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Jugger ist sein Leben

Sebastian Füntmann spielt im Jugger-Team im Lüneburger Kurpark

 

Sebastian Füntmann hat ein unkonventionelles Hobby. Während andere Fußball im Verein spielen, geht der 28-Jährige in den Lüneburger Kurpark, um mit Gleichgesinnten die Sportart Jugger auszuüben. Die Truppe ist ein Blickfang – und eine kleine Attraktion im Kurpark. „Jeder, dem man erzählt, dass man Jugger spielt, ist zunächst ratlos“, erzählt der Lüneburger. „Das versteht man erst, wenn man es gespielt hat.“ Zwar gibt es den Sport schon seit mehr als zehn Jahren in Lüneburg und seit mehr als 25 Jahren in Deutschland, doch er erscheint eher exotisch. Sebastian Füntmann lernte Jugger im Sommer 2008 über einen Kumpel im Lüneburger Kurpark kennen. Der Freund nahm ihn mit zum Training – seitdem brennt der 28-Jährige für den Sport. Jugger ist eine Mischung aus American Football und Gladiatorenkämpfen. Zwei Mannschaften mit je fünf Feldspielern versuchen den Jugg, den Spielball, in der Mitte des Spielfeldes zu erobern und ins Platzierfeld der gegnerischen Mannschaft zu tragen. Was für Außenstehende martialisch aussieht: Vier der fünf Spieler sind mit so genannten Pompfen ausgestattet, den Spielgeräten des Juggerns. Wird ein Spieler von einer solchen -Pompfe getroffen, kann er eine Zeitlang nicht ins Spiel eingreifen. Der fünfte Spieler, der Läufer, der keine Pompfe trägt, ist der Einzige, der den Jugg in die Hand nehmen darf. Seine Aufgabe ist es, geschützt durch seine Mitspieler den Jugg zu platzieren und damit zu punkten. Der Sport ist schnell und zeichnet sich durch taktische Manöver aus.

Ursprung
in australischem Film

Entstanden ist Jugger durch den australischen Endzeitfilm „Die Jugger – Kampf der Besten“ von 1989. „Ein ziemlicher B-Movie“, meint Sebastian Füntmann, doch auch er hat ihn auf DVD und betont, dass er unter Juggern eine Art Kultstatus habe und wiederholt gesehen werde. Das Lüneburger Jugger-Team gehört keinem Verein an, und auch das Training wird eher spontan ausgemacht. Für die Absprachen im Team gibt es eine WhatsApp-Gruppe, doch meist läuft es auf ein mehrstündiges Treffen am Sonntagnachmittag im Kurpark hinaus, manchmal auch unter der Woche. 15 bis 20 Jugger spielen in Lüneburg, viele Studenten, keiner älter als 35, unter ihnen eine Frau. Für ein Spiel werden mindestens zehn Spieler gebraucht. „Wir sind meistens zu wenige“, so Sebastian Füntmann. Da das Spiel anstrengend ist und man viel Ausdauer braucht, wird normalerweise regelmäßig ausgewechselt, doch Ersatzspieler haben sie beim Training im Kurpark fast nie. „Es gibt eine Spielvariante mit vier gegen vier, wenn man zu wenig Spieler hat.“ Sebastian Füntmann spielt seit zehn Jahren Jugger – doch nicht durchgehend in Lüneburg. Dreieinhalb Jahre lebte er während seiner Ausbildung zum Bürokaufmann in Husum, wo er ebenfalls ein Jugger-Team gründete. Seit 2012 ist er zurück, das Husumer Team existiert immer noch.

Pompfen werden
selbstgebaut

Dass Sebastian Füntmann bei dem ungewöhnlichen Sport Jugger gelandet ist, ist kein Zufall. „Ich mag gerne andere Sachen, weil ich selbst vom Wesen her anders bin“, erklärt er, „Ich mag außergewöhnliche Menschen um mich herum.“ Körperliche Einschränkungen und viele Krankenhausaufenthalte in jungen Jahren erschwerten dem 28-Jährigen immer wieder soziale Kontakte, doch in seinem Jugger-Team hat er seinen festen Platz gefunden. „Viele Leute im Team sind sehr tiefgründig“, erzählt er, mit einigen verbinde ihn eine enge Freundschaft. Wer Jugger spielt, geht nicht nur zum Training – außerhalb der Trainingszeiten werden auch die Spielgeräte selbst gebaut oder repariert. Zwar gibt es in Berlin einen Pompfenshop, doch dort sind die Geräte teuer. Alle Spielgeräte des Lüneburger Teams sind selbstgebaut, viele auch von Sebastian Füntmann. „Nach meiner Zeit in Husum hatte ich eine Riesenmenge an Pompfen. Da habe ich mich beim Bauen etwas hineingesteigert“, erinnert er sich. Die Spielgeräte bewahrt der 28-Jährige, der die Organisation im Team in die Hand nimmt und Ansprechpartner für Neulinge ist, bei sich im Schuppen auf. Vor jedem Training kommt bei ihm ein Teamkollege vorbei, um beim Transport des Bollerwagens mit den Geräten zum Kurpark zu helfen. Die Spielgeräte sehen gefährlicher aus, als sie sind. Die bis zu zwei Meter langen Stäbe der Pom-p-
–fen müssen gut gepolstert sein – das Regelwerk verbietet harte oder gar scharfe Spielgeräte. Auch die mehr als drei Meter lange Kette besteht aus einem Schaumstoffball an einer Plastikkette, die extra gepolstert ist und über dem Kopf geschwungen werden soll. Hand- oder Kopftreffer zählen im Spiel zudem nicht. „Bei den Sportgeräten ist alles festgelegt, von den Maßen bis zur Polsterung“, so Füntmann. „Man kann sich an ihnen nicht verletzen.“ Im Rahmen dieser Vorschriften gibt es aber genug Spielraum, um mit dem Gewicht der Geräte zu experimentieren, was einige bis zur Perfektion betreiben. „Es wird alles leichter“, erklärt der Jugger-Spieler, „es gibt Pomp-fen, die so leicht sind wie ein Blatt Papier.“

