Alle Artikel von admin-stadtlichter

Getöse…

editorial

Was für ein Getöse… Irgendwie bekommt man als Normalbürger immer mehr den Eindruck, die Welt hat nur noch wenige Themen im Fokus. Brexit in Europa, Notstand in den Staaten, Spionageangst vor China. Da nimmt sich doch so eine Diskussion um ein paar Millionen Invest mehr oder weniger für Lüneburgs aktuellstes Bauobjekt, die Arena Lüneburger Land, wahrlich als völlig banal aus. Aber just das ist es, was uns grundlegend bewegt. Wie können wir Vertrauen in die „große“ Politik haben, wenn das Augenmaß bei den Verantwortlichen nicht mehr zu funktionieren scheint? Bei der Gorch Fock fällt irgendwann auf, dass die Renovierungskosten um mehr als das 13-Fache höher liegen, da klingt das Finanzdebakel um die Halle doch eher bescheiden, oder? Es ist schade, dass auf so leichtfertige Art und Weise Vertrauen verspielt wird, es muss doch möglich sein, Kostenrahmen für die unterschiedlichsten Dinge seriös zu ermitteln, in Unternehmen gelingt dies doch auch! Meistens zumindest, die anderen landen beim Insolvenzgericht. Wie auch immer diese Situation entstanden ist, die Verantwortlichen haben der Sache einen Bärendienst erwiesen. Wir geben ja die Hoffnung nicht auf, dass die Arena tatsächlich gebaut wird und Lüneburg wieder so in den Fokus von potenten Veranstaltern gerät, die das hochwertige kulturelle Angebot in der Region erweitern könnten. Schön wäre es, wenn man wieder dahin käme, den Bürgern (Wählern) solide Finanzierungsmodelle vorzustellen, das betrifft die Arena, das betrifft aber auch die Elbbrücke. Wir Stadtlichter sehen uns natürlich in der Pflicht, für alle, die nach ernüchternden Themen Zerstreuung suchen, in dieser Ausgabe wieder unendlich viele und verschiedenste Veranstaltungen, Theater, Konzerte, Filme, Feste, Partys, Comedy, Ausstellungen, Literatur und mehr zusammenzustellen. Der Frühjahrsmarkt lockt zudem Ende April ganz Lüneburg auf die Sülzwiesen, während Anfang des Monats schon Hunderte Wohnmobilisten aus der ganzen Republik den Festplatz bevölkern und sich an Lüneburg erfreuen werden. Und das Thema unserer Wirtschaftsserie Top-Adressen lenkt diesmal auf zehn Seiten den Blick auf die Unternehmensvielfalt in der Gemeinde Adendorf…

In den April schicken wir Euch in dieser Ausgabe tatsächlich nicht, obwohl es uns in den Fingern juckt. Ihr braucht also nicht danach zu suchen, alle angekündigten Events sind echt! In diesem Sinne wünschen wir Euch einen schönen, jetlag-freien Start in die Sommerzeit.

Eure stadtlichter

Sind sie ein Lebensretter?

Menschen sterben, weil es zu wenige Organspender gibt – eine nachhaltige Lösung ist (noch) nicht in Sicht

Gut 10.000 Menschen warten in Deutschland verzweifelt auf eine Niere, eine Leber, Lunge oder ein Herz. Doch nicht einmal 1.000 Tote wurden im vergangenen Jahr in Deutschland zu Organspendern. Immerhin: Es waren schon einmal deutlich weniger …

Mehr Zeit, mehr Geld, mobile Expertenteams für kleine Krankenhäuser: Um zu mehr lebensrettenden Organspenden in Deutschland zu kommen, sollen Kliniken dafür künftig bessere Bedingungen erhalten. Darauf zielt ein Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn, das im Bundestag erst Mitte Februar mit breiter Mehrheit beschlossen wurde. Konkret geht es darum, mehr geeignete Spender finden zu können. „Das gibt den 10.000 Patienten Hoffnung, die auf ein Spenderorgan warten“, so der CDU-Politiker. Die meisten Mediziner sehen allerdings weiteren Handlungsbedarf, ein kleiner Schritt in die richtige Richtung reicht nicht. Denn auch im vergangenen Jahr überließen nur 955 Menschen nach ihrem Tod Organe für andere Patienten, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) mitteilte. Das war zwar ein Plus von knapp 20 Prozent im Vergleich zu 2017 mit 797 Spendern und der erste größere Anstieg seit 2010. Doch: Immer noch sterben jeden Tag im Schnitt drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ bekommen. Auch Eisenbahner Werner L. (53) wartet auf ein Spenderorgan, und das bereits seit sechs Jahren. Der Lüneburger leidet an einer chronischen Entzündung der Gallenwege, Primär sklerosierende Cholangitis (PSC) genannt.

