igel wieder auf. Alle Igel, die bei Frost und Schnee umherlaufen, seien hilfsbedürftig.

Gefahr durch Gartengeräte

In der freien Natur werden Igel nur zwei bis drei Jahre alt. Haben sie jedoch täglich Zugang zu einer Futterstelle, können sie auch schon mal sieben oder acht Jahre alt werden. Eine große Gefahr für die Igel stellen neben Autos scharfe Gartengeräte dar. Maria Kellners zweiter Igel Stupsi überlebte das Aufschlitzen seiner Körperseite durch einen Kantenschneider nur, weil er schnell operiert und anschließend von der Igelhelferin wieder aufgepäppelt wurde. „Nach einem halben Jahr war alles verheilt, sie konnte wieder ausgewildert werden und ist sieben Jahre alt geworden”, berichtet sie. Sie weiß genau, mit welchem Igel sie es zu tun hat, denn sie markiert jeden Igel, den sie zur Pflege hatte, an einer anderen Stelle mit einem kleinen Punkt. Ab Ende Oktober kann man davon ausgehen, dass alle Igelnester geschlossen sind. „Dann sammelt man kleine Igel ab, und abgemagerte oder dehydrierte Mütter nimmt man auch auf”, erzählt Maria Kellner. Die Hauptsaison beginnt für sie im August/September, wenn sie sich um die ersten verwaisten Igelbabys kümmert. Um diese aufzupäppeln, muss sie sie auch nachts alle zwei Stunden mühsam mit einer kleinen Spritze füttern. „Dieses Jahr hatte ich in der Spitze 16 Igelbabys. Wenn man in zwei Stunden 16 Igel füttert, ist man gut, und dann kann man gleich wieder von vorne anfangen. Dann bleibt keine Zeit zum Schlafen”, erzählt sie schmunzelnd. Die Igelbabys erhalten anfangs Welpenersatzmilch, später Nass- und Trockenfutter. Kuhmilch hingegen vertragen Igel überhaupt nicht, da sie eine Laktoseunverträglichkeit haben. Dass die Jelmstorferin Igel gesund pflegt, hat sich in der Umgebung schnell herumgesprochen, und ihr wurden immer mehr Tiere gebracht. Zu ihr kommen Igel aus einem Umkreis von 150 Kilometern, schätzt sie. Da sie alles aus eigener Tasche finanziert, gründete sie vor einem Jahr mit zwei Igelpflegern aus Hannover den Verein Igelhilfe Lüneburger Heide – auch, um Spendenbescheinigungen ausstellen zu können. Die Kosten für Spezialnahrung, Medikamente und Tierarztbesuche sind hoch, auch der Bau eines Freigeheges geht ins Geld. Zwar gibt es aus der Nachbarschaft regelmäßig Futter- und Zeitungsspenden – als Unterlage für die Igelboxen – doch viele Personen, die einen hilfsbedürftigen Igel abgeben, sehen nicht ein, auch etwas Geld dazu zu geben. Ein Igel kostet etwa 3 Euro pro Tag und muss oft wochenlang betreut werden.

 

