Bei „Rote Rosen“ ist die Welt noch in Ordnung

Marcus Rinn ist für Requisiten und Ausstattung am Set der ARD-Telenovela verantwortlich

Markus Rinn guckt die ARD-Erfolgs-Telenovela „Rote Rosen” mit anderen Augen als die Fans der Serie. Sein Augenmerk liegt darauf, dass Personen und Szenenbild zusammenpassen. Der 50-Jährige ist zuständig für die Ausstattung der Serie – vom Kugelschreiber über das Sofa bis zur Blumenvase. Seit rund 20 Jahren arbeitet Marcus Rinn für den Film, seit 2006 für „Rote Rosen”, das täglich in der Studio Hamburg Serienwerft Lüneburg gedreht wird. Als Szenenbildner bestimmt er die Stimmung eines Sets. „Ich bin verantwortlich für alles, was man sieht – außer Kleidung und Menschen”, so Rinn. Studiert hat der Hamburger Architektur, doch ihm war früh klar, dass der Beruf nichts für ihn ist. „Häuslebauer ist nicht meins – es gibt zu viele Einschränkungen, man ist nicht frei. Und die Stimmung auf dem Bau ist angespannt”, meint er. „Das war nicht das, womit ich mein Leben verbringen wollte.” Seine Eltern, ein Schauspieler und eine Modedesignerin, hatten sich am Theater kennengelernt, und schon als kleines Kind war Marcus Rinn an Filmsets dabei. Kreativität wurde ihm durch seine Eltern in die Wiege gelegt. Nach Jahren im Projektmanagement in der Musik- und Filmbranche landete er schließlich durch sein Studium bei der Filmarchitektur und dem Szenenbild-Design. Zu den „Roten Rosen” kam Marcus Rinn durch einen Anruf von der Produktion. „Die große weite Welt des Films ist gar nicht so groß”, meint er. „Ich hatte schon größere Studiobauten für Serien wie Alphateam oder Das Geheimnis meines Vaters im Atelier bei Studio Hamburg gemacht.” Die Arbeit für tägliche Serien war ihm vertraut, und so zögerte er nicht, den angebotenen Job bei „Rote Rosen” in Lüneburg anzunehmen.

Neue Staffel – neue Figuren

„Rote Rosen” ist in Staffeln unterteilt, die je zehn Monate laufen. Gerade wurde die 17. Staffel und damit die 3200. Folge abgedreht, und das Drehteam hatte zwei Wochen drehfrei. Bald beginnen die Dreharbeiten für die 18. Staffel. „Es geht in der Regel um eine Frau und zwei Männer, und am Ende sind es eine Frau und ein Mann. Wenn eine Geschichte zu Ende erzählt ist, kommt eine neue, und mit ihr einige neue Figuren”, erzählt Marcus Rinn. Die Zeit zwischen zwei Staffeln ist für ihn die arbeitsreichste, denn dann ist es seine Aufgabe, rund um die neuen Personen, zu denen er eine komplette, mehrere Seiten umfassende Beschreibung von Lebenslauf, Beruf, Privatleben, Stärken und Schwächen erhält, neue Zimmer inklusive Ausstattung zu bauen. Während der Drehpause wird ein Großteil der Studios umgebaut, aber auch während der laufenden Staffeln. Marcus Rinn leitet die Ausstattungsabteilung, die aus den Teams „Dreh” und „Umbau” besteht. Das Entwerfen eines neuen Sets dauert am Computer nur ein bis zwei Tage, dann geht es an die Umsetzung. Entworfen werden müssen Baupläne, Elektropläne, Ablaufpläne. „Außerdem werden ein paar hundert Gegenstände festgelegt und besorgt”, erklärt Marcus Rinn. Ausgediente Möbel werden an ein Sozialkaufhaus gespendet. Bei den Fantagen, die dieses Jahr coronabedingt ausfallen mussten, werden gewöhnlich auch Requisiten versteigert. Die neue Ausstattung für neue Figuren wird oft gebraucht angeschafft. „Sie muss nicht neu sein, sie sollte ruhig Patina haben. Wir sind wie jeder auch Trüffelschweine und suchen im Internet”, so Rinn. „Vier Leute schwärmen dann aus und versuchen, viel in der Region zu kriegen, fahren aber auch bis nach Süddeutschland.” Durch die Figurenbeschreibung, die Rinn und sein Team bekommen, gibt es Einblick in das Vorleben der Person, und es gilt, die Einrichtung darauf zuzuschneiden. „Man benötigt ein bildhaftes Vorstellungsvermögen und Einfühlungsvermögen”, meint der Szenenbildner. „Die wenigsten haben einen ganz geraden Lebensweg, und für uns sind Brüche dankbar.” Die Einrichtung und Ausstattung der Filmsets haben nichts mit Marcus Rinns eigenem Geschmack zu tun. „Es muss zur Figur passen.” Bei Figuren, die schon lange zu „Rote Rosen” gehören, wird die Ausstattung auch mal verändert, „jeder macht eine Entwicklung durch und verändert sich.” Pro Woche werden 150 Bilder gedreht, und in jedem Bild befinden sich Requisiten. „In der Woche sind 600 bis 800 Requisiten im Einsatz”, weiß er. Eigene Markennamen

