Leute

“Unser Haus ist der Hafen”

Familie Grigoleit lebt auf einem Hausboot an der Ilmenaumündung

 

Was für viele ein romantisch verklärter Traum ist, war für sie eine Notlösung: Jill und Ole Grigoleit (beide 33) leben mit ihren zwei Kindern auf einem Hausboot im Stöckter Hafen. Heute können sie es sich gar nicht mehr anders vorstellen. Ihre Geschichte beginnt wie die von Tausenden jungen Leuten in der Großstadt. Nach dem Studium wollten Jill und Ole Grigoleit in Hamburg zusammenziehen, doch die Wohnungssuche war mehr als schwierig. Ohne Arbeitsverträge hatte das junge Paar keine Chancen, sich gegen die zahlreichen anderen Bewerber durchzusetzen. Auch ein Immobilienkauf platzte im letzten Moment. Rückblickend war es wohl Oles Mutter, die das Wort „Hausboot“ zum ersten Mal in den Mund nahm. Bis dahin hatte das Paar nicht davon geträumt. „Ich dachte immer, ein Hausboot ist klein, eng, wacklig, ungemütlich und feucht“, sagt Jill. Jedenfalls beschloss Ole, für sich und Jill einfach ein Zuhause zu bauen, wenn auf dem konventionellen Wege keines zu finden ist. Über Ebay erstand er den Rumpf einer alten Schute, Baujahr 1933, und zahlte dafür gut 6.000 Euro. „Dann gab es kein Zurück mehr“, so Jill. „Wir hatten kein Dach mehr über dem Kopf.“ Nach dem Kauf des ziemlich verrotteten Schiffsrumpfes im Sommer 2011 machte sich Ole – der über viel handwerkliches Geschick, aber auch über eine Ausbildung als Schiffsmechaniker verfügt – daran, die alte Schute abzureißen und ihr Hausboot aufzubauen. Drei Monate lang sägte und schweißte er, verlegte Leitungen und Holzdielen. Um Geld zu sparen, verwendete er viele gebrauchte Materialien. Die Fenster stammten aus einer Ruine, ebenso die Bodendielen für die Wohnräume.

Durch den Schnee zur Hafendusche

Ole baute das Boot in einer Halle im Harburger Hafen, wo es auch zunächst liegen sollte. Jill arbeitete in Hamburg als Redakteurin, Ole selbstständig als Messebauer. Er musste sich ranhalten, bevor der Winter kam. „Wir haben das Boot im August gekauft und sind im November eingezogen“, erinnert sich Ole. „Das Dach war drauf, und der Regen begann.“ Als Jill und Ole in das Hausboot zogen, war es noch lange nicht fertig, und auch Möbel hatten sie kaum mitgebracht. „Wir hatten ein Bett und einen Kamin, aber noch keine Dusche“, erzählt Jill. „Im Winter 2011 bin ich morgens durch den Schnee zur Hafendusche gestapft, bevor ich zum Büro gefahren bin.“ Zwei Jahre lag ihr Hausboot, an dem Ole ständig weiterbaute, im Harburger Hafen. Doch das Paar suchte einen schöneren Liegeplatz – kein leichtes Unterfangen. Da die Liegegebühren nachder Größe des Bootes berechnet werden, gab es für ein Hausboot mit hundert Quadratmetern Wohnfläche keinen bezahlbaren Platz. Die perfekte Lösung fanden Jill und Ole im Winsener Ortsteil Stöckte. Hier wurde ein Nachfolger für den Hafenmeister gesucht, der aus Altersgründen den Hafen abgeben wollte, der in Privathand war. „Das war ein unglaubliches Glück und ein absoluter Zufall“, sagt Jill. Ole musste sich als Mittzwanziger erst vor dem erfahrenen Hafenmeister beweisen, bevor ihm die Position zugesagt wurde. Für die Grigoleits bedeutete das: Sie kauften den gesamten Stöckter Hafen. „Andere kaufen sich ein Haus, wir haben einen Hafen gekauft“, erklärt Jill schmunzelnd. Das bedeutete für das Paar gleichzeitig die Übernahme eines Betriebs mit Kundenstamm, der Liegegebühren aus rund 40 Liegeplätzen einbringt.

Zu dem Hafen gehören außerdem 6.000 Quadratmeter Land und eine Werkstatt, die in Schuss gehalten werden müssen. „Das macht nur Sinn für uns, weil wir hier mietfrei wohnen“, so Ole.

Mit Hausboot bekommt man den Hippie-Stempel

Im Frühjahr 2013 zogen Jill und Ole an den Stöckter Hafen, der ihnen ein Jahr später tatsächlich gehören sollte. Bis dahin hatten sie auch in Stöckte Liegegebühren zahlen müssen. Im Sommer 2014 wurde ihre erste Tochter Line geboren, zwei Jahre später Tochter Morlin. In Stöckte hatten Jill und Ole das erste Mal das Gefühl, angekommen zu sein. Auf dem Hausboot zu leben ist wie aufs Land zu ziehen – die Natur beginnt unter dem Fenster, der nächste Nachbar ist in einiger Entfernung. „Für mich war immer klar, mit Kindern will ich aufs Land ziehen“, erklärt Jill. Auch wenn sie noch viele Freunde in Hamburg hat, möchte sie nicht mit deren Leben tauschen. Sie fühlt sich im Ort gut aufgenommen. „Wir sind hier superschnell bekannt geworden“, meint Ole. „Natürlich wird man erst mal skeptisch beäugt, es waren alle neugierig. Mit Hausboot bekommt man ja einen Hippie-Stempel.“ Bei den Winsener Behörden ist Ole nur der „Hausboot-Heini“, doch er sieht seinen Bekanntheitsgrad dort als Vorteil. Nach fünf Jahren am Stöckter Hafen haben sich die Grigoleits gut eingerichtet. Als zweites Standbein hat Ole inzwischen ein weiteres Hausboot mit 40 Quadratmetern Wohnfläche gebaut, das sie als Feriendomizil vermieten. Seit einem Fernsehbericht über die Familie wird das Hausboot regelmäßig angemietet – obwohl es gerade erst fertig gestellt wurde. Bei ihrem neuen Ferien-Hausboot hat Ole vieles anders gemacht als bei ihrem eigenen Hausboot. Würde er es heute bauen, würde er alles anders machen. „Am liebsten würde ich es noch mal abreißen“, sagt der 33-Jährige. Ihr Hausboot hat außer der Haustür nur zwei weitere Türen – zum Bad und zum Kinderzimmer. Ihr Schlafzimmer ist ein Durchgangszimmer im Obergeschoss, das Bad am Ende des Wohnraums im Erdgeschoss lässt es nicht zu, weitere Wände einzuziehen, ohne noch mehr Durchgangszimmer zu schaffen. Die Fenster müssten erneuert werden, die Isolierung ist dürftig. „Es rächt sich jetzt, dass wir beim Bau so viel Geld gespart haben.“ Geheizt wird ausschließlich mit Pelletofen, während das Ferien-Hausboot über eine komfortable Fußbodenheizung verfügt.

Wunsch nach mehr Abgeschiedenheit

Der Alltag im Hausboot ist für Familie Grigoleit nicht viel anders als an Land. Es gibt fließendes Wasser und Strom, auch wenn die Wasserleitungen durch Frost und Tidenhub im Hafen immer wieder leiden. Ole schafft es kaum, die ständig auftauchenden Schwachstellen an ihrem Hausboot auszubessern, denn seine Arbeit als Hafenmeister fordert ihn sieben Tage die Woche rund um die Uhr. Während an anderen Häfen der Hafenmeister nur bedingt greifbar ist, wohnt Ole direkt auf dem Gelände – Fluch und Segen zugleich. Privatsphäre hat die Familie kaum, einige Bootsbesitzer sehen ihr Haus eher als Vereinshaus denn als Privatunterkunft. Jill und Ole haben einen guten Kontakt zu den Bootseignern, doch manchmal wünschen sie sich mehr Abgeschiedenheit. „Vor kurzem waren wir ein Wochenende am Stover Strand campen, um mal unter uns zu sein“, erzählt Jill. Die zweifache Mutter hat ihre Arbeit in Hamburg aufgegeben und kümmert sich nun um die Kinder, die Ferienhausvermietung und das Marketing drumherum. Sie kann das Leben auf dem Hausboot mehr genießen als Ole, der manchmal in Arbeit erstickt. Ihre Kinder kennen nur ein Leben auf dem Hausboot, die kleine Morlin ist sogar auf dem Boot geboren. „Bei Line hat es gedauert, bis sie realisiert hat, dass sie anders lebt“, erzählt die Mutter der Vierjährigen. Auch wenn ihre Tochter manchmal den Wunsch äußert, wie alle Anderen in einem Haus zu wohnen, fehlt es ihr am Stöckter Hafen an nichts – im Gegenteil: Die Mädchen haben ein großes Kinderzimmer, an Land gibt es einen großen Spielplatz neben der Terrasse mit Hafenblick, und allein das Hafengelände ist riesig. Die Grigoleits erziehen ihre Kinder zu Respekt vor dem Wasser. Auf der Brücke zum Hausboot müssen die Kinder immer an der Hand gehen, auf Booten – von denen die Familie so einige besitzt – wird stets eine Schwimmweste getragen, vom Ufer müssen sie Abstand nehmen. „Wir sind uns der erhöhten Gefahr schon bewusst. Wir lassen unsere Kinder am Wasser nicht allein“, so Jill. „Wir machen uns eher Gedanken, wenn hier Kinder zu Besuch sind. Bei unseren Kindern habe ich mehr Angst in der Stadt. Aber jedes Kind wächst mit spezifischen Gefahren auf.“ Im Sommer herrscht Hochbetrieb am Stöckter Hafen. Zum Winter, wenn die Boote an Land gezogen werden, wird es für die Grigoleits etwas ruhiger. „Im Winter ist es hier auch schön, weil wir wieder mehr Zeit für uns haben“, meint Jill. Während Ole von geregelten Arbeitszeiten träumt, würde Jill gerne mal mit der Familie Urlaub machen. Doch der Kredit für den Hafen muss abbezahlt werden. „Der Hafen ist unser Haus – mit dem Unterschied, dass der Hafen Geld einbringt.“ Wenn Geld übrig ist, stecken sie es wieder in ihr Hausboot – ein ewiger Kreislauf. Auch wenn sich Jill und Ole in zehn Jahren nicht mehr in diesem Hausboot sehen, schätzen sie die kleinen Dinge, die man in einem Haus an Land nicht hat. „Ich kann es mir nicht mehr anders vorstellen“, meint Jill. „Schon der Blick aufs Wasser beim Aufwachen ist toll, oder wenn am Ufer Rehe stehen und trinken. Die Kinder füttern die Enten aus dem Fenster, und es gibt hier Graureiher und sogar Eisvögel.“ Die Mutter liebt das Leben mit den Gezeiten – sie richtet ihre Einkaufszeiten schon mal danach aus, wann die Brücke zum Haus nicht so steil ist, um die Einkäufe bequemer nach Hause zu bringen. „Wir sind von April bis Oktober draußen. Das ist ein Stück Freiheit, aber es gibt eben auch viel Arbeit. Aber das wäre mit einem normalen Haus sicher nicht anders.“ (JVE)

Ein wenig Geschichte

stadtlichter feiert in dieser Ausgabe das 15-jährige Bestehen. Doch wie fing eigentlich alles an? Das Magazin wurde 2003 in Anlehnung an Lüneburgs Telefon-Vorwahl unter dem Titel „Projekt 41/31“ von der Journalistin Katja Müller mit einer Startauflage von 5.000 Exemplaren gegründet. Damit hatte Lüneburg wieder ein Stadtmagazin. Schon kurze Zeit später bekam das Projekt 41/31 seinen heutigen Namen: „stadtlichter“. Die Auflage stieg erst auf 7.000, dann auf 10.000 Exemplare, und die fand dann auch in den Nachbarstädten Uelzen und Winsen ein gutes Echo. 2011 gab es einen Wechsel: Ragna Naujoks und Heribert Eickholt, beide „alte Hasen“ in der Lüneburger Medienlandschaft, übernahmen den Magazintitel „stadtlichter“ und führen ihn seither in ihrem NordMagazine Verlag weiter. In einem Relaunch wurden nach den Herausgeberwechsel gestalterische und inhaltliche Strukturen verändert und die Schwerpunkte anders gesetzt. Das Szenige trat in den Hintergrund, Kultur, Reportage und Porträt in den Vordergrund. Vorschauen auf die vielfältige Kulturlandschaft, auf Ausnahme-Sport und Feste dominieren jetzt den Inhalt. Wer sich in der Vielzahl der Veranstaltungen in der Region orientieren will, für den ist stadtlichter die Nummer 1.