Jeder hat eigenes Wesen

In freier Wildbahn hat der Igel mit manchen Unwirtlichkeiten zu kämpfen. Neben den Fliegeneiern kann er von einem Pilz, Ekzemen, aber auch Milben und Flöhen befallen werden. Der Igelfloh springt übrigens weder auf uns Menschen, noch auf Haustiere wie Hund und Katze über, wie ein Volksglaube es sagt. „Niemand, der einen Igel aufnimmt, braucht Angst zu haben, dass er oder die eigenen Haustiere von dem Igel Flöhe bekommen”, erklärt die Igelpflegerin. Ein weiteres Problem für den stachligen Säuger sind Gewässer, aus denen sie gerne trinken, ohne Hilfe aber nicht wieder herauskommen, falls sie hineinfallen. Ein kleines Brett am Ufer kann ihm helfen, ebenso an Fensterschächten und Kellertreppen – denn kleine Igel können Stufen und größere Absätze nicht erklimmen. Der Igelhelferin macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: Da die Tiere momentan sehr hungrig und ständig auf Nahrungssuche sind – sie können Futter bis zu einem Kilometer weit riechen – fressen sie sich auch in die gelben Säcke hinein, die überall zur Abholung am Straßenrand liegen. „Der Igel krabbelt in Tierfutterdosen und kommt rückwärts nicht wieder raus, weil sich dabei seine Stacheln aufstellen. Er wird von der Müllabfuhr mit abgeholt und bei lebendigem Leibe verbrannt”, sagt die Igelhelferin. Es reiche schon, die gelben Säcke in einer Höhe von 80 Zentimetern am Zaun oder Baum aufzuhängen, damit der Igel ihn nicht erreichen kann. Mitte Oktober hatte Maria Kellner 14 Igel zur Pflege, und das ist erst der Anfang. Rund 20 überwintern jedes Jahr in ihrer Garage und werden erst im Mai wieder ausgewildert. Nach Monaten der Pflege und Fürsorge fällt es der 56-Jährigen nicht immer leicht, ein Tier wieder in die Natur zu entlassen. „Oft stehe ich da, und mir laufen die Tränen runter, aber da darf man nicht egoistisch sein und sagen, der ist so süß, den behalte ich”, meint sie. Es tröstet sie, dass die in ihrem Garten ausgewilderten Igel zu ihrer Futterstelle zurückkommen. Kommen Igel aus einer anderen Region, werden sie an ihrem Ursprungsort wieder ausgesetzt, wenn keine große Straße in der Nähe ist. Jeder Igel bei Maria Kellner hat einen Namen, und jeder wächst ihr mit seinem besonderen Wesen mit der Zeit ans Herz. Nur deshalb verbringt sie fünf bis acht Stunden am Tag mit ihren Igeln, kümmert sich schon morgens früh vor der Arbeit zwei Stunden um das Reinigen der Boxen und gibt Medikamente und Futter. „Wenn man nonstop eine Woche nicht zum Schlafen kommt, denkt man schon, warum machst Du das nur?” meint sie. Doch sie ist schon mit Tieren groß geworden und lebt nach der Devise ihres Vaters: Erst die Tiere, dann die Menschen. (JVE)

Stimme der Jugend

Der Student Lukas Zimmermann engagiert sich als Jugendbotschafter für die Kampagnenorganisation ONE

In erster Linie ist Lukas Zimmermann Student. Doch momentan liegt ihm sein Ehrenamt mehr am Herzen. Der 22-Jährige engagiert sich seit anderthalb Jahren für die Lobby- und Kampagnenorganisation ONE. Eine Aufgabe, die ihm schon viele interessante Begegnungen eingebracht hat. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist Lukas in Freiburg im Breisgau. Nach der Schule absolvierte er ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) bei der Bramfelder Laterne in Hamburg, einem Infozentrum für Globales Lernen mit angeschlossenem Weltladen. Hier entwickelte er ein Workshop-Angebot zum Klimawandel und wirkte an Info-Veranstaltungen mit. Zwar nahm er daraufhin in Karlsruhe ein duales Studium für Sicherheitswesen auf, doch dieses entsprach nicht seinen Vorstellungen. So ging er für ein viermonatiges Praktikum nach Dresden, das er bei „arche noVa – Initiative für Menschen in Not” machte, einer Organisation, die weltweit im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit und Humanitären Hilfe aktiv ist. In dieser Zeit reifte in Lukas die Idee, sich langfristig ehrenamtlich im Bereich der Entwicklungspolitik zu engagieren. Seine Internetrecherche führte ihn zu ONE, einer entwicklungspolitischen Lobby- und Kampagnenorganisation zur Bekämpfung von extremer Armut und vermeidbaren Krankheiten. ONE setzt sich im Dialog mit der Öffentlichkeit und politischen Entscheidern für kluge und effektive Politikansätze und Programme ein, um Aids und vermeidbare Krankheiten zu bekämpfen, Investitionen in Landwirtschaft und Ernährung zu erhöhen und mehr Transparenz bei Maßnahmen zur Armutsbekämpfung zu schaffen. ONE hat ihren Hauptsitz in Washington D.C. und führt Länderbüros in Abuja (Nigeria), Berlin, Brüssel, Johannesburg, London, Ottawa und Paris. In Deutschland arbeitet ONE seit 2011 mit einem Jugendbotschafter-Programm für junge Menschen von 18 bis 35 Jahren. Ziel dieses Programms ist es, die Erfolge im Kampf gegen extreme Armut in Entwicklungsländern bekannter zu machen. Um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, treffen die Jugendbotschafter regelmäßig auf Spitzenpolitiker und informieren bei öffentlichen Veranstaltungen.

