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Unter Puppen

Matthias Kuchta ist Puppenspieler und Puppenbauer

Fast wäre Matthias Kuchta Lehrer geworden. Doch als er nach seinem Geschichts- und Slavistik-Studium ins Referendariat ging, entschied er sich für seine wahre Leidenschaft – das Puppentheater. Seit bald 40 Jahren arbeitet er als Puppenspieler. Seine großen Figuren baut er selbst. Matthias Kuchta ist in Schleswig-Holstein aufgewachsen, deshalb zieht es ihn immer wieder in den Norden. Während sein Erstwohnsitz im rheinländischen Langenfeld ist, lebt er auch einen großen Teil des Jahres im Raum Lüneburg, wo er zur Ruhe kommen kann. 1992 kaufte der heute 70-Jährige einen alten Resthof im Bleckeder Ortsteil Radegast. Neben seiner Wohnung und einer Gästewohnung befinden sich hier auch ein Puppenlager und eine Werkstatt. Als sich Matthias Kuchta für das Puppentheater entschied, nahm seine Laufbahn schnell Fahrt auf. Am Ende seiner dreijährigen Ausbildung am Figurentheaterkolleg des Deutschen Instituts für Puppenspiel in Bochum führte er als Diplomarbeit „Die Bremer Stadtmusikanten” auf. Bei dieser Ins-zenierung sprach ihn ein Zuschauer an und lud ihn ein, bei einem Theater-Festival in Hong Kong zu spielen. Vor Ort in Hong Kong sprach ihn erneut ein Zuschauer an – ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts, der ihm weitere Aufträge in Aussicht stellte. „Ab dann habe ich weltweit gespielt, es gab viele Folgeaufträge”, erinnert sich Kuchta. „Ich habe immer die richtigen Menschen zum richtigen Zeitpunkt getroffen. Ich habe wirklich viel Glück gehabt.” Sein 1982 gegründetes Figurentheater „Lille Kartofler” (Dänisch: Kleine Kartoffeln) ist seit Jahren gefragt, sein Terminkalender stets ausgebucht. Matthias Kuchtas Puppentheater zeichnet sich durch die besondere Größe seiner Figuren aus. „Ich mag die Objekte anfassen, den unmittelbaren Kontakt. Ich spiele nicht gerne mit Marionetten”, sagt er. Während seines Lehramts-Studiums arbeitete er nebenher an einem Puppentheater, doch große Puppen interessierten ihn mehr. „Mein Theater hat keine vierte Wand und keine Guckkastenbühne”, erklärt er. Mit seinen fast lebensgroßen Figuren steht der Puppenspieler zusammen auf der Bühne, geht von Figur zu Figur, führt mal die eine, mal die andere, spricht ihre Stimmen und tritt ebenso mit ihnen in den Dialog. „Ich bin Erzähler, Schauspieler und Puppenspieler“, so Matthias Kuchta.

Gesichter spiegeln Leben wider

Viele seiner großen Figuren hat er selbst gebaut, unterstützt wird Kuchta von der Puppenbauerin Mechtild Nienaber. 250 Figuren hat er in seinen beiden Puppenlagern in Langenfeld und Radegast, so schätzt er. Sobald der Puppenspieler ein neues Stück im Sinn hat – in der Regel spielt er Märchen der Gebrüder Grimm und von Hans Christian Andersen – überlegt er sich, welche Charaktere er benötigt. Dem Puppenspieler und -bauer ist der besondere Ausdruck seiner Figuren wichtig. „Ich finde Gesichter sehr spannend, wenn sie das Leben widerspiegeln. Ich habe nichts von sehr schönen Figuren, es sollen ganz normale Menschen sein”, erklärt er. Dafür recherchiert er auch im Internet und überträgt dort gefundene Gesichter auf seine Entwürfe für die Puppengesichter. Das Gesicht von Frau Gothel aus „Rapunzel”, seinem neuesten Stück, guckte er sich zum Beispiel von Fotos einer amerikanischen Sängerin aus dem Internet ab. Das Gesicht von Rapunzel selbst ist angelehnt an das seiner eigenen Großtante Alma. „Man muss lange suchen, eh eine Figur gereift ist”, erklärt Matthias Kuchta. Von der ersten Idee bis zur Bühnenaufführung vergehen so rund drei bis vier Jahre. Das Bauen der Figuren für ein Stück dauert in der Regel ein bis zwei Wochen. Zunächst fertigt Kuchta eine genaue Zeichnung an. „Das Aussehen verändert sich aber beim Nähen. Mit den Stoffen kann man im Prozess neue Ausdrucksmöglichkeiten entdecken.” Das Gestalten des Kopfes braucht viel Zeit. „Dabei kann ich nicht wirklich nähen, eher bas-teln”, fügt der 70-Jährige hinzu. Gefüllt sind seine Figuren mit Polsterwatte, außen sind sie komplett aus Stoff. Von seiner Großmutter hat er eine riesige Stoffsammlung geerbt, aus der er vieles für seine Puppen verwendet. „Ich arbeite gern mit älteren Sachen.” Im Inneren haben seine Figuren Gelenke, die ihm ein Orthopädietechniker anfertigt. Dadurch können sie gut sitzen und sacken nicht in sich zusammen. An der Rückseite des Kopfes hat jede Puppe einen Holzgriff, damit Kuchta ihn drehen und führen kann. Mechtild Nienauer arbeitet mit Matthias Kuchta bereits seit 1985 zusammen. Damals war sie Studentin, heute ist sie eine gefragte Puppenbauerin. „Ich sage zu ihr: Mach mal ruhig ein bisschen schräge, ich brauche mehr die Karikaturen”, erzählt er. Einige von Matthias Kuchtas Figuren sind schon in die Jahre gekommen, doch das stört den Puppenspieler nicht. „Gebrauchsspuren finde ich sehr schön, das ist wie bei abgeliebten Kuscheltieren”, meint er. Außerhalb des Puppenspiels hat er kein emotionales Verhältnis zu seinen Puppen, sie gehören auch nicht in seine Wohnung. „Für mich sind das Arbeitsobjekte”, betont Kuchta.

Von Kindern viel gelernt

Matthias Kuchta beschäftigt sich für sein Puppenspiel viel mit Märchen. „Es gibt zirka 250 Grimmsche Märchen, nur die wenigsten sind bekannt”, erklärt er, „und viele sind sehr grausam.” Zu Hause liest er die Märchen nach. „Sie sind ja wie Gedichte in prägnanter Form, da ist so viel Lebenserfahrung drin”, schwärmt er. Sein Zugang zu den Märchen ist mit wachsendem Alter intensiver geworden. In der Regel spielt er vor Kindern und ihren Eltern, gelegentlich auch nur für Erwachsene. Für viele Stücke arbeitet Matthias Kuchta mit Theater-Regisseuren zusammen, die Erwachsenenstücke sind in der Regel Auftragsproduktionen. Vor Erwachsenen zu spielen, empfindet der Puppenspieler als anstrengender als vor Kindern. „Das Erwachsenenpublikum hält sich viel mehr zurück”, erklärt er. „Wenn das Publikum mit einbezogen wird, will ich niemanden vorführen. Bei Kindern ist es etwas Anderes, die freuen sich – Erwachsene sind da viel vorsichtiger.” Immer wieder beobachtet Matthias Kuchta, dass Erwachsene sich an dem ungewöhnlichen Aussehen seiner Puppen stören. „Kinder stört das nicht. Für sie muss die Gefühlswelt stimmen”, ist er überzeugt. Von Kindern, auch denen seiner Lebenspartnerin, hat er für seine Arbeit viel gelernt, zum Beispiel die kindliche Logik oder den spielerischen Umgang mit der Wirklichkeit. Wenn er ein Stück neu inszeniert, probiert er es zunächst vor einer Kindergruppe aus, so auch an der Grundschule in Bleckede. „Neue Stücke sind immer eine Herausforderung, vor jeder Premiere ist das eine Angstpartie”, so Kuchta. In der Region Lüneburg hat der Puppenspieler mit seinem Lille Kartofler Figurentheater etwa zehn regelmäßige Veranstaltungsorte, darunter die Bibliothek in Adendorf und die Grundschule in Reppenstedt. In Radegast ist er jeden Sommer im Pfarrgarten zu Gast, bei schlechtem Wetter in der Scheune. Hatte er früher rund 300 Aufführungen im Jahr, hat er sie nun auf die Hälfte zusammengekürzt. Auch auf seine Tourneen in die USA verzichtet er inzwischen. „Ich schraube etwas zurück, es wurde auch schwieriger mit dem Arbeitsvisum für die USA”, erklärt er. Kuchta blickt auf tolle Erlebnisse rund um die Welt zurück, hat neben ganz Deutschland viel in Frankreich, Österreich, Kanada, Asien und den USA gespielt. Seine Stücke beherrscht er auch auf Englisch und Französisch. Wurde er anfangs noch auf seinen deutschen Akzent im Englischen angesprochen, der irgendwie zu Grimms Märchen passte, spricht Kuchta inzwischen fließend Englisch und Französisch.

Nichts bringt ihn aus der Ruhe

Über die Jahre sieht Matthias Kuchta seine Arbeit gelassener, und während einer Vorstellung kann ihn nichts mehr aus der Ruhe bringen. Reißt bei Schneewittchen aus Versehen ein Bein ab, während ein Zuschauerkind es festhält und er weitergeht, rettet er die Situation durch Improvisation. „Dann müssen erstmal alle pusten und Schneewittchen wird gefragt, ob es mit einem Bein weiterspielen will”, erzählt der Puppenspieler. Das Lachen muss er in solchen Momenten zurückhalten. Manchmal stehen auch Kinder am Bühnenrand und wollen mitspielen, andere rufen erbost etwas ins Stück hinein, bis hin zu: „Frau Königin ist ein Arschloch!” Mit zunehmender Erfahrung und höherem Alter begegnet Matthias Kuchta solchen Ereignissen entspannter. „Früher kam ich schon ganz schön ins Schwitzen”, erinnert sich der 70-Jährige. Er vermutet, dass er auf die Kinder durch sein Alter eine andere Ausstrahlung und an Glaubwürdigkeit dazu gewonnen hat. Puppenspiel ist nicht nur im Theater angesagt, heute sieht man es auch viel im Fernsehen, gerade im Comedy-Bereich. Matthias Kuchtas fast lebensgroße Puppen sind aber immer noch eine Seltenheit. „Ich habe wohl mit den großen Figuren eine Art Nische gefunden”, meint er. Der Puppenspieler sieht sich selbst als sehr zurückhaltenden Menschen, der schon als Kind mit seinem Kasperletheater seine Schüchternheit überspielen konnte. „Die Bühne ist ein sehr geschützter Raum. Ich bin ja in einer Geschichte, und die Geschichte gibt mir Sicherheit”, erklärt er. Obwohl Matthias Kuchta schon das Rentenalter erreicht hat, denkt er noch nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: „Ich möchte gerne mal eine Erwachsenen-Inszenierung mit politischem Inhalt machen”, sagt er. Grundsätzlich möchte er so lange mit seinem Figurentheater weitermachen, wie es ihm noch Spaß bringt und sein Körper mitmacht. „Ein Maler oder Schriftsteller hört ja im Rentenalter auch nicht einfach auf.” (JVE)

Rednerin mit Herzblut

Angela Tonn arbeitet als freie Trauerrednerin

Nicht jeder findet die passenden Worte, um einen Verstorbenen zu betrauern. Die Trauerrednerin Angela Tonn hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede Abschiedsrede so zu halten, als hätte sie den Verstorbenen persönlich gekannt. Angela Tonn sieht das, was sie macht, nicht als Arbeit an, sondern als Berufung. „Ich habe schon oft gedacht, das hättest Du mal eher machen sollen”, erzählt sie. „Das, was ich mache, kommt aus tiefstem Herzen.” Kurz bevor sie 60 wurde, sattelte die Adendorferin um und entschied sich dazu, Trauerrednerin zu werden.

Um zu verstehen, wie es dazu kam, muss man Angela Tonn kennen. Die 64-Jährige sagt von sich, sie ziehe alles durch, was sie einmal anpacke. Das sei nicht nur Gerede. Auslöser für ihre Entscheidung war eine Beerdigung, der sie 2015 mit ihrem Mann beiwohnte. Ein guter Freund ihres Mannes war plötzlich verstorben. Er hatte mit seinem Motorrad besondere Touren unternommen, war im Motorradclub aktiv und hatte dort viele Freunde. „All das wurde bei der Trauerrede mit keinem Wort erwähnt”, erinnert sich Angela Tonn, „unseren Freund haben wir nicht erkannt.” Auf der Rückfahrt fasste sie einen Entschluss: „Ich sagte zu meinem Mann, ab morgen werde ich Trauerrednerin.” Zu Hause angekommen, erkundigte sie sich nach dem üblichen Werdegang hin zum Trauerredner und wurde von einem Bestatter an die Hamburger Rednergemeinschaft verwiesen. Die professionellen Trauerredner dieser Gemeinschaft halten bis zu vier Reden an einem Tag. Angela Tonn begleitete einen von ihnen eine Zeit lang. „Der Redner hat mir sehr viel mitgegeben. Er war studierter Theologe und Buchhändler. Ich hingegen stand mit null da. Ich war vorher im medizintechnischen Außendienst”, erklärt sie.

Monatelang Klinken putzen

Angela Tonn kommt ursprünglich aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn. 2012 zog sie zu ihrem zweiten Mann nach Adendorf. Um sich als neue Trauerrednerin in der Region einen Namen zu machen, habe sie anfangs monatelang „Klinken geputzt”, sagt sie. „Man kann den Redner für eine Trauerfeier oder Bestattung grundsätzlich frei wählen”, erklärt sie, der Auftrag komme entweder direkt von einem Bestatter oder von Privatpersonen, denen sie empfohlen wurde oder die sie schon einmal als Rednerin erlebt haben. „Es dauert, bis es läuft”, so Angela Tonn. Ihren ersten Job als Trauerrednerin erhielt sie unverhofft bei ebendiesem Klinkenputzen bei einem Bestatter in Bad Bevensen. Weil gerade, als sie vor Ort war, für eine Trauerfeier ein Redner gesucht wurde, gab man ihr kurzerhand den Auftrag. Vom ersten Entschluss, den Beruf zu wechseln bis zur ersten eigenen Trauerrede vergingen gerade einmal vier Monate. Inzwischen hat Angela Tonn nach eigener Schätzung rund 400 Trauerreden selbst verfasst und gehalten. Wenn sie im Monat vier Reden hat, ist sie zufrieden – ein Arbeitsaufkommen wie bei der Rednergemeinschaft Hamburg kann sie sich nicht vorstellen. „Bis zu zwei Reden an einem Tag gehen für mich höchstens”, meint die 64-Jährige. Angela Tonn weiß nie, wann der nächste Auftrag kommt. Ausgerechnet im November, dem Monat der Trauer und des Todes, herrschte für sie Saure-Gurken-Zeit. Nach einem Todesfall hat sie in der Regel zehn Tage Zeit für das Schreiben ihrer Rede – wenn es um eine Urnenbeisetzung geht. Bei einer Erdbestattung verkürzt sich der Zeitraum bis zur Beisetzung.

