Blitz im Kopf

Jährlich ereignen sich rund 270.000 Schlaganfälle – rund die Hälfte könnte verhindert werden.

Die Nachricht vom Tod von Roger Cicero vor wenigen Wochen hat nicht nur die Musikwelt erschüttert. Mit 45 Jahren erlag er den Folgen eines Hirninfarktes. Fans des Entertainers zeigten sich fassungslos. „Unfassbar“, „Ich war geschockt“, „Viel zu früh“ und „Das Leben ist nicht gerecht“ lauteten nur einige der Kommentare auf Ciceros offizieller Facebook-Seite. Was diese Kommentare belegen ist echte Anteilnahme – und großes Unwissen über den Schlaganfall, der längst keine „reine“ Krankheit der Ü60- oder Ü70-Generation mehr ist.

Laut Studien mehren sich Schlaganfälle bei Patienten mittleren Alters auf der ganzen Welt. Danach hat sich die Anzahl der Schlaganfälle bei den 20- bis 55-Jährigen in nur 12 Jahren fast verdoppelt. Experten machen vor allem unsere veränderte Lebensweise dafür verantwortlich: weniger Bewegung, ungesündere Ernährung und in der Folge mehr Bluthochdruck- und Diabetes-Erkrankungen, zwei wesentliche Risikofaktoren des Schlaganfalls.

Auch Kinder können einen Schlaganfall bekommen. In Deutschland sind es jährlich ca. 300 – fast ein Drittel davon sind Neugeborene. Es kann aber sein, dass die Dunkelziffer um einiges höher liegt. Denn noch immer wird nicht jeder Schlaganfall bei einem Kind diagnostiziert. Die Ursachen des kindlichen Schlaganfalls können Blutgerinnungsstörungen sowie Herz- und Gefäßerkrankungen oder auch eine Infektion sein.

Bei einem Schlaganfall oder Hirninfarkt wird ein Teil des Gehirns nicht mehr mit Blut und dadurch auch nicht mehr mit Sauerstoff versorgt, weil das versorgende Gefäß verengt oder verschlossen ist. 79 Prozent aller Schlaganfälle in Deutschland sind solche Hirninfarkte. Weitere 13 Prozent entstehen durch Hirnblutungen, bei rund acht Prozent können Ärzte die Ursache nicht ermitteln.

Etwas Hoffnung gibt es aber auch: Immer weniger Menschen mussten in den letzten Jahren an einem Schlaganfall versterben, weil unsere Akutversorgung so viel besser geworden ist. 280 Stroke Units (Schlaganfall-Spezialstationen) gibt es mittlerweile in ganz Deutschland.

Das Schlaganfallrisiko hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Einige dieser Risikofaktoren können nicht beeinflusst werden, beispielsweise genetische Voraussetzungen. Andere können hingegen durch eine aktive Vorsorge und einen gesunden Lebensstil reduziert werden. Zu den beeinflussbaren Risikofaktoren gehören Diabetes und Rauchen sowie Bluthochdruck und Vorhofflimmern. Da diese Grunderkrankungen häufig keine klar erkennbaren Beschwerden auslösen, ist es wichtig, regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt wahrzunehmen und auch das eigene Schlaganfallrisiko abklären zu lassen.

Lässt man die statistisch höhere Lebenserwartung von Frauen außer Acht, besitzen Männer grundsätzlich ein höheres Schlaganfallrisiko im Vergleich zur weiblichen Bevölkerung. Dabei gibt es spezielle Risikofaktoren, die naturgemäß nur Frauen betreffen. So unterliegen Frauen im Laufe ihres Lebens hormonellen Schwankungen, insbesondere in Bezug auf das weibliche Sexualhormon Östrogen. Verschiedene Untersuchungen geben Hinweise darauf, dass ein Zusammenhang zwischen den Schwankungen im weiblichen Hormonhaushalt und einem Schlaganfallrisiko besteht.

Körperliche Bewegung hat viele positive Auswirkungen und kann das Risiko eines Hirninfarkts senken. Sie kann dazu beitragen, den Blutdruck zu senken, den Herzrhythmus zu stabilisieren und Übergewicht zu reduzieren. Schon regelmäßige körperliche Aktivität – auch bei geringer Belastungsintensität – wie flottes Gehen, Radfahren oder Schwimmen, wirkt sich positiv auf Wohlbefinden und Gesundheit aus. Empfehlenswert ist auch eine ausgewogene, salzarme Ernährung: Bewährt hat sich eine mediterrane Kost mit viel Obst, Gemüse, Olivenöl und Fisch. Die Deutsche Schlaganfall Hilfe schätzt: „Mehr als 130.000 Schlaganfälle pro Jahr könnten in Deutschland verhindert werden, allein durch die Vermeidung und Kontrolle von Risikofaktoren.“

Mediziner riefen am 10. Mai – dem „Tag gegen den Schlaganfall“ – dazu auf, mehr Vorsorge zu betreiben. Vor allem Bluthochdruckpatienten – 20 bis 30 Millionen Deutschen leiden darunter – sollten sich mehr über Schlaganfall-Symptome informieren. Denn bei einem Schlaganfall zählt jede Minute: Bestimmte Behandlungsverfahren können nur bis zu drei Stunden nach Einsetzen der Symptome eingeleitet werden. Wer innerhalb der ersten zwei Stunden seit Symptombeginn die Notaufnahme erreicht und so schnell wie möglich auf einer Schlaganfall-Station behandelt wird, hat daher höhere Genesungschancen.