Marcus Rinn und sein Team arbeiten im Auftrag der Redaktion, die auch Geldgeber ist. Der 50-Jährige hat großen Respekt vor dem Ensemble, das bei den täglichen Drehs viel leisten muss. „Man ist immer unter Zeitdruck. Ab 8:30 Uhr wird gedreht, und dann acht Stunden lang. Jeden Tag werden 48 Minuten produziert”, erklärt er. „Für einen Fernsehfilm werden normalerweise vier Minuten am Tag produziert. Wir drehen also im Prinzip hier zweieinhalb Spielfilme in der Woche.” Damit auch während des Drehs alle Requisiten an ihrem Ort sind und nichts fehlt, ist das Team der Set-Requisite immer am Set dabei. Zu Pannen kommt es dabei höchst selten: „Wir haben ein zuverlässiges Team”, so Rinn. Marcus Rinn guckt selbst mindestens eine bis drei Folgen „Rote Rosen” pro Woche im Fernsehen an: „Ich gucke berufsbedingt bei den Rosen immer mit einem Auge, wie es funktioniert, ich lasse mich aber auch auf die Geschichte ein.” Markennamen dürfen bei der Telenovela im Bild nie gezeigt werden. „Rote Rosen läuft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das gebührenfinanziert ist. Product Placement gibt es hier gar nicht, das hat was mit Neutralität und Werbefreiheit zu tun. Das Grundkonzept finde ich total gut”, so Rinn. Zeitungen oder Etiketten für Konsumgüter entwirft eine Grafikerin eigens für die Serie, die Bilder an den Zimmerwänden werden entweder rechtefrei eingekauft oder selber gemacht. Eine eigene Lebensmittelmarke, die nur bei „Rote Rosen” vorkommt, ist „Bio Mertens”. Und wer genau hinschaut, sieht auch in der Küche von Alex, dass alle Weinetiketten extra für die Serie designt wurden. Am Filmset gibt es sowohl echte als auch unechte Lebensmittel und Blumen. „Blumen sind echt, wenn ein Schauspieler sie in die Hand nimmt. Die Lebensmittel sind auch echt, aber nicht in einer Dauereinrichtung wie im Käseladen”, erklärt der Szenenbildner. Während geschlossene Verpackungen weiter verwendet werden dürften, müssen geöffnete Lebensmittel zu Rinns Bedauern entsorgt werden – das ist Vorschrift.

Zuschauerfragen nach Requisiten

Ungefähr 40 Zimmer gibt es insgesamt in den „Rote Rosen”-Studios in Lüneburg. Etwa die Hälfte wird bei einem Staffelwechsel umgebaut, wofür rund acht Wochen eingeplant sind. Gedreht wird mit einem Vorlauf von zirka acht Wochen, was auch mal knapp werden kann: Die Coronakrise führte nicht nur zu einer sechswöchigen Drehpause und umfangreichen Umbaumaßnahmen im Studio, sondern auch dazu, dass „Rote Rosen” nie durch Sportveranstaltungen oder andere Events, die im Fernsehen übertragen werden, ausfällt. Produziert wird immer nah am Sendetermin, damit bei Außendrehs die Jahreszeit mit der der Sendezeit übereinstimmt. Auch wenn die Corona-Pandemie zurzeit das Weltgeschehen dominiert, findet sie in der Geschichte der „Roten Rosen” nicht statt. „Bei den Roten Rosen ist die Welt noch in Ordnung. Wir erzählen ja letztendlich auch ein Märchen, und das wollen wir uns auch bewahren”, meint der Szenenbildner. Nicht nur hinter, auch vor der Kamera halten sich alle strikt an die Corona-Vorschriften, was eine gewisse Kreativität erfordert und zwangsläufig zu Veränderungen führt. „Es ist alles eine Frage der Kameraeinstellung und Inszenierung. Zum Beispiel mussten Kuschel-szenen geändert werden. Liebesszenen werden weniger direkt gezeigt, mehr poetisch.” Der Charakter der Serie verändere sich für den Zuschauer durch die Corona-Bedingungen aber nicht. „Die Erzählweise wird anders, aber ich glaube, dass das nicht so auffällt.” Eine direkte Rückmeldung auf seine Arbeit erhält Marcus Rinn von den Fans gewöhnlich nicht. Allerdings gibt es viele Anfragen von Zuschauern nach Dingen aus dem Set. „Wir beantworten jede Mail, woher die Requisiten kommen. Das gehört zum Zuschauerservice”, sagt Rinn. Die Fans interessierten sich für vieles – von der Babybettwäsche über Kerzenständer bis hin zur Keksdose. „Ein Klassiker ist Johannas Teetasse, aber die gibt es nicht mehr. Alles, was von Johanna kommt, ist gefragt.” Es gebe auch Listen darüber, welches Requisit von wo stamme.

Schauspieler muss sich wohlfühlen

Jeder Raum in den „Rote Rosen”-Studios hat seinen eigenen Charakter. „Wenn er gut geworden ist und man sieht den Schauspieler darin agieren und er fühlt sich wohl, dann haben wir alles richtig gemacht – das ist ein gutes Gefühl”, resümiert Rinn. Zu seinen persönlichen Favoriten gehören das Zimmer von Gregor und Carla – und besonders der Salzmarkt. „Das ist mein Baby und ein Unikum.” Damit über die Monate und teilweise Jahre nichts in den Räumen einstaubt, gibt es eine Reinigungskraft, die nur für die Sets zuständig ist. Sie muss auch stets Acht geben, dass Dinge nicht umgestellt werden. Bei der Suche nach passenden Requisiten sind Marcus Rinn und sein Team immer auf Glücksfunde angewiesen. Und manchmal erweisen sich besonders die Dinge als schwierig zu beschaffen, von denen man es am wenigsten erwartet hätte. „Da muss man ein Gefühl für haben, was man braucht. Es gibt keine Grundregel, sondern man braucht viel Erfahrung”, betont der Ausstattungsleiter. Selten passiere es auch, dass am Set ein Requisit kaputt gehe: „Dann besorgen wir es schnell nach.” (JVE)