Einschüchternder Eindruck

Da sonntags vor allem bei gutem Wetter im Lüneburger Kurpark viel los ist, erregt das Jugger-Team regelmäßig Interesse. Oft schauen Menschen zu, stellen Fragen oder probieren den Sport selbst aus. Zwar gehört zu dem Spiel für die Zeitnahme das Schlagen auf einer Trommel, doch Beschwerden gibt es selten. Dennoch macht der Sport von außen einen eher befremdlichen Eindruck. „Ich glaube, wir wirken recht einschüchternd“, vermutet Sebastian Füntmann. „Wir sind Leute mit Keulen in der Hand, die sich Sachen zurufen und miteinander kämpfen.“ Doch für ihn zeichnet sich der Sport durch besondere Fairness und einen sozialen Umgang miteinander aus. „Was ich an Jugger sehr liebe, ist, dass man Fehler zugibt und sie dem Gegner sofort ansagt.“ Nur wenige Jugger-Mannschaften in Deutschland seien sehr ehrgeizig, vielmehr gehe es um Spaß und Fairness. „Wir sitzen manchmal auch nur eine Stunde zusammen und reden“, erklärt der Lüneburger. Da das Jugger-Team keinem Verein angehört, gestaltet es sich für die Spieler in der Wintersaison schwierig, eine Hallenzeit in Lüneburg zu bekommen. „Wir hatten schon überlegt, uns dem MTV anzuschließen. Aber unsere Gruppe ist wirklich sehr lose, und viele wollen da keine Vereinsstruktur reinbringen“, erklärt Sebas-tian Füntmann. Er selbst hat nichts dagegen, bei Regen oder Kälte zu trainieren. „Auch eine Schlammschlacht macht einigen richtig Spaß“, weiß er. Vorschriften bezüglich der Kleidung gibt es nicht, doch für Turniere haben die Lüneburger Jugger Trikots. Bequeme Kleidung ist am wichtigsten. Viele spielen barfuß, einige haben Knieschützer, Stollenschuhe sind nicht erlaubt. „Sicherheit geht vor“ gilt auch bei Jugger. Körperliche Fitness ist von Vorteil, deshalb machen einige Lauftraining. Sebastian Füntmann bereitet normales Gehen schon Probleme – das Rennen beim Jugger komischerweise nicht. Neben dem Jugger geht der 28-Jährige bouldern. Er hat eine Muskelschwäche, doch durch den Sport konnte er schon mehr Muskeln aufbauen. Sein Orthopäde rät ihm ab vom Juggern – doch für ihn ist es sein Leben. Auch sein bester Freund, der in Wittstock lebt, ist so Jugger-verrückt wie er. Mit ihm hatte er seinerzeit das Jugger-Team in Husum aufgebaut. Auch ohne Verein ist jedes Jugger-Team in Deutschland turnierberechtigt. Im vergangenen Jahr spielten die Lüneburger zwei Turniere, dieses Jahr sollen es drei sein. Ende August steht die Hamburger Meisterschaft an, wo 24 Mannschaften gegeneinander antreten. Jugger verzeichnet bundesweit wachsende Spielerzahlen, im Norden ist der Sport schon mehr vertreten als im Süden der Republik. Auch Lüneburg richtete schon
Ju-gger-Turniere aus, doch die Struktur des Teams gibt das momentan nicht her. „Einige streben mehr an, aber es gibt auch Mannschaften, die zu ehrgeizig sind“, meint Füntmann. (JVE)

  • Infos: Sebastian Füntmann, Tel. 01 77 – 3 33 02 69,
  • E-Mail jugger.lueneburg@yahoo.com

Runde Sachen

editorial

… rollen alsbald wieder ins Eckige: Die Fußball-WM steht bevor, am 17. Juni um 17 Uhr ist Anstoß für das DFB-Team gegen Mexico in Moskau. Ganz schön exotisch… und noch so weit entfernt, nicht nur geo-grafisch. Den Eindruck hatten wir jedenfalls vor wenigen Tagen, als wir mit unserem Stammtisch in der Lüneburger City die Leute nach ihrem Fußballfieber befragten. Noch war alles verhalten… aber das wird noch. Und die Regale mit allen möglichen Devotionalien in schwarz-rot-gold sind voll. Die Stimmung wird steigen, da sind wir sicher: Spätes-tens beim Gemeinschaftserlebnis Public Viewing – im großen Stil auf dem Lüneburger Marktplatz angeboten – wird es eine runde Sache. Und damit das 46. Lüneburger Stadtfest insgesamt eine runde Sache wird, lädt die Lüneburg Marketing bereits am Donnerstag, 14. Juni zu einer Pre-Opening mit einer „Offenen Bühne“ ein, auf der sich Nachwuchstalente musikalisch darstellen können. Das gesamte Stadtfestprogramm liegt wie seid vielen Jahren hand- und hosentaschengerecht 14-tausendfach als „Stadtfest-Guide“ dieser Ausgabe bei, weitere Exemplare für unsere Gäste gibt’s natürlich während der „Festtage“ an den Ständen und in anliegenden Geschäften. Service aus dem Hause stadtlichter. Apropos Service: Auf unseren fünf Seiten zum Thema Freizeitspaß haben wir eine große Auswahl wirklich interessanter, spannender, kurzweiliger Ausflugsziele direkt vor der Tür und im weiteren Umfeld zusammengestellt für diejenigen, die einige ihrer Ferienwochen zu Hause verbringen werden oder hier als Urlauber zu Gast sind. Ein Ziel mussten wir leider kurzfristig herausnehmen, ein technischer Defekt in einer Werkstatt des Museums Lüneburg hat einen Brandschaden verursacht und den Betrieb vorübergehend lahmgelegt. Handel im Wandel – Wandel im Handel. Zumindest in einem Bereich gibt’s eine bemerkenswerte Entwicklung, nämlich keine: Experten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) haben eine erfreuliche Tendenz im Einzelhandel mit Lebensmitteln, Kosmetika und Tierfutter ausgemacht, so war es kürzlich in den Wirtschaftszeilen der überregionalen Medien zu lesen. Der sorgenvoll beäugte Versuch von Amazon & Co., dem Supermarkt online Konkurrenz zu bieten, startete im Mai 2017 und blieb nach neuesten Zahlen weit hinter den Erwartungen zurück, verharrt in der Kategorie „Unbedeutend“. Online Fisch & Kartoffeln zu ordern, trifft wohl nur kleine Zielgruppen. Einkaufen ist einfach ein sinnliches Erlebnis. Finden wir. In diesem Sinne wünschen wir Euch einen ereignisreichen, fröhlichen und sommerlichen Juni – und arbeitet aktiv gegen den „Handy-Nacken“: Geht aufrecht, blickt in die Schaufenster und kauft ein.

Eure stadtlichter

TBC, Gelbfieber, Krätze…

Sind die alten Seuchen zurück?

In den vergangenen Monaten hatten Ärzte in ganz Deutschland, auch in Lüneburg, alle Hände voll zu tun. Nicht nur die Grippe, auch andere wesentlich gefährlichere Erkrankungen sorgten für überfüllte Wartezimmer. Vor wenigen Wochen, am 24. März, war wieder Welttuberkulosetag. Der Tag, an dem Robert Koch 1882 den bahnbrechenden Vortrag über die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers, Mycobacterium tuberculosis, gehalten hat. Doch auch 136 Jahre (!) später gehört Tuberkulose mit fast 1,7 Millionen Todesfällen pro Jahr immer noch zu den zehn häufigsten Todesursachen weltweit. Geschätzt 10,4 Millionen Menschen erkrankten 2016, darunter fast eine halbe Million an multiresistenter Tuberkulose, bei der die beiden wichtigsten Tuberkulose-Medikamente nicht mehr wirken.