Die Gallenflüssigkeit, die normalerweise von der Leber aus die Gallenwege passiert, kann bei einer PSC nicht mehr ungehindert fließen – sie staut sich an bestimmten Stellen. Auf lange Sicht führt die Primär sklerosierende Cholangitis zu Schäden in der Leber, so dass diese nicht mehr richtig arbeiten kann. Eine Leberzirrhose kann die Folge sein – wie bei Werner L. Meist stellt der Arzt die Diagnose PSC, wenn die Patienten zwischen 30 und 50 Jahre alt sind. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. „Die Krankheit kommt schleichend, man merkt lange nichts, ich war immer häufiger müde, bekam so einen schrecklichen Juckreiz. Da erst ging ich zum Arzt. Die Diagnose war ein Schock!“ Die Leber von Werner L. hat kaum noch Funktion. Glaubt er noch daran, rechtzeitig ein Spenderorgan zu erhalten? „Natürlich, immer“, sagt er. „Wenn nicht, würde ich dem allen noch heute ein Ende setzen. Dann wäre ja alles sinnlos.“ Peter Mohr vom Verein Lebertransplantierte Deutschland e.V. Koordinationsbereich Nord, der seinen Sitz in Lüneburg hat, würde gerne mehr Optimismus verbreiten können. Doch Mohr, selbst ein „Transplantierter“, weiß auch, dass das Thema komplex ist: „Objektiv ist es eben immer noch einfach so, dass wir viel mehr Organspenden benötigen, von daher reicht es nicht, jemand nur Hoffnung zu machen. Die muss sich auch auf etwas begründen.“ Was es braucht, ist die permanente Information über das Leid derjenigen, die auf ein Organ warten, heißt es von der DSO. Eine Schlüsselrolle dabei spielen die Hausärzte: Wie eine aktuelle Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zur Organspende zeigt, genießen sie bei Patienten besonders hohes Vertrauen und sind auch beim Thema Organ- und Gewebespende wichtige Ansprechpersonen. So gibt etwa jeder vierte Befragte zwischen 14 und 75 Jahren in der Repräsentativbefragung der BZgA an, mit seinen Ärztinnen und Ärzten über das Thema sprechen zu wollen. 15 Prozent derjenigen, die einen Organspendeausweis besitzen, haben diesen in ihrer Arztpraxis erhalten.

Warum dennoch so viele Menschen davor zurückscheuen, einen Organspende-Ausweis auszufüllen, erklärt sich Werner L. so: „Das Thema ist ja keines, über das man leichthin spricht und mit dem man auf Partys neue Freunde gewinnt. Man muss sich mit dem eigenen Tod oder dem von Angehörigen beschäftigen. Das ist tabu. Wer macht das schon gerne?“

In der aktuellen Debatte um die gesetzliche Regelung der Organspende setzen viele Betroffene – auch der Lüneburger L. – darum jetzt auf die so genannte Widerspruchslösung. Danach soll jeder Deutsche automatisch ein Spender sein, wenn man nicht selbst oder jemand aus der Familie widerspricht. Dass die Widerspruchslösung aber wirklich kommen wird, ist wohl eher zweifelhaft. Ärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery fasste die Mehrheitsmeinung unter seinen Kollegen so zusammen: „Als Arzt vertrete ich die Widerspruchslösung. Ich halte sie in unserem Rechtssys-tem, in dem man für jeden Pieks eine Einwilligung geben muss, jedoch für schwer durchsetzbar.“

Wie wird man selbst Organspender?

Die persönliche Entscheidung kann in einem Organspendeausweis oder in der Patientenverfügung schriftlich dokumentiert werden. Gleichwertig ist das Gespräch mit den Angehörigen. Füllen Sie den Organspendeausweis einfach aus und legen ihn in die Brieftasche. Dort schauen Ärzte im Ernstfall zuerst nach. Tragen Sie dort Name, Vorname, Geburtsdatum und Adresse ein. Dann kreuzen Sie auf der Rückseite an, für welche Form der Organspende Sie zur Verfügung stehen. Wichtig: Unterschreiben Sie den Ausweis, nur damit wird das Dokument gültig. Und: Informieren Sie Ihre Angehörigen, dass Sie Organspender sind, dann gibt es im Notfall keine Probleme.

Wann werden Organe zur Spende freigegeben?

Dafür muss beim Patienten der Hirntod festgestellt werden. Heißt: Die Gesamtfunktion des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstammes sind unwiederbringlich und unumkehrbar ausgefallen. Eine Rückkehr ins Leben ist ausgeschlossen. Zwei Ärzte müssen diesen Zustand unabhängig voneinander feststellen, machen dafür bestimmte Tests. (RT)

Information zur Organ- und Gewebespende  www.organspende-info.de

www.bundesgesundheitsministerium.de/Organspende.

Kostenfreies Infotelefon Organspende: 0800 / 90 40 400.

Lebertransplantierte Deutschland e.V. Koordinationsbereich Nord

Telefon: 04131 / 53217.

Auf dem Weg zum Plastikfreien Leben

Der Umweltaktivist Christoph Schulz setzt sich gegen Plastikmüll ein

Eigentlich war Christoph Schulz auf der Suche nach einer neuen Geschäftsidee. Doch diese Suche veränderte sein Leben. Heute kämpft der 30-Jährige mit seinem Umweltschutzprojekt als Aktivist gegen den Plastikmüll – und lebt selbst nahezu plastikfrei. Aufgewachsen ist Christoph Schulz in Uelzen, auf dem Herzog-Ernst-Gymnasium machte er sein Abitur, bevor er eine Bankausbildung begann. Anschließend studierte er Online-Marketing. Für seine Bachelor-Arbeit zog er nach Berlin, wo er seit vier Jahren – inzwischen zusammen mit seiner Freundin – lebt. Dass er nicht im Angestelltenverhältnis arbeiten möchte, war Christoph in Berlin schnell klar. So startete er mit einem Freund seinen ersten Start-up-Versuch mit einer Vermietung technischer Geräte. „Wir wurden total ausgenutzt, es gab einfach zu viele Verbrecher und falsche Kunden. Uns fehlten aber die Möglichkeiten, die Kosten wieder einzutreiben”, erzählt der 30-Jährige. Aus dieser Pleite zogen sie die Lehre, in Selbstständigkeit Dinge lieber verkaufen zu wollen.

