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Stille Nacht, einsam wacht…

Die große Leere: Immer mehr Menschen fühlen sich einsam

Psychologen sprechen schon von einer neuen Volkskrankheit, Großbritannien gründete sogar ein eigenes Ministerium zu ihrer Bekämpfung: Einsamkeit. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit leiden Menschen besonders stark unter dem Gefühl, allein und isoliert zu sein. Es gibt eine Insel, die Einsamkeit heißt. Sie liegt im Nordpolarmeer, nur 20 Quadratkilometer groß, im Winter vom Packeis eingeschlossen, menschenleer. Ein trister Ort. Immer mehr Betroffenen kommt ihr Leben so vor, als würden sie genau auf einer solchen einsamen Insel leben. Sie fühlen sich abgeschnitten vom Leben, das sie früher vielleicht mal führten.  

Wenn Alleinsein weh tut, ist es Einsamkeit

Alleinsein kann angenehm sein, sogar bewusst gewählt werden. Doch wenn es weh tut und quält, wenn es den Brustkorb einschnürt, manchmal mitten unter Menschen – dann ist es Einsamkeit. Laut gerade veröffentlichten Zahlen der Bundesregierung ist die Quote der Menschen, die einsam sind, bei den 45- bis 84-Jährigen in den vergangenen sieben Jahren um rund 15 Prozent gestiegen. Und da es in Deutschland künftig immer mehr Ältere geben wird, dürfte Einsamkeit weiter an gesellschaftlicher Bedeutung gewinnen. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls ein Diskussionspapier des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Körber-Stiftung. Aber nicht nur Ältere, auch immer mehr Jugendliche fühlen sich einsam und allein. Vor allem jetzt in der Advents- und Weihnachtszeit spüren das viele besonders intensiv. Stille Nacht, einsam wacht… hat für sie eine besondere Bedeutung. Statt Vorfreude auf das Fest der Liebe ist bei ihnen Angst da, in sozialer Isolation gefangen zu bleiben. 

Massive Krankheitsbilder

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte bereits einen Regierungsbeauftragten für Einsamkeit, begründete seinen Vorschlag unter anderem mit massiven gesundheitlichen Auswirkungen. Von Einsamkeit ausgelöste Depressionen, Angststörungen oder Erkrankungen des Herzkreislaufsystems beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen, sondern führen auch zu hohen Kosten für das Gesundheitssystem. Laut Forschern der französischen Universität Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines entwickeln Alleinlebende 1,5- bis 2,5-mal häufiger eine der häufigsten psychischen Erkrankungen als andere Menschen. Allerdings zeigt die Untersuchung nicht, ob das Alleinleben wirklich die (singuläre) Ursache für die Erkrankungen ist. Einen statistischen Zusammenhang gibt es nur bei denjenigen, die sich tatsächlich einsam fühlen – und das ist natürlich nicht bei jedem der Fall, der allein lebt. Wer helfen will, steht vor einer Schwierigkeit. Wie Einsamkeit eigentlich erkennen? Die Einsamkeit wird, gerade im urbanen Raum, unsichtbar, und nur alten Menschen kann man sie vielleicht noch ansehen, der Seniorin zum Beispiel auf der Parkbank. Wer dagegen ein Smartphone in der Hand hat und darauf starrt, wirkt beschäftigt. Oder tut nur so. Dazu kommt: Die Einsamkeit anderer kann bei einem selbst Schuldgefühle verursachen. Man spürt den Impuls, etwas dagegen unternehmen zu wollen. Wenn man ganz ehrlich sich selbst gegenüber ist, passiert das aber meist aus purem Pflichtgefühl, weniger aus einem echten mitmenschlichen Impuls. Denn wer lädt sich schon gern fremde Probleme auf? Wenn wir den einsamen Nachbarn auf ein Getränk einladen, dann erwartet er das vielleicht in Zukunft regelmäßig …

Auch weil einsame Menschen dazu neigen, sich noch weiter sozial zu isolieren oder sogar feindselig auf andere zu reagieren, ist Hilfe von außen kompliziert. Anders gesagt: Wer einmal in Einsamkeitsgefühlen gefangen ist, kommt oft in eine Spirale, die ihn/sie immer weiter hineinzieht. Einsame werden misstrauisch und fassen selbst gutgemeinte Gesten falsch auf. Das Widerspiegeln der eigenen Abwehr von Zuwendung treibt die Betroffenen immer weiter in den Abgrund. So verstärkt sich schließlich der Kreislauf, in dem man immer isolierter und einsamer wird.

Welche Wege führen aus der Isolation?