Ein Viertel der Weltbevölkerung soll mit dem Bakterium infiziert sein und stellt ein Reservoir für spätere Erkrankungen dar. Warum ist Tuberkulose noch immer nicht besiegt, obwohl wir das Bakteriengenom entschlüsselt haben? Zum einen, weil noch lange nicht alle Menschen in vollem Umfang von diesen Errungenschaften profitieren. Zum anderen, weil die bislang erreichten Fortschritte bei weitem nicht ausreichen und die Forschung die Tuberkulose über Jahrzehnte sträflich vernachlässigt hat, sagen Experten: So steht kein hochwirksamer Impfstoff zur Verfügung, dauert die antibiotische Behandlung mindestens ein halbes Jahr statt weniger Tage und sind die Behandlungsoptionen bei komplex resis-tenten Tuberkulosen unbefriedigend. Was nur wenige wissen: Auch in Niedersachsen tritt die Krankheit wieder vermehrt auf. Vor allem in größeren Städten, doch nicht nur hier: Der Landkreis Lüneburg ist nicht verschont worden.

Von 2001 bis 2010 konnte in Niedersachsen noch ein kontinuierlicher Rückgang der TBC-Meldungen verzeichnet werden, sagt Holger Scharlach vom niedersächsischen Gesundheitsamt. Seit 2013 steigen die Zahlen landesweit wieder. Scharlach sieht einen Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise, da diese oft aus Ländern, in denen Tuberkulose viel häufiger verbreitet ist als hier, kommen. Bei den medizinischen Eingangsuntersuchungen wird deshalb besonders auf die Tuberkulose geachtet. Doch nicht nur TBC beunruhigt die Experten: Auf dem Vormarsch ist bundesweit auch die Krätze, bei Medizinern auch unter dem Namen Skabies bekannt. In den vergangenen Jahren fanden sich vermehrt Patienten mit der von Krätzmilben ausgelösten Erkrankung in deutschen Arztpraxen ein. Tendenz weiter steigend. Gravierender ist die steigende Zahl von am sogenannten Hantavirus Erkrankten. Als Überträger der Hantavirus-Infektion sind Rötelmäuse identifiziert worden, die das Virus mit Kot verbreiten. Werden die Ausscheidungen der infizierten Nager beispielsweise bei Reinigungsarbeiten (Fegen des Schuppens) aufgewirbelt und eingeatmet, sind grippeähnliche Symptome mit Fieber, Kopf- und Abdominalschmerzen bis hin zu Nierenfunk-tionsstörungen und akutem Nierenversagen die Folge. Im vergangenen Jahr gab es bereits eine Masern-Welle, und auch aktuell ist die Gefahr noch nicht vorbei. Das Virus wurde offenbar aus Südosteuropa eingeschleppt und breitet sich auch unter nicht geimpften Einheimischen aus. Gerade Risikogruppen verweigern aber zunehmend eine Schutzimpfung, verweisen, wenn man sie nach Gründen fragt, auf angeblich fehlende Wirksamkeit. Susanne Glasmacher vom Robert Koch-Institut (RKI) kann das nicht verstehen: „Selbst ein mäßiger Impfschutz ist immer noch besser als gar keiner. Wenn es draußen in Strömen regnet, hilft ein löchriger Schirm auch mehr als gar keinen dabei zu haben.“

Unbedingt gegen Gelbfieber sollten sich Südamerika-Reisende impfen lassen, rät das Auswärtige Amt. Im Februar und März wurden über die Auslandsvertretungen in Rio de Janeiro und London zwei Deutsche gemeldet, die sich auf der dem Bundesstaat Rio de Janeiro vorgelagerten, touristisch-hoch-frequentierten Insel Ilha Grande mit Gelbfieber infiziert hatten. Ein Patient wurde noch in Brasilien behandelt und überlebte den schweren Verlauf der Erkrankung ohne Folgen. Der zweite Patient verstarb, nachdem er noch im Transit auf dem Flughafen London so schwer erkrankte, dass er vor Ort in London intensivmedizinisch behandelt werden musste. Eine weitere erkrankte Deutsche erholte sich zum Glück aber wieder vollständig. Nach 1999 waren dies die ersten deutschen Staatsbürger, von denen bekannt ist, dass sie an Gelbfieber erkrankten. Gelbfieber zählt wie zum Beispiel. Ebola, die Tollwut oder auch die Pest, die gerade im Osten Afrikas ein bedrückendes „Comeback“ feiert, zu den Zoonosen, den Krankheiten also, deren Erreger Tiere wie Menschen gleichermaßen befallen. Auch das hochgefährliche Dengue-Virus, das jährlich rund 400 Millionen Menschen infiziert, gehört dazu. Vermeintlich durch den Klimawandel erobern tropische und subtropische Stechmückenarten immer neue Räume und bringen diese Krankheit auch zu uns. „Inzwischen gibt es erste Ausbrüche im Süden der Vereinigten Staaten, und ähnliche Entwicklungen können wir auch für Europa erwarten“, sagt Koert Ritmeijer, Leiter der Amsterdamer Forschungsabteilung „Vernachlässigte Tropenkrankheiten“ bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Was also tun: Kopf in den Sand und unter anderem das Reisen einstellen? Beim Gesundheitsamt Lüneburg hält man nichts von Panikmache: Der Infektionsschutz arbeitet gut, auch wenn erhöhte Vorsicht nicht schaden kann, heißt es. Was man selbst tun kann, ist Impfungen nicht zu vernachlässigen und von Infektionskrankheiten besonders betroffene Länder zu meiden. Mehr Infos zum Thema dazu erhält man beim Robert-Koch-Institut oder auch dem Auswärtigen Amt in Berlin. (RT)