Man muss sich hineinversetzen

Entscheidend für die Arbeit der Trauerrednerin ist das Gespräch mit den Hinterbliebenen. Wenn sie direkt von einem Bestatter über einen Todesfall informiert wird, schickt dieser ihr Eckdaten über den Verstorbenen und Daten der Angehörigen, die sie kontaktieren soll. Für das Vorgespräch mit den Hinterbliebenen nimmt sich Angela Tonn Zeit. In der Regel besucht sie diese zu Hause, doch auch telefonisch ist es möglich. Da sie den Verstorbenen erst „kennenlernen” muss, stellt sie Fragen zu dessen persönlichen Vorlieben, Hobbys oder Eigenarten. Das Privatleben steht im Vordergrund, nicht der tabellarische Lebenslauf. „Die meisten erzählen gerne und viel. Manchmal kriegt man ein ganzes Buch und muss alles kürzen. Aber aus manchen ist nichts rauszukriegen”, so ihre Erfahrung. „Wenn die Leute mir nicht viel erzählen, dann bin ich nicht zufrieden.” Mindestens drei getippte Seiten ihrer Rede drehen sich für gewöhnlich um das Leben des Verstorbenen, wobei der Text nicht immer bierernst sein muss. „Die Leute mögen lachen”, sagt sie, „ich habe auch schon Witze erzählt.” Die Adendorferin ist immer auf der Suche nach schönen Redewendungen, schreibt sich aus dem Internet oder dem Fernsehen Geschichten und Anekdoten auf, die ihr gefallen. „Ich habe immer einen Schreiber und Zettel parat”, erklärt sie. Angela Tonn hält Trauerreden in der Regel für Familien, die keine kirchliche Zeremonie wünschen. Deshalb hält sie am Ende ihrer Ansprache eine Art „weltliches Vaterunser”. Doch auch mit Pastoren hat sie schon zusammengearbeitet, sie selbst ist auch gläubig. Sie erinnert sich noch gut an den katholischen Pastor, der nicht über den Alkoholismus des Verstorbenen sprechen wollte, weshalb sie für die Trauerrede engagiert worden war. „Hinterher hat mich der Pastor gefragt: Wo nehmen Sie das her? Meine Antwort war: Man muss sich nur hineinversetzen. Das bin ich schon oft gefragt worden.” Das schönste Kompliment ist für die Trauerrednerin, wenn sie hinterher ein Trauergast fragt, ob sie den Verstorbenen gekannt hat, da sich ihre Rede so anhörte.

Hat ein Verstorbener keine Hinterbliebenen oder sind diese nicht in der Lage, etwas zu dessen Leben zu erzählen, ist die Trauerrednerin gezwungen, ihre Rede sehr allgemein zu halten. Und ist die Runde bei der Trauerfeier sehr klein, stellt sie sich nicht an ihr Pult – oder im Freien an ihren mitgebrachten Notenständer – sondern stellt sich mit der Trauergemeinde in einen Kreis. Hauptsächlich hält die Adendorferin ihre Ansprachen in Kapellen, aber auch in Friedwäldern der Umgebung. „Ich habe auch schon auf einem Treckeranhänger meine Rede gehalten. Das war eine Gedenkfeier für einen jungen Mann auf einem Sportplatz, und der war voll”, erinnert sie sich. Sie arbeitet im Umkreis von hundert Kilometern, von Boizenburg bis Walsrode. Viel Auto zu fahren ist sie noch aus dem Außendienst gewohnt.

Auch op Platt und auf Englisch

Nicht jede Rede fällt Angela Tonn leicht zu schreiben. „Herausforderungen sind jüngere Menschen, Unfalltote oder Selbstmörder”, erklärt sie. „Das steckt man auch nicht so einfach weg.” Rund drei Stunden braucht sie für das Schreiben einer persönlichen Trauerrede, bei außergewöhnlichen Todesfällen kann es auch doppelt so lange dauern. Ihre Trauerreden gibt es nicht nur auf Hochdeutsch – auch auf Englisch oder Plattdeutsch hat sie schon Reden geschrieben und vorgetragen – für sie keine Hürde. Auch Vorsorgetrauerreden für Personen, die den Inhalt ihrer Trauerfeier schon vor ihrem Ableben regeln wollen, verfasst die Trauerrednerin. „Ob ich sie dann wirklich halte, spielt keine Rolle, jeder kann sie vorlesen. Sie wird dann zu den Unterlagen gelegt”, erklärt sie. Das Vorsorgegespräch für die Rede laufe natürlich anders ab als mit den Hinterbliebenen. Bei besonderen Todesfällen – zum Beispiel dem Unfalltod eines jungen Menschen – ist Angela Tonn oft mehr als nur die „Redenschreiberin”. Es liegt ihr am Herzen, den Hinterbliebenen zu vermitteln, dass sie für sie da ist, ihnen Trost spenden kann – und dass sie es nicht eilig hat. „Ich gehe auf die Menschen zu”, sagt sie. Ein Vorgespräch kann bis zu anderthalb Stunden dauern, in besonderen Fällen aber auch drei Stunden. Manchmal muss sie die Angehörigen auch überzeugen, Dinge auszusprechen, manchmal muss man erst miteinander warm werden. Durch ihre Arbeit im Außendienst, die sie fast 20 Jahre lang ausübte, beherrscht sie – auch durch psychologische Seminare – den Umgang mit Menschen, was ihr auch im neuen Job zugute kommt. Auch dass sie einige Zeit als Hauswirtschafterin in reichen Haushalten arbeitete, war für sie eine gute Schule. „Ich lass mir nicht die Butter vom Brot nehmen”, betont sie. Ihre Reden baut Angela Tonn nach einem wiederkehrenden Prinzip auf: „Ich konfrontiere die Menschen zunächst mit dem Tod. Dann spreche ich über das Leben, am Ende spreche ich Trost aus.” Ist die Trauerfeier noch so bewegend und der Todesfall noch so tragisch: Vor den Trauergästen zu weinen kommt für Angela Tonn nicht in Frage. „Ich habe höchstens einen Kloß im Hals und muss tief durchatmen. Man hat sich zusammenzureißen.” Bei Trauerfeiern und Beerdigungen ist Angela Tonn die Zeremonienmeisterin, die den Ablauf in der Hand hat. Sie kennt die Abläufe, weiß, wann die Musik gespielt wird und wann der Bestatter ins Spiel kommt. Lampenfieber hat sie vor jeder Trauerfeier, „wenn ich’s nicht mehr habe, sollte ich besser aufhören.”

Zufriedenheit der Familie zählt

Bei ihrer Arbeit als Trauerrednerin ist Angela Tonn eine Perfektionistin und sehr selbstkritisch. Es ist ihr wichtig, dass die Angehörigen zufrieden sind. „Die Menschen stehen im Vordergrund. Die Familien sollen sich in besten Händen fühlen. Als Außenstehende gehöre ich bis zur Trauerfeier zur Familie.” Ihren Dank erhält sie in Form von lobenden Erwähnungen in Zeitungsanzeigen, Blumen, Dankeskarten oder Trinkgeld. Einige rufen auch an und bedanken sich. Kritik gab es in den vier Jahren als Trauerrednerin noch von keinem Angehörigen, und auch Weiterempfehlungen sprechen für sich. Sie ist der Meinung, von keinem Pastor bisher so persönliche Trauerreden gehört zu haben, wie sie sie schreibt und vorträgt. Deshalb würde sie auch keine Minute zögern, für ihr nahestehende Personen nach deren Tod die Rede zu halten. Als Angela Tonn als freiberufliche Trauerrednerin anfing, dachte sie nur an einen Nebenjob, doch es wurde ihr Hauptjob, wenn auch nicht in Vollzeit. Weil sie ein Unternehmen gründete, wurde sie vom Arbeitsamt gefördert und wird nun beim Finanzamt als Künstlerin geführt. „Ich muss ja auch Fantasie haben und eine gute Schauspielerin sein”, ergänzt sie schmunzelnd. Auch wenn Angela Tonn bald das Rentenalter erreicht, denkt die 64-Jährige noch lange nicht ans Aufhören. „Ich mache das weiter, solange ich geistig fit bin, der Kopf mitmacht und ich Auto fahren kann. Ich habe den Schritt mit knapp 60 gewagt und kann jetzt nicht einfach aufhören.” (JVE)

Die Igelmama

Maria Kellner hilft geschwächten Igeln, nicht nur gut über den Winter zu kommen

Maria Kellner hat sich ihre Passion nicht selbst ausgesucht, sie kam quasi zu ihr. „Als ich einen kleinen Igel mit 120 Gramm in meinem Garten gefunden habe, war das der Anstoß”, erinnert sich die 56-Jährige. Seit zehn Jahren pflegt sie zu kleine, verwaiste, kranke und geschwächte Igel gesund und wildert sie wieder aus. Zum Teil ist sie dafür nächtelang wach. Maria Kellner lebt in Jelmstorf im Landkreis Uelzen, hier gibt es große Gärten, viel Wald und wenig Autoverkehr. Die Igel kommen gerne in ihren Garten, weil sie ihnen gute Bedingungen schafft. Hier steht eine Futterstelle, an die nur Igel herankommen. In ihrem Keller und ihrer Garage päppelt die Igelhelferin die Tiere auf und pflegt sie gesund. Als sie vor zehn Jahren den kleinen Igel fand, recherchierte Maria Kellner zunächst im Internet. Sie landete bei der Igelhilfestation in Hannover, wo sie telefonisch von einer Frau Instruktionen bekam, die inzwischen eine gute Freundin von ihr ist. Sie lernte zum Beispiel: „Ab einem Gewicht von 120 Gramm braucht der Igel keine Ersatzmilch mehr.” Nach dem ersten fand sie bald den nächsten kleinen Igel – ihrer Vermutung nach, die Schwester des ersten. Bruder und Schwester, die sich sofort aneinander kuschelten, taufte sie Mecki und Stupsi. „Da habe ich meine Liebe zu den Igeln entwickelt”, erzählt sie.

Erstversorgung des Igels

Die Igelhelferin meint, dass in den Medien viel Falsches über Igel verbreitet wird – und dass auch Tierärzte und Tierheime viele Schwachstellen haben. Es liegt der 56-Jährigen am Herzen, über die Igelhilfe aufzuklären. „Oft wird nicht kundgetan, dass es einen konkreten Ablauf gibt, wenn man einen hilfsbedürftigen Igel findet”, meint Maria Kellner. Die Igelpflegerin klärt auf: „Hilfsbedürftig ist ein Igel, wenn er offensichtlich verletzt, verwaist, abgemagert ist, taumelt oder apathisch ist. Ein hustender Igel braucht Hilfe, weil er Lungenwürmer hat. Und wenn ein junger Igel Mitte Oktober noch unter 250 bis 300 Gramm wiegt, braucht er ebenfalls Hilfe.” Igelmütter, die bis zu neun Babys pro Wurf gebären, richten sich in ihrem Nest nach dem stärk-sten Nachwuchstier. Nach einer gewissen Zeit „schließt” die Mutter ihr Nest und verlässt ihre Jungen. „Die Großen schlagen sich dann durch, und die Kleinen schaffen ihr Gewicht von 700 Gramm bis zum Winterschlaf nicht zu erreichen“, erklärt Maria Kellner. Dass die Mutter ihre Kleinen alleine lässt, habe einen einfachen Grund: „Die Mutter weiß, jetzt kommt der Winter. Dann hat sie noch vier bis sechs Wochen Zeit, sich Winterspeck anzufressen. Sie ist dazu gezwungen, ihr Nest zu schließen, um selbst am Leben zu bleiben.” Die Mutter brauche mindestens ein Gewicht von 1.100 Gramm, um das nächste Frühjahr zu erleben. Maria Kellner handelt immer nach dem gleichen Muster, wenn sie einen hilfsbedürftigen Igel findet. So sollte man zunächst schauen, ob er Fliegeneier am Körper hat, so die Igelhelferin. „Wenn er gelbe Nester in den Stacheln, unter den Armen, am Po oder am Kopf hat, sind das Fliegeneier, die man mit Zahnbürste und Pinzette komplett entfernen muss, bevor der Igel dann ins Warme muss”, erklärt sie. „Schwache Igel sind davon oft betroffen.” Das Entfernen sei – unbedingt im Freien – nötig, da sich ansonsten aus den Eiern in Sekunden Maden entwickeln würden, die bei Wärme in die Körperöffnungen des Igels krabbeln und ihn quasi von innen auffressen würden. Danach könne man den Igel wiegen und in einen mit Zeitungspapier ausgelegten größeren Karton setzen. In diesen Karton stellt man einen kleineren Schlafkarton, kleine Igel bekommen zusätzlich eine handwarme Wärmflasche dazu.