Haltbar bis 1981

Im Jahr 2016 reiste Christoph Schulz in den Urlaub nach Sri Lanka, „um mir darüber klar zu werden, was ich wirklich machen will.” Er war das erste Mal in Südostasien unterwegs und war entsetzt über den Plastikmüll in der Natur. Diese Erfahrung legte bei ihm urplötzlich einen Schalter um. „Ich habe eine Plastikflasche gefunden, deren Inhalt bis 1981 haltbar war. Da habe ich gemerkt, dass das Plastik wirklich unvergänglich ist. Wenn ich jetzt eine Plastikflasche wegschmeiße und in 60 Jahren gestorben bin, vergehen noch weitere 400 Jahre, bis sie sich zersetzt hat”, so Christoph. Der Urlauber konnte nicht wegschauen und organisierte vor Ort in Sri Lanka eine Aufräumaktion, ein Clean-Up, am Strand. Wieder in Deutschland angekommen, beschloss Christoph Schulz, sich auch beruflich mit dem plastikfreien Leben zu befassen. „Ich habe recherchiert, was es auf dem Markt an plastikfreien Produkten gibt”, erzählt der 30-Jährige. So sei er zum Beispiel auf Zahnbürsten aus Holz oder Holzhaarbürsten mit Wildschweinborsten gestoßen. Um seinen eigenen Beitrag zu diesen plastikfreien Alternativen zu leisten, begann er schließlich, sie selbst in kleinen Mengen und auf eigene Rechnung produzieren zu lassen und zu verkaufen. Zwar konnte er gut davon leben, inzwischen hat er sich jedoch darauf spezialisiert, die umweltfreundlichen Produkte zu testen und an Interessierte zu vermitteln. Auf seiner Webseite www.careelite.de, benannt nach dem von ihm gegründeten Umweltschutzprojekt, bloggt er regelmäßig über Neuheiten und Themen rund um plastikfreies, umweltfreundliches und nachhaltiges Leben. Von seiner Leserschaft, der Community, erhält Christoph Anregungen, welche Produkte plastikfrei produziert werden sollten. „Ich habe zum Beispiel den Vorschlag für einen Wasserkocher ohne Plastik bekommen. Die gibt es auch aus Glas. Wenn es das Produkt auf dem Markt aber noch nicht gibt, entwerfe ich das, suche Hersteller und schreibe sie an”, erklärt er. Dieses Produkt lasse er dann in kleinen Stückzahlen produzieren. Die Garantie für einen guten Absatz gibt es nicht. „Vielleicht will das auch keiner kaufen. Man muss den Markt erstmal kennen lernen”, erläutert Christoph.

Plastik nicht total verteufeln

Was den Haushalt angeht, hält Christoph Schulz nichts davon, Plastik grundsätzlich zu verteufeln. Sinnvoll sei es zum Beispiel nicht, aus gutem Vorsatz alles aus Plastik wegzuwerfen, um auf plastikfreie Alternativen umzusteigen. „Das wäre natürlich totaler Quatsch, man will ja auch keinen Müll machen”, meint er. Der Umstieg mache vor allem Sinn bei Dingen, die man oft wechselt – wie zum Beispiel Zahnbürsten. „Das muss man für sich selber entscheiden.” Der Uelzener rät allerdings dazu, Dinge, die schädliches BPA enthalten, sofort zu entsorgen. Auf Plastik im Haushalt zu verzichten, sei auch nicht in jedem Bereich sinnvoll, glaubt Christoph. „Eine PC-Tastatur ist zum Beispiel schwierig zu ersetzen”, außerdem würde man sie in der Regel lange nutzen. Sein Tipp lautet „Plastik einfach sinnvoll ersetzen”, zum Beispiel beim Einkaufen. Auf Plastiktüten beim Kauf von Obst und Gemüse könne man verzichten, zum Beispiel mit einem plastikfreien Gemüsenetz, das man immer wieder verwenden kann. In Berlin setze sich dieser Trend zur Plastikvermeidung zunehmend durch, hat Christoph beobachtet. Ein großes Problem in Supermärkten sieht der Umweltschützer in den Plastikverpackungen. „So entsteht schnell viel Müll.” Um auf Plastikverpackungen zu verzichten, setzen Christoph und seine Freundin vermehrt aufs Selbermachen – wie in alten Zeiten. Spülmittel machen sie beispielsweise aus Efeu selbst. „Das hätte ich mir vor zwei Jahren auch nicht träumen lassen, dass ich das mal aus Blättern herstelle”, sagt der 30-Jährige schmunzelnd, „aber es funktioniert einwandfrei, und Efeu gibt es bei uns zuhauf.”

Gesünder und langfristig kostengünstig

Der Verzicht auf Plastik im Haushalt muss nicht zwingend teuer sein. „Plastikfrei leben ist nur kurzfristig teuer, aber ich gebe dann kein Geld mehr aus”, erklärt der Aktivist. So seien die Investitionen in Vorratsgläser und Glasdosen eine Ausgabe für eine lange Zeit. „Es ist hundert Prozent gesünder und langfristig kostengünstig”, meint er. „Und das Zeitaufwendige ist nur, dass man sich einmal damit beschäftigt.” Der Wahl-Berliner hat sich daran gewöhnt, von Außenstehenden als Ökofreak angesehen zu werden. Doch man müsse kein Ökofreak sein, um durch einfache Veränderungen nachhaltiger zu leben. „Das Meiste dauert nicht lange”, betont er. Christoph Schulz und seine Freundin kaufen Obst, Gemüse und Käse auf dem Wochenmarkt ein. „Da kann man supergut plastikfrei einkaufen, und die Wochenmärkte würde ich auch unterstützen”, sagt er. „Märkte gibt es überall, gab es schon immer, und sie bieten Regionales an, das besser ist als im Discounter.” Joghurt kaufen sie im Supermarkt, Nudeln und Co. im Unverpackt-Laden, in den sie eigene Vorratsgläser mitbringen. „Es sieht cool aus und macht überhaupt keinen Müll”, so Christoph. Die Preise seien zwar etwas höher, „aber es lohnt sich. Und die Betreiber solcher Läden machen das mit Leidenschaft.” Durch das Internet gibt es viele Wege, seine Tipps und Anregungen unter das Volk zu bringen und sich zu vernetzen. Im Rahmen seines Umweltschutzprojektes CareElite, das Christoph Schulz 2017 gegründet hat, gibt es nicht nur die Homepage mit Blog und Shop, sondern auch Gruppen in den sozialen Netzwerken. In der öffentlichen Facebook-Gruppe „Zero Waste, Plastikfrei und Natürlich leben (CareElite Connect)” sind inzwischen mehr als 6.000 Mitglieder, außerdem betreibt Christoph die Facebook-Seite „CareElite – Be Natural Change”, die von ebenfalls mehr als 5.600 Menschen geliked wird. In der Gruppe „Nature & Beach CleanUp Group (Worldwide)” vernetzen sich Menschen, die weltweit gemeinsame Aufräumaktionen organisieren und durchführen wollen, im deutschsprachigen Raum sind der Verein Küste gegen Plastik und Sea Shepherd in dieser Richtung aktiv.