Im Auftrag für die Muttersprache

Die Lüneburgerin Maiko Wall arbeitet als Japanisch-Dolmetscherin

Maiko Wall ist in der deutschen Sprache genauso zu Hause wie in der japanischen. Die 35-Jährige arbeitet als Dolmetscherin für japanische Medien. Aufgewachsen ist Maiko Wall in der Nähe von Kassel. Ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter Japanerin, die seit den siebziger Jahren in Deutschland lebt. Während die Mutter immer konsequent japanisch mit ihren Kindern sprach, machten sich Maiko und ihre zwei älteren Brüder einen Spaß daraus, eine Mischung aus Japanisch mit deutschen Endungen zu sprechen. Anwenden konnten die Geschwister ihr Japanisch vor allem bei der Verwandtschaft. „Wir waren früher jedes Jahr in den Sommerferien bei den Großeltern in Japan“, berichtet die 35-Jährige. „Meine Mutter kann ja Deutsch, aber in Japan waren wir gezwungen, Japanisch zu sprechen.“ Zu Schulzeiten spielte es für Maiko Wall keine besondere Rolle, zweisprachig aufzuwachsen. Doch nach dem Abitur entwickelte sie den Ehrgeiz, ihre Muttersprache zu vertiefen. „Meine Mutter hat uns nie gezwungen, Japanisch zu schreiben. Ich hatte aber Interesse daran“, erzählt sie. „Ich war die Einzige aus der Familie, die das bewusst erkunden wollte.“ Deshalb ging sie für ein Jahr nach Tokio, um einen Intensiv-Sprachkurs zu machen. Die japanische Schriftsprache ist eine Kombination aus Lautschrift und Symbolschrift, die aus dem Chinesischen übernommen wurde. Schwierig sind die feinen Unterschiede in der Betonung und Aussprache. „Es hilft zwar, wenn man es schon sprechen kann. Aber es war auch für mich hauptsächlich mit Pauken verbunden“, erinnert sich Maiko Wall. 2002 kam die Halbjapanerin zum Studium der Angewandten Kulturwissenschaften nach Lüneburg. Ein konkretes Berufsziel hatte die junge Studentin anfangs nicht, doch ihr Schwerpunkt Medien erwies sich später für sie als nützlich. Im Studium hatte sie Angst, ihre Japanisch-Kenntnisse wieder zu verlieren. Über die Universität organisierte sie sich deshalb einen sechsmonatigen Studienaufenthalt in Naruto, der japanischen Partnerstadt Lüneburgs. Danach hängte sie ein sechsmonatiges Praktikum in der deutschen Botschaft in Tokio an.

Kontakte
durch Mundpropaganda

Um auch von Lüneburg aus den Draht zum Japanischen nicht zu verlieren, besuchte Maiko als Gasthörerin Japanologie-Veranstaltungen der Universität Hamburg. Hier knüpfte sie viele Kontakte zu anderen Japanern und gewann neue Freunde dazu. Schnell war sie Teil eines Netzwerks, das im Medienbereich tätig war. Hieraus entstand später die Firma Dokuwa Communications, eine deutsch-japanische Filmproduktionsfirma, für die sie heute freiberuflich dolmetscht. Der Grundstein für Maiko Walls beruflichen Einstieg wurde während der Fußball-WM 2006 in Deutschland gelegt, als die Beteiligten von Dokuwa Communications noch Studenten waren. „Von allen japanischen Sendern waren Vertreter da, mit denen wir während der WM viel unterwegs waren“, erzählt Maiko, „darüber haben wir immer wieder neue Leute kennen gelernt. Durch Mundpropaganda hat sich viel daraus ergeben.“ Inzwischen ist Maiko Wall, die für die japanische Seite gerne auch den Mädchennamen ihrer Mutter, Nishikawa, verwendet, als freiberufliche Dolmetscherin gut im Geschäft. „Mein Job ist wirklich ein großes Glück, vielseitig und immer interessant“, meint sie. Aufträge von japanischen Fernsehsendern gibt es reichlich, zum Beispiel für Reisesendungen. Maiko Wall bereitet dafür alles vor Ort vor, bucht Unterkünfte, organisiert Interviewpartner und begleitet zum Dolmetschen die Filmdrehs. Aktuell arbeitet sie an einer Dokumentation für das öffentlich-rechtliche japanische Fernsehen über das „Napalm-Mädchen“ Phan Thi Kim Phúc, das während des Vietnamkrieges Opfer eines Napalm-Angriffs wurde. Da kurz danach ein Team vom stern das Mädchen besuchte, übernimmt Maiko in Deutschland das Interview mit dem damaligen stern-Redakteur sowie die Archivrecherche. „Es ist ein zufälliges Nebenprodukt, dass das Thema mit Deutschland zu tun hat“, erklärt sie.

Deutschland ähnelt Japan

Themen aus Deutschland, die für das japanische Fernsehen interessant sind, gibt es immer wieder. Dazu erklärt sie: „In vielen Aspekten sind Deutschland und Japan sehr vergleichbar. Beide sind Kriegsverliererländer. In Japan steht gerade eine Verfassungsänderung an, die dem Militär die Teilnahme an Auslandseinsätzen erlauben soll, was dem Kriegsverliererland bisher nicht erlaubt ist. Da diese Entscheidung in Deutschland auch vor langer Zeit gefallen ist, schauen die Japaner nach Deutschland.“ Auch in anderen Bereichen ähnele Deutschland Japan, zum Beispiel in Hinblick auf die wirtschaftliche Position oder die Überalterung der Gesellschaft. „Deshalb kommt es immer wieder vor, dass die Japaner nach Deutschland gucken“, sagt die Dolmetscherin. Neben der Arbeit für Dokuwa Communications dolmetscht Maiko Wall bei Bildungsreisen für japanische Erzieher in Deutschland. Auch in diesem Berufszweig interessieren sich die Japaner für die Abläufe in Deutschland. „In Deutschland steht freies Spiel mehr im Vordergrund als in Japan, dafür holen sie sich Anregungen.“ Sie selbst sei eher typisch deutsch aufgewachsen, erklärt sie. Ihre Mutter habe sie im Gegensatz zu anderen sogar früh dazu ermutigt, schnell selbstständig zu werden und hinaus in die Welt zu gehen. Streng war die Mutter bei ihrer einzigen Tochter hingegen im Umgang mit Jungs. „Das war für sie so weit weg von dem, was sie kannte“, meint die 35-Jährige.

Trotz vieler Gemeinsamkeiten zwischen Deutschen und Japanern entdeckt Maiko immer wieder feine Unterschiede: „Mit japanischen Freunden gibt es nicht so eine Streit- oder Diskussionskultur. Streit wird nicht ausgetragen, sondern es heißt nur: Die Dinge sind halt einfach so. Vieles bleibt einfach so stehen.“ Umgekehrt habe Japan eine sehr fröhliche Kultur, von der sich Deutschland eine Scheibe abschneiden könne. „Es nervt mich in Deutschland manchmal, dass jede Kleinigkeit auf Teufel komm raus kritisiert werden muss“, meint sie. Sie fühlt sich in beiden Ländern zu Hause, hält Kontakt zur verbliebenen Verwandtschaft in Japan.