Einziger Botschafter in Lüneburg

Anfang 2018 bewarb sich Lukas Zimmermann bei ONE um das Ehrenamt als Jugendbotschafter, wofür er nach einem Telefoninterview die Zusage bekam. Seit Herbst 2018 lebt er nun in Lüneburg, studiert Umweltwissenschaften und Politikwissenschaften und engagiert sich von hier aus für ONE. Während es in Deutschland 50 ONE-Jugendbotschafter gibt, ist Lukas in Lüneburg der Einzige. Um mit seiner neuen Aufgabe vertraut gemacht zu werden, wurde Lukas zu einer dreitägigen Auftaktveranstaltung nach Berlin eingeladen, um Grundkenntnisse über Themen wie Lobbyarbeit, Pressearbeit und Entwicklungszusammenarbeit sowie über die Organisation zu erlernen. Dann konnte die Kampagnenarbeit beginnen. Die Jugendbotschafter erhalten von der Organisation ONE aus Berlin jede Woche eine E-Mail mit Informationen über anstehende Kampag-nen. Hier erfahren sie auch, wofür und wo noch Helfer gebraucht werden. Das Länderbüro in Berlin, in dem sieben Hauptamtliche arbeiten, koordiniert die Arbeit für ganz Deutschland. Wer sich bereit erklärt, an einer Aktion teilzunehmen, erhält Hintergrundmaterial zum Thema. „ONE gibt auch Spickzettel aus mit Forderungen an die Bundesregierung”, erklärt Lukas. Zwar bestreiten die neuen Jugendbotschafter ihre ersten Treffen mit Politikern gemeinsam mit erfahreneren Botschaftern, doch Lukas‘ erste Zusammenkunft mit einem CDU-Politiker lief nicht günstig, wie er sich erinnert: „Der Politiker war gegen die Entwicklungszusammenarbeit, und ich wusste nicht, wie ich da gegenanreden soll. Man lernt von den anderen, wie man da reagiert.” Für diese Fälle gibt es vor- und nachbereitende Gespräche mit anderen Jugendbotschaftern. „Jetzt ist immer noch eine Grundaufregung da. Es kommt aber auf die Person an, mit der wir uns treffen. Es ist generell schwieriger mit den Regierungsparteien”, erklärt der 22-Jährige. Schließlich würden sich die Forderungen an sie richten. „Wir versuchen aber auch, andere Parteien zu treffen.” In ihrer Arbeit müssen die Jugendbotschafter überparteilich sein, es ist ihnen aber erlaubt, Mitglied in einer Partei zu sein. In seiner Zeit als Jugendbotschafter hat Lukas schon einiges erlebt. Vor den EU-Wahlen war er im Februar mit allen deutschen Jugendbotschaftern in Berlin, um Gespräche mit Bettina Hagedorn, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium, sowie mit Außenminister Heiko Maas zu führen. Sie forderten eine echte Partnerschaft der EU mit Afrika sowie mehr EU-Investitionen für die globale Armutsbekämpfung.