Letztlich kann sich der Einsame nur selbst helfen. Je jünger und mobiler die Betroffenen sind, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten, das Gefühl der eigenen Einsamkeit zu bekämpfen. Aber auch ältere Menschen können etwas tun. Der US-Einsamkeitsforscher John Cacioppo hat dazu das Anti-Einsamkeitsprogramm „EASE“ entwickelt – zu Deutsch „Erleichterung“. Das erste „E“ steht dabei für „extent“ – den eigenen Aktionsradius erweitern, ein Ehrenamt (z.B. Tierheim, Kita, Sportverein, Kirchengemeinde) ist dafür ideal. Das „A“ steht für „action“ – nur eigene Aktivitäten führen aus der Einsamkeit. Das „S“ im EASE-Programm steht für „selective“. Einsame sollten sich genau überlegen, mit welchen Menschen sie Umgang haben möchten – und sich dann hartnäckig darum bemühen. Das letzte „E“ ist das wichtigste, es bedeutet „erwarte immer das Beste“ – ein Appell, Misstrauen und alte Feindschaften fallen zu lassen. Und anzufangen, sich selbst mehr zu mögen. Denn sich selbst ein Freund zu werden ist die erste Voraussetzung, auch anderen ein Freund zu sein …(RT)

Rednerin mit Herzblut

Angela Tonn arbeitet als freie Trauerrednerin

Nicht jeder findet die passenden Worte, um einen Verstorbenen zu betrauern. Die Trauerrednerin Angela Tonn hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede Abschiedsrede so zu halten, als hätte sie den Verstorbenen persönlich gekannt. Angela Tonn sieht das, was sie macht, nicht als Arbeit an, sondern als Berufung. „Ich habe schon oft gedacht, das hättest Du mal eher machen sollen”, erzählt sie. „Das, was ich mache, kommt aus tiefstem Herzen.” Kurz bevor sie 60 wurde, sattelte die Adendorferin um und entschied sich dazu, Trauerrednerin zu werden.

Um zu verstehen, wie es dazu kam, muss man Angela Tonn kennen. Die 64-Jährige sagt von sich, sie ziehe alles durch, was sie einmal anpacke. Das sei nicht nur Gerede. Auslöser für ihre Entscheidung war eine Beerdigung, der sie 2015 mit ihrem Mann beiwohnte. Ein guter Freund ihres Mannes war plötzlich verstorben. Er hatte mit seinem Motorrad besondere Touren unternommen, war im Motorradclub aktiv und hatte dort viele Freunde. „All das wurde bei der Trauerrede mit keinem Wort erwähnt”, erinnert sich Angela Tonn, „unseren Freund haben wir nicht erkannt.” Auf der Rückfahrt fasste sie einen Entschluss: „Ich sagte zu meinem Mann, ab morgen werde ich Trauerrednerin.” Zu Hause angekommen, erkundigte sie sich nach dem üblichen Werdegang hin zum Trauerredner und wurde von einem Bestatter an die Hamburger Rednergemeinschaft verwiesen. Die professionellen Trauerredner dieser Gemeinschaft halten bis zu vier Reden an einem Tag. Angela Tonn begleitete einen von ihnen eine Zeit lang. „Der Redner hat mir sehr viel mitgegeben. Er war studierter Theologe und Buchhändler. Ich hingegen stand mit null da. Ich war vorher im medizintechnischen Außendienst”, erklärt sie.

Monatelang Klinken putzen

Angela Tonn kommt ursprünglich aus dem schleswig-holsteinischen Elmshorn. 2012 zog sie zu ihrem zweiten Mann nach Adendorf. Um sich als neue Trauerrednerin in der Region einen Namen zu machen, habe sie anfangs monatelang „Klinken geputzt”, sagt sie. „Man kann den Redner für eine Trauerfeier oder Bestattung grundsätzlich frei wählen”, erklärt sie, der Auftrag komme entweder direkt von einem Bestatter oder von Privatpersonen, denen sie empfohlen wurde oder die sie schon einmal als Rednerin erlebt haben. „Es dauert, bis es läuft”, so Angela Tonn. Ihren ersten Job als Trauerrednerin erhielt sie unverhofft bei ebendiesem Klinkenputzen bei einem Bestatter in Bad Bevensen. Weil gerade, als sie vor Ort war, für eine Trauerfeier ein Redner gesucht wurde, gab man ihr kurzerhand den Auftrag. Vom ersten Entschluss, den Beruf zu wechseln bis zur ersten eigenen Trauerrede vergingen gerade einmal vier Monate. Inzwischen hat Angela Tonn nach eigener Schätzung rund 400 Trauerreden selbst verfasst und gehalten. Wenn sie im Monat vier Reden hat, ist sie zufrieden – ein Arbeitsaufkommen wie bei der Rednergemeinschaft Hamburg kann sie sich nicht vorstellen. „Bis zu zwei Reden an einem Tag gehen für mich höchstens”, meint die 64-Jährige. Angela Tonn weiß nie, wann der nächste Auftrag kommt. Ausgerechnet im November, dem Monat der Trauer und des Todes, herrschte für sie Saure-Gurken-Zeit. Nach einem Todesfall hat sie in der Regel zehn Tage Zeit für das Schreiben ihrer Rede – wenn es um eine Urnenbeisetzung geht. Bei einer Erdbestattung verkürzt sich der Zeitraum bis zur Beisetzung.