Müll ist unser Fußabdruck

Die Gruppen in den sozialen Netzwerken sind sehr aktiv, und auch Christoph Schulz‘ Homepage von CareElite wird bis zu 6.000 Mal am Tag angeklickt. Inzwischen nehmen auch Unternehmen Kontakt zu ihm auf und wollen, dass er ihre Produkte anpreist. Diese lässt er sich in der Regel zuschicken und testet sie in Ruhe, bevor er ein ehrliches Feedback abgibt. „Es gibt tolle Produkte, aber ich sage auch mal ab”, sagt er. Christoph Schulz, der sich selbst als Sozialunternehmer oder auch Umweltaktivist sieht, hat keine Angestellten. Das Meiste macht er alleine, während sieben Freiberufler mitbloggen. Sein Bruder, ein Wildlife-Filmer, kümmert sich um den Bereich Natur. „Viele haben den Bezug zur Natur verloren”, meint der Uelzener. „Unser Fußabdruck ist auch unser Müll. Wir sind die einzigen Lebewesen, die den Planeten zerstören.” Gerade hat Christoph einen Artikel über Mikroplastik im Meer für seinen Blog geschrieben, ein hochaktuelles Thema. „Wir haben es nie so richtig ernst genommen, wir sehen jetzt erst die Probleme und Nachteile”, sagt er. Zwar betreffe das besonders die asiatischen Länder, doch jeder solle sich damit beschäftigen, so seine Meinung. Wenn Christoph wieder auf Reisen ist, macht er bei Clean-Ups vor Ort mit und hilft örtlichen Organisationen bei der Aufklärungsarbeit. Ende März plant er eine Reise nach Vietnam. Dass in vielen Ländern in großen Mengen Wasser in Plastikflaschen gekauft und weggeworfen wird, kann Christoph Schulz den Menschen nicht einmal verdenken. Deutschland ist eines der wenigen Länder der Welt mit einem Pfandsystem für Plastikflaschen. Nur deshalb funktioniere es seit Jahren hierzulande so gut, dass keine Pfandflaschen herumliegen würden, meint er. „Die Menschen geben die Flaschen zurück, weil sie einen Gegenwert dafür bekommen. Es ist eigentlich total verrückt, dass dieses System in so wenigen Ländern genutzt wird.”

„Plastikfrei für Einsteiger”

Auch Christoph Schulz musste in den vergangenen zweieinhalb Jahren Schritt für Schritt seine Erfahrungen auf dem Weg zum plastikfreien Leben machen. Um seine Erlebnisse und sein Wissen an andere weiterzugeben, hat er jetzt einen Ratgeber geschrieben. Er heißt „Plastikfrei für Einsteiger” und richtet sich an Menschen, die sich noch nicht mit dem Thema plastikfreies Leben beschäftigt haben, aber Schritt für Schritt und unkompliziert an das Thema herangeführt werden wollen. Das Buch enthält einfache Tipps wie das Unterwegssein mit Trinkflaschen und Jutebeuteln, plastikfreies Reisen mit dem Flugzeug oder das Einkaufen ohne Plastikverpackungen. „Man kann für sich selbst entscheiden, wie weit man gehen möchte”, meint der Umweltschützer. Durch sein Buch lerne man das Problem zumindest kennen. Während sein Umfeld vor gut zwei Jahren noch skeptisch auf Christophs Umdenken reagierte, sind die meisten heute angetan. „Besonders auf dem Dorf wurde es komisch gesehen, da hatte ich ein Hippie-Image. In der Stadt verbreiten sich solche Ideen schneller”, meint der Aktivist. Ob als Sozialunternehmer, Umweltaktivist oder Umweltschützer (seine Eltern bezeichnen ihn als Online-Händler): Christoph Schulz geht es darum, aufzuklären und up to date zu bleiben. „Ich wollte etwas mit Mehrwert schaffen. Und es macht mir auch richtig Spaß – selbst morgens das frühe Aufstehen.” (JVE)

Bewegung

editorial

Wir müssen unsere Zukunft eben selbst gestalten“ … „wenn ihr Erwachsenen es schon nicht tut“… so oder ähnlich würde wohl der Satz einer Schülerin enden, hätte sie ihn zu Ende sprechen wollen. Das letzte Mal, dass sich Tausende Schüler auf die Straße stellten, war der Aufstand gegen das Turbo-Abi „G8“ im November 2008. Das letzte Mal in der jüngsten Zeit, dass sich Schüler öffentlich formierten, galt dem eindrucksvollen Bekenntnis gegen Rassismus und Gewalt. Nun ist es die „Generation Greta“, die sich lautstark einmischt, mutig ihre Rechte für ihre Zukunft einfordert, freitags protestierend auf die Straße geht und alle Welt auffordert, endlich etwas gegen die Klimaveränderung zu tun. Schule schwänzen ist zu kurz gegriffen. Sie will und sie wird etwas bewegen, da sind wir sicher. Es gibt ihn also doch noch, den Blick nach vorn – statt aufs iPhone. Um Zukunftsgestaltung – nämlich die berufliche – ging und geht es in diesen Wochen auch bei den Ausbildungsbörsen in der Region. Das ganze Spektrum beruflicher Bildung in allen Bereichen von Handwerk und Gewerbe, von Pflege und Medizin, von Handel, Logistik und Dienstleistung, von öffentlicher Verwaltung und IT zeigt sich hier von der charmantesten Seite und wirbt um junge Leute für Ausbildung, Studium, Qualifizierung. Das nächste Mal am 23. März in der IGS – siehe auch S. 45/46. 