In Cannes
auf dem Roten Teppich

Ein einschneidendes Erlebnis machte Maiko Wall im Jahr 2016. Eine Filmproduktionsfirma suchte einen Dolmetscher für die Filmfestspiele in Cannes. Die erfolgreiche japanische Regisseurin Naomi Kawase hatte den Vorsitz der Jury für die Kurzfilme und suchte jemanden, der vor Ort vom Japanischen ins Englische übersetzen kann. Maiko machte sich in Windeseile schlau über die Regisseurin, denn zur Auswahl gab es ein Interview über Skype. „Scheinbar hat denen das gefallen. Zwei Tage später saß ich im Flieger nach Nizza“, erinnert sie sich. Eine Woche konnte die Dolmetscherin in Cannes die Luft der Stars und Sternchen schnuppern, war bei offiziellen Terminen die Übersetzerin für Naomi Kawase. „Das habe ich mir nicht erträumt, dass ich mal mit so vielen Prominenten im Fahrstuhl stehen würde“, sagt sie schmunzelnd. „Ich hatte das Gefühl, ich bin die Einzige, die nicht in der Gala vorkommt.“ Noch im selben Jahr wurde Maiko als Dolmetscherin per Skype dem Flaherty Filmseminar in den USA zugeschaltet, wo die Regisseurin Naomi Kawase ihre Dokumentarfilme zeigte. Hier stieß Maiko auf deren Film „Genpin“, der sie nicht wieder losließ. Die junge Lüneburgerin war zu dieser Zeit schwanger mit ihrer heute 15 Monate alten Tochter Momoko und war vielleicht deshalb so interessiert an dem Thema. „Genpin“, der in Deutschland noch nie im Kino oder Fernsehen lief und auch nicht auf DVD erhältlich ist, dreht sich um den Frauenarzt Dr. Tadashi Yoshimura und seine Klinik für natürliche Geburten mit angeschlossenem Geburtshaus in der japanischen Stadt Okazaki. In dem traditionell eingerichteten Geburtshaus können sich die Frauen schon während der Schwangerschaft regelmäßig treffen, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Sie hacken Holz, bereiten Essen über dem Feuer zu und wischen die alten Wandpaneele – und empfinden so den Alltag im Japan der Edo-Periode nach. Die Regisseurin Naomi Kawase folgt in dem Film einigen der Frauen vor, während und nach der Geburt ihrer Kinder und zeigt Momente des puren Glücks, aber auch der tiefen Trauer. Sie geht dabei auf einfühlsame Weise auf die Konflikte ein, die zwischen Yoshimura, den Geburtshelferinnen und den werdenden Müttern entstehen bei dem Versuch, neuem Leben auf respektvolle Art in die Welt zu helfen.

Japanischer Film im Scala-Kino

Maiko Wall ist bis heute tief beeindruckt von dem Film. Sie ist nicht nur aus filmischer Sicht begeistert von der sensiblen Herangehensweise der Regisseurin. „Genpin“ führte ihr vor Augen, dass man sich als Schwangere unter normalen Umständen ein schönes Umfeld schaffen muss, um sich auf die Geburt vorzubereiten. Die Sichtweise des Films beeinflusste die Dolmetscherin unter anderem auch in Hinblick auf die Geburt ihrer eigenen Tochter, sie entschied sich für eine Hausgeburt. „Man sollte den Bezug nicht verlieren, dass eine Geburt etwas Natürliches ist“, meint sie. Passend zum Welthebammentag am 5. Mai will die junge Mutter den ungewöhnlichen Film nun auch dem deutschen Publikum nahe bringen. Sie organisierte neben Filmvorführungen in Hamburg (4. Mai) und Kassel (6. Mai) auch eine Vorführung am Samstag, 5. Mai, 16:45 Uhr im Scala-Kino. Der Film in Spielfilmlänge wird auf Japanisch mit englischen Untertiteln gezeigt. Maiko Wall weiß, dass es asiatische Film in Deutschland nicht leicht haben. Doch sie möchte, dass der Regisseurin Naomi Kawase, die in Europa vor allem in Frankreich anerkannt ist, mehr Beachtung geschenkt wird. Inzwischen verbindet sie mit der Japanerin mehr als nur eine Geschäftsbeziehung. (JVE)

Tatort (e)

editorial

Endlich fand denn mal wieder ein „unechter Tatort“ in Lüneburg statt, nach Schießereien, erfolgreichen Nachermittlungen im Fall Birgit Meier, Göhrdemord-Nachspiel, explodiertem Restaurant, Millionenbetrügereien war es eine Wohltat für die strapazierte Lüneburger Seele, dass es sich Ende April tatsächlich um eine Krimiinszenierung drehte, in der Wotan Wilke Möhring als Ermittler Thorsten Falke und Franziska Weisz als Kommissarin Julia Grosz die Hauptfiguren waren. So manches Klischee hätte nicht unbedingt bemüht werden müssen, dennoch war man in diesem Fall als Lüneburger auf der sicheren Seite, den Spuk bei Bedarf mit der „Aus“-Taste des heimischen Fernsehers tatsächlich beenden zu können. Ums Beenden sollte es auch bei der Kreistagssitzung am 23. April gehen (deren Ende leider nach unserem Druckbeginn lag). Und zwar ums Beenden der Hängepartie um den oder die Betreiber der Arena Lüneburger Land – insbesondere für den Sport ein unerquickliches Thema. Ob die Lösung dann in einer kreiseigenen Betreibergesellschaft oder auf die schon mit den Hufen scharrende heimische Campus Management fällt oder ob man sich der Prozedur einer europaweiten Ausschreibung stellen muss, wird sich zeigen. Jedenfalls hat die Stadtverwaltung schon mal Optimismus verbreitet und den bisher gültigen Straßennamen „Am Schlachthof“ entschärft, damit sportliche Gegner sich zukünftig überhaupt hierhin trauen: Lüner Heide heißt die Straße nun… es wäre zu schön gewesen, den einen oder anderen Gegner genüsslich zum Wettkampf auf dem Schlachthofgelände einzuladen.

Apropos genüsslich: Der Verkaufsoffene Sonntag am 6. Mai in Lüneburg steht unter dem Motto „Lüneburg ganz kulinarisch“ und wird neben tollen Angeboten der heimischen Gastroszene seinen Höhepunkt darin finden, an mehr als 20 Foodtrucks, die am Ochsenmarkt vor dem Landgericht stehen werden, allerlei Köstlichkeiten zu genießen.

Ganze fünf Tage lang feiern die Winsener und ihre Gäste vom 9. bis 13. Mai ihr 41. Stadtfest. Auch hier wandern Leckereien über die Foodtruck-Theken, und sich ordentlich zu stärken ist besonders wichtig für die Teilnehmer am 1. Winsener „Strongman-Cup“. Lüneburg muss noch ein bisschen ausharren, das große Lüneburger Event – mit Public Viewing zur Fußball-WM – steht ja erst vom 14. bis 17. Juni an.