Lieblingsrubriken gibt es im Magazin viele. Für die einen ist es das Editorial oder die stadtlichterseite, für andere das Lüneburger Gesicht, die Reportage, die Leute-Geschichte über interessante Menschen, die Minis, die Buchrezensionen, Filmtipps, der lokale Bandtipp, das Schaufenster des Monats oder die Must Haves – jeder findet seine Lieblingsseite.

stadtlichter soll auch in Zukunft ein Print-erzeugnis bleiben. Trotzdem kann man im Magazin natürlich auch online blättern und den Terminkalender als App im PlayStore kostenlos herunterladen. Der Vertrieb erfolgt in eigener Regie, immer pünktlich am letzten Tag eines Monats an etwa 350 Stellen, die aktuelle Auflage beträgt 14.000 Exemplare. Auch hier setzt stadtlichter auf Transparenz und Qualität: Die Auflage ist IVW-geprüft. Mitte 2017 ist die stadtlichter-Redaktion umgezogen und nun an der Feldstraße 37 in Lüneburg zu finden. (HE)

Jugger ist sein Leben

Sebastian Füntmann spielt im Jugger-Team im Lüneburger Kurpark

 

Sebastian Füntmann hat ein unkonventionelles Hobby. Während andere Fußball im Verein spielen, geht der 28-Jährige in den Lüneburger Kurpark, um mit Gleichgesinnten die Sportart Jugger auszuüben. Die Truppe ist ein Blickfang – und eine kleine Attraktion im Kurpark. „Jeder, dem man erzählt, dass man Jugger spielt, ist zunächst ratlos“, erzählt der Lüneburger. „Das versteht man erst, wenn man es gespielt hat.“ Zwar gibt es den Sport schon seit mehr als zehn Jahren in Lüneburg und seit mehr als 25 Jahren in Deutschland, doch er erscheint eher exotisch. Sebastian Füntmann lernte Jugger im Sommer 2008 über einen Kumpel im Lüneburger Kurpark kennen. Der Freund nahm ihn mit zum Training – seitdem brennt der 28-Jährige für den Sport. Jugger ist eine Mischung aus American Football und Gladiatorenkämpfen. Zwei Mannschaften mit je fünf Feldspielern versuchen den Jugg, den Spielball, in der Mitte des Spielfeldes zu erobern und ins Platzierfeld der gegnerischen Mannschaft zu tragen. Was für Außenstehende martialisch aussieht: Vier der fünf Spieler sind mit so genannten Pompfen ausgestattet, den Spielgeräten des Juggerns. Wird ein Spieler von einer solchen -Pompfe getroffen, kann er eine Zeitlang nicht ins Spiel eingreifen. Der fünfte Spieler, der Läufer, der keine Pompfe trägt, ist der Einzige, der den Jugg in die Hand nehmen darf. Seine Aufgabe ist es, geschützt durch seine Mitspieler den Jugg zu platzieren und damit zu punkten. Der Sport ist schnell und zeichnet sich durch taktische Manöver aus.

Ursprung
in australischem Film

Entstanden ist Jugger durch den australischen Endzeitfilm „Die Jugger – Kampf der Besten“ von 1989. „Ein ziemlicher B-Movie“, meint Sebastian Füntmann, doch auch er hat ihn auf DVD und betont, dass er unter Juggern eine Art Kultstatus habe und wiederholt gesehen werde. Das Lüneburger Jugger-Team gehört keinem Verein an, und auch das Training wird eher spontan ausgemacht. Für die Absprachen im Team gibt es eine WhatsApp-Gruppe, doch meist läuft es auf ein mehrstündiges Treffen am Sonntagnachmittag im Kurpark hinaus, manchmal auch unter der Woche. 15 bis 20 Jugger spielen in Lüneburg, viele Studenten, keiner älter als 35, unter ihnen eine Frau. Für ein Spiel werden mindestens zehn Spieler gebraucht. „Wir sind meistens zu wenige“, so Sebastian Füntmann. Da das Spiel anstrengend ist und man viel Ausdauer braucht, wird normalerweise regelmäßig ausgewechselt, doch Ersatzspieler haben sie beim Training im Kurpark fast nie. „Es gibt eine Spielvariante mit vier gegen vier, wenn man zu wenig Spieler hat.“ Sebastian Füntmann spielt seit zehn Jahren Jugger – doch nicht durchgehend in Lüneburg. Dreieinhalb Jahre lebte er während seiner Ausbildung zum Bürokaufmann in Husum, wo er ebenfalls ein Jugger-Team gründete. Seit 2012 ist er zurück, das Husumer Team existiert immer noch.

Pompfen werden
selbstgebaut

Dass Sebastian Füntmann bei dem ungewöhnlichen Sport Jugger gelandet ist, ist kein Zufall. „Ich mag gerne andere Sachen, weil ich selbst vom Wesen her anders bin“, erklärt er, „Ich mag außergewöhnliche Menschen um mich herum.“ Körperliche Einschränkungen und viele Krankenhausaufenthalte in jungen Jahren erschwerten dem 28-Jährigen immer wieder soziale Kontakte, doch in seinem Jugger-Team hat er seinen festen Platz gefunden. „Viele Leute im Team sind sehr tiefgründig“, erzählt er, mit einigen verbinde ihn eine enge Freundschaft. Wer Jugger spielt, geht nicht nur zum Training – außerhalb der Trainingszeiten werden auch die Spielgeräte selbst gebaut oder repariert. Zwar gibt es in Berlin einen Pompfenshop, doch dort sind die Geräte teuer. Alle Spielgeräte des Lüneburger Teams sind selbstgebaut, viele auch von Sebastian Füntmann. „Nach meiner Zeit in Husum hatte ich eine Riesenmenge an Pompfen. Da habe ich mich beim Bauen etwas hineingesteigert“, erinnert er sich. Die Spielgeräte bewahrt der 28-Jährige, der die Organisation im Team in die Hand nimmt und Ansprechpartner für Neulinge ist, bei sich im Schuppen auf. Vor jedem Training kommt bei ihm ein Teamkollege vorbei, um beim Transport des Bollerwagens mit den Geräten zum Kurpark zu helfen. Die Spielgeräte sehen gefährlicher aus, als sie sind. Die bis zu zwei Meter langen Stäbe der Pom-p-
–fen müssen gut gepolstert sein – das Regelwerk verbietet harte oder gar scharfe Spielgeräte. Auch die mehr als drei Meter lange Kette besteht aus einem Schaumstoffball an einer Plastikkette, die extra gepolstert ist und über dem Kopf geschwungen werden soll. Hand- oder Kopftreffer zählen im Spiel zudem nicht. „Bei den Sportgeräten ist alles festgelegt, von den Maßen bis zur Polsterung“, so Füntmann. „Man kann sich an ihnen nicht verletzen.“ Im Rahmen dieser Vorschriften gibt es aber genug Spielraum, um mit dem Gewicht der Geräte zu experimentieren, was einige bis zur Perfektion betreiben. „Es wird alles leichter“, erklärt der Jugger-Spieler, „es gibt Pomp-fen, die so leicht sind wie ein Blatt Papier.“

Einschüchternder Eindruck

Da sonntags vor allem bei gutem Wetter im Lüneburger Kurpark viel los ist, erregt das Jugger-Team regelmäßig Interesse. Oft schauen Menschen zu, stellen Fragen oder probieren den Sport selbst aus. Zwar gehört zu dem Spiel für die Zeitnahme das Schlagen auf einer Trommel, doch Beschwerden gibt es selten. Dennoch macht der Sport von außen einen eher befremdlichen Eindruck. „Ich glaube, wir wirken recht einschüchternd“, vermutet Sebastian Füntmann. „Wir sind Leute mit Keulen in der Hand, die sich Sachen zurufen und miteinander kämpfen.“ Doch für ihn zeichnet sich der Sport durch besondere Fairness und einen sozialen Umgang miteinander aus. „Was ich an Jugger sehr liebe, ist, dass man Fehler zugibt und sie dem Gegner sofort ansagt.“ Nur wenige Jugger-Mannschaften in Deutschland seien sehr ehrgeizig, vielmehr gehe es um Spaß und Fairness. „Wir sitzen manchmal auch nur eine Stunde zusammen und reden“, erklärt der Lüneburger. Da das Jugger-Team keinem Verein angehört, gestaltet es sich für die Spieler in der Wintersaison schwierig, eine Hallenzeit in Lüneburg zu bekommen. „Wir hatten schon überlegt, uns dem MTV anzuschließen. Aber unsere Gruppe ist wirklich sehr lose, und viele wollen da keine Vereinsstruktur reinbringen“, erklärt Sebas-tian Füntmann. Er selbst hat nichts dagegen, bei Regen oder Kälte zu trainieren. „Auch eine Schlammschlacht macht einigen richtig Spaß“, weiß er. Vorschriften bezüglich der Kleidung gibt es nicht, doch für Turniere haben die Lüneburger Jugger Trikots. Bequeme Kleidung ist am wichtigsten. Viele spielen barfuß, einige haben Knieschützer, Stollenschuhe sind nicht erlaubt. „Sicherheit geht vor“ gilt auch bei Jugger. Körperliche Fitness ist von Vorteil, deshalb machen einige Lauftraining. Sebastian Füntmann bereitet normales Gehen schon Probleme – das Rennen beim Jugger komischerweise nicht. Neben dem Jugger geht der 28-Jährige bouldern. Er hat eine Muskelschwäche, doch durch den Sport konnte er schon mehr Muskeln aufbauen. Sein Orthopäde rät ihm ab vom Juggern – doch für ihn ist es sein Leben. Auch sein bester Freund, der in Wittstock lebt, ist so Jugger-verrückt wie er. Mit ihm hatte er seinerzeit das Jugger-Team in Husum aufgebaut. Auch ohne Verein ist jedes Jugger-Team in Deutschland turnierberechtigt. Im vergangenen Jahr spielten die Lüneburger zwei Turniere, dieses Jahr sollen es drei sein. Ende August steht die Hamburger Meisterschaft an, wo 24 Mannschaften gegeneinander antreten. Jugger verzeichnet bundesweit wachsende Spielerzahlen, im Norden ist der Sport schon mehr vertreten als im Süden der Republik. Auch Lüneburg richtete schon
Ju-gger-Turniere aus, doch die Struktur des Teams gibt das momentan nicht her. „Einige streben mehr an, aber es gibt auch Mannschaften, die zu ehrgeizig sind“, meint Füntmann. (JVE)

  • Infos: Sebastian Füntmann, Tel. 01 77 – 3 33 02 69,
  • E-Mail jugger.lueneburg@yahoo.com

Im Auftrag für die Muttersprache

Die Lüneburgerin Maiko Wall arbeitet als Japanisch-Dolmetscherin

Maiko Wall ist in der deutschen Sprache genauso zu Hause wie in der japanischen. Die 35-Jährige arbeitet als Dolmetscherin für japanische Medien. Aufgewachsen ist Maiko Wall in der Nähe von Kassel. Ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter Japanerin, die seit den siebziger Jahren in Deutschland lebt. Während die Mutter immer konsequent japanisch mit ihren Kindern sprach, machten sich Maiko und ihre zwei älteren Brüder einen Spaß daraus, eine Mischung aus Japanisch mit deutschen Endungen zu sprechen. Anwenden konnten die Geschwister ihr Japanisch vor allem bei der Verwandtschaft. „Wir waren früher jedes Jahr in den Sommerferien bei den Großeltern in Japan“, berichtet die 35-Jährige. „Meine Mutter kann ja Deutsch, aber in Japan waren wir gezwungen, Japanisch zu sprechen.“ Zu Schulzeiten spielte es für Maiko Wall keine besondere Rolle, zweisprachig aufzuwachsen. Doch nach dem Abitur entwickelte sie den Ehrgeiz, ihre Muttersprache zu vertiefen. „Meine Mutter hat uns nie gezwungen, Japanisch zu schreiben. Ich hatte aber Interesse daran“, erzählt sie. „Ich war die Einzige aus der Familie, die das bewusst erkunden wollte.“ Deshalb ging sie für ein Jahr nach Tokio, um einen Intensiv-Sprachkurs zu machen. Die japanische Schriftsprache ist eine Kombination aus Lautschrift und Symbolschrift, die aus dem Chinesischen übernommen wurde. Schwierig sind die feinen Unterschiede in der Betonung und Aussprache. „Es hilft zwar, wenn man es schon sprechen kann. Aber es war auch für mich hauptsächlich mit Pauken verbunden“, erinnert sich Maiko Wall. 2002 kam die Halbjapanerin zum Studium der Angewandten Kulturwissenschaften nach Lüneburg. Ein konkretes Berufsziel hatte die junge Studentin anfangs nicht, doch ihr Schwerpunkt Medien erwies sich später für sie als nützlich. Im Studium hatte sie Angst, ihre Japanisch-Kenntnisse wieder zu verlieren. Über die Universität organisierte sie sich deshalb einen sechsmonatigen Studienaufenthalt in Naruto, der japanischen Partnerstadt Lüneburgs. Danach hängte sie ein sechsmonatiges Praktikum in der deutschen Botschaft in Tokio an.