Zu den typischen Symptomen eines Schlaganfalls gehören plötzlich einsetzende halbseitige Lähmungen, die sich beispielsweise in einem hängenden Mundwinkel äußern können. Es können auch plötzlich Seh- oder Sprachstörungen, Schwindel oder starke Kopfschmerzen auftreten. Darüber hinaus können auch eher untypische Symptome wie Desorientierung, Übelkeit, Erbrechen oder allgemeine Schwäche und Benommenheit ein Hinweis für einen Schlaganfall sein.

Besonders perfide sind sogenannte Mini-Schlaganfälle, die es auch immer häufiger gibt. Ärzte sprechen von einer Transitorisch Ischämischen Attacke (TIA). Die Symptome dieser Durchblutungsstörung im Gehirn ähneln denen eines echten Schlaganfalls – aber in leicht abgemildeter Form. Eine TIA bildet sich meist innerhalb von ein bis zwei Stunden zurück, gilt aber als Vorbote für einen großen Schlaganfall. Betroffene sollten unbedingt einen Arzt aufsuchen, auch wenn sie sich schnell wieder besser fühlen. Denn jeder Zehnte, der Anzeichen einer Transitorisch Ischämischen Attacke bemerkt, erleidet in den nächsten Tagen einen schweren Hirninfarkt. Australische Forscher der University of New South Wales haben festgestellt, dass die Lebenserwartung bereits durch eine TIA um bis zu 20 Prozent sinkt.

Was sind die wichtigsten Symptome?

Jede Gehirnfunktion, die plötzlich ausfällt, kann auf einen Schlaganfall hinweisen. Das sind die wichtigsten, klassischen Symptome:
► ein plötzlicher Kraftverlust, meist halbseitig.
► ein plötzlicher Gefühlsverlust, einhergehend mit Lähmungserscheinungen ebenfalls meist halbseitig.
► ein plötzlicher Sprachausfall, der Betroffene kann gar nicht mehr oder nur stockend reden. Mancher Betroffene mit Sprachausfall wirkt zunächst verwirrt.
► eine plötzliche Sehstörung – in der Regel ist das Gesichtsfeld stark eingeschränkt. Der Betroffene kann Menschen oder Gegenstände auf einer Seite nicht mehr wahrnehmen. Es kann sich aber auch um ein Doppelsehen handeln.

► ein plötzlicher Drehschwindel, verbunden mit einer Gangunsicherheit. Achtung: Wenn der Schwindel mit Übelkeit und Erbrechen einhergeht, kann auch eine Erkrankung des Innenohres vorliegen.
► In seltenen Fällen einer Hirnblutung kann auch ein sogenannter Donnerschlag-Kopfschmerz auftreten – er fühlt sich an wie eine Explosion im Kopf. Aber in der Regel verlaufen Schlaganfälle schmerzlos.

WICHTIG: Diese Symptome treten nicht alle gleichzeitig auf. Es kann sein, dass nur ein Symptom zu bemerken ist. Jeder vierte Betroffene hat Vorboten eines schweren Schlaganfalls. Das heißt: Ein Symptom kann auch nur flüchtig auftreten und wieder verschwinden. Beispiel: Man hat plötzlich eine Sehstörung für einige Sekunden, dann sieht man wieder normal.

FAST-TEST

So prüfen Sie einen Schlaganfall-Verdacht

F – A – S – T steht für Face (Gesicht), Arms (Arme), Speech (Sprache) und Time (Zeit).

Der Test gehört mittlerweile auch in Deutschland zur Grundausbildung von Rettungspersonal. Die meisten Schlaganfälle lassen sich so auch für Ungeübte innerhalb weniger Sekunden feststellen. So geht’s:

Face: Bitten Sie die Person zu lächeln.
Ist das Gesicht einseitig verzogen? Das deutet auf eine Halbseitenlähmung hin.

Arms: Bitten Sie die Person, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer Lähmung können nicht beide Arme gehoben werden, sinken oder drehen sich.

Speech: Lassen Sie die Person einen einfachen Satz nachsprechen. Ist sie dazu nicht in der Lage oder klingt die Stimme verwaschen, liegt vermutlich eine Sprachstörung vor.

Time: Wählen Sie unverzüglich die 112 und schildern Sie die Symptome

Der FAST-Test kann auch mit einer App (für IOS und Android) durchgeführt werden, die die Deutsche Schlaganfall-Hilfe kostenlos anbietet. Infos: www.schlaganfall-hilfe.de.