Und frisch wird’s: Die Freibadsaison in der Region wird aktuell eröffnet, alles Wissenswerte über die zehn wichtigsten Bäder in der Umgebung findet Ihr auf den Seiten 19 bis 21. Wer es lieber romantisch mag, der sollte sich unbedingt den 5. oder 12. Mai in den Kalender schreiben: Bad Bevensen lädt ein zu den Romantischen Kurparknächten. Schöne Idee, sollte man sich nicht entgehen lassen.

In diesem Sinne wünschen wir allen einen wunderschönen Start in den Mai – der Auftakt mit einem tollen Vier-Tage-Weekend war ja schon mal nicht schlecht.…

Eure stadtlichter

Krämer/in ?

editorial

Kennen Sie Marlies Krämer? Nein? Die 80-jährige Saarländerin wird sicher noch mehr Geschichte schreiben., auch wenn sie gerade am BGH mit ihrer Forderung nach Umstellung der Sparkassenformulare auf die Nennung beider Geschlechter in der Signatur – also Kunde/Kundin (oder muss aus Höflichkeit die Dame zuerst?) gescheitert ist. Ob sie dann mit Marlies Krämer oder lieber doch mit Marlies Krämerin unterschreiben würde… ist nicht überliefert. Aber im Ernst, angeschoben hat sie damit sicherlich ein Umdenken, das vielleicht ja sogar mit einigen zusätzlichen Seiten im Duden enden wird, mit Seiten, die neutrale geschlechtslose Bezeichnungen für jeden Menschen in jedem Zusammenhang auflisten, denn es gibt ja – wie wir wissen – nicht nur männlich oder weiblich. So freuen wir uns nun darauf, was aus Gesetzen, Funktionen oder aus Hymnentexten wird, ganz zu schweigen eben aus Vaterland, Mutterboden, Mutterwitz oder dem Leitspruch der französischen Revolution. Was, bitte, wird aus Fraternité? Gut dass die Franzosen jetzt den Euro haben, auf diesen Münzen steht das Unwort ja wohl nicht drauf. Oder doch? Meinungen zu diesem Thema haben wir diesmal auch (ernsthaft) an unserem Stammtisch erfragt (Seite 16).

Apropos Ernst: Den Ernstfall oder Daten-Super-Gau hat uns aktuell das Umfeld von Herrn Zuckerberg beschert und uns nun gezeigt, wie man aus einer Reihe geklauter Datensätze von Facebooknutzern und deren Facebookfreunden und deren Facebookfreunden, deren Freunden und deren Freunden und deren Freunden 50 Millionen Datensätze machen kann, die der Welt wahrscheinlich diesen Trump beschert haben. Auch dafür wird Zuckerberg sich eines Tages vielleicht noch entschuldigen müssen. Sportlich, aber im positiven Sinne, geht es aktuell und hochklassig in der Region vorwärts, der Adendorfer EC zog bei den Play-Offs ins Finale und beendete mit seinem neuen Coach Falko Kucharek die Saison erstmals als Vizemeister. Hoch hinaus zieht auch die SV Gellersen, sie hat es auch bis in die Play-Off-Runde geschafft, leider stand bis zu Druckbeginn dieses Magazins noch nicht fest, wer der Gegner in dieser Runde ist … wir drücken auch hier alle Daumen.

Weiteres: Die Regionalligisten auf den Rollen lösen die Kufencracks ab, die Keiler-Rotte, also die Inline-Hockeytruppe des VfL, geht in der Sporthalle im Lünepark an den Start und bietet gleich fünf hochklassige Heimspiele in dieser Saison… Wer es sportlich und festlich haben möchte, der gibt sich dieEhre und ist zu Gast beim 1. Lüneburger Theaterball – am 13. April im Theater, mit den Symphonikern und nite club, leckerem Essen und theatralischen Überraschungen. Und wer es „rummelig“ mag, freut sich auf den Frühjahrsmarkt vom 27. April bis 1. Mai auf den Sülz-wiesen, fulminant eröffnet mit einem Super-Feuerwerk am Freitagabend. Darauf lasst uns Brüderschaft trinken. Oder doch lieber Schwesternschaft? In diesem Sinne Prost.

Eure stadtlichter

Der blanke Horror

Sexting-Völlig normal oder absolutes NO-GO ?

Es ist der Telefonsex der Generation Smartphone: Sexting ist vor allem (aber nicht nur) bei Jugendlichen beliebt. Und viele sind sich der Gefahren erst bewusst, wenn es zu spät ist. Die Pose verführerisch, der Blick sexy, und das alles mehr oder weniger hüllenlos. Klick, klick, fertig ist das Nackt-Selfie. Egal ob vorm Spiegel, im Bett oder in der Badewanne – viele haben schon mal blankgezogen, sich im Adam-und-Eva-Kostüm fotografiert und das dann an den Partner geschickt. Nach Studien fast ein Drittel aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 25 Jahren. Die FKK-Nachricht – warum ist das eigentlich nach wie vor im Trend, trotz Horrorgeschichten über Mobbing in Schule und am Arbeitsplatz und trotz immer mehr Hackern, die nicht nur Stars, sondern auch Normalbürger mit freizügigem Material zu erpressen versuchen?

„Sexting“ setzt sich aus den Worten „Sex“ und „Texting“ zusammen und beschreibt das Versenden erotischer Fotos oder Videos von sich selbst. Kein neues Phänomen. Bereits vor Jahren warnte die Polizei: Der Austausch von intimen Selbstaufnahmen via Smartphone und Internet ist nicht ohne Risiko. Denn was per WhatsApp verschickt oder auf Facebook gepostet wird, kann nur mit großem Aufwand wieder gelöscht werden. Und das, was ursprünglich nur für den Kollegen oder den Liebsten gedacht war, sieht morgen womöglich das ganze Büro oder die ganze Schule. Schnell brechen dann Freundschaften auseinander und der ehemalige Freund oder die Freundin wird zum Feind. Ein furchtbarer Kreislauf inklusive Cybermobbing oder Cybergrooming sowie dem Erpressen weiterer Aufnahmen (sog. Sextortion) kann in Gange kommen. Sexting entsteht meist aus Neugier oder sozialem Druck, sagt der Hamburger Jugendforscher Rainer Wiesner: Viele Jugendliche setzen sich mit ihrer Sexualität auseinander – dazu gehört die Frage, ob man für andere interessant und begehrenswert ist. Was dabei begehrenswert ist, definieren sie für sich und orientieren sich dabei oft auch an Vorbildern. Diese finden sie im persönlichen Umfeld, aber auch in den Medien, etwa bei freizügigen Pop- und Film-Stars sowie durch pornografisches Material im Internet.