Kontakte
durch Mundpropaganda

Um auch von Lüneburg aus den Draht zum Japanischen nicht zu verlieren, besuchte Maiko als Gasthörerin Japanologie-Veranstaltungen der Universität Hamburg. Hier knüpfte sie viele Kontakte zu anderen Japanern und gewann neue Freunde dazu. Schnell war sie Teil eines Netzwerks, das im Medienbereich tätig war. Hieraus entstand später die Firma Dokuwa Communications, eine deutsch-japanische Filmproduktionsfirma, für die sie heute freiberuflich dolmetscht. Der Grundstein für Maiko Walls beruflichen Einstieg wurde während der Fußball-WM 2006 in Deutschland gelegt, als die Beteiligten von Dokuwa Communications noch Studenten waren. „Von allen japanischen Sendern waren Vertreter da, mit denen wir während der WM viel unterwegs waren“, erzählt Maiko, „darüber haben wir immer wieder neue Leute kennen gelernt. Durch Mundpropaganda hat sich viel daraus ergeben.“ Inzwischen ist Maiko Wall, die für die japanische Seite gerne auch den Mädchennamen ihrer Mutter, Nishikawa, verwendet, als freiberufliche Dolmetscherin gut im Geschäft. „Mein Job ist wirklich ein großes Glück, vielseitig und immer interessant“, meint sie. Aufträge von japanischen Fernsehsendern gibt es reichlich, zum Beispiel für Reisesendungen. Maiko Wall bereitet dafür alles vor Ort vor, bucht Unterkünfte, organisiert Interviewpartner und begleitet zum Dolmetschen die Filmdrehs. Aktuell arbeitet sie an einer Dokumentation für das öffentlich-rechtliche japanische Fernsehen über das „Napalm-Mädchen“ Phan Thi Kim Phúc, das während des Vietnamkrieges Opfer eines Napalm-Angriffs wurde. Da kurz danach ein Team vom stern das Mädchen besuchte, übernimmt Maiko in Deutschland das Interview mit dem damaligen stern-Redakteur sowie die Archivrecherche. „Es ist ein zufälliges Nebenprodukt, dass das Thema mit Deutschland zu tun hat“, erklärt sie.

Deutschland ähnelt Japan

Themen aus Deutschland, die für das japanische Fernsehen interessant sind, gibt es immer wieder. Dazu erklärt sie: „In vielen Aspekten sind Deutschland und Japan sehr vergleichbar. Beide sind Kriegsverliererländer. In Japan steht gerade eine Verfassungsänderung an, die dem Militär die Teilnahme an Auslandseinsätzen erlauben soll, was dem Kriegsverliererland bisher nicht erlaubt ist. Da diese Entscheidung in Deutschland auch vor langer Zeit gefallen ist, schauen die Japaner nach Deutschland.“ Auch in anderen Bereichen ähnele Deutschland Japan, zum Beispiel in Hinblick auf die wirtschaftliche Position oder die Überalterung der Gesellschaft. „Deshalb kommt es immer wieder vor, dass die Japaner nach Deutschland gucken“, sagt die Dolmetscherin. Neben der Arbeit für Dokuwa Communications dolmetscht Maiko Wall bei Bildungsreisen für japanische Erzieher in Deutschland. Auch in diesem Berufszweig interessieren sich die Japaner für die Abläufe in Deutschland. „In Deutschland steht freies Spiel mehr im Vordergrund als in Japan, dafür holen sie sich Anregungen.“ Sie selbst sei eher typisch deutsch aufgewachsen, erklärt sie. Ihre Mutter habe sie im Gegensatz zu anderen sogar früh dazu ermutigt, schnell selbstständig zu werden und hinaus in die Welt zu gehen. Streng war die Mutter bei ihrer einzigen Tochter hingegen im Umgang mit Jungs. „Das war für sie so weit weg von dem, was sie kannte“, meint die 35-Jährige.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Japanern entdeckt Maiko immer wieder feine Unterschiede: „Mit japanischen Freunden gibt es nicht so eine Streit- oder Diskussionskultur. Streit wird nicht ausgetragen, sondern es heißt nur: Die Dinge sind halt einfach so. Vieles bleibt einfach so stehen.“ Umgekehrt habe Japan eine sehr fröhliche Kultur, von der sich Deutschland eine Scheibe abschneiden könne. „Es nervt mich in Deutschland manchmal, dass jede Kleinigkeit auf Teufel komm raus kritisiert werden muss“, meint sie. Sie fühlt sich in beiden Ländern zu Hause, hält Kontakt zur verbliebenen Verwandtschaft in Japan.

In Cannes
auf dem Roten Teppich

Ein einschneidendes Erlebnis machte Maiko Wall im Jahr 2016. Eine Filmproduktionsfirma suchte einen Dolmetscher für die Filmfestspiele in Cannes. Die erfolgreiche japanische Regisseurin Naomi Kawase hatte den Vorsitz der Jury für die Kurzfilme und suchte jemanden, der vor Ort vom Japanischen ins Englische übersetzen kann. Maiko machte sich in Windeseile schlau über die Regisseurin, denn zur Auswahl gab es ein Interview über Skype. „Scheinbar hat denen das gefallen. Zwei Tage später saß ich im Flieger nach Nizza“, erinnert sie sich. Eine Woche konnte die Dolmetscherin in Cannes die Luft der Stars und Sternchen schnuppern, war bei offiziellen Terminen die Übersetzerin für Naomi Kawase. „Das habe ich mir nicht erträumt, dass ich mal mit so vielen Prominenten im Fahrstuhl stehen würde“, sagt sie schmunzelnd. „Ich hatte das Gefühl, ich bin die Einzige, die nicht in der Gala vorkommt.“ Noch im selben Jahr wurde Maiko als Dolmetscherin per Skype dem Flaherty Filmseminar in den USA zugeschaltet, wo die Regisseurin Naomi Kawase ihre Dokumentarfilme zeigte. Hier stieß Maiko auf deren Film „Genpin“, der sie nicht wieder losließ. Die junge Lüneburgerin war zu dieser Zeit schwanger mit ihrer heute 15 Monate alten Tochter Momoko und war vielleicht deshalb so interessiert an dem Thema. „Genpin“, der in Deutschland noch nie im Kino oder Fernsehen lief und auch nicht auf DVD erhältlich ist, dreht sich um den Frauenarzt Dr. Tadashi Yoshimura und seine Klinik für natürliche Geburten mit angeschlossenem Geburtshaus in der japanischen Stadt Okazaki. In dem traditionell eingerichteten Geburtshaus können sich die Frauen schon während der Schwangerschaft regelmäßig treffen, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Sie hacken Holz, bereiten Essen über dem Feuer zu und wischen die alten Wandpaneele – und empfinden so den Alltag im Japan der Edo-Periode nach. Die Regisseurin Naomi Kawase folgt in dem Film einigen der Frauen vor, während und nach der Geburt ihrer Kinder und zeigt Momente des puren Glücks, aber auch der tiefen Trauer. Sie geht dabei auf einfühlsame Weise auf die Konflikte ein, die zwischen Yoshimura, den Geburtshelferinnen und den werdenden Müttern entstehen bei dem Versuch, neuem Leben auf respektvolle Art in die Welt zu helfen.

Japanischer Film im Scala-Kino

Maiko Wall ist bis heute tief beeindruckt von dem Film. Sie ist nicht nur aus filmischer Sicht begeistert von der sensiblen Herangehensweise der Regisseurin. „Genpin“ führte ihr vor Augen, dass man sich als Schwangere unter normalen Umständen ein schönes Umfeld schaffen muss, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Die Sichtweise des Films beeinflusste die Dolmetscherin unter anderem auch in Hinblick auf die Geburt ihrer eigenen Tochter, sie entschied sich für eine Hausgeburt. „Man sollte den Bezug nicht verlieren, dass eine Geburt etwas Natürliches ist“, meint sie. Passend zum Welthebammentag am 5. Mai will die junge Mutter den ungewöhnlichen Film nun auch dem deutschen Publikum nahe bringen. Sie organisierte neben Filmvorführungen in Hamburg (4. Mai) und Kassel (6. Mai) auch eine Vorführung am Samstag, 5. Mai, 16:45 Uhr im Scala-Kino. Der Film in Spielfilmlänge wird auf Japanisch mit englischen Untertiteln gezeigt. Maiko Wall weiß, dass es asiatische Film in Deutschland nicht leicht haben. Doch sie möchte, dass der Regisseurin Naomi Kawase, die in Europa vor allem in Frankreich anerkannt ist, mehr Beachtung geschenkt wird. Inzwischen verbindet sie mit der Japanerin mehr als nur eine Geschäftsbeziehung. (JVE)

Die Weltenbummlerin

Carmela Röhr war als Granny AU-PAIR in China, Südafrika und den USA

Carmela Röhr wollte andere Länder und ihre Kulturen kennenlernen. Die Handorferin war als Granny Au-pair mehrmals im Ausland. Nebenbei gewann sie eine neue Familie dazu. Carmela Röhr kennt keine Scheu, auf andere zuzugehen. Und sie lernt gern Neues kennen. Seit 35 Jahren lebt die gebürtige Schweizerin mit ihrem Mann in Handorf. Die gemeinsame Leidenschaft des Paares war schon immer das Reisen – erst zu zweit, später mit ihrem Sohn, der heute 29 ist. „Wir haben fast die ganze Welt gesehen“, erzählt die 64-Jährige. Die Versicherungskauffrau arbeitete, bis sie 57 war, doch die Beine legte sie noch lange nicht hoch. Vor ein paar Jahren las Carmela Röhr in der Zeitung von der Möglichkeit, als Granny Au-pair, eine Art Leihoma, ins Ausland zu gehen. „Wir sind zwar viel gereist, aber in zwei bis vier Wochen lernt man die Leute in einem Land nicht richtig kennen“, meint sie. Sie registrierte sich im Portal der Hamburger Agentur Granny Aupair. Die erste Anfrage kam ausgerechnet aus ihrem Heimatland, der Schweiz. Sie lehnte ab. „Ich wollte doch weit weg“, erklärt sie. Sie träumte von einem Einsatz in Australien, wo sie vor 30 Jahren einmal war. Doch auch Asien hatte es ihr angetan. So klang das Angebot für sie interessant, als eine junge Familie aus der chinesischen Millionenstadt Hangzhou sie kontaktierte. Die Familie, ein deutscher Vater, der studierte, eine voll arbeitende chinesische Mutter und ein neun Monate altes Mädchen, brauchte möglichst schnell eine Betreuung für das Kind. Mit den einheimischen Nannys war das Paar nicht gut ausgekommen. Carmela Röhr nahm das Angebot an und reiste 2014 mit einem Dreimonats-Visum nach Hangzhou.