Man wird wahrgenommen

Bei solchen Treffen hat Lukas das Gefühl, als Jugendbotschafter auch von hochrangigen Politikern ernst genommen zu werden. „In der Regierungspartei und im Bundestag sind wir ziemlich bekannt. Man wird auf jeden Fall wahrgenommen. Die Leute nehmen sich Zeit für uns und gehen inhaltlich mit uns ins Gespräch”, so seine Erfahrung. „Der Entwicklungsminister Gerd Müller trifft sich zum Beispiel gerne mit uns, weil wir in seinem Sinne mehr Geld fordern. Wir waren 2018 eine Stunde bei ihm.” An den Entwicklungsminister Müller überreichten die ONE-Jugendbotschafter im August eine Petition, in der über 145.000 Menschen ihn auffordern, den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria zu unterstützen. „Beim G7-Gipfel hieß es dann, dass der Beitrag für den Globalen Fonds erhöht wird”, erzählt Lukas. Ob ein Beschluss oder die Erhöhung von finanziellen Hilfen unmittelbar mit dem Engagement von ONE zu tun hat, ist in der Regel nicht nachvollziehbar. „Ab und zu gibt es Rückmeldung aus dem Bundestag”, sagt der 22-Jährige. „Das Gefühl wird einem auf jeden Fall vermittelt, dass man etwas erreicht hat.” Anfang August reiste der Student mit einer Gruppe anderer Jugendbotschafter zum Heavy-Metal-Festival nach Wacken. An ihrem Stand warben sie für die Kampagne „Armut ist sexistisch”. Darin macht ONE darauf aufmerksam, dass Frauen und Mädchen weltweit einerseits am stärksten von Armut betroffen sind, andererseits aber das größte Potenzial haben, diese zu beenden – wenn man sie nur ließe. Beim Lollapalooza Festival Anfang September in Berlin sammelte Lukas mit anderen Jugendbotschaftern Unterschriften für eine Petition an Senegal gegen sexuelle Gewalt. „Die Petition kam von der Musikerin und Aktivis-tin Black Queen und wurde mit ONE auf den Weg gebracht. Wir versuchen nicht nur, die westliche Brille aufzuhaben und denen zu sagen, was sie besser machen sollen”, erläutert er. Die Arbeit auf Festivals macht Lukas besonderen Spaß. „Da kann man die Leute gut erreichen, sie haben Lust auf Gespräche.” Gerne kommt er mit den Besuchern ins Gespräch, das Publikum erlebt er dabei vollkommen unterschiedlich. „Das Publikum beim Lollapalooza war sehr unkritisch. Dafür waren sie in Wacken ziemlich kritisch und haben sehr viele Fragen gestellt”, erzählt er. Oft werde hinterfragt, ob ihre Arbeit überhaupt etwas bringe und wer das Ganze finanziere. „Die Arbeit von ONE wird hauptsächlich von einer Stiftung finanziert”, weiß Lukas. „Viele sehen kritisch, dass wir nur Lobby- und Kampagnenarbeit betreiben und hinterfragen, ob man das Geld für die Lobbyarbeit nicht besser für Projekte vor Ort ausgeben könnte. Doch die extreme Armut wurde seit 1990 halbiert, auf solche Zahlen stützen wir uns.”