Man muss sich hineinversetzen

Entscheidend für die Arbeit der Trauerrednerin ist das Gespräch mit den Hinterbliebenen. Wenn sie direkt von einem Bestatter über einen Todesfall informiert wird, schickt dieser ihr Eckdaten über den Verstorbenen und Daten der Angehörigen, die sie kontaktieren soll. Für das Vorgespräch mit den Hinterbliebenen nimmt sich Angela Tonn Zeit. In der Regel besucht sie diese zu Hause, doch auch telefonisch ist es möglich. Da sie den Verstorbenen erst „kennenlernen” muss, stellt sie Fragen zu dessen persönlichen Vorlieben, Hobbys oder Eigenarten. Das Privatleben steht im Vordergrund, nicht der tabellarische Lebenslauf. „Die meisten erzählen gerne und viel. Manchmal kriegt man ein ganzes Buch und muss alles kürzen. Aber aus manchen ist nichts rauszukriegen”, so ihre Erfahrung. „Wenn die Leute mir nicht viel erzählen, dann bin ich nicht zufrieden.” Mindestens drei getippte Seiten ihrer Rede drehen sich für gewöhnlich um das Leben des Verstorbenen, wobei der Text nicht immer bierernst sein muss. „Die Leute mögen lachen”, sagt sie, „ich habe auch schon Witze erzählt.” Die Adendorferin ist immer auf der Suche nach schönen Redewendungen, schreibt sich aus dem Internet oder dem Fernsehen Geschichten und Anekdoten auf, die ihr gefallen. „Ich habe immer einen Schreiber und Zettel parat”, erklärt sie. Angela Tonn hält Trauerreden in der Regel für Familien, die keine kirchliche Zeremonie wünschen. Deshalb hält sie am Ende ihrer Ansprache eine Art „weltliches Vaterunser”. Doch auch mit Pastoren hat sie schon zusammengearbeitet, sie selbst ist auch gläubig. Sie erinnert sich noch gut an den katholischen Pastor, der nicht über den Alkoholismus des Verstorbenen sprechen wollte, weshalb sie für die Trauerrede engagiert worden war. „Hinterher hat mich der Pastor gefragt: Wo nehmen Sie das her? Meine Antwort war: Man muss sich nur hineinversetzen. Das bin ich schon oft gefragt worden.” Das schönste Kompliment ist für die Trauerrednerin, wenn sie hinterher ein Trauergast fragt, ob sie den Verstorbenen gekannt hat, da sich ihre Rede so anhörte.

Hat ein Verstorbener keine Hinterbliebenen oder sind diese nicht in der Lage, etwas zu dessen Leben zu erzählen, ist die Trauerrednerin gezwungen, ihre Rede sehr allgemein zu halten. Und ist die Runde bei der Trauerfeier sehr klein, stellt sie sich nicht an ihr Pult – oder im Freien an ihren mitgebrachten Notenständer – sondern stellt sich mit der Trauergemeinde in einen Kreis. Hauptsächlich hält die Adendorferin ihre Ansprachen in Kapellen, aber auch in Friedwäldern der Umgebung. „Ich habe auch schon auf einem Treckeranhänger meine Rede gehalten. Das war eine Gedenkfeier für einen jungen Mann auf einem Sportplatz, und der war voll”, erinnert sie sich. Sie arbeitet im Umkreis von hundert Kilometern, von Boizenburg bis Walsrode. Viel Auto zu fahren ist sie noch aus dem Außendienst gewohnt.

Auch op Platt und auf Englisch

Nicht jede Rede fällt Angela Tonn leicht zu schreiben. „Herausforderungen sind jüngere Menschen, Unfalltote oder Selbstmörder”, erklärt sie. „Das steckt man auch nicht so einfach weg.” Rund drei Stunden braucht sie für das Schreiben einer persönlichen Trauerrede, bei außergewöhnlichen Todesfällen kann es auch doppelt so lange dauern. Ihre Trauerreden gibt es nicht nur auf Hochdeutsch – auch auf Englisch oder Plattdeutsch hat sie schon Reden geschrieben und vorgetragen – für sie keine Hürde. Auch Vorsorgetrauerreden für Personen, die den Inhalt ihrer Trauerfeier schon vor ihrem Ableben regeln wollen, verfasst die Trauerrednerin. „Ob ich sie dann wirklich halte, spielt keine Rolle, jeder kann sie vorlesen. Sie wird dann zu den Unterlagen gelegt”, erklärt sie. Das Vorsorgegespräch für die Rede laufe natürlich anders ab als mit den Hinterbliebenen. Bei besonderen Todesfällen – zum Beispiel dem Unfalltod eines jungen Menschen – ist Angela Tonn oft mehr als nur die „Redenschreiberin”. Es liegt ihr am Herzen, den Hinterbliebenen zu vermitteln, dass sie für sie da ist, ihnen Trost spenden kann – und dass sie es nicht eilig hat. „Ich gehe auf die Menschen zu”, sagt sie. Ein Vorgespräch kann bis zu anderthalb Stunden dauern, in besonderen Fällen aber auch drei Stunden. Manchmal muss sie die Angehörigen auch überzeugen, Dinge auszusprechen, manchmal muss man erst miteinander warm werden. Durch ihre Arbeit im Außendienst, die sie fast 20 Jahre lang ausübte, beherrscht sie – auch durch psychologische Seminare – den Umgang mit Menschen, was ihr auch im neuen Job zugute kommt. Auch dass sie einige Zeit als Hauswirtschafterin in reichen Haushalten arbeitete, war für sie eine gute Schule. „Ich lass mir nicht die Butter vom Brot nehmen”, betont sie. Ihre Reden baut Angela Tonn nach einem wiederkehrenden Prinzip auf: „Ich konfrontiere die Menschen zunächst mit dem Tod. Dann spreche ich über das Leben, am Ende spreche ich Trost aus.” Ist die Trauerfeier noch so bewegend und der Todesfall noch so tragisch: Vor den Trauergästen zu weinen kommt für Angela Tonn nicht in Frage. „Ich habe höchstens einen Kloß im Hals und muss tief durchatmen. Man hat sich zusammenzureißen.” Bei Trauerfeiern und Beerdigungen ist Angela Tonn die Zeremonienmeisterin, die den Ablauf in der Hand hat. Sie kennt die Abläufe, weiß, wann die Musik gespielt wird und wann der Bestatter ins Spiel kommt. Lampenfieber hat sie vor jeder Trauerfeier, „wenn ich’s nicht mehr habe, sollte ich besser aufhören.”