Begegnungen auf dem Hof

Als Granny Au-pair hat man keinen Arbeitsvertrag, sondern reist als Tourist ein. Mit der Gastfamilie wird ausgemacht, nach welchem Prinzip die Granny bezahlt wird, ob mit wöchentlichem Taschengeld oder einer Übernahme der Reisekosten. In Hang-zhou lebte Carmela Röhr in einer abgeschlossenen Hochhaussiedlung, die, anders als in Deutschland, von gut betuchten Menschen bewohnt war und als absolut sicher galt. Die Sympathien mit dem Vater, der die Granny vom Flughafen abholte, stimmten sofort. Die Betreuung des Babys stellte für die Granny keine Schwierigkeit dar. Gewöhnungsbedürftig waren dagegen zum Teil die chinesischen Erziehungsmethoden. Sie war viel mit dem Mädchen allein. „In China ist es der Regelfall, dass die Eltern so viel weg sind“, erklärt die 64-Jährige. Die Schweizerin merkte schnell, dass sich auf dem Platz zwischen den Hochhäusern das ganze Leben abspielte. „Ich bin jeden Morgen mit dem Kinderwagen in den Hof gegangen. Da saßen dann zig chinesische Nannys mit den Kindern“, erzählt sie. Da diese meist kein Englisch konnten, verständigte sie sich mit Händen und Füßen mit ihnen. „Das war ein Heidenspaß“, meint die Leihoma. Carmela Röhr war weit und breit die einzige Europäerin. Sie staunte, dass der Hof für die Chinesen auch ein Ort zum Turnen, für Tai Chi oder zum Tanzen war. Einmal im Monat kamen ein Frisör, ein Schuster oder ein Schneider in den Hof und versorgte alle mit seinen Dienstleistungen. Weil die chinesischen Nannys in ihrem Alter oder älter waren, suchte sie auch andere Kontakte zu Chinesen. „Im Café bin ich auch mit jüngeren Leuten ins Gespräch gekommen“, erzählt sie. Diese konnten in der Regel Englisch.

Unendliche Gastfreundschaft

Wenn die Granny an den Wochenenden frei hatte, unternahm sie Ausflüge mit der Gastfamilie, fuhr aber auch alleine mit dem Bus in die Umgebung. Eines ihrer bedeutendsten Erlebnisse begann an einer Bushaltestelle, als Carmela Röhr zu einem Teedorf fahren wollte. „Ich bin mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die in dem Dorf Tee pflücken wollte. Sie lud mich ein mitzumachen“, erzählt sie. Ohne dass sie lange darüber nachdenken konnte, wurde sie von der Chinesin mitgenommen und in der Teeplantage in das Teepflücken eingeweiht. „Ich wurde von den anderen Chinesinnen ganz herzlich empfangen“, betont sie. „Sie lernen nie Europäer kennen und finden das toll.“ Eine Stunde pflückte Carmela Röhr mit den anderen Tee. „Das ist total schwierig, Ich weiß jetzt, warum der Tee so teuer ist.“ Sie ist dankbar für diese einmalige Gelegenheit und den Einblick in das Leben der Chinesinnen, der sich ihr spontan geboten hatte. Nach dem Teepflücken ging es zum gemeinsamen Teetrinken, Spazierengehen und Essen. „Das war so ein aufregender Tag, das würde man so nie erleben“, sagt Carmela Röhr rückblickend. Zu ihren „Teemädels“, wie sie sie nannte, hielt sie weiter Kontakt. Carmela Röhrs Monate in China waren geprägt von spannenden Begegnungen mit Einheimischen, die ihr immer wieder offen, neugierig, freundlich und hilfsbereit entgegen traten. „Es ist mir oft passiert, dass ich von Leuten angesprochen wurde“, erinnert sie sich. „Das sind so Glücksgefühle, nur Du unter Chinesen.“ Nach drei Monaten musste die Granny ihren Aufenthalt in China beenden, eine Verlängerung war von Behördenseite nicht möglich. Im Juni 2014 kam sie zurück nach Deutschland und wollte hier auch zunächst bleiben. Doch die nächste Anfrage kam schneller als erwartet: Eine Familie aus Südafrika mit drei Kindern suchte händeringend ein Granny Au-pair. „Sie suchten jemanden, der spontan und flexibel ist. Da meinte mein Mann, ich soll das machen“, erzählt sie. Schon im Herbst 2014 flog die Handorferin für drei Monate nach Südafrika, welches sie auch aus dem Urlaub kannte.

Im Luxus in Südafrika

Mit der Familie in Pretoria, einer deutschen Mutter und einem peruanischen Vater und den drei Kindern im Alter von zwei, vier und sechs Jahren verstand sich Carmela Röhr auf Anhieb gut. Die gut situierte Familie lebte luxuriös mit großem Haus, Garten und Pool. Neben ihr als Nanny gab es noch eine Haushälterin und einen Gärtner, sie wurde in einer Gästewohnung untergebracht. Tagsüber war sie mit der zweijährigen Sophia und der Haushälterin im Haus, das sie mit dem Kind nicht verlassen sollte. Wenn die Kleine Mittagsschlaf machte und der Vater zu Hause war, fuhr Carmela Röhr mit dem Rad zur Mall, um einen Kaffee zu trinken und das afrikanische Treiben auf sich wirken zu lassen. An den Wochenenden war sie mit der Familie unterwegs. „Es war einfach total anders als in China, aber beides war absolut reizvoll“, meint sie. Nach drei Monaten musste die Granny nach Deutschland zurück, doch schon bald fragte die Mutter aus Südafrika erneut, ob sie zurückkommen könne. Sie machte ihr den Aufenthalt schmackhaft, indem sie vorschlug, dass ihr Mann für einen Urlaub zunächst mitkommen könne. Ab Februar 2015 reiste die Granny also mit ihrem Mann sechs Wochen in Südafrika herum, bevor sie im März wieder bei der Familie ankamen. Sie blieb bis Ende Juni da. Carmela Röhr versuchte trotz Warnungen vor Überfällen, sich ab und zu unters Volk zu mischen. Sie fuhr mit den Bussen, die sonst die Arbeiter benutzten. „Die Leute waren supernett und hilfsbereit. Sie haben natürlich gemerkt, dass ich keine Südafrikanerin bin“, sagt sie. Andere Warnungen nahm sie ernst: „Ich bin nicht übermäßig vorsichtig und manchmal auch leichtsinnig. Aber man muss die Ratschläge der Einheimischen befolgen.“ So fuhr die Granny auch kürzeste Wege mit dem Taxi, wenn ihr vom Fußweg abgeraten wurde. Sie war nur bei Tageslicht alleine unterwegs, trug keinen auffälligen Schmuck und hatte keine Wertsachen dabei.

Hilferuf aus Amerika

Zwar hatte Carmela Röhr keine Zeit, einen Sprachkurs zu besuchen, doch sie suchte sich einen Schwimmkurs. Durch den dreimal in der Woche frühmorgens stattfindenden Kurs lernte sie eine Gruppe weißer Südafrikanerinnen kennen, die sie schnell in ihrer Mitte aufnahmen. Auch in diesem Land entwickelten sich durch Carmela Röhrs offene Art bei vielen Begegnungen kleine Freundschaften. Als sie im Juni abreiste, dachte sie nicht, dass sie so schnell wiederkommen würde: Schon Anfang November brauchte die Familie wieder dringend ihre Unterstützung, so dass sie für weitere zwei Monate hinflog. In dieser Zeit begleitete sie die Gastmutter für mehrere Wochen nach Botswana. Nach ihrem letzten Aufenthalt in Südafrika wollte Carmela Röhr für keine andere Familie mehr eingesetzt werden, zu eng ist die Bindung nach Südafrika. „Wir sind jetzt eine Familie“, meint sie. Dass die fünfköpfige Familie das genauso sieht, zeigte sich Ende 2016. Die Familie war aus beruflichen Gründen nach Washington gezogen und brauchte Anfang 2017 erneut ihre Hilfe. So flog sie für acht Wochen zu der Familie in die USA und war genau zur Amtseinführung von Donald Trump in Washington – ein unvergessliches Erlebnis. Seit mehr als einem Jahr war Carmela Röhr nicht mehr als Granny im Ausland. Doch vor einem halben Jahr kam von der Agentur Granny Aupair eine Anfrage, ob sie ihrer südafrikanischen Familie für ein paar Wochen aushelfen könne – in Köln. Sie fuhr für sechs Wochen zu der Familie, die für ein Jahr hier bleiben will. Sollte die Familie wieder ins Ausland gehen, schließt die Granny nicht aus, zeitweilig mitzukommen. „Wir hoffen alle, dass die Familie ein tolles Angebot in Asien bekommt“, erklärt sie. Solange die Familie sie nicht braucht, reist Carmela Röhr weiterhin mit ihrem Mann durch die Welt, auf dem Plan stehen Singapur, Australien und Hongkong. Zu Hause bereitet sie sich auf ihren dritten Triathlon vor. „Das ist das, was ich anderen Älteren vermitteln will: Es ist nie zu spät. Du schaffst alles, wenn Du es willst, ob es eine neue Sprache oder Sportart ist. Das Alter ist nur eine Zahl.“ (JVE)

Der eigene Weg

Die Künstlerin Marit Persiel führt Ihr erstes eigenes Theaterstück auf

Schauspielschulen waren nichts für sie, und in der Großstadt fühlte sie sich nicht wohl: Die Künstlerin und Theatermacherin Marit Persiel ging ihren eigenen Weg. Nun hat die 28-Jährige ihr erstes eigenes Theaterstück geschrieben, das im März im Salon Hansen uraufgeführt wird. Marit Persiel wuchs in Himbergen im Landkreis Uelzen auf. Nach dem Abitur 2009 zog sie zum Studieren nach Kiel, wo sie an der Fachhochschule ihren Bachelor in Medienproduktion machte. Ihr gefiel das Praktische: „Ich fand Medien und Fotografie immer spannend, dachte aber immer nur an die Produktion für Film, Fernsehen und Radio“, erzählt die 28-Jährige. Das Sprechen und Spielen lag zuerst nicht in ihrem Fokus, Gefallen daran fand sie aber vor allem durch einen spannenden Studentenjob: Im Kieler Grusellabyrinth, ähnlich dem Hamburger Dungeon, übernahm sie im Wechsel die Rolle von Waldwesen, einer Wahrsagerin, Archäologin oder auch eines Monsters. Anderthalb Jahre spielte sie neben dem Studium die gruseligen und auch lustigen Figuren, doch nach ihrem Bachelor-Abschluss 2013 wollte sie nicht in Kiel bleiben. „Ich wollte weitergehen und wissenschaftlich arbeiten. Die Ästhetik des Films und das filmische Erzählen haben mich interessiert“, erklärt sie. Doch sie bekam keinen Studienplatz für Medien- oder Filmwissenschaften. Stattdessen sammelte sie praktische Erfahrungen – und kam nach Lüneburg. Auf einem Aushang des Theaters Lüneburg wurden Darsteller für das Musical „Rent“ gesucht. Gesungen hatte sie schon in Schulbands und anderen Formationen, zuletzt in Kiel. So ging Marit zum Cas-ting – und ergatterte eine Nebenrolle als die überdrehte Bürodame Alexi Darling. Parallel zum Musical machte sie ein Praktikum an der Halle für Kunst. Noch während „Rent“ am Lüneburger Theater lief, erhielt Marit Persiel einen Anruf von der Lüneburger Nachwuchsproduzentin Franziska Pohlmann, die für ihren Film Darsteller suchte. Sie hatte Marit in „Rent“ auf der Bühne gesehen und engagierte sie schließlich als böse Königin für ihren Film „Die Krone von Arkus“, der 2014 hauptsächlich in Lüneburg gedreht wurde und 2015 bundesweit in die Kinos kam. „Am Anfang hieß es Studierendenprojekt. Aber es hat sich immer mehr zu etwas Größerem entwickelt. Plötzlich war es eine Kinoproduktion“, erinnert sich Marit. Noch bevor die Dreharbeiten begannen, hatte sie an der Leuphana Universität angefangen, Angewandte Kulturwissenschaften zu studieren und nutzte ihre Semes-terferien für den Filmdreh. Nebenher arbeitete sie im Scala-Kino.