Man lernt viel

Das Ehrenamt als ONE-Jugendbotschafter läuft generell für ein Jahr, Lukas wurde Ende 2018 gefragt, ob er 2019 weitermachen will, was er zusagte. „Die Vielfalt macht Spaß, ob bei Lobbytreffen, Festivals oder Bildungsveranstaltungen”, meint er. An seiner ehemaligen Schule in Freiburg gab er bereits einen Bildungsworkshop zum Thema der Kampagne „Armut ist sexistisch”, was er sich an weiteren Schulen vorstellen könnte. Auch bei Straßenfesten wollen die Jugendbotschafter Präsenz zeigen, deshalb initiierte Lukas zum Beispiel einen Stand beim Zelt-Musik-Festival in seiner Heimatstadt Freiburg. Im September ging es für Lukas und viele andere ONE-Jugendbotschafter zu den Lobbytagen in Berlin. „Der Fokus lag auf dem Haushalt, der verabschiedet wird. Deutschland sollte 0,7 Prozent des Haushalts für die Entwicklungszusammenarbeit ausgeben. Wir fordern, dass diese Quote erreicht wird”, erklärt er. Dafür standen Treffen mit dem Unterausschuss für Globale Gesundheit und dem Ausschuss für Wirtschaftliche Zusammenarbeit auf dem Programm. Bei all der Zeit, die der Lüneburger für sein Ehrenamt aufwendet, kommt das Studieren manchmal etwas zu kurz. „Das Studium steht bei mir nicht an erster Stelle. Das Ehrenamt ist mir wichtiger, weil ich glaube, dass es mir mehr bringt. Man lernt wahnsinnig viel, das Organisieren von Veranstaltungen oder wie ich Leute anspreche…” Im Raum Lüneburg war er selbst dafür verantwortlich, die Politiker aus dem Wahlkreis anzusprechen und sich persönlich vorzustellen, auch zu den Europawahlen versuchte Lukas, alle Kandidaten zu treffen. „Es wird immer versucht, einen Tick näher dran zu sein.” (JVE)

Abenteuer ohne Grenzen

Ingo Kuhli-Lauenstein hat mit einem Inklusionsteam mit dem Sup Fehmarn umrundet

Einmal auf der Ostsee die Insel Fehmarn umrunden: Was sich so idyllisch anhört, kann knochenharte Arbeit sein. Der einseitig unterschenkelamputierte Ingo Kuhli-Lauenstein unternahm diese Tour mit einem Lüneburger Inklusionsteam auf einem extragroßen SUP-Board. Stand Up Paddling (SUP) ist ein absoluter Trendsport, wohl auch, weil er für jedermann schnell zu erlernen ist. Im Stehen paddeln und die Balance halten, mehr gibt es nicht zu wissen. Der SUP- und Outdoor-Verein Lüneburg (SOV) hat es sich zur Aufgabe gemacht, wirklich jeden aufs Board zu holen, ob mit oder ohne Handicap. Seit 2018 bietet der Verein insbesondere Rollstuhlfahrern die Möglichkeit, auf speziellen SUP-Boards mit besonderen Spannsystemen im Rollstuhl mitzufahren. Im Juli wagte ein Inklusionsteam des SOV um Geschäftsführer Adrian Wachendorf die besondere Tour. Gemeinsam mit dem Rollstuhlfahrer Simon Kunst und Ingo Kuhli-Lauenstein, der eine Unterschenkelprothese trägt, paddelte das Team im Rahmen des SUP & Beachsports Festivals innerhalb von drei Tagen auf einem SUP rund um Fehmarn.