Zufriedenheit der Familie zählt

Bei ihrer Arbeit als Trauerrednerin ist Angela Tonn eine Perfektionistin und sehr selbstkritisch. Es ist ihr wichtig, dass die Angehörigen zufrieden sind. „Die Menschen stehen im Vordergrund. Die Familien sollen sich in besten Händen fühlen. Als Außenstehende gehöre ich bis zur Trauerfeier zur Familie.” Ihren Dank erhält sie in Form von lobenden Erwähnungen in Zeitungsanzeigen, Blumen, Dankeskarten oder Trinkgeld. Einige rufen auch an und bedanken sich. Kritik gab es in den vier Jahren als Trauerrednerin noch von keinem Angehörigen, und auch Weiterempfehlungen sprechen für sich. Sie ist der Meinung, von keinem Pastor bisher so persönliche Trauerreden gehört zu haben, wie sie sie schreibt und vorträgt. Deshalb würde sie auch keine Minute zögern, für ihr nahestehende Personen nach deren Tod die Rede zu halten. Als Angela Tonn als freiberufliche Trauerrednerin anfing, dachte sie nur an einen Nebenjob, doch es wurde ihr Hauptjob, wenn auch nicht in Vollzeit. Weil sie ein Unternehmen gründete, wurde sie vom Arbeitsamt gefördert und wird nun beim Finanzamt als Künstlerin geführt. „Ich muss ja auch Fantasie haben und eine gute Schauspielerin sein”, ergänzt sie schmunzelnd. Auch wenn Angela Tonn bald das Rentenalter erreicht, denkt die 64-Jährige noch lange nicht ans Aufhören. „Ich mache das weiter, solange ich geistig fit bin, der Kopf mitmacht und ich Auto fahren kann. Ich habe den Schritt mit knapp 60 gewagt und kann jetzt nicht einfach aufhören.” (JVE)

Trauern geht auch fröhlich

Kati Lüdecke arbeitet als Trauerbegleiterin
für Kinder und Jugendliche

Wer einen geliebten Menschen verliert, braucht Monate bis Jahre, um darüber hinweg zu kommen. Kinder und Jugendliche trauern anders als Erwachsene, und oft benötigen sie Hilfe bei der Bewältigung. Kati Lüdecke hat deshalb in Lüneburg das Projekt „Lichtblick” ins Leben gerufen, eine Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche. Einige kommen seit Jahren zu ihr. Die 36-Jährige, die in der Nähe von Bremervörde aufgewachsen ist, kam 2002 für ihr Sozialpädagogik-Studium nach Lüneburg – und blieb. Seit 2005 arbeitet sie für PädIn, einen freien Jugendhilfe-Träger, der Beratung und Betreuung für Kinder, Jugendliche und Eltern im Raum Lüneburg anbietet. Hier war sie anfangs für die Familienhilfe zuständig. Die Idee zu „Lichtblick” kam aus ihrer Arbeit heraus. „Ich habe immer mehr Fälle bekommen, wo jemand aus dem Umfeld der Kinder verstorben war. Dann habe ich etwas gesucht, wo man die Kinder anbinden kann, habe aber nichts gefunden”, erklärt Kati Lüdecke. Vergeblich habe sie im Raum Lüneburg nach einer Trauergruppe für Kinder gesucht. So ließ sich die Sozialpädagogin zur Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche ausbilden. 2008 startete bei PädIn das Projekt „Lichtblick”, das seitdem ausschließlich durch Spenden finanziert wird und nur durch die zusätzliche Mitarbeit von Ehrenamtlichen möglich ist. Inzwischen hat Kati Lüdecke bei PädIn drei Trauergruppen, zwei für Kinder ab drei Jahren, eine für Jugendliche ab etwa zwölf Jahren. Das Einzugsgebiet geht weit über den Landkreis Lüneburg hinaus. Auch wenn bei der Trauerbegleitung von „Lichtblick” die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen, wird auch gleichzeitig die Begleitung eines dem Kind nahestehenden Erwachsenen angeboten. „Am häufigsten haben wir den Fall, dass ein Elternteil gestorben ist – dann ist die Begleitperson auch betroffen”, erklärt sie. Für die Erwachsenen gibt es ein pa-rallel zu den Kindergruppen stattfindendes Gruppenangebot, das von einer Trauerbegleiterin für Erwachsene geleitet wird und in der Regel aus Gesprächen besteht.