Nachtaktiver Fleischfresser

Wichtig für den nachtaktiven Igel ist Dunkelheit, angepasst an den Tag-Nacht-Rhythmus. „Wenn er die ganze Zeit nur Licht oder nur Dunkelheit hat, wird der Igel hektisch, und sein Biorhythmus kommt völlig aus dem Gleichgewicht”, erklärt die Igelhelferin. Wenn man kein Katzen- oder Welpenfutter als Pastete habe, helfe fürs Erste ein gekochtes, klein geschnittenes Ei oder ohne Öl gebratenes Hack oder Rührei – oder ein ohne Gewürze gekochtes Hühnerbein. „Der Igel ist ein Fleischfresser”, erklärt die Igelhelferin. „Er isst nichts mit Soße, keinen Fisch, aber auch kein Obst oder Gemüse. In freier Wildbahn isst er Krabbelgetier wie Raupen, Larven und Würmer.” Weil sein Lebensraum zunehmend verschwinde, weiche er oft auf Schnecken als Nahrung aus. „Aber Schnecken sind die größten Parasitenüberträger für den Igel”, weiß sie. Und wenn Schnecken vergiftet seien, vergifte sich der Igel auch und sterbe einen qualvollen Tod. Nach der Erstversorgung rät Maria Kellner, eine nahe gelegene Igelpflegestation zu kontaktieren. „Wenn jemand den Igel nicht behalten will, wäre die Nähe wichtig, denn die Autofahrt ist für ihn Horror”, erklärt die 56-Jährige. Der Besuch eines Tierarztes sei nicht immer ratsam, nur bei einem verletzten Igel. „Der Igel als Wildtier hat eine andere Verstoffwechselung als Hund, Katze oder Kaninchen, deshalb sind auch die Dosierungen oft völlig anders”, meint sie. Die bei Haustieren üblichen Mittel gegen Würmer und Flöhe vertrage der Igel nicht. Sie arbeitet ausschließlich mit einer Tierarztpraxis in Bienenbüttel zusammen, der sie vertraut. Mit dem Tierarzt bespricht sich die Igelhelferin auch, wenn ein Igel schwer verletzt ist oder operiert werden muss. Maria Kellner hat regelmäßig Igel zur Pflege. Doch ihr Hauptziel ist stets die Auswilderung, denn es ist weder natürlich noch gesetzlich erlaubt, sich Wildtiere zu halten. Die Jelmstorferin weiß: „Wenn der Igel bis Ende November und bei guter Wetterlage 700 Gramm hat, kann er noch ausgewildert werden und macht den Winterschlaf draußen.” Während die Männchen schon ab Ende Oktober ihren Winterschlaf machen, legen sich die weiblichen und die kleineren Igel erst ab Ende November schlafen. „In dieser Zeit sind sie bewegungsunfähig und atmen maximal sechsmal pro Minute”, erläutert sie. Wird es Ende April, Anfang Mai wieder wärmer, wachen die Igel wieder auf. Alle Igel, die bei Frost und Schnee umherlaufen, seien hilfsbedürftig.

Gefahr durch Gartengeräte

In der freien Natur werden Igel nur zwei bis drei Jahre alt. Haben sie jedoch täglich Zugang zu einer Futterstelle, können sie auch schon mal sieben oder acht Jahre alt werden. Eine große Gefahr für die Igel stellen neben Autos scharfe Gartengeräte dar. Maria Kellners zweiter Igel Stupsi überlebte das Aufschlitzen seiner Körperseite durch einen Kantenschneider nur, weil er schnell operiert und anschließend von der Igelhelferin wieder aufgepäppelt wurde. „Nach einem halben Jahr war alles verheilt, sie konnte wieder ausgewildert werden und ist sieben Jahre alt geworden”, berichtet sie. Sie weiß genau, mit welchem Igel sie es zu tun hat, denn sie markiert jeden Igel, den sie zur Pflege hatte, an einer anderen Stelle mit einem kleinen Punkt. Ab Ende Oktober kann man davon ausgehen, dass alle Igelnester geschlossen sind. „Dann sammelt man kleine Igel ab, und abgemagerte oder dehydrierte Mütter nimmt man auch auf”, erzählt Maria Kellner. Die Hauptsaison beginnt für sie im August/September, wenn sie sich um die ersten verwaisten Igelbabys kümmert. Um diese aufzupäppeln, muss sie sie auch nachts alle zwei Stunden mühsam mit einer kleinen Spritze füttern. „Dieses Jahr hatte ich in der Spitze 16 Igelbabys. Wenn man in zwei Stunden 16 Igel füttert, ist man gut, und dann kann man gleich wieder von vorne anfangen. Dann bleibt keine Zeit zum Schlafen”, erzählt sie schmunzelnd. Die Igelbabys erhalten anfangs Welpenersatzmilch, später Nass- und Trockenfutter. Kuhmilch hingegen vertragen Igel überhaupt nicht, da sie eine Laktoseunverträglichkeit haben. Dass die Jelmstorferin Igel gesund pflegt, hat sich in der Umgebung schnell herumgesprochen, und ihr wurden immer mehr Tiere gebracht. Zu ihr kommen Igel aus einem Umkreis von 150 Kilometern, schätzt sie. Da sie alles aus eigener Tasche finanziert, gründete sie vor einem Jahr mit zwei Igelpflegern aus Hannover den Verein Igelhilfe Lüneburger Heide – auch, um Spendenbescheinigungen ausstellen zu können. Die Kosten für Spezialnahrung, Medikamente und Tierarztbesuche sind hoch, auch der Bau eines Freigeheges geht ins Geld. Zwar gibt es aus der Nachbarschaft regelmäßig Futter- und Zeitungsspenden – als Unterlage für die Igelboxen – doch viele Personen, die einen hilfsbedürftigen Igel abgeben, sehen nicht ein, auch etwas Geld dazu zu geben. Ein Igel kostet etwa 3 Euro pro Tag und muss oft wochenlang betreut werden.

 

Jeder hat eigenes Wesen

In freier Wildbahn hat der Igel mit manchen Unwirtlichkeiten zu kämpfen. Neben den Fliegeneiern kann er von einem Pilz, Ekzemen, aber auch Milben und Flöhen befallen werden. Der Igelfloh springt übrigens weder auf uns Menschen, noch auf Haustiere wie Hund und Katze über, wie ein Volksglaube es sagt. „Niemand, der einen Igel aufnimmt, braucht Angst zu haben, dass er oder die eigenen Haustiere von dem Igel Flöhe bekommen”, erklärt die Igelpflegerin. Ein weiteres Problem für den stachligen Säuger sind Gewässer, aus denen sie gerne trinken, ohne Hilfe aber nicht wieder herauskommen, falls sie hineinfallen. Ein kleines Brett am Ufer kann ihm helfen, ebenso an Fensterschächten und Kellertreppen – denn kleine Igel können Stufen und größere Absätze nicht erklimmen. Der Igelhelferin macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: Da die Tiere momentan sehr hungrig und ständig auf Nahrungssuche sind – sie können Futter bis zu einem Kilometer weit riechen – fressen sie sich auch in die gelben Säcke hinein, die überall zur Abholung am Straßenrand liegen. „Der Igel krabbelt in Tierfutterdosen und kommt rückwärts nicht wieder raus, weil sich dabei seine Stacheln aufstellen. Er wird von der Müllabfuhr mit abgeholt und bei lebendigem Leibe verbrannt”, sagt die Igelhelferin. Es reiche schon, die gelben Säcke in einer Höhe von 80 Zentimetern am Zaun oder Baum aufzuhängen, damit der Igel ihn nicht erreichen kann. Mitte Oktober hatte Maria Kellner 14 Igel zur Pflege, und das ist erst der Anfang. Rund 20 überwintern jedes Jahr in ihrer Garage und werden erst im Mai wieder ausgewildert. Nach Monaten der Pflege und Fürsorge fällt es der 56-Jährigen nicht immer leicht, ein Tier wieder in die Natur zu entlassen. „Oft stehe ich da, und mir laufen die Tränen runter, aber da darf man nicht egoistisch sein und sagen, der ist so süß, den behalte ich”, meint sie. Es tröstet sie, dass die in ihrem Garten ausgewilderten Igel zu ihrer Futterstelle zurückkommen. Kommen Igel aus einer anderen Region, werden sie an ihrem Ursprungsort wieder ausgesetzt, wenn keine große Straße in der Nähe ist. Jeder Igel bei Maria Kellner hat einen Namen, und jeder wächst ihr mit seinem besonderen Wesen mit der Zeit ans Herz. Nur deshalb verbringt sie fünf bis acht Stunden am Tag mit ihren Igeln, kümmert sich schon morgens früh vor der Arbeit zwei Stunden um das Reinigen der Boxen und gibt Medikamente und Futter. „Wenn man nonstop eine Woche nicht zum Schlafen kommt, denkt man schon, warum machst Du das nur?” meint sie. Doch sie ist schon mit Tieren groß geworden und lebt nach der Devise ihres Vaters: Erst die Tiere, dann die Menschen. (JVE)

Stimme der Jugend

Der Student Lukas Zimmermann engagiert sich als Jugendbotschafter für die Kampagnenorganisation ONE

In erster Linie ist Lukas Zimmermann Student. Doch momentan liegt ihm sein Ehrenamt mehr am Herzen. Der 22-Jährige engagiert sich seit anderthalb Jahren für die Lobby- und Kampagnenorganisation ONE. Eine Aufgabe, die ihm schon viele interessante Begegnungen eingebracht hat. Aufgewachsen und zur Schule gegangen ist Lukas in Freiburg im Breisgau. Nach der Schule absolvierte er ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) bei der Bramfelder Laterne in Hamburg, einem Infozentrum für Globales Lernen mit angeschlossenem Weltladen. Hier entwickelte er ein Workshop-Angebot zum Klimawandel und wirkte an Info-Veranstaltungen mit. Zwar nahm er daraufhin in Karlsruhe ein duales Studium für Sicherheitswesen auf, doch dieses entsprach nicht seinen Vorstellungen. So ging er für ein viermonatiges Praktikum nach Dresden, das er bei „arche noVa – Initiative für Menschen in Not” machte, einer Organisation, die weltweit im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit und Humanitären Hilfe aktiv ist. In dieser Zeit reifte in Lukas die Idee, sich langfristig ehrenamtlich im Bereich der Entwicklungspolitik zu engagieren. Seine Internetrecherche führte ihn zu ONE, einer entwicklungspolitischen Lobby- und Kampagnenorganisation zur Bekämpfung von extremer Armut und vermeidbaren Krankheiten. ONE setzt sich im Dialog mit der Öffentlichkeit und politischen Entscheidern für kluge und effektive Politikansätze und Programme ein, um Aids und vermeidbare Krankheiten zu bekämpfen, Investitionen in Landwirtschaft und Ernährung zu erhöhen und mehr Transparenz bei Maßnahmen zur Armutsbekämpfung zu schaffen. ONE hat ihren Hauptsitz in Washington D.C. und führt Länderbüros in Abuja (Nigeria), Berlin, Brüssel, Johannesburg, London, Ottawa und Paris. In Deutschland arbeitet ONE seit 2011 mit einem Jugendbotschafter-Programm für junge Menschen von 18 bis 35 Jahren. Ziel dieses Programms ist es, die Erfolge im Kampf gegen extreme Armut in Entwicklungsländern bekannter zu machen. Um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen, treffen die Jugendbotschafter regelmäßig auf Spitzenpolitiker und informieren bei öffentlichen Veranstaltungen.

Einziger Botschafter in Lüneburg

Anfang 2018 bewarb sich Lukas Zimmermann bei ONE um das Ehrenamt als Jugendbotschafter, wofür er nach einem Telefoninterview die Zusage bekam. Seit Herbst 2018 lebt er nun in Lüneburg, studiert Umweltwissenschaften und Politikwissenschaften und engagiert sich von hier aus für ONE. Während es in Deutschland 50 ONE-Jugendbotschafter gibt, ist Lukas in Lüneburg der Einzige. Um mit seiner neuen Aufgabe vertraut gemacht zu werden, wurde Lukas zu einer dreitägigen Auftaktveranstaltung nach Berlin eingeladen, um Grundkenntnisse über Themen wie Lobbyarbeit, Pressearbeit und Entwicklungszusammenarbeit sowie über die Organisation zu erlernen. Dann konnte die Kampagnenarbeit beginnen. Die Jugendbotschafter erhalten von der Organisation ONE aus Berlin jede Woche eine E-Mail mit Informationen über anstehende Kampag-nen. Hier erfahren sie auch, wofür und wo noch Helfer gebraucht werden. Das Länderbüro in Berlin, in dem sieben Hauptamtliche arbeiten, koordiniert die Arbeit für ganz Deutschland. Wer sich bereit erklärt, an einer Aktion teilzunehmen, erhält Hintergrundmaterial zum Thema. „ONE gibt auch Spickzettel aus mit Forderungen an die Bundesregierung”, erklärt Lukas. Zwar bestreiten die neuen Jugendbotschafter ihre ersten Treffen mit Politikern gemeinsam mit erfahreneren Botschaftern, doch Lukas‘ erste Zusammenkunft mit einem CDU-Politiker lief nicht günstig, wie er sich erinnert: „Der Politiker war gegen die Entwicklungszusammenarbeit, und ich wusste nicht, wie ich da gegenanreden soll. Man lernt von den anderen, wie man da reagiert.” Für diese Fälle gibt es vor- und nachbereitende Gespräche mit anderen Jugendbotschaftern. „Jetzt ist immer noch eine Grundaufregung da. Es kommt aber auf die Person an, mit der wir uns treffen. Es ist generell schwieriger mit den Regierungsparteien”, erklärt der 22-Jährige. Schließlich würden sich die Forderungen an sie richten. „Wir versuchen aber auch, andere Parteien zu treffen.” In ihrer Arbeit müssen die Jugendbotschafter überparteilich sein, es ist ihnen aber erlaubt, Mitglied in einer Partei zu sein. In seiner Zeit als Jugendbotschafter hat Lukas schon einiges erlebt. Vor den EU-Wahlen war er im Februar mit allen deutschen Jugendbotschaftern in Berlin, um Gespräche mit Bettina Hagedorn, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium, sowie mit Außenminister Heiko Maas zu führen. Sie forderten eine echte Partnerschaft der EU mit Afrika sowie mehr EU-Investitionen für die globale Armutsbekämpfung.