Ingo Kuhli-Lauenstein sucht gerne das Abenteuer. Der 27-Jährige wurde mit dem Bewusstsein erzogen, dass er alles schaffen kann – obwohl er mit einem fehlgebildeten Bein zur Welt kam. „Meine Eltern haben mir viel ermöglicht und viel ausprobiert”, erzählt der Sauerländer. „Für mich ist das selbstverständlich gewesen.” Er wuchs auf dem Dorf auf und besuchte eine Regelschule. „Bis zur Volljährigkeit hatte ich nur wenig Kontakt zu anderen körperlich eingeschränkten Kindern. Natürlich wurde ich auch ausgelacht. Dafür habe ich auch über dicke Kinder gelacht, wie Kinder halt so sind”, erinnert sich Ingo, der sich nicht wirklich ausgegrenzt fühlte. „Mit mir wollten die Kinder nur kein Fußball spielen.” Er ist seinen Eltern dankbar, dass sie ihn nicht vor allem beschützt haben. „Auch negative Erfahrungen gehören zum Leben dazu”, meint er. Lange Zeit suchte Ingo Kuhli-Lauenstein keinen Kontakt zu Behindertensport-Vereinen. Schon das Projekt Rollstuhlbasketball an seiner Regelschule hatte ihm nicht gefallen. Erst während seines Maschinenbau-Studiums in Gummersbach wurde er auf dem Campus direkt dazu angesprochen. Weil er eine kurze Hose trug und seine Unterschenkelprothese zu sehen war, fragte ihn ein junger Mann, ob er Interesse an Para-Eishockey habe, einer Behindertensportart, bei der die Sportler auf einem speziellen Schlitten in Sitzposition festgeschnallt Eishockey spielen. Das war 2012, und inzwischen spielt Ingo in der Deutschen Para-Eishockey-Nationalmannschaft. „Nach zwei Jahren war ich im Nationalteam”, erzählt der 27-Jährige. Vor dem Eishockey war er jahrelang Rennrad und Mountainbike gefahren, hatte früher voltigiert. „Eishockey ist für mich jetzt der wahre Sport. Jeder muss für sich finden, was für ihn richtig ist.”

Vergnügen an der Erschöpfung

Zu der Fehmarn-Umrundung kam Ingo durch einen weiteren Zufall. Sein Eishockey-Teamkollege und Torwart der Mannschaft Simon Kunst lernte bei seinem Besuch der Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg Adrian Wachendorf vom SUP-Verein aus Lüneburg kennen. Adrian eröffnete ihm seine Idee von der SUP-Fehmarn-Umrundung mit einem Inklusionsteam, wofür er Simon sofort gewinnen konnte. Als weiterer Mitstreiter für die Tour interessierte sich Ingo, der aber auch skeptisch war. „Ich wusste nicht, ob das rein körperlich machbar ist”, erklärt er. Einige Wochen vor dem SUP-Event auf Fehmarn trafen Ingo und Simon am Sorpesee im Sauerland auf Adrian Wachendorf und ein Team aus Lüneburg, um das Stand Up Paddling auf dem großen Board auszuprobieren. „Danach haben wir es festgemacht”, erzählt Ingo, dem klar war, dass die Trainingsbedingungen ohne Wellengang und Wind nicht den Bedingungen auf der Ostsee entsprechen würden. „Klar haben wir das sportliche Grundgerüst und sind körperlich fit, aber ich habe mir das auf dem Meer ziemlich anstrengend vorgestellt.” Da Ingo Kuhli-Lauenstein für seinen Sport vor allem die Rumpfmuskulatur, also den Oberkörper, trainiert und lange kein Beintraining mehr gemacht hatte, fuhr er zur Vorbereitung auf die SUP-Tour vier Wochen wieder intensiv Rennrad. „Untrainiert wäre das nicht gegangen”, ist er rückblickend überzeugt. Das SUP-Training am Sorpesee war Ingos erste Wassersporterfahrung. Er freute sich auf die Fehmarn-Umrundung, „wegen der sportlichen Herausforderung und des Vergnügens an der Erschöpfung”, wie er erklärt. Adrian Wachendorf und sein Kollege Arne Stiller organisierten die Tour mit ihrem Team so, dass sie für die beiden beeinträchtigten Sportler so angenehm wie möglich wurde. Nichts wurde dem Zufall überlassen. „Auch sicherheitsmäßig war alles gut durchdacht”, so Ingo. Sein Teamkollege Simon, der auf seinen Rollstuhl angewiesen ist, wurde mit dem Rollstuhl mit speziellen Spanngurten am Board fixiert. Alle Paddler auf dem Board – neben Ingo und Simon sechs weitere Vereinssportler – waren mit einer Art automatische Rettungsweste ausgestattet, Simons Rollstuhl hatte zusätzlich selbstauslösende Patronen. Angst, ins Wasser zu fallen, hatte Ingo nicht, zumal seine Prothese eher Auftrieb gibt, als dass sie ihn runterzieht. „Mit Prothese kann ich sehr gut schwimmen, das geht aber ohne Prothese besser”, erklärt er. So passierte es dem 27-Jährigen am dritten Tag der Umrundung in einem unaufmerksamen Moment doch, dass er bei stärkerem Seegang aus dem Tritt kam und ins Wasser fiel. Es gelang ihm aber schnell, unbeschadet zum Board zurückzuschwimmen.