Ein anderer Beweggrund für Sexting sind Mutproben und Gruppenzwang. Während Jugendliche früher das Auto des Lehrers in Klopapier gewickelt haben, schießen sie heute Nacktfotos von sich. „Jungen fotografieren beispielsweise ihr Geschlechtsteil und üben Druck auf andere aus, das Gleiche zu tun“, meint Sabine Mosler, Jugendschutzreferentin der Niedersächsischen Landesmedienanstalt. Grundsätzlich kommt „Sexting“ unter Erwachsenen viel häufiger vor als unter Jugendlichen – und dagegen ist grundsätzlich auch nichts zu sagen, sagen Wissenschaftler. Studien haben bewiesen, dass Menschen in festen „befriedigenden“ Beziehungen sich sogar öfter „sexuell anzügliche“ Nachrichten schicken als andere. Wer das gerne möchte und reizvoll findet, soll das auch gerne weiter tun, sagt Experte Rainer Wiesner. „Es geht ja nicht darum, „Dirty Talks“ in die Schmuddelecke zu stellen oder den Menschen ihre sexuellen Fantasien zu nehmen, man sollte aber dennoch die Gefahren, auch die rechtlichen, berücksichtigen (was viele nicht wissen: Generell ist der Austausch von pornografischen Bildern für Minderjährige auch im Einvernehmen verboten) – und die eigenen Kinder auf diese Risiken hinweisen, ohne Sexting gleich zu verbieten.“

Nicht alles preisgeben

Tipps, damit das Blankziehen nicht irgendwann zum blanken Horror wird

Wenn schon „Sexting“, dann sollte man darauf achten, nicht das Gesicht zu zeigen. Auch Tattoos, markante Muttermale oder Piercings, die einen individuell machen, sollten nicht zu sehen sein. Auch sollten Fotos nie „alles“ zeigen, Fotos sind dafür da, die Fantasie des jeweiligen Partners anzuregen, das Kopfkino anzuschmeißen. Vor dem Abschicken: Adresse besser dreimal checken! Denn nichts ist peinlicher, als wenn die sexy Pics plötzlich bei den eigenen Eltern oder dem Ex landen. Man sollte sich auch nicht auf Sicherheitsfunktionen von Apps verlassen. Zum Beispiel darauf, dass Tinder die Fotos automatisch nach 24 Stunden löscht. In der Zeit kann sich das Foto bereits viral verbreiten. Auch bei Snapchat ist das Bild nicht gezwungenermaßen nach 30 Sekunden verschwunden. (RT)

Die Weltenbummlerin

Carmela Röhr war als Granny AU-PAIR in China, Südafrika und den USA

Carmela Röhr wollte andere Länder und ihre Kulturen kennenlernen. Die Handorferin war als Granny Au-pair mehrmals im Ausland. Nebenbei gewann sie eine neue Familie dazu. Carmela Röhr kennt keine Scheu, auf andere zuzugehen. Und sie lernt gern Neues kennen. Seit 35 Jahren lebt die gebürtige Schweizerin mit ihrem Mann in Handorf. Die gemeinsame Leidenschaft des Paares war schon immer das Reisen – erst zu zweit, später mit ihrem Sohn, der heute 29 ist. „Wir haben fast die ganze Welt gesehen“, erzählt die 64-Jährige. Die Versicherungskauffrau arbeitete, bis sie 57 war, doch die Beine legte sie noch lange nicht hoch. Vor ein paar Jahren las Carmela Röhr in der Zeitung von der Möglichkeit, als Granny Au-pair, eine Art Leihoma, ins Ausland zu gehen. „Wir sind zwar viel gereist, aber in zwei bis vier Wochen lernt man die Leute in einem Land nicht richtig kennen“, meint sie. Sie registrierte sich im Portal der Hamburger Agentur Granny Aupair. Die erste Anfrage kam ausgerechnet aus ihrem Heimatland, der Schweiz. Sie lehnte ab. „Ich wollte doch weit weg“, erklärt sie. Sie träumte von einem Einsatz in Australien, wo sie vor 30 Jahren einmal war. Doch auch Asien hatte es ihr angetan. So klang das Angebot für sie interessant, als eine junge Familie aus der chinesischen Millionenstadt Hangzhou sie kontaktierte. Die Familie, ein deutscher Vater, der studierte, eine voll arbeitende chinesische Mutter und ein neun Monate altes Mädchen, brauchte möglichst schnell eine Betreuung für das Kind. Mit den einheimischen Nannys war das Paar nicht gut ausgekommen. Carmela Röhr nahm das Angebot an und reiste 2014 mit einem Dreimonats-Visum nach Hangzhou.

Begegnungen auf dem Hof

Als Granny Au-pair hat man keinen Arbeitsvertrag, sondern reist als Tourist ein. Mit der Gastfamilie wird ausgemacht, nach welchem Prinzip die Granny bezahlt wird, ob mit wöchentlichem Taschengeld oder einer Übernahme der Reisekosten. In Hang-zhou lebte Carmela Röhr in einer abgeschlossenen Hochhaussiedlung, die, anders als in Deutschland, von gut betuchten Menschen bewohnt war und als absolut sicher galt. Die Sympathien mit dem Vater, der die Granny vom Flughafen abholte, stimmten sofort. Die Betreuung des Babys stellte für die Granny keine Schwierigkeit dar. Gewöhnungsbedürftig waren dagegen zum Teil die chinesischen Erziehungsmethoden. Sie war viel mit dem Mädchen allein. „In China ist es der Regelfall, dass die Eltern so viel weg sind“, erklärt die 64-Jährige. Die Schweizerin merkte schnell, dass sich auf dem Platz zwischen den Hochhäusern das ganze Leben abspielte. „Ich bin jeden Morgen mit dem Kinderwagen in den Hof gegangen. Da saßen dann zig chinesische Nannys mit den Kindern“, erzählt sie. Da diese meist kein Englisch konnten, verständigte sie sich mit Händen und Füßen mit ihnen. „Das war ein Heidenspaß“, meint die Leihoma. Carmela Röhr war weit und breit die einzige Europäerin. Sie staunte, dass der Hof für die Chinesen auch ein Ort zum Turnen, für Tai Chi oder zum Tanzen war. Einmal im Monat kamen ein Frisör, ein Schuster oder ein Schneider in den Hof und versorgte alle mit seinen Dienstleistungen. Weil die chinesischen Nannys in ihrem Alter oder älter waren, suchte sie auch andere Kontakte zu Chinesen. „Im Café bin ich auch mit jüngeren Leuten ins Gespräch gekommen“, erzählt sie. Diese konnten in der Regel Englisch.