Und für die freie Zeit nach Feierabend und an den Wochenenden empfehlen wir Euch ganz besonders einen Blick auf die zahllosen Angebote in unseren Kultur- und Veranstaltungsseiten, in denen so manches Highlight in Lüneburg, Lauenburg, Winsen, Bad Bevensen, Uelzen und auch in Hamburg zu finden ist, ob Kultur- und Kneipennacht in 15 Lauenburger Locations, ob das Pasadena Roof Orchestra in der Stadthalle Winsen, Götz Alsmann im Kulturforum, Ingo Appelt in Bardenhagen oder beste Comedy mit Sertaç Mutlu, mit C. Heiland und Simon Stäblein, jeweils im Salon Hansen – präsentiert von stadtlichter. Wer flott an den E-Mail-Tasten ist, hat auch in dieser Ausgabe wieder die Chance, richtig Kohle zu sparen und mit uns Eintrittskarten für verschiedene Events zu gewinnen, sogar zwei pralle Dom-Pakete, also Gutscheinhefte im Wert von je 200 Talern für den Hamburger Frühjahrsdom sind darunter. Abgesehen davon: stadtlichter lesen ist immer ein Gewinn… 

In diesem Sinne, genießt weiterhin den Winter in seiner Light-Ausgabe, lasset Euch treiben, bewahrt Euch die Mobilität (übrigens das Motto des ersten Verkaufsoffenen Erlebnis-Sonntags am 31. März in Lüneburg) und bleibt uns gewogen.

Eure stadtlichter

Wie eine grosse Black Box

Snus, Badesalze & Co – Legale Drogen und die folgen für die Gesundheit

Kennen Sie Snus? Wenn nicht, fragen Sie doch ihre Kinder. Viele Jugendliche greifen zu dem Zeug, weil es angeblich cool ist und manche Sportler auch ganz heiß darauf sind. Snus kommt aus Schweden und wird daher auch schwedisch ausgesprochen, also „Snüs“. Ganz süß also, möchte man meinen. Doch Snus ist alles andere als das.

Snus ist eine legale Droge und wird in Dosen verkauft, die entweder kleine Beutelchen oder losen Tabak mit jeweils unterschiedlichen Mengen an Nikotin enthalten. Es besteht hauptsächlich aus fein gemahlenem Tabak, den die Hersteller mit Wasser, Feuchthaltemittel, Salz und Aromastoffen behandeln. Das Salz hat die Funktion, den Tabak dem PH-Wert im Mund anzupassen. Dadurch können die Schleimhäute die Inhaltsstoffe besser resorbieren. Die Aromastoffe sollen über den Tabakgeschmack hinwegtäuschen. Der Verkauf des Lutsch-Tabaks, der zwischen Lippe oder Wange auf das Zahnfleisch geschoben wird, wo der Speichel ihn in einen braunen Saft verwandelt, ist in Deutschland illegal – der Konsum hingegen nicht. Vor allem Fußballer, Vorbilder für viele Kids, scheinen Snus zu lieben.

Bundesligaprofis gehören zu den Snus-Fans genauso wie Provinzkicker aus Lüneburg. Der Autor dieses Textes sprach mit zwei Lüneburger Spielern, die beide sogar etwas Geld verdienen mit ihrem Sport. Sie geben den Snus-Gebrauch ganz offen zu: „Ist doch nix dabei“, meinte der eine. „Völlig harmlos“, sagt der andere. Allerdings gibt er auch zu: „Es kommt schon vor, dass das Zahnfleisch wie die Hölle zu brennen anfängt und der Schweiß rinnt. Aber wenn das vorbei ist, kommt man richtig gut drauf und spielt übrigens auch besser.“

Dass Snus wirklich so harmlos ist, glaubt man selbst in Schweden, dem einzigen Land in der EU, in dem der Oraltabak legal gekauft werden kann, nicht mehr. Es mehren sich auch hier die kritischen Stimmen. Die große Lobby der Befürworter wehrt sich allerdings heftig gegen erste Verbotsaufrufe. Snus ist in dem skandinavischen Land bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert verbreitet.

In Deutschland ist die Medizin sich ziemlich einig: Die Trend-Droge putscht auf, stärkt die mentale Aufnahmefähigkeit, verursacht aber eine starke Abhängigkeit, wird Ingo Froböse, Professor für Sportrehabilitation und Prävention an der Sport-hochschule Köln, von der „Zeit“ zitiert. Gefährlich wird’s, wenn maßlos konsumiert wird, was leider unter Kindern und jungen Erwachsenen oft geschieht. Manche „Snus“-Beutel enthielten immerhin 44 Milligramm oder mehr Nikotin, das sind drei bis vier Zigaretten auf einmal. Was viele zudem außer Acht lassen, ist, dass Snus-Produkte schwedischer Erzeuger strengeren Standards unterliegen, um die Schadstoffe gering zu halten. Asiatische Produkte hingegen, mit einem Klick per Internet zu bekommen, enthalten einen Tausendfach so hohen Schadstoffgehalt.