Man wird wahrgenommen

Bei solchen Treffen hat Lukas das Gefühl, als Jugendbotschafter auch von hochrangigen Politikern ernst genommen zu werden. „In der Regierungspartei und im Bundestag sind wir ziemlich bekannt. Man wird auf jeden Fall wahrgenommen. Die Leute nehmen sich Zeit für uns und gehen inhaltlich mit uns ins Gespräch”, so seine Erfahrung. „Der Entwicklungsminister Gerd Müller trifft sich zum Beispiel gerne mit uns, weil wir in seinem Sinne mehr Geld fordern. Wir waren 2018 eine Stunde bei ihm.” An den Entwicklungsminister Müller überreichten die ONE-Jugendbotschafter im August eine Petition, in der über 145.000 Menschen ihn auffordern, den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria zu unterstützen. „Beim G7-Gipfel hieß es dann, dass der Beitrag für den Globalen Fonds erhöht wird”, erzählt Lukas. Ob ein Beschluss oder die Erhöhung von finanziellen Hilfen unmittelbar mit dem Engagement von ONE zu tun hat, ist in der Regel nicht nachvollziehbar. „Ab und zu gibt es Rückmeldung aus dem Bundestag”, sagt der 22-Jährige. „Das Gefühl wird einem auf jeden Fall vermittelt, dass man etwas erreicht hat.” Anfang August reiste der Student mit einer Gruppe anderer Jugendbotschafter zum Heavy-Metal-Festival nach Wacken. An ihrem Stand warben sie für die Kampagne „Armut ist sexistisch”. Darin macht ONE darauf aufmerksam, dass Frauen und Mädchen weltweit einerseits am stärksten von Armut betroffen sind, andererseits aber das größte Potenzial haben, diese zu beenden – wenn man sie nur ließe. Beim Lollapalooza Festival Anfang September in Berlin sammelte Lukas mit anderen Jugendbotschaftern Unterschriften für eine Petition an Senegal gegen sexuelle Gewalt. „Die Petition kam von der Musikerin und Aktivis-tin Black Queen und wurde mit ONE auf den Weg gebracht. Wir versuchen nicht nur, die westliche Brille aufzuhaben und denen zu sagen, was sie besser machen sollen”, erläutert er. Die Arbeit auf Festivals macht Lukas besonderen Spaß. „Da kann man die Leute gut erreichen, sie haben Lust auf Gespräche.” Gerne kommt er mit den Besuchern ins Gespräch, das Publikum erlebt er dabei vollkommen unterschiedlich. „Das Publikum beim Lollapalooza war sehr unkritisch. Dafür waren sie in Wacken ziemlich kritisch und haben sehr viele Fragen gestellt”, erzählt er. Oft werde hinterfragt, ob ihre Arbeit überhaupt etwas bringe und wer das Ganze finanziere. „Die Arbeit von ONE wird hauptsächlich von einer Stiftung finanziert”, weiß Lukas. „Viele sehen kritisch, dass wir nur Lobby- und Kampagnenarbeit betreiben und hinterfragen, ob man das Geld für die Lobbyarbeit nicht besser für Projekte vor Ort ausgeben könnte. Doch die extreme Armut wurde seit 1990 halbiert, auf solche Zahlen stützen wir uns.”

Man lernt viel

Das Ehrenamt als ONE-Jugendbotschafter läuft generell für ein Jahr, Lukas wurde Ende 2018 gefragt, ob er 2019 weitermachen will, was er zusagte. „Die Vielfalt macht Spaß, ob bei Lobbytreffen, Festivals oder Bildungsveranstaltungen”, meint er. An seiner ehemaligen Schule in Freiburg gab er bereits einen Bildungsworkshop zum Thema der Kampagne „Armut ist sexistisch”, was er sich an weiteren Schulen vorstellen könnte. Auch bei Straßenfesten wollen die Jugendbotschafter Präsenz zeigen, deshalb initiierte Lukas zum Beispiel einen Stand beim Zelt-Musik-Festival in seiner Heimatstadt Freiburg. Im September ging es für Lukas und viele andere ONE-Jugendbotschafter zu den Lobbytagen in Berlin. „Der Fokus lag auf dem Haushalt, der verabschiedet wird. Deutschland sollte 0,7 Prozent des Haushalts für die Entwicklungszusammenarbeit ausgeben. Wir fordern, dass diese Quote erreicht wird”, erklärt er. Dafür standen Treffen mit dem Unterausschuss für Globale Gesundheit und dem Ausschuss für Wirtschaftliche Zusammenarbeit auf dem Programm. Bei all der Zeit, die der Lüneburger für sein Ehrenamt aufwendet, kommt das Studieren manchmal etwas zu kurz. „Das Studium steht bei mir nicht an erster Stelle. Das Ehrenamt ist mir wichtiger, weil ich glaube, dass es mir mehr bringt. Man lernt wahnsinnig viel, das Organisieren von Veranstaltungen oder wie ich Leute anspreche…” Im Raum Lüneburg war er selbst dafür verantwortlich, die Politiker aus dem Wahlkreis anzusprechen und sich persönlich vorzustellen, auch zu den Europawahlen versuchte Lukas, alle Kandidaten zu treffen. „Es wird immer versucht, einen Tick näher dran zu sein.” (JVE)

Abenteuer ohne Grenzen

Ingo Kuhli-Lauenstein hat mit einem Inklusionsteam mit dem Sup Fehmarn umrundet

Einmal auf der Ostsee die Insel Fehmarn umrunden: Was sich so idyllisch anhört, kann knochenharte Arbeit sein. Der einseitig unterschenkelamputierte Ingo Kuhli-Lauenstein unternahm diese Tour mit einem Lüneburger Inklusionsteam auf einem extragroßen SUP-Board. Stand Up Paddling (SUP) ist ein absoluter Trendsport, wohl auch, weil er für jedermann schnell zu erlernen ist. Im Stehen paddeln und die Balance halten, mehr gibt es nicht zu wissen. Der SUP- und Outdoor-Verein Lüneburg (SOV) hat es sich zur Aufgabe gemacht, wirklich jeden aufs Board zu holen, ob mit oder ohne Handicap. Seit 2018 bietet der Verein insbesondere Rollstuhlfahrern die Möglichkeit, auf speziellen SUP-Boards mit besonderen Spannsystemen im Rollstuhl mitzufahren. Im Juli wagte ein Inklusionsteam des SOV um Geschäftsführer Adrian Wachendorf die besondere Tour. Gemeinsam mit dem Rollstuhlfahrer Simon Kunst und Ingo Kuhli-Lauenstein, der eine Unterschenkelprothese trägt, paddelte das Team im Rahmen des SUP & Beachsports Festivals innerhalb von drei Tagen auf einem SUP rund um Fehmarn.

Ingo Kuhli-Lauenstein sucht gerne das Abenteuer. Der 27-Jährige wurde mit dem Bewusstsein erzogen, dass er alles schaffen kann – obwohl er mit einem fehlgebildeten Bein zur Welt kam. „Meine Eltern haben mir viel ermöglicht und viel ausprobiert”, erzählt der Sauerländer. „Für mich ist das selbstverständlich gewesen.” Er wuchs auf dem Dorf auf und besuchte eine Regelschule. „Bis zur Volljährigkeit hatte ich nur wenig Kontakt zu anderen körperlich eingeschränkten Kindern. Natürlich wurde ich auch ausgelacht. Dafür habe ich auch über dicke Kinder gelacht, wie Kinder halt so sind”, erinnert sich Ingo, der sich nicht wirklich ausgegrenzt fühlte. „Mit mir wollten die Kinder nur kein Fußball spielen.” Er ist seinen Eltern dankbar, dass sie ihn nicht vor allem beschützt haben. „Auch negative Erfahrungen gehören zum Leben dazu”, meint er. Lange Zeit suchte Ingo Kuhli-Lauenstein keinen Kontakt zu Behindertensport-Vereinen. Schon das Projekt Rollstuhlbasketball an seiner Regelschule hatte ihm nicht gefallen. Erst während seines Maschinenbau-Studiums in Gummersbach wurde er auf dem Campus direkt dazu angesprochen. Weil er eine kurze Hose trug und seine Unterschenkelprothese zu sehen war, fragte ihn ein junger Mann, ob er Interesse an Para-Eishockey habe, einer Behindertensportart, bei der die Sportler auf einem speziellen Schlitten in Sitzposition festgeschnallt Eishockey spielen. Das war 2012, und inzwischen spielt Ingo in der Deutschen Para-Eishockey-Nationalmannschaft. „Nach zwei Jahren war ich im Nationalteam”, erzählt der 27-Jährige. Vor dem Eishockey war er jahrelang Rennrad und Mountainbike gefahren, hatte früher voltigiert. „Eishockey ist für mich jetzt der wahre Sport. Jeder muss für sich finden, was für ihn richtig ist.”

Vergnügen an der Erschöpfung

Zu der Fehmarn-Umrundung kam Ingo durch einen weiteren Zufall. Sein Eishockey-Teamkollege und Torwart der Mannschaft Simon Kunst lernte bei seinem Besuch der Rollstuhlbasketball-WM in Hamburg Adrian Wachendorf vom SUP-Verein aus Lüneburg kennen. Adrian eröffnete ihm seine Idee von der SUP-Fehmarn-Umrundung mit einem Inklusionsteam, wofür er Simon sofort gewinnen konnte. Als weiterer Mitstreiter für die Tour interessierte sich Ingo, der aber auch skeptisch war. „Ich wusste nicht, ob das rein körperlich machbar ist”, erklärt er. Einige Wochen vor dem SUP-Event auf Fehmarn trafen Ingo und Simon am Sorpesee im Sauerland auf Adrian Wachendorf und ein Team aus Lüneburg, um das Stand Up Paddling auf dem großen Board auszuprobieren. „Danach haben wir es festgemacht”, erzählt Ingo, dem klar war, dass die Trainingsbedingungen ohne Wellengang und Wind nicht den Bedingungen auf der Ostsee entsprechen würden. „Klar haben wir das sportliche Grundgerüst und sind körperlich fit, aber ich habe mir das auf dem Meer ziemlich anstrengend vorgestellt.” Da Ingo Kuhli-Lauenstein für seinen Sport vor allem die Rumpfmuskulatur, also den Oberkörper, trainiert und lange kein Beintraining mehr gemacht hatte, fuhr er zur Vorbereitung auf die SUP-Tour vier Wochen wieder intensiv Rennrad. „Untrainiert wäre das nicht gegangen”, ist er rückblickend überzeugt. Das SUP-Training am Sorpesee war Ingos erste Wassersporterfahrung. Er freute sich auf die Fehmarn-Umrundung, „wegen der sportlichen Herausforderung und des Vergnügens an der Erschöpfung”, wie er erklärt. Adrian Wachendorf und sein Kollege Arne Stiller organisierten die Tour mit ihrem Team so, dass sie für die beiden beeinträchtigten Sportler so angenehm wie möglich wurde. Nichts wurde dem Zufall überlassen. „Auch sicherheitsmäßig war alles gut durchdacht”, so Ingo. Sein Teamkollege Simon, der auf seinen Rollstuhl angewiesen ist, wurde mit dem Rollstuhl mit speziellen Spanngurten am Board fixiert. Alle Paddler auf dem Board – neben Ingo und Simon sechs weitere Vereinssportler – waren mit einer Art automatische Rettungsweste ausgestattet, Simons Rollstuhl hatte zusätzlich selbstauslösende Patronen. Angst, ins Wasser zu fallen, hatte Ingo nicht, zumal seine Prothese eher Auftrieb gibt, als dass sie ihn runterzieht. „Mit Prothese kann ich sehr gut schwimmen, das geht aber ohne Prothese besser”, erklärt er. So passierte es dem 27-Jährigen am dritten Tag der Umrundung in einem unaufmerksamen Moment doch, dass er bei stärkerem Seegang aus dem Tritt kam und ins Wasser fiel. Es gelang ihm aber schnell, unbeschadet zum Board zurückzuschwimmen.

Fähre sorgt für Wellen

Gut 60 Kilometer, also rund 20 Kilometer am Tag, legten die acht Sportler mit und ohne Handicap in den drei Tagen zurück, trotzten Wind und Wellen und mussten zeitweilig zur Sicherheit von einem DLRG-Boot begleitet werden. Zeitweise war ihr übergroßes Board mehrere hundert Meter vom Land entfernt, ins Wasser fiel jeder mal – bis auf Simon mit seinem Rollstuhl. Die Fähre, die von Puttgarden im Norden Fehmarns zum dänischen Rødby hinüberfährt, sorgte für meterhohe Wellen, mit denen das Team zu kämpfen hatte. Mit der Wasserschutzpolizei hatte der Lüneburger Verein zuvor die Überquerung der Fährlinie besprochen. Auch an Land gab es um das Inklusionsteam und seine SUP-Umrundung einen großen Rummel. Arne Stiller vom Lüneburger Verein war mit einem Stand beim SUP-Festival vor Ort, die Route konnte über GPS und Live-Standort verfolgt werden. Abends, nach Abschluss der jeweiligen Etappen, ging es für alle zurück zum Festivalstandort an den Südstrand, wo der sportliche Erfolg gefeiert werden musste. Zwar war man in geselliger Runde noch ausgelassen zusammen, doch der Körper machte sich von Tag zu Tag mehr bemerkbar. So hatte Ingo mit Ausgelaugtheit und allgemeiner Erschöpfung zu kämpfen und fühlte sich am dritten Tag schon nicht mehr so leistungsfähig. Ingo war froh, mit Simon einen ebenfalls so ambitionierten und durchtrainierten Para-Sportler an seiner Seite zu haben. Er war aber ebenso dankbar, Experten vom SUP-Verein dabei zu haben, die die richtige Technik beherrschten. Das stundenlange Paddeln erwies sich als besonders anstrengend für die Rumpfmuskulatur. „Die Wellenausgleichsbewegungen, die man macht, gehen in die Wade und die Gesäßmuskulatur”, so Ingos Erfahrung. „Und ich hatte sogar Muskelkater auf dem Fußrücken.” Sein ganzer Körper wurde beansprucht, „und das macht ja auch den Reiz daran aus.” Sie fuhren ohne Pause durch, legten mal gemütlichere, mal kurze Sprintdistanzen zurück. Dem Para-Sportler ist klar: Diese Distanz wäre für sportlich nicht durchtrainierte Personen unmöglich gewesen. „Nicht die Sportart ist das Extreme, sondern die Distanz war extrem”, meint er. Ingo Kuhli-Lauenstein ist jederzeit wieder für ein solches Abenteuer mit dem SUP- und Outdoor-Verein Lüneburg zu haben, auch wenn er nicht in der Nähe wohnt. „Es war auf jeden Fall ein ziemlich cooles Erlebnis.” Ihm und den anderen Tour-teilnehmern schwebt noch etwas Anderes vor, „wir sind offen für eine Steigerung, zum Beispiel Wildwasser mit dem SUP.” (JVE)

Im Garten zu Hause

Heinrich Burmester und Marianne Burmester-Müller haben einen großen Bauerngarten mit verschiedenen Themengärten

Heinrich Burmester und seine Frau Marianne Burmester-Müller nennen seit mehr als 45 Jahren einen Historischen Rosen- und Bauerngarten in Niendorf bei Bienenbüttel ihr Eigen. Seit sie im Ruhestand sind, können sie sich mit ihrem Hobby noch mehr ausleben. Das Bauernhaus in Niendorf, in dem das Ehepaar lebt, ist das Elternhaus von Heinrich Burmester. Der Garten macht ungefähr die Hälfte des 4.000 Quadratmeter großen Grundstücks aus. Angelegt wurde dieser schon von Heinrich Burmesters Großvater im Jahr 1909, damals noch mit dem Schwerpunkt der Selbstversorgung. Auch Marianne Burmester-Müller, die aus Velgen kommt, wuchs mit einem Selbstversorgungsgarten auf. „Der grüne Daumen wurde mir in die Wiege gelegt”, meint sie. Das stellt sie mit dem gemeinsamen Garten unter Beweis, den die beiden liebevoll und durchdacht gestalten und pflegen. Jetzt im Sommer erblüht der Garten in bunter Farbenpracht. Heinrich Burmester, der zunächst eine landwirtschaftliche Ausbildung absolvierte, schulte schließlich um auf eine Banklehre und arbeitete lange bei der Sparkasse. Seine Frau unterrichtete an der BBS, war jahrelang Ratsfrau und Ortsvorsteherin. Schon während dieser Jahre kümmerte sich das Paar neben dem Job um seinen besonderen Garten. „Nach der Arbeit hieß es: nach Hause, Jeans an und raus”, erinnert sich Heinrich Burmester. Heute können die beiden es auch manchmal kaum glauben, wann sie die Zeit für den Garten fanden, denn zwei Söhne zogen sie auch noch groß. Marianne Burmester-Müller legt auch heute noch größten Wert auf die Selbstversorgung mit eigenem Gemüse. Sie baut, wie heute vielerorts üblich, für den Eigenbedarf Radieschen und Tomaten an, aber in ihrem Garten finden sich auch alte Sorten aus Großmutters Zeiten, zum Beispiel Rote-Beete-Arten, frostharter Kohl und die alte Stangenbohnen-Sorte Türkische Erbse.

