Leute

Gegen die Ausgrenzung

José Mommertz ist HIV- und Gesundheitsberater im Checkpoint Queer

José Mommertz weiß, was es bedeutet, als Homosexueller in einer kleinen Stadt zu wohnen, in der jeder jeden kennt. Der gebürtige Kolumbianer kam als Kind nach Deutschland, wo er in einem Dorf aufwuchs. Nach der Schulzeit zog er zurück nach Kolumbien, wählte bewusst die Anonymität der Millionenstadt Bogotá. Inzwischen lebt der 35-Jährige in Hamburg und arbeitet in Lüneburg beim Checkpoint Queer als HIV- und Gesundheitsberater. José Mommertz denkt nicht gerne an seine Kindheit und Jugend im Taunus zurück. „Es war ein kleines Dorf, und ich habe einige homophobe Erfahrungen gemacht”, erzählt er, „was mir dort passierte, hat mich traumatisiert.” Mit etwa 13 Jahren wurde er sich dessen bewusst, dass er nicht auf Mädchen steht. „Das Outing war ein sehr langer Prozess”, erinnert er sich. Seine Mutter habe es zwar schon lange vermutet, José Mommertz suchte aber erst mit Anfang zwanzig mit ihr das klärende Gespräch. Seine Mitschüler erfuhren auf einer Klassenfahrt von seiner Homosexualität. Er hatte sich einem Freund anvertraut, der es weitererzählte. „Das war sehr unangenehm. Es wäre am besten gewesen, wenn meine Mitschüler mich danach in Ruhe gelassen hätten, aber einige wollten mir ständig helfen”, so Mommertz. Erst als er aus dem Dorf wegzog, verbesserte sich seine Situation. 2004 ging José Mommertz zurück in sein Heimatland Kolumbien, um dort Politikwissenschaften zu studieren. Kolumbien ist zwar ein eher konservatives Land, doch in der Großstadt Bogotá geht es etwas lockerer zu. „Bogotá ist riesengroß und anonym. Sehr viele queere Menschen sind nach Bogotá gezogen, denn oft werden sie noch verfolgt, vor allem auf dem Land”, erklärt der 35-Jährige. „Die Anonymität hat mir geholfen, aber ich war ein bisschen einsam und habe versucht, Anschluss zu finden. Ich brauchte Gleichgesinnte.” In einem Viertel ähnlich dem Hamburger Stadtteil St. Georg fand Mommertz schließlich durch seine Mitarbeit im queeren Referat der Universität ein queeres Zentrum mit Selbsthilfegruppe, für die er sich ehrenamtlich engagierte. In der großen queeren Community von Bogotá wurde José Mommertz mit offenen Armen empfangen. Hier organisierte er Kampagnen und Flashmobs sowie einmal im Semester eine queere Party an der Uni.

Viel Beratungsbedarf

Nach dem Bachelor-Abschluss in Kolumbien zog Mommertz schließlich 2012 zurück nach Deutschland. Er entschied sich für Hamburg, wo er zusätzlich Lateinamerikanische Studien studierte. „Hamburg ist eine sehr weltoffene Stadt, in der ich mich wohlfühle”, meint er. Das Gleiche kann er auch von Lüneburg sagen, wo er seit 2019 als Angestellter der „bunt gesund”-Abteilung im Checkpoint Queer arbeitet. „Für die Größe der Stadt gibt es hier eine große queere Community”, meint er. Was HIV und Aids angeht, gibt es nach seiner Erfahrung durchaus Beratungsbedarf. Um die HIV-Beratung in Lüneburg zu übernehmen, absolvierte José Mommertz eine Fortbildung der Aidshilfe für Beratende, gelegentlich bildet er sich weiter fort. Die Aidshilfe ist ein Kooperationspartner des Checkpoint Queer. Seine Zielgruppe in der Beratung sind junge queere Menschen. „Vieles dreht sich um den Schutz vor HIV und wie es übertragen wird”, erklärt er. „Es gibt noch viel Unwissen. Viele haben noch die alten Bilder aus den Achtzigern im Kopf, aber es hat sich viel geändert.” So wüsste ein Großteil der Ratsuchenden zum Beispiel nicht, dass HIV-Infizierte unter der Therapie andere nicht anstecken können. HIV-Infizierte suchen José Mommertz in Lüneburg selten auf. „Sie fahren für die Anonymität lieber nach Hamburg”, weiß der Gesundheitsberater, „das ist leider immer noch ein Tabuthema.” Menschen, die glauben, sich infiziert zu haben, kommen hingegen häufiger in den Checkpoint Queer. Einige stellen bei der Beratung dann fest, dass für sie keine Ansteckungsgefahr bestand. Auch einen Aidstest, einen Schnelltest, bei dem ein wenig Blut aus der Fingerkuppe entnommen wird, kann man im Checkpoint Queer gegen eine Spende machen. Ein HIV-Selbsttest ist auch in der Apotheke erhältlich (wichtig ist hierbei immer das CE-Zeichen). „Man hat das Ergebnis nach zehn Minuten”, so Mommertz. Diese Art von Schnelltest gibt es in Deutschland erst seit einigen Jahren, das Testangebot wird im Checkpoint Queer gut angenommen. „In der Pandemie ist die Nachfrage zurückgegangen. Vor der Pandemie haben sich bei uns 15 bis 20 Leute pro Jahr getestet – in Hamburg wäre das pro Woche.” Zeigt der Schnelltest zwei Striche, ist das Ergebnis also reaktiv, schickt José Mommertz die Person direkt zum Arzt zu einem Bestätigungstest.

Offen reden

José Mommertz berät in Lüneburg auch zu anderen sexuell übertragbaren Krankheiten (abgekürzt STI), zum Beispiel zu Hepatitis B., wogegen es eine Impfung gibt. „Für Risikogruppen, also zum Beispiel Schwule, ist die Hepatitis-B-Impfung kostenlos – das wissen viele Ärzte nicht”, erläutert er. Auch die Übertragung von Papilloma-Viren lässt sich durch die HPV-Impfung verhindern, während Krankheiten wie Syphilis, Chlamydien und Gonnorrhoe (Tripper) gut behandelbar sind. „Syphilis muss entdeckt werden, sonst gibt es einen längerfristigen Schaden an der Haut und Organen”, so Mommertz. Die Gesundheitsberatung, die er montags von 15 bis 19 Uhr ohne Anmeldung anbietet, läuft ähnlich wie eine Sprechstunde beim Arzt ab, jedoch ohne Untersuchung des Körpers. Oft leitet er die Ratsuchenden dafür zum Arzt weiter – meist zum Hausarzt, aber auch zum Frauenarzt oder zur Lüneburger HIV-Schwerpunktpraxis. Einmal die Woche hilft José Mommertz auch queeren Geflüchteten im „Safe Space”, zum Beispiel mit Anträgen. „Unter queeren Geflüchteten herrschen viele Traumata”, weiß er, hier gehe es um seelische Gesundheit. Seit Beginn der Corona-Pandemie arbeitet er viel im Homeoffice, im begrenzten Rahmen findet die Beratung weiterhin persönlich statt. „Telefonisch berate ich nicht, es ist wichtig, dass die Leute da sind”, meint er, „außerdem gebe ich auch Infomaterial weiter.” Normalerweise gehören zu seinen Aufgaben auch das Vorbereiten von Aufklärungsveranstaltungen, Workshops sowie das Organisieren von Spieleabenden im Checkpoint Queer. Offen über all diese vermeintlichen Tabuthemen zu reden, musste José Mommertz auch erst lernen. „Ich musste mich selbst daran gewöhnen, aber nun ist es für mich kein Thema mehr. Ich wünsche mir, dass offener darüber geredet wird”, sagt er. Durch das queere Zentrum Checkpoint Queer seien die Leute offener geworden: „Es ist ein sehr beruhigender Ort, die Leute sind entspannt.” Der Checkpoint Queer kooperiert auch mit der Initiative „Schlau”, die Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt anbietet. In diesem Rahmen besuchen sie Schulen und geben Workshops. Mommertz selbst hätte sich diese Form von Aufklärung in seiner Jugend auch gewünscht. „Ich habe das Gefühl, der Sexualkunde-Unterricht ist sehr auf Hetero-Menschen ausgerichtet”, meint er.

HIV-Schutz durch Medikament

Die häufigsten Fragen in Mommertz‘ Sprechstunde sind: Wie kann man sich vor HIV schützen? Wie infiziert man sich? „Es herrscht da nur rudimentäres Wissen”, so seine Erfahrung. Ein zentrales Thema ist auch die PrEP, die so genannte Präexpositionsprophylaxe – ein noch recht neues Medikament, mit dem sich HIV-Negative fast so effektiv wie mit einem Kondom vor der Infektion schützen können. „Seit 2019 wird die PrEP von den Krankenkassen übernommen”, erläutert der 35-Jährige. Ein Rezept dafür ist in den Schwerpunktpraxen erhältlich. Dass die PrEP auch in Lüneburg erhältlich ist, findet José Mommertz fortschrittlich. Durch Kontakte mit anderen Beratern weiß er, dass das Präparat oft nur in Großstädten zu bekommen ist. „Ich würde mir von der Politik wünschen, dass ländliche Gegenden mehr bedacht werden”, meint er. José Mommertz‘ Erfahrung zeigt, dass Heterosexuelle mehr Angst vor einer HIV-Infektion haben als Homosexuelle. Junge schwule Männer von 18, 19 Jahren würden oft blauäugig und mit vielen Wissenslücken an das Thema herangehen, während die knapp 30-Jährigen gut Bescheid wüssten. „Häufig sind die Menschen sehr übervorsichtig. Viele Situationen stellen gar kein Risiko der Ansteckung dar.” Eins haben die Ratsuchenden bei der Sorge vor einer HIV-Infektion gemeinsam: „Sie haben keine Angst zu sterben, sondern Angst vor Ausgrenzung”, so der Gesundheitsberater. (JVE)

Alles fürs Klima

Moritz Meister engagiert sich für den Klimaentscheid Lüneburg

Sich für die gute Sache einzusetzen, ist Moritz Meister ein Anliegen. Der 29-jährige Klimaschützer ist eines der Gesichter der Gruppe Klimaentscheid Lüneburg. Ihre Vision: Lüneburg soll 2030 klimaneutral sein. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist der 29-Jährige in Berlin. Nach dem Abitur landete er für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) in Bremervörde im Bereich Umweltbildung des NABU. Er interessierte sich für den Studiengang Umweltwissenschaften, wofür er 2012 nach Lüneburg zog. Das Thema Klimaschutz, sein heutiges Steckenpferd, vertiefte er in einem Auslandsjahr 2014 in Schweden. Seit seiner Rückkehr nach Lüneburg war er in zahlreichen Initiativen aktiv, engagierte sich für die Grüne Jugend und das Nachhaltigkeitsreferat des AStA an der Uni, baute die Ehrenamtsplattform „Lebendiges Lüneburg” mit auf und gab im Nebenjob Nachhilfe. Auch bei der Gründung der Lüneburger Ortsgruppe von Fridays for Future war er beteiligt. Offen für alles, entschied sich der Student zwischenzeitlich auch für eine besondere Wohnform: Mehrere Jahre lebte er mit Geflüchteten in einer Gemeinschaftsunterkunft in Rettmer. Im Rahmen eines im Frühjahr 2021 ausgelaufenen Projektes wohnten hier seit 2016 neun Studierende mit Flüchtlingsfamilien zusammen. „Ich habe da sehr gerne gewohnt, es war ein schönes Zusammenleben”, so Moritz Meister. Seit Anfang Mai wohnt er mit Freunden in einer WG in Uninähe.

Bürgerbegehren für den Klimaschutz

Die Idee, die Gruppe Klimaentscheid Lüneburg zu gründen, entstand Anfang März 2020, kurz bevor die Corona-Pandemie die Welt überrannte. Die Vertreter verschiedener Lüneburger Gruppen, unter anderem von NABU, Fridays for Future, Greenpeace und Lebendiges Lüneburg, wollten sich gemeinsam klimapolitisch einsetzen. „Wir dachten erst an Demos, aber durch Corona mussten wir uns digital treffen”, erzählt Moritz Meister. Zu dieser Zeit war der Verein GermanZero gerade in die Öffentlichkeit getreten. Die deutsche Klimaschutzorganisation setzt sich dafür ein, dass Deutschland bis 2035 klimaneutral wird. Dafür mobilisiert GermanZero Bürger in ganz Deutschland, unterstützt Klimaentscheide und betreibt Kampagnenarbeit. Als die Gruppe Klimaentscheid Lüneburg sich in der Gründung befand, hatten schon Städte wie Münster, Kons-tanz und Berlin vorgemacht, wie es geht. „Wir waren relativ schnell angefixt von der Idee, ein Bürgerbegehren für den Klimaschutz auf den Weg zu bringen”, berichtet Moritz Meister. Eine Handvoll Studierender trieb die Gründung von Klimaentscheid Lüneburg voran und schloss eine Kooperationsvereinbarung mit GermanZero. Ab Herbst 2020 wuchs die Gruppe, und eine Entscheidung musste getroffen werden: In welche Richtung soll es gehen? „Das Ziel muss kein Bürgerbegehren sein, die Klimaentscheide werden unterschiedlich umgesetzt”, so Moritz Meister. Im März 2020 hatte der Kreistag Lüneburg entschieden, dass der Landkreis Lüneburg bis zum Jahr 2030 klimaneutral werden soll. Da dieser Beschluss nicht ausdrücklich die Hansestadt Lüneburg mit einschloss, entschied die Lüneburger Klimaentscheid-Gruppe, dieses Ziel auch in der Stadt voranzutreiben. „Aufmerksamkeit erzeugen und Unterschriften sammeln ist ein gutes Mittel, um ein Thema zu setzen und miteinander ins Gespräch zu kommen“, so Moritz Meister. Nach dem Kreistagsbeschluss hatte er Kontakt zur Klimaschutzleitstelle des Landkreises Kontakt aufgenommen. „Bis Juni sollte ein Entwurf zur Umsetzung der Ziele vorgelegt werden, aber es wurde sichtbar, dass da nicht viel passiert war“, erzählt der Lüneburger. Die Gruppe Klimaentscheid sah sich in der Pflicht, mehr Bürgerbeteiligung zu erwirken. „Wir haben uns gesagt, wir müssen mehr Druck auf Stadtebene machen. Wir waren eh alle aktiv in der Stadt und wohnen da, deshalb erschien uns das machbarer”, erklärt Meister.

Eine Stimme für die Lüneburger

Im November 2020 fiel der Startschuss. GermanZero veranstaltete online einen Startworkshop, seitdem gibt es einen regelmäßigen digitalen Austausch mit der Organisation. Auch bundesweite Treffen von Vertretern der kommunalen Gruppen von Konstanz bis Kiel finden online statt. „Es gibt 30 bis 40 kommunale Teams”, so Moritz Meister, „das Ziel ist 50 bis zur Bundestagswahl, um ein bundesweites Zeichen zu setzen. Wenn so viele Kommunen das machen, lässt sich Druck auf Bundesebene erzeugen.” Ziel von GermanZero ist ein bundesweites 1,5°-Gesetzespaket, das zur nächsten Bundestagswahl auf den Weg gebracht werden soll. War die Gruppe Klimaentscheid Lüneburg zunächst rein studentisch besetzt, ist das Team der Aktiven inzwischen gemischt. Für mehr Mitglieder sorgte Werbung mit der Einladung an Vereine, Initiativen, kirchliche Vertreter und Kommunalpolitiker zu einem Vernetzungstreffen. Von der Gruppe Parents for Future Lüneburg entschieden sich sogar alle, beim Klimaentscheid mitzumachen, so dass die Klimaentscheid-Gruppe jetzt aus rund 25 Studierenden, Berufstätigen und Rentnern besteht. Von 20 bis Mitte 70 sei alles vertreten, so Meister, der Kontakt zu verschiedenen Generationen helfe, ihr Anliegen weiter zu verbreiten. Und das ist das Anliegen von Klimaentscheid Lüneburg: Damit die Stadt Verantwortung übernimmt und ihren Beitrag zur Klimaneutralität leistet, soll den Lüneburgern eine Stimme gegeben werden, um zu erreichen, dass Lüneburg bis 2030 klimaneutral ist. Der Klimaentscheid Lüneburg schließt sich mehr als 20 Kommunen deutschlandweit an, die durch einen Bürgerentscheid klimaneutral werden wollen.

Unterschriftensammler in der Stadt

Der erste Schritt auf dem Weg zum Ziel ist das Bürgerbegehren. Die Gruppe Klimaentscheid Lüneburg reichte ihr Bürgerbegehren im Dezember 2020 bei der Stadt ein, nach der Annahme der Fragestellung musste das eigentliche Bürgerbegehren vorbereitet werden. Die Sammlung der Unterschriften begann am 6. April. „Sind Sie dafür, dass die Hansestadt Lüneburg bis 2030 klimaneutral wird und dazu innerhalb von 12 Monaten einen Klima-Aktionsplan erarbeitet, welcher die zur Erreichung dieses Ziels erforderlichen, rechtlich möglichen Maßnahmen beinhaltet?” lautet die zu unterzeichnende Frage. Unterschreiben kann jeder EU-Bürger ab 16 Jahren, der seit mindestens drei Monaten seinen Hauptwohnsitz in Lüneburg hat. Für Jüngere und Bewohner des Landkreises gibt es auch symbolische Unterschriftensammlungen. „Es geht uns auch ums Signal, das wir setzen, nicht nur darum, was wir rechtlich erreichen”, so Moritz Meister. In Pandemie-Zeiten Unterschriften zu sammeln, die nicht digital abgegeben werden dürfen, ist nicht leicht. Dennoch konnte der Klimaentscheid Lüneburg bis zum Redaktionsschluss mehr als 1.700 Unterschriften sammeln. Für ihre Vorgehensweise war die Gruppe im Austausch mit der Flugplatzentscheid-Gruppe und dem Luftsportverein Lüneburg. „Die Hauptsache ist, selber rumzugehen mit Klemmbrettern und Unterschriftenlisten – und natürlich Maske und Desinfektionsmittel”, so Meister. Samstags darf die Gruppe auch einen Stand an der Bäckerstraße aufstellen. Außerdem gibt es gut 40 Sammelstellen für die Unterschriftenlisten in der Stadt, Unterstützung gibt es von mehr als 50 lokalen Bündnispartnern. Auf der Homepage https://klimaentscheid-lueneburg.de/ ist es auch möglich, den Zettel runterzuladen, auszudrucken und portofrei zu verschicken. Selbst ein Unterschriftenlisten-Lieferservice wird angeboten. „Wir wollen es möglichst bequem machen”, sagt Moritz Meister. Doch sie konnten feststellen, dass die persönliche Ansprache effektiver ist. Mindestens 5.923 Unterschriften aus Lüneburg – das sind zehn Prozent der wahlberechtigten Lüneburger – braucht der Klimaentscheid. „Wir wollen mehr sammeln, um ein Signal zu setzen”, meint Moritz Meister. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder der Stadtrat nimmt die Forderung an, oder es kommt zum Bürgerentscheid – bei dem dann mindestens 11.846 Ja-Stimmen benötigt werden. Sollte das Quorum erreicht werden, ist die Stadt rechtlich gebunden, innerhalb von zwölf Monaten einen Klima-Aktionsplan auszuarbeiten.

Unterstützung für die Stadt

Durch die gelockerten Coronaregeln können die Klimaschützer nun mit dem Sammeln der Unterschriften erst richtig loslegen. „Wir wollen alle größeren Veranstaltungen mitnehmen, vor allem Demos und Feste”, so Meister. Dazu gehören das lunatic Festival, das Klimacamp, die Wandelwoche, aber auch der Lüneburger Kultursommer. Am 4. September plant der Klimaentscheid gemeinsam mit dem Lüneburger Radentscheid eine Demonstration, außerdem werde es noch einen globalen Klimastreik geben. Ab Anfang Juli, mit Beginn der vorlesungsfreien Zeit, will auch Moritz Meister Gas geben und in Nachbarschaften und Supermärkten Unterschriften sammeln. Der Zuspruch, den die Mitglieder des Klimaentscheids dabei auf Lüneburgs Straßen erhalten, ist groß – oft gibt es ein Dankeschön oder ermutigende Worte. Die Gruppe sieht sich nicht als Gegenpol zur Stadt, sondern will diese unterstützen. Zwar habe die Hansestadt im März 2021 den Entwurf für einen Klimaschutzplan vorgestellt, doch Moritz Meis-ter ist überzeugt: „Lüneburg kann mehr.” Mit ihrem Klimaentscheid wollen er und seine Mitstreiter der Stadt unter die Arme greifen und eine Bürgerbeteiligung ermöglichen. Mit einem von GermanZero generierten Klimastadtplan, der Möglichkeiten aufzeigt, wie Lüneburg bis 2030 sein Ziel der Klimaneutralität erreichen könnte, möchte die Gruppe Tipps an die Stadt weitergeben. Sollte der Klimaentscheid Lüneburg Erfolg haben, sieht der 29-Jährige diesen als Signal für den kommenden Stadtrat für Handlungsbedarf. Der jetzige Klimaschutzplan müsse konkretisiert und nachgeschärft werden. Gemeinsam mit dem zweiten, gerade anlaufenden Bürgerbegehren der Stadt, dem Radentscheid, wollen die Klimaschützer die Anliegen der Bürger an den Stadtrat herantragen. Sie planen gemeinsame Aktionen, um in der Öffentlichkeit präsent zu werden. Ein nächster persönlicher Schritt von Moritz Meister – wie auch von anderen Mitgliedern des Klimaentscheids – ist die Kandidatur für den Kreistag, um die Kommunalpolitik mitzugestalten. Die Unterschriftensammlung endet voraussichtlich Ende September, der Zeitraum kann aber verlängert werden. Wie es danach mit der Klimaentscheid-Gruppe weitergeht, ist unklar. „Es gibt kein klares Ende. Wir werden es alle begleiten und ein Auge darauf haben, wie es weitergeht”, meint Moritz Meister. • Infos: https://klimaentscheid-lueneburg.de und Instagram klimaentscheid.lueneburg. (JVE)

Keine Angst vor dem Wolf

Ulrike Kressel ist Wolfsberaterin im Landkreis Lüneburg

Der Wolf hat wieder Einzug gehalten in Deutschland. Doch seine Rückkehr spaltet die Gesellschaft. Die Population wächst, die Zahl der Risse von Weide- und Nutztieren steigt. Aber Angst müsse man vor dem Wolf nicht haben, meint Ulrike Kressel. Als Wolfsberaterin beschäftigt sich die 50-Jährige seit Jahren mit dem Raubtier. Seit rund 20 Jahren ist der Wolf, einstmals ausgerottet, zurück in Deutschland. Vor fast 15 Jahren wurden in Niedersachsen wieder Wölfe in freier Wildbahn gesichtet. Ulrike Kressel verfolgt das Geschehen seit Jahren interessiert. Die freiberufliche Journalistin begleitete in ihrem Job über längere Zeit einen Wolfsberater bei der Arbeit, lernte das Ehrenamt aus nächster Nähe kennen. Schließlich empfahl ihr der Wolfsberater, sich ebenfalls dafür zu bewerben. Nach mehreren Schulungen hat Ulrike Kressel das Ehrenamt der Wolfsberaterin im Landkreis Lüneburg 2016 übernommen. „Ich stehe der Rückkehr der Wölfe sehr positiv gegenüber, sehe aber auch Probleme für die Nutztierhalter”, fasst die Bleckederin zusammen. Heute hätten beispielsweise Schafhalter mehr Aufwand, ihre Tiere zu schützen. Die Wolfsberaterin berät sie zum Herdenschutz, außerdem nimmt sie Spuren und Sichtungen auf und dokumentiert Nutztierrisse, wenn diese auf den Wolf zurückzuführen sind. Auch für die Bevölkerung ist sie Ansprechpartnerin.

Zwei Wolfsrudel im Landkreis

Es gibt Zeiten, da häufen sich Nutztierrisse, und Ulrike Kressel muss rausfahren und diese aufnehmen, wenn sie von Tierhaltern kontaktiert wird. „Im Herbst und Winter gibt es vermehrt Übergriffe”, erklärt sie, „dann sind die Welpen groß und der Aktionsradius der Eltern wird größer. Im Frühjahr und Sommer werden die Welpen aufgezogen und die Eltern konzentrieren sich auf das Umfeld der Wurfhöhle.”  Im Landkreis Lüneburg ist links und rechts der Elbe je ein Wolfsrudel bekannt. Das Monitoring, also das Zählen und Dokumentieren der Wölfe, übernimmt in Niedersachsen die Landesjägerschaft. Ein im Monitoringjahr 2017/18 zusammengefundenes Wolfspaar im Amt Neuhaus hat nachweislich 2018/19 zwei Welpen bekommen, im vergangenen Monitoringjahr dann drei Welpen. Ein Monitoringjahr geht immer vom 1. Mai eines Jahres bis zum 30. April des daurauffolgenden Jahres. Dieser Zeitabschnitt umfasst ein biologisches „Wolfsjahr” – von der Geburt der Welpen bis zum Ende ihres ersten Lebensjahres. Weniger Erfolg mit dem Nachwuchs lässt sich vom Wolfspaar links der Elbe vermelden, das seit 2016/17 bei Wendisch Evern verortet wird. „Bis jetzt konnten wir noch keine Reproduktion nachweisen”, so die Wolfsberaterin. Hinweise auf die Genetik der Wölfe geben Tierrisse, aber auch die Losung, der Kot der Wölfe. Wolfslosung spielt bei der Arbeit von Ulrike Kressel eine besondere Rolle, denn sie gibt viele Hinweise über die Lebensweise der Tiere. Wenn sie Wolfslosung findet, muss sie ihren Fund genau dokumentieren. Dazu gehört das Vermessen – eine Länge von mindestens 20 Zentimetern spricht deutlich für einen Wolf, und auch der Geruch ist sehr markant. Auch die Koordinaten des Fundortes werden notiert, zudem macht die Wolfsberaterin Übersichts- und Detailfotos mit Maßstab sowie Fotos von der Umgebung des Fundortes. Zur genetischen Bestimmung wird bei frischer Losung auch ein Teil in Alkohol gelegt. Losung eignet sich auch zur Nahrungsanalyse, denn anhand der Haare und Knochenreste lassen sich die Beutetiere bestimmen.

Gefahr durch Verkehr

Auch wenn Ulrike Kressel bereits einige Male einen Wolf in freier Wildbahn gesehen hat, hat sie das Paar aus Wendisch Evern noch nie zu Gesicht bekommen. Das liegt auch daran, dass ein Wolfsrevier eine Größe von 250 bis 300 Quadratkilometern umfasst und die Wölfe viel unterwegs sind. Wölfe verteidigen ihr Revier, so dass eine Ansiedlung weiterer Wölfe hier nicht möglich ist. „Sie setzen mit Urin und Kot ihre Duftmarke, das ist unmissverständlich für den durchziehenden Wolf”, erklärt die Wolfsberaterin. Ein wichtiges Kriterium zur Ansiedlung von Wölfen, die sehr anpassungsfähig sind, ist die Wilddichte, aber auch das Vorhandensein von Rückzugsräumen. Niedersachsen und der Landkreis Lüneburg bieten so einen idealen Lebensraum für das Wildtier. Wölfe laufen tausende von Kilometern, um sich ein Revier zu suchen, und auch die Partnerwahl ist natürlich entscheidend. „Viele Faktoren müssen passen, und das glückt auch nicht immer”, so Ulrike Kressel. Nachdem das Paar aus der Nähe von Wendisch Evern seit Jahren zusammen ist und bisher augenscheinlich kinderlos geblieben ist, gehen die Wolfsberater des Landkreises von einer Zeugungsunfähigkeit aus. In freier Wildbahn werden Wölfe zehn bis zwölf Jahre alt, in Gefangenschaft können sie deutlich älter werden. Ulrike Kressel weiß: „Von einem Wurf, der acht bis neun Welpen umfasst, überleben im Schnitt nur ein bis zwei Tiere.” Zu ihrem frühen Tod trägt auch oft der Straßenverkehr bei. „Allein in diesem Jahr sind in Niedersachsen schon 21 Wölfe im Verkehr auf der Straße umgekommen”, so die Wolfsberaterin. „Im Jahr 2020 gab es insgesamt 24 tote Wölfe im Straßenverkehr, das ist jetzt schon fast erreicht.” Totgefahren werden vor allem junge, unvorsichtige Wölfe. Tot aufgefundene Wölfe werden am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) untersucht, ihre Merkmale in eine Datenbank aufgenommen.

Probleme beim Herdenschutz

Wölfe haben ein hochkomplexes Familienleben, von dem auch Ulrike Kressel fasziniert ist. So würden die Welpen nach der Geburt am Platz um die Wurfhöhle, dem so genannten Rendezvous-Platz, verbleiben. Bei der Aufzucht der Tiere helfen ein bis zwei Jährlinge, die dafür bei ihren Eltern geblieben sind. Der streng unter Schutz stehende Wolf ist es gewohnt, in unserer Kulturlandschaft zu leben. „Wenn sie durch ihr Revier laufen, stören Ansiedlungen sie nicht. Wir Menschen leben sozusagen im Wohnzimmer der Wölfe”, so Ulrike Kressel. Der Wolf nutze gerne unsere Infrastruktur wie Feld- und Waldwege, um Energie zu sparen. Autoverkehr setze ihn unter Stress, wie Videos gezeigt hätten. Die Wolfsberaterin erhält regelmäßig Anrufe und E-Mails von Bürgern. Einige wollen wissen, wie sie sich bei einer Begegnung verhalten sollen, andere informieren sie über entdeckte Trittsiegel oder Kot vom Wolf. Neben Ulrike Kressel gibt es im Landkreis Lüneburg noch eine weitere Wolfsberaterin und zwei Wolfsberater, alle stehen in engem Kontakt miteinander sowie mit dem Landkreis und der Unteren Naturschutzbehörde. Auch ohne Hinweise ist Ulrike Kressel viel mit ihrem Hund in der Natur unterwegs, beobachtet gerne Wildtiere. Auf der Suche nach Wolfsnachweisen müsse sie sich gelegentlich daran erinnern, den Blick nicht nur nach unten gerichtet zu halten, berichtet sie. Ein Höhepunkt ihrer Sichtungen war ein Wolf, der die Elbe durchschwamm und schließlich seelenruhig aus dem Wasser stieg. Der Wolf sei ein sehr guter Schwimmer, das wüssten selbst viele Tierhalter nicht, die Gräben oder angrenzende Flüsse nicht mit einzäunen würden, erzählt sie. Doch dies sei nicht das einzige Problem beim Herdenschutz. „Man sieht sehr viele unzureichend geschützte Tiere, die nicht wolfsabweisend eingezäunt sind”, so ihre Erfahrung. Die meisten Fälle von Tierrissen erlebt sie bei Tierhaltern, die hobbymäßig ein paar Schafe im Garten halten und diese nur unzureichend geschützt haben. Ulrike Kressel weiß, dass das Thema Wolf für viele sehr emotional besetzt ist. Doch ihre Rolle als Wolfsberaterin ist es nicht, über den Wolf zu diskutieren, sondern die Tierrisse aufzunehmen, damit der Tierhalter eine Entschädigung bekommt – dennoch ist sie nicht immer willkommen. „Ich wurde auch schon mit aufgestellter Forke empfangen”, erinnert sie sich.

Mensch ist keine Beute

Ob der Tierhalter eine Entschädigung erhält, hängt davon ab, ob er seine Tiere entsprechend geschützt hat. Die Wolfsberaterin kommt dann mit dem Zollstock und misst die Zaunhöhe oder überprüft die Stromstärke des Weidezauns. Über die Entschädigung entscheidet aber das Wolfsbüro in Hannover. „In den meisten Fällen wissen die Tierhalter, dass sie ihre Tiere nicht richtig gesichert haben und sind einsichtig”, so Kressel. Dennoch kennt sie ihre „Pappenheimer”, die regelmäßig wieder Tierrisse zu beklagen haben und dennoch nichts an ihren Schutzmaßnahmen ändern, obwohl diese durch das Land finanziert werden. Einen Wolf mit eigenen Augen zu sehen, findet Ulrike Kressel „großartig”, bedroht fühlt sie sich nicht. Sie weiß, dass Angst etwas Subjektives ist und ein Hinweis wie „Genießen Sie den Moment” ängstlichen Mitbürgern auch nicht hilft. Sie betrachtet den Wolf aber an den Fakten orientiert, weiß, dass der Mensch nicht zu seinem Beuteschema gehört. Anlocken sollte man ihn dennoch nicht. Sie rät Ratsuchenden, den Wolf bei einer Begegnung zu verscheuchen, indem man durch lautes Rufen auf sich aufmerksam macht. Wölfe, denen man begegnet, seien oft junge, unerfahrene Tiere, die zwar fast so groß wie erwachsene Tiere, aber im Verhalten unerfahren, neugierig und wagemutig seien – vergleichbar mit Hundewelpen. Ulrike Kressel rät, sich so zu verhalten wie bei einer Begegnung mit einem herrenlosen großen Hund. Ist man selbst mit einem Hund in einem Wolfsgebiet unterwegs, sollte der Hund angeleint sein: „Ein freilaufender Hund ist ein Eindringling für den Wolf. Der Wolf unterscheidet nicht zwischen Wolf und Hund, so kann es eine Gefahr für den Hund sein, dass er ihn tötet.” Ein Wolf birgt immer eine Gefahr, wenn er die Nähe zu Menschen sucht. „Seit der Rückkehr von Wölfen in Deutschland hat es keinen einzigen Übergriff auf Menschen gegeben”, beteuert die Wolfsberaterin. Dennoch gebe es immer wieder Diskussionen zum Thema Wolf, wann er eine zu große Gefahr darstellt. Wenn ein Wolf wiederholt gut geschützte Tiere reiße, dürfe er geschossen werden. „Ich kann das mittragen, dass dieser Wolf entnommen wird, wenn der empfohlene Schutz eingehalten wurde”, meint sie. Doch zurzeit würden in Niedersachsen Abschussgenehmigungen für besondere „Problemwölfe” laufen, hinter denen sie nicht immer stehe. So sei sie mit der Wolfspolitik des Landes Niedersachsen nicht immer einverstanden. „An der Problematik wird sich nichts ändern, wenn noch so viele abgeschossen werden”, so ihre Einschätzung, „der nächste Wolf steht schon in den Startlöchern.” Zudem zeige die Nahrungsanalyse bei Wölfen, dass der Hauptbestandteil ihrer Nahrung Schalenwild, Schwarzwild und Frischlinge seien – und weniger als ein Prozent Nutztiere. „Dann fragt man sich, über was reden wir hier eigentlich?” Die Wolfsberaterin ist der Meinung, viele Tierhalter müssten hingegen ihren Herdenschutz verbessern. „Herdenschutz ist machbar. Es gibt genug Schäfer, die es können. Wenn wir mit Wölfen zusammenleben wollen, müssen wir lernen, wie wir unsere Nutztiere schützen.” Ulrike Kressel ist in ihrem Ehrenamt sehr an der Aufklärung gelegen, um das Verhältnis zwischen Wolf und Mensch zu verbessern. „Der Wolf hat 150 Jahre nicht mehr unter uns gelebt. Wir sind ja noch am Anfang, Erfahrungen mit Wölfen zu sammeln, wir werden immer Lernende bleiben.” (JVE)

Maske als Nährstoff für die Natur

Die Lüneburger Lea Lensky und Victor Büchner haben biologisch abbaubare Masken entwickelt

An das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes haben wir uns schon gewöhnt. Doch durch die vielerorts obligatorischen medizinischen OP- und FFP2-Masken produzieren wir massenhaft Müll, der streng genommen Sondermüll ist und die Umwelt stark belastet. Und auch für den Menschen sind sie nicht frei von Schadstoffen. Zwei Lüneburger Studierende wollten das nicht so hinnehmen: Lea Lensky und Victor Büchner entwickelten Masken, die biologisch abbaubar sind. Sie gründeten die Firma Holy Shit, die Viva Mask ist ihr erstes Produkt. Lea Lensky (24) aus Braunschweig und Victor Büchner (23) aus Hamburg studieren in Lüneburg unterschiedliche Studiengänge, sie Betriebswirtschaftslehre und Kulturwissenschaften, er International Business Administration & Entrepreneurship am Leuphana College. Die beiden eint das Nebenfach Nachhaltigkeitswissenschaften, zusammen arbeiten sie als studentische Hilfskräfte bei Prof. Dr. Michael Braungart, Professor für Oködesign und zudem Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Umweltinstituts. Mit Professor Braungart als Gesellschafter gründeten die Studierenden im Mai 2020 die gemeinnützige GmbH „Holy Shit” mit Sitz in Lüneburg. Die Entwicklung der besonderen Masken wurde ihr erstes Projekt. Aus Daten des Bundeswirtschaftsministeriums hat Professor Braungart die zu erwartenden Abfallmengen hochgerechnet und ist so auf einen jährlichen Bedarf an Atemschutzmasken von etwa zwölf Milliarden Stück gekommen. Lea, Victor und andere Studierende erfuhren in seinem Seminar davon. „Da wollten wir etwas gegen tun”, so Lea Lensky.

Gesund für Umwelt und Menschen

Bei den neu entwickelten Masken geht es nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die Gesundheit seiner Träger. Laut Angaben des Hamburger Umweltinstituts unter Braungarts Leitung enthielten die dort untersuchten Einwegmasken „teils erhebliche Mengen an Schadstoffen” wie etwa „flüchtige organische Kohlenwasserstoffe und Formaldehyd”. Zudem könnten gerade beim Tragen lungengängige Mikroplastikfasern eingeatmet werden, die sich dann im menschlichen Körper anreichern könnten. Obwohl man bei mehr als 2.000 Maskenherstellern die Ergebnisse sicher nicht pauschalisieren könne, so Victor, spielten diese Erkenntnisse bereits Maskenverweigerern in die Hände. Doch Lea stellt klar: „Wir sind keine Maskengegner, aber wir wollten gesunde Masken herstellen.” Während es am Anfang der Corona-Pandemie um die schnelle Versorgung der Bevölkerung mit Masken gegangen sei, sei nun die richtige Versorgung wichtig – nicht das Nichttragen. Die von Holy Shit entwickelten Alltagsmasken sind nicht nur biologisch abbaubar, sie gehen noch einen Schritt weiter: Sie entsprechen dem Cradle-to-Cradle-Prinzip, übersetzt „von der Wiege zur Wiege”. Das Prinzip wurde Ende der neunziger Jahre von dem Umweltchemiker Prof. Dr. Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough begründet. Ihre Grundlage ist ein Produktdesign, bei dem Abrieb- und Verschleißprodukte und solche, die in biologische Systeme gelangen können, der Natur als Nährstoff zurückgeführt werden. So sollen technische Nährstoffe immer wieder verwendet werden können. Auch das Produkt Viva Mask sollte nach diesem Prinzip designt werden. „Cradle-to-Cradle definiert schon vorher, was drin ist. In der Kreislaufwirtschaft bleibt Müll einfach Müll”, so Victor, bei Cradle-to-Cradle blieben hingegen am Ende Nährstoffe für die Natur. Durch Professor Braungart, seine Erfahrung, finanzielle Unterstützung und guten Kontakte nahm das Projekt Viva Mask schnell an Fahrt auf – in einer Zeit, in der auch an der Universität weitgehend auf Präsenzveranstaltungen verzichtet wird. Bei ihrer Entwicklung griffen Lea Lensky und Victor Büchner auf eine Lis-te von rund 11.000 Materialien zurück, die für -Cr-adle-to-Cradle zertifiziert sind. Dafür mussten zunächst die Funktionen festgelegt und dann Materialien ausgewählt werden, wozu sie sich Stoffproben zuschicken ließen. „Ein halbes Jahr lang haben wir uns digital über Zoom getroffen, wir übernahmen die Materialseite”, erklärt Lea. Für den wissenschaftlichen Hintergrund stand Holy Shit in engem Kontakt mit Studierenden der Leuphana. Für die Textilherstellung ist das Schweizer Unternehmen Climatex AG zuständig, den Vertrieb übernimmt Viotrade.

Hauptmaterial Zellstoff

„Die Viva Mask war unser erstes Produkt überhaupt, wir wussten nicht, wie lange so eine Entwicklung dauert”, erklärt Lea. Nach fünf bis sechs Monaten stand das Produkt. „Viele Leute sind da mit großen Ambitionen rangegangen. Wir arbeiten glücklicherweise mit erfahrenen Unternehmen zusammen”, so Victor. „Und wir sind in der glücklichen Lage, dass Professor Braungart viele Kontakte hat.” Für ihre Viva Mask wählten Lea und Victor als Hauptmaterial einen Zellstoff aus Buchen- oder Eukalyptus-Holz. Dabei handelt es sich um schnell nachwachsende Rohstoffe aus FSC-zertifizierten Plantagen. Ihr Anbau benötigt nach eigenen Angaben etwa sechsmal weniger Ackerfläche als Baumwolle. Chemische Düngemittel oder genetische Manipulationen kommen nicht zum Einsatz. Die elastischen Ohrenbänder der Maske sind aus biologisch abbaubarem Elasthan. Nach ihrem Gebrauch könne die Viva Mask ohne Bedenken in biologische Systeme oder die Umwelt abgegeben werden, versichern die Hersteller – hier diene sie der Natur als Nährstoff. Masken von Viva Mask, die in drei Größen erhältlich sind, sind in der Anschaffung teurer als Einwegmasken, aber nicht teurer im Vergleich zu Mehrwegmasken. „Nach achtmal waschen ist man günstiger dabei”, erklärt Victor. Ihre Maske kann bis zu 50 Mal gewaschen werden, und das bei bis zu 95 Grad. Um auf die Tragepflicht von FFP2-, FFP3- oder OP-Masken zu reagieren, entwickelten die Studierenden zusätzlich einen Filter, der in die Maske geschoben wird. Der zu 99 Prozent biologisch abbaubare Zellulose-Filter hat bereits eine FFP3-Zertifizierung erhalten, während die Zertifizierung von Maske und Filter zusammen noch aussteht und bald erwartet wird. Seit ihrem Verkaufsstart im Oktober 2020 wurden rund 10.000 Viva Masks verkauft. Die Produktion erfolgt an Stätten in Deutschland, der Schweiz und Polen.

Beispielprodukt für Cradle-to-Cradle

Was den Stoff angeht, verspricht die Viva Mask nur gute Eigenschaften: Der antibakterielle, superweiche Stoff beuge Ausschlägen und Hautreizungen vor, sei hypoallergen, absorbiere 50 Prozent mehr Feuchtigkeit als Baumwolle und passe sich den Temperaturen an, so die Produktbeschreibung. Der Körper nehme durch den speziellen Mund-Nasen-Schutz kein Mikroplastik auf, die Maske enthalte nur biologische, hautverträgliche Materialien und einen vollkommen chlorfreien Fasertyp. Die Viva Mask ist für die Gründer und Geschäftsführer von Holy Shit erst der Anfang. „Die Maske soll ein Beispielprodukt sein, wie man es machen soll”, so Lea. Weitere Produkte nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip seien in Planung, aber noch geheim. „Im Grunde kann man jedes Produkt nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip herstellen”, ist Victor überzeugt. Während die beiden Studierenden maßgeblich an der Entwicklung der innovativen Masken beteiligt waren, zielt ihr Unternehmen Holy Shit künftig auf die wissenschaftliche Beratung ab, als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Finanzieller Gewinn spiele bei ihrer Firma keine Rolle. „Das ist eine Leidenschaft, eine Überzeugung”, so Victor, „da verdient eigentlich keiner was dran.” Auch wenn die beiden Studierenden ihren Mas-terabschluss vor Augen haben und vielleicht sogar Lüneburg verlassen wollen, soll Holy Shit ein Lüneburger Unternehmen bleiben. (JVE)

 

Impfzentrum statt Kreishaus

Mirko Dannenfeld leitet das Lüneburger Corona-Impfzentrum

Das hätte sich Mirko Dannenfeld in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt, dass sein Beamtendasein einmal so aufregend werden würde: Der 50-jährige Leiter des Fachdienstes Ordnung des Landkreises Lüneburg leitet das im Januar eröffnete Corona-Impfzentrum Lüneburg. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist Mirko Dannenfeld ganz nah dran am Geschehen. Schon im Frühjahr 2020 mussten er und seine Mitarbeiter sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man das Klinikum Lüneburg entlasten könne, wenn es durch die Versorgung von Corona-Patienten an seine Belastungsgrenze stoßen würde. Ein Hilfskrankenhaus wurde geplant, doch es musste zum Glück nicht zum Einsatz kommen. Mitte November erhielt der Landkreis Lüneburg schließlich vom Land Niedersachsen den Auftrag, ein Corona-Impfzentrum aufzubauen. So mussten Mirko Dannenfeld und sein Team aus zehn bis 15 Mitarbeitern tätig werden. „Wir mussten ein geeignetes Objekt finden, den Ausbau organisieren und Material beschaffen”, so Dannenfeld. Es gab ein Rahmenkonzept des Landes, die Durchführung sollte von den Räumlichkeiten abhängen. Bei der Standortsuche gaben die Gemeinden des Landkreises Rückmeldung über bestehende Räumlichkeiten – diese sollten eine gewisse Größe sowie eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr haben, Parkmöglichkeiten bieten und barrierefrei sein. Auch Makler der Region wurden angefragt.

Standort ist ein Glücksgriff

Die Suche nach einem geeigneten Standort für das Impfzentrum beschäftigte Mirko Dannenfeld etwa drei Wochen. „Ich bin selbst unterwegs gewesen und habe mir viele Objekte angeguckt, oft alleine“, erzählt der 50-Jährige. Kreiseigene Schulsporthallen und Veranstaltungsorte der Stadt schlossen er und sein Team sofort aus. Da keiner vorhersehen kann, wie lange das Impfzentrum gebraucht wird, wollte man die Räume nicht über Monate blockieren, so Dannenfeld. Nach einer Woche kristallisierte sich ein Standort in Adendorf heraus, doch der Besitzer sagte nach reiflicher Überlegung wieder ab. Schließlich bot das Unternehmen Deerberg von selbst eine Halle an der Zeppelinstraße als Standort für das Impfzentrum an. „Das war ein Glücksgriff. In Lüneburg sind Gewerbeflächen sehr gefragt, die Suche war nicht so einfach”, erklärt Dannenfeld. Mit der Einrichtung des Lüneburger Impfzentrums wurden die Katastrophenschutzbehörden betraut. Weihnachten war der Rohbau fertig. „Wir hätten theoretisch am 23. Dezember in Betrieb gehen können”, erklärt Dannenfeld, „aber mir war von vornherein klar, dass der Plan des Landes sehr ambitioniert war, noch im Dezember mit dem Impfen anzufangen.” Schon frühzeitig habe sich herumgesprochen, dass der Schwerpunkt zunächst auf den mobilen Teams liegen würde, die die Bewohner von Altenpflegeheimen impfen sollten. Dennoch luden Mirko Dannenfeld und sein Team noch drei Tage vor Weihnachten 75 Personen zu Auswahlgesprächen ein und wählten 15 Mitarbeiter für das Impfzentrum aus. „Wir sind von Initiativbewerbungen überrannt worden”, so der Leiter. Obwohl noch keine Impfungen vor Ort durchgeführt werden konnten, nahm das Impfzentrum an der Zeppelinstraße am 5. Januar seinen Betrieb auf. Hier arbeiten vier Personengruppen: Ärzte, Verwaltungshelfer mit entsprechender Ausbildung, Unterstützungskräfte, die die Besucher vor Ort an die Hand nehmen, und Impfbefähigte aus dem medizinischen Bereich. Alle Mitarbeiter standen hier ab Januar in den Startlöchern, doch zunächst konnten nur die vier mobilen Teams aktiv werden, die von Mitarbeitern der Hilfsorganisationen unterstützt werden. Ab der ersten Januarwoche und bis zum 9. Februar erhielten alle Bewohner der Lüneburger Altenpflegeheime und Einrichtungen der Tagespflege, die eine Corona-Impfung wünschten, ihre erste Impfdosis. Auch Mirko Dannenfeld begleitete zu Anfang ein mobiles Team, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Noch bis Anfang März sind die mobilen Teams in der Stadt für die zweite Impfung in den Einrichtungen unterwegs.

Bis zu fünf Impflinien

Im Lüneburger Impfzentrum kann mit bis zu fünf Impflinien gleichzeitig gearbeitet werden, in diesem Fall müssen auch fünf Ärzte vor Ort sein. „Wir haben sehr viele niedergelassene Ärzte, auch aus anderen Landkreisen und Bundesländern. Auch Ärzte im Ruhestand sind tageweise dabei. So sind wir in der Lage, ein relativ breites Zeitfenster abzudecken”, erklärt Mirko Dannenfeld. Doch ausgelastet ist das Zentrum aufgrund der knappen Impfstoffversorgung noch nicht. Anfang Februar startete der Betrieb in Lüneburg mit zwei Impflinien, je nach Impfstofflieferung an fünf bis sechs Tagen die Woche. Bis zum 17. Februar wurden im Landkreis Lüneburg insgesamt 8.700 Impfungen durchgeführt, davon knapp 3.000 Zweitimpfungen. Momentan sind rund 1.100 Impfungen pro Woche im Lüneburger Impfzentrum möglich. „Sehr wahrscheinlich Ende März sollen alle Personen der Prioritätsgruppe 1 ihre erste Impfung erhalten haben”, so Mirko Dannenfeld. Der Leiter des Impfzentrums und sein Stellvertreter Joschka Schiller haben ein Büro im Impfzentrum, sind aber nicht fest in die Abläufe mit eingebunden. Sie sind permanent vor Ort und springen dort ein, wo Not am Mann ist und Fragen geklärt werden müssen. Die verbindliche Planung der Impftermine ist von den Ankündigungen der Impfstofflieferungen durch das Land Niedersachsen abhängig. „Das Terminportal braucht auch einen zeitlichen Vorlauf, da viele Personen ihre Terminbestätigung per Post erhalten wollen”, fügt Dannenfeld hinzu. Dass noch nicht alle möglichen Termine vergeben

seien, habe technische Gründe, so der Leiter. „Die Terminvergabe ist telefonisch oder über das Internet möglich. Sie sollen zu zwei Dritteln telefonisch und zu einem Drittel online vergeben werden. Die Onlinebuchungen sind stark nachgefragt. Bei der telefonischen Terminvergabe geht der Weg über die Hotline. Es tritt immer wieder auf, dass diese überlaufen ist.” Es bestehe auch die Möglichkeit, sich auf eine Warteliste setzen zu lassen. Mirko Dannenfeld ist federführend an der Terminplanung für das Lüneburger Zentrum beteiligt. „Der Ansturm ist groß, das merken wir auch durch direkte Anfragen. Einige Leute hängen seit Tagen in der Warteschleife.“ Doch die Rückstände in der Abarbeitung würden sich legen, versichert er. Zuletzt hatte auch der heftige Wintereinbruch zu Lieferverzögerungen geführt, so dass Impfungen verschoben werden mussten.

Personal ist geimpft

Der Impfstoff, der bisher aus den Niederlanden nach Lüneburg geliefert wurde, stammt von dem Hersteller Biontech und muss bei -70° C gelagert werden. In Lüneburg liegt er fünf Tage auf Trockeneis und kann weitere fünf Tage im Kühlschrank aufbewahrt werden – nach zehn Tagen muss er verbraucht sein. Auch der Leiter des Impfzentrums hat schon zwei Corona-Impfungen erhalten. „Das Personal des Impfzentrums und die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen aus den mobilen Teams gehören zur Prioritätengruppe 1”, erklärt der 50-Jährige. Während bei ihm die erste Impfung ohne jede Impfreaktion verlief, hatte er nach der zweiten Impfung leicht erhöhte Temperatur und Schüttelfrost. „Das war eine typische Reaktion”, meint Dannenfeld. „Das ist völlig unproblematisch, es waren typische Begleiterscheinungen.” Sich impfen zu lassen, stand für den Beamten außer Frage. „Ich hatte gar keine Vorbehalte und Bedenken, ich habe mich auch viel informiert”, sagt er. Die Stimmung im Lüneburger Corona-Impfzentrum nimmt Mirko Dannenfeld als angenehm wahr. „Die Mitarbeiter sind in allen Bereichen sehr motiviert. Anstrengend war, dass sie nicht gleich impfen konnten, so hatte auch das Verwaltungspersonal eine Durststrecke. Aber alle haben dann bei der Vor- und Nachbereitung der Impfungen in den Altenheimen mitgeholfen, und die mobilen Impfungen konnten in Ruhe durchgeführt werden.” Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, sei unter den älteren Menschen höher als bei den jüngeren, so Dannenfelds Eindruck: „Die ältere Bevölkerung ist viel aufgeschlossener, mit den Älteren hat man keine Diskussionen, auch wenn sie in den ärztlichen Gesprächen viele Nachfragen stellen.” Trotzdem sei es in wenigen Fällen vorgekommen, dass ein Bewohner eines Altenpflegeheims am Impftag einen Rückzieher gemacht habe.

Anfangs viele Impftouristen

Der so genannte „Impftourismus” war auch in Lüneburg zu Beginn ein Problem. Da Lüneburg eines der wenigen Impfzentren mit zu vergebenden Terminen in Niedersachsen war, holten sich Menschen aus anderen Landkreisen und sogar Peine oder Gifhorn Termine in der Hansestadt. „40 bis 50 Prozent der ersten Besucher waren nicht aus dem Landkreis Lüneburg”, weiß der Leiter, „das hat zu deutlichem Unmut geführt. In der Anfangsphase war das eine skurrile Situation aus Sicht der Lüneburger Bevölkerung.” Doch dem sei nun ein Riegel vorgeschoben worden, so dass Terminbuchungen nur noch für Einwohner aus dem Landkreis Lüneburg möglich seien. Als Ordnungsamtsleiter des Landkreises die Leitung des Corona-Impfzentrums übertragen bekommen zu haben, ist für Mirko Dannenfeld etwas Besonderes: „Das ist natürlich eine aufregende Geschichte, die wird man nur einmal im Leben machen.” Es mache Spaß, sich frei entfalten zu können, denn abgesehen von einigen Konzepten des Landes gebe es kaum Vorgaben. „Trotzdem ist es mir persönlich wichtig, wirtschaftlich zu handeln”, ergänzt er. Zunächst ist der Betrieb des Impfzentrums Lüneburg bis zum 30. Juni 2021 geplant – mit Option auf Verlängerung um weitere sechs Monate. „Wir gehen von einer Verlängerung aus. Wir werden gar nicht in der Lage sein, bis dahin alle geimpft zu haben”, meint Dannenfeld. Nachjustieren ist auch im Lüneburger Impfzentrum immer mal wieder angesagt. Schlangen von Wartenden sollen verkürzt werden, die Besucher werden inzwischen einzeln aufgerufen und persönlich in ihren Impfraum gebracht, wofür ein Ticketsys-tem eingeführt wurde. Auch drei Rollstühle wurden für weniger mobile Besucher angeschafft. „Das sind so Kleinigkeiten, die sich immer mal wieder zeigen. Aber der Ablauf steht”, bestätigt Dannenfeld. (JVE)

Kunst für die Seele

Benjamin Albrecht baut historische Lüneburger Häuser aus Lego nach

Benjamin Albrecht ist ein „Adult Fan of Lego” – ein erwachsener Lego-Fan. Nachdem der Lüneburger in seiner Kindheit viel mit den kleinen Kult-Steinchen gebaut hatte, hat er im Erwachsenenalter wieder damit angefangen. Nun baut er historische Lüneburger Häuser nach. Benjamin Albrecht ist freiberuflicher Webdesigner und Musiker. Da seine Arbeit als Musiker seit Beginn der Corona-Pandemie praktisch brachliegt, hat er eine anregende Beschäftigung gefunden. Der 42-Jährige entwirft historische Lüneburger Bauwerke am Computer, bevor er sie aus Lego in einem Maßstab von ungefähr 1:43 nachbaut. Das erfordert nicht nur Geduld, sondern oft auch Kreativität, denn Lego ist nicht für den Bau historischer Gebäude gemacht. Sein neues Hobby hat er seinen Eltern zu verdanken. Vor etwa sieben Jahren wollten sie seine Lego-Bestände aus der Kindheit loswerden und gaben sie an ihren Sohn weiter. „Es waren ein paar Kisten bunt gemischte Steine vom Flohmarkt”, so Benjamin, der die Steine zunächst bei sich aufbewahrte. „Ich habe mich gefragt, was soll ich mit dem Kram?” erinnert er sich. Der Webdesigner, der alleine in der Lüneburger Altstadt lebt, hat in seiner Wohnung nicht viel Platz. Als er eines Tages am Stint am Alten Kran vorbeikam, kam ihm plötzlich die Idee, das historische Bauwerk aus Lego-Steinen nachzubauen.

Nicht drauflos bauen

Doch der Lego-Fan baute nicht einfach drauflos. Mit einem spezialisierten 3D-Programm entwarf er das Bauwerk zunächst am Rechner. „Die Denkweise des Programms ist mir als Webdesigner nicht fremd”, erklärt er. Dennoch handelt es sich nicht um eine Arbeit von Stunden, sondern von Wochen, bis der fertige Bauplan steht und das Gebäude aus Lego wirklich nachgebaut werden kann. Der Alte Kran und das historische Gebäude, in dem er lebt, waren Benjamins erste nachgebaute Bauwerke aus Lego. „Irgendwann nahm es von alleine Fahrt auf. Ich war sehr begeistert und nervte meine ganze Umgebung damit”, erinnert sich der 42-Jährige. Seitdem entwarf er zahlreiche Lüneburger Gebäude am Rechner und baute einige Modelle auch mit Lego nach. Zwar sieht er seinen Lego-Modellbau noch als Hobby, doch er spürt, dass das Interesse von außen groß ist. So hat er auch schon erste Aufträge zum Nachbau bestimmter Lüneburger Gebäude erhalten und könnte sich mehr Aufträge dieser Art vorstellen. Die erwünschte Selbstisolation während des Corona-Lockdowns stellt für Benjamin durch sein Hobby kein Problem dar. „Ich setze mich freiwillig hin und kann mich stundenlang darin vergessen”, sagt er. „Im Lockdown zu Hause zu sitzen stört mich nicht.” Ein paar Tausend Legosteine hat er zu Hause, doch die meisten Steine muss er in der ganzen Welt in kleinen Mengen zusammensuchen und bestellen – die Community erwachsener Legofans nutzt dafür ein Portal für Legosteine. „Ich kaufe steingenau ein”, so der Modellbauer, „zum Beispiel 728 weiße Einer und drei Schwimmflossen – dazu muss ich das genaue Modell haben.” Die Lego-Schwimmflossen funktioniert er genauso wie Rollschuhe, Schuhe, Hüte, Draculaflügel, Auto- oder Raumschiffteile um zu Gebäude- oder Dachteilen, denn nicht alles gibt es aus Lego – zum Beispiel Treppengiebel oder Ornamente. Auch die Preise der einzelnen Teile unterscheiden sich erheblich – so sind zum Beispiel dunkelrote Steine, die er für den Bau von Backsteingebäuden in großen Mengen benötigt, bis zu zehnmal teurer als die typischen knallroten Legosteine. Hinzu kommt, dass durch die Pandemie der Versand von Paketen und Päckchen länger dauert. „Ich bestelle aus aller Welt, das ist viel komplizierter geworden mit Corona”, so Benjamin. Der Einkauf für ein einzelnes Gebäude muss gut geplant werden. Während er ein Haus am Computer entwirft, erzeugt er praktisch eine Bauanleitung, die ihm vorgibt, wie viele Steine er von welcher Sorte braucht. „Der Einkauf dauert einen ganzen Arbeitstag”, erläutert er, „ich brauche ganz viele verschiedene Steinsorten, das sind mehrere Tausend Steine pro Haus.”

Vokabular an Steinen

In der Regel dauert es mehrere Wochen, bis alle Legosteine bei dem Modellbauer eintreffen. Das Entwerfen am Rechner ist die Hauptarbeit – auch wenn das Interesse des Umfeldes an den real gebauten Modellen höher ist. „Die digitale Planung ist für mich 85 Prozent der Arbeit.” Wenn es an den Aufbau geht, sortiert er die Steine in kleinen Schälchen, damit er nicht lange suchen muss. Beim Aufbau fängt er, so profan es klingt, von unten an. Gute Vorarbeit ist dabei wichtig: „Wenn man ordentlich geplant hat, geht das mit dem Aufbau.” Fertig aus Lego gebaut hat Benjamin Albrecht bisher dreieinhalb Lüneburger Gebäude, zum Beispiel ein Zigarrenladentrio An den Brodbänken. „Ein viertes Haus ist komplett in der Post”, fügt er hinzu. Für eine multimediale Ausstellung im Museum Lüneburg in der zweiten Jahreshälfte baut er fleißig weiter, denn etwa elf Lüneburger Lego-Modelle von ihm sollen dann Teil der Ausstellung sein. Dass das Museum ihn nach einer Beteiligung an der Ausstellung fragte, begeistert ihn – zumal für ihn zurzeit Jobs als Musiker und Theatermusiker wegfallen.

Benjamin Albrecht hat zahlreiche Entwürfe für weitere Lüneburg-Modelle auf seinem Computer. „Ich kann nicht verneinen, dass es mein Traum wäre, eine permanente Lüneburg-Ausstellung mit meinen Lego-Modellen zu machen”, stellt er fest. So wären Modelle der bedeutenden Plätze Am Sande, Marktplatz und Stint bereits am Wachsen. „Ich sitze fast jeden Tag am Rechner. Dabei will ich selbst die Herausforderung und suche schwere Häuser raus.” Was die verschiedenen existierenden Steine und Teile angeht, ist Benjamin inzwischen Experte. „Irgendwann hat man eine Art Vokabular an Steinen.” Und er lernt weiter dazu: Er beobachtet genau, was Lego an neuen Steinarten und Farben herausbringt, denn er könnte sie vielleicht gebrauchen.

Erwachsene Fanszene

In seiner Heimatstadt Lüneburg ist Benjamin immer auf der Suche nach interessanten Bauwerken. Bei Spaziergängen durch die Straßen macht er Fotos und vermisst die Gebäude mit einem Lasermessgerät, um relativ genaue Maßstäbe zu haben. Es gab schon Gelegenheiten, wo er in Anwesenheit anderer Menschen so tat, als würde er in der Stadt Pokemons jagen – mit Lasermessgerät aufzufallen, ist ihm unangenehm. Auch in die Community der „Adult Fans of Lego”, kurz AFOL, ist er inzwischen eingetaucht, obwohl pandemiebedingt noch keine persönlichen Treffen möglich waren. Hatte er zunächst Vorbehalte, in eine Welt voller „Nerds” einzutreten, ist er positiv überrascht von der Gemeinschaft. „Es ist eine sehr friedliche Szene – Leute, die wie ich beruflich etwas Anderes machen, zum Beispiel Produktdesign-Studenten. Die Szene ist weder eitel, noch gibt es Ellenbogen, man ist sehr höflich – das ist eine Wohltat. Man kann viel voneinander lernen”, meint Benjamin. Erwachsene Fans, die Gebäude bauen, gibt es weltweit zahlreich, doch nicht alle sind so detailverliebt wie er. „Bei mir soll es nicht so aussehen wie bei Minecraft, so pixelig”, betont er. Er hat durch die Community den Unterschied zwischen „legal” und „illegal bauen” gelernt: Das Gebaute muss am Ende von selbst halten, es muss frei stehen, und kleben ist ein No-Go. Benjamin nennt seine Lego-Modelle „Kunstruktionen”. Für ihn ist das Hobby eine Mischung aus Konstruktion und Kunst, Ästhetik und Physik. Seine Fähigkeiten in einer der angesagten TV-Shows unter Beweis zu stellen, ist hingegen nichts für ihn. Eine Anfrage nach der Teilnahme bei den Lego Masters in den USA sagte er ab. Die Vermutung, dass die Öffentlichkeit ihn bestimmt für einen Nerd halte, lässt der 42-jährige Legobauer hin und wieder fallen. Dabei hat er in seinem direkten Umfeld bisher andere Erfahrungen gemacht. „Meine Freunde wundern sich nicht mehr, ich hatte immer unnormale Jobs”, erzählt er. „Ich habe bei Struwwelpeter im Theater Musik gemacht, habe Straßenmusik mit Felix Meyer gemacht und bei Santiano Keyboard gespielt.” Auch seine Eltern, die immer still auf seine neuesten Ideen reagiert hätten, seien begeistert von seinem Lego-Modellbau. Zudem ist seine Wohnung nicht auffallend mit Lego überfrachtet – ins Auge sticht nur eine Sammlung alter Legomännchen.

Detailtreue zählt

Bisher baut Benjamin ausschließlich Unikate. „Auch bei ganz teuren Teilen habe ich keine Scheu, sie zu bestellen”, sagt er, denn er achte nicht auf den Preis, sondern auf Ästhetik. Seine Modelle für die Massen herzustellen, wäre viel zu teuer. Für sich selbst probierte er bereits, ein Modell in eine erschwingliche Variante umzuplanen. „Aber dann hebt es sich nicht mehr ab”, so seine Erkenntnis. Benjamin weiß, dass es eine Stadtbaureihe von Lego gibt, doch die Modelle sind kleiner und weniger aufwendig. Seine Modelle sind an die „Körpergröße” der Legomännchen angepasst, so dass die Figuren in den Häusern wohnen könnten. Dieser Maßstab stellt ihn bei Bauwerken wie dem Lüneburger Wasserturm oder einer der Kirchen vor große Herausforderungen. Die für ihn nahe gelegene St. Michaeliskirche, die bereits Interesse signalisierte, hätte im Lego-Modell eine Größe von etwa 1,80 Meter. Mit dem Bau des Turmhelms hat er bereits begonnen – wegen der besonderen Form. Theoretisch könnte er jedes Gebäude nachbauen, „auch eine Neubaufassade ist cool”, meint er. Diese sei jedoch auch nicht zu unterschätzen: „Der simpelste Neubau hat auch ganz viele Schnörkel.” Was für ihn zählt, ist die Detailtreue, er möchte ein Gebäude auf Anhieb erkennen können. „Ich beiße mich so lange fest, bis ich zufrieden bin.” Inzwischen hat Benjamin Albrecht die Not zur Tugend gemacht und investiert viel Zeit in seinen Modellbau – unter Zeitdruck steht er nicht. „Es ist nicht mehr nur eine Sonntagsabends-Beschäftigung”, erklärt er, „ich nenne es Kunst für die Seele. Das Schöne an dieser Kunst ist, dass sie ein wenig obskurer ist.” Auch ein Kalender mit seinen 3D-Modellen sowie Poster können unter www.albrick.de bestellt werden. (JVE)

Wildblumen statt Kartoffen

Landwirt Johannes Hornbostel und seine Frau Hannah Jelka suchen Blühpaten

Der Rehlinger Landwirt Johannes Hornbostel baut gewöhnlich Kartoffeln, Zuckerrüben, Raps und Getreide an. Seit Jahren legt er außerdem kleine Blühflächen an, weil er von deren positiver Wirkung auf die Natur überzeugt ist. Bienen und weitere Insekten erhalten durch die Wildblumen Lebensraum zurück, ihre Bestände können sich erholen. Nun gehen der 34-Jährige und seine Frau Hannah Jelka einen ungewöhnlichen Weg: Mit einer Crowdfunding-Kampagne auf Startnext suchen sie Unterstützer für groß angelegte Blühflächen. „Stadtlandblüte” heißt das Projekt von Johannes und Hannah Jelka Hornbostel. „Wir wollen Leute aus der Stadt ansprechen, daher kommt der Name”, erklärt Johannes Hornbostel, studierter Agrarwissenschaftler. „Menschen, die sich um die Umwelt kümmern, aber selbst wenig Platz haben und deshalb nicht so viel bewegen können.” Grundsätzlich angesprochen wird jeder, der der Natur Raum zurückgeben und aktiv die Biodiversität fördern möchte. Blühstreifen legt der Landwirt bereits seit Jahren an und erhält dafür auch Fördermittel. „Im größeren Rahmen ist das aber effektiver”, so Hornbostel. Ohne starre Vorgaben könne er freier agieren und habe mehr Handlungsspielraum, könne unterschiedliche Zeiträume und Saatmischungen ausprobieren. „Die Vorgaben sind bürokratisch kontrolliert. Doch manchmal passen die vorgegebenen Zeiträume gar nicht, dann macht das ackerbaulich keinen Sinn.” Schon sein Vater Henning Hornbostel, dessen Hof in Rehlingen Johannes seit fünf Jahren in vierter Generation betreibt, fing vor 15 Jahren mit dem Anlegen von Blühstreifen an. „Aber die Förderung ist gedeckelt, und wir wollten gerne mehr machen”, erklärt der Landwirt. Dass sein Vater schon vor Jahren Blühstreifen anlegte, war keine Pionierarbeit. „Blühstreifen legen sehr viele Landwirte an, es ist aber zu wenig bekannt”, so Johannes Hornbostel. Einen Testballon starteten er und seine Frau 2019 in Betzendorf, wo sie den Anwohnern Blühflächen anboten und mit ihnen realisierten. „Das wurde sehr gut angenommen. Da sind wir auf die Idee gekommen, dass es auch mehr Leute ansprechen könnte”, so Hannah Jelka Hornbostel. Die 35-Jährige, die als Anwältin in Adendorf arbeitet, unterstützt ihren Mann bei seinem Vorhaben, weil sie von der guten Sache überzeugt ist.

Kampagne ist nur der Auftakt

Im Frühjahr und Sommer 2020 trafen die Hornbostels Vorbereitungen für ihr Projekt. „Wir haben ein Stück Land, das wir der Natur zurückgeben wollen”, erklärt Johannes Hornbostel. Insgesamt verfügt der Landwirt über 300 Hektar Land. Hier baut er hauptsächlich Kartoffeln an – was auch weiterhin passieren soll. Zur Ergänzung ihres Betriebs sind die Hornbostels immer offen für neue Ideen. „Im klassischen Ackerbau probieren wir Methoden aus, die auch aus dem Ökolandbau stammen”, so der Landwirt. Um großflächig Blühfächen anlegen zu können, suchen Johannes und Hannah Jelka nun Unterstützer, die so genannte „Blühpatenschaften” übernehmen. Ihr Versprechen: Für 50 Cent aus der Stadt legen sie einen Quadratmeter Wildblumenwiese auf dem Land an und schaffen so Lebensraum für Bienen, Insekten und weitere einheimische Arten. Johannes‘ Schwester Nike, die in Hamburg lebt, brachte ihren Bruder auf die Idee, das Projekt als Crowdfunding-Aktion im Internet zu starten, wo sie unter www.startnext.com/stadtlandbluete zu finden ist. Die Kampagne läuft noch bis zum 31. Dezember 2020, doch danach soll nicht Schluss sein. „Die Kampagne ist nur der Auftakt”, verspricht Johannes Hornbostel. Zurzeit werde eine Homepage erstellt, die Mitte, Ende Januar mit Online-Shop an den Start gehen solle. Unter www.stadtlandbluete.de soll dann ebenfalls die Übernahme von Blühpatenschaften möglich sein. Für ihr Projekt haben sie eine Fläche von insgesamt vier Hektar vorgesehen. Die Blühfläche soll auf einer geschlossenen Fläche entstehen. „Einzelne kleine Flicken bilden nicht einen so großen Lebensraum”, weiß der Landwirt, „für unterschiedliche Kolonien ist der ökologische Nutzen von einer großen Fläche größer.”

Im Gespräch mit Naturschützern

Während über Startnext eine Blühpatenschaft auf ein Jahr begrenzt ist, sollen grundsätzlich auch längere Zeiträume möglich sein. Bis Mitte Dezember konnten die Hornbostels mit ihrem Crowdfunding-Projekt gut hundert Unterstützer gewinnen, die Summe des gesammelten Geldes lag bei rund 5.600 Euro. Als Cofunding-Partner gibt Krombacher Naturstarter pro gesammeltem Euro 20 Cent dazu. „Das erste Fundingziel waren 5.000 Euro, wir freuen uns, dass wir das erreicht haben”, so Hannah Jelka Hornbostel. „Momentan reicht das Geld für einen Hektar Land, wir würden uns sehr über mehr Unterstützer freuen – je größer, desto besser.” Wäre das erste Ziel von 5.000 Euro über Startnext nicht erreicht worden, hätte es keine Ausschüttung des Geldes gegeben und die Unterstützer hätten nicht zahlen müssen. „Wir machen das zum ersten Mal, es war viel Nervenkitzel dabei”, meint sie. Unter den Unterstützern hat Johannes Hornbostel auch schon lokale Prominenz ausmachen können, wie zum Beispiel Felix Petersen, den Vorsitzenden des CDU-Kreisverbandes Lüneburg oder die grüne Bundestagsabgeordnete Dr. Julia Verlinden. Mit von der Partie sind auch Henry Schwier, Diakon des Kirchenkreises Lüneburg, Christine Horn vom NABU und Eckhard Winkelmann, Gründer der Genossenschaft Bürger-Windpark Amelinghausen. Nun erhofft sich Johannes Hornbostel konkrete Unterstützung von Initiativen und Vereinen, auch eine Partnerschaft wäre für ihn denkbar. So möchte er das Projekt gerne vom NABU begleiten lassen und ist in Gesprächen mit „klassischen” Naturschützern. „Es ist nicht immer leicht, Landwirtschaft und Naturschutz zu verbinden”, weiß der Rehlinger, „aber wir wollen den Dialog aufnehmen.” – „…weil wir glauben, dass sich alles verbinden lässt”, ergänzt seine Frau, die erfreut ist über das positive Feedback und den Zuspruch von allen Seiten. Wer nicht nur finanziell die Anlage der Blühflächen unterstützen will, kann bei Startnext für 150 Euro auch einen „Blütenspaziergang” buchen. Bisher haben drei Unterstützer diese Möglichkeit gewählt, mit Johannes und Hannah Jelka Hornbostel persönlich die Flächen zu besuchen und wichtige Informationen darüber zu erhalten. Massenbesichtigungen durch die Blühpaten sind hingegen nicht geplant. „Das ist ein zweischneidiges Schwert”, so Johannes Hornbostel, „die Horden sollen die Flächen natürlich nicht kaputt trampeln…Aber ich habe da keine Bedenken, jeder hat das Recht, sich das anzugucken.” Zusätzlich plant er, alle Fortschritte zu filmen und zu fotografieren und diese auf seiner neuen Homepage zu veröffentlichen.

Umweltschutz Hand in Hand

Für Hannah Jelka Hornbostel, die ihren Mann schon zur Schulzeit auf dem Lüneburger Johanneum kennenlernte, ist Stadtlandblüte ein Herzensprojekt. Im Lüneburger Stadtgebiet aufgewachsen, hatte sie kaum Berührungspunkte mit der Landwirtschaft. Nun, da sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf dem Land lebt, möchte sie etwas für die Umwelt tun. „Wir haben immer wieder überlegt, wie unser Weg ist”, erzählt die 35-Jährige. „Vielen brennt das Thema unter den Nägeln, sie haben aber nicht den Raum und die Zeit. Wir zeigen, wir sind hier, wir haben das Know-how und die Fläche. Umweltschutz können wir nur Hand in Hand machen.” Bevor das erste Geld aus Stadtlandblüte geflossen ist, hat Johannes Hornbostel bereits im Herbst das erste Saatgut ausgesät und hofft auf erste Blüten im März und April. Der Großteil soll dann von März bis Mai ausgesät werden. Das gesammelte Geld fließt in das Saatgut, Technik, Arbeitserledigung sowie die mediale Begleitung und die Homepage – und dient als Ausgleich für den Wertverlust der Fläche, die jahrelang nicht mehr klassisch beackert werden wird. „Die Fläche verliert an Wert, das muss mit eingerechnet werden. Es soll ja keine Eintagsbiene werden”, so der Landwirt. „Wir sind vom Nutzen für die Umwelt überzeugt”, fügt seine Frau hinzu. (JVE)

„Ich bin wieder die Alte”

Carola Kasten aus Radbruch trägt ein Hörimplantat

Musik spielte immer eine große Rolle in Carola Kastens Leben. Ihr Mann war neben dem Beruf begeisterter Musiker, sie besuchten zusammen gerne Konzerte und hatten eine große Plattensammlung. Doch schon mit 50 Jahren bemerkte die Radbrucherin, dass ihr Gehör nachlässt. Schleichend geriet sie in die Isolation. Erst 20 Jahre später wagte sie den großen Schritt: Sie ließ sich ein Cochlea-Implantat einsetzen. Es begann mit Kleinigkeiten, die sie nicht mehr hören konnte. Die heute 73-Jährige erinnert sich noch gut, wie erstaunt ihr Mann war, als sie das Miauen ihres Katers an der Terrassentür nicht mehr wahrnahm. Das ist schon mehr als 20 Jahre her. Der HNO-Arzt schickte sie zum Akustiker, Hörgeräte sollten Abhilfe schaffen. Doch mit ihnen freundete sie sich nie richtig an, auch wenn sie anfangs mit ihnen zurechtkam. „Ich habe erst nur ein Hörgerät bekommen, später ein zweites”, erzählt sie. „Nach einer gewissen Zeit habe ich das Linke ganz weggelassen und mindestens fünf Jahre nur rechts ein Hörgerät getragen.” Ihr schien, als könne ihr bei ihrem linken Ohr nichts mehr helfen. Auch an Carola Kastens Familie gingen ihre Hörprobleme nicht vorbei. Ihr Sohn und ihre Tochter, heute 47 und 45 Jahre alt, drängten auf Abhilfe. Ein Freund ihres Sohnes brachte die Lösung als erstes in die Familie: ein Cochlea-Implantat. Der Freund, der bei einem Hörimplantate-Hersteller arbeitete, gab ihr Infomaterial, doch das ließ Carola Kasten lange liegen. Das war bereits 2005. 

Elektrische Impulse ans Gehirn

Wie funktioniert ein Cochlea-Implantat? Die medizinischen Geräte sind für Menschen mit schwerer bis hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit gedacht. Bei dieser Art von Hörverlust sind die Haarzellen im Innenohr beschädigt und können Schallinformationen nicht richtig verarbeiten und weiterleiten. Ein Cochlea-Implantat umgeht die defekten Haarzellen und sendet die Schallinformationen in Form von elektrischen Impulsen an den Hörnerv beziehungsweise das Gehirn, wo sie als Klänge wahrgenommen werden. Ein Cochlea-Implantat(CI)-System besteht aus zwei Hauptkomponenten: dem Audioprozessor und dem Implantat. Der Audioprozessor wird extern getragen. Er nimmt die Schallinformationen auf und sendet sie an das Implantat. Dieses sitzt hinter dem Ohr unter der Haut und verarbeitet die Informationen weiter. Immer wieder brachte ihre Familie das Thema auf, doch Carola Kasten war noch nicht bereit. „Ich sollte nicht mehr so lange warten, damit sich nicht alles noch mehr verschlechtert”, sagt sie, „aber ich habe das Material weggelegt, ich wollte es noch nicht.” Lange habe sie der Gedanke beunruhigt, das Implantat unter die Haut gesetzt zu bekommen, wofür hinter dem Ohr eine Mulde in den Knochen gefräst wird. Immer wieder sagte sie sich, sie könne ja alles noch gut bewältigen. Carola Kasten half sich mit kleinen Tricks, um gut durch den Alltag zu kommen. In größerer Runde, in der sie den Gesprächen akustisch kaum folgen konnte, war ihr Mann ihr Assistent. Filme sah sie im Fernsehen mit Untertiteln, im Kino im Original mit Untertiteln. „Ich habe zwar etwas gehört, es aber nicht verstanden”, sagt sie rückblickend, „es war nicht die Lautstärke, sondern das genaue Verstehen.” Bei ihren regelmäßigen Theaterbesuchen verstand sie schon sehr früh nichts mehr. „Da hätte ich genauso gut zu Hause bleiben können, das hat mich frustriert.” Auch in ihrer Englischgruppe und ihrer Frauenrunde musste sie ständig nachfragen, was allen auffiel. „In meiner Englischgruppe sagten sie, lass Dich operieren, aber ich wollte es nicht hören. Ich war bockig und sagte immer, es ist noch nicht nötig.”  

Man bleibt fast stumm

Die Entscheidung für das Cochlea-Implantat nahm Fahrt auf, als ihr Mann 2015 schwer erkrankte. „Er hat sich große Sorgen gemacht, was ohne ihn aus mir werden soll – zu Recht”, erklärt die 73-Jährige. Die Tatsache, dass sie ohne ihren Mann nicht zurechtkommen würde, war schließlich der Anstoß für sie, weitere Schritte einzuleiten. Bis zu ihrem 60. Lebensjahr hatte sich ihre Schwerhörigkeit stetig verstärkt, seitdem hatte sie große Probleme, an Gesprächen teilzunehmen. „Ich habe nichts mehr mitbekommen, dann zieht man sich schon zurück. Mein Mann hat mir immer geholfen, und ich habe selbst gemerkt, dass ich von ihm sehr abhängig war”, erzählt sie. „Man bleibt fast stumm, wenn man bei Festen nichts versteht.” In einem ihrer Befunde vom HNO-Arzt heißt es „an Taubheit grenzend”. Carola Kasten, die seit 1975 in Radbruch lebt, hat seit mehr als 15 Jahren auch einen Wohnsitz in Potsdam. Über Empfehlungen aus Potsdam geriet sie an einen HNO-Arzt in Rostock, einen Experten auf dem Gebiet der Cochlea-Implantate. Dieser sollte zunächst testen, ob Carola Kasten überhaupt für ein solches implantierbares Hörsystem in Frage kommt. Auch dann hätte sie sich immer noch dagegen entscheiden können. Ein MRT und CT waren erfolgversprechend, die Übernahme durch die Krankenkasse gesichert, so dass der Operation nichts mehr im Wege stand.

 

Im Oktober 2017 ließ sich Carola Kasten in der Rostocker Uniklinik das Cochlea-Implantat am linken Ohr einsetzen. Die OP dauerte nur zwei bis drei Stunden, dann blieb sie noch fünf Tage im Krankenhaus. Doch bis der wirkliche Hörerfolg einsetzte, musste sie sich noch gedulden, denn erst nach vier bis fünf Wochen kann man mit der Erstanpassung beginnen. Hierbei wird der Audioprozessor das erste Mal auf das unter der Haut liegende Implantat gesetzt. Danach wird der Prozessor genau auf die Bedürfnisse und das Hörvermögen des Trägers abgestimmt.

Wieder hören lernen

Dann folgt die so genannte Rehabilitation. „Man muss nach der OP wieder hören lernen”, erklärt Carola Kasten. Bei ihr habe der Prozess etwa anderthalb Jahre gedauert, doch besser hören konnte sie fast sofort nach der Aktivierung. In 20 mal zwei Stunden lernte sie mit einem Sprachtherapeuten durch Übungen, Gesagtes wieder zu verstehen, Konsonanten und Sprüche wiederzugeben. Ihre Reha machte Carola Kasten im Hörtherapiezentrum in Potsdam. „Es ist ganz selten, dass man so eine tolle Reha hat, da habe ich Glück gehabt”, meint sie. „Nach anderthalb Jahren hatte ich fast hundert Prozent Hörverständnis.” Sagte man Cochlea-Implantaten früher nach, dass mit ihnen alles blechern klinge, teilt Carola Kasten diese Erfahrung nicht. „Bekannte Stimmen hören sich für mich nicht anders an, und ich kann zum Beispiel die Nachrichtensprecher an der Stimme erkennen, ohne sie zu sehen.” Es waren die Kleinigkeiten, die sie aufblühen ließen: „Ich konnte die Vögel wieder zwitschern hören.” In ihrer Frauenrunde staunten alle, wie schnell und gut sie alles wieder verstehen konnte. Zwar trägt die 73-Jährige weiterhin rechts ihr Hörgerät, doch nötig wäre dies nicht. „Das Hörgerät macht alle Geräusche nur etwas weicher und runder”, führt sie an. Sie weiß, dass man oft an beiden Ohren Cochlea-Implantate einsetze, doch weil das Ergebnis auf ihrer linken Seite so zufriedenstellend sei, wolle sie es dabei belassen. Auch ihr großes Thema Musik geht Carola Kas-ten immer wieder an. Mit dem Hörimplantat klingt die ihr so vertraute Musik nicht wie früher. „Ich versuche immer, alte Sachen zu hören. John Lennon ist gut, weil da wenig Instrumente dabei sind. Big-Band-Musik geht nicht, da gibt es zu viele Instrumente.” Vor der OP hatte sie sich lange nicht mehr mit Musik beschäftigt – nun will sie nicht aufgeben, auch wenn sich in ihren Ohren einige Töne regelrecht falsch anhören. Mit ihrem Mann konnte sie die Begeisterung für Musik nicht mehr lange teilen, er starb im vergangenen Jahr. Ihre Hörerfolge konnte er jedoch noch miterleben. 

Lebensfreude und Selbstbewusstsein

Mit dem besseren Hörvermögen hat Carola Kas-ten ihre Lebensfreude und ihr Selbstbewusstsein zurückerlangt. Rückblickend sagt sie: „Ich habe mir ein bisschen was vorgemacht, indem ich gesagt habe, ich schaff‘ das schon. Meine Ängste waren wirklich unnötig, aber vielleicht wäre die Technik vor zehn, zwanzig Jahren auch noch nicht so weit gewesen wie jetzt.” Sie ärgert sich nicht, dass sie mit der Operation so lange gewartet hat, „ich musste erstmal so weit kommen.” Durch das Cochlea-Implantat nimmt sie ihre Umwelt inzwischen wieder ganz anders wahr. So empfindet sie den Trecker beim Spaziergang über die Felder als extrem laut – und hört plötzlich die Gänse, die über ihr gen Süden fliegen. Auch Flüstern kann sie verstehen. „Ich bin wieder die Alte”, resümiert sie. „Ich habe das Gefühl, wieder wie früher zu hören.” Auch in großen Gruppen komme sie gut klar, sie müsse sich nur ein bisschen mehr konzentrieren. Um ihre Erfahrungen an andere weiterzugeben, die über ein Implantat nachdenken oder in der Reha-Phase einen Ansprechpartner brauchen, hat Carola Kasten inzwischen eine „Hörpatenschaft” im Auftrag des CI-Herstellers MED-EL übernommen (www.hörpaten.de). Sie betreut die über 65-Jährigen per E-Mail, in seltenen Fällen telefonisch. Das Telefon hält sie übrigens links nicht an ihr Ohr, sondern an den Audioprozessor, denn über ihn nimmt sie die Klänge jetzt wahr. Durch ihre Patenschaft für momentan 20 Personen weiß Carola Kasten, dass ihre guten Hörerfolge nach der OP nicht die Regel sind: „Nicht alle machen so gute Erfahrungen wie ich.” (JVE)

Im Bann der Märchen

Katja Breitling arbeitet als Märchenerzählerin und Märchentherapeutin

Über Märchen gibt es viele Klischees – zum Beispiel, dass sie nur etwas für Kinder sind. Dass dem nicht so ist, weiß die Lüneburger Märchentherapeutin und Märchenerzählerin Katja Breitling aus eigener Erfahrung: „Ich arbeite fast ausschließlich mit Erwachsenen.” Seit 13 Jahren gibt es Katja Breitlings „Märchenwirkstätte” – eine märchenhafte Zahl, die sie gerne dieses Jahr gefeiert hätte, doch Corona machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Seit 13 Jahren ist die gebürtige Kielerin in Lüneburg selbstständig – sie verdient sich mit Märchen ihr Geld. Hatte sie bis vor 17 Jahren noch überhaupt nichts mit Märchen am Hut, wurde sie dann regelrecht „zu ihnen geführt”, wie sie meint. Katja Breitling hat verschiedenste Wege beschritten in ihrem Leben. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Europasekretärin, war danach im Ausland. Sie ließ sich zur PR-Beraterin ausbilden, bevor sie nach Hamburg ging, um Ethnologie zu studieren. Beruflich ging sie in die PR-Branche, war viel im südostasiatischen Raum unterwegs, arbeitete unter anderem in Singapur. Doch Märchen hatten bis dahin keinen besonderen Platz in ihrem Leben.

Der inneren Stimme gefolgt

Anfang der 2000er lebte Katja Breitling im schleswig-holsteinischen Naturpark Aukrug. Auf der Suche nach kulturellen Angeboten in der Umgebung stieß sie auf den Märchenhof Rosenrot, ein privates Institut, das die Ausbildung zum Märchentherapeuten anbietet. „Ich hatte vorher nichts mit Märchen gehabt, ich kannte nur Grimms Märchen und einige Mythen aus dem Ethnologie-Studium”, erinnert sich die 58-Jährige. „Aber plötzlich war da in mir diese klare Stimme: Katja, das wolltest Du schon immer werden.” Diese innere Stimme überraschte sie damals selbst, doch sie folgte der Eingebung: Mit Anfang 40 ließ sie sich zur Märchenerzählerin, Märchenberaterin und Märchentherapeutin ausbilden. „Es ist absolut meine innere Berufung geworden”, so Katja Breitling. Die ungewöhnliche Ausbildung erstreckte sich auf Wochenenden über insgesamt drei Jahre, währenddessen arbeitete sie weiterhin in Hamburg als PR-Beraterin. Als ihr Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste, sah sie dies wieder als Wink des Schicksals und beschloss, sich als Märchentherapeutin selbstständig zu machen. Das Erzählen oder Zuhören von Märchen kennt jeder – doch was ist Märchentherapie? In der Märchentherapie wird davon ausgegangen, dass der Held in einem Märchen innere Prozesse genauso durchläuft, wie sie der Mensch in seinem Leben durchlebt. In der Märchen-Chakra-Therapie, die Katja Breitling gelernt hat, werden aus den sieben Chakren, den Ener-giezentren der hinduistischen Lehre sieben Stufen abgeleitet, die der Held in einem Märchen durchläuft. „Diese Stufen vom Mangel bis zur Fülle, zur Erfüllung, findet man in fast allen Märchen”, erklärt sie. „Wir haben gelernt, ein Märchen nach den sieben Stufen zu erarbeiten.” Die ganze Arbeit in der Märchentherapie läuft über das Gefühl. Wer ein Märchen hört, malt sich im Inneren ein Bild aus, mit dem er seine eigenen emotionalen Erfahrungen verbindet. Diese gilt es bewusst zu machen, zu deuten und in positive Bilder umzuwandeln. So hilft die Therapie, sich mit Hilfe des Märchens seiner selbst bewusster zu werden und neue positive emotionale Erfahrungen zu machen.

Ein Märchen zu jedem Thema

Vor 15 Jahren zog Katja Breitling nach Lüneburg, um sich selbstständig zu machen. „In Lüneburg gingen die Türen sofort auf”, erzählt sie rückblickend. Alsbald wurde ihr durch eine Bekannte ein Stand auf der Lebensfreude-Messe angeboten, wo sie einen Vortrag halten durfte, den sich nur sehr wenige anhörten. Unter den Zuhörern war jedoch jemand aus einer Guttempler-Gemeinschaft in Lüneburg, der sich für ihre Arbeit interessierte. „So bin ich in die Suchtarbeit gekommen”, erklärt die 58-Jährige, die auch bei der Sieb & Meyer Stiftung in Lüneburg Märchenabende und Meditation für Berufstätige anbietet. Inzwischen arbeitet die Märchentherapeutin, die seit zwei Jahren im Kloster Lüne lebt, bundesweit im Auftrag von zahlreichen Suchtverbänden. Hier geht sie zunächst in Selbsthilfegruppen. „Unter meinen Märchenseminaren kann sich natürlich keiner etwas vorstellen. Deshalb erzähle ich in den Gruppen zunächst ein, zwei Märchen und zeige, dass Märchen unsere Lebenswege beschreiben.” Auch wenn nicht jeder sofort Zugang zu Märchen und der Arbeit mit ihnen bekommt, sind die freiwillig angebotenen Märchenseminare bei den Teilnehmern aus den Selbsthilfegruppen sehr gefragt. Wer die Märchenarbeit mit der Therapeutin vertiefen möchte, kann bei ihr auch eine Einzeltherapie machen. Katja Breitling arbeitet viel mit Traumatisierten und Personen mit Suchtthematik oder Depression. In ihren Märchenseminaren wählt sie Märchen und Themen, die zu den Problematiken der Teilnehmer passen, zum Beispiel Loslassen, Urvertrauen, Geborgenheit oder auch Trauerarbeit und Vergebung. „Man kann jedes Thema nehmen – man findet dazu immer passende Märchen”, erklärt sie. Da viele Teilnehmer wiederholt ihre Seminare besuchen, hat sie den Anspruch an sich selbst, immer neue Märchen auszusuchen.

Märchenüben im Klostergarten

Die Vorbereitung für die Märchenseminare ist sehr aufwendig. Zunächst gilt es, aus der schier unendlichen Fülle von Märchen aus aller Welt ein Passendes auszusuchen. Denn sie weiß: Mit Grimms Märchen, die fast jeder kennt, kann sie in ihren Seminaren niemanden hinterm Ofen hervorlocken. „Bei spannenden unbekannten Märchen sind die Leute eher dabei”, so ihre Erfahrung. Während ihrer Auseinandersetzung mit den Märchen lernt sie, diese frei zu erzählen, denn sie liest nicht einfach nur vor. Um ein 15-minütiges Märchen erzählen zu können, hat sie früher einen Monat gelernt, inzwischen braucht sie einige Tage. „Am Anfang habe ich unglaublich viele Märchen gelernt, heute sind es vielleicht noch zehn im Jahr”, sagt sie. „Ich lerne inwendig, nicht auswendig. Ich erarbeite mir das von innen.” Sie hat genau Buch geführt: Rund 170 Märchen hat sie in den vergangenen 13 Jahren gelernt. „Ich könnte adhoc um die 40 Märchen erzählen, einige müsste ich vielleicht kurz auffrischen.” Um die Geschichten zu lernen, geht sie gerne raus, spaziert durch den Klostergarten oder das nahe gelegene Wäldchen, erzählt sich das Märchen immer wieder selbst laut. Während man sie auf dem Klostergelände und in Lüneburg kennt, wird sie dabei in anderer Umgebung schon mal komisch angesehen. Auch wenn Katja Breitling von ihrer Arbeit als Märchen-Seminarleiterin lebt, ist sie den Lüneburgern eher als Märchenerzählerin bekannt. Auf dem Weg zur Märchentherapeutin gehört die Ausbildung als Märchenerzählerin auch dazu. Dabei wollte sie das zunächst gar nicht werden: „Ich wollte nicht Märchenerzählerin werden, sondern Therapeutin. Aber ich habe dann gemerkt, dass mir das sehr viel Spaß macht.” Auf dem Klostergelände bietet sie seit Jahren Märchenführungen an, außerdem gibt sie regelmäßig Friedhofsmärchenführungen in Lüneburg und führt mit den Märchenerzählerinnen Karin Ulex und Edith Eckholt die Lüneburger Märchentagungen durch. Zweimal im Jahr besucht sie außerdem seit Jahren die Grundschule Scharnebeck, um den Kindern Märchen zu erzählen. Auch im Ostpreußischen Landesmuseum bietet sie Veranstaltungen an, erstmalig nun auch einen Märchen-Kinderclub, bei dem die Kinder Märchen selbst erfinden können. Das Erfinden von Märchen überlässt Katja Breitling ansonsten anderen – sie hat sich bisher nur ein einziges für ihre Nichte ausgedacht. Sie bedient sich lieber aus einem reichen Schatz der Weltliteratur, von dem sie einiges zu Hause hat. Die Märchenerzählerin liebt vor allem asiatische und italienische Märchen. Es gibt Märchen, die sie von Anfang an begeisterten, dazu gehören das nordische „König Lindwurm”, „Salz und Zucker” aus Griechenland oder „Der dankbare Baum” aus Japan. Zurzeit beschäftigt sie sich mit dem italienischen Märchen „Der Halbierte”. Privat liest Katja Breitling andere Bücher, viel Fantasy und magische Geschichten, aber auch über spirituelle Themen.

Virtuelles Märchenabenteuer

In Lüneburg sei sie von Anfang an warm aufgenommen worden, meint Katja Breitling. „Lüneburg hat so eine Offenheit. Es war, als ob man offene Türen eingerannt hat.“ Sie merkt, dass sich ihre eigene Begeisterung auf andere überträgt und die Menschen bewegt. Leicht ist das nicht immer: Das Erzählen von Märchen erfordert ein hohes Maß an Konzentration. „Wenn ich ein Märchen erzähle, bin ich im Hier und Jetzt, ich muss absolut in der Präsenz sein und darf nicht an etwas Anderes wie zum Beispiel Bügeln denken.”, so Katja Breitling. Nur wenn sie selbst in den Bildern des Märchens sei und das vermitteln könne, könne sie andere emotional mit auf die Reise nehmen. Die Coronazeit hat auch die Märchenerzählerin und -therapeutin komplett ausgebremst. Monatelang ist die Gruppenarbeit der Suchtverbände ausgefallen, gab es kaum Veranstaltungen in der Stadt. Katja Breitling nutzte die Zeit und zauberte binnen kürzester Zeit ein virtuelles Märchenabenteuer aus dem Hut, das sich über mehrere Wochen erstreckte. Über ihren E-Mailverteiler lud sie zur kostenlosen Teilnahme im Internet ein, stolze 150 Personen aus ganz Deutschland nahmen schließlich teil. Allerdings erforderte das Spiel regelmäßige Rückmeldungen von ihr, was viel Arbeit machte. Die Idee stieß auf so viel Begeisterung, dass bereits Anfragen von Familienbildungsstätten nach weiteren Abenteuern kamen – für den Fall eines erneuten Lockdowns. (JVE)

Verliebt in die Stadt Lüneburg

Anna Böhme bloggt auf dem Instagram-Kanal
„what’s lüneburg”

Mit sozialen Medien kennt sich Anna Böhme aus. Sie sind nicht nur ihr täglich Brot bei ihrem Arbeitgeber in Hamburg. Auch in ihrer Freizeit pflegt die 27-jährige Neu-Lüneburgerin einen öffentlichen Instagram-Kanal. Bei „what’s lüneburg” zeigt sie ihren knapp 6.000 Abonnenten ihre Entdeckungen in und um Lüneburg. Aufgewachsen ist Anna in einem kleinen Dorf in der Region Hannover – auch ein Grund, warum es sie in ihrer freien Zeit regelmäßig aufs Land zieht. Zum Studieren ging sie zunächst nach Hannover, wo sie ihren Bachelor in Medienmanagement machte, hinterher ging es zum Masterstudium in Unternehmenskommunikation nach Stuttgart. Dort verliebte sie sich in ihren jetzigen Mann, mit dem sie erst seit einigen Wochen verheiratet ist. Ihm hat sie ihren neuen Lebensmittelpunkt zu verdanken, denn ihr Mann ist Lüneburger. „Wir wollten nach dem Studium in den Norden zurück und haben zunächst mit Hamburg geliebäugelt. Aber das ist mir zu groß und hektisch”, erzählt die 27-Jährige. Nur zwei-, dreimal war sie in Lüneburg gewesen, bevor sie im November 2018 in die Hansestadt zog. In die Stadt Lüneburg war Anna Böhme von Anfang an schockverliebt. Da sie außer ihrem Freund noch niemanden kannte, ließ sie per Whatsapp ihre Freunde aus Hannover und Stuttgart mit Fotos an der Schönheit Lüneburgs teilhaben. „Wie Urlaubsfotos habe ich Fotos von Türen, Fassaden und Cafés rumgeschickt”, erzählt sie. Nach ein paar Monaten kam ihr die Idee, dass ihre Bilder und Entdeckungen vielleicht nicht nur ihre Freunde, sondern auch andere interessieren könnten. „Da dachte ich mir, mach einfach mal einen Insta-Kanal auf. Ich wollte mich sowieso mal in social media ausprobieren.” Ihre Überlegung: Lüneburg durch die Augen von jemandem zu zeigen, der alles zum ersten Mal sieht.

Erstes Foto vom Stint

Noch gut erinnert sich Anna an das erste Foto, das sie im Februar 2019 auf ihrem Instagram-Kanal „what’s lüneburg” postete: ein Bild vom verlassenen Stint im Winter. „Mein Freund erzählte mir, hier ist es im Sommer total voll – das konnte ich mir zu der Zeit noch gar nicht vorstellen.” Von Anfang an war es ihr wichtig, unterwegs nicht zu viel zu inszenieren und ihre Freizeit nicht von dem Blog bestimmen zu lassen. Die Fotos von ihr lässt sie spontan ihren Freund oder Freunde machen – oder bittet kurz Passanten darum. „Ich will es möglichst so wahrnehmen, wie es ist. Ich gehe los, weil ich auf den Markt will und hinterher einen Kaffee trinken möchte. Dann gucke ich, was mir so über den Weg läuft”, erklärt die Bloggerin. Ihre ersten Follower kannte sie nicht, inzwischen hat sie mehr als 5.900 Abonnenten. Im Sommer 2019 begann Anna, auf ihrem Instagram-Kanal auch Veranstaltungstipps für Lüneburg und Umgebung zu posten. Weil verschiedene Veranstaltungsorte und Cafés ihre Posts teilten, gelangten schließlich immer mehr Leute auf ihren Blog, so dass ihre Zahl der Follower stetig anstieg. „Mit dem Start der Veranstaltungstipps wurde es definitiv mehr”, sagt sie. Es ist ihr wichtig, über das, was sie sieht, erlebt, isst oder trinkt, eine ehrliche Meinung abzugeben. Inzwischen kommt es vor, dass Cafébetreiber oder andere Unternehmer sie darum bitten, auf ihrem Blog ein Urteil über sie abzugeben. Manchmal kommt es dann zu einer Kooperation, die sie als Werbung markieren muss. Verbiegen will sie sich jedoch nicht: „Ich sage meine echte Meinung. Bei einer negativen Erfahrung lasse ich es lieber, etwas vorzustellen.” Auch von ihren Followern erhält sie regelmäßig Vorschläge, welche Cafés, Restaurants oder auch Ausflugsziele sie besuchen sollte. Die meisten von ihnen sind 20 bis 30 Jahre alt, weiß sie aus der Auswertung ihres Instagram-Kanals. Auf die Kommentare ihrer Abonnenten reagiert sie. „Das macht den Charakter und Mehrwert von social media aus – und dass man eine Community ist”, erklärt sie. Von ihren Followern erfährt sie viel Wertschätzung und selten Kritik. Hauptberuflich arbeitet Anna Böhme als Social-Media-Managerin in einem großen Konzern. Die Pflege ihres Blogs „what’s lüneburg” sieht sie als Hobby. „Ich arbeite ja in Vollzeit, das hat Vorrang”, so die 27-Jährige, „aber ich sehe den Blog für mich als Verpflichtung. Das ist mein großes Glück, dass ich alles auf meinem privaten Kanal ausprobieren kann.” Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass man schnell nicht mehr in den sozialen Medien wahrgenommen wird, wenn man nicht regelmäßig etwas von sich gibt. So nutzte sie die drei Wochen,

die sie wegen ihrer Hochzeit nicht vor Ort war, mit einer kreativen Idee: Sie rief die „Community-Wochen” ins Leben und forderte ihre Follower auf, ihr Lüneburg-Fotos zu schicken, die sie auf ihrem Kanal veröffentlichte.

Momentaufnahmen des Erlebten

Anna ist nicht nur zu Fuß in der Stadt Lüneburg unterwegs, es geht auch mit dem Rad raus in die Natur, mit dem Kanu auf die Ilmenau oder mit dem Auto in den Wildpark. Im Sommer war sie auf dem Feld Erdbeeren pflücken. „Dadurch, dass ich noch nicht lange hier bin, ist für mich alles neu”, sagt sie. Wie alle anderen Zugezogenen googelt sie auch einfach Ausflugsziele, wenn sie am Wochenende noch nichts vor hat. Ihre Ausflüge haben immer das Ziel, dass sie etwas Neues kennenlernt. „Ich fahre nicht primär hin, um zu berichten, sondern es ist einfach ein Ausflug”, erklärt Anna, „zu zweit oder mehreren findet es niemand schön, wenn man die ganze Zeit Fotos macht.” Sie legt Wert darauf, ihre Ausflüge nicht von ihrem Blog dominieren zu lassen. Um ihre Begleitung nicht zu nerven, arrangiert sie nicht lange ihre Fotos, sondern lässt ihre Community einfach durch Momentaufnahmen an ihren Erlebnissen teilhaben. „Es gibt ja auch noch analoges Leben”, betont sie. Dennoch hat sie mit ihrem Instagram-Kanal jemanden angesteckt: Ihr Mann hat das Bloggen ebenfalls für sich entdeckt und einen eigenen Instagram-Kanal zum Thema Dart aufgemacht. Zwar hat Anna von ihrer Hochzeit ein paar Fotos auf „what’s lüneburg” gepostet, doch viel Persönliches gibt sie auf ihrem öffentlichen Kanal nicht von sich preis – dafür hat sie auch noch einen privaten Account. Ihr Gesicht hat sich den Followern aber schon eingeprägt, denn es kam schon vor, dass sie in der Stadt auf ihren Blog angesprochen wurde. „Gerade sowas würde in einer größeren Stadt nicht vorkommen”, ist sie sich sicher. Anna Böhmes Lieblingsplatz in Lüneburg ist eher ein „Lieblingsweg”: Sie liebt es, von der Bleckeder Landstraße über die Lünertorstraße in die Altstadt zu gehen. „Mit dem Blick auf das Wasserviertel und die alten Häuser ist es so wie im Urlaub, wenn man abends noch mal rausgeht”, schwärmt sie. Auch das Kennenlernen von neuen Leuten empfindet sie in Lüneburg als so einfach wie in keiner anderen Stadt. Auch Annas Arbeitsplatz war von der Corona-Pandemie betroffen: Fünf Monate arbeitete sie im Homeoffice. Seit September pendelt sie nun wieder nach Hamburg, ihre Ausflüge beschränken sich auf das Wochenende. Um etwa alle zwei Tage etwas auf ihrem Instagram-Kanal zu pos-ten, greift sie auch auf Bilder zurück, die sie für später archiviert hat. Schließlich erlebt sie nicht alle zwei Tage etwas Neues, sieht aber dafür manchmal viele neue und tolle Dinge an einem Tag. Hin und wieder sucht sie einen neuen Blickwinkel auf die Stadt, nimmt mal eine Seitenstraße – doch nicht immer ist ein schönes Fotomotiv dabei. Der modernen Technik sei Dank, dass sie alle Fotos spontan mit ihrem Smartphone machen kann und nicht auf aufwendiges Kamera-Equipment angewiesen ist. Das Fotografieren aus besonderen Blickwinkeln hat sie sich selbst beigebracht, probiert aus, wie ein Haus aus verschiedenen Perspektiven aussieht. „Das hat sich durch Learning by Doing entwickelt”, erklärt sie. Inzwischen weiß sie, mit welchen Motiven sie bei ihrer Community besonders gut landen kann: „Die Klassiker wie das Rathaus, der Wasserturm und der Stint kommen sehr gut an – aber auch Sonnenuntergänge und Eisessen.”

Für Neulinge und Alteingesessene

Nicht nur ihr Mann hat durch sie viel Neues in „seiner” Stadt kennengelernt. Auch von ihren Abonnenten erhält Anna viele Rückmeldungen darauf. Dabei kommt es sowohl vor, dass sich Neu-Lüneburger bei ihr bedanken, was sie durch Anna in der Stadt kennengelernt haben – als auch Alteingesessene. „Ich kenne das selbst aus Hannover – die wenigsten gucken bei Tripadvisor, was es in ihrer eigenen Stadt zu sehen gibt”, meint sie. Ihr Blog richtet sich eher an Menschen, die in Lüneburg leben, als an Touristen – wobei diese sicher auch ihren Nutzen daraus ziehen können. Anna liebt es, bei „what’s lüneburg” ihr eigener Boss zu sein und nur den eigenen Anforderungen gerecht werden zu müssen. Ihr Kanal wird hauptsächlich mit Fotos bestückt, in den Storys auch mit kleinen Videos. Wenn sie noch mehr zu sagen hat, tut sie das auf ihrer Webseite – sozusagen der Verlängerung ihres Instagram-Kanals. Auch bei Facebook ist sie vertreten, jedoch hauptsächlich, um auf ihren Hauptkanal auf Instagram zu verweisen. Die Interaktion mit ihren Followern gelingt Anna Böhme immer wieder, indem sie sie um Tipps oder ihre Meinung zu etwas bittet. Verselbstständigt hat sich auf ihrem Kanal die Sammlung von „lünedings”: Da auffällig viele Läden, Firmen und Marken das Wort „Lüne” in ihrem Namen tragen, forderte sie ihre Community auf, ihr Fundstücke damit zuzusenden. Die Liste ist inzwischen ellenlang und wächst von Woche zu Woche weiter. (JVE)