Bereits 2007 fanden Forscher des schwedischen Karolinska-Instituts heraus, dass Snuskonsumenten neben noch recht harmlosen Folgen wie Zahnfleischschwund, verfärbten Zähnen oder Zahnverlust auch mit einem erhöhten Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs leben müssen. US-Wissenschaftler bestätigten das in einer Studie aus 2015. Genau wie auf Zigarettenpackungen gibt es auf den Snus-Dosen inzwischen den Warnhinweis, dass „dieses Tabakprodukt“ der Gesundheit schaden kann. Hilft ein Konsum-Verbot? Eher wohl Aufklärung. Denn neben Snus gibt es reichlich andere Substanzen im Netz, die eine entstehende Lücke füllen würden. Die sogenannten Legal Highs zum Beispiel, die als vermeintliche legale und harmlose Rauschmittel beworben werden, und online ganz einfach ins Haus bestellt werden können. Und vermutlich oft weitaus schädlicher für die Gesundheit sind als der gelutschte Tabak aus Schweden. Fachleute warnen vor diesen psychoaktiven Substanzen (NPS), die teilweise stärker als etwa Cannabis oder andere herkömmliche Drogen wirken können. Sie werden im Netz zum Beispiel als Kräutermischung, getarnt als Badesalz oder Lufterfrischer angeboten, und tragen dort Namen wie   „Party Beast“ „Bonzai Summer Boost“ oder auch „Amazonas Vanilla“. Wer solche Drogen im Internet bestellt, weiß nicht, was er bekommt und wie die Wirkung ausfallen wird. Das ist wie eine große Black Box. Schon Rattengift ist in Legal Highs entdeckt worden. Nach Erkenntnissen der Polizeigewerkschaft GdP wurden allein im vergangenen Jahr mindestens 60 neue, zum Teil hochgefährliche Wirkstoffe erstmals auf dem deutschen Markt festgestellt. Als besonders experimentierfreudige Nutzer der Legal Highs gilt übrigens die Gruppe der 16- bis 25-jährigen. Und genau diese Altersgruppe steht auch beim Snus-Gebrauch an der Spitze … (RT)

Im Dienste der oberen Zehntausend

Stefan Kleinat war Jahrelang als Butler angestellt

Die Welt, in der Stefan Kleinat beruflich unterwegs ist, ist für viele ein Traum. Doch der Lüneburger lernte auch ihre Schattenseiten kennen. Der 47-Jährige arbeitet seit Jahren als Butler – jetzt braucht er erstmal eine Pause. Stefan Kleinat ist gelernter Restaurantfachmann und arbeitete jahrelang bei verschiedenen Gastronomiebetrieben auf der ganzen Welt sowie auf Kreuzfahrtschiffen. „Irgendwann hat man von den Jobs genug”, meint er rückblickend. „Auch wenn ich den Beruf immer gerne ausgeübt habe.” Eines Tages erhielt Kleinat von seiner Kreuzfahrt-agentur ein Jobangebot, das seine Laufbahn in eine andere Richtung lenken sollte: Ein russischer Multimilliardär suchte einen Head Steward für seine Privatyacht in Monte-Carlo. Neugierig auf diese ungewöhnliche Jobmöglichkeit nahm er das Angebot an. Mit einem Minimum an Informationen und einem Flugticket ging es nach Monte-Carlo, wo die 90 Meter lange Yacht auf Reede lag.

Leben auf der Privat-Yacht

Der russische Milliardär, der mit Öl- und Erdgasgeschäften zu tun hatte, beschäftigte auf seinem Schiff 50 Mitarbeiter, obwohl er es nur als Büro und Rückzugsort für sich und seine Familie nutzte. „Es war eine Grundvoraussetzung, dass ich kein Russisch kann, damit ich von den Geschäften nichts verstehe”, erinnert sich Kleinat, dessen Verantwortung beim Restaurantservice lag. Um den Besitzer wurde ein Geheimnis gemacht. „Aber wir Mitarbeiter haben natürlich ein bisschen recherchiert”, verrät Kleinat schmunzelnd. Zwei Jahre lebte der Lüneburger auf der Yacht, die nur für Ausflüge mit Freunden Monte-Carlo verließ. Als der Yachtmanager das Schiff verließ, übernahm Stefan Kleinat auch noch dessen Job, doch es gab nicht allzu viel zu tun. „Wir sind immer nur im Hafen rumgedümpelt. Offiziell war das Schiff eine Charter-Yacht – es hat sie aber keiner gechartert”, erklärt er. Kleinat kümmerte sich hauptsächlich um die Frau und die drei Kinder des Besitzers, die er als herzlich und freundlich empfand. „Wenn keiner da ist, machst Du eben Inventur und zählst Getränke. Ich hab dann auch Fenster und Reling geputzt”, so Kleinat. Auch die Zubereitung des Essens für die Familie war nicht anspruchsvoll. „Der Besitzer wollte ganz normales Essen, wie Gretschka, eine Buchweizengrütze, oder Pelmeni, weil er überall woanders immer edel gegessen hat”, erinnert er sich. Zu seinen Angestellten auf der Yacht pflegte der russische Milliardär ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis. „Das Aus kam überraschend für uns”, so Kleinat. Als das Schiff mit ein paar Freunden des Besitzers 2006 von einem zehntägigen Südamerika-Trip zurückkam, wurde es in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Panama unter Arrest genommen. „Es gab Gerüchte über Umweltverbrechen, die wir auf den Galapagos-Inseln begangen haben sollten”, erklärt Stefan Kleinat. Klar war ab dann, dass das Schiff abgewickelt und das gesamte Personal entlassen werden musste.