Unmotivierte Mitschüler

An der Lüneburger Uni wurde Marit nicht recht glücklich. „Durch den Filmdreh und das Theaterspiel habe ich an der Uni gemerkt, dass das nichts für mich ist. Mir fehlte das Machen“, erinnert sie sich. Nach zwei Semestern schmiss sie das Studium und bewarb sich an Schauspielschulen. Sie erhielt einen Platz am Bühnenstudio Hamburg, einer privaten Schauspielschule. Von nun an pendelte Marit täglich von Lüneburg nach Hamburg. Während ihre Eltern für die Schauspielschule aufkamen, verdiente sie sich ihr Geld zum Leben weiterhin im Kino. Ein Jahr ging das so. „Das war ganz schön anstrengend“, sagt die 28-Jährige. Zwar war sie mit den Lehrern an der Schule zufrieden, doch es wurmte sie, mit welcher unmotivierten Haltung ihre Mitschüler an die Ausbildung herangingen. „Viele hatten keinen Bock und haben oft geschwänzt. Ich war aber voll motiviert“, erklärt sie. „Ich war schon Mitte Zwanzig und wollte vorwärts kommen, ich war einfach ungeduldig.“ Schließlich wechselte sie zum Schauspielstudio Frese. Hier waren die Schüler anders, der Ehrgeiz größer. Marit zog für die zweite Schauspielschule nach Hamburg, fuhr aber weiterhin zum Arbeiten nach Lüneburg. Doch sie fühlte sich nicht wohl: „In Hamburg war es nicht mein Ding, ich bin einfach kein Großstadtmensch.“ Auch die Atmosphäre an der Schauspielschule brachte sie zum Grübeln. „Ich wurde immer mehr mit Stereotypen konfrontiert und sollte in irgendwelche Schubladen passen“, erzählt sie. Die Schauspielschülerinnen mussten sich anhören, welche Muster sie erfüllen müssten, um an begehrte Rollen zu kommen. Doch Marit wollte diese Klischees nicht bedienen und zog nach einem halben Jahr auch an der zweiten Schauspielschule die Reißleine. Das Thema Schauspielschule war damit für sie beendet, doch sie möchte diese anderthalb Jahre nicht missen. „Neben dem Schauspiel habe ich viele Dinge gelernt wie Tanz und Gesang oder Fechten und Boxen für den Bühnenkampf“, erklärt sie. Sie glaubte nicht daran, nur mit dem Abschluss einer – am besten staatlichen – Schauspielschule weiterzukommen. „Es wurde einem immer gesagt, was man machen muss“, meint sie. „Ich dachte mir, ich mach meinen eigenen Weg und lasse mich nicht ins System pressen.“

Spielen ohne Worte

So zog Marit 2016 zurück nach Lüneburg – ihre Freunde waren alle noch hier. Auch von der Schauspielschule hatte sie noch Freunde. Diese animierten sie schließlich, mit zu einem freien Bewegungsensemble zu kommen. Das Ensemble Tan.going ist eine Art pantomimisches Improvisationstheater, bei dem einzelne Szenen oder Bilder gespielt werden. Nichts ist inszeniert, gesprochen wird nicht, dafür mit Körpersprache erzählt. Marit Persiel gehört dem Hamburger Ensemble seit ihrem ersten Besuch an. Zweimal wöchentlich wird geprobt, das verdiente Geld stecken die Künstler wieder in ihre Arbeit. Marit Persiel bereichert es, ohne Worte die Menschen erreichen zu können. „Das ist eigentlich der Ursprung des Theaters“, meint sie. „Darum kreist meine Arbeit: Nicht zu erzählen, was andere zu denken haben, sondern jemanden zu berühren.“ Während Marit bei Tan.going selbst spielt, wirkte sie 2016 bei einer weiteren Performance mit, bei der sie nicht auf der Bühne stand. Mit einer Freundin erarbeitete sie das selbst geschriebene choreographische Stück „Die Kapsel“, das sich um eine Zukunft dreht, in der die Menschen gemeinsam in einer Kapsel eingeschlossen leben und alles zeitgleich und synchron machen. Geldgeber, Proben- und Aufführungsräume in Hamburg waren nach langer Suche gefunden, als Darsteller rekrutierte Marit Freunde aus Schauspielerkreisen. Innerhalb von einem Monat studierten sie das choreographische Stück ein und führten es insgesamt dreimal im Hamburger Sprechwerk sowie im Monsun-Theater auf. Die Reaktionen waren positiv. „Das hat mir bewiesen, dass es auch anders geht und man sein eigenes Ding machen kann.“ 2017 begann Marit, sich mehr mit performativem Arbeiten zu beschäftigen. Für das lunatic Festival arbeitete sie eine Kunst-Performance aus, für die sie mit Schauspielern der „Kapsel“ eine Gruppe gründete, die sie „Partitanz-Kollektiv“ nannte. Doch nach diesen Gruppenprojekten, für die sie hauptsächlich organisieren musste, wollte sie wieder etwas selbst machen. Schon lange schreibt sie Texte und Gedichte. Nach einem Swing-Tanzkurs an der Uni kam ihr die Idee zu „Minor Swing“. „Im Tanzkurs hieß es: Es geht im Swing nicht um feste Tanzschritte, jeder macht sein eigenes Ding.“ Wieder stieß die Künstlerin auf ihr Leitthema „Jeder macht so, wie er möchte“. Sie begann, sich mit dem Swing auseinanderzusetzen und stieß auf die Ursprünge, die Swingkids, aber auch das Swingverbot durch die Nazis. „Die Kids wollten einfach tanzen und wurden nur politisiert, weil sie Swingmusik gehört haben“, erzählt sie. „Das Thema hat mich mitgerissen.“ Daraus wollte sie etwas machen.

Stück über Swingkids

Das Ergebnis ist das Eine-Frau-Stück „Minor -Swing“. Im Mittelpunkt der Geschichte, die 1943 spielt, steht die fiktive Figur Alma, die sich „Mickey“ nennt und aus ihrem Leben erzählt. Marit Persiel spielt Alma selbst, wird dazu auch singen und tanzen. „Ich möchte eine Geschichte erzählen, wie ich sie als Kind mochte. Viele Leute haben keine Lust auf Performance“, weiß sie. Es war ihr wichtig, wieder einmal selbst zu spielen. Bei der Suche des Spielorts und Werbung halfen ihr Freunde, doch im Prinzip ist „Minor Swing“ ganz allein Marits Arbeit. „Minor Swing“ wird zunächst nur einmal am Samstag, 10. März, 20 Uhr im Salon Hansen aufgeführt. Mit dem Salon Hansen hat sie einen kleinen Aufführungsort gefunden, der zu der Düsterkeit des Themas passt, doch gerne würde Marit ihr Stück häufiger aufführen. „Der Saal wird wahrscheinlich gefüllt mit Leuten, die mich mal spielen sehen wollen“, glaubt sie. Die Künstlerin wünscht sich ein ehrliches Feedback, denn sie will wissen, ob ihr das schreiben und spielen liegt. „Es geht mir darum, was es mit den Leuten macht.“ Marit Persiel hofft, mit Theater, Kreativität und Kunst einmal Genug Geld zum Leben zu verdienen. Doch sie arbeitet weiterhin in Teilzeit im Kino, um ihre Kunst zu finanzieren. Nach der Aufführung ihres Stückes wird sie für einen Monat ihren Cousin in Portugal besuchen, um neue Ideen zu sammeln. „Es ist erfüllend, eigene Ideen zu kreieren und umzusetzen“, so die Theatermacherin. (JVE)

Endlich Daniel

Daniel Masch hat sein Geschlecht gewechselt

Er wurde als Mädchen geboren und lebt heute als Mann. Doch bevor er mit seiner Geschlechtsanpassung begann, erfüllte sich Daniel Masch einen Herzenswunsch und bekam ein Kind. Der Winter ist seine Jahreszeit. Mit mehr Kleidung fällt es weniger auf, dass sein Körper noch nicht umgewandelt ist, dass er seine Brüste abbindet. Vor zwei Jahren hat Daniel Masch mit der Hormontherapie begonnen, die ihn von der Frau zum Mann machen soll. Seitdem durchläuft er eine zweite Pubertät, hat eine tiefere Stimme, Bartwuchs und eine veränderte Gefühlswelt. Doch bis sein Körper dem eines Mannes entspricht, ist es noch ein langer Weg.

Daniel Masch wuchs als Mädchen in der Nähe von Bremen auf. Seinen Mädchennamen nimmt er nicht mehr in den Mund, nichts soll mehr an die Person erinnern, die er einmal war. Kreuzunglücklich war er als Mädchen nicht, doch schon im Alter von neun Jahren begannen bei ihm unergründliche Kopfschmerzen. Den Wunsch, lieber ein Junge zu sein, verspürte Daniel schon in jungen Jahren. Einmal fragte er seine Mutter, ob sie nicht auch einen Penis haben wolle. Seine Mutter erwiderte, die Hauptsache sei, man sei mit sich selber froh. Obwohl es sicher anders gemeint war, war für das kleine Mädchen damit klar, dass es sich mit seinem Geschlecht abfinden müsse.

In Mädchensachen wie verkleidet

In der weiblichen Pubertät verstärkten sich Daniels Identitätsprobleme. Am liebsten trug er weite Schlabberklamotten, merkte aber, dass er in körperbetonter Mädchenkleidung gut ankam. „Ich fühlte mich verkleidet in Mädchenklamotten“, erinnert er sich. Dass andere Mädchen auf seine Brüste neidisch waren, interessierte ihn wenig. Er zog sich zurück, hatte mit anderen Mädchen wenig Kontakt, wurde gemobbt. „Beste Freundin“ war zu dieser Zeit ein schwuler Mitschüler. „Ich habe ihn darum beneidet, dass er sich als schwul outen konnte“, erinnert sich der 34-Jährige. Schon im Alter von 15 Jahren kam Daniel mit dem Partner zusammen, mit dem er heute verheiratet ist. Zu dieser Zeit versuchte er, die Rolle des Mädchens auf Zwang zu erfüllen. „Ich habe überkompensiert. Ich habe nur noch Röcke und Kleider getragen, hatte ganz lange Haare und habe mich sogar ein bisschen geschminkt“, erzählt er. In bauchfreien Mädchenklamotten verliebte er sich in den Jungen, den er von der Schule kannte. Seit mehr als 18 Jahren sind sie nun ein Paar. Die beiden Teenager waren nur ein paar Wochen zusammen, da offenbarte Daniel – damals noch äußerlich durch und durch ein Mädchen – seinem Freund, dass er lieber ein Junge wäre. Daniel hatte Glück: Den Partner schreckte das nicht ab, und er zeigte sich für die Gefühlswelt von Daniel verständnisvoll. Immer wieder hatte dieser verstimmte Phasen und wiederkehrende Kopfschmerzen. Ihm war nicht bewusst, dass sein angeborenes Geschlecht die Ursache dafür war.

Schlüsselerlebnis durch Transfrau

Daniel Masch musste erst Mitte zwanzig werden, um den Schlüssel zu seinem Glück zu finden: In einer Kneipe lernte er eine Frau kennen, die ihm von ihrer Geschlechtsumwandlung erzählte und ihm die Möglichkeiten der Transition, der Geschlechtsanpassung, erklärte. „Das hat mir die Augen geöffnet“, erinnert er sich. „Da dachte ich mir: Das will ich auch.“ Diesen Moment der Erkenntnis, das andere Geschlecht annehmen zu wollen, sieht Daniel heute als sein Outing. Das ist jetzt acht Jahre her. Selten war er sich so klar, was er wirklich wollte, und so offenbarte er seinem Partner seinen Wunsch. Dieser bat sich Bedenkzeit aus, war sich aber schließlich sicher, Daniel als Mann genau so lieben zu können wie als Frau – auch wenn er selbst damit als homosexuell geoutet werden würde. „Er hatte vor allem Angst, dass ich mich durch die Hormone zu sehr verändern würde“, erklärt Daniel. Doch das Paar hatte zuvor andere Pläne: Sie wollten heiraten, und das noch als Mann und Frau. Eine „Ehe für alle“ gab es zu dieser Zeit noch nicht. Außer der Hochzeit hatten die beiden einen weiteren Herzenswunsch: Sie wollten ein Kind, bevor Daniel mit der Geschlechtsanpassung beginnen würde. 2010 heiratete Daniel seine Jugendliebe. Der Hochzeit war für den Lüneburger eine emotionsreiche Phase vorausgegangen, in der er wieder einmal eine weibliche Rolle, diesmal als Braut, erfüllen musste, was ihn gewaltig unter Stress setzte. So heiratete Daniel zwar im Kleid – kurz vor der Hochzeit schnitt er sich aber die langen Haare ratzekahl ab.