Fähre sorgt für Wellen

Gut 60 Kilometer, also rund 20 Kilometer am Tag, legten die acht Sportler mit und ohne Handicap in den drei Tagen zurück, trotzten Wind und Wellen und mussten zeitweilig zur Sicherheit von einem DLRG-Boot begleitet werden. Zeitweise war ihr übergroßes Board mehrere hundert Meter vom Land entfernt, ins Wasser fiel jeder mal – bis auf Simon mit seinem Rollstuhl. Die Fähre, die von Puttgarden im Norden Fehmarns zum dänischen Rødby hinüberfährt, sorgte für meterhohe Wellen, mit denen das Team zu kämpfen hatte. Mit der Wasserschutzpolizei hatte der Lüneburger Verein zuvor die Überquerung der Fährlinie besprochen. Auch an Land gab es um das Inklusionsteam und seine SUP-Umrundung einen großen Rummel. Arne Stiller vom Lüneburger Verein war mit einem Stand beim SUP-Festival vor Ort, die Route konnte über GPS und Live-Standort verfolgt werden. Abends, nach Abschluss der jeweiligen Etappen, ging es für alle zurück zum Festivalstandort an den Südstrand, wo der sportliche Erfolg gefeiert werden musste. Zwar war man in geselliger Runde noch ausgelassen zusammen, doch der Körper machte sich von Tag zu Tag mehr bemerkbar. So hatte Ingo mit Ausgelaugtheit und allgemeiner Erschöpfung zu kämpfen und fühlte sich am dritten Tag schon nicht mehr so leistungsfähig. Ingo war froh, mit Simon einen ebenfalls so ambitionierten und durchtrainierten Para-Sportler an seiner Seite zu haben. Er war aber ebenso dankbar, Experten vom SUP-Verein dabei zu haben, die die richtige Technik beherrschten. Das stundenlange Paddeln erwies sich als besonders anstrengend für die Rumpfmuskulatur. „Die Wellenausgleichsbewegungen, die man macht, gehen in die Wade und die Gesäßmuskulatur”, so Ingos Erfahrung. „Und ich hatte sogar Muskelkater auf dem Fußrücken.” Sein ganzer Körper wurde beansprucht, „und das macht ja auch den Reiz daran aus.” Sie fuhren ohne Pause durch, legten mal gemütlichere, mal kurze Sprintdistanzen zurück. Dem Para-Sportler ist klar: Diese Distanz wäre für sportlich nicht durchtrainierte Personen unmöglich gewesen. „Nicht die Sportart ist das Extreme, sondern die Distanz war extrem”, meint er. Ingo Kuhli-Lauenstein ist jederzeit wieder für ein solches Abenteuer mit dem SUP- und Outdoor-Verein Lüneburg zu haben, auch wenn er nicht in der Nähe wohnt. „Es war auf jeden Fall ein ziemlich cooles Erlebnis.” Ihm und den anderen Tour-teilnehmern schwebt noch etwas Anderes vor, „wir sind offen für eine Steigerung, zum Beispiel Wildwasser mit dem SUP.” (JVE)