Butler im Edel-Hotel

Stefan Kleinat hing nach diesem Job eine Weile in der Luft. „Hinterher habe ich realisiert, dass ich auf der Yacht zum ersten Mal mit dem Private Service zu tun hatte. Ich habe mich um persönliche Belange der Familie gekümmert und zum Beispiel mit der Frau eingekauft oder die Kinder aus dem Bett geholt.” Wieder in Deutschland, besann er sich seiner Jobmöglichkeiten und beschloss, sich erneut in den Dienst anderer zu stellen. So bewarb er sich als Butler beim wiedereröffneten Carlton Hotel in St. Moritz. Im Dezember 2008 trat Stefan Kleinat den neuen Job in der Schweiz an, den er zwei Wintersaisons ausübte. Das Hotel hatte einen eigenen Butler-Service mit sechs bis acht Butlern eingerichtet, auf den jeder Gast zugreifen konnte. Als Butler in dem Fünfsternehotel übernahm der Lüneburger Aufgaben, die gewöhnlich auch Hotelmitarbeiter übernehmen. Das waren der Empfang der Gäste und das Zeigen der Suite, aber auch das Auspacken der Koffer, Schuhe Putzen oder Kleidung Aufbügeln. Außerdem übernahmen die Butler den Room Service und brachten Essen und Getränke auf die Suiten. Nicht jeder Bewohner einer der 60 Suiten hatte das Bedürfnis, einen eigenen Butler zu haben. Stellte ihn ein Hotelgast aber in seine Dienste, kam Kleinat ihm und seinem Privatleben häufig sehr nah und erhielt Einblick in eine Welt, die ihm sonst verschlossen war. Komische Situationen gab es immer wieder. Nackte Gäste gehören da noch zu den harmloseren Erlebnissen. „Für meinen Geschmack kamen sehr häufig Anfragen nach Drogen, vornehmlich Koks”, erzählt der 47-Jährige. Auch Frauen wollten sich Hotelgäste regelmäßig auf ihr Zimmer bestellen. Stefan Kleinat hatte dazu eine klare Einstellung: „Ich muss da meiner persönlichen Überzeugung folgen. Ich bin kein Zuhälter und kein Drogendealer und möchte mich nicht für die Gäste strafbar machen.” Während den Kontakt zu Frauen der Concierge des Hotels herstellen konnte, übernahm das Hotelpersonal nicht die Beschaffung von Drogen jeglicher Art. Ob Drogen oder Gäste mit nur einem Satz Unterwäsche: „Man ist automatisch verschwiegen”, meint Kleinat.

Neid ist fehl am Platz

Der Butler lernte in seinem Job: Jeder Gast ist gleich, und Neid ist fehl am Platz. „Viele meinen, diesen Lebensstil auch nachleben zu wollen”, weiß er. Doch obwohl der Job gewisse Annehmlichkeiten mit sich bringe, habe er seinen Aufraggebern nie nachgeeifert. „Man lernt natürlich einen gewissen Lebensstil zu schätzen. Ich gehe gern essen und trinken, aber eben in meinen Möglichkeiten.” Zu einigen Gästen baute der Butler auch ein persönliches Verhältnis auf. Ein Industriellenpaar engagierte ihn schließlich vom Fleck weg für zu Hause. Nach der zweiten Wintersaison in St. Moritz zog der Lüneburger im Mai 2010 auf den Gutshof des Paares am Rhein und trat seinen ersten Job als privater Butler an. „Das ist voll in die Hose gegangen”, sagt er rückblickend. Neben Hausdame, Gutsverwalter und Gärtner war er als Butler angestellt, hatte jedoch keine richtigen Aufgaben. Seine Arbeit bestand aus Hunde füttern, Betten machen, waschen, bügeln und sich um Weinkeller, Zigarren und Autos kümmern. Der Dame des Hauses wurde durch seine Anwesenheit langweilig, außerdem entpuppte sie sich als eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die ihr Mann erhielt. Nach einem halben Jahr beendete Kleinat den Job. In seiner nächsten Anstellung in Ahlen (Westfalen) lernte Stefan Kleinat einen raueren Ton kennen. Offiziell als Fuhrparkmanager bei einem Bruderpaar aus der Kosmetikbranche angestellt, übernahm er inoffiziell die Aufgaben als Assistent des Geschäftsführers. Er kümmerte sich um acht Fahrer, organisierte Partys und hatte mit ominösen Menschen zu tun. „Es war komplett unangenehm, da

zu arbeiten”, erinnert er sich. Der Umgangston sei hart gewesen, am Telefon sei nur geschrien worden. „Es herrschte ein Kasernenton, das war menschenverachtend”, meint er. „Ich musste aufpassen, dass ich nicht selber so werde.” Von den Machenschaften seiner Arbeitgeber bekam er viel mit, „es war wie im Film.” Kleinat lernte in dieser Situation viel über sich selbst, zum Beispiel, dass man mit einem gewissen Druck viel erreichen kann. „Ich war auf gewisse Weise fasziniert von der Position. Ich hatte Macht, musste aber auch viel aushalten.” Nach einem halben Jahr hielt er die Eskapaden seines psychisch kranken und gewalttätigen Arbeitgebers nicht mehr aus und zog die Reißleine. „Mitwissen ist nicht schön”, fügt er hinzu.