Von der Tochter zum Sohn

Daniel Masch hat nicht nur mit seinem Partner großes Glück – auch seine Mutter ging mit dem Wunsch der eigenen Tochter, künftig ein Mann zu sein, gut um. Er offenbarte sich ihr nach der Eheschließung. „Sie hat es zwar verstanden, aber emotional war es für sie zunächst schwer“, meint Daniel. „Ich habe meiner Mama schließlich die einzige Tochter weggenommen!“ Heute betrachtet sie ihn als ihren Sohn. Vor Daniels Transition sollte also erst ein gemeinsames Kind kommen. Doch obwohl auch Daniel es wollte, wehrte sich sein Körper vehement dagegen, schwanger zu werden und damit erneut seine Weiblichkeit zuzulassen. Es dauerte mehr als zwei Jahre, bis er tatsächlich ein Kind erwartete.

In der Schwangerschaft baute Daniel, der nach außen hin inzwischen ein männliches Erscheinungsbild pflegte und sich seine Brüste abband, eine enge Beziehung zu seinem Kind auf. Allerdings nur zu seinem Bauch mit dem wachsenden Kind, nicht zur Gebärmutter, wie es sich die Hebamme vorstellte. „Ich habe darauf gewartet, mich mütterlich zu fühlen, aber ich habe mich auch in der Schwangerschaft nicht besser gefühlt“, sagt der Transmann. Als eine positive Erfahrung beschreibt er die Geburt und den Umgang mit ihm auf der Lüneburger Geburtsstation. Das Personal respektierte seinen Wunsch, als Mann angesprochen zu werden. Er sei bei der Geburt mit dem Kind voll im Reinen gewesen, sagt er heute. Er und sein Partner sehen ihren inzwischen fast dreijährigen Sohn immer noch als ihr Wunder.

Sieben Jahre Pubertät

Obwohl Daniel nach der Geburt gerne mit der Hormontherapie begonnen hätte, stillte er seinen Sohn fast ein Jahr, um ihm etwas Gutes zu tun. Danach wurde ihm erstmalig vom Arzt Tes-tosteron gespritzt. Seitdem befindet sich der 34-Jährige in seiner zweiten Pubertät, die bis zu sieben Jahre dauern kann. Die Ängste von Daniels Mann, dass er sich durch die männlichen Hormone sehr verändern würde, bestätigten sich nicht. „Die Persönlichkeitsentwicklung ist mit der ersten Pubertät abgeschlossen“, weiß Daniel. Einige Veränderungen neben den äußerlich sichtbaren bemerkte er dennoch an sich. So hat sich zum Beispiel sein Sexualtrieb seit der Hormongabe stark verstärkt. Er sei nun weniger multitaskingfähig und vergesslicher, und auch seine Rechts-Links-Schwäche sei verschwunden. Zu Daniels Identitätswechsel gehörte auch der Wechsel seines Namens. Die Personenstandsänderung, die bei Daniel schon durchgeführt wurde, ist über den juristischen oder medizinischen Weg möglich. Eine Begutachtung durch Psychologen ist notwendig, um sicherzugehen, dass der Wechsel des Geschlechts zeitlich stabil ist. Auch vor der Hormontherapie sowie vor geschlechtsangleichenden Operationen sind diverse Beratungen und Gutachten nötig.

Beratung für Transidente

Für Daniel Masch ist schon ein großer Schritt damit getan, dass er nun offiziell als Mann gilt und auch so wahrgenommen wird. Er hat noch die Geschlechtsorgane einer Frau, was er in den kommenden Jahren ändern möchte. Doch noch will er sich nicht den aufwendigen OPs unterziehen, bindet stattdessen weiterhin seine bereits kleiner gewordenen Brüste ab und trägt eine Art Penisprothese. Das bedeutet für ihn, dass er sich in der Öffentlichkeit nicht ohne T-Shirt zeigen kann. „Ich möchte mir die Brüste gerne entfernen lassen, um eines Tages mit meinem Sohn schwimmen gehen zu können“, so sein Wunsch. Der Kleine hat noch nicht begonnen, seine Lebenswelt zu hinterfragen. „Ich habe keine Lust auf krasses Geschlechtertraining, aber ich erzie-he auch nicht streng geschlechtsneutral“, sagt Daniel und fügt hinzu: „Kinder von Transmenschen sind sich erwiesenermaßen ganz früh sicher in ihrem Geschlecht – weil sie sich so früh damit auseinandersetzen.“ Damit auch andere Transidente – also Menschen, die sich nicht ihrem angeborenen Geschlecht zugehörig fühlen – einen ähnlichen Weg gehen können wie er, bietet Daniel Masch in dem im vergangenen Sommer in Lüneburg eröffneten checkpoint queer regelmäßig Einzelberatung und eine Gesprächsrunde an. Diese Gruppe, die Trans*LG, existiert bereits seit 2014 und wird gut angenommen. Für jüngere Transmenschen gibt es im checkpoint queer die „queer teens“. Daniel Masch weiß, wie wichtig diese Beratungs-angebote für transidente Menschen sind. „Man muss wahnsinnig stabil sein, um diesen Weg gehen zu können. Die Phase der Entscheidung ist sehr kräftezehrend und kann einen krass überfordern.“ Durch seine Transition könne er sich in die Welten beider Geschlechter hineinversetzen. „Aber ich werde beide Welten nie ganz verstehen.“ (JVE)

Ein Konstruktives Duo

Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz haben eine Gemüse-Genossenschaft gegründet

Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz haben die gleiche Vision, aber zwei Perspektiven. Der 26-jährige Unternehmer und Organisationsberater und der 34-jährige Umweltwissenschaftler und Gemüse-Gärtner haben die Gemüse-Genossenschaft WirGarten Lüneburg gegründet. Die Idee brachte Matti Pannenbäcker nach Lüneburg. Der gebürtige Eutiner lebt seit fünf Jahren in der Hansestadt. Seit sechs Jahren arbeitet er als selbstständiger Organisationsberater. „Ich habe auch landwirtschaftliche Betriebe bei der Organisationsentwicklung beraten“, erklärt der 26-Jährige. „Durch meinen Einblick in die Landwirtschaft hatte ich die Inspiration, wie sie besser funktionieren kann.“ Den meisten Menschen sei gar nicht bewusst, unter welchen Bedingungen Landwirtschaft in Deutschland vonstatten gehe. „Es gibt eine Entfremdung des Menschen von der Lebensmittelerzeugung“, meint der Unternehmer. „Und Kinder wissen gar nicht mehr, was unter der Erde wächst.“ 2011 hatte Pannenbäcker bereits einen Onlinehandel für nachhaltige Kleidung gegründet. Den Handel gibt es noch, doch der Lüneburger zog sich aus dem Geschäft zurück und verfolgte eine neue Idee. Was unter dem Fachbegriff „Solidarische Landwirtschaft“ zusammengefasst wird, bedeutet in Lüneburg die Gründung einer Genossenschaft, die landwirtschaftliche Flächen pachtet, Gewächshäuser und Maschinen kauft und Gärtner einstellt, um die Mitglieder das ganze Jahr mit einer Gemüse-Vielfalt aus dem Garten der Genossenschaft zu versorgen. Matti Pannenbäcker besichtigte zur Vorbereitung Betriebe mit solidarischer Landwirtschaft unter anderem in München und Freiburg. Doch dem Unternehmer war schnell klar, dass sein Fachwissen allein nicht reichen würde, um eine Gemüse-Genossenschaft hochzuziehen. „Ich brauchte einen Gärtner, der alle Abläufe kennt – wovon ich keine Ahnung habe oder bis dahin hatte“, so Pannenbäcker. Eine gemeinsame Bekannte brachte ihn mit dem gelernten Gemüse-Gärtner Richard Kaatz zusammen.

Drei Jahre Vorbereitung

Richard Kaatz ist in Buxtehude aufgewachsen und lebt mit Unterbrechungen seit sechs Jahren in Lüneburg. Der 34-Jährige ist studierter Diplom-Umweltwissenschaftler und gelernter Bio-Gemüsegärtner und hat schon bei verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben im In- und Ausland im Gemüsebau und in der Gemüsezüchtung gearbeitet. „Ich merkte, dass es in der Landwirtschaft viele strukturelle Probleme gibt und fragte mich: wie kann man es besser machen?“ So kam Matti Pannenbäcker mit seiner Vision wie gerufen. Anfang 2015 trafen sich Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz das erste Mal. „Am Anfang passte nicht alles sofort“, erinnert sich Pannenbäcker. „Aber wir waren beide entschlossen, es auszuprobieren.“ Mit dem gemeinsamen Ziel vor Augen lernten der Unternehmer und der Gärtner ihre Unterschiedlichkeit zu schätzen. „Wir hatten eine gute Kultur des Zusammenarbeitens“, so Kaatz. Zwei Jahre trafen sich Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz, der hauptberuflich als Verwaltungsangestellter in Lüneburg arbeitet, in ihrer Freizeit. Anfangs noch mit Unterstützung von zwei Mitstreitern, später nur noch zu zweit arbeiteten die beiden an dem Konzept für eine Gemüse-Genossenschaft. Ihre Aufgabenbereiche teilten sie auf: Während Matti Pannenbäcker für Strategie, Kommunikation, IT und Finanzen zuständig ist, sind Richard Kaatz’ Fachgebiete Gemüsebau, Infrastruktur und Logistik. Dass sie sich auf Gemüseanbau spezialisierten, liegt auf der Hand: Beide sind seit Jahren Vegetarier.

105 Gründungsmitglieder

Als die Planung weit genug vorangeschritten war – vor ungefähr einem Jahr – gingen die Werbung für ihre neu zu gründende Genossenschaft namens WirGarten und gaben Infoveranstaltungen für interessierte Lüneburger. Im März 2017 war es dann soweit: Insgesamt 105 Menschen gründeten die Genossenschaft WirGarten Lüneburg. Das gemeinsame Ziel: eine vielfältige und transparente Gemüseversorgung in Bürgerhand – in Lüneburg vor Ort und natürlich ökologisch. Das Herzstück, eine Ackerfläche bei Lüneburg, musste erst gefunden werden. „Wir haben uns anderthalb Jahre mit der Landsuche beschäftigt“, erklärt Richard Kaatz. „Die Fläche sollte Stadtnähe haben, so dass wir im Umkreis von vier bis fünf Kilometern um die Stadt gesucht haben.“ Die Suche, die die beiden Gründer zu zweit unternahmen, gestaltete sich schwierig. „Ich glaube, wir haben mit allen Landwirten in und um Lüneburg Kontakt gehabt“, meint Kaatz. Seit April 2017 verfügt die Genossenschaft nun über eine 8,23 Hektar große Ackerfläche an der Vögelser Straße in Ochtmissen. Doch bis hier Gemüse geerntet werden kann, müssen noch einige Vorbereitungen getroffen werden. „Es gibt zwei Zielmarken. Zum einen braucht die Genossenschaft genug Kapital, um den Betrieb aufzubauen. Zum anderen müssen wir alles bauen und Geräte anschaffen“, so Richard Kaatz. Ein Geschäftsguthaben von 250.000 Euro war das erklärte Ziel bis zum Herbst 2017. Erreicht wurde es knapp: Kurz vor Weihnachten verzeichnete WirGarten Lüneburg 274 Mitglieder und ein Genossenschaftskapital von fast 199.000 Euro.