Zwei Jahre Trauerbegleitung

Bevor ein Kind in eine Trauergruppe eintritt, findet ein Gespräch zwischen dem Kind, einer Begleitperson, meist einem Elternteil, und Kati Lüdecke statt. Die Betroffenen müssen wissen, worauf sie sich einlassen und können die Räumlichkeiten kennenlernen. Die meisten entscheiden sich dann für die Trauerbegleitung. Wie schnell nach einem Todesfall ein Kind mit der Trauerbewältigung in der Gruppe beginnt, ist sehr individuell. „Das Längste, was ich bisher erlebt habe, war nach acht Jahren. Ein Mädchen hatte den Tod ihres Bruders nicht verarbeitet, der gestorben war, als sie drei war”, erinnert sich Kati Lüdecke. Ihre Erfahrung hat ihr gezeigt, dass der Eintritt in eine Trauergruppe frühes-tens ein halbes Jahr nach dem Todesfall sinnvoll ist – wenn sich der Trubel gelegt hat, der Tod bewusst geworden ist und man an dem Punkt steht, etwas für sich tun zu müssen. Eine Warteliste für die Trauergruppen gibt es nicht. „Wir wollen nicht, dass Leute abgelehnt werden”, so Kati Lüdecke. Wie lange jemand die Trauerbegleitung in Anspruch nimmt, ist nicht festgelegt. „Der Regelfall sind zwei Jahre, aber das hängt davon ab, wie wohl man sich in der Gruppe fühlt – und vom Todesfall”, erklärt die Trauerbegleiterin, „bei Suizid, Unfall oder Mord braucht man mehr Zeit.” In der Regel geht es in der Trauergruppe um den Verlust von Geschwis-tern, Eltern oder festen Freunden – selten auch von Großeltern.

Niemand muss erzählen

Bis zu zehn Kinder gehören einer Trauergruppe an. Neben Kati Lüdecke sind jedes Mal vier bis fünf weitere Mitarbeiter dabei. Zu den 14-täglichen Treffen, die jeweils anderthalb Stunden dauern, gehören ein paar feste Elemente. Begonnen wird mit einem Anfangskreis, bei dem sich alle auf den Boden setzen, eine Kerze angezündet und eine Klangschale angeschlagen wird. Dann geht ein Redestein herum, und jeder hat die Möglichkeit, sich kurz vorzustellen und zu erzählen, wer gestorben ist. Die Vorstellung ist grundsätzlich freiwillig, niemand muss etwas sagen. „Es gibt Kinder, die in der Gruppe ihre Gefühle nicht zeigen wollen. Sie entscheiden, was sie erzählen wollen – und einige brauchen Monate, bis sie etwas erzählen”, so die Erfahrung der Trauerbegleiterin. In der anschließenden Freispielphase können die Kinder Angebote wie den Kickertisch nutzen, aber auch kreativ sein und malen oder etwas für das Grab des Verstorbenen basteln. „Sie können die Zeit nutzen, wozu sie Lust haben”, erklärt Kati Lüdecke. Sie hat beobachtet, dass die Kinder zu Beginn der Runde meist energiegeladen sind und ruhiger werden, wenn sie über ihre Trauer gesprochen haben. Während der Freispielphase wird das Thema Trauer immer wieder aufgegriffen, und auch untereinander kommen Gespräche auf. Geweint wird selten. „Die Stimmung ist fröhlich und glücklich”, erklärt die Sozialpädagogin, „das ist auch schön für die erwachsenen Begleitpersonen.” Kinder würden die Stimmung zu Hause merken und intuitiv Rücksicht nehmen, auch wenn man sie nicht darum gebeten habe. „Dadurch fragen sie zu Hause nicht nach – das versuchen wir hier aufzubrechen.” Kati Lüdecke bemüht sich, die tragischen Geschichten nicht zu nah an sich heranzulassen. „Natürlich nimmt man auch Sachen mit nach Hause”, erzählt die 36-Jährige. „Das hat sich auch geändert, seit ich eigene Kinder habe.” Man müsse gut auf sich achten. Dazu bleiben die Mitarbeiter untereinander immer im Gespräch. Vor und nach der Trauergruppe setzen sie sich zusammen, um alles durchzusprechen.