Unendliche Gastfreundschaft

Wenn die Granny an den Wochenenden frei hatte, unternahm sie Ausflüge mit der Gastfamilie, fuhr aber auch alleine mit dem Bus in die Umgebung. Eines ihrer bedeutendsten Erlebnisse begann an einer Bushaltestelle, als Carmela Röhr zu einem Teedorf fahren wollte. „Ich bin mit einer Frau ins Gespräch gekommen, die in dem Dorf Tee pflücken wollte. Sie lud mich ein mitzumachen“, erzählt sie. Ohne dass sie lange darüber nachdenken konnte, wurde sie von der Chinesin mitgenommen und in der Teeplantage in das Teepflücken eingeweiht. „Ich wurde von den anderen Chinesinnen ganz herzlich empfangen“, betont sie. „Sie lernen nie Europäer kennen und finden das toll.“ Eine Stunde pflückte Carmela Röhr mit den anderen Tee. „Das ist total schwierig, Ich weiß jetzt, warum der Tee so teuer ist.“ Sie ist dankbar für diese einmalige Gelegenheit und den Einblick in das Leben der Chinesinnen, der sich ihr spontan geboten hatte. Nach dem Teepflücken ging es zum gemeinsamen Teetrinken, Spazierengehen und Essen. „Das war so ein aufregender Tag, das würde man so nie erleben“, sagt Carmela Röhr rückblickend. Zu ihren „Teemädels“, wie sie sie nannte, hielt sie weiter Kontakt. Carmela Röhrs Monate in China waren geprägt von spannenden Begegnungen mit Einheimischen, die ihr immer wieder offen, neugierig, freundlich und hilfsbereit entgegen traten. „Es ist mir oft passiert, dass ich von Leuten angesprochen wurde“, erinnert sie sich. „Das sind so Glücksgefühle, nur Du unter Chinesen.“ Nach drei Monaten musste die Granny ihren Aufenthalt in China beenden, eine Verlängerung war von Behördenseite nicht möglich. Im Juni 2014 kam sie zurück nach Deutschland und wollte hier auch zunächst bleiben. Doch die nächste Anfrage kam schneller als erwartet: Eine Familie aus Südafrika mit drei Kindern suchte händeringend ein Granny Au-pair. „Sie suchten jemanden, der spontan und flexibel ist. Da meinte mein Mann, ich soll das machen“, erzählt sie. Schon im Herbst 2014 flog die Handorferin für drei Monate nach Südafrika, welches sie auch aus dem Urlaub kannte.

Im Luxus in Südafrika

Mit der Familie in Pretoria, einer deutschen Mutter und einem peruanischen Vater und den drei Kindern im Alter von zwei, vier und sechs Jahren verstand sich Carmela Röhr auf Anhieb gut. Die gut situierte Familie lebte luxuriös mit großem Haus, Garten und Pool. Neben ihr als Nanny gab es noch eine Haushälterin und einen Gärtner, sie wurde in einer Gästewohnung untergebracht. Tagsüber war sie mit der zweijährigen Sophia und der Haushälterin im Haus, das sie mit dem Kind nicht verlassen sollte. Wenn die Kleine Mittagsschlaf machte und der Vater zu Hause war, fuhr Carmela Röhr mit dem Rad zur Mall, um einen Kaffee zu trinken und das afrikanische Treiben auf sich wirken zu lassen. An den Wochenenden war sie mit der Familie unterwegs. „Es war einfach total anders als in China, aber beides war absolut reizvoll“, meint sie. Nach drei Monaten musste die Granny nach Deutschland zurück, doch schon bald fragte die Mutter aus Südafrika erneut, ob sie zurückkommen könne. Sie machte ihr den Aufenthalt schmackhaft, indem sie vorschlug, dass ihr Mann für einen Urlaub zunächst mitkommen könne. Ab Februar 2015 reiste die Granny also mit ihrem Mann sechs Wochen in Südafrika herum, bevor sie im März wieder bei der Familie ankamen. Sie blieb bis Ende Juni da. Carmela Röhr versuchte trotz Warnungen vor Überfällen, sich ab und zu unters Volk zu mischen. Sie fuhr mit den Bussen, die sonst die Arbeiter benutzten. „Die Leute waren supernett und hilfsbereit. Sie haben natürlich gemerkt, dass ich keine Südafrikanerin bin“, sagt sie. Andere Warnungen nahm sie ernst: „Ich bin nicht übermäßig vorsichtig und manchmal auch leichtsinnig. Aber man muss die Ratschläge der Einheimischen befolgen.“ So fuhr die Granny auch kürzeste Wege mit dem Taxi, wenn ihr vom Fußweg abgeraten wurde. Sie war nur bei Tageslicht alleine unterwegs, trug keinen auffälligen Schmuck und hatte keine Wertsachen dabei.

Hilferuf aus Amerika

Zwar hatte Carmela Röhr keine Zeit, einen Sprachkurs zu besuchen, doch sie suchte sich einen Schwimmkurs. Durch den dreimal in der Woche frühmorgens stattfindenden Kurs lernte sie eine Gruppe weißer Südafrikanerinnen kennen, die sie schnell in ihrer Mitte aufnahmen. Auch in diesem Land entwickelten sich durch Carmela Röhrs offene Art bei vielen Begegnungen kleine Freundschaften. Als sie im Juni abreiste, dachte sie nicht, dass sie so schnell wiederkommen würde: Schon Anfang November brauchte die Familie wieder dringend ihre Unterstützung, so dass sie für weitere zwei Monate hinflog. In dieser Zeit begleitete sie die Gastmutter für mehrere Wochen nach Botswana. Nach ihrem letzten Aufenthalt in Südafrika wollte Carmela Röhr für keine andere Familie mehr eingesetzt werden, zu eng ist die Bindung nach Südafrika. „Wir sind jetzt eine Familie“, meint sie. Dass die fünfköpfige Familie das genauso sieht, zeigte sich Ende 2016. Die Familie war aus beruflichen Gründen nach Washington gezogen und brauchte Anfang 2017 erneut ihre Hilfe. So flog sie für acht Wochen zu der Familie in die USA und war genau zur Amtseinführung von Donald Trump in Washington – ein unvergessliches Erlebnis. Seit mehr als einem Jahr war Carmela Röhr nicht mehr als Granny im Ausland. Doch vor einem halben Jahr kam von der Agentur Granny Aupair eine Anfrage, ob sie ihrer südafrikanischen Familie für ein paar Wochen aushelfen könne – in Köln. Sie fuhr für sechs Wochen zu der Familie, die für ein Jahr hier bleiben will. Sollte die Familie wieder ins Ausland gehen, schließt die Granny nicht aus, zeitweilig mitzukommen. „Wir hoffen alle, dass die Familie ein tolles Angebot in Asien bekommt“, erklärt sie. Solange die Familie sie nicht braucht, reist Carmela Röhr weiterhin mit ihrem Mann durch die Welt, auf dem Plan stehen Singapur, Australien und Hongkong. Zu Hause bereitet sie sich auf ihren dritten Triathlon vor. „Das ist das, was ich anderen Älteren vermitteln will: Es ist nie zu spät. Du schaffst alles, wenn Du es willst, ob es eine neue Sprache oder Sportart ist. Das Alter ist nur eine Zahl.“ (JVE)