Erste Saat ab Februar

Seit Pachtbeginn im April hat sich auf der Fläche in Ochtmissen schon einiges getan: So friedeten einige Mitglieder und andere engagierte Lüneburger sie mit einem Wildschutzzaun ein und errichteten auf ihr drei Gewächshäuser. Geplant sind außerdem ein Maschinenunterstand sowie drei Bauwagen für Büro, Sanitäreinrichtungen und Geräte. Erste Maschinen wurden bereits gekauft, umgebaut werden muss durch eine Fachfirma noch der vorhandene Brunnen. Seit die Genossenschaft gegründet wurde, hat sich schnell ein Kreis von etwa zehn engagierten Leuten gefunden, die regelmäßig bei den Aktionen dabei sind. Absprachen funktionieren spontan per SMS oder E-Mail oder einer App für Projektteams. Damit es Anfang Mai erstes Gemüse geben kann, soll im Februar die erste Saat im Gewächshaus erfolgen, zum Beispiel von Radieschen. Anfang März können hier schon Salate und Kohlrabi gepflanzt werden, ab März können im Freiland Bundmöhren gesät werden. Angebaut werden bei WirGarten nach Kriterien der biologischen Landwirtschaft mehr als 30 verschiedene Gemüsekulturen und Kräuter, die Zertifizierung nach EG-Öko-Verordnung läuft bereits. Den Gemüseanbau soll ein professioneller, von der Genossenschaft eingestellter Gärtner übernehmen. Wer von den Mitgliedern mithelfen möchte, kann unter der Anleitung der Profis mitjäten, -hacken und -ernten.

Doch wie funktioniert das Geschäft mit dem Gemüse aus der eigenen Genossenschaft? Interessierte Privatpersonen oder Firmen können Mitglied der Genossenschaft werden, indem sie mindestens 100 Euro Genossenschaftsanteile für die Dauer ihrer Mitgliedschaft einlegen. Jedes Genossenschaftsmitglied kann einen einjährigen Erntevertrag abschließen, mit dem man das ganze Jahr mit frischer Gemüse-Vielfalt aus dem WirGarten Lüneburg versorgt wird. Entsprechend der Größe ihres Ernteanteils zahlen die Mitglieder einen monatlichen Preis ab 30 Euro. Gemeinsame Aktionen
im Garten „Es gibt vier Erntevertragsgrößen“, erklärt Richard Kaatz. In der Planungsphase erhoben er und Matti Pannenbäcker in ihren Freundeskreisen, wie viel Gemüse jeder eigentlich isst und stießen auf große Mengenunterschiede. So beginnen die Ernteverträge nun bei der Größe S bis hin zu XL oder Großabnehmer, zum Beispiel für die Gastronomie. WirGarten ist keine Gemüsekis-te. Man schließt seinen Erntevertrag immer für ein Jahr ab und holt seinen Ernteanteil wöchentlich selbst ab. Dazu stehen bereits vier Abholorte in Lüneburg zur Verfügung, weitere sind in Planung. Passend zu ihren Ernteanteilen sollen die Mitglieder auch saisonale Kochrezepte erhalten. Wer also einen Erntevertrag bei WirGarten abschließt, hat nicht nur das ganze Jahr über frisches Gemüse aus der Region und lernt eine neue Art des Wirtschaftens kennen. Alle Mitglieder können zu den Betriebszeiten den stadtnahen Garten besuchen, außerdem soll es hier Events wie eine gemeinsame Kartoffelernte, Gartenführungen oder Kochveranstaltungen geben. „Das Ziel ist ja auch, Gemeinschaft zu leben“, so Richard Kaatz. Ein erstes Picknick in Ochtmissen war bereits ein voller Erfolg. Auch den Start von WirGarten Lüneburg sieht Richard Kaatz als Erfolg an: „Es ist super, dass wir es soweit geschafft haben. Wir können alle stolz sein auf das, was wir gemacht haben.“ Von den bisher gewonnenen Mitgliedern gab es auch schon Vorschusslorbeeren: So wurden bereits 53 Ernteverträge abgeschlossen. Die beiden Genossenschaftsgründer Matti Pannenbäcker und Richard Kaatz entwickelten zusammen ein Konzept, das jetzt mit Leben gefüllt wird. Die beiden verbindet inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis. „Auch wenn es Auseinandersetzungen gibt, gibt es immer die Gewissheit, dass man dabei bleibt“, so Kaatz. (JVE)

Der lange Weg ins Cockpit

Karsten holm sattelt vom Polizisten zum Verkehrspiloten um

Schon als Kind wollte Karsten Holm Pilot werden. Doch dieser Traum war lange unerreichbar. Erst nach 15 Berufsjahren als Polizist sattelte er um und lernte das Fliegen von der Pike auf. Heute ist er Verkehrspilot bei der deutschen Airline Germania.

Viele Kinder wollen Feuerwehrmann werden oder Lokführer, bei Karsten Holm war der Berufswunsch immer Pilot. „Diesen Beruf haben für mich immer besondere Leute ausgeübt“, erzählt er. Doch als der gebürtige Hamburger die Realschule abschloss, war ihm die Ausbildung zum Piloten verwehrt. „Damals gab es in Deutschland nur die Lufthansa, und bei denen braucht man Abitur“, erklärt der 49-Jährige. Der junge Mann machte eine Ausbildung zum Polizisten. „Aber das Fliegen hat mich immer interessiert.“ Ende der neunziger Jahre erwarb Karsten Holm eine Privatpilotenlizenz. Er war im Hanseatischen Fliegerclub Hamburg und kaufte sich eine eigene Cessna. „Da war es erstmal nur ein Hobby“, erklärt er. Zu dieser Zeit konnte er sich noch nicht vorstellen, jemals als Verkehrspilot Passagiere durch die Welt zu fliegen. Dass er diesen Weg doch noch einschlug, ist einer Wette mit Freunden zu verdanken, wer es schaffen würde, Verkehrspilot zu werden. Denn sie hatten erfahren, dass ein Lufthansa-Tochterunternehmen erstmals auch Piloten anstellt, die über einen Realschulabschluss und eine abgeschlossene Ausbildung verfügen. Der Plan lautete also: Flugscheine machen und sich bei der Lufthansa bewerben.

Lizenzen im Fernstudium

Karsten Holm setzte die „Schnapsidee“ in die Tat um und absolvierte in Eigeninitiative neben der Arbeit ein Fernstudium. So erwarb er nach und nach eine Berufspilotenlizenz, Instrumentenflugberechtigung sowie eine Verkehrsflugzeugführerlizenz. Zweieinhalb Jahre belegte er einen Kurs nach dem anderen, erwarb dazu Musterberechtigungen für verschiedene Flugzeugmodelle. Das Fernstudium umfasste Theorie in 18 Fächern, hinzu kamen praktische Flugstunden bei der Flugschule in Hamburg. Die Ausbildung zum Piloten, die in Deutschland keine klassische anerkannte Berufsausbildung ist, muss man komplett selbst bezahlen. Deshalb ist es nichts Ungewöhnliches, dass ausgebildete Piloten in den ersten Berufsjahren ihre für die Ausbildung aufgenommenen Kredite abzahlen müssen. Dennoch ist es nicht gesagt, dass man eine Anstellung findet. Auch für Karsten Holm und seine Wettkollegen ging der Plan nicht auf. Zwar erwarben außer ihm noch andere alle nötigen Flugscheine – doch bei der Lufthansa genommen wurde keiner. Doch Karsten Holm wollte nicht aufgeben. „Jetzt wollte ich auch wissen, wofür ich das alles gemacht habe“, erinnert sich der 49-Jährige. „Die Ursprungsidee ist ja, für das Hobby irgendwann bezahlt zu werden.“ Noch als Polizist begann er, sich um freiberufliche fliegerische und selbstständige Tätigkeiten zu bewerben. Zwar bekam er diese bei kleinen Fluggesellschaften, doch immer wieder erlebte Karsten Holm, dass diese pleite gingen. Immerhin stieg er schnell vom Copiloten zum Kapitän auf und konnte sich schneller verwirklichen als in großen Betrieben.

Jahrelange Selbstständigkeit

Heute lebt Karsten Holm in Barum (Samtgemeinde Bardowick) und ist als Pilot in Hamburg stationiert, doch in seinen ersten Jahren war er auch in Mönchengladbach und Saarbrücken, Singapur und Wien stationiert. Bei einem seiner Jobs lernte er auch seine jetzige Frau kennen, die für die Familie ihren Job als Flugbegleiterin aufgab. Als für die neue deutsche Fluggesellschaft Flynext Personal gesucht wurde, ergriff auch Karsten Holm seine Chance. Durch seine zahlreichen Lizenzen, auch als Trainer und Sicherheitsbeauftragter, ist er bei Fluggesellschaften gern gesehen, da er nicht nur im Cockpit von Nutzen ist. Holm hatte sich über die Jahre durch eine Mehrgleisigkeit über Wasser halten können, indem er als Selbstständiger neben dem Fliegen auch ausbildete. Doch die Selbstständigkeit war für ihn als inzwischen zweifachen Familienvater eine zu unsichere Sache. „Durch die Pleiten der Fluggesellschaften hatte ich keine Lust mehr auf Selbstständigkeit“, erzählt er. Die deutsche Fluggesellschaft Germania übernahm schließlich die Piloten von Flynext. Hier ist Karsten Holm seit sechs Jahren tätig. Für den Piloten ein Glücksfall: „Germania ist die erste solide Fluggesellschaft, bei der ich arbeite.“ Die Airline mit Hauptsitz in Berlin existiert seit gut 30 Jahren und fliegt mit einer Flotte von knapp 30 Flugzeugen aus ganz Deutschland zu Zielen im Mittelmeerraum, auf den Kanaren und Balearen, Nord-, Ost- und Südosteuropa sowie im Nahen Osten. Jetzt hat Karsten Holm das Gefühl, in seinem Beruf richtig angekommen zu sein. Der Flugkapitän fliegt von Hamburg aus, außerdem prüft er weltweit Piloten, trainiert sie auf dem Flugsimulator und bildet das Cockpitpersonal von Germania aus.

Sozialleben bleibt auf der Strecke

Durch seine Qualifizierungen war Holm in den kleinen Betrieben schnell weiter gekommen. „Ich war oft zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.“ Dennoch würde der 49-Jährige den Weg zum Verkehrspiloten heute nicht noch einmal einschlagen. „Es ist ein knallharter Job.“ Vor allem das Sozialleben bleibt bei dem Beruf auf der Strecke. „Ich bekomme den Dienstplan Ende des Monats für den Folgemonat und kann wegen des Schichtdienstes private Aktivitäten schlechter planen. Meine sozialen Kontakte haben daher abgenommen“, erzählt der Kapitän. Zwar kann er sich freie Tage und Urlaub wünschen, doch Unternehmungen wie Laternelaufen mit den Kindern oder ein Grillen mit den Nachbarn kann er nur spontan zu- oder absagen. Und Planänderungen sind möglich: Wenn er Bereitschaftsdienst hat, kann es passieren, dass er auf Zuruf innerhalb von anderthalb Stunden am Flughafen in Hamburg sein muss. Karsten Holms Familie muss seinen Job mittragen, denn Aktivitäten am Wochenende gibt es kaum. „Wenn andere einen Sonntagsspaziergang machen, fliege ich einmal nach Hurghada und zurück.“ So sei seine Frau viel mit den Töchtern allein, „deshalb bin ich meiner Frau sehr dankbar, und ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen.“