Enge Freundschaften
entstehen

Kurz vor Ende der Trauergruppe gibt es eine Abschlussrunde, zu der die Erwachsenen dazu kommen. Dann bekommen die Kinder die Möglichkeit, Fragen in den Raum zu stellen, die sie sich zu Hause nicht zu stellen getraut haben. Es geht um Details wie den genauen Todeszeitpunkt, das Lieblingsessen oder die letzten Worte des Verstorbenen. „Manchmal sind es traurige Fragen, aber es entstehen viele schöne und lustige Geschichten”, so die Trauerbegleiterin. Oft verabschieden sich Familien nicht, wenn sie meinen, dass sie die Trauerbegleitung nicht mehr benötigen. Kati Lüdecke hat dafür Verständnis. „Man merkt es, wenn es sich ausschleicht. Aber es ist schwer zu sagen, dies ist mein letztes Mal”, meint sie. In den Gruppen entstehen enge Bindungen – Freundschaften unter Familien durch die Trauergruppe sind keine Seltenheit, und auch Partnerschaften entstanden schon unter den Erwachsenen. Kati Lüdecke leitet bei PädIn seit der Geburt ihres ersten Kindes vor sieben Jahren ausschließlich die Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, außerdem hält sie Vorträge zum Thema in Schulen und Kindergärten. „Der Tod ist ein megaspannendes Thema für Kinder”, weiß sie. In ihren Vorträgen rät sie den Familien, Kinder nicht vom Tod der nahestehenden Person fern zu halten. „Es fällt ihnen leichter, damit umzugehen, wenn sie den Verstorbenen noch mal gesehen oder sogar angefasst haben – es hilft ihnen, wenn man sie lässt. Wir empfehlen auch, Kinder mit zur Beerdigung zu nehmen. Es ist ein Familienfest, da ist es wichtig, dass sie nicht ausgeschlossen werden”, erklärt die Trauerbegleiterin. Auch für zu Hause gibt sie den Eltern Tipps, zum Beispiel für die oft schwere Weihnachtszeit ohne den Verstorbenen: „Man kann beim Weihnachtsbaum den schönsten Zweig abschneiden und ihn zum Grab bringen. Die Lücke am Baum zeigt dann auch zu Hause, dass etwas fehlt.” Die Sozialpädagogin weiß, dass nicht jeder Tipp für jeden geeignet ist – jede Familie müsse für sich herausfinden, was für sie am besten sei. „Es ist wichtig, im Gespräch zu bleiben.” Viele Familien kommen erst durch die Trauergruppe wieder miteinander ins Gespräch – zu vieles wird zu Hause nicht ausgesprochen. Das Gespräch über den Tod hält die Kinder zusammen. „Hier ist es normal, wenn jemand gestorben ist. Es entlastet die Familien, dass hier darüber gesprochen wird”, so Kati Lüdecke. Sie sieht deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern beim Umgang mit der Trauer: „Mädels reden, Jungs toben. Jungs versuchen, stärker zu sein und nicht drüber zu reden.” Die Sozialpädagogin bewundert die Kinder, wie einfach sie mit dem Thema Tod umgehen. „Es ist schwer, was manche Kinder aushalten müssen.” Die Trauergruppe könne jedoch nicht unbedingt eine Therapie ersetzen. Es gebe Familien, die eine begleitende Traumatherapie machen würden oder auf einen Therapieplatz warten. „Aber Therapien sind Einzeltherapien – das Gruppenangebot ist eine bewusste Entscheidung.” (JVE)

Mediadaten 2018

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KÄMPFERISCH

editorialWillkommen im Juni. Mamertus, Servatius und Pankratius ge el es so gut, dass sie gleich bis zum Mai-Ende blieben, veranlassten uns nochmal so richtig zu frieren, wo wir doch an Himmelfahrt bereits den ersten Sonnenbrand hatten. Naja, fast. Und nun haben wir nur noch wenige Tage und wir haben Mittsommer und sogar Sommerferienbeginn, dies mal wieder zu normaler Zeit. Kämpferisch geht der Juni einher, auch mit unseren Sportlern, lokal und in Europa. Die Fußball-EM in Frankreich steht an, und man verspürt an allererster Stelle den Wunsch, dass alles terrorfrei und friedlich wie das Fußball-Sommermärchen bleibt – und an zweiter Stelle natürlich, dass wir weit, wenn nicht bis zum Ende, im Kampf um die Meisterschale kommen werden.

Und im Lokalen? Da gibt es mindestens zwei wichtige Gedanken, zum einen strebt der 9. Lüneburger Firmenlauf am 3. Juni auf dem ADAC-Gelände – für einen Tag wieder Pododrom statt Motodrom – einem neuen Teilnehmer-Rekord entgegen, zum anderen die Aussicht auf eine neue Mehrzweck-Arena im Bereich des ehemaligen Schlachthofes. Einige Wortspielereien seien erlaubt – wenn dort SVG-Volleyballer zu ihren Bundesliga-Fights antreten werden. Und wenn sie dann Sparkassen-Arena heißen sollte, kann man zumindest gewiss sein, dass die Lettern über dem Eingang nicht jährlich getauscht werden müssen. Es wäre dem Sport und der Kultur der Region zu wünschen, wenn diese Pläne schnell Realität würden. Der kämpferischen SVG sei Dank. Gekämpft und zumindest Zeit gewonnen haben tausende Lüneburger von U18 bis weit Ü40, die per Petition für den Bestand der Vamos Kulturhalle zum Schwofen, zur Party oder zum Kulturgenuss stimmten.

Einen besonderen Kampf vom Zaum gebrochen und einen neuen Schauplatz dafür kreiert hat kürzlich ein Häulein aufrechter und nicht ganz unbekannter Lüneburger: Es trat vehement und lautstark gegen die geheimen – aber verpetzten – Pläne ein, den Liebesgrund zum Knotenpunkt dreier U-Bahn-Linien zu machen. Am 14. Mai aufgewacht und nicht bemerkt, dass der 1. April doch schon vorbei ist, machte sich eben dieses Grüppchen auf – und brachte so manchen zum Grübeln. Eine Tiefgarage unterm Marktplatz war ja auch schon mal im Gespräch. Sollte es in Lüneburg mal einen Orden wider den tierischen Ernst geben…

Apropos Ernst… nein er heißt nicht Ernst, ist aber dennoch jetzt Präsident und hat auch Humor: Michael (Zeinert) wurde gerade zum Nachfolger von Martin Aude an die Spitze der Lüneburger Kaufmannschaft gewählt. Zeinert ist zwar kein klassischer Kaufmann oder Händler, führt aber die Geschäfte der hiesigen (Industrie- und) Handelskammer, bringt somit auch das Know-how mit, den äußerst aktiven und stark gewachsenen Verein Lüneburger Kaufleute in die Zukunft zu führen. Aude und Team haben über Jahre gezeigt, dass Engagement in einem Verein immer noch Früchte tragen kann.