19 Rosenfamilien

Wirklich angetan haben es der Niendorferin aber die Rosen. 19 verschiedene Rosenfamilien lassen sich im Garten der Burmesters finden, und zu den meis-ten kann die Pflanzenexpertin auch etwas erzählen. In den sechziger Jahren seien Historische Rosen abgeschafft worden, weil sie nicht als modern galten, weiß sie zum Beispiel. „In den siebziger, achtziger Jahren kam dann eine Nostalgiewelle für wurzelechte Duftrosen, und man besann sich auf die Vielfalt von Gemüse.“ Auch heutzutage sei das Interesse an Gemüsesorten bei den jungen Leuten wieder groß, so ihre Beobachtung. Sie und ihr Mann bekommen mit, was in der Gesellschaft gefragt ist, denn sie bieten seit Jahrzehnten Führungen durch ihren Historischen Rosen- und Bauerngarten an und kommen so mit vielen Garteninteressierten und Fachleuten ins Gespräch. Seit mehr als 30 Jahren gibt es im Raum Uelzen die Aktion Offene Gartenpforte, und schon lange vorher öffnete das Niendorfer Paar seine Pforten für die Öffentlichkeit. Vor allem Radgruppen finden ihren Weg zu dem herrlich gelegenen Grundstück und lassen sich in anderthalb bis zwei Stunden die Höhepunkte des Gartens zeigen. Der Garten wird auch von internationalen Gartenfreunden besucht, zum Beispiel aus Belgien, den Niederlanden, England oder Frankreich. Geöffnet ist der Garten jederzeit – wenn die Besitzer da sind, eine Anmeldung ist erwünscht. Der Garten von Heinrich Burmester und Marianne Burmester-Müller weist eine Besonderheit auf: Im Lauf der Jahre haben die beiden Hobbygärtner zahlreiche kleine „Zimmer” und Themengärten entwickelt, die man hier in Norddeutschland so nicht erwartet. So gibt es neben dem Rosen- und Bauerngarten auch einen Kräutergarten im Klos-terstil, eine englische Buchenlaube mit einem gepflasterten Labyrinth, einen Garten der Stille in Anlehnung an einen japanischen Garten, einen toskanischen Wasserlauf sowie einen New-York-Garten mit Manhattan-Skyline. Auch rund 200 verschiedene, zum Teil seltene Gehölze und Bäume pflanzten sie mit der Zeit. Themengärten dieser Art sind selten, das wissen die beiden. Seine Inspiration und Ideen holte sich das Ehepaar auf verschiedenen Gartenreisen durch Deutschland, die Niederlande und Spanien. Auch Gartenschauen und Gartenliteratur gaben immer wieder neue Anstöße. Marianne Burmester-Möller ist an einer zurückhaltenden Dekoration gelegen, und die Gestaltung mit Steinen ist ihr Steckenpferd.

In ständiger Bewegung

Was sich nach viel Arbeit anhört – und auch danach aussieht – empfinden die Burmesters nur halb so anstrengend. „Wir haben eine ausgefeilte Bewirtschaftungstechnik entwickelt. Der Garten muss ja auch Spaß machen”, erklärt Marianne Burmester-Müller. „Es geht immer darum, dass die Pflege einfach ist. Und wenn etwas nicht funktioniert, wird es abgeschafft.” Der Garten ist in ständiger Bewegung, so dass auch Gäste, die regelmäßig wieder kommen, Veränderungen wahrnehmen. Manche Anregungen von Besuchern greifen die Hobbygärtner in der Gestaltung auf. „Zum Beispiel meinten Gäste aus Süddeutschland, im New-York-Garten fehle ein Trump-el-Pfad. Auch diese Gästeidee haben wir umgesetzt”, sagt sie schmunzelnd. „Inzwischen ranken sich schon einige Geschichten um diesen Gag.” Einer ihrer Söhne lebt in New York, und so gaben Besuche in den USA den Anstoß für den New-York-Garten. Ortsschilder dafür brachte sie gleich von dort mit. Der Garten der Burmesters ist in der Umgebung bekannt, auch im Fernsehen und in Gartenratgebern und -büchern tauchte er schon auf. So verwundert es nicht, dass Marianne Burmester-Müller regelmäßig Anrufe von Gartenbesitzern erhält, die Ratschläge suchen – ob zu Sorten, dem Schneiden oder Bezugsquellen von Pflanzen. Mit Schädlingen haben die Burmesters selten zu kämpfen. „Wir arbeiten sehr gezielt mit Pflanzenschutz”, so Marianne Burmester-Müller. Bauerngärten seien traditionell zum Schutz mit kleinen Buchshecken umsäumt, deren Geruch beispielsweise die Raupen vom Kohl fernhalte. Sei der Buchs von Spitzenpilz befallen, könne man diesen zurückschneiden. Auch Unkraut habe sie durch geschickte Bepflanzung und Mulchen kaum. Es gibt unzählige Insekten, Schmetterlinge und sogar das Taubenschwänzchen. Durch das Mulchen entsteht ein Kleinklima mit vielen wichtigen Kleinstlebewesen. Für die Planung der Themengärten liest sich das Ehepaar viel Wissen an – zum Beispiel über japanische Gärten. „Das ist ein sehr schwieriges Planungsthema, da muss man sich sehr schlau machen”, so Marianne Burmester-Müller. Die Trittsteine müssen richtig liegen, denn man schreitet und meditiert am Teich, dabei beobachtet man den Wasserspiegel. Der Teich hat die Form des japanischen Schriftzeichens für Wasser, dieses haben Gäste aus Naruto und Tokio schon bestätigt. Zum Kaiserwechsel in Japan pflanzte sie extra Chrysanthemen, die Wappenblume des Kaisers.

Schlechtes Wetter gibt es nicht

Marianne Burmester-Müller würde gerne noch einen maurischen Garten anlegen, doch es ist zunächst ein mediterraner Garten geworden. „Mich interessiert immer die Kulturgeschichte dazu, und die muslimische Richtung eines maurischen Gartens ist in der Umsetzung ebenso schwierig”, sagt sie. Die schweren Arbeiten bei der Gartengestaltung übernimmt in der Regel ihr Mann, doch für einige Arbeiten haben sie inzwischen einen Helfer eingestellt. „Unfallträchtige Sachen muss man irgendwann abgeben”, meint sie. Die Burmesters verbringen viel Zeit in ihrem Garten, doch die Arbeit hält sich in Grenzen. Die Gartenbesitzerin betont: „Ich muss auf keinen Fall von vorne anfangen, wenn ich gerade hinten fertig geworden bin. Ich will nicht nur mit Pflege beschäftigt sein, ich gestalte lieber.” Das Ehepaar legt Wert darauf, den Spaß am eigenen Garten zu behalten. „Es hat ja auch einen Gesundheitswert. Und schlechtes Wetter gibt es nicht”, so die Niendorferin. Die Hobbygärtnerin setzt auf Pflanzen, die bei uns gut wachsen. Viele Pflanzen würden sich auch aussamen, so dass man manchmal von einem „gepflegten Durcheinander” sprechen könne. Natürlich kann auch ihnen mal eine Pflanze eingehen, und ein heißer Sommer wie in 2018 oder ein frostiger Winter kann zu starken Schäden führen. Doch beregnet werde nicht, wenn die Pflanzen noch gut aussehen. Dafür hat die Expertin eine Erklärung: „Man muss die Pflanzen zum Tiefwurzeln erziehen, und das machen sie erst, wenn sie nicht so viel gegossen werden.” Während sie die größten Vorlieben für ihre Rosen, Alpenveilchen, Christrosen oder Zaubernuss hat, hängt das Herz ihres Mannes eher an den Bäumen, wie der besonderen Mahagonikirsche oder dem rotlaubigen Buchenbogen. Bei der Führung gibt es individuelle Hinweise auf besondere Gewächse wie die alten Rittersporn-Sorten, die beständiger sind als die neuen, die alte Moosrose Cristata Chapeau de Napoleon oder die im Herbst blühenden Sieben Söhne des Himmels. Irgend etwas gibt es immer zu entdecken, auch das Ehepaar Burmester erspäht bei jedem Rundgang etwas Neues. Gerne setzen sich die beiden selbst auf eine Sitzbank in einem ihrer Gartenabschnitte und genießen den Anblick und die friedliche Stille. Doch zur Ruhe setzen sie sich deshalb noch lange nicht. (JVE)

TERMIN: Offene Gartenpforte bei Heinrich Burmester und Marianne Burmester-Müller, Im Dorfe 12, Niendorf bei Bienenbüttel, Samstag und Sonntag, 7. und 8. September, jeweils 10 bis 18 Uhr, Führungen auch ganzjährig nach Vereinbarung, Kosten 3 € pro Person, Tel.
(0 58 23) 3 42, E-Mail burmester.niendorf@gmail.com, www.rosengarten-niendorf.de

Den Wurzeln treu

Donata Burmester will in Deutschland afrikanische Mode online verkaufen

Die gebürtige Kenianerin Donata Burmester lebt seit mehr als 25 Jahren in Deutschland. Ihrem Heimatland und -kontinent fühlt sie sich aber nach wie vor verbunden. Mit einem Online-Shop will sie jetzt afrikanische Mode und Accessoires nach Deutschland bringen.

Geboren ist Donata Burmester in einem kleinen Dorf in Kenia, aufgewachsen in der zweitgrößten Stadt Kenias, Mombasa. Ihre Mutter war 16, als sie sie zur Welt brachte, und so wurde Donata im Kreis der Familie großgezogen. „Wir waren es gewohnt, bei den Tanten oder Oma zu sein”, erinnert sich die 39-Jährige. Eine von Donatas Tanten, die mit einem Deutschen verheiratet war und in Neetze lebte, holte sie schließlich zu sich nach Deutschland, als Donata zwölf war. Auf ihren Umzug vorbereitet wurde das junge Mädchen damals nicht. „Ich war in Kenia im Internat. Eines Tages hat mich meine Mutter von der Schule abgeholt und mir gesagt, dass es morgen nach Deutschland geht”, erzählt sie, „dann sind wir losgegangen und haben Klamotten für Deutschland gekauft. Am nächsten Tag bin ich mit meiner Mutter rübergeflogen.” In Deutschland lebte sich Donata Burmester schnell ein. Ihre Tante und deren Mann, die das Mädchen adoptiert hatten, waren für sie wie Eltern. Zum Deutschlernen wurde sie ein paar Jahrgänge niedriger in der Grundschule in Neetze eingeschult. Für Heimweh hatte Donata keine Zeit: „Ich habe mich nicht damit beschäftigt, ob ich zurück will. Ich war damit beschäftigt, was um mich herum passiert.” Das Leben in Deutschland war für die Kenianerin eine Umstellung. „Es war für mich ganz neu, dass man spätabends noch raus kann”, erinnert sie sich. „Außerdem hatte ich nicht mehr so viele Aufgaben im Haushalt. Zu Hause war ich die große Schwester und habe Wäsche gewaschen, gekocht und auf die Geschwister aufgepasst. Auch im Internat habe ich noch auf sie aufgepasst, aber das musste ich jetzt nicht mehr.” Donatas jüngere Schwester kam ein paar Jahre später auch zur Tante nach Neetze, während ihr Bruder in Kenia blieb. Ihre leibliche Mutter bemühte sich zu dieser Zeit, sie mindestens alle zwei Jahre in Deutschland zu besuchen.

Von klein auf Liebe zur Mode

In ihrer Pubertät geriet Donata Burmester oft mit ihrer Tante aneinander – so schlimm, dass diese sie nach Kenia zurückbringen wollte. „Sie wollte nicht, dass ich in die Disco gehe oder dass ich abends rausgehe, ich sollte keine kurzen Röcke tragen…”, berichtet die 39-Jährige. Es gab viele Diskussionen innerhalb der Familie, auch in Kenia, doch Donata blieb in Deutschland. Mit 16 Jahren zog sie schließlich in ein Jugendwohnheim in Lüneburg und wechselte von der Schule in Bleckede nach Oedeme, wo sie ihren Realschulabschluss machte. Donata Burmester hegte von klein auf eine Leidenschaft für Mode und wollte Modedesignerin werden. „Das Wohnheim hat mich aber wohl so geprägt, dass ich dann Sozialpädagogin werden wollte”, erzählt sie schmunzelnd. Kurz nach dem Beginn ihrer Ausbildung wurde sie schwanger und unterbrach diese, um sich um ihren Sohn zu kümmern. Den Kleinen zog Donata alleine in Lüneburg groß, heute ist er fast 18 und lebt bei seinem Vater in den USA. Nach einem Jahr Erziehungszeit nahm Donata ihre Ausbildung wieder auf, anfangs an der Fachschule für Sozialpädagogik in Lüneburg, später in Hamburg. „Mein Ziehvater und meine Schwester waren zu der Zeit eine große Hilfe”, erklärt sie.