Kontrollen haben zugenommen

Zwar fliegt er zu den tollsten Zielen in Südeuropa und dem Nahen Osten. Doch wer sich ausmalt, als Flugkapitän sehe man zwangsläufig viel von der Welt, liegt falsch. „Meist hat man nur eine Dreiviertelstunde bis Stunde Aufenthalt und fliegt dann zurück. Aber es kann natürlich auch vorkommen, das man an einem Ziel mal übernachten muss, und ich bekomme eine Ahnung vom Urlaubsgefühl vor Ort“, so Holm. Körperliche Fitness ist für den Pilotenberuf unabdingbar. Einmal jährlich müssen Holm und seine Kollegen zur fliegerärztlichen Untersuchung. Seit dem durch den Copiloten verursachten Germanwings-Unglück gibt es zusätzlich verdachtsunabhängige Kontrollen auf Alkohol und Drogen. Der Ruf nach mehr Sicherheit in der Luftfahrt erschwert Karsten Holm zunehmend den Alltag. „Anschläge und der Terrorismus haben alles verändert. Ich werde zum Teil strenger überprüft als die Fluggäste“, meint er. Als Ausbilder müsse er regelmäßig seine charakterliche Eignung nachweisen. „Das ist anstrengend, aber wichtig.“ Für Karsten Holm ist der mystifizierte Beruf des Piloten ein Beruf wie jeder andere auch. „Ich komme aus einer Handwerkerfamilie. Da wird noch richtig hart gearbeitet. Ich habe einen ganz normalen Beruf“, meint er. Auch Notfälle wie Triebwerksausfälle oder Feuer gehören für Karsten Holm zur Routine, denn dafür wird dreimal im Jahr trainiert. Einen Flugkapitän bringt so schnell nichts mehr aus der Ruhe. „Wir werden sehr intensiv geschult, und auch die Flugzeuge werden täglich gewartet. Und ganz ehrlich, die Autofahrt zum Flughafen ist gefährlicher als das Fliegen.“ Nach Feierabend will der Flugkapitän von der Fliegerei nichts mehr wissen. Seine Cessna verkaufte er vor Jahren, um Startkapital für die Pilotenausbildung zu haben. „Wenn ich die Flugzeugtür schließe, freue ich mich auf meine Familie“. Seit er Pilot ist, sind ihm sein Privatleben und die wenige Freizeit heilig. Wenn er frei hat, werkelt er gerne im Garten. Und in den Urlaub fährt er lieber an die Ostsee, als in ein Flugzeug zu steigen. (JVE)

Immer an der Grenze

Der Fotograf Jürgen Ritter hat die gesamte innerdeutsche Grenze abgelichtet

Seine Bilder sind ein wichtiges Zeugnis der deutschen Geschichte: Der Fotograf Jürgen Ritter hat in den achtziger Jahren die gesamte innerdeutsche Grenze in mehr als 40.000 Bildern festgehalten. Viele Jahre nach der deutschen Einheit machte er sich erneut auf, um die heutige Lage im ehemaligen Grenzgebiet zu fotografieren. Jürgen Ritters Familie ist eine wahre Ost-West-Verbindung. Kurz vor dem Mauerfall hatte seine Familie in der Ferienwohnung in ihrem Haus in Barum bei Uelzen eine Familie aus Chemnitz aufgenommen, die in den Westen ausgereist war. Ritters Sohn freundete sich mit der Tochter der Familie an, heiratete sie später und hat mit ihr zwei Kinder. Als Jürgen Ritter Pläne für sein deutsch-deutsches Fotoprojekt schmiedete, hatte er noch keinerlei Verbindungen in die DDR – dafür aber ein ausgeprägtes Verständnis von Freiheit. Seine Kindheit und Jugend verbrachte der heute 68-Jährige in Uelzen – nicht weit von der innerdeutschen Grenze. Ritters Familie besaß früh einen Schwarz-Weiß-Fernseher, und so versammelte sich die ganze Nachbarschaft davor, als der Bau der Berliner Mauer übertragen wurde. „Ich habe das schon früh nicht verstanden“, erinnert er sich. Die deutsch-deutsche Teilung war für ihn nicht hinnehmbar. „Ich dachte mir, die Menschen haben aus dem Krieg überhaupt nichts gelernt. Dass Deutsche überhaupt wieder Waffen in die Hand nahmen!“

Unfassbares Unrecht

Als 1973 an der Grenze bei Lübbow in Lüchow-Dannenberg der ostdeutsche Hans Franck beim Fluchtversuch durch eine Selbstschussanlage getötet wurde, löste das bei Jürgen Ritter starke Gefühle aus. „Das hat mich unheimlich beeindruckt und mir einfach keine Ruhe gelassen“, erzählt der Barumer. Das Unrecht an den Menschen, die einfach nur frei sein wollten, war für ihn unfassbar. Ritter, der als Fernmeldetechniker fast täglich beruflich nahe der Grenze zu tun hatte, begann in den siebziger Jahren mit dem Fotografieren, das er sich selbst beibrachte. „Irgendwann hatte ich immer eine Kamera dabei“, erklärt er. Angeregt durch Georg Pauker, der 1975 die knapp 1.400 Kilometer lange innerdeutsche Grenze zu Fuß abgelaufen war, fasste Ritter den Entschluss, dies auch mit seiner Kamera zu tun. Jürgen Ritter begann 1982 im niedersächsischen Schnackenburg mit seinen Grenzbildern. Bei den ersten Etappen begleitete ihn seine Frau, zumindest bis in die Nähe der Grenze. Sie saß ausgestattet mit Karten der Gegend und Walkie Talkie im Auto, damit ihr Mann sie im Notfall informieren konnte. „Ich stand mit meiner Frau per Funk im ständigen Kontakt“, erinnert er sich.

Schwer bewaffnete Zöllner

Der Fotograf weiß noch gut, wie er sich bei den ersten Begegnungen mit den Grenzsoldaten fühlte. „Da hatte ich schon ein bisschen Muffe. Die durften nicht grüßen, auch nicht wenn ich freundlich Guten Tag sagte. Das war schon ein komisches Gefühl, die waren ja auch schwer bewaffnet“, so Ritter. Wirklich Angst hatte er aber nicht. „Was ich heute weiß, wusste ich damals alles nicht. Ich würde es heute nie wieder tun.“ Als Jürgen Ritter in Uelzener Gebiet kam, bot das Zollkommissariat an, ihn auf seinen Fototouren zu begleiten. Bis zur Höhe von Göttingen begleiteten ihn in stetiger Ablösung westdeutsche Zöllner, mit denen er ergiebige Gespräche über ihre Arbeit an der Grenze führte. Auch für die Zöllner war die Begegnung mit dem schon überall bekannten Fotografen eine willkommene Abwechslung, und bald gaben sie ihm eine Mitfahrgelegenheit bis zur Grenze. Jürgen Ritter wartete nicht, bis die Sammlung der Grenzbilder komplett war – und er behielt sie auch nicht für sich. Er ging mit seinen Fotos recht schnell an die Öffentlichkeit, organisierte Ausstellungen in ganz Westdeutschland. Es war ihm ein stetes Anliegen, über die Abschottung der DDR gegen den Westen aufzuklären. Dass es an der innerdeutschen Grenze auch außerhalb Berlins Mauern gab, wusste kaum einer. Zusätzlich gründete Ritter 1982 den Verein „Grenzopfer“, um DDR-Flüchtlinge zu unterstützen. „Das waren doch auch Deutsche“, so seine Einstellung.

Im Visier der Stasi

All diese Aktivitäten riefen das Ministerium für Staatssicherheit, die Stasi, auf den Plan. Seine Fotoausstellungen sah man als „Hetzveranstaltungen“, man unterstellte ihm Spionage und Absichten terroristischer Angriffe. 1984 warnte ihn ein Mitarbeiter des Innenministeriums, künftig besser nach Berlin zu fliegen statt die Transitstrecke mit dem Auto zu fahren. Zwar nahm er diesen Rat ernst, doch er beherbergte weiterhin DDR-Flüchtlinge bei sich in Barum – und fotografierte weiter. Erst Mitte der neunziger Jahre erfuhr der Fotograf, wie riskant seine Aktivitäten für ihn wirklich gewesen waren. „Als ich in Berlin in meine Stasiakte geschaut habe, habe ich alle Gefühle durchgemacht. Ich habe gelacht, aber auch den Kopf geschüttelt“, sagt der 68-Jährige. Trotz

geschwärzter Namen konnte er sich zusammenreimen, wer ihn bespitzelt und verraten hatte. „In meinem Fall waren das drei Westdeutsche, unter anderem ein Lübecker Journalist.“ Aus seinen Akten erfuhr er, dass von der Stasi seine Telefonate abgehört, Briefe abgefangen und Fotoausstellungen abfotografiert worden waren. „Da habe ich erst Schiss bekommen“, sagt er rückblickend. Dass seine Fotografien nicht mehr überall erwünscht waren, bekam Jürgen Ritter ab 1987 zu spüren. Immer öfter lehnten Städte seine Fotoausstellungen ab, für ein geplantes Buch über die Grenze fand er keinen Verlag. Man wollte die aufgekeimten Partnerschaftsbeziehungen zu Kommunen im Osten nicht gefährden und war der Meinung, Ritters anklagende Grenzdarstellungen würden nicht mehr der Zeit entsprechen. Denn viele westdeutsche Politiker glaubten nicht an eine deutsche Wiedervereinigung. Im April 1989 erschien wie zum Trotz ein Band mit Gedichten und Ritters Fotos zum geteilten Deutschland, der den prophetischen Titel „Nicht alle Grenzen bleiben“ trug.

Beim Mauerfall  durchgeheult

Als in Ungarn im September 1989 die Grenze für die DDR-Flüchtlinge geöffnet wurde, war Jürgen Ritter, der inzwischen als Fotojournalist um die Welt reis-te, ausgerechnet auf einem Schiff in Spitzbergen. Über ein kleines Transistorradio hörte er von den Ereignissen. „Ich dachte nur: Wir sind am falschen Ort“, erinnert sich der Fotograf. Als im November 1989 die Berliner Mauer fiel, entwickelte er gerade Grenzbilder in seiner Dunkelkammer im Keller. „An dem Abend hab ich bis nachts durchgeheult“, so Ritter. Die deutsche Einheit war für Ritter ein freudiges Ereignis. „Aber für mich war es nicht die friedliche Revolution. Es gab ganz schön Ärger, und zum Glück ist keiner erschossen worden“, meint er. Natürlich reiste auch er, wie hunderte andere Fotografen, am nächsten Tag nach Berlin, um Fotos zu machen. Sein schönster Moment waren die jubelnden Menschen auf der Mauer, während aus einer Musikanlage der Schlager „Marmor, Stein und Eisen bricht“ dröhnte. Nach der Wende fotografierte Jürgen Ritter weiter, konzentrierte sich aber auf Gegenden wie die Arktis und Antarktis, die Färöer Inseln oder Island. Erst 1997 veröffentlichte Ritter das Buch „Die Grenze“, zu dem der Politologe Peter Joachim Lapp die Hintergrundtexte lieferte. Ein Verkaufsschlager, der inzwischen in neunter Auflage erhältlich ist.

Kein Stoff für 45 Minuten

Ein weiteres Werk, für das Ritter mit Lapp zusammenarbeitete, ist „Deutschland grenzenlos“, das im März 2014 erstmals erschien. Es stellt eine Fortsetzung von Ritters Grenztouren dar, denn der Fotograf besuchte seit Beginn der 2000er Jahre erneut viele Orte an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze sowie in Berlin, um die Veränderungen zu zeigen. Das Buch stellt Bilder von damals und heute direkt einander gegenüber, die Bildpaare werden ständig erneuert. „Ich bin immer noch unterwegs.“ 2007 erhielt Jürgen Ritter für seine Bilder den „Einheitspreis“, einen Bürgerpreis zur Deutschen Einheit. Hunderte Vorträge hat Jürgen Ritter in den vergangenen 30 Jahren über die innerdeutsche Grenze gehalten, auch in Schulen. Doch was die Jugend angeht, ist er enttäuscht über das Desinteresse und die Unwissenheit dieses wichtigen Teils deutscher Geschichte. „Ich gehe gar nicht mehr in Schulen, die geben das zu sehr an mich ab“, erklärt er. „Das kann man nicht in 45 Minuten erzählen.“ Begeistern ließ er sich jedoch 2009 für die Idee, eine Schulklasse zusammen mit einem Journalisten zu begleiten, die den Deutsch-Deutschen Radweg auf der ehemaligen Grenze entlang radelte. Hieraus entstand eine Dokumentation, die besonders für die politische Bildung an Schulen geeignet ist. Fotoausstellungen mit seinen Grenzbildern macht Ritter nicht mehr, auch wenn 2018 ein Teil im Museum Lüneburg gezeigt werden soll. Er hat sich auf Natur- und Tieraufnahmen spezialisiert, obwohl die Einnahmen weiterhin durch die Grenzbücher, Grenzbilder und im Eigenverlag herausgebrachte Grenzbild-Kalender gesichert werden. Kraniche und Insekten haben es ihm jetzt angetan. Dennoch ist das Kapitel der deutschen Teilung für ihn niemals abgeschlossen „Das Wichtigste ist, dass wir unsere deutsche Geschichte kennen“, meint er. „Und was Freiheit bedeutet.“ (JVE)