Und wenn man mal wieder so richtig feiern möchte, so bieten sich gerade ganz tolle Möglichkeiten in unserer Region, ob Sir Elton John, Johannes Oerding oder Roland Kaiser open Air in Uelzen (Interview S. 48), ob das große Opening des Kurhauses in Bad Bevensen, das Stadtfest Lüneburg mit seinem tollen Programm (liegt im handlichen A6-Format dem Magazin bei) und dem Motto „Lüneburger für Lüneburger“ sowie der Wahl einer Nachfolgerin für die amtierende Rosenkönigin, Angebote gibt es genug – viele Seiten in dieser Ausgabe sind voll mit Freizeit-Tipps in der Region, mit Museen, Parks, Stadtführungen, Weltklasse-Reitturnier und Pferdeshow, Bleckeder Schlossnächten mit Straßenmusiker Felix Meyer und Cave Woman.

Genießt den Juni. In diesem Sinne wünschen wir Euch einen rundum spannenden Juni.
Eure stadtlichter

Eine italienische Liebe

Jochen und Beate Bärnreuther teilen die Leidenschaft für die Vespa

Für Jochen Bärnreuther ist seine Vespa nicht einfach nur ein Hobby, er sieht es als eine Lebenseinstellung. Seit der Adendorfer 16 ist, fährt er Motorroller – und schraubt daran herum. Seine Frau Beate teilt diese Liebe. Gemeinsam sind sie Mitglied im Vespa-Club Lüneburg.

Jochen und Beate Bärnreuther wählten ihr Grundstück so, dass zusätzlich zu Haus und Garten noch genug Platz für einen Schuppen, eine Werkstatt und eine Doppelgarage ist. Denn ein Leben ohne seine Fahrzeuge und das Schrauben kann sich Jochen Bärnreuther (42) nicht vorstellen. So lernte ihn auch seine Frau Beate (46) kennen, die er mit seiner Begeisterung angesteckt hat.

Seit 2006 leben der gebürtige Erlanger und die Bonnerin mit ihren zwei Töchtern in Adendorf. In ihrer Nachbarschaft kennt man sie, weil sie tags und nachts mit ihren Rollern durch die Sackgasse knattern. Haben sie Besuch von Gleichgesinnten, ist das Getöse umso lauter. Doch die Nachbarn stört das nicht: Wer Vespa fährt, genießt ein anderes Ansehen als Motorrad- oder Harleyfahrer mit ihren noch lauteren Gefährten. Die italienische Vespa, sozusagen die „Mutter aller Roller“, gilt als gemütlich, niedlich, schick und stilvoll – und ist ein absolutes Kultfahrzeug.

Schrauber seit der Jugendzeit

Seinen ersten Motorroller kaufte sich Jochen Bärnreuther mit 16 Jahren, bevor er überhaupt einen Führerschein hatte. „Seitdem fahre ich Roller“, erzählt er. Gern erinnert er sich zurück an seine Schulzeit, als seine Freunde mit ihren Rollern vorbeikamen und sie gemeinsam daran rumschraubten: „Alle Rollerfahrer haben sich zusammengehordet, das waren teilweise 40 Leute.“

Seine erste Vespa war eine V50, inzwischen fährt der 42-Jährige seine fünfte, hat die anderen wieder verkauft. Neben seiner Vespa Messerschmitt T3 Baujahr 1959 besitzt er noch eine Lambretta Baujahr 1962, seit drei Jahren hat nun auch seine Frau eine Vespa V50 von 1972. „Ich bin immer als Sozia mitgefahren und habe mich eher nebensächlich damit beschäftigt“, erklärt Beate Bärnreuther. „Als ich gesagt habe, jetzt hätte ich auch gerne ein, ist er sofort losgezogen und hat mir eine Vespa besorgt.“

Für wahre Vespa-Liebhaber ist der Fuhrpark der Bärnreuthers eher bescheiden. „Wir haben schon wenige Fahrzeuge. Es gibt einige Leute mit Vespas im zweistelligen Bereich, die theoretisch alle fahrbereit sind“, weiß Beate Bärnreuther. Und sie muss es wissen, denn seit sie und ihr Mann 2014 in den Vespa-Club Lüneburg eingetreten sind, sind sie gut vernetzt, kennen die eingefleischten Fans, die seit Jahrzehnten Vespa fahren. Im Gegensatz zu den Bärnreuthers haben diese noch die Welt mit ihren Rollern bereist. Die Adendorfer beschränken sich auf Tages- oder Wochenendausflüge.

Vespa-Club für Gleichgesinnte

Den Kontakt zum Vespa-Club hatte Jochen Bärnreuther bewusst gesucht, als er eine Vespa komplett restaurierte. Schließlich sitzen hier die Fachleute, von denen einige selbst an ihren Fahrzeugen herumschrauben. Die Clubabende, die jeden Mittwoch in der Arenskule 9 stattfinden, sagten dem Paar sofort zu. „Es ist eine tolle Gemeinschaft, wo man sich austauschen und sich gegenseitig helfen kann. Man ist auf einer Wellenlänge und hat keine Probleme, miteinander in Kontakt zu treten“, schwärmt Beate Bärnreuther. Die Adendorfer lernten über den Club viele Gleichgesinnte kennen, die heute gute Freunde sind.