Höhepunkt am Wörthersee

Es folgten mehrere mehrmonatige Jobs in St. Moritz und Umgebung, bevor Stefan Kleinat ab Ostern 2013 eine längere Arbeitspause einlegte. „Das ist der einzig echte Vorteil an dem Beruf, dass man länger davon leben und auch mal Pause machen kann”, erklärt er. Von seinem letzten Job, den er 2015 und 2016 für ein gutes Jahr inne hatte, regeneriert er sich immer noch. In dieser Zeit war er bei einer Industriellengattin am Wörthersee in Österreich als Hausmanager und Butler angestellt. Ihm wurde die Verantwortung für das Personal übertragen, zusätzlich gehörte der persönliche Service zu seiner Arbeit. Seine Arbeitgeberin, eine Multimilliardärin, die auf zweieinhalbtausend Quadratmetern Wohnfläche lebte, galt als schwierig, weshalb ihr Personal häufig wechselte. „Ich habe ganz normal mit ihr agiert, was keiner mehr gemacht hat. Viele hatten Angst, aber ein Rausschmiss ist für mich nichts Schlimmes”, so Kleinat. Der Butler versuchte, die ständigen Personalwechsel zu minimieren und mit seiner Chefin diplomatisch und in ihrem Sinne zu diskutieren. Doch ihr Family Office, ein Zusammenschluss ihrer wichtigsten Berater, sah es nicht gern, dass Stefan Kleinat Dinge mit seiner Chefin direkt besprach oder auf dem kurzen Dienstweg erledigte, weshalb er immer wieder Probleme bekam. Seinen Job am Wörthersee sieht Stefan Kleinat rückblickend als den Höhepunkt seiner Karriere an. Die Arbeit war ein ständiger Eiertanz – nie wusste man, über was sich die Chefin als nächstes aufregen würde, alles war für sie ein Desaster. Außer dem Butler wollte sie ihr Personal nicht sehen. „Die Mädchen lösten sich auf und mussten immer aufpassen, das ist schon surreal”, meint Kleinat, der selbst von seiner Chefin immer gefordert war. Ständig wollte sie Antworten auf ihre Problemchen, ohne ihr Personal wäre sie kaum überlebensfähig gewesen. „Man muss immer auf Zack sein und zu allem eine Meinung haben – ihre”, sagt er schmunzelnd.

Das grenzt an Selbstaufgabe

Was Stefan Kleinat am Wörthersee erlebte, ging weit über das Geforderte seiner vorherigen Jobs hinaus. „Das grenzt an Selbstaufgabe und ist schon Sklaverei. Eigentlich kann man das mit Geld nicht bezahlen”, so seine Meinung. Tagtäglich musste er sich mit dem unzufriedenen Personal herumschlagen und dazu die Launen seiner Chefin ertragen, 14 Arbeitsstunden am Tag waren normal. „Du lebst in einer anderen Welt.” Als er einmal zu viele Widerworte gab, entschied der Family Office seiner Chefin, dass Stefan Kleinat in dieser Position nicht länger tragbar ist. „Eigentlich braucht sie aber so jemanden, der ihr nicht nach dem Mund redet”, meint er. Der 47-Jährige weiß, dass die Stelle seit seinem Weggang 2016 immer noch unbesetzt ist. Seit Stefan Kleinat zurück in Lüneburg ist, wo er immer seinen Lebensmittelpunkt hatte, führt er ein beschauliches Leben. „Ich bin nicht erlebnishungrig”, erklärt er. „Ich habe den Drang, ins einfachere Leben zu flüchten und habe die romantische Vorstellung vom Selbstversorger.” Noch kann er von dem Geld leben, was er als Butler verdient hat. Ob und wann er sich wieder als Butler anstellen lässt, steht noch in den Sternen, vielleicht geht es auch in Richtung kochen. „Ich bin jetzt im optimalen Reifegrad, um als Butler zu arbeiten. Und eine Möglichkeit, in den Job zurückzugehen, gibt es immer.” (JVE)

 

Pappnase

editorial

Bald geht sie auch im nüchternen Norden wie auch in den entlegensten Stellen dieser Welt wieder los, die närrische Zeit. Zwar nicht unbedingt überall mit Frohsinn und Pappnase, aber närrisch mutet es schon an, wenn zum Beispiel der mächtigste Mann der einst mächtigsten Macht der Welt sich anschickt, eine Mauer zu bauen, um Flüchtende fernzuhalten. Und trotzig den Shutdown ausruft, um das Geld dafür aus dem US-Etat freizupressen. Im Gegensatz zu Walter Ulbricht macht Trump auch keinen Hehl daraus, sagt nicht, dass keiner die Absicht habe, eine Mauer zu errichten. Es jährte sich am 20. Januar übrigens zum zweiten Mal der Tag, an dem der 45. US-Präsident vereidigt wurde. Nach George W. Bush ist er der zweite Präsident, der die Wahl nach Wählerstimmen zwar verlor, aber aufgrund des Wahlrechts der USA trotzdem Präsident werden konnte. Karneval? Bitterer Ernst. Auch dass die EU mit dem Brexit zu bröckeln beginnt und in Brüssel ausgerechnet die Zahl derjenigen Abgeordneten zunimmt, die es sich zum Ziel gesetzt haben, eben dieses Parlament, für das sie gerade kandidieren, abzuschaffen – auch das ist kein Karneval. Bitterer Ernst. Zum Glück gibt es viel Gegenwind, zum Beispiel in der Vielfalt der Kultur, die es zu pflegen lohnt. Im Kleinen wie im Großen. Im täglichen Miteinander, in Familie, Arbeitswelt, Begegnung und Veranstaltung, in der Literatur wie in der Malerei, im Theater wie auf der Leinwand, bei Musik und Tanz, mit Vertrauten wie mit Fremden. Und das schon jetzt üppige Angebot in der Region wird zusehends größer, wie ein Blick in unsere Veranstaltungsseiten und Terminkalender, die Vorschauen auf Festivals und Konzerte verrät. Mit dem Audimax der Lüneburger Leuphana ist gerade eine tolle Location für hochklassige Veranstaltungen hinzugekommen, der Start der Bauarbeiten für die Arena Lüneburger Land verspricht zudem in absehbarer Zeit ein weiteres Podium für Großveranstaltungen aller Art zu bieten, nicht nur für Musik und Sport.

Nie zuvor war die Kultur insbesondere in dieser Region so facettenreich, so vielfältig, so präsent, so offen. Dass gerade jetzt junge Leute auf die Straße gehen, um für Menschlichkeit und Toleranz zu werben, aber auch für den Schutz von Klima und Umwelt ihre Stimme erheben, das macht schon Mut.

In diesem Sinne: Packen wir‘s an. Jeder ein bisschen.

Eure stadtlichter