Afrobeat-Konzerte & Laufstegpartys

Nach ihrer Ausbildung arbeitete Donata zunächst in einem Jugendzentrum, später in dem Lüneburger Jugendwohnheim, in dem sie als Jugendliche gelebt hatte. Seit sieben Jahren hat sie nun eine Teilzeitstelle im Kindergarten in Melbeck. Ihren Hang zur Mode hat sie aber noch nicht abgelegt: „Ich hatte nach der Ausbildung überlegt, noch Modedesign zu studieren, aber das hätte mir zu lange gedauert.” Stattdessen rutschte sie durch ihren ghanaischen Freund, der einen Club in Hamburg hatte, in den Eventbereich, übernahm die Aufgaben einer Assis-tentin für ihn. Neben der Arbeit belegte sie einen fünfmonatigen Eventkurs. Donata Burmester reist regelmäßig in ihr Heimatland. Ein- bis zweimal pro Jahr besucht sie ihre Verwandtschaft in Kenia, knüpft aber auch Kontakte. Ihre Identität als Afrikanerin oder „Afrodeutsche”, wie sie sich nennt, ist ein wichtiger Teil von ihr, und so hat sie sich auch im Eventbereich auf Afrika spezialisiert. In unregelmäßigen Abständen organisiert sie Afrobeat-Konzerte und -Partys in Hamburg und Umgebung, aber auch Laufstegpartys und Modenschauen afrikanischer Designer. Auch den Wettbewerb „Miss Kenya Germany”, der bereits in unterschiedlichen deutschen Städten ausgetragen wurde, etablierte die 39-Jährige in Deutschland. Für diese Arbeit ist Donata sehr aktiv in den sozialen Netzwerken, recherchiert nach afrikanischen Künstlern, sucht sie aus und schreibt sie an. Bei den Konzerten, die sie gemeinsam mit ihrem Freund organisiert, wird möglichst ein Künstler aus der Region als Voract eingebunden, entweder deutsche Afrobeat-Künstler oder Afrikaner, die in Deutschland leben. Die Vorbereitungen sind aufwendig, heraus kommen ein bis zwei große Events im Jahr. Das Interesse für den Afrobeat kam bei Donata erst mit 17 Jahren auf. „Vorher hatte ich alles durchgemacht, ob Hip Hop, Goa oder Punk. Dann habe ich mich auf meine Wurzeln besonnen”, erklärt sie.

Mode ausgesuchter Designer

Die Abschlussarbeit für ihren Eventkurs war die Vorbereitung eines Africa Fashion Days. Als sie diesen später in die Tat umsetzen wollte, erfuhr sie jedoch, dass es dieses Event bereits in Berlin gibt. Ihre Leidenschaft für die Mode, vornehmlich afrikanische, trieb die Kenianerin schließlich dazu an, ein Unternehmen zu gründen. Ihre neue Geschäftsidee heißt „Afroschick” und ist ein Online-Shop für afrikanische Mode und Accessoires. „Es gibt Online-Shops für afrikanische Mode in den USA, England und den Niederlanden, aber nicht in Deutschland”, so Donata, die sich von ihrer Idee viel verspricht. In ihren Augen macht Afroschick aus vielerlei Hinsicht Sinn: Wer afrikanische Mode im Ausland oder gar in Afrika selbst bestellt, wartet bis zu sechs Wochen auf seine Ware. Der Kundenservice ist nicht deutschsprachig, was zu Schwierigkeiten bei Reklamationen oder im allgemeinen Kundenkontakt führen kann. Auch die Bezahlung der Ware ins Ausland ist komplizierter, und ob sie überhaupt in Deutschland ankommt, ist ungewiss. Mit Afroschick will Donata Burmester die original afrikanischen Waren von ausgesuchten Designern in die Kleiderschränke der Deutschen bringen. Noch hat Donata keine Ware auf Lager, denn das Unternehmen steht noch am Anfang und soll Ende des Jahres umgesetzt werden. Bei einem Startup-Weekend in Lüneburg lernte die Gründerin Sven Kohagen kennen, der sie zukünftig bei Afroschick als Partner begleiten wird. Mit ihrer Idee nahmen sie auch am Heidecrowd-Contest der IHK teil, denn Crowdfunding wäre eine gute Möglichkeit der Erstfinanzierung. In ihrer Freizeit trägt Donata Burmester selbst gerne afrikanische Mode. „Viele denken, dass afrikanische Mode immer nur bunt ist, es gibt aber auch andere Designer”, erklärt sie. Sie möchte in ihrem Online-Shop Alltagskleidung und Streetwear, aber auch Bademode bis hin zu High-End-Fashion anbieten. „Wir wollen alle ansprechen, nicht nur Afrikaner”, betont sie. Sie kann sich gut vorstellen, dass bei den deutschen Kunden vor allem afrikanischer Schmuck und Schals gut ankommen könnten. „Es geht mir um Produkte, die in Afrika hergestellt werden. Die meisten Designer versuchen, alles in Afrika zu produzieren – nur mit solchen wollen wir arbeiten.” Donata Burmester und Sven Kohagen stehen kurz vor der Unternehmensgründung, momentan finanzieren sie alles mit privatem Geld. Donata möchte in Deutschland bekannte Marken aus Afrika vertreiben. Ihre Herkunft könne ihr dabei zu mehr Authentizität verhelfen, glaubt sie. Zwar werde auf afrikanischen Festen und Märkten in Deutschland auch Mode verkauft, doch nur No-Name-Produkte.

Kontakte knüpfen in Afrika

Ihr Arbeitgeber kennt Donatas Leidenschaft zur Mode. Sollte Afroschick eines Tages richtig gut laufen, würde sie ihren Job im Kindergarten aufgeben. Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun. „Ich bin ziemlich geduldig und hartnäckig”, sagt die Gründerin. „Im ersten Jahr machst Du nur Werbung und verdienst noch kein Geld, vielleicht auch in den ersten zwei Jahren. Am Anfang müssten wir auch jedes Paket noch selbst zur Post bringen.” Donata hat Kontakt zu vielen Designern in Afrika und trifft sich auch bei ihren Familienbesuchen vor Ort mit ihnen. Einige haben bereits Interesse an ihrer Geschäftsidee gezeigt. Sie hofft, dass die Designer ihr als Vorschuss Kleidung für ihr Lager zur Verfügung stellen – das wäre zunächst ihr eigener Keller. „Wir wollen natürlich große Mengen erreichen, erst dann kann man Geld verdienen.” Auch über einen Laden mit afrikanischer Mode hat Donata schon nachgedacht, doch sie scheut die Kosten und wünscht sich eine größere Reichweite. „Ein Pop-Up-Store wäre aber möglich, indem man ab und zu etwas mietet.” Donata Burmester ist optimistisch, was den Aufbau ihres Online-Shops angeht. „Wenn es ein paar Jahre nicht läuft, dann mache ich das underground und verkaufe die Klamotten aus dem Keller”, meint sie schmunzelnd. Alt werden will die Kenianerin in Deutschland aber nicht. Ihre Familie und das warme Wetter ziehen sie immer wieder in ihre Heimat zurück, zumal ihre Tante, die für sie wie eine Mutter war, bereits 2006 verstorben ist. Ihre leibliche Mutter ist nach all den Jahren erstaunt, wie afrikanisch ihre Tochter geblieben ist. „Aber sie finden mich teilweise schon typisch deutsch.” (JVE)

Keine Angst von neuer Technik

Die Lüneburger Universitätsprofessorin Prof. Dr. Sabine Remdisch arbeitet als Gastwissenschaftlerin im Silicon Valley

Wer es im Silicon Valley zu etwas bringen will, sollte sich nicht an deutschen Karrieretugenden messen. „Die Frage im Silicon Valley lautet: Was willst du bewegen, wie willst du die Welt besser machen?”, weiß Prof. Dr. Sabine Remdisch aus eigener Erfahrung. Die studierte Psychologin mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie war mit gerade einmal 30 Jahren die erste berufene Professorin für den damals neuen Studiengang Wirtschaftspsychologie an der heutigen Leuphana Universität Lüneburg. Hier gründete sie auch das Institut für Performance Management, wo heute die „Personaler der Zukunft” ausgebildet werden, und war zudem von 2006 bis 2010 Vizepräsidentin der Universität. „Ich wollte immer Psychologin werden und habe mir überlegt, wo der Mensch die meiste Zeit verbringt – und das ist der Arbeitsplatz”, erläutert sie. Deshalb entschied sie sich für den Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie. Das Zukunftsthema Nummer eins ist dabei die Digitalisierung – und wo lässt sich am besten ablesen, wie Unternehmen und Menschen in der digitalen Arbeitswelt maximal erfolgreich sein können? „Es war schnell klar, dass es das Silicon Valley ist”, sagt sie. So bewarb sich Prof. Dr. Sabine Remdisch als Gastwissenschaftlerin an der Stanford University und pendelt seitdem mehrmals pro Jahr zwischen ihrem Arbeitsplatz an der Leuphana Universität Lüneburg und dem im Silicon Valley, wo sie ganz unmittelbar zu Themen rund um das Führen und Arbeiten in der digitalen Welt forscht. Verschiedenste Studien konnten Prof. Dr. Remdisch und ihr Team bis heute realisieren und spannende Erkenntnisse für die Praxis gewinnen. Die sogenannten Five Switches gehören beispielsweise dazu – die fünf Schalter, die Unternehmen umlegen müssen, um für die digitale Transformation gerüstet zu sein: Workplace, Collaboration, Empowerment, Leadership, Culture. Gemeint sind damit unter anderem flexible und kreativitätsförderliche Arbeitsumgebungen, eine starke Vernetzung und das Teilen von Wissen und Werten, das Einräumen von Handlungs- und Entscheidungsfreiräumen der Mitarbeitenden und die Entwicklung einer starken Innovationskultur. Im Silicon Valley sind all diese Attribute eine Selbstverständlichkeit. „Dieser Ort ist erfüllt von einer Kultur der permanenten Veränderung und Innovation, in der jeder mit Neugierde, Eifer und Schnelligkeit ans Werk geht. Das Valley ist disruptiv, unternehmerisch, und wer es hier beim ersten Mal nicht schafft, versucht es einfach weiter, bis eine Idee dann tatsächlich durchschlägt und Gewinne einfährt“, erklärt sie. Scheitern zu dürfen, eine hohe Risikobereitschaft und die Durchlässigkeit zwischen dem Campus- und dem unternehmerischen Leben kennzeichneten diesen Ort.

Zukunftsthema Digitalisierung

Um ihre Erkenntnisse auch in die deutsche Forschung und Praxis fließen zu lassen, entwickelte Prof. Dr. Sabine Remdisch 2014 mit ihrem Institut an der Leuphana im Zusammenspiel mit dem H-STAR Institute der Stanford University und renommierten Unternehmen die LeadershipGarage. An dieser Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft forscht sie kollaborativ zu den Themen Digital Preparedness, Digital Leadership und Digital Collaboration. Dabei verfügt die LeadershipGarage über eine ganz eigene Arbeitsatmosphäre, die sich an der Digital-, Innovations- und Fehlerkultur des Silicon Valley ausrichtet. Im Fokus der LeadershipGarage steht der Anspruch, Führungskräften geeignete Konzepte und Tools an die Hand zu geben, um auch deren Unternehmen und Mitarbeitende in eine zukunftsfähige Unternehmenskultur führen zu können. Zu den jüngsten Errungenschaften der LeadershipGarage zählt das Digital Leadership Lab an der Leuphana Universität Lüneburg: Hier können innovative Technologien und Arbeitsweisen praktisch ausprobiert und unter wissenschaftlicher Leitung zu erfolgreichen Digital- und Innovationskulturen entwickelt werden. „Wir arbeiten mit regionalen Unternehmen, hören, was sie interessiert und entwickeln entsprechende Angebote”, erklärt Prof. Dr. Sabine Remdisch das Lab-Konzept.

Beamen statt Skypen

Eine dieser technischen Novitäten ist der Telepräsenzroboter, der in den USA schon regelmäßig, in Deutschland erst langsam im Arbeitsleben eingesetzt wird. Von der Funktion her ein Tablet auf einem fahrbaren Stick, lässt er sich aus der Ferne steuern und erlaubt zum Beispiel Führungskräften auch über räumliche Distanzen hinweg nahezu von Angesicht zu Angesicht mit ihren Mitarbeitenden zu kommunizieren. Dazu „beamt“ sich die Führungskraft per Tablet an ihren Wunschort und kann sich dank des fahrbaren Sticks dort ganz frei bewegen. Eine für Prof. Dr. Remdisch wichtige Forschungsfrage in Bezug auf diese Telepräsenzroboter ist, wie sich bei deren Nutzung das für Führungserfolg auch künftig unverzichtbare Vertrauen aufbauen lässt. Gesten fallen weg, die Führungskraft muss sich auf das verlassen, was ihr der Mitarbeiter berichtet, eine Kontrolle ist über die Entfernung nicht möglich. „Die Frage ist zum Beispiel, ob sich mit Hilfe von Telepräsenzrobotern besser Vertrauen aufzubauen lässt als beim Telefonieren oder mit Webkonferenzen”, ergänzt die Professorin. Zu diesem Thema hat Prof. Dr. Sabine Remdisch in den USA eine Studie mit Führungskräften von Airbus durchgeführt, die den Telepräsenzroboter in verschiedenen Situationen testeten. Dabei zeigte sich, dass für eine erfolgreiche Kommunikation mit dieser Technologie drei Ebenen zu berücksichtigen sind: die personelle, die interpersonelle und die organisationale Ebene. Auf der personalen Ebene geht es um die Beziehung zwischen Nutzer und Telepräsenzroboter, die interpersonelle Ebene fokussiert das Verständnis für die zwischenmenschlichen Interaktionen während der Nutzung, und die organisationale Ebene betrifft die Auswirkungen der Nutzung in Bezug auf die gesamte Organisation. So zeigte sich etwa, dass die Nutzung eines Telepräsenzroboters für eine verstärkte Selbstaufmerksamkeit sorgt, denn bei dieser Form der Kommunikation sieht der Nutzer immer auch sich selbst und achtet daher mehr auf das eigene Aussehen. Eine weitere Erkenntnis ist, dass sich die Organisationskultur eines Unternehmens durch die Nutzung der Roboter verändert beziehungsweise verändern muss. Nur eine angepasste, eine Digitale Kultur ermöglicht den sogenannten Mindset Shift. Eine veränderte Denkweise ist unabdingbar, wenn es darum geht, Führungskräfte und Mitarbeitende auf ihre neuen Rollen in der digitalen Arbeitswelt vorzubereiten und ihnen die Aufnahme neuer Technologien zu ermöglichen. Mit Studien wie dieser hilft die LeadershipGarage Unternehmen, Führungskräften und deren Mitarbeitenden, die mit dem digitalen Wandel zusammenhängenden Herausforderungen zu meistern.

„Always on” als Chance

Gerade im Hinblick auf den Umgang mit den neuen Kommunikationstechnologien ist unser Leben sehr anders als das digitale Leben im Silicon Valley. Während bei uns die Möglichkeit der ständigen Erreichbarkeit und des „Always-on-Seins“ häufig als Belastung gilt, wird es im Silicon Valley als Chance betrachtet. „Die Menschen im Silicon Valley fragen: Wie können wir mit der digitalen Technik ein besseres und gesünderes Leben führen?”, berichtet Prof. Dr. Sabine Remdisch. Die Einstellung zur Technik und die Herangehensweise seien anders als in Deutschland: „Es ist ein positiver Wert, der von der Technik ausgeht.” Ein anderes Forschungsfeld von Prof. Dr. Sabine Remdisch und ihrem Team, das im Leadership Lab bearbeitet wird, ist der Einsatz mobiler Datenbrillen im Arbeitsleben. Die sogenannten Smart Glasses werden beispielsweise zur Arbeit an Maschinen eingesetzt: Die Führungskraft lässt sich das, was der Mitarbeitende an der Maschine sieht, auf die Brille schalten und kann so sehen, was der Mitarbeitende sieht. Auch technische Fehler werden von der Brille erkannt. Datenbrillen ermöglichen somit Führung auf Distanz, in diesem Falle eine Fernproblemlösung oder Ferninstruktion. Mit Blick auf diese Praxis ergeben sich interessante Fragestellungen für die wissenschaftliche Forschung: Wie gebe ich als Führungskraft mittels digitaler Technologien die richtigen Instruktionen? Wie fühlt sich dabei der Mitarbeitende, ist das ein zu großer Eingriff in seine Privatsphäre?

Silicon Valley hat technischen Vorsprung

Antworten auf solche Fragen helfen, die Angst vor diesen Technologien abzubauen. „Im Silicon Valley gilt, dass man kontinuierlich nach innovativen Lösungen suchen muss”, weiß Prof. Dr. Sabine Remdisch. Dort besuchen die Menschen, so berichtet sie, sogar in ihrer Freizeit Veranstaltungen und Seminare rund um die Technik, weil sie einfach neugierig sind und Neues lernen wollen. Auch Freitagabendveranstaltungen seien gut besucht, weil niemand das als Arbeit ansehe. „Ich finde das faszinierend: Die Kollegen besuchen in ihrer Freizeit ein Seminar zu künstlicher Intelligenz”, erzählt sie begeistert, „einfach, weil sie an der Innovation dran bleiben wollen“. Als Prof. Dr. Sabine Remdisch vor fünf Jahren das erste Mal in die USA ging, bemerkte sie sofort den technischen Vorsprung gegenüber Deutschland. „Das war schon sehr deutlich, aber Deutschland hat etwas aufgeholt”, meint sie heute. Webkonferenzen seien normal und man lebe mit seinem Smartphone. Das aktuelle Thema, über das zurzeit jeder im Silicon Valley rede, sei die künstliche Intelligenz (KI). „Auch da müssen wir Deutsche und Europäer uns noch einiges aneignen”, ist sie überzeugt. Die LeadershipGarage ist gerade in eine neue Runde gegangen. Ganz oben auf der Agenda steht auch der Themenbereich KI. Ihre Erkenntnisse fassen die Leuphana-Professorin und ihre Mitarbeiter regelmäßig im „LeadershipGarage Blog” (www.leadershipgarage.de) zusammen, außerdem organisieren sie zweimal im Jahr die „LeadershipGarage Lounge”, ein Austauschformat für Wissenschaftler und Unternehmensvertreter. Die nächste Lounge findet im November zum Thema „Führung und KI“ statt. (LEU)

An der Schnittstelle

Susanne Schumacher führt als Willkommenslotsin arbeitsuchende Geflüchtete und Unternehmen zusammen

Ob Jugendhilfe, Politik, Naturschutz oder Marketing: Susanne Schumacher hatte in ihrer Laufbahn schon viele Jobs. In ihrer neuen Anstellung als Willkommenslotsin bei der IHK Lüneburg schließt sich der Kreis, denn hier kann sie ihre gesammelten Erfahrungen einbringen. Die 48-Jährige hilft im Kammerbezirk Lüneburg-Wolfsburg, für Geflüchtete den passenden Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden – und für Unternehmen die passenden Mitarbeiter. Die gebürtige Stuttgarterin, die in einem Dorf in Baden-Württemberg aufwuchs, zog 1993 nach Lüneburg, um Umweltwissenschaften zu studieren. „Ich habe vorher im Auslandsstudium in Italien Leute kennen gelernt, die mir von Lüneburg vorschwärmten”, erinnert sie sich. Als sie die Stadt kennen lernte, war es sofort um sie geschehen: Inzwischen kann sich Susanne Schumacher keinen schöneren Ort zum Leben und Arbeiten mehr vorstellen. Nach dem Studium war es für Susanne Schumacher erst eine Notlösung, in der Jugend- und Erwachsenenbildung zu arbeiten. „Mein Studium der Umweltwissenschaften hatte einen geo-botanischen Schwerpunkt. Ich wollte aber mehr mit Menschen arbeiten”, erklärt sie. Bei verschiedenen Lüneburger Bildungsträgern unterrichtete sie Fächer wie Mathe, Deutsch und Englisch, gab Bewerbungs- und Telefontraining.

Mutter der Nation und Feldwebel

Die Aufgaben wurden stetig mehr, bis Susanne Schumacher 2001 ein Job beim Verein Jugendhilfe e.V. in Lüneburg angeboten wurde, der es in sich hatte: Im Rahmen des aha!-Projektes wurde sie als Lehrerin für drogenabhängige Jugendliche eingestellt. „Auf der einen Seite musste ich den Schülern wohlwollend und zugewandt gegenübertreten, auf der anderen Seite eisenhart sein. Ich war im einen Moment die Mutter der Nation und im nächsten Moment der Feldwebel.” Die Jugendlichen zu unterrichten war eine wesentlich größere Herausforderung als die Erwachsenenbildung. Meist hatten die jungen Leute keine Lust auf Unterricht und hinterfragten manches Mal den Sinn. „Da braucht man eine ureigene Motivation”, meint Susanne Schumacher. Drei Jahre hängte sie sich in das Projekt. Dann nahm ihre berufliche Laufbahn eine totale Kehrtwende: Da sie nebenbei bereits die CDU journalistisch begleitet hatte, ergab sich 2003 die Möglichkeit, bei dem Wahlgewinner im niedersächsischen Landtag aktiv zu werden. Susanne Schumacher arbeitete fortan als Wissenschaftliche Referentin für Frauen, Familie, Gesundheit, Soziales, Petitionen & Bau der CDU-Fraktion. „Das war ein krasser Gegensatz zur Jugendhilfe. Vorher hatte ich mit Tätowierten und Abhängigen zu tun, nun mit Anzugträgern”, erzählt sie, „ein Wechsel von einer Welt in die komplett andere.” Trotzdem gab es auch hier Schnittmengen: Als Einzige im Arbeitskreis Soziales, die praktische Erfahrung mit der Drogenhilfe hatte, setzte sie sich zum Beispiel erfolgreich gegen Kürzungen in diesem Bereich ein. Für ihren Job in der Politik zog Susanne Schumacher nicht aus ihrem geliebten Lüneburg weg, sie pendelte mit dem Zug nach Hannover, arbeitete Tag und Nacht und übernachtete teilweise sogar im Büro. Als ihre Chefin Ministerin wurde, bot sich Susanne Schumacher als deren persönliche Referentin an und war ab dann Referentin der Ministerin für Frauen, Familie, Gesundheit, Soziales und Bau. 15 Monate absolvierte sie diese Arbeit, „ein Knochenjob”. Für Notfälle nahm sie sich ein WG-Zimmer in Hannover, denn immer wieder verpasste sie den letzten Zug zurück. Es folgten Zwischenstationen in den Bereichen Gewaltschutz und Zwangsprostitution sowie im Referat Frauen & Arbeitsmarkt. Mit dem Wechsel ins Frauenreferat konnte sie ihr WG-Zimmer kündigen, denn sie hatte nach Jahren erstmals wieder einen planbaren Feierabend.

Von der Politik in die Natur

Zu dieser Zeit lebte Susanne Schumacher in Lüneburg in einem Wohnprojekt im Roten Feld. Das Pendeln ging ihr zunehmend auf die Nerven. „Im sechsten Jahr hatte ich die Nase voll von der Pendelei”, erinnert sie sich. Eine Kollegin zeigte ihr im richtigen Moment eine Stellenanzeige des Umweltministeriums, „ein Traum für jeden Umweltwissenschaftler”. 2009 trat sie die Stelle an der Alfred Toepfer Naturschutz Akademie in Schneverdingen an, wo sie stellvertretende Fachbereichsleiterin für Bildung & Kommunikation wurde. Der Gegensatz zur Arbeit in Hannover war frappierend: „Es gab nur Weite und ab und zu eine Schafherde, das war Natur pur.” Nach einem Jahr in Schneverdingen verspürte Susanne Schumacher erneut Aufbruchsstimmung. Sie hinterfragte ihre Ziele, suchte zwischenzeitig nach einer Immobilie näher an der Naturschutzakademie – bis ihr eine Freundin die Nachfolge in ihrem Job anbot, diesmal in Bremen. Sie bekam die Stelle, doch für Bremen gab sie das erste Mal ihren festen Wohnsitz in Lüneburg auf. Sie zog 2010 in einen Bremer Vorort und nahm ihre neue Arbeit als Marketingleiterin eines internationalen Architektur- und Ingenieur-Dienstleisters an. „Das war wieder ein 24-Stunden-Job”, erzählt die 48-Jährige. Ihr Plan war, drei Jahre Erfahrung in der freien Wirtschaft zu sammeln, doch als diese verstrichen waren, war aufgrund einer Umstrukturierung im Betrieb an einen Weggang nicht zu denken. Während ihrer Bremer Zeit, die sich auf acht Jahre erstreckte, plagte Susanne Schumacher das Heimweh nach Lüneburg. „Ich habe zunehmend gemerkt, dass ich da weg will und habe immer wieder Bewerbungen nach Lüneburg geschickt”, erzählt sie. Als sie die Stellenanzeige der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg für einen Willkommenslotsen entdeckte, war es für sie ein Volltreffer. „In diesem Job kommt alles zusammen, was ich bisher gemacht habe”, sagt sie. Und im Sommer 2018 hatte sie bereits eine Wohnung in Melbeck gekauft.

Netzwerkqualitäten zählen

Seit dem 2. Januar ist Susanne Schumacher Willkommenslotsin bei der IHK Lüneburg-Wolfsburg. Ihr Job ist die Schnittstelle zwischen Unternehmen, die händeringend nach Fachkräften suchen und jungen Geflüchteten, die einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle suchen. Sie bringt beide Seiten zusammen. In dem zunächst auf ein Jahr befristeten Projekt „Willkommenslotsen”, das vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wird, kann Susanne Schumacher ihre Netzwerkqualitäten voll ausschöpfen. Da die Stelle ein halbes Jahr vakant war, ist sie zunächst dabei, Netzwerke neu aufzubauen. Sie knüpft Kontakte zu allen, die von ihrer Arbeit profitieren könnten. So besucht sie in ihrem Kammerbezirk, der sich von Hamburg-Harburg bis Wolfsburg und vom Heidekreis bis Lüchow-Dannenberg erstreckt, Berufswahlmessen, Regionaltreffen zu Themen wie Migration, Teilhabe und Integration von Flüchtlingen und sucht Kontakt zu Arbeitsagenturen, zu Einrichtungen wie Caritas und Diakonien oder den Landkreisen. Bei Netzwerktreffen mit Willkommenslotsen anderer Kammern werden Praxiserfahrungen ausgetauscht. „Ich vernetze mich was das Zeug hält, ich muss mich erst einmal bemerkbar machen”, meint sie. Fortbildungen sind für die Willkommenslotsin essentiell. Da sie über Fördermöglichkeiten, rechtliche Rahmenbedingungen oder zur konkreten Organisation im Betrieb berät, muss sie sich immer auf dem Laufenden halten. Geschult wird sie dafür vom KOFA, dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung, das ihr das Rüstzeug an die Hand gibt. Auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) als Organisator des Projektes stellt Informationen zur Verfügung. „Die Änderungen erschweren die Arbeit, politisch ist viel im Fluss”, so die 48-Jährige. „Auf einmal ist ein eben noch sicheres Herkunftsland ein unsicheres. Dadurch hat man es im Grunde immer mit Einzelfällen zu tun.” Hat ein Geflüchteter einen konkreten Ausbildungswunsch, kann er oder sein Betreuer einen Termin bei der IHK ausmachen. Liegen die Berufswünsche im Zuständigkeitsbereich mehrerer Kammern, stimmt sich Susanne Schumacher mit der Landwirtschafts- und Handwerkskammer ab. Eine Standardberatung gibt es bei ihr nicht. Im Gespräch werden die individuellen Wünsche des Geflüchteten erörtert, aber auch Qualifikationsbedarf, Aufenthaltsstatus und Sprachkenntnisse hinterfragt. In detektivischer Kleinstarbeit muss Susanne Schumacher herausfinden, ob der Ausbildungs- und Berufswunsch realistisch ist – und welches Unternehmen zu ihm passen könnte. Umgekehrt hält sie Kontakt zu den Unternehmen, um sie zum Thema zu sensibilisieren und davon zu überzeugen, dass Flüchtlinge als Auszubildende oder Fachkräfte eine Bereicherung für jeden Betrieb darstellen können.

Hochmotivierte Flüchtlinge

Die Erfahrungen der ersten Monate zeigen: Bisher kommen ausschließlich Männer zu Susanne Schumacher, die im Schnitt zwischen 19 und 27 Jahre alt sind. Diese stammen überwiegend aus Syrien, Pakistan, Afghanistan und Irak. Am nachgefragtesten ist im IHK-Kammerbezirk der Beruf des Kfz-Mechatronikers, im Handwerk ist es unter anderem der Friseurberuf. Die größte Sorge von Unternehmen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen ist ein ungesicherter Aufenthaltsstatus, doch hierfür gibt es klare Vorgaben, so dass die Willkommenslotsin ihnen diese Angst nehmen kann. Wenn es gewünscht ist, begleitet sie Vorstellungsgespräche und bleibt Ansprechpartnerin für beide Seiten. Neben Praktika sind Einstiegsqualifizierungen eine beliebte Form der ersten Beschäftigung von Geflüchteten. Diese Möglichkeit gibt es seit 2004 und ist eine Art Langzeitpraktikum über sechs bis zwölf Monate. In dieser Zeit kann der Beschäftigte, der eine kleine Entlohnung erhält und krankenversichert ist, die Berufsschule besuchen, muss aber keine Prüfungen ablegen. Die Maßnahme wird vom Arbeitsamt gefördert, für die Unternehmen besteht kein finanzieller Aufwand. „Danach ist das Ziel, im gleichen Unternehmen eine Ausbildung anzufangen”, erklärt Susanne Schumacher. „Dafür ist eine große Offenheit da.” Die arbeitsuchenden Geflüchteten erlebt die Willkommenslotsin in ihrer Arbeit durchweg als höflich, gut vorbereitet, freundlich und hochmotiviert. „Die wollen wirklich alle hier arbeiten und ihr Bestes geben”, meint sie. Auch von den Unternehmen erhält sie nach erfolgreicher Vermittlung Rückmeldungen über überdurchschnittlich hohe Arbeitsleistungen und eine hohe Sozialkompetenz. In ihrem jetzigen Beruf kann Susanne Schumacher gebrauchen, was sie in den anderen Jobs gelernt hat. Ihr Englisch ist durch die Arbeit im internationalen Konzern sehr gut, Bewerbungstraining und andere Berufsvorbereitungen kann sie aus ihrer Zeit in der Jugendhilfe übernehmen. Ihre neue Arbeit sieht sie als ein Zwischending aus Behörde und Politik mit der richtigen Work-Life-Balance. „Und die Freude am Vernetzen ist in jedem Beruf wichtig.” (JVE)

Auf dem Weg zum Plastikfreien Leben

Der Umweltaktivist Christoph Schulz setzt sich gegen Plastikmüll ein

Eigentlich war Christoph Schulz auf der Suche nach einer neuen Geschäftsidee. Doch diese Suche veränderte sein Leben. Heute kämpft der 30-Jährige mit seinem Umweltschutzprojekt als Aktivist gegen den Plastikmüll – und lebt selbst nahezu plastikfrei. Aufgewachsen ist Christoph Schulz in Uelzen, auf dem Herzog-Ernst-Gymnasium machte er sein Abitur, bevor er eine Bankausbildung begann. Anschließend studierte er Online-Marketing. Für seine Bachelor-Arbeit zog er nach Berlin, wo er seit vier Jahren – inzwischen zusammen mit seiner Freundin – lebt. Dass er nicht im Angestelltenverhältnis arbeiten möchte, war Christoph in Berlin schnell klar. So startete er mit einem Freund seinen ersten Start-up-Versuch mit einer Vermietung technischer Geräte. „Wir wurden total ausgenutzt, es gab einfach zu viele Verbrecher und falsche Kunden. Uns fehlten aber die Möglichkeiten, die Kosten wieder einzutreiben”, erzählt der 30-Jährige. Aus dieser Pleite zogen sie die Lehre, in Selbstständigkeit Dinge lieber verkaufen zu wollen.

Haltbar bis 1981

Im Jahr 2016 reiste Christoph Schulz in den Urlaub nach Sri Lanka, „um mir darüber klar zu werden, was ich wirklich machen will.” Er war das erste Mal in Südostasien unterwegs und war entsetzt über den Plastikmüll in der Natur. Diese Erfahrung legte bei ihm urplötzlich einen Schalter um. „Ich habe eine Plastikflasche gefunden, deren Inhalt bis 1981 haltbar war. Da habe ich gemerkt, dass das Plastik wirklich unvergänglich ist. Wenn ich jetzt eine Plastikflasche wegschmeiße und in 60 Jahren gestorben bin, vergehen noch weitere 400 Jahre, bis sie sich zersetzt hat”, so Christoph. Der Urlauber konnte nicht wegschauen und organisierte vor Ort in Sri Lanka eine Aufräumaktion, ein Clean-Up, am Strand. Wieder in Deutschland angekommen, beschloss Christoph Schulz, sich auch beruflich mit dem plastikfreien Leben zu befassen. „Ich habe recherchiert, was es auf dem Markt an plastikfreien Produkten gibt”, erzählt der 30-Jährige. So sei er zum Beispiel auf Zahnbürsten aus Holz oder Holzhaarbürsten mit Wildschweinborsten gestoßen. Um seinen eigenen Beitrag zu diesen plastikfreien Alternativen zu leisten, begann er schließlich, sie selbst in kleinen Mengen und auf eigene Rechnung produzieren zu lassen und zu verkaufen. Zwar konnte er gut davon leben, inzwischen hat er sich jedoch darauf spezialisiert, die umweltfreundlichen Produkte zu testen und an Interessierte zu vermitteln. Auf seiner Webseite www.careelite.de, benannt nach dem von ihm gegründeten Umweltschutzprojekt, bloggt er regelmäßig über Neuheiten und Themen rund um plastikfreies, umweltfreundliches und nachhaltiges Leben. Von seiner Leserschaft, der Community, erhält Christoph Anregungen, welche Produkte plastikfrei produziert werden sollten. „Ich habe zum Beispiel den Vorschlag für einen Wasserkocher ohne Plastik bekommen. Die gibt es auch aus Glas. Wenn es das Produkt auf dem Markt aber noch nicht gibt, entwerfe ich das, suche Hersteller und schreibe sie an”, erklärt er. Dieses Produkt lasse er dann in kleinen Stückzahlen produzieren. Die Garantie für einen guten Absatz gibt es nicht. „Vielleicht will das auch keiner kaufen. Man muss den Markt erstmal kennen lernen”, erläutert Christoph.

Plastik nicht total verteufeln

Was den Haushalt angeht, hält Christoph Schulz nichts davon, Plastik grundsätzlich zu verteufeln. Sinnvoll sei es zum Beispiel nicht, aus gutem Vorsatz alles aus Plastik wegzuwerfen, um auf plastikfreie Alternativen umzusteigen. „Das wäre natürlich totaler Quatsch, man will ja auch keinen Müll machen”, meint er. Der Umstieg mache vor allem Sinn bei Dingen, die man oft wechselt – wie zum Beispiel Zahnbürsten. „Das muss man für sich selber entscheiden.” Der Uelzener rät allerdings dazu, Dinge, die schädliches BPA enthalten, sofort zu entsorgen. Auf Plastik im Haushalt zu verzichten, sei auch nicht in jedem Bereich sinnvoll, glaubt Christoph. „Eine PC-Tastatur ist zum Beispiel schwierig zu ersetzen”, außerdem würde man sie in der Regel lange nutzen. Sein Tipp lautet „Plastik einfach sinnvoll ersetzen”, zum Beispiel beim Einkaufen. Auf Plastiktüten beim Kauf von Obst und Gemüse könne man verzichten, zum Beispiel mit einem plastikfreien Gemüsenetz, das man immer wieder verwenden kann. In Berlin setze sich dieser Trend zur Plastikvermeidung zunehmend durch, hat Christoph beobachtet. Ein großes Problem in Supermärkten sieht der Umweltschützer in den Plastikverpackungen. „So entsteht schnell viel Müll.” Um auf Plastikverpackungen zu verzichten, setzen Christoph und seine Freundin vermehrt aufs Selbermachen – wie in alten Zeiten. Spülmittel machen sie beispielsweise aus Efeu selbst. „Das hätte ich mir vor zwei Jahren auch nicht träumen lassen, dass ich das mal aus Blättern herstelle”, sagt der 30-Jährige schmunzelnd, „aber es funktioniert einwandfrei, und Efeu gibt es bei uns zuhauf.”

Gesünder und langfristig kostengünstig

Der Verzicht auf Plastik im Haushalt muss nicht zwingend teuer sein. „Plastikfrei leben ist nur kurzfristig teuer, aber ich gebe dann kein Geld mehr aus”, erklärt der Aktivist. So seien die Investitionen in Vorratsgläser und Glasdosen eine Ausgabe für eine lange Zeit. „Es ist hundert Prozent gesünder und langfristig kostengünstig”, meint er. „Und das Zeitaufwendige ist nur, dass man sich einmal damit beschäftigt.” Der Wahl-Berliner hat sich daran gewöhnt, von Außenstehenden als Ökofreak angesehen zu werden. Doch man müsse kein Ökofreak sein, um durch einfache Veränderungen nachhaltiger zu leben. „Das Meiste dauert nicht lange”, betont er. Christoph Schulz und seine Freundin kaufen Obst, Gemüse und Käse auf dem Wochenmarkt ein. „Da kann man supergut plastikfrei einkaufen, und die Wochenmärkte würde ich auch unterstützen”, sagt er. „Märkte gibt es überall, gab es schon immer, und sie bieten Regionales an, das besser ist als im Discounter.” Joghurt kaufen sie im Supermarkt, Nudeln und Co. im Unverpackt-Laden, in den sie eigene Vorratsgläser mitbringen. „Es sieht cool aus und macht überhaupt keinen Müll”, so Christoph. Die Preise seien zwar etwas höher, „aber es lohnt sich. Und die Betreiber solcher Läden machen das mit Leidenschaft.” Durch das Internet gibt es viele Wege, seine Tipps und Anregungen unter das Volk zu bringen und sich zu vernetzen. Im Rahmen seines Umweltschutzprojektes CareElite, das Christoph Schulz 2017 gegründet hat, gibt es nicht nur die Homepage mit Blog und Shop, sondern auch Gruppen in den sozialen Netzwerken. In der öffentlichen Facebook-Gruppe „Zero Waste, Plastikfrei und Natürlich leben (CareElite Connect)” sind inzwischen mehr als 6.000 Mitglieder, außerdem betreibt Christoph die Facebook-Seite „CareElite – Be Natural Change”, die von ebenfalls mehr als 5.600 Menschen geliked wird. In der Gruppe „Nature & Beach CleanUp Group (Worldwide)” vernetzen sich Menschen, die weltweit gemeinsame Aufräumaktionen organisieren und durchführen wollen, im deutschsprachigen Raum sind der Verein Küste gegen Plastik und Sea Shepherd in dieser Richtung aktiv.

Müll ist unser Fußabdruck

Die Gruppen in den sozialen Netzwerken sind sehr aktiv, und auch Christoph Schulz‘ Homepage von CareElite wird bis zu 6.000 Mal am Tag angeklickt. Inzwischen nehmen auch Unternehmen Kontakt zu ihm auf und wollen, dass er ihre Produkte anpreist. Diese lässt er sich in der Regel zuschicken und testet sie in Ruhe, bevor er ein ehrliches Feedback abgibt. „Es gibt tolle Produkte, aber ich sage auch mal ab”, sagt er. Christoph Schulz, der sich selbst als Sozialunternehmer oder auch Umweltaktivist sieht, hat keine Angestellten. Das Meiste macht er alleine, während sieben Freiberufler mitbloggen. Sein Bruder, ein Wildlife-Filmer, kümmert sich um den Bereich Natur. „Viele haben den Bezug zur Natur verloren”, meint der Uelzener. „Unser Fußabdruck ist auch unser Müll. Wir sind die einzigen Lebewesen, die den Planeten zerstören.” Gerade hat Christoph einen Artikel über Mikroplastik im Meer für seinen Blog geschrieben, ein hochaktuelles Thema. „Wir haben es nie so richtig ernst genommen, wir sehen jetzt erst die Probleme und Nachteile”, sagt er. Zwar betreffe das besonders die asiatischen Länder, doch jeder solle sich damit beschäftigen, so seine Meinung. Wenn Christoph wieder auf Reisen ist, macht er bei Clean-Ups vor Ort mit und hilft örtlichen Organisationen bei der Aufklärungsarbeit. Ende März plant er eine Reise nach Vietnam. Dass in vielen Ländern in großen Mengen Wasser in Plastikflaschen gekauft und weggeworfen wird, kann Christoph Schulz den Menschen nicht einmal verdenken. Deutschland ist eines der wenigen Länder der Welt mit einem Pfandsystem für Plastikflaschen. Nur deshalb funktioniere es seit Jahren hierzulande so gut, dass keine Pfandflaschen herumliegen würden, meint er. „Die Menschen geben die Flaschen zurück, weil sie einen Gegenwert dafür bekommen. Es ist eigentlich total verrückt, dass dieses System in so wenigen Ländern genutzt wird.”

„Plastikfrei für Einsteiger”

Auch Christoph Schulz musste in den vergangenen zweieinhalb Jahren Schritt für Schritt seine Erfahrungen auf dem Weg zum plastikfreien Leben machen. Um seine Erlebnisse und sein Wissen an andere weiterzugeben, hat er jetzt einen Ratgeber geschrieben. Er heißt „Plastikfrei für Einsteiger” und richtet sich an Menschen, die sich noch nicht mit dem Thema plastikfreies Leben beschäftigt haben, aber Schritt für Schritt und unkompliziert an das Thema herangeführt werden wollen. Das Buch enthält einfache Tipps wie das Unterwegssein mit Trinkflaschen und Jutebeuteln, plastikfreies Reisen mit dem Flugzeug oder das Einkaufen ohne Plastikverpackungen. „Man kann für sich selbst entscheiden, wie weit man gehen möchte”, meint der Umweltschützer. Durch sein Buch lerne man das Problem zumindest kennen. Während sein Umfeld vor gut zwei Jahren noch skeptisch auf Christophs Umdenken reagierte, sind die meisten heute angetan. „Besonders auf dem Dorf wurde es komisch gesehen, da hatte ich ein Hippie-Image. In der Stadt verbreiten sich solche Ideen schneller”, meint der Aktivist. Ob als Sozialunternehmer, Umweltaktivist oder Umweltschützer (seine Eltern bezeichnen ihn als Online-Händler): Christoph Schulz geht es darum, aufzuklären und up to date zu bleiben. „Ich wollte etwas mit Mehrwert schaffen. Und es macht mir auch richtig Spaß – selbst morgens das frühe Aufstehen.” (JVE)