Besonders schätzen die Bärnreuthers am Club die gemeinsamen Aktivitäten und Ausfahrten. Gerade wurde „angerollert“ mit einer Sternfahrt nach Hamburg, an der 300 Roller teilnahmen. „Sowas ist toll“, betont Beate Bärnreuther. Zwar zählt sie als Frau noch zur Minderheit im Club, doch hier zeichnen sich Veränderungen ab. Der Vespa-Club Lüneburg wurde 1959 gegründet und besteht aktuell aus 47 Mitgliedern aus dem Raum Lüneburg. Noch liegt der Altersdurchschnitt bei 60 Jahren, doch es lasse sich in letzter Zeit ein Trend zur Verjüngung erkennen, meinen die Bärnreuthers. Mit Kai Lührs als erstem und Jochen Bärnreuther als zweitem Vorsitzenden hat sich auch der Vorstand auf Anfang bis Mitte Vierzig merklich verjüngt. Die Altersspanne reicht von 29 bis 80, der Ehrenvorsitzende Gerhard Lüllau ist seit 50 Jahren Mitglied. „Der Club frischt sich auf“, meint Beate Bärnreuther. „Die alten Strukturen bleiben erhalten, aber das Clubheim und vieles Andere werden erneuert.“ Dazu gehöre auch die Öffentlichkeitsarbeit über das Internet.

Nächte in der Werkstatt

Beate Bärnreuther schätzt die Gemeinschaft, doch Jochen Bärnreuther schätzt auch das Alleinsein. Hat er erstmal wieder eine neue Vespa am Start, die fit gemacht werden muss, ist er abends in der Werkstatt statt im Wohnzimmer zu finden. Der Vespa-Fan kauft die Fahrzeuge als Rohbauten ohne TÜV, die meist im schlechten Zustand sind. Drei bis vier Monate dauert es im Schnitt, einen „Schrotthaufen zum Leben zu erwecken“, wie er sagt. Dafür gehen seine Feierabende und Wochenenden drauf – auch bis nachts. Seine Frau unterstützt den Schrauber, wo sie kann – mal mit leichten Arbeiten, mal mit Schnittchen. „Ich muss nicht stundenlang in der Werkstatt stehen, so intensiv muss ich das nicht leben“, meint sie. Es sei aber gut, sich Stück für Stück Wissen anzueignen.

Vespa ist Vespa, denkt der Laie – doch weit gefehlt: Es gibt nicht nur verschiedene Modelle mit unterschiedlicher Motorleistung, auch das Äußere kann sich gravierend unterscheiden. „Es ist ziemlich viel möglich, alles auf legalem Weg“, betont Jochen Bärnreuther. „Das macht das Ganze so spannend.“ Ob Lackarbeiten, Blechveränderungen, Beinschildverkleinerungen oder Seitenhaubenverbreiterung, Variationen der Lenker, Beleuchtung oder Sitzbänke – so klein die Vespa erscheint, so sehr kann man sich an ihr ausleben und ihr ein besonderes Äußeres verleihen.

Der Kreislauf des Schraubers ist immer der Gleiche: Ist ein Fahrzeug erstmal restauriert, wird es ein paar Monate gefahren, bevor er es wieder verkauft. „Es freut mich, dass ich sie aufgebaut habe. Aber der Platz ist nicht da, alles zu behalten. Wenn ich die Vespa eine Weile genossen habe, lockt etwas Neues“, erklärt der 42-Jährige. Manchmal stehe auch schon vorher fest, dass er den Roller nicht behalten werde.

Der Experte im Club

Jochen Bärnreuther gilt im Vespa-Club als einer, der richtig Ahnung vom Schrauben hat. So kommt es schon mal vor, dass andere Mitglieder sich vertrauensvoll an ihn wenden – oder an den Seniorschrauber des Clubs, den über 70-jährigen Hans Niernkranz, der als Rentner mehr Zeit hat als der berufstätige Jochen Bärnreuther.

Zwei Stunden am Tag bringe er durchschnittlich mit dem Schrauben zu, schätzt Jochen Bärnreuther. „Aber es gibt auch mal schrauberfrei, auch mal ein paar Wochen – so schlimm ist es nicht“, fügt seine Frau hinzu. Sonntag sei Familientag, da werde nicht geschraubt, auch wenn sich beide Töchter für die Vespa-Leidenschaft der Eltern begeistern können. Die kleine Tochter Ella (10) hilft gern in der Werkstatt mit, die Große, Mia (13) , schmiedet bereits Pläne von der ersten eigenen Vespa.

Gibt es gerade mal keine Vespa zum Herumbasteln, habe ihr Mann da noch ein anderes Hobby, rückt Beate Bärnreuther schließlich heraus. Schon seit 2005 begeistere sich das Paar für US-Cars. Eines davon stehe in der großen Garage und warte auf den Einbau eines neuen Motors. (JVE)

  • Am Sonntag, 22. Mai, von 10 bis 16 Uhr veranstaltet der Vespa-Club Lüneburg in der Arenskule 9 den 3. Lüneburger Vespa-Basar für Roller, Ersatzteile und Zubehör. Der Eintritt ist frei. Infos: Tel. (0 41 31) 5 11 53, info@vc-lueneburg.de , www.vc-